Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Volkstheater/Bezirke: Emilia Galotti

April 23, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Intrigant und die Blutspur an der Wand

Marinelli und der sterbende Appiani: Peter Fasching und Dominik Jedryas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zum Schluss endlich gewanden sich die Herrschaften in die Rokoko-Röcke, setzen jene Perücken auf, die das Stück zeitlich vorgibt. 1772, Emilia Galotti. Zuvor zeigt sich Lessings bürgerliches Trauerspiel aber in aktueller Optik, und es ist die große Kunst von Regisseur Lukas Holzhausen, den originalbelassenen Text sprechen zu lassen, als ob er ein modernes Drama wäre. Ein Bravo dafür! Emilia Galotti, 2018 im Volkstheater in den Bezirken.

Da wird vieles im weiß tapezierten Bühnenbild nur durch Andeutungen klar gemacht, man agiert anfangs, als ginge einen das bevorstehende Drama gar nichts an, doch brechen sich erst die Gefühle Bahn, gibt es im Wortsinn ein Hauen und Stechen, das mit der (Selbst-)vernichtung der Familie Galotti endet. Deren Emilia begehrt Prinz Gonzaga, doch will sie den Grafen Appiani ehelichen, also schnell ein paar Mörder für den Zukünftigen gedungen, die Schöne aufs Lustschloss entführt, und …

Kammerherr Marinelli spinnt die Kabale, und Schauspieler Peter Fasching tut sich in dem Interview selbst Unrecht, in dem er sich den Antagonisten der Vorlage nennt. In Holzhausens Interpretation des Stoffes ist er der Hauptakteur, der Aktive in einer Gruppe passiv Abwartender. Er spinnt die Fäden, und niemals weiß man, ob das Unheil Zufall, Schicksal oder sein Marinelli war, der über die von ihm verhasste Welt hereinbricht. Denn Fasching spielt einen Buckelnden, der die Nähe zur Macht sucht, weil er aus ihr Nutzen ziehen kann, und dabei doch den Mächtigen zutiefst verachtet.

Der Prinz Gonzaga begehrt Emilia Galotti: Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vater und Tochter: Günther Wiederschwinger und Marlene Hauser. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Mutter durchschaut den Mörder: Martina Spitzer und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser, der Prinz, wird von Jan Thümer dargestellt. Von Anfang an steht er wie ein Schatten über dem Stück, sucht mit nacktem Oberkörper Ersatz für seine abgelegte Geliebte, und weist im Tonfall eines ennuyierten, verbrecherischen Aufsichtsratsvorsitzenden seinen Untergebenen zurecht. Selbst die Türen sind seiner Hoheit zu niedrig, Holzhausen hat da mit Witz inszeniert, das Herzstück seiner Arbeit die Auseinandersetzungen des Fürsten mit Marinelli, zwei Männer, die sich aneinander reiben, dass kaum Platz für anderes bleibt.

Und da ist die gute Gegenseite: Günther Wiederschwinger als rechtschaffener Odoardo Galotti, Marlene Hauser als Tochter Emilia und Martina Spitzer als Mutter Claudia, die schon beim Gedanken an den Prinzen in Wallung gerät, bis sich das Böse offenbart, und sie die Mordsgeschichte hinter der Räuberpistole erkennt. Spitzer vor allem scheint mit Verve Holzhausens Ideen zum Stoff umzusetzen, wie sie ob der Wahrheit zaudert, zankt, zerstört wird, und auch Max Reinhardt-Seminar-Studentin Hauser spielt eine, die anfangs den Galanterien des Prinzen durchaus zugetan ist.

Was wenig verwundert, gibt Dominik Jedryas doch einen temperamentslosen Bräutigam mit Leierstimme. Das Ensemble rundet Katrin Grumeth ganz wunderbar als ordinäre Gräfin Orsina ab. Das Ganze endet wie vorgegeben. Der Intrigant schleift den sterbenen Appiani über die Wand, bis von diesem nur eine Blutspur übrigbleibt, Emilia zwingt ihren Vater zum assistierten Suizid. Mag man sagen, leicht ist das alles nicht, so wartet doch auf die Bezirke eine bemerkenswerte Aufführung, der man viele Zuschauer wünscht. Bei der Premiere im Volx/Margareten war der Jubel jedenfalls groß.

www.volkstheater.at

  1. 4. 2018

Harri Pinter Drecksau

Dezember 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Absolut sympathische Loser-Komödie

Harris Herzblut – Juergen Maurer schlägt mit der U12-Eishockeymannschaft des KAC ein. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Von den „Mighty Ducks“ bis zum „Miracle“ – Filme über Eishockey stehen auf der persönlichen To-do-Liste nicht besonders weit oben. Nicht einmal Paul Newman und „Slap Shot“ konnten daran etwas ändern. Nun aber „Harri Pinter Drecksau“: hinreißend, supersympathisch, eine warmherzige Loser-Komödie, die den Kinobesuch lohnt, noch bevor der Film ins Fernsehen kommt (ist er doch die dritte „ORF-Stadtkomödie“).

Ein wenig  zaghaft wagte man sich erst nur an eine Veröffentlichung in Kärnten, nun ist „Harri Pinter Drecksau“ dank des dortigen Erfolges seit Freitag österreichweit in den Kinos. Der Inhalt: Harri Pinter, 46, hat seine beste Zeit schon hinter sich, nicht nur optisch: in den 1980er-Jahren holte die berüchtigte „Drecksau“ – dies ein Ehrentitel, bei dem das Ohrlapperl eines „Russen“ eine Rolle spielte – dem KAC den Meistertitel.  Erfolge, die der nunmehrige Fahrlehrer und Trainer der U12-Mannschaft beim Bier mit seinen Haberern gerne aufwärmt. Als aber Dauerfreundin Ines mit ihrem Uniprofessor den Absprung probt, gerät Harris Welt- und Selbstbild gehörig ins Wanken. Und als ihm auch noch der Trainerposten weggenommen wird, versteht er gar nichts mehr …

Nach „Die Werkstürmer“ ist „Harri Pinter Drecksau“ die neue turbulente Komödie von Andreas Schmied. Und sie besticht, wie schon die vorherige, durch die großartigen Darsteller. Juergen Maurer ist die Idealbesetzung für den einfach gestrickten Kraftlackel Marke „raue Schale, weicher Kern“, der bei seinen Eishockeykids sogar batzweich wird. Sein Harri ist mehr armes Würstl als Macker, weit weniger testosterongesteuert, als er’s gern hätte, und stets peinlich bemüht seinen Freunden etwas zu beweisen.

Mit einem Blick wie ein gescholtener Rottweiler bewegt sich dieses so hilflos naive Mannsbild durch die Gegend. Wunderbar, wie er alle Frauen in seiner Umgebung nach dem neuen, sensiblen Gegenmodell fragt, zu dem er sich für die Ines entwickeln möchte. Die unbequemen Wahrheiten, die er dabei zu hören bekommt, lassen nur einen Schluss zu: „Die Weiba stehen auf so halbschwule Sachn.“ In einer der witzigsten Szenen versucht er mit à la 80er Jahre aufgekrempelten Sakkoärmeln in der Disco einen Stich zu machen. Sehr fein auch, dass in der Kantine nicht Tischfussball, sondern Tischeishockey gewuzzelt wird.

Flasch gewährt Harri seine „5 minutes of fame“: Juergen Maurer und Andreas Lust. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Harri begleitet Dörki auf seinem schweren Weg zu Miri: Juergen Maurer und Hosea Ratschiller. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Flankiert wird Harri von Andreas Lust als Unsympathler vom Dienst, Flasch, der beim KAC auf Funktionärsebene große Karriere bis zum Vereinspräsidenten machen will, und Hosea Ratschiller als Dodl von der Vereinszeitung, Dörki, der unsterblich in die Kantinenkraft verliebt ist. Julia Cencig spielt die Ines, Dominik Warta ihren Uniprof – und alle beherrschen sie den Kärntner Dialekt aus dem Effeff.

Am Ende, eh klar, wird Harri zum Hero. Durchschaut alle Machenschaften und erkennt, dass Dörki sein einziger echter Freund ist. Entdeckt hinter Helm und Brustschutz seine perfekte Mischung aus Macho und Schmusebär. Das Dilemma moderner Männer. Doch gerade, weil Harri an allem (ver)-zweifelt, ermannt er sich. Schließlich gilt es ein Spiel und die Frau fürs Leben zu gewinnen …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=56&v=1V-adkDjncI

  1. 12. 2017

Volkstheater/Bezirke: Das Haus am See

Oktober 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Raue Schale, batzweicher Kern

Ein Bühnentraumpaar: Doris Weiner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Ich halte nur Ausschau nach etwas Interessantem, während ich drauf warte, dass ich wieder dran bin.“ Sagt Norman über Gespräche, die er (nicht) führt. Das ist so seine Art, die spöttisch-sarkastische, quasi seine Tarnung. Denn man weiß ja, wie’s so ist bei Männern – raue Schale, batzweicher Kern.

Das Volkstheater tourt zum Saisonauftakt mit einer super sympathischen Produktion durch die Bezirke: „Das Haus am See“ von Ernst Thompson, und wer glaubt, sich an einen Oscar-prämierten Film erinnern zu können, den einzigen den Jane und Henry Fonda jemals miteinander gedreht haben (außerdem Henry Fondas letzter), Katherine Hepburn als weiterer Star mit dabei, der liegt ganz richtig.

Fürs Volkstheater sind nun Doris Weiner, Michael Abendroth und Steffi Krautz in deren Rollen geschlüpft, Weiner und Abendroth, die schon vergangene Saison bei „Halbe Wahrheiten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) gezeigt haben, wie gut sie als Bühnenpaar harmonieren. Die Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken feiert mit dieser Premiere auch noch ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum am Haus.

Inszeniert hat Ingo Berk, der sein Ensemble mit leichter, aber bestimmter Hand durch das Stück führt. Die Pointen sitzen, das Tempo und das Timing stimmen – und gemeinsam hat man aus den Figuren fein ziseliert Charaktere geschaffen. Ethel und Norman verbringen also ihren 48. Sommer am goldenen See, die immer gleiche Urlaubsdestination mit alljährlich denselben Freizeitvergnügungen, was in Normans Fall bedeutet: angeln, angeln, angeln … Dies Jahr soll außerdem sein 80. Geburtstag gefeiert werden, weshalb sich nach acht Jahren Absenz Tochter Chelsea angekündigt hat. Ihr Verhältnis zum Vater ist nicht friktionsfrei. Doch Chelsea will ihren Eltern ihren neuen Lebenspartner Bill vorstellen. Man reist an – mit Bills Sohn Billy im Schlepptau. Und der Teenager wird Normans Welt ziemlich auf den Kopf stellen …

Tochter Chelsea kommt nach acht Jahren Absenz wieder an den See: Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bald wird er zum vielgeliebten Stiefenkel avancieren: Florian Appelius mit Doris Weiner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Abend lebt vom so witzigen wie gewitzten verbalen Schlagabtausch zwischen Ethel und Norman. Sie nennt ihn „morbide“, er lacht sie aus, weil sie darauf besteht „in mittlerem Alter“ zu sein. „Du bist ein altes Muttchen“, korrigiert er sie, doch Ethel lässt sich von Normans bärbeißiger Art nicht die gute Laune nehmen. Weiner und Abendroth spielen das auf höchstem humoristischen Niveau, ihr Einander-Necken sozusagen extradry. Weiners Ethel wirkt immer so, als würde sie innerlich ein Liedchen über selektive Wahrnehmung trällern, während der Ehemann vor sich hin brummelt – natürlich hat Abendroth mit Normans unmöglichem Benehmen die meisten Lacher auf seiner Seite.

Dabei hängt über den Ferien eine dunkle Wolke: Norman verliert zunehmend sein Gedächtnis, auch hat er Herzprobleme, eine Tatsache, die selbst beim Publikum für einen kurzen Herzaussetzer sorgen wird. Abendroth zeigt sich in diesen Momenten als der große Charakterdarsteller, der er ist, wenn er etwa mit verstörtem Gesichtsausdruck vom aufgetragenen Beerensammeln zurückkommt, weil er den Weg durch den Wald nicht mehr gefunden hat.

Zu diesem Zyklus aus Vergessen-haben und Sich-wieder-erinnern-Können gehört wohl eine Wampanoag-Squaw, die die Umbauten in dem von Damian Hitz mit viel Liebe fürs Detail erdachten Bühnenbild – das Innere eines putzigen Häuschens mit Wohnbereich und Essplatz und zu erahnendem Aufgang in den ersten Stock – besorgt. Die eigentlichen Einwohner, vertrieben als aus ihrer Heimat „New England“ wurde …

Postbote Charlie macht sich immer noch Hoffnungen auf Chelsea: Doris Weiner und Dominik Warta. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Deren neuer Lover Bill übt sich als Paradeschwiegersohn: Michael Abendroth und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Abendroth stattet seinen Norman mit einer trotzig vorgeschobenen Unterlippe aus, als wolle er, da auf seine Endlichkeit zurückgeworfen, eine Verlängerung seiner Existenz fordern. Das geht freilich nicht ohne zynischen Kommentar ab, in diesem Falle lässt Norman wissen, dass er nur noch Kurzgeschichten lese, weil er sich mehr sowieso nicht merken kann und sich mehr vielleicht ohnedies nicht ausgeht. Weiners Ethel macht, was derlei Frauen in solchen Situationen tun: die eigene Angst hinunter schlucken und sich nichts anmerken lassen. Inszeniert sich Norman als Problemfall, so mimt sie seinen Puffer zur Welt.

In dieses Szenario platzt lautstark die Tochter. Steffi Krautz ist eine großartige Chelsea. Auch sie Typ raue Schale, weicher Kern. Lustig und bestens aufgelegt schlüpft sie bei der Fliegentür herein, doch ist durch Krautz‘ prägnantes Spiel die Befangenheit beim Wiedersehen beinah zum Greifen nahe. Das Tackling mit dem Vater geht denn auch sofort los, nie konnte sie seinen Ansprüchen auch nur irgend genügen, auch wenn die Mutter als Schiedsrichterin zu intervenieren versucht.

Während man sich in familiären Zweikämpfen fetzt, übt Günther Wiederschwinger als Bill der zukünftige Paradeschwiegersohn zu sein. Dominik Warta ist als Postbote Charlie ein gutmütiger Einfaltspinsel, der sich, war er doch etliche Sommer lang Chelseas Jugendschwarm, immer noch Chancen ausrechnet.

Und dann ist da noch Billy. Und dann rücken Chelsea und Bill mit ihrem Anliegen heraus. Sie wollen Billy für den Rest der Ferien bei Ethel und Norman lassen, um in Europa die traute Zweisamkeit zu üben. So geschieht’s – und der Junge wird für Norman zum wahren Jungbrunnen. Florian Appelius macht aus Billy einen sich obercool gebenden 16-Jährigen, aber wie er dasteht, wie bestellt und nicht abgeholt, in Normans und Ethels Holzhausrustikalität, das ist schon sehr fein und nuanciert gespielt. Bald wird sich Norman „voll fett“ in Jugendsprech üben und Billy seine Liebe zum Angeln entdecken …

„Das Haus am See“ ist das elegante Beispiel eines aus dem englischsprachigen Raum kommenden well-made play. Die Aufführung besticht dank Ingo Berks Regie bei aller Komödiantik durch große Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit – und vor allem durch den Charme des Darsteller-Sextett, das die Wärme und Zuneigung, die diese komplizierte Familie letztendlich doch zusammenhält, jede Sekunde spüren lässt. Ein gelungener Auftakt für die Bezirke-Tournee 2017/18, ein Abend, auf den man sich freuen kann.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Minna von Barnhelm

Juli 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Happy End mit Kriegsversehrtencombo

Minna holt sich ihren Tellheim zurück: Andreas Patton und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Erschöpft und kriegsmüde lungern sie an der rostfarbenen Wirtshauswand, spielen nachlässig ein wenig Telemann und Zeitgenossen, die Teletanten Mienensingers, dieses invalide Quartett rund um Michael Pogo Kreiner. Sie geben die melancholische Baseline des Abends vor. Doch mitten unter ihnen schlägt einer laut und mit Elan die große Trommel, als wolle er mit dem Schlägel die Schicksalsschläge, die seinen Herrn trafen, zu Brei schlagen. Dessen Gespenster allerdings sind schwer zu bannen. Der Trommler ist Just, Tellheims ergebener, ergo streitlustiger Bedienter, das Stück „Minna von Barnhelm“.

Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf zeigt Regisseurin Veronika Glatzner ihre Interpretation von Lessings Lustspiel. Sehr präzise hat sie dessen Text in Szene gesetzt, ohne ihn an einer Zeit oder einem Ort festzumachen. Entstanden ist ein atmosphärisch dichter, bewegender Abend mit glänzenden Darstellern, die es verstehen, die Komik zwischen den Zeilen zu bedienen, ohne dass es komisch wirkt. Die Perchtoldsdorfer „Minna“ wird so zu einem subtilen Stück Sommertheater.

Auf beinah schon intime Weise gewährt Glatzner dem Publikum Zugang zum Seelenleben der Protagonisten, sie ziseliert die von Lessing vorbereiteten zwischenmenschlichen Feinheiten. Es sind nur Momente, die alles klären: Minna fasst Tellheim am rechten Arm, merkt, dass der taub ist. Der Major verzieht vor Schreck kurz das Gesicht – und erzählt ist seine Geschichte.

Marie und Paul Sturminger haben für die Irrungen und Wirrungen der Herzen eine Drehbühne entworfen, eine schäbige Herberge – auf der einen Seite Minnas Zimmer, auf der anderen die Wirtsstube -, deren Mittelpunkt ein zugiges, verschachteltes Stiegenhaus ist. Durch dieses stürzen, kriechen, rennen die Menschen treppauf, treppab. Hier wird geflirtet, Trübsal geblasen oder sich versteckt, hier zieht man einander das Geld aus der Tasche und die Verlobungsringe vom Finger. Immer wieder bleibt der eine oder andere Darsteller nach seinem Auftritt in einem Winkel dieser Escher’schen Anordnung Teil der Szene, so dass man ihn in seinem „privaten“ Tun weiter erleben kann.

Nikolaus Barton als loyaler Diener Just tut alles, um seinen Herrn vor weiterem Schaden zu bewahren. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Die teletanten Mienensingers: Petra Staduan, Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas und Judith Prieler. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Marie-Christine Friedrich ist eine hinreißende Minna. Emanzipiert und doch hyperventilierend schmachtend, wenn sie von ihrer großen Liebe Tellheim spricht, klug und doch spitzbübisch fröhlich, wenn sie an den Streich denkt, den sie für ihn ersinnt. Friedrichs Minna ist die praktizierte Aufklärung, ein wenig manieriert im Auftreten, ein bisschen artifiziell in der Gestik, und doch bricht sie das alles sofort wieder mit ihrer köstlich ironischen Mimik. Sie weiß mit der überspannten Logik ihres Verlobten nicht das Geringste anzufangen – und trotzdem versteht sie ihn. Das ist die Kunst der Frauen. Wenn sie erst beschlossen haben, das Glück in die eigenen Hände zu nehmen.

Zur Seite steht ihr die großartige Anna Unterberger als Franziska. Als resches, puckhaftes Kammerkätzchen agiert Unterberger sozusagen gebremst. Selbst im Beisein ihrer Herrin benimmt sie sich völlig ungeniert und mit Augenmerk aufs eigene Interesse – siehe den minnenden Sölder Paul Werner, den Roman Blumenschein gibt. Mit Friedrich und Unterberger macht Glatzner ihre „Minna“ zum Frauen-Power-Stück.

Im Stiegenhaus, wo man sich trifft: Roman Blumenschein, Nikolaus Barton, Anna Unterberger und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Nicht nur mit steifem Arm, sondern auch mit Stiff Upper Lip spielt Andreas Patton den Tellheim. Er suhlt sich geradezu in seinem Unglück, kann formidabel wahlweise trotzig oder betropetzt dreinschauen. Sehr schön, wie er jeden Brief recht umständlich mithilfe seiner Füße oder Zähne aufmachen muss, die Prozedur sein „Ecce homo“.

Patton, diese Saison eine Art Spezialist für gar nicht lustige Lustspielhelden (siehe sein Fernando in der Volkstheater-„Stella“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810), fügt dem in den Wirren des Siebenjährigen Krieges abgewirtschafteten, vergrübelten Major eine nicht oft ausgespielte Facette hinzu. Eine ewiggültig moderne. Er zeigt in seiner Darstellung nicht nur selbstbeschädigenden Stolz und falsch kanalisiertes Ehrgefühl, weshalb er die geliebte Frau vor der Ehe mit einem „Krüppel“ bewahren will, sondern ebenso, wie der Verlust von ökonomischer Freiheit nach und nach das Selbstwertgefühl ermordet …

Nikolaus Barton ist als Tellheims Bedienter Just ein Kraftlackel; misstrauisch, weil eben loyal, lässt er über seinen Herrn nichts kommen. Dominik Warta ist ein naseweiser, neugieriger Wirt.

Den beiden gelten im Wesentlichen die Lacher der Zuschauer. Am Ende reihen sie sich alle auf und singen mit den Mienensingers Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas, Judith Prieler und Petra Staduan Telemanns „Glück“: Als stilvolles Finale einer so poetischen wie unterhaltsamen Aufführung. Viel Applaus und großer Jubel.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2017