Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

Colette

Januar 3, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Frau schreibt sich den Weg frei

Colette arbeitet an den „Claudine“-Romanen: Keira Knightley. Bild: © Filmladen Filmverleih

In diesem Winter der Schriftstellerinnen-Biopics glänzt Wash Westmorelands „Colette“, der am Freitag in den Kinos anläuft, wie ein Solitär. Vom Drehbuch voll brillanter Dialoge, Westmoreland schrieb es noch gemeinsam mit seinem später verstorbenen Ehemann Richard Glatzer, über die wunderbaren historischen Settings bis zum geistreich-ironischen Spiel der Protagonisten stimmt an diesem üppigen Kostümdrama rundum alles.

Westmoreland feiert mit seinem Film die Opulenz der Dekadenz, die Zeit ist die Jahrhundertwende, der Schauplatz Paris, und versteht es, in diesem Lebensgefühl die Emanzipationsgeschichte einer der erfolgreichsten Autorinnen Frankreichs zu verpacken. Als diese brilliert Keira Knightley in einer Art, dass sie The Playlist schon als Oscar-würdig pries.

„Colette“ konzentriert sich auf deren Anfangsjahre. Später wird die Verfasserin erotischer Literatur noch Nackttänzerin am Varieté sein, wird „La Vagabonde“ und das zum Musical adaptierte „Gigi“ schreiben, wird mit Männern wie Frauen verkehren, wird sie sich mit Nazis treffen, um ihren dritten Ehemann, einen jüdischen Perlenhändler, aus Gestapohaft freizubekommen, wird die katholische Kirche, die ihr Werk schon früh auf den Index setzte, ihr die Bestattung verweigern, weshalb ihr die Regierung, als erster Frau überhaupt, ein Staatsbegräbnis ausrichtet, wird sie von Marcel Proust bis Simone de Beauvoir vielzitiert sein, wird der Platz vor der Comédie-Française ihren Namen tragen …

Im Film lernt man Sidonie-Gabrielle Claudine Colette zunächst als Mädchen vom Lande kennen, als naturverbundenes Temperamentsbündel, dem der doppelt so alte und schwer selbstverliebte Henry Gauthier-Villars im Elternhaus in der Bourgogne den Hof macht. Man wird einander erst im Heu treffen, dann heiraten, wofür der Bräutigam sogar auf sein beträchtliches Erbe verzichtet, und Westmoreland ist weise genug, Colettes Zauber, der zu diesem Entschluss führte, nicht durchzudeklinieren, sondern sich ganz auf die Strahlkraft seiner Hauptdarstellerin zu verlassen. Klar, dass Knightley die Verwandlung vom unbedarften Wildfang zur Sensation der Pariser Salons mit Verve nimmt.

Hochzeitsfeier mit Familie: Fiona Shaw, Robert Pugh, Keira Knightley und Dominic West. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit dem Kennenlernen von Missy verändert sich Colette: Keira Knightley. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dominic West spielt Gauthier-Villars, genannt „Willy“, als gewitzt-charmanten Schwerenöter, so theatralisch wie eine Shakespeare-Figur, als König in seinem Reich der exaltierten, extravaganten Selbstdarsteller, für den diverse Amouren zum Alltag gehören. Nie ist er um ein Bonmot verlegen, doch tatsächlich leidet Willy, der als Literat wie als Theater- und Musikkritiker einen vorzüglichen Namen hat, an chronischer Schreibblockade, gegen die er sich eine Herde Ghostwriter hält. „Literatur-Fabrikant“ nennt er sich spöttisch selbst, und Colette, in der er beträchtliches Talent entdeckt, wird einer seiner „Geister“. Als ihr autobiografischer Debütroman über „Claudine“ zum Bestseller wird, schließlich daraus eine Buchreihe, schließlich eine ganze Markenwelt von Parfums bis Accessoires, streift natürlich Willy – aufgrund seines Dandytums notorisch pleite – Ruhm und Geld ein. Ohnedies sprächen die gesellschaftlichen Regeln der Zeit gegen eine Frau als Schöpferin dieses frivolen Fräuleins.

Es wäre nun ein leichtes gewesen, diese Ehe als Ausbeutung zu brandmarken, in der Willy, was wirklich so passiert ist, seine Frau täglich für Stunden einsperrt, damit sie produziert. Doch Westmoreland, und mit ihm Knightley und West, gehen subtiler vor. Colette und Willy inszenieren sich, stilisieren sich zum Powerpaar. Wests Willy ist nicht nur von bestechender Virilität, sondern auch von einer unverblümten Ehrlichkeit, die ihn mit so mancher Sünde davonkommen lässt, weil viele, auch Colette, seinem Sog nicht widerstehen können. Knightleys Colette sieht anfangs durchaus die Vorteile der Verbindung zu Willy, nie ist sie sein Opfer, sondern wird zur gewandten Salonlöwin, zur Liebhaberin beider Geschlechter, dies durch Willys ausdrückliche Ermunterung. Man hält sich einen Cercle an Gespielinnen und Gespielen, und Mann wie Frau beginnen eine Affäre mit der amerikanischen Waffenhändlersgattin Georgie Raoul-Duval, eiskalt dargestellt von Eleanor Tomlinson, was zu familiären Turbulenzen führt.

Westmoreland nimmt sich die Zeit, dies alles darzulegen, er widmet sich der Ambivalenz des Künstlerdaseins, und dass er seine Message in der Konvention schöner Bilder rüberbringt, bedeutet nicht, dass er über Colettes Subversion, ihren Nonkonformismus, die Kontroversen rund um sie, zu wenig zu sagen hätte. Die Verwandlung, die Loslösung von Willy, die Einforderung ihres Rechts auf Anerkennung als Autorin wie auf ein selbstbestimmtes und selbstverwirklichtes Leben kommt mit dem Kennenlernen von Missy. Die großartige Denise Gough spielt die Marquise Mathilde de Belbeuf, die klassische Gendernormen infrage stellt, indem sie sich als Mann kleidet und gibt, was sie sich als Tochter eines Halbbruders von Napoleon III. leichthin leisten kann. Auch Colette beginnt, Hosen zu tragen. Und: Sie schreibt sich sozusagen den Weg frei.

Ganz und gar Lebemann: Der nichtsahnende Willy lässt sich von seinen Fans feiern: Dominic West. Bild: © Filmladen Filmverleih

Detailgetreu nach Fotografien stellt Westmoreland den Auftritt der beiden Frauen im Moulin Rouge 1907 nach, wo sie sich in der Pantomime „Rêve d’Égypte“ auf offener Bühne küssen. Es kommt zum Schmeißen von verrottetem Gemüse, zur Schlägerei, zum Polizeieinsatz. Und wieder ist Willy Drahtzieher des publicityträchtigen Skandals …

Mit „Colette“ ist Wash Westmoreland ein Film gelungen, in dem er mit Scharfsinn, Humor und Wärme über Sexualität und Geschlechterklischees sinniert. Es ist nicht zu viel, zu sagen, man merke dem Ergebnis an, wie sehr ihm das Thema persönlich am Herzen liegt. Allein, dass er das Projekt nach dem ALS-Tod seines Partners zu Ende gebracht hat, nötigt einem Respekt ab.

dcmworld.com/portfolio/colette/

  1. 1. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Bronski & Grünberg: Pension Schöller

Dezember 13, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fest an den lockeren Schrauben gedreht

Philipp Klapproth am Ende seiner Kräfte: Claudius von Stolzmann, Gioia Osthoff, Benjamin Vanyek und Martina Dähne. Bild: © Andrea Peller

Es ist, ob legendärer Inszenierungen an den Kammerspielen, immer ein gewisses Wagnis in Wien „Pension Schöller“ zu zeigen. Der dort regieerfahrene Fabian Alder hat’s nun im Bronski & Grünberg getan, hat radikal viel gewagt – und alles gewonnen. In seiner Neufassung dockt das beinah 130 Jahre alte Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs geradezu demonstrativ an der Jetztzeit an.

Alder hat, ohne Irr- oder Sprachwitz des Originals zu beschädigen, die Charaktere weitergedacht und fortgeschrieben, hat fest an deren lockeren Schrauben gedreht, und schafft es, mitten im größten Spaß, ein hinterlistiges Statement zum Heute abzugeben. Die Welt anno 2018 – ein Narrenhaus.

Die Handlung ist bekannt. Privatier Philipp Klapproth will, weil er eine seiner Villen in ein Sanatorium für nervlich Angegriffene verwandeln möchte, in Wien eine Klapsmühle besuchen. Sein Neffe Alfred, der vorhat, ein chices Geschäft für sinnlos überteuerte Wohnaccessoires zu eröffnen, und dafür dessen finanzielle Unterstützung braucht, führt den Onkel zu einem Gesellschaftsabend in der Pension Schöller.

Was in Wahrheit nicht mehr als ein Zusammentreffen eines freilich exaltierten, aber keineswegs geisteskranken Künstlerkreises ist, ist für Klapproth pure Psychiatrie. Doch weil sich Klapproth immer mehr in seinen Begegnungen mit den vermeintlichen Insassen verstrickt, nehmen die Verwirrungen naturgemäß ihren Lauf. Um deren grelle Komik zu illustrieren, hat Kaja Dymnicki ein mit pinker Luftpolsterfolie überzogenes Bühnenbild erdacht, die Kostüme von Julia Edtmeier kontrastierend dazu in ihrer spießigen Kleinkariertheit. Darin gelingt dem Ensemble mit viel Spielfreude und hohem Tempo, zwischen Handgreiflichkeiten und Slapstick-Stürzen, großartiger Boulevard.

Martina Dähne gibt mit Verve die beherzte Pensionswirtin, die mit ihren „internationalen“ Soiréen das Ende der Demokratie in Europa abwenden will – vorausgesetzt die Subventionen dafür fließen. Benjamin Vanyek bezaubert in der Paraderolle als Schöllers schwuler Sohn und „logopädisch herausgeforderter“ Jungschauspieler mit Abscheu vor der strukturellen Ausbeutung am Theater. Hinreißend, wie er als Showhighlight „Oh mein Papa“ nispelt, und nogisch, dass er in Dominic Marcus Singers aufgeräumtem Alfred sein Liebesglück findet.

Ein verdächtiges Geschenk vom Globetrotter: Claudius von Stolzmann und David Oberkogler. Bild: © Andrea Peller

Die Postdramatikerin im Infight mit dem Major: Gioia Osthoff und Thomas Weissengruber, hinten: Martina Dähne, Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Hier findet zusammen, was zusammen gehört: Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Die Schauspieler schmieren und klamauken sich derart Vollgas durch ihre Rollen in dieser gegenüber dem 1890er-Stück noch  zugespitzten Farce, dass es eine Freude ist. Das „Kasperltheater“ mit dem die Kaffeehausszene beginnt, ist auch in Folge wörtlich zu nehmen. David Oberkogler spielt den Löwenbändiger Bernhardy, der hier hauptberuflich ein mittelschwer narzisstischer Auslandskorrespondent ist, immer bereit über seine zahlreichen Journalistenpreise zu schwadronieren oder eine „kritisch-unabhängige“ Frage zu platzieren.

Gioia Osthoff ist als Schriftstellerin, nun mit dem Namen „Weißgarnix“, zur feministischen Postdramatikerin avanciert, die ihr Umfeld mit ihren unverrückbaren Gender-Positionen nervt. Thomas Weissengruber ist – mit einem Riesenrepertoire an wutbürgerlicher Mimik – als cholerischer Major a. D. zu sehen, dessen Karriereende mit dem (tatsächlich Pilz’schen) Sager vom „Höschen aus Paris“ zu tun hat, und der daher in funktionierende Opposition gehen will. Solcherlei Bezüge stellt Fabian Alder mit Vorliebe her. Und nicht immer nur geht es dabei um politische Fettnäpfe, sondern im extremsten Fall um einen wieder gesellschaftsfähigen Faschismus.

Philipp Klapproth nämlich, von Claudius von Stolzmann lange Zeit ganz prima als Provinztropf angelegt, ist nämlich aus Chemnitz. Was nicht nur diverse Seitenhiebe zur aktuellen Lage hierzu- und im Nachbarlande zulässt, sondern auch eine Schlusspointe, in der sich das vorgeblich so harm- wie arglose Onkelchen als Drahtzieher einer Operation, genannt „Schöne braue Donau“, enttarnt. Was es damit auf sich hat, sollte man sich selber anschauen. Nur so viel: Zum Schluss heißt es nicht nur Komödienfeuer frei.

Auch in seiner dritten Saison erweist sich das Bronski & Grünberg mit dieser High-Speed-Aufführung als erste Adresse für absurden, bissigen Witz und scharfsinnigen Schabernack. Mit diesen Mitteln ist dem Wahnsinn dieser Tag wohl am besten beizukommen, sozusagen Lachen als Theater- und Lebenskonzept. Erst kürzlich ergab eine Studie der Medizinischen Universität Wien, dass, wer schwarzen Humor mag, einen höheren Intelligenzquotienten und ein niedrigeres Aggressionslevel als andere hat …

www.bronski-gruenberg.at

13. 12. 2018

Kammerspiele: Vier Stern Stunden

September 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den besten Stellen eine bitterböse Satire

Susa Meyer und August Zirner. Bild: Rita Newman

Man amüsiert sich köstlich. Natürlich auch insiderisch, weil hier ein Metier und damit einhergehende Situationen aufs Korn genommen werden, dass einem nur allzu gut bekannt sind. Der Literaturbetrieb. Dessen Starrummel. Der Zustand, sich als Interviewender vom Interviewten vorführen lassen zu müssen – ohne Aussicht auf Rettung.

An den Kammerspielen der Josefstadt wurde Daniel Glattauers „Vier Stern Stunden“ uraufgeführt, und der Erfolgsstücke-Lieferant fürs Haus gab in bewährter Manier auch diesmal eines ab. Für den ehemaligen Journalisten, nunmehrigen Bestsellerautor, der seine Texte gern aus selbst Erfahrenem schöpft, war es sichtlich naheliegend, sich einmal die eigene, die schreibende Zunft vorzunehmen.

Und so ist „Vier Stern Stunden“, noch prägnanter geworden als die Komödien-Vorgänger. Die sarkastischen Dialoge laufen wie am Schnürchen, die Situationskomik hat den Zeitgeist eingefangen und tanzt mit ihm Ringelreihen. An den besten Stellen ist das Stück eine bitterböse Satire, und weil der Glattauer eben der Glattauer ist, kommt auch das Menschlich-Herzliche nicht zu kurz.

Gezeigt werden die Vorkommnisse im Reichenshoffer „Kulturhotel“. Dort hat man es sich zur Aufgabe gemacht, berühmte Schriftsteller einzuladen und den ansonsten zwischen Degustationsmenü und Bridgepartien pendelnden Gästen als „Künstlergespräch“ zu servieren. Ein diesbezüglicher Witz über Altersgrenzen kommt beim Kammerspiele-Publikum gut an. Nun also ist Frederic Trömerbusch an der Reihe. Der Romancier reist mit seiner deutlich jüngeren Freundin Lisa an, die vom mühseligen Egomanen längst genug hat. Außerdem klappt’s nicht mehr mit dem Sex, hört man zwischen den Zeilen, es gibt Streit. Die beflissene Kulturjournalistin Brem wird auf der Hotelbühne ergo Trömerbuschs Opfer. Sie, die sich für das Gespräch mit ihrem Idol so gewissenhaft vorbereitet hat, kann keine Frage platzieren, ohne dass die nicht in der Luft zerrissen würde (ob es ein Wort gebe, mit dem man alles ausdrücken könne, fragt sie, ja, antwortet er, „alles“). Und dann ist da noch der tollpatschige Hotelier David-Christian, der die angespannte Lage nicht besser macht …

Dominic Oley und Martina Ebm. Bild: Rita Newman

Glattauer-Spezialist Michael Kreihsl hat wieder mit viel Gespür fürs richtige Timing inszeniert. Sein Darstellerquartett ist hervorragend, besteht aus August Zirner als Trömerbusch, Martina Ebm als Lisa, Susa Meyer als Mariella Brem und Dominic Oley als Reichenshoffer-Sproß. Ihr sympathisches Schauspiel ist es, dass dem Abend eine ganz besondere Note verleiht. Ece Anisoglu hat fürs Bühnenbild alles an Achtziger-Jahre-Anticharme aufgeboten, was möglich war, zwischen verblichenen Tapeten und einem – dies offenbar die einzige Modernisierung seit anno Schnee – Raucherkabäuschen wird geliebt und gelitten.

August Zirner gibt einen zwischen Selbstverherrlichung und Selbstzweifel changierenden Literaturgott, zwar ist die missgelaunte Berühmtheit Trömerbusch zweifelsfrei ein Ekel, doch gelingt es Zirner mit seinem fabelhaften Spiel auch dessen Verletzlichkeit zu zeigen. Mit Susa Meyer und ihrem Abgefertigt-Werden lässt sich wunderbar mitleiden, Dominic Oley überzeugt als Kultur-Erbe, der kein Kulturerbe mehr will, einmal mehr mit seinem komödiantischen Können, Martina Ebm als freche Bloggerin Lisa.

Dass diese sich für ihre Webseite mit einem schwarzen Niqab – nicht Burka, wie es auf der Bühne heißt, Burka ist ein meist blauer Überwurf mit eingearbeitetem Sehgitter – verkleidet, um unter der dörflichen Bevölkerung eine negative Reaktion darauf zu provozieren, ist die einzige Szene, die, weil zu politisch spekulativ, vor allem, als dann noch das Wort „Vermummungsverbot“ fällt, entbehrlich ist.

Am Ende ergeht sich Glattauer in feinen Definitionen über die Vorsilben ver- und ent-. Verlassen – er von Lisa -, sagt Trömerbusch, ist schlecht, entlassen – Mariella von David-Christian – ist gut, weil die Möglichkeit in neue Freiheiten aufzubrechen. Die Brem kontert mit ihrem Gegenbeispiel von verzaubern – gut / entzaubern – schlecht. Und so findet sich, was zueinander gehört. Die einen bei Fußball und Popcorn, die anderen in ihrer Überzeugung, dass Literatur das schönste Leben ist. Die nächsten Vorstellungen von „Vier Stern Stunden“ sind bis auf ein paar Plätze ausverkauft, man sollte sich beeilen, um noch Karten zu bekommen.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018