Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Theater in der Josefstadt: Die Schüsse von Sarajevo

April 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer und Julia Stemberger brillieren

als verzweifelt Liebende in Zeiten des Krieges

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten Bild: © Sepp Gallauer

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten
Bild: © Sepp Gallauer

Regisseur Herbert Föttinger lässt seinen Abend mit den Jugoslawienkriegen Ende des 20. Jahrhunderts beginnen. Zerfall, Tod, der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Mitten drin, aus der Zeit gefallen, Erwin Steinhauer als Leo Pfeffer, der einen Feldpostbrief an seine Geliebte Marija Begovic‘, Julia Stemberger, schreibt. Die Donaumonarchie hat sich am Untersuchungsrichter bitter gerächt, weil er nicht die gewünschten Geständnisse brachte. Das Ende ist der Anfang. Die Front.

Föttinger inszeniert (im Gefängnisbühnenbild von Walter Vogelweider, das gleichzeitig Wohnung und Büro ist) nüchtern, kühl, sachlich. Es geht auch nur um eine Sache: der serbischen Regierung die Täterschaft am Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar nachzuweisen. Das kann Pfeffer im juristischen Sinne aber nicht. Atemlos rasch werden ihm die Verdächtigen vorgeführt: Gavrilo Princip (Josef Ellers), Nedeljko Cabrinovic‘ (Alexander Absenger), Danilo Ilic‘ (Matthias Franz Stein), Kaffeehausrevoluzzer, Provokateure, drei „dumme Buben“, die man für die Kriegshetzerei verheizt hat. Ilic‘, der einzige Volljährige, der Lehrer, wird Glück gehabt haben, er wird durch Erhängen am Würgegalgen hingerichtet. Cabrinovic‘ und Princip, die minderjährigen Studenten, lässt man bei 20 Jahren schwerem Kerker bei lebendigem Leib verfaulen. Bei Princip stimmt das tatsächlich: ein abgetrennter, toter Unterarm wird ihm einfach mit Draht am Ellenbogen befestigt.

All das zeigt die Uraufführung „Die Schüsse von Sarajevo“ von Milan Dor und Stephan Lack nach Motiven des Romans „Der letzte Sonntag“ von Milo Dor nicht. Es sollte nur einmal festgehalten werden. Die Autoren zeigen die Überheblichkeit eines Systems, das sein eigenes Sterben noch nicht erkannt hat, Dilettantismus gepaart mit Brutalität. Iwasiuk, Polizeichef von Sarajevo, Toni Slama, lässt gern foltern. Mit ihm wiehern die Amtsschimmel Gerichtspräsident Chmielewski, Heribert Sasse, Franz Graf von Harrach, Adjutant des Thronfolgers, Alexander Strobele, und Außenministeriumsbeamter Wieser, Michael Schönborn. Ein Quartett des Grauens. Wie immer erweist sich die Josefstadt (mit dabei: Eva Mayer als Kellnerin, Peter Scholz als Chauffeur, David Jakob als Gerichtsschreiber) als ausgezeichnetes Ensembletheater. Auf der Seite der Guten eigentlich nur Siegfried Walther als Arzt Dr. Sattler, der als Figur mittelprächtig naiv eine fabelhafte Leistung abliefert.

Steinhauer gibt sich am Anfang noch süffisant, selbstgefällig, aufmüpfig. Meine Herren, so kann Gerechtigkeit doch nicht funktionieren. Gerechtigkeit? Den Verdächtigen gegenüber ist er streng, aber korrekt, verbietet sich blutige Köpfe und zerschlagene Rippen. Er ist ein moderner Profiler, der sich Gedanken notiert und überprüft, die Sätze der Aufwiegler über ein neues Jugoslawien, ihre politischen Ideen, mit Kreide an die Wand schreibt, bevor er sie als Jubeldepesche nach Wien schickt. Doch: Cherchez la femme! Seine Marija und vor allem ihr Sohn Miloš sind so unschuldig vielleicht nicht, heißt: so weit weg von den serbisch-nationalistischen Ideen. Stemberger lässt in grandiosen Szenen die Rebellin durchblitzen, die Österreich-Hasserin, eine geheimnisvolle Frau, motiviert durch die Verhaftung ihres Kindes. Ist sie anfangs noch neckisch-verliebt, überredet Pfeffer zum Liebesspiel, wofür er den Thronfolgerempfang sausen lässt, wird sie zunehmend verbittert und hart.

Das bringt Pfeffer/Steinhauer in Zugzwang. Und zu einer außerordentlichen schauspielerischen Leistung. Die Emotionen brechen durch. Der Pokerspieler sucht die Asse in seinen Ärmeln. In dieser neuen Welt muss man zu seinem eigenen Vorteil handeln. Und Pfeffer glaubt eine Möglichkeit zu finden. Man will ihn erpressen, einen abschließenden Bericht an den Kaiserhof zu unterzeichnen. Da wird er selbst zum Erpresser. Zu der Art Schurke, die er niemals werden wollte. Miloš wird freigelassen – und sofort eingezogen.

Die vorletzten Worte hat Gideon Singer als Rabbi: Es gibt keine ganze Wahrheit außer der des Todes. Die letzten Worte sind ein Brief von Marija: „Lieber Leo, komm‘ gesund aus dem Krieg zurück …“

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=c8uAR101ulA&feature=youtu.behttp://youtu.be/c8uAR101ulA

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-im-gespraech

www.mottingers-meinung.at/herbert-foettinger-im-gespraech

Wien, 4. 4. 2014

Erwin Steinhauer im Gespräch

März 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schüsse von Sarajevo

Bild: © Nancy Horowitz

Bild: © Nancy Horowitz

Am 3. April wird am Theater in der Josefstadt „Die Schüsse von Sarajevo“ uraufgeführt. Milan Dor hat gemeinsam mit Stephan Lack den Roman seines Vaters Milo Dor, „Der letzte Sonntag“, für die Bühne adaptiert. Im Mittelpunkt der Handlung steht der von Erwin Steinhauer dargestellte Untersuchungsrichter Leo Pfeffer, hin- und hergerissen zwischen seiner Wahrheitspflicht als Jurist, jener Wahrheit die die Donaumonarchie bevorzugt, und der Verpflichtung gegenüber seiner serbischen Geliebten, deren Sohn in die Ereignisse verstrickt scheint. Die Kriegshetzer rufen laut, Leo Pfeffer ist ein Leiser – und wird doch zum Erpresser aus Leidenschaft und Verzweiflung… Mit Steinhauer spielen u. a. Julia Stemberger, Toni Slama, Siegfried Walther, Heribert Sasse, Alexander Strobele, Peter Scholz und Gideon Singer. Die Attentäter sind: Josef Ellers als Gavrilo Princip, Alexander Absenger als Nedeljko Cabrinovic und Matthias Franz Stein als Danilo Ilic. Regie führt Herbert Föttinger.

MM: Sie spielen nicht nur an der Josefstadt „Die Schüsse von Sarajevo“, Sie waren auch bei Andreas Prohaskas Sarajevo-Filmprojekt dabei. Sie haben sich mit dem Thema also sehr auseinandergesetzt. Welchen Bezug haben Sie zu Sarajevo?

Erwin Steinhauer: Ich bin von meinem Vater in den 60er-Jahren in Gavrilo Princips in den Asphalt gegossene Fußstapfen auf der Lateinerbrücke gestellt worden. Die gab’s damals noch, die heutige Regierung von Bosnien und Herzegowina hat sie planiert; es gibt auch kein Denkmal, das an Princip erinnert. Mein Vater hat mir die Geschichte erklärt. Das ist mein einer Zugang zur Historie. Der andere ist mein Großvater, der im Ersten Weltkrieg Soldat an der Isonzo-Front war, der hat nur von den Grausamkeiten erzählt, den haben diese Bilder ewig verfolgt. Seine grauslichen Schilderungen sind Teil meiner Kindheit. Ein sehr aktueller Bezug ist: Wir haben Bühnenarbeiter aus den jugoslawischen Folgestaaten, für die ist der Name Princip ein Begriff, die diskutieren gleich lautstark mit, wenn wir Schauspieler uns bei den Proben etwas erarbeiten. So aktuell ist es für diese Menschen! Mein Gemüsehändler ist auch von dort. Ich habe ihm erzählt, woran ich arbeite, und scherzhaft gefragt: Hearst, was habt ihr denn mit unserem Thronfolger aufgeführt? Darauf er: Was habt ihr bei uns auch verloren gehabt? Hab’ ich ihn gleich zur Premiere eingeladen.

MM: Und welche Schlüsse ziehen Sie über die Schüsse?

Steinhauer: Die Frage ist: Welchen Einfluss hatte Belgrad in der Sache? Bestimmte Kreise in Serbien wussten von der Planung dieses Attentats. Aber Ministerpräsident und König wussten sicher nichts! Der ranghöchste Mitwisser war Dragutin Apis, Chef des serbischen Geheimdienstes und der Schwarzen Hand!

MM: Sie spielen nun den Untersuchungsrichter Leo Pfeffer, der die Attentäter Princip, Cabrinovic und Ilic verhört. Wie ist der? Ein Kroate …

Steinhauer: Oder wie Leo Pfeffer zu Marija, seiner serbischen Geliebten sagt: Ich habe das ganze nationalistische Gefasel so satt, in meinen Adern fließt weder slawisches, noch deutsch, noch jüdisches, noch ungarisches Blut, in meinen Adern fließt ausschließlich Blut der Blutgruppe AB positiv. Einer der schönsten Sätze im ganzen Stück! Wir müssen die historische Figur Pfeffer von der Figur Pfeffer im Stück trennen. Es gibt über ihn auch zwei historische „Wahrheiten“. In der einen hat er den Ersten Weltkrieg – er soll ja „freiwillig“ als Soldat an die Front geschickt worden sein, weil er seine Aufgabe im Sinne der Habsburger-Monarchie nicht erfüllt und die „Schuld“ der serbischen Regierung nicht bewiesen hat – überlebt, ist zu Marija und der gemeinsamen Tochter zurückgekehrt, in der anderen ist er gefallen. Man weiß es nicht. Er war offenbar zu „unwichtig“, als dass sich die Geschichte weiter mit ihm gefasst hätte.

MM: Der Kern des Stücks …

Steinhauer: … ist für mich Pfeffers tragische Liebesgeschichte, die ihm in späten Jahren noch passieren darf. Er will mit Marija aus dem Kaff Sarajevo weg, nach Wien durch eine kleine Beförderung. Da kommt ihm das Attentat entgegen. Doch das war alles eine Fehlkalkulation: Marija würde nie ihren alten Vater in Sarajevo allein zurücklassen, und er, Pfeffer, schafft es nicht, die Verhöre so hinzudrehen, wie man es von ihm verlangte. Für ihn ist Serbien im juristischen Sinne unschuldig. Die serbische Frau an seiner Seite macht Pfeffer erpressbar, aber er wendet das Blatt und wird selbst zum Erpresser …

MM: Milan Dor hat gemeinsam mit Stephan Lack das Stück nach dem Roman „Der letzte Sonntag“ seines Vaters Milo Dor gestaltet. Welche künstlerischen Freiheiten habt ihr euch genommen?

Steinhauer: Die Fiktion von Milo wurde zur Fiktion von Milan. Milo Dor erzählt eine komplett andere Geschichte. Die Rolle Leo Pfeffer ist modifiziert worden, damit sie näher bei mir ist. In Wahrheit war der Mitte Vierzig, aber das geht sich für mich nicht aus. In meinem Alter! Ich hätte nicht diesen Karrieredrang nach Wien, ich wäre in Sarajevo geblieben, am Meer, im Cafe an der Strandpromenade, herrlich! Dann fahr’ ich auf eine Insel raus …

MM: Der Sonne entgegen …

Steinhauer: Damit hat meine Jugoslawienliebe natürlich auch viel zu tun. (Er lacht.) Also haben wir diese letzte Liebe des Leo Pfeffers in den Mittelpunkt gerückt. Es hat nur einen dramaturgischen Sinn, wenn es für ihn schlimm ausgeht, wenn er zwischen Job und Liebe zermahlen wird. Reiner Geschichtsunterricht hätte mich nicht interessiert. Oder, wenn ich mich hätte verbiegen müssen, mir die Haare Schwarz färben hätte müssen, das wäre nicht das Richtige für mich gewesen. Nur einen Schnauzbart habe ich mir wachsen lassen. Meine Frau mag ihn zum Glück beim Küssen – und meine Bühnenpartnerin Julia Stemberger auch.

MM: Ist das auch ein Lehrstück darüber, dass das Private immer politisch ist?

Steinhauer: Und das Politische immer privat. Das ganze Leben ist Politik. Die Frage ist nur, wie lebst du diesen Umstand und wie bekennst du dich dazu? Für mich war immer klar, dass, wenn man sich nicht selbst für gewisse Dinge interessiert, man nicht macht, sondern mit einem gemacht wird. Man muss Stellung beziehen, und das habe ich, glaube ich, mein Leben lang getan. Pfeffer verspürt am eigenen Leib, wie Politik in sein Leben eindringt, und versucht, das Beste daraus zu machen. Nach der heutigen Probe bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob Marija nur eine „kleine“ Revolutionärin war. Was weiß sie von den Aktivitäten ihres Sohnes Milos wirklich? Warum will sie ihn unbedingt nach Serbien bringen? Zur Sicherheit, oder ist er tiefer involviert, als es scheint.

MM: Hat Europa aus dem Weltkriegen etwas gelernt?

Steinhauer: Ja! Ich glaube schon. Das zeigt auch die jetzige politische Situation in der Ukraine. Es hat Zeiten gegeben, wo die Russen nicht lange gefackelt und einen Krieg begonnen hätten. Jetzt sind sie zwar auch in ihrem Hinterhof einmarschiert, aber es gibt Telefonate mit der EU und den USA, wo die Diplomatie Erstaunliches leistet. Das sind schon Fortschritte. Ich bin Optimist. Allerdings, wenn ich weiter weg schaue, wenn ich bis nach Syrien schaue, werde ich zum Pessimisten.

MM: Sie machen an der Josefstadt am 28. und 29. Juni „Die letzten Tage der Menschheit“ als Lesung. Auf den Spuren Helmut Qualtingers?

Steinhauer: Auf meinen eigenen Spuren. Ich habe es 1995 schon mit Franz Schuh in den Kammerspielen gemacht. Nun habe ich es erweitert, musikalisch betreut von meinen Kollegen Josef Pinkl, Schurl Graf, und Peter Rosmanith. Außerdem haben wir uns die Theremin-Spielerin Pamelia Kurstin dazugeholt, die für die von Karl Kraus vorgesehenen Sphärenklänge sorgen will. Wir geben dem Ganzen hoffentlich ein neues Gewand. Es ist wichtig am 28. Juni dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Danach spielen wir’s in Linz in der Oper und in Bad Ischl.

MM: Kommt nach „Feier.Abend“ ein neues Programm?

Steinhauer: „Hand aufs Herz“ im Herbst in den Kammerspielen. Das ist die Geschichte einer Band auf einem Kreuzfahrtschiff. Da spielen wir aber keine Coverversionen mehr, sondern Heli Deinböck schreibt für uns die Lieder.

TIPPS:

Das Theater in der Josefstadt gestaltet zu „Die Schüsse von Sarajevo“ eine Reihe ergänzender Veranstaltungen: Unter dem Titel „Bosnien – Geschichten aus der dunklen Welt“ finden am  7. und 8. April auf der Probebühne Lesungen mit bosnischer Literatur quer durchs 20. Jahrhundert statt. Es lesen  Sandra Cervik, Alma Hasun, Herbert Föttinger und Florian Teichtmeister. www.josefstadt.org/Theater/Stuecke/Josefstadt/Probebuehne/Bosnien-GeschichtenausderdunklenWelt.html Von 25. bis 27. April liest Michael Degen ebenda „Mir fällt zu Hitler nichts ein“, Texte von Karl Kraus bis Bert Brecht.  www.josefstadt.org/Theater/Stuecke/Josefstadt/Probebuehne/MirfaelltzuHitlernichtsein.html Und am 28. (dem Tag des Attentats) und 29. Juni folgen auf der Hauptbühne „Die letzten Tage der Menschheit“, Karl Kraus gelesen von Erwin Steinhauer, musikalisch betreut von Pinkl, Graf, Rosmanith und Kurstin. Weitere Vorstellungen dazu: auf Schloß Wartholz am 15. Juni, am 25. Juni im Salzburger Oval, am 26. Juni in Linz. Und als Nachspiel am 1. Juli Lehartheater Bad Ischl!

www.josefstadt.org

www.erwinsteinhauer.at

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-macht-feier-abend

Wien, 14. 3. 2014

Der Brenner kommt wieder ins Kino

März 14, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das ewige Leben“ wird verfilmt

Wolf Haas, Josef Hader, Wolfgang Murnberger Bild: Berlinale

Wolf Haas, Josef Hader, Wolfgang Murnberger
Bild: Berlinale

Im Advent sah man Wolf Haas, Wolfgang Murnberger und Josef Hader schon konspirativ in einer Ecke im Cafe Eiles sitzen. Da war’s klar: Jetzt wird schon wieder was passieren! Dieser Tage startet die vierte ( nach Komm Süsser Tod 2000, Silentium 2004, Der Knochenmann 2009) Verfilmung eines Haas’schen Brenner-Krimis, Das ewige Leben, in der bewährten Murnberger-Regie, mit dem genialen Hauptdarsteller Hader. Leicht kommen diese Dinge ja nicht zustande, denn drei große Geister triften punkto Drehbuch oft Richtung verschiedener Auffassungen. Aber man hat sich zusammengerauft. Wieder einmal. Ein Glück.

Die hochkarätige Besetzung der Dor-Film-Produktion: Josef Hader, Tobias Moretti, Nora von Waldstätten, Christopher Schärf, Roland Düringer, Margarethe Tiesel, Hary Prinz, Johannes Silberschneider, Sasa Barbul, uvm.

Brenner kehrt nach Graz zurück, in die Stadt seiner Jugend. In der Konfrontation mit seinen Jugendfreunden, seiner Jugendliebe und seiner großen Jugendsünde, kommt es zu Morden und einem verhängnisvollen Kopfschuss. Als Brenner aus dem Koma erwacht, macht er sich auf die Suche nach seinem Mörder – obwohl alle behaupten, er sei es selbst gewesen. Am Anfang war Brenner am Ende aber am Ende könnte er vor einem neuen Anfang stehen.

www.hader.at

Der Knochenmann: www.youtube.com/watch?v=oAbTtJGNQ7o

www.dor-film.com

www.filmladen.at

Wien, 14. 3. 2014

Herbert Föttinger im Gespräch

Februar 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Über „KUNST“ und Kulturpolitik

Herbert Föttinger (Serge), Martin Zauner (Yvan), André Pohl (Marc) Bild: © Erich Reismann

Herbert Föttinger (Serge), Martin Zauner (Yvan), André Pohl (Marc)
Bild: © Erich Reismann

Herbert Föttinger probt. Als Schauspieler „KUNST“ in den Kammerspielen, als Regisseur „Die Schüsse von Sarajewo“ an der Josefstadt, als Theaterdirektor den Aufstand. Anlässlich der Finanz- und anderer Krisen am Burgtheater macht er klar, warum sich der Subventionsgeber nicht aus seiner Verantwortung stehlen dürfe. Die Politiker müssten endlich ein Signal zum Erhalt der Kulturnation Österreich setzen. Oder diese offiziell zu Grabe tragen.

„KUNST“ von Yasmina Reza hat am 20. Februar Premiere. Wie vor 18 Jahren spielen Föttinger, Martin Zauner und André Pohl das Männertrio, das sich über dem sündteuren Ankauf eines weißen Bildes zerstreitet. Serge hat sich dieses monochrome Bild gegönnt. Ein heftiger Konflikt entsteht, da Serges Freund Marc diese Ausgabe nicht tolerieren will. Auch Yvan, dem dritten und stets um Neutralität bemühten Freund, gelingt es nicht zwischen den beiden zu vermitteln. Subtil beschreibt Reza, wie durch die „Kunst“ nicht nur die Befindlichkeiten der Männer hinterfragt werden, sondern auch ihre langjährige Freundschaft, ja ihr gesamtes bisheriges Dasein, auf den Prüfstand gestellt wird.

MM: Warum haben Sie sich entschlossen, nach 18 Jahren wieder „KUNST“ in der Originalbesetzung auf den Spielplan zu setzen?

Herbert Föttinger: Um bei der Wahrheit zu bleiben: Für diese Premiere war ein anderes Stück geplant, nämlich „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer. Das hat sich ein bisschen verzögert, diese Uraufführung findet erst kommende Saison an den Kammerspielen statt. So war eine Premiere offen, und es gab von meinen beiden Kollegen Martin Zauner und André Pohl immer den Wunsch, wieder „KUNST“ zu spielen. Es war ein großer Erfolg im Rabenhof, der damals noch zur Josefstadt gehörte, wir haben’s mehr als hundert Mal gespielt. Ich selber bin ja nicht so gierig drauf, zu spielen, weil es mir Zeit wegnimmt. Eine Rolle, der Domenico Soriano in „Hochzeit auf Italienisch – Filumena Marturano“, wäre ja genug für eine Spielzeit. Nun ist mir eine zweite Rolle passiert, freuen tue ich mich darauf aber schon.

MM: Die jetzige Premiere ist eine Neuinszenierung von Folke Braband. Inwieweit hat sich der Zugang zum Stück, zu den Rollen seit 1996 verändert?

Föttinger: Wir sind alle drei älter geworden, das hat der Sache gut getan, weil wir jetzt für diese Rollen im richtigen Alter sind und damals zu jung waren. Wir haben damals besonders das weiße Bild verteidigt. Heute sehen wir, dass es nicht nur Immobilien- und Finanzblasen gibt, sondern auch Kunstblasen. Wir empfinden jetzt bei der Arbeit, dass dieses Bild, der Zankapfel des Stückes, nur Beiwerk ist, ein Katalysator, ein Trick von Yasmina Reza, damit das Stück in Gang kommt. Denn tatsächlich geht’s um was ganz anderes, Tiefergreifendes.

MM: Um eine „Beziehungskiste“ unter Männern?

Föttinger: Es ist ein Stück über Freundschaft, über eine Beziehung, die über 20, 30 Jahre geht. Da verändern sich Menschen. Diese Veränderung kann man tolerieren, die kann man auch lieb gewinnen, an dieser Veränderung kann man aber auch verzweifeln – und diese drei verzweifeln. Im Stück geht’s um das Überprüfen von Freundschaft: Ist der Mensch, der mir vor 30 Jahren besonders wichtig war, nachdem ich Dies und Das erlebt habe, noch genau so wichtig? Findet zwischen uns noch Austausch statt? Das ist die Zerreißprobe, die die drei zu bewältigen haben.

MM: Serge, Marc und Yvan sind drei gleichberechtigte Rollen. Warum hat man Sie als Serge besetzt?

Föttinger: Das frage ich mich auch. Das hat der damalige Direktor so bestimmt. Und wir haben es bei der Schenk´schen Entscheidung belassen. Serge kauft das sündteure weiße Bild. Marc will das nicht tolerieren. Wir hatten 1996 drei Leseproben, immer in einer anderen Rolle, und ich dachte, ich würde der Marc werden. Den übernahm aber André Pohl. Ich würde mich in beiden Rollen wohl fühlen, nur den Yvan kann ich nicht spielen, das kann nur Martin Zauner.

MM: Yasmina Reza mag es nicht, wenn man Ihre Stücke Gesellschaftssatiren oder Beziehungskomödien nennt. Trotzdem ist diese Richtung vorgegeben und Teil ihres weltweiten Erfolges.

Föttinger: Sie behandelt mit großer Leichtigkeit und viel Witz schwere gesellschaftliche und psychologische Probleme. Sie hat eine tolle Sprache und bleibt bei aller Tiefe und Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung einem breiten Publikum zugänglich. Es gibt schon mehr als einen Grund, warum diese Autorin international so oft gespielt wird. Ich kenne wenige Gegenwartsautoren, die eine solche überregionale Bedeutung haben. Und für die Kammerspiele ist Yasmina Reza ideal. Hier gehört sie her.

MM: Die Kammerspiele hatten als letzte Premieren „Der letzte Vorhang“ und „Die Mausefalle“, auf „KUNST“ folgt „Ziemlich beste Freunde“ nach dem französischen Kinoerfolg. Ist das der Weg, den Sie mit den Kammerspielen beschreiten wollen? Unterhaltung mit Herz und Hirn sozusagen?

Föttinger: Ja. Und das wird vom Publikum auch gerne angenommen. „Die Mausefalle“ ist ausverkauft bis Mai. Das sind alles Stücke, die mir Spaß machen. Die haben Witz, sind aber im Kern ernst, die berühren, sind aber ebenso zum Lachen. Auf „Ziemlich beste Freunde“ bin ich schon sehr gespannt. Dass der Film seinen Weg auf die Bühne findet, ist heute ein Faktum. Die beiden Kunstformen befeuern sich derzeit gegenseitig. Das ist eine Tendenz, die auch wieder vorbeigehen kann.

MM: Sie proben nicht nur in den Kammerspielen, sondern auch an der Josefstadt. Sie inszenieren Motive aus Milo Dors Roman „Der letzte Sonntag“ als „Die Schüsse von Sarajevo“. Warum haben Sie dieses Projekt als Beitrag der Josefstadt zum Gedenkjahr 1914-2014 ausgesucht?

Föttinger: Natürlich ist das der erste Gedanke: Wir machen „Die letzten Tage der Menschheit“. Aber das machen eh alle anderen. Und ich fand die Prozessakte, die Protokolle der Untersuchung, welche der Untersuchungsrichter Leo Pfeffer nach dem Attentat geführt hat, viel aufregender, ungleich spannender. Wir machen Ende Juni „Die letzten Tage der Menschheit“ als Lesung von Erwin Steinhauer; ich werde mit Sandra Cervik bosnische Literatur vorstellen. Die Pfeffer-Geschichte, welche mir so vorkommt wie 9/11, hat mich total fasziniert: Alle schreien nach Vergeltung für das Attentat, es wird eine Verschwörung aufgedeckt, es wird ein Land schuldig gesprochen und es wird ein Krieg erklärt. Man braucht unbedingt Schuldige, die man der allgemeinen Vergeltungshysterie vorführen kann. Alle schreien danach. Als Osama bin Laden beseitigt wurde, ist in Amerika der große Jubel ausgebrochen. Was den Ausbruch des Ersten Weltkrieges betrifft, der auch bejubelt wurde,  so ist der Zusammenhang zwischen Attentat und serbischer Regierung bis heute nicht eindeutig bewiesen. Ich fand die Versuche von Leo Pfeffer, die Wahrheit herauszufinden, wirklich aufregend. Was ist Wahrheit? Alles was wir in Schulbüchern lesen, stimmt das auch? Zum Schluss sagt ein Rabbi zu Pfeffer: Es gibt keine Wahrheit außer den Tod.

MM: Anlässlich des Jahrestages ist einiges an Literatur erschienen, das die Geschehnisse neu beleuchtet, etwa Christopher Clarks „Die Schlafwandler“. Fließt das in Ihre Arbeit ein?

Föttinger: Ja. Was mich in der Vorbereitung so fasziniert hat, ist die Beschäftigung mit der Vorkriegszeit, „Der taumelnde Kontinent“, auch das ein Buch von Philipp Blom. Man wollte Geschichte neu schreiben, wollte Grenzen neu schreiben. Die Welt war in Aufruhr. Was da alles passiert ist an Entdeckungen und Erfindungen. Die Industrialisierung. Die Armut. Eine elektrisierte, aufgeheizte Zeit, die irgendwo explodieren musste. Ein Glück, dass wir heute ein vereintes Europa haben. Diese Gemeinschaft kann Frieden sichern. Das war um 1912 nicht der Fall. Ich finde den europäischen Gedanken den schönsten Gedanken, auch wenn uns nicht alles gefällt, was aus Brüssel kommt. Sobald Länder politisch und wirtschaftlich verknüpft sind, wird die Kriegsgefahr geringer.

MM: Erwin Steinhauer spielt Leo Pfeffer. Was haben Sie sich gemeinsam für die Rolle überlegt?

Föttinger: Wir haben die Romanfigur gemeinsam mit Milan Dor und Stephan Lack ein wenig verändert, wir wollten nicht die Prozessakte dramatisieren und auf die Bühne stellen. Leo Pfeffer ist Kroate, 55, 60, und verliebt sich in eine bosnische Serbin, eine 45-jährige Witwe, die einen 20-jährigen Sohn hat. Für Pfeffer ist das ein zweiter Frühling, er träumt davon, Sarajevo zu verlassen und mit seiner Liebe seinen Lebensabend in Wien zu verbringen, wo er einmal studiert hat. Das fand ich schön, dass die Figur älter beschrieben wird. Ich war selbst unlängst in Sarajevo und kann verstehen, dass man da raus will. Das ist immer noch eine zweigeteilte Stadt, in der über diverse Gotteshäuser ein „Religionskrieg“ mit Glockengeläut und Gebetsrufen betrieben wird. So wird mein Stück auch beginnen: Ich fange 1993 an, wie plötzlich aufgrund einer nationalistischen Radikalisierung Nachbarn aufeinander losgehen, Gräben in Familien aufbrechen und daraus ein schrecklicher Jugoslawienkrieg entsteht. Die Kriegserklärung der Donaumonarchie war nur einer von vielen Rissen durch das Land. Ich bin kein Freund der Vermischung von Religion und Nation. Sobald sich die beiden zusammen tun, sobald man den anderen nicht mehr atmen lässt, führt das zur Katastrophe. Drum mag ich unseren Stückschluss so sehr: Der Kroate und die Serbin zeugen noch ein Kind und dieses Kind kennt keine Nation.

MM: „Die Schüsse von Sarajevo“ am 3. April ist Ihre letzte große Premiere für diese Saison. Ist das ein Sparprogramm?

Föttinger: Ich hatte in dieser Spielzeit immerhin sechs Premieren in der Josefstadt. Nein, ich mache kein Sparprogramm. Ich versuche das Verhalten des Publikums zu erforschen, denn die Wiederaufnahmen eines Stücks im Herbst funktionieren nie so wie vor der Sommerpause. Beim „Weiten Land“ hatten wir eine Auslastung von 98 Prozent und stürzten nach dem Sommer um  15 Prozent ab. Ich gebe mich mit 75, 80 Prozent Auslastung nicht zufrieden, ich muss sehr viel erwirtschaften, die Einspielergebnisse müssen sehr hoch sein, damit wir den Betrieb in der Form erhalten können. Die Gehälter meiner Mitarbeiter werden ja jedes Jahr kollektivvertraglich erhöht. Ich weiß nicht, wie die Zukunft ausschauen wird, wenn die Verantwortlichen sich aus dieser stehlen. Kann schon sein, dass die Politik kein Geld hat. Nur, was heißt das für uns Theaterschaffende? Man kann Finanzlöcher nicht durch Erhöhung der Kartenpreise stopfen. Das schafft kein Theater. Und wir im Besonderen nicht, wir sind ja kein reines Abonnementhaus, deshalb müssen wir sehr, sehr viel Geld einspielen. Und wenn ich die letzte Premiere im April mache, kann ich das Stück noch drei Monate spielen, das sind 30 Vorstellungen, bevor wir in die Pause gehen. Habe ich Mitte Mai Premiere, schaffe ich noch zehn Vorstellungen und dann ist das Stück vergessen. Der frühe Premierentermin ist also der Versuch einer neuen Strategie, damit die Ökonomie des Hauses funktioniert, dafür bin ich als künstlerischer Direktor verantwortlich. Ich habe mehr Verantwortung als nur den Spielplan zu erstellen und zu sagen: Was Geld betrifft, das geht mich nichts an.

MM: Darum könnte an der Josefstadt eine Finanzgeschichte wie am Burgtheater nicht passieren?

Föttinger: Ich beteilige mich nicht an der allgemeinen Hinhauerei aufs Burgtheater. Die Josefstadt hatte vor 15 Jahren eine Riesenfinanzkrise, die nicht nur wegen der kollektivvertraglichen Erhöhungen entstanden ist. Man hat sich mit dem Rabenhof etwas geleistet, was man sich nicht leisten konnte. Vielleicht war der Spielplan aufwendiger, vielleicht waren die Einnahmen nicht so gut. Das kann passieren. Helmuth Lohner hat damals sehr gekämpft, auch um eine Subventionserhöhung. Lustig war das damals im Jahr 1999/2000 für die Josefstadt nicht und es hat bis 2003 gebraucht, bis sich das Theater von dieser ökonomischen Katastrophe erholt hat. Dann kam Gratzer, von dem ich 750.000 Euro minus übernommen habe, das konnte ich bereinigen. Was soll ich sagen? Das Geld wird ja in den Theatern nicht mutwillig verschleudert. Obwohl, um bei der Wahrheit zu bleiben, manchmal kommt auch das vor.

MM: Wenn ein Theater sparen muss, wenn es Schulden abtragen muss, wo kann es das?

Föttinger: Das ist sehr, sehr schwer, wenn man den Betrieb wie er ist, erhalten will. Ich finde man sollte nicht an den Produktionen sparen. Die Politik verlangt von uns zu rationalisieren. Aber was heißt denn das? Kündigungen. Dass ich Menschen mit Familie ohne finanzielle Absicherung in den Regen stelle. Nur das Wort Kündigung will kein Politiker aussprechen. Wenn es Engpässe gibt und der Staat die Verantwortung – und die hat er nun mal als Subventionsgeber – nicht mehr übernehmen kann oder übernehmen will, entsteht ein angelsächsisches Betriebsprinzip. Ich schaue mir diese Formen der Betriebsführung in Großbritannien genau an, und die sind halt härter, brutaler, als man es in Österreich gewohnt ist. Ich muss eine Lanze für das deutschsprachige Theater brechen. Ich glaube, es ist das fortschrittlichste, das innovativste weltweit. Das muss man einmal sagen. Die hier praktizierte Form des Fantasierens, des Träumens hat dem Theater einen Höhenflug beschert. Das ist eine unglaubliche Entwicklung, die in der Form beispielsweise in London nicht stattfindet. Dort versucht man unter günstigsten Bedingungen zu produzieren, die Leute werden sehr schlecht bezahlt, sind zwischen den Produktionen arbeitslos … das sind keine tollen Arbeitsbedingungen. Genau so schwierig ist es in Italien, in Frankreich. Was will man also hierzulande? Alle Theater zusperren bis aufs Burgtheater? Das wäre grauenhaft für die Theaterstadt Wien, wenn es nicht die kleinen Häuser gäbe. Will man das zerstören, was man mühevoll aufgebaut hat? Wenn wir schon eine Kulturnation sind, dann muss man auch in diese investieren. Oder wir erklären, dass wir keine mehr sein wollen. Auch möglich, aber grauenhaft.

MM: Sind Sponsoren ein Ausgleich, wenn der Subventionsgeber auslässt?

Föttinger: Nein. Die können auch keinen Ausgleich zu fehlenden Subventionen schaffen. Auch ich bemühe mich um Sponsoren, wie man weiß. Aber der nächste Direktor, der nach mir kommt, hat vielleicht nicht diese Kontakte, hat vielleicht nicht dieses Netzwerk aufbauen können, deshalb darf Sponsoring nie ein wesentlicher Teil des Budgets werden. Ganz, ganz klein, ja. Mit allem anderen macht man sich abhängig von der Privatwirtschaft. Ich finde es toll, wenn die Privatwirtschaft ihren Teil für die Kultur leistet, aber man darf sich nicht abhängig machen. Beispiel Pereira in Salzburg: Der hat über seine Verbindungen zusätzliche Millionen für sein Riesenprogramm aufgestellt. Aber jetzt fließen diese Millionen nicht mehr – und das Programm wird wieder kleiner. Er hat seinem Nachfolger, der vielleicht kein so begnadeter Aufreißer von Sponsorengelder ist, eine Vorgabe hinterlassen, die dieser nicht erfüllen kann.

MM: Zum Ende des Gesprächs noch was Positives: Kann man schon etwas über die nächste Saison erfahren?

Föttinger: Wir sind guten Mutes, wir haben eine sehr erfolgreiche Spielzeit. Wir werden internationaler. Christopher Hampton und Cesare Lievi werden zu uns stoßen und bei uns inszenieren. Der Rest ist Überraschung.

www.josefstadt.org

Trailer „KUNST“: www.youtube.com/watch?v=QV4GfnoiSLM#t=1

Die Lesung bosnischer Autoren in Anknüpfung an die „Die Schüsse von Sarajevo“-Premiere findet  am 7. und 8. April auf der Probebühne statt, 20 Uhr, Titel „Bosnien – Geschichten aus der dunklen Welt“. Es lesen Sandra Cervik, Herbert Föttinger, Florian Teichtmeister und Alma Hasun.

www.josefstadt.org/Theater/Stuecke/Josefstadt/Probebuehne/Bosnien-GeschichtenausderdunklenWelt.html

Wien, 19. 2. 2014