Schauspielhaus Wien: Cellar Door

April 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spielanleitung für den Gang durchs Dorf

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Dies ist eine Beschreibung der Stunden 53 bis 56, Tag drei. Ein kicherndes Girlie mit Häschengasmaske holt einen am Eingang ab und bringt einen bis zu den Shadow Pits. Gruselige Cheerleader turnen sich in einer grindigen Wohnküche warm, doch das Grauen lauert erst dahinter. In einer Art crackhöhligem Bondageclub, alles ein bisschen sehr Huch! und Hach! aufgeregt, aber – keine Panik – hinter dieser Fassade eh keim- und jugendfrei.

Das heißt: ab 16. Wie das vor erwartungsvollem Glück glucksende Schüler- und Studentengrüppchen, das in der Bar auf Einlass zur Quest ihres Lebens wartet. Betreten auf eigene Gefahr!, lautet entsprechend die Ansage.

Der schwedische Installationskünstler Thomas Bo Nilsson realisiert im Schauspielhaus Wien seine 504-Stunden-Installation „Cellar Door“. 40 Performer, Gäste und Ensemblemitglieder des Hauses, wendet er dazu auf, non-stop und im Internet übertragen, die Geschehnisse in einer abgründigen Kleinstadt zu „dokumentieren“. Nilsson, berühmt geworden als Mitglied des dänischen Performance-Kollektivs SIGNA, und nun ein Team mit Julian Wolf Eike und Jens Lassak, sieht in seiner Arbeit laut Erklärtext eine Art Gesellschaftskritik. Und zwar an der garantierten Anonymität von Internetforen und Webblogs, in denen man sich dank Online-Pseudonymen verbal auskotzen kann bis zum Gehtnichtmehr. „Befreit von jeder regulierenden Konvention blühen im Netz Ressentiments gegen Minderheiten, Flüchtlinge oder Migrant*innen“, heißt es da. Der Hinweis, dass das etwas mit dem Gezeigten zu tun haben soll, ist in weiterer Folge durchaus hilfreich.

Das eigenwillige Gedankenspiel, das Nilsson zeigt, erinnert nämlich an FPS, Zufall oder nicht, gibt es in Toronto einen Game-Produzenten mit dem Namen „Cellar Door“, nur dass bei Nilsson nicht nur digitales Aufeinanderprallen, sondern tatsächlich physisches möglich ist. Was er geschaffen hat, ist wie ein Triptychon, dessen erster Teil im „Nachbarhaus“ mit einem Kurzfilm von Matt Lambert (anzuschauen auch hier: www.youtube.com/watch?v=MM4TLIL2fXQ) beginnt, mit dem man die Vorgeschichte der Installation und deren Charaktere kennenlernen kann. Dann geht’s hinab ins Dorf, durch die Eingangstür eines Einfamilienhauses, in einen Kosmos, in dem man sich frei bewegen kann und in dem skurrile Spukgestalten ihr Spiel spielen. Das heißt, nicht nur, denn sie können von etwaigen Online-Playern via Chats auch kontrolliert und in Position gebracht und mit Aufträgen betraut werden – dies sozusagen Teil drei der Anlage. Die Inkognito-Internetzler als Schöpfer Fleisch gewordener Ego Shooter, jeder für sich und gegen alle anderen, weil es gibt wie immer und überall Erniedrigte und Beleidigte. Aber im Wissen, was sich in Österreichs Kellern schon an Bestialität ereignet hat, ist das hier wie Donnie Darko verirrt sich in Alices Wunderland.

Das bemerkenswerteste an dieser Arbeit sind bisher die Fragmente von acht Häusern, die Nilsson zu seinem düsteren Raumsystem verbunden hat. In diesem engen Labyrinth harren die Darsteller aus, auch das eine beachtliche Leistung, auch Thomas Bo Nilsson selbst, dem man auf seiner Runde durchaus begegnet, was durchaus zum Fürchten ist. „Cellar Door“ ist definitiv nichts für schwache Nerven, sicher nichts für klaustrophobische Gemüter, aber ein Spaß für kindlich gebliebene. In den Kabinetten und Kabuffs, auf durchgewetzten Sofas und durchgelegenen Betten, mit Filterkaffee und Würstchen aus dem Glas und Wodka aus dem Bauchnabel, ereignet sich so etwas wie Handlung, lassen sich Biografien entdecken und Schicksale erfahren. Kontakt aufnehmen ist nicht nur erwünscht, sondern sogar notwendig, wenn man irgendetwas begreifen will. Dies als Aufruf, sich verführen zu lassen.

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Bild: © Matthias Koslik

Zehn Tipps für das Handling von „Cellar Door“:

1. Sie finden den Webauftritt der Performance unter lexlydia.net Registrieren Sie sich schon daheim, lesen Sie die Spielregeln, machen Sie sich mit den Dronen wie „Draganfly Tango“ oder „Sparkie T. Ranger“ vertraut und studieren Sie den Lageplan der Shadow Pits. All das wird Ihnen helfen. Achtung: Machen Sie keine falschen Angaben. Sonst ist das Leben doch noch ein Ponyhof.

2. In den Shadow Pits stehen Computerstationen. Loggen Sie sich ein, dann können Sie die Geschehnisse live und über die Webcams verfolgen. Aber fragen Sie um Himmels willen um Erlaubnis.

3. Bleiben Sie länger in jedem Raum, es braucht etwas Zeit, bis sich die Akteure in Bewegung setzen und sich eine Story entwickelt.

4. Interagieren Sie mit den Performern, auch wenn das Ihre Handflächen silbergrau färbt (keine Sorge: die Farbe geht beim Waschen wieder ab), Sie erfahren sonst nichts.

5. In diesem Sinne: Fragen Sie Tanja, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar,  nach ihrem Ehemann Raphael und seinen Intimitäten mit der geheimnisvollen Lydia.

6. Im Netz der Räume gibt es einen Stamm der Fighter. Lassen Sie sich von diesem nicht dominieren, auch wenn sie mit der Macht ihrer Kampfarenen-Göttin drohen.

7. Leihen Sie keine persönlichen Gegenstände her, außer Sie wollen das wirklich.

8. Seien Sie nicht frustriert, wenn Sie nicht alles durchschauen und verstehen. Ihr Rundgang verschafft Ihnen nur einen Eindruck dieser unterirdischen Welt. Sie sehen live gerade einmal ein Prozent der Gesamtspieldauer. Nicht verzagen! Online geht’s ja weiter.

9. Suchen Sie die walkürenhafte Drag Queen und gehorchen Sie ihr bedingungslos.

10. Und wenn Sie Alvin mit in die dunklen Kammern nehmen, passen Sie auf, dass Sie ihn unterwegs nicht verlieren. Sie tragen die Verantwortung …

11. Sagen Sie nicht, Sie seien nicht gewarnt worden.

www.schauspielhaus.at

Wien, 17. 4. 2016

mumok: Cosima von Bonin und Tocotronic

Oktober 1, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Hippies use Side Door. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab

Cosima von Bonin: DER ITALIENER, 2014. Außeninstallation an der Fassade des mumok. Styropor, Glasfaser, Laminat, verzinkter Stahl, Lack.Figur: 250 x 80 cm. Produktion: Saygel & Schreiber, Berlin Bild: Nikolaus Havranek

Cosima von Bonin: DER ITALIENER, 2014. Außeninstallation an der Fassade des mumok.
Styropor, Glasfaser, Laminat, verzinkter Stahl, Lack.Figur: 250 x 80 cm. Produktion: Saygel & Schreiber, Berlin
Bild: Nikolaus Havranek

Im Herbst 2014 präsentiert das mumok die bisher umfassendste Ausstellung Cosima von Bonins in Österreich. Unter dem Titel HIPPIES USE SIDE DOOR. DAS JAHR 2014 HAT EIN RAD AB. erwartet die BesucherInnen ab 3. Oktober mit über 100 Arbeiten ein groß angelegter Überblick über das Werk der 1962 in Mombasa, Kenia geborenen Künstlerin – von den künstlerischen Anfängen bis hin zu ganz neuen Arbeiten. Retrospektiv angelegt, vollzieht die Ausstellung nach, wie von Bonins Arbeiten immer stärker in den Raum übergreifen.

Typisch für das komplexe Beziehungsnetz, das sie zwischen bildender Kunst und Musik aufgespannt hat, ist das Einbeziehen langjähriger KollegInnen und FreundInnen in ihre Ausstellungsvorhaben. Neben Tocotronic und Phantom Ghost, die mit Konzerten im Programm der Ausstellung vertreten sind, haben sich unter den Namen The 3 Ypsilons und The Ypsilon Five aus dem Freundeskreis der Künstlerin gleich zwei Formationen gebildet, die den Eröffnungsabend der Ausstellung am 3. Oktober mit Performancedarbietungen bestreiten. An der Fassade des mumok prangt ab Ausstellungsbeginn ein Balkon. Besetzt ist er mit einer sich übergebenden Figur.

Ein Balkon für das mumok – Der kotzende ITALIENER

Für ihre bisher umfangreichste Einzelausstellung in Österreich belässt es die Künstlerin Cosima von Bonin nicht dabei, ihre Werke ausschließlich im Inneren des mumok zu zeigen. Noch vor der großen Eröffnung wird sie vor dem großen Panoramafenster an der Front des Hauses einen Balkon anbringen lassen. Von Bonin hat ihre ursprüngliche Idee, auf dem Dach des Museums eine Rakete in Position zu bringen, auf der ein sich übergebendes Küken reitet, zugunsten eines einfachen Balkons, so wie er oft an Fassaden von Ein- und Mehrfamilienhäusern zu finden ist, aufgegeben. Auf die Nachfrage, weshalb sie sich anstelle der von Weitem sichtbaren Rakete, für die erst auf den zweiten Blick sichtbare Sonnenterrasse entschieden habe, antwortete von Bonin, die sich bekanntermaßen mit Interpretationen ihres eigenen Werks zurückhält, kurz und knapp: „Ich fand schon immer, dass das Museum einen Balkon haben sollte.“ Auf dem Balkon steht eine etwas hölzern und angespannt wirkende Figur. Sie erinnert in keinster Weise an die auf Hochsitzen und anderem Mobiliar herumlungernden, vor Erschöpfung und Müßiggang zusammengesunkenen Kreaturen, die ab 3. Oktober hinter dem großen Fenster, hinter ihrem Rücken also, zu Scharen das Museum besetzen werden. Von Bonin nennt sie DER ITALIENER – in Anlehnung an den gleichnamigen Film des österreichischen Filmemachers Ferry Radax von 1972, der nach einem Drehbuch von Thomas Bernhard entstand. Dieser „Italiener“, von einer eher mageren Statur, steht da mit einer Mischung aus forscher Grandezza und introvertierter Zurückgezogenheit, vor allem aber als auseinandersetzungsfreudiger Unruhestifter, eine Art Agent Provocateur. Ihm wird schlecht, und er muss sich übergeben. Ob er das tut, weil ihm die Höhe zu schaffen macht, er die Nase von seinem Joch und sich endgültig voll hat, oder sich gegen Cosima von Bonin auflehnt und deshalb ihrer Ausstellung den Rücken kehrt, bleibt den Mutmaßungen der einzelnen BetrachterInnen überlassen.

TOCOTRONIC: Konzert am 4. Oktober

Sound und Musik sind für die Künstlerin Cosima von Bonin ein maßgeblicher Bestandteil ihrer Arbeiten. Die begnadete Netzwerkerin bezieht in ihre Ausstellungsprojekte stets befreundete KünstlerInnen auch anderer Genres mit ein. Der Kreis der Mitwirkenden wächst stetig. Zum Auftakt ihrer Retrospektive im mumok spielt eine Combo, die sie schon seit mehr als einem Jahrzehnt begleitet: „die unpeinlichste, stilsicherste und höflichste deutschsprachige Band überhaupt“ (Die Welt) – Tocotronic. Am 4. Oktober 2014, 20.30 Uhr, geben die vier Musiker in Wien ihr einziges Österreichkonzert des Jahres. Tickets können über Ö-Ticket bezogen werden. Die Konzerttickets gelten auch als Eintrittskarten zur Ausstellung im mumok.

Die Band Tocotronic, die mittlerweile auf über 20 Jahre gemeinsame Geschichte und zehn Alben zurückblicken kann, spielt in Wien unter anderem Songs aus ihrem Jubiläumsalbum Wie wir leben wollen. Auf ihrem 17 Titel umfassenden musikalischen Epos verneigen sich die selbst ernannten „Plüschophilen“ mit dem Song „Neue Zonen“ auch vor Cosima von Bonin, die gleichermaßen kunstvolle Kusshände in Richtung der den Trainingsjacken mittlerweile entwachsenen Jungs wirft. Seit 2000 dauert der Austausch der bildenden Künstlerin und des Kopfes der Hamburger Formation, Dirk von Lowtzow, nun schon an. Sie beziehen sich immer wieder auf die Arbeit des/der anderen, zitieren einander und produzieren füreinander. Cosima von Bonin gestaltete bereits mehrere Cover für Dirk von Lowtzows Zweitband Phantom Ghost, zum Beispiel in Form des überdimensionalen Mobiles Thrown out of Drama School (2008) für die gleichnamige Platte. Auch das Bühnenbild für den Auftritt von Phantom Ghost beim Berliner Festival Foreign Affairs am 7. Juli 2014 stammt von ihr. Der Sänger und Songwriter schreibt Texte über das Kuscheltierimperium von Bonins und taucht immer wieder in unterschiedlichen Rollen im Programm der Ausstellungen der in Köln lebenden Künstlerin auf.

www.mumok.at

Wien, 1. 10. 2014