Green Book – Eine besondere Freundschaft

Januar 31, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufs Klo gehen darf der Klavierstar nicht

Don Shirley (Mahershala Ali) und Tony Lip (Viggo Mortensen) begeben sich auf einen Roadtrip durch die Südstaaten der USA. Bild: © 2019 eOne Germany

Die Atmosphäre ist freudige Erwartung. Die Geschmeide der Damen funkeln mit dem Whiskey in den Gläsern um die Wette. Immerhin ist ein Klavierstar aus New York angereist, um hier in den Südstaaten aufzutreten, man hat ihn auch schon höflichst bewillkommnet, hat sogar seine – schwarze – Hand geschüttelt. Lästig nur, dass der Virtuose vor seinem Auftritt noch die Toilette benutzen möchte, und das geht auf der „für Weiße“ im Haus natürlich gar nicht.

Weil nun aber der Pianist das Plumpsklo im Freien ablehnt, bleibt nur eine Lösung: Die illustre Gesellschaft nimmt einen verspäteten Konzertbeginn in Kauf, damit ihr Gast den stillen Ort in seinem „Neger-Motel“ aufsuchen kann. Fahrtzeit tour-retour – vierzig Minuten … Mit solch durchaus tragikomischen Situationen beschreibt Regisseur Peter Farrelly in seinem Film „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ die gefährliche Tournee durch den segregierten Süden der USA, die Weltklassemusiker Don Shirley im Jahr 1962 unternahm. Die Geschichte basiert auf einer wahren und wurde von Nick Vallelonga, dem ältesten Sohn von Tony „Lip“ Vallelonga aufgezeichnet. Tony ist der Mann, den Don Shirley als Chauffeur und bald auch Bodyguard für seine Reise anheuerte. Am Freitag startet das für fünf Oscars nominierte Roadmovie in den Kinos, und um dies vorwegzunehmen: Don Shirley und Tony Lip blieben nach ihrem Trip ein Leben lang Freunde.

Viggo Mortensen und Mahershala Ali, beide Academy Awards Nominees, spielen die ungleichen Reisegefährten. Den italoamerikanischen Rausschmeißer, für den sich Mortensen einen üppigen Pasta-und-Bier-Bauch angefuttert hat, und den blasierten Kulturaristokraten, der keinen Zweifel an seiner bildungsbürgerlichen Überlegenheit lässt. Schon die erste Begegnung zwischen ihnen ist vom Feinsten. Tony, der „Lip“ genannt wird, weil er Menschen zu allem, was er will, überreden kann, braucht einen Übergangsjob für jene zwei Monate, in denen der Nachtclub, in dem er als Türsteher arbeitet, geschlossen hat. Doch als er sich bei Dr. Shirley, zu seiner Verwunderung kein Mediziner, sondern Künstler, als Fahrer bewirbt, thront dieser in seinem mit afrikanischer Kunst vollgestopfen Luxusappartement in einem güldenen Herrschersessel. Eine erhabene Position, die ein Von-oben-Herab eindrucksvoll ermöglicht.

Ein ungewöhnliches Bewerbungsgespräch: Viggo Mortensen und  Mahershala Ali. Bild: © 2019 eOne Germany

Kurz vor seinem Auftritt ist es Don (Mahershala Ali mit Viggo Mortensen) nicht erlaubt, im Countryclub zu essen. Bild: © 2019 eOne Germany

Tony (Viggo Mortensen) schreibt seiner Frau – und bekommt von Don (Mahershala Ali) Unterstützung. Bild: © 2019 eOne Germany

Hie Mafiamilieu, dort Konzertsaalstimmung, Polyesterhemd vs Seidenkaftan, ein schlaues Schlitzohr von der Straße in Kombination mit einem verkrampften Schöngeist – besser kann ein Buddyfilm gar nicht beginnen. Klar, dass sich Tony von Don Shirleys Attitüde nicht einschüchtern lässt, eine erste Szene führt ihn ein, wie er Wassergläser, aus denen zwei schwarze Handwerker, die in seiner Wohnung Reparaturen erledigen, getrunken haben, in den Mistkübel wirft. Ebenso klar, dass aus der Zweckgemeinschaft von Alltagsrassist und Ausnahmekünstler unterwegs mehr wird.

Was „Green Book“ über die Klischeehaftigkeit dieser Konstruktion erhebt, ist nicht nur die doppelbödige Ironie des Drehbuchs von Nick Vallelonga und Peter Farrelly, sondern sind vor allem die Darsteller, die aufs Wunderbarste kontrastieren. Mortensens Tony Lip ist eine massive Erscheinung, ein einfaches Gemüt mit einem explosiven Temperament, ein Macho aus einer von Männern dominierten Welt. Charakterzüge, die Mortensen mit verschmitztem Humor und einer so gehörigen Portion Menschlichkeit ausgleicht, dass man Tony die Wasserglas-Sache schnell verzeiht.

Da wird sich einer im anfänglichen Zweikampf von Klasse gegen Rasse bald als lernfähig erweisen und beginnen, aufgezwungene Unterschiede zu hinterfragen. Denn was dem Gegensatzpaar im Jim-Crow-Land zustößt, obwohl man sich peinlich genau an die Empfehlungen des filmtitelgebenden „Negro Motorist Green-Book“ hält, einem Reiseführer, in dem für afroamerikanische Autofahrer aufgelistet ist, in welchen Quartieren und Geschäften sie als Kunden akzeptiert werden, regt Tony zum Nachdenken an.

Er erlebt seinen Brötchengeber als Ehrengast in erlesensten Kreisen, bei seinen Auftritten bejubelt und gefeiert, und doch lässt man ihn in heruntergekommenen Herbergen „for colored only“ absteigen, während Tony in chicen Weißen-Hotels wohnt. Mal sehen sich Don und Tony von schwarzen Feldarbeitern bestaunt, der dunkle Gentleman mit dem hellhäutigen Bediensteten, mal muss Tony Don vor einer Prügelei in einer Dixieland-Bar retten. Er erfährt an „Bimbo“ Dons Seite Polizeiwillkür. Dons hohe Gagen zahlende Gastgeber erklären jovial, sie hätten „ihre Neger“ befragt, was der Nordstaaten-Schwarze wohl essen möge, und servieren die „Nigger-Leibspeise“ Fried Chicken. In einem Countryclub für betuchte Weiße soll Don zwar spielen, doch im Restaurant zu speisen, wird ihm untersagt. Was Tony erstmals zum Ausrasten bringt …

Mahershala Ali gestaltet die Rolle des stets einsamen, stets ein wenig traurigen, viel zu viel Alkohol trinkenden Don feinnervig und sensibel. Er weist dessen betonte Stiff-upper-Lip-Fassade als notwendigen Panzer gegen alle Anfeindungen von außen aus, gegen seine Hautfarbe, gegen seine Bildung, gegen seine Homosexualität. Auch derentwegen verprügelt und von Haudrauf Tony wieder einmal – im Wortsinn – rausgeboxt, bricht sich Dons Identitätskrise Bahn: „Wenn ich nicht schwarz genug bin und nicht weiß genug bin, wenn ich nicht Mann genug bin, dann sag mir doch, Tony: Was bin ich?“

Don Shirley (Mahershala Ali) hat Spaß bei einem spontanen Auftritt mit der Jazz-Band in einer Cajun Kitchen. Bild: © 2019 eOne Germany

Es ist ein Allgemeinplatz zu sagen, dass Menschen, wenn sie einander erst kennenlernen, feststellen, dass sie gar nicht so verschieden sind. Trotzdem ist es berührend Mortensen und Ali dabei zuzusehen, wie sie Tony und Don mit ihren jeweiligen Vorurteilen kämpfen lassen, und auch erheiternd, wenn die beiden beginnen, den Horizont des anderen zu erweitern. Tony, indem er Don via Autoradio mit der Musik von „seinen Leuten“, Aretha Franklin, Little Richard, Sam Cooke, bekannt macht.

Don, indem er Tony hilft, romantische Briefe an die Ehefrau zu formulieren. Am Ende wird der eine sich für die so genannte Hochkultur begeistern, und der andere sich im Frack, da sind sie gerade aus dem Countryclub geflogen, in einer Cajun Kitchen ans Piano setzen – und glückseligst mit der Band jammen. In einem Herrschaftshaus in Louisville, Kentucky, fragt Tony einen Cellisten, warum sich Don diese unheilvolle, für ihn finanziell gar nicht notwendige Tour de Force eigentlich antut, und der antwortet: „Um die Einstellung der Menschen zu ändern, und dafür braucht man Courage.“

www.foxfilm.at/green-book

Buchtipp zu „Green Book“, Rezension – Matt Ruff: „Lovecraft Country“: www.mottingers-meinung.at/?p=31095

  1. 1. 2019

Volkstheater: Don Karlos

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier funkelt wie ein Solitär

Einstürzende Altbauten: Steffi Krautz, Lukas Watzl, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es stand hier schon einmal anlässlich einer „Antigone“-Aufführung am Haus, das Sophokles-Stück müsse so gespielt eigentlich „Kreon“ heißen. Nun hat es Günter Franzmeier wieder getan. Als Spaniens König Philipp II. dominiert er mit seiner brillanten Performance die „Don Karlos“-Inszenierung von Barbara Wysocka am Volkstheater. Franzmeier funkelt wie ein Solitär, er macht aus dem Souverän einen modernen Chef im perfekt sitzenden grauen Anzug. Der reichste und mächtigste Mann seiner Welt gäbe sich gern gönnerhaft jovial, doch ist das eine bemühte Maskerade, frisst am absolutistischen Herrscher doch das Misstrauen gegen den Hof.

Fantastisch, wie Franzmeier seine Figur entwickelt. Vom ersten Auftritt in Aranjuez, wo er schneidend kalt seine Frau vor deren Entourage bloßstellt, über das Bild eines Einsamen, der sich, auf sich selbst zurückgeworfen, als Sklave seiner Staatsverpflichtungen zeigt, zum seelisch zerrissenen Vater, der der Inquisition seinen Sohn opfern wird. In einer von vielen vorzüglichen Szenen befragt Philipp sein Adressbuch nach einem spionagetauglichen Vertrauten. Blatt für Blatt reißt er aus der Ringmappe: „Tot! Besser tot! Was will der hier? Ich werfe ihn zu den Toten!“, bis er auf die Personalakte Posa stößt.

Wysocka, bereits weit über Polen hinaus als widerständige Regisseurin bekannt, hat bei ihrem Wien-Debüt reichlich richtig gemacht. Ihre auf die Schauspieler konzentrierte Arbeit lässt Schillers kompliziertes Intrigenspiel mit einer Intensität ablaufen, dass man gar nicht anders kann, als wie gebannt das Bühnengeschehen zu verfolgen. In erster Linie die Männerfiguren sind ihr gutfundiert und vielschichtig geraten, als Bühnenbild bietet Barbara Hanicka dazu martialische Architektur, einen zerfallenden Regierungsbunker an, auf den wichtige Textzitate projiziert werden, dessen Rückseite ihn allerdings als bloße Theaterkulisse enttarnt – die Macht nicht mehr als eine billige Bretterwand, die Masse wird später – „Ganz Madrid in Waffen!“ – in Form von Arbeitergesichtern darüber hinwegziehen.

Konfrontation in Höchstform: Sebastian Klein und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Don Karlos ein fiebriger Fürstensohn: Lukas Watzl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Interview sagte Wysocka, sie wolle mit „Don Karlos“ auf den aktuellen Demokratie-Abbau in Europa reagieren, und irgendwie muss man beim Betrachten der ernsten Schwarzweiß-Antlitze an die Solidarność denken, und was seither an Bürgerrechten erneut veruntreut wurde. Dass Hanicka als Versatzstücke Schreibmaschine, Drehscheibentelefon und Plattenspieler verwendet, wirft einen umso mehr zu deren Anfängen zu Beginn der 1980er-Jahre zurück. In diesem Setting spielt Lukas Watzl überzeugend den Don Karlos, weniger als jenen „schwachen Knaben“, den der König „mehr als das vereinigte Europa fürchtet“, denn als fiebrigen Fürstensohn.

Der Infant ist ein ungestüm und unglücklich Liebender, und Watzl zeigt ihn von Hormonen wie vom Vaterhass geschüttelt. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Borderline rennt er im Wortsinn beständig im Kreis und sich dabei doch nur den Hitzkopf an. Er ist aus Verzweiflung untätig, zwar kein Elegiebürscherl, sondern ein Energiebündel, nur kann er eben diese nicht bündeln, kann seine Emotionen nicht in den Griff kriegen, um Posas politisches Programm als neuer erster Mann im Staat umzusetzen.

Wie Watzl beeindruckt auch Sebastian Klein als Marquis von Posa, in seiner Darstellung ein kühler, kluger, auch manipulativer Realpolitiker, kein Aufklärer bis zur Selbstaufgabe, kein Sympath, sondern als Stratege ein ebenfalls sehr zeitgemäßer Charakter, an dessen Schachzügen bis zuletzt undurchschaubar bleibt, ob sie auf die helle oder dunkle Seite der Macht führen werden. Dass dieser Posa immer eine braune Reisetasche mit sich trägt, deren Inhalt er nie preisgibt, was Philipp zu der Frage „Was ist denn mit dieser Tasche?“ führt, schafft eine der humorvollen Stellen des Abends. In der Konfrontation mit Franzmeier läuft Klein, mit dem pathosfrei gesprochenen Satz von der Gedankenfreiheit ein Forensiker von Philipps abgetaner Staatsform, zur Höchstform auf.

Steffi Krautz gestaltet den Herzog von Alba als süffisanten, eiskalt kalkulierenden Ränkeschmied, der Don Karlos statt eines Schwertkampfs einen Kuss aufnötigt, ihrer Leistung steht Stefan Suske als verlogen schmeichlerischer Beichtvater Domingo, der hinter dem Rücken des Königs Gift und Galle spuckt, in nichts nach. Jan Thümer riskiert als Graf von Lerma von deren Niedertracht aufgerieben zu werden, vielleicht der Grund, warum man ihn auch als Opfer eines Autodafés erlebt. Ein brennend starkes Bild.

Läuft! Lukas Watzl und Sebastian Klein bringen Bewegung ins Spiel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefan Suske, Evi Kehrstephan und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Frauen neben Krautz haben unter der Führung von Wysocka keine Fortune. Sie setzen auf falsche Töne, Evi Kehrstephan als wie ein Waschweib keifende Elisabeth, Isabella Knöll als hysterisches Schulmädchen Eboli, der man nie und nimmer die elegant-heimtückische Quertreiberin abnimmt, und warum Claudia Sabitzer, als Oberhofmeisterin Olivarez eine Art Securityfrau, in Schreikrämpfe ausbrechen muss, versteht man sowieso nicht.

Erst Florentin Groll bringt als Großinquisitor wieder jene Qualität ins mitunter arg aufgeregte Spiel zurück, mit der Franzmeier die Aufführung begonnen hat. Mit leidenschaftsloser Brutalität fordert er von seinem „Schüler“ Philipp die Herausgabe Don Karlos‘, und der König ergibt sich nach kurzem Scheingefecht der katholischen Autorität.

Barbara Wysocka ist mit ihrer Inszenierung ein bemerkenswertes Statement zur politischen Gegenwart gelungen, und wiewohl ihr in der Überhitzung einiger Augenblicke die Gefährlichkeit dieses Ständig-nach-dem-Leben-Trachten im Stück immer wieder aus den Händen gleitet, entwirft sie mit ihrem finster-grauen ein zutiefst beunruhigendes Bild über die Mittel und Wege eines totalitären Regimes. Dafür gab es zur Premiere verdient langen Applaus.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2018

Wiener Lustspielhaus: Don Giovanni

April 21, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Adi Hirschal spielt einen Wienerischen Herzensbrecher

Adi Hirschal spielt Don Giovanni. Bild: Sabine Hauswirth

Adi Hirschal spielt Don Giovanni. Bild: Sabine Hauswirth

Ab 14. Juli zeigt das Wiener Lustspielhaus Am Hof „Don Giovanni“ in einer eigenen Variante. Intendant Adi Hirschal führt Regie und spielt die Titelrolle. Seine Inszenierung ist in der Glamour-Welt der Mode, im Modehaus „Da Ponte“, angesiedelt. Das Buch stammt heuer aus der Feder von Max Gruber. Er hat den Da Ponte Stoff überarbeitet und ins Wienerische übertragen.

Don Giovanni ist nun ein ehemals sehr erfolgreicher Modeschöpfer, ein in die Jahre gekommener Liebhaber, der sich vergeblich gegen die Zeit und den Zeitgeist stemmt: Gendering, Binnen-I, Frauenquote, Gleichbehandlungsbeauftragte … Es sind schwere Zeiten für den schwer bedrängten Herzensbrecher. Die Frauen weigern sich, Beute seines unersättlichen Eroberungsdrangs zu werden. Sie durchschauen ihn und seine Unfähigkeit zu lieben, sehen die tragische Lächerlichkeit eines zu echter Beziehung unfähigen Mannes. Das Spiel von Liebe und Verführung ist ein ewig gültiger Stoff, aus dem das Theater schöpft. Und so wird auch das Wiener Lustspielhaus dieses Thema turbulent aufs Neue verhandeln.

Mit Hirschal spielen unter anderem Mercedes Echerer, Gabriele Schuchter und Peter Lodynski.

Kartenvorverkauf ab heute.

www.wienerlustspielhaus.at

Wien, 21. 4. 2016

Volksoper: Don Giovanni

November 15, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Achim Freyer verwurstet den Wüstling

Josef Wagner (Don Giovanni), Andreas Mitschke (Komtur) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Machen Sie eine typische Handbewegung: Josef Wagner als Don Giovanni mit „Komtur“ Andreas Mitschke. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper bricht Achim Freyer mit alten Gewohnheiten. Seh- wie Hör-. Seine Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ wurde ergo mit beinah ebenso vielen Buhs wie Bravos bedacht. Freyer holt den Frauenhelden aus der ewigen Finsternis diverser Bühnenbilder ans Lichte. Er zeigt seine mit viel Liebe zu Details ausgestattete weiße Comicschöpfung mit Kirche, Hotel, Leuchtturm. Ein Schaumstoffstädtchen für die Schaumschläger, die zwischen Schicksalswürfel und Schweinskopf ihre Posen proben. Sie wurden als Weißclowns in diese Welt geknobelt. Und mitten drin, gekennzeichnet von Gottes rachsüchtiger red right hand, der Verführer, den sein Anonymousgesicht sowohl als Spaß- als auch als Protestbewegten ausgibt. Gegen das Spießertum. Wir sind Legion. Dieser Don Giovanni ist kein Einzeltäter mehr, er ist ein Prinzip, ein Lebens- und Lustprinzip.

Freyer nimmt sehr ernst, dass Mozart den „Don Giovanni“ in seinem Werkverzeichnis als Opera buffa beschrieb, die ständige Anwesenheit von Bühnenarbeitern und zirzensische Einlagen geben das Spiel als Spiel aus. Freyer nähert sich dem Abend leichtfüßig, zeigt eine Art Commedia dell’arte mit Archetypen. Was nicht heißt, dass nicht die schlimmsten Dinge passieren. Sex und Gewalt. Die Décadence demaskiert sich mittels Maskerade. Der Theatermacher hat dazu mit dem Ensemble einen Zyklus an Gesten einstudiert, der die Figuren ausweisen soll. Machen Sie eine typische Handbewegung. Das ist bei Don Giovanni etwa eine fließende, die sich vom Streicheln eines Instruments – einer Geige – zum wiederkehrenden Gruß wiederholt, bei Zerlina ein Rascheln mit dem Rock. Manchmal sind die Regungen falsch, weil der Schelm nicht immer denkt, wie er gerade tut. Ein manieristisches Gehabe, das beweist, dass hier jeder für sich und gegen die anderen ist. Täuscht die, die selber euch täuschen!

Zum Babylon trägt eine Sprachverwirrung bei. Weil Hausherr Robert Meyer und Achim Freyer sich wohl nicht einigen konnten, wird Italienisch und Deutsch gesungen. Allerdings erschließt sich nicht wirklich logisch, was wann warum. Denn auch die Contadini singen italienisch, die hohen Herrschaften mitunter deutsch. Klar verdeutlicht sich die Intention lediglich bei Giovannis und Leporellos Beiseitereden, wenn per Rezitativ das Einvernehmen mit dem Publikum gesucht wird. Es scheint mehr so, dass, wenn Freyer ein Parla! melodischer schien als der Kehlkopfbrecher Sprich! eben ersteres zum Einsatz kam. Das hat so oder so Methode. Gespielt wird die Prager Fassung, erweitert um Da Pontes Wiener Arien für Elvira und Ottavio. Der niederländische Dirigent Jac van Steen agiert am Pult luftig und zart, er unterstützt die Sänger mit sorgfältiger, sachter Hand.

Ihnen, den Solisten, gehört die höchste Hochachtung. Sie stellen sich nicht nur bravourös der schwierigen Zweisprachigkeit und sind in dieser erfreulich wortdeutlich, sie gehen auch mit den Ein- und Verhüllungen souverän um und haben Freyers verordneten Gestenkanon im kleinen Finger. Sie leisten Präzisionsschwerstarbeit und vollbringen eine gesamtkunstwerkliche Leistung. Josef Wagner verführt als Titelantiheld mit seiner schön timbrierten, ebenmäßig geführten Stimme. Er ist einer, der Frauen zum Schweben bringt, er weiß den Witz zu singen, ebenso wie Mischa Schelomianski, der als Leporello ein genüßlicher Vernascher von Wein und Weib an der Tafel seines Herrn ist. Ein gelungener Gag, wie bei der Registerarie die ganze Kunstgeschichte stark gekürzt abläuft; diesem Don Giovanni ging selbst Mona Lisa ins Netz.

Wie die beiden Herren bestechen stimmlich auch Esther Lee als stachelhaarige Donna Elvira – die Sopranistin sprang kurzfristig für die erkrankte Caroline Melzer ein – und Kristiane Kaiser als Donna Anna. Ihre Präsenz ist so prägnant, dass man in einer Szene tatsächlich verpasst, auf welchem Wege sich die Statue von der Bühne stiehlt. Was spannend, weil mitunter peinsam ist. Andreas Mitschke verleiht dem Komtur mit großem Volumen in der Tiefe Haltung. Anita Götz ist eine bauernschlaue, glockenhelle Zerlina, Ben Connor als Masetto ein dumper Kraftlackel. Jörg Schneider holt sich als Don Ottavio für seinen höhensicheren, von der Wärme der Liebe schmelzenden Tenor den größten Applaus ab.

Achim Freyer erschafft Sehnsuchtsbilder einer Höllenfahrt, an deren Ende sich das Inferno als ein von Menschen geschaffenes erweisen wird. Vom Battiti! zum Pentiti! wird Giovannis Weg pechschwarz und schwärzer, ein Schattengang, der sich im Wortsinn auf die anderen abschminkt. Drei nachtfarbene Fischer und ein Totengräber-Tod begleiten die Handlung, auf dem Friedhof werden sich Fisch und Kreuz symbolisch vereinen. Spätestens an dieser Stelle beweist sich Freyers Arbeit als Inszenierung mit Hand und Fuß, denn der Freigeist Giovanni wird von den gesellschaftlichen Kleingeistern, denen er’s angetan hat, in Stücke gerissen. Und verwurstet bis auf die blutigen Eingeweide. Leporello muss lügen und eine Story von einem steinernen Gast erfinden. Spätestens da stürmten Teile des Publikums gegen die Bilder. Dabei war’s doch ein lieto fine für alle. Ab ging’s nämlich ins Ristorante, wo Würstel à la Giovanni aufgetischt wurden. Von denen sich Achim Freyer das erste nahm. Ziemlich grotesk das alles … großartig!

www.volksoper.at

Wien, 15. 11. 2015

Volksoper: Der Mann von La Mancha

Oktober 18, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Musical als Theater der Unterdrückten

Patricia Nessy (Aldonza), Christian Graf (Wirt), Robert Meyer (Don Quixote), Ensemble der Volksoper Wien Bild: (c) Barbara Pálffy / Volksoper

Patricia Nessy (Aldonza), Christian Graf (Wirt), Robert Meyer (Don Quixote), Ensemble der Volksoper Wien. Bild: (c) Barbara Pálffy / Volksoper

Von wegen Materialschlacht im Bombastsound. An der Volksoper hatte nach mehr als zwanzig Jahren wieder einmal „Der Mann von La Mancha“ Premiere. Ohne Tremolo und Tralala. Olivier Tambosi, hauptberuflich Opernregisseur, legte zum ersten Mal Hand an ein Musical und entkleidete es von allem, was man landläufig darunter verstehen mag. Übrig blieb eine sehr klare, fast spröde, politische Inszenierung mit einem Titelantihelden, der agiert wie der argentinische Alphabetisierer Augusto Boal. Musical als Theater der Unterdrückten.

Dieser „Mann von La Mancha“ ist mehr als jemals zuvor eine Parabel über, ein Plädoyer für Anstand und Menschlichkeit, gegen die Repression und ihre Instrumente.

Tambosi entführt in eine dunkle Unterwelt, in ein Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt; das Ensemble trägt als Gefangenenkluft graue Overalls (Bühnenbild und Kostüme: Friedrich Despalmes). Das Spiel im Spiel kann sich nur aus dem Theaterkoffer von Cervantes und den Kisten, in denen die Häftlinge ihr spärliches Hab und Gut aufbewahren, entfalten. Lumpen und Müllsäcke werden zu Versatzstücken, zum seidenen Schal oder zur Robe des Padre, die Kisten zur Schank, am Ende zum Totenbett. Nicht mehr als was und vor allem wer da ist, ist da. Keine Auf- oder Abgänge an diesem eindreiviertelstündigen, pausenlosen Abend. Das sorgt für Tempo und Atemlosigkeit. Ersteres auf der Bühne, zweiteres im Publikum. Die Darsteller schaffen die anstrengende Übung mit Bravour. Diesen Zuchthäuslern ist das Stück des Don Quixote zwar Abwechslung und Ablenkung, doch ist ihnen jede Illusion zerstört. In ihrem Dasein braucht es keinen Ritter mit den Spiegeln, wiewohl er natürlich erscheinen wird, um zu wissen, dass Realität Folter ist. Auf ihrem Erdball braucht es Mut nicht an nichts zu glauben. Und Cervantes hat ihn. Tambosi hat psychologisch fein ziselierte Charaktere aus den weltbekannten Figuren entwickelt, um diese zwischenmenschlichen Kampfzonen herauszuarbeiten.

Folgerichtig setzt die Produktion beinah mehr auf schauspielerische denn auf sängerische Qualitäten. Der Schöngesang jedenfalls ist abgeschafft, vor allem Patricia Nessy als Aldonza/Dulcinea versucht dieser Vorgabe – ganz Gossenkind – zu entsprechen. Das Orchester sitzt an der Rückseite der Bühne, der eigentliche Orchestergraben ist ein Zellenloch, aus dem der Dichter seine Mitspieler holt. Die Musik kommt einem mit Kastagnetten und der Gitarre von Jonathan Bolivar durchaus spanisch vor, doch agieren die Musiker ohne Dominanzverhalten, sondern sanft begleitend, fast untermalend. Das sensible Dirigat von Lorenz C. Aichner trägt wesentlich zum großen Erfolg des Abends bei.

Hausherr Robert Meyer, 1994 an der Seite von Karlheinz Hackl als Sancho zu sehen, macht als Ritter von der traurigen Gestalt gute Figur. Sein bebrillter Cervantes ist ein milder Intellektueller mit dem Herz eines Revolutionärs, sein Quixote aber kein edler Ergrauter, der mit zittriger Stimme elegisch Sentimentalitäten kundtut. Hier will einer das Volk bilden, nicht nur was das Hirn, sondern auch was die Herzen betrifft. Herzensbildung, weil: weiche Herzen kann keiner brechen. Dazu gehören Eloquenz, Überzeugungskraft und eine gewisse Aggression gegenüber dem Aggressor, diesem autoritären Staat. Meyer, der auch stimmlich genau den gewünschten Ton trifft, spielt Cervantes‘ Angst ebenso wie dessen Abscheu vor einem System, dem er sich als Steuereintreiber und Zurschausteller von dessen Grausamkeit und Ungerechtigkeiten widersetzt hat. In seiner „Rolle“ stürmt er zwar mit Schwert und Lanze durch den Zuschauerraum, doch sind weder sein Quixote noch dessen treue Seele Sancho jemals Typ komischer Kauz, dafür nimmt Tambosi das Thema zu ernst. Meyer beginnt ergo auch das „Ich, Don Quixote“ als Cervantes zu singen, während er sich in den sinnreichen Juncker verwandelt. Den Diener beider Herren gibt Boris Pfeifer, und als Intimus des Impresarios auch noch den Garderober, Requisiteur und Regieassistenten. Pfeifer quirrelt über die Bühne; er überzeugt und berührt, wenn er zugibt: „Ich mag ihn …“

Das Herzstück dieser Inszenierung ist aber das Ensemble. Tambosi hat jedem auf der Bühne eine Aufgabe zugedacht, die mit großer Spielfreude erfüllt wird. Die drei Protagonisten fügen sich ein ins große Ganze, auch Robert Meyer ein Primus inter Pares, das in seiner Gesamtheit überzeugt. Ausgezeichnet sind sie alle, diese Verbrecher, wie sie mit ihrem Treiben die Verkrustungen der Gesellschaft bloßstellen, dabei immer wieder aus ihren Rollen in die Verzweiflung der – weil im auch aus dem Leben – Gefallenen zurückfallen. Sex und Gewalt und sexuelle Gewalt bestimmen diese Existenzen „drinnen“ und „draußen“. Die schweren Jungs und leichten Mädchen „spielen“ schlecht, so gut es Kerkerinsassen eben können. Christian Graf ist ein lakonisch gewitzter Wirt; Christian Dolezal ein gefährlich lauernder Duke und ein bürokratisch gerissener Dr. Carrasco, meist steht er als Beobachter am Rande, doch wenn er sich einmischt, ducken sich die Köpfe. Martina Doraks Antonia ist natürlich gesanglich eine Wucht, die sich mit Ballettpositionen entliehenen Gesten als Mimin in die erste Reihe spielen will. Dort darf Thomas Sigwald lange nicht stehen, immer wieder zeigt er auf, immer wieder wird er nicht gecastet, diese kleinen Nebenepisoden machen den Abend wunderbar menschlich, bis er endlich als Barbier besetzt wird. Wolfgang Gratschmaier ist eine mit altjungferlich-sittlichem Sexappeal überzeugende Haushälterin, Susanne Litschauer eine resche Maria, Mehrzad Montazeri als Padre so fromm wie notgeil. Vier aus der Truppe gestalten auch zwei Reittiere, das kann man ja vom Theater, dass einem der Direktor im Kreuz sitzt.

Denn in dieser Interpretation gibt es, weil es das im Gefängnis eben nicht gibt, weder eine Rosinante noch Windmühlenriesen noch andere Showeffekte. Fantasie ist Kopfsache, sagt Tambosi. Seine kluge, so moderne wie zeitlose Arbeit gibt einen Denkanstoß in die einzig mögliche Richtung dieser und aller Tage. Und weil Tambosis Arbeit erfrischend kitschbefreit ist, hier nun mit Schmalz: Wir alle sollten Kinder von La Mancha sein. Der Traum ist möglich, der Stern zum Greifen nah.

www.volksoper.at

Wien, 18. 10. 2015