Elisabeth Scharangs Unterweger-Film kommt ins Kino

August 31, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch ist „Jack“

Bild: © Thimfilm

Bild: © Thimfilm

Diese Woche wird Österreich seinen Kandidaten für den Auslandsoscar bekannt geben. Die Aufgabe sollte angesichts von Elisabeth Scharangs Kinofilm „Jack“ eigentlich ein No-Brainer sein. Nicht (nur), weil der Fall Unterweger bis nach Los Angeles führt und die Amerikaner deshalb mit der Story mutmaßlich was anfangen können, sondern viel mehr, weil genau das wurscht ist. Kinostart der epo-Film-Produktion ist am 11. September.

Da sitzt er also nackt in seiner neuen Wohnung auf dem Fußboden und lacht. Nur für Sekunden. Schiach ist das. Zum Fürchten ist Johannes Krisch als „Jack“, als Bad Boy mit den Originaltattoos. Ein Dr. Jackyll und Mr. Häfnpoet. Er hat etwas Intensives, Raubtierhaftes – und diese Stimme – ein Gänsehautgarant, oder besser: eine, die leicht erotisch-wohlige Schauer macht. Hier macht ein Täter kein Geheimnis aus seinem Trieb … Schon in die Falle gegangen, schon interpretiert, schon projiziert auf diese Schauspielfläche, die Scharang anbietet. Die Regisseurin und Drehbuchautorin hat Unterweger Anfang der 90-er Jahre kennengelernt. Nach mehreren Versuchen einer Doku hat sie einen Spielfilm gemacht. Fern aller Mythen, Klischees und Meinungen. Fern von Schuld- und Unschuldsvermutungen. „Jack“ ist kein Unterweger-Biopic. Scharang dekliniert dieses Leben nicht durch. Sie hat sich von den Fakten gelöst, um Fiktion, um Fantasie leben zu lassen. „Jack“ ist absoluter als es ihr Friedrich-Zawrel-Film „Mein Mörder“ sein konnte und ihre Franz-Fuchs-Semidoku sein wollte. Er variiert gekonnt und kunstvoll Realität.

Scharang nähert sich ihrer Hauptfigur über Frauencharaktere. „Jack“ trianguliert eine ménage à trois. Da ist die von Corinna Harfouch großartig gespielte Architektin Susanne, eine Rolle, angelehnt an die Frau eines österreichischen Industriellen, Unterwegers heimliche Geliebte, die für einen Großteil seiner Unkosten inklusive Wohnung aufkommt, die mit masochistischer Hingabe den liebt, der Grenzen überschreitet, sobald er an Grenzen stößt. Da ist die Journalistin Marlies, von Birgit Minichmayr als berechnende Bitch dargestellt. Die „Heilige“, die mit Jack Sex hat, und die „Hure“, die ihn vermarktet, die die mediale Hysteriemaschine durchaus aus Eigennutz befeuert. Wie sie bei seiner Buchpräsentation in die Menge grölt: „Literat und erfolgreicher Frauenmörder!“ Da ist Jacks Mutter (Inge Maux), die ihn mit ihrer Penetranz zu Wutficks mit Prostituierten animiert. Da ist Sarah Viktoria Fricks „Charlotte“, die bei dem einen gestandenen Sexualmord dabei war. „Ich kann mich selber nicht vergessen, schade, dass du mich auch nicht vergessen kannst“, sagt sie, als er sie nach Jahren, nach verbüßter Haftstrafe aufstöbert. Selbst die grausliche Kulturschickeria wird mit Birgit Doll als Frau personifiziert. Auch in dieser Beziehung löst Jack, die Resozialisierertrophäe, eine Rolligkeit aus. Jack, die Sau, die durchs Künstlerdorf getrieben wird … Bestechend agiert auch Paulus Manker als Psychologe Ziehofer, ein süffisaner Zweifler an Schönredetheorien, einer, der keine Sekunde an Jacks Unbeflecktheit glaubt, der sich festgebissen hat, der daheim eine Profilertafel mit Fotos und Zeitungsausschnitten über die Prostituiertenmordserie füllt.

„Jack“ ist ein spröder Film. Subtil, brutal, poetisch, fordernd, ausgestattet mit einer Unterkühltheit, die dem Thema gut tut. Der meiste Text (ent-)steht in den Sprechpausen. Scharang inszeniert den Selbstinszenierer Jack narzistisch wie ein Gerichtsgutachter: Krisch, in dessen Gesicht es unablässig arbeitet, mit verwegen wehendem Mantel, das ist fast schon John Woo. Kameramann Jörg Widmer, Terrence-Malick-erfahren, schuf dazu Traumbilder von beklemmender Schönheit. Klaustrophobischen Gefängnismomenten stellt er Naturaufnahmen, rasante Kamerafahrten über Schneeflächen und Waldbächleinantiidyll, gegenüber. Eine bizarre Vogelperspektive, als in der von weihrauchigem Nebel durchwaberten Baumkathedrale von plastikweißgewandeten Trupps Leichen geborgen werden. Die eindringliche Musik von Naked Lunch komplettiert die Stimmung; Oliver Welters schmerzhaft zerrissene Stimme erschafft einen Jack, Facetten von Jack, wie es ohne sie nicht möglich gewesen wäre.  Am Schluss kommen die beiden zusammen, Welter und Krisch, singen was passt: Weeping Dog. Da trifft Jack sein (erstes) Opfer; die Winterwunderwelt ihrer Todesstätte ist für ihn schon jenseitig. Kein rechtskräftiges Urteil mehr möglich. Außer das über diesen Film. Es lautet schlicht: grandios.

www.jack-film.at

Wien, 31. 8. 2015

Mörderbienen unter sich

Februar 8, 2013 in Bühne

Besprechung mit Regisseurin Maria Happel (re.): Arens, Folkerts, Jirku, Weidenmüller, Schwarz, Doll, Köndgen und Gersthofer (v. li.).

05.12.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/2

Zickenkrieg in St. Pölten

Maria Happel probt in St. Pölten „Acht Frauen“. Mit dabei: Jessica Schwarz und Ulrike Folkerts.

Nicht mitzuspielen fällt ihr schon schwer. „Je fertiger es wird, um so mehr kriegt man Lust, auch oben zu stehen“, sagt sie. Oben, das ist die Bühne des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten. Und sie ist Maria Happel, Regisseurin der Kriminalkomödie „Acht Frauen“, die am 7. Dezember Premiere hat.
Eine illustre Damenrunde hat sich der Burgstar für seine Inszenierung zusammengestellt: Babett Arens, Birgit Doll, Ulrike Folkerts, Swintha Gersthofer, Christine Jirku, Cornelia Köndgen, Jessica Schwarz und Lisa Weidenmüller. Was die Frauen zusammen führt, ist ein Mord. An Hausherrn Marcel.
Natürlich hat jede – von der Verwandtschaft bis zum Personal – ein Motiv.

In den letzten Probentagen geht’s naturgemäß hoch her. Ein Plüschwürfel fällt nie dorthin, wo er soll. Ein Luster bewegt sich grundlos auf und ab. Und irgendwann sagt Birgit Doll: „Bitte, das Quietschen der Schneemaschine geht mir wahnsinnig auf die Nerven. Kann man das einstweilen abstellen?“

Impressionen
Gelächter und Zustimmung. Zickenkrieg betonen die Schauspielerinnen gibt’s ausschließlich als Handlung. Theater wird dort gemacht, wo’s hingehört – auf der Bühne. Vor allem für Filmschauspielerin Jessica Schwarz, die als sexy Kammerkätzchen Louise zum ersten Mal Theaterluft schnuppert, ist diese Erfahrung toll.

„Ich bin sehr froh, dass man bei den Kolleginnen so gut eingebettet ist und sich auch Tipps holen kann. Ich bin ja gewohnt am Set in kleinen Teams zu arbeiten. Nun, so laut zu agieren und demnächst vor Publikum, das geht mir schon im Kopf herum“, so Schwarz.
Trotzdem macht’s Spaß.

Findet auch Ulrike Folkerts, die Marcels Schwester Pierette spielt, und hofft, dass die gute Laune im Team, dazu führen wird, dass sich auch die Zuschauer amüsieren. Als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal und 2005/2006 als Tödin im Jedermann hat sie Erfahrung mit der Materie: „Ich finde es reizvoll, dass der Tod in allen Genres, egal ob Tragödie, Komödie oder Film, Platz hat. Tod gehört zum Leben. In diesem Stück kann ich einmal ganz anders damit umgehen.“
Gesungen wird auch.

Jede hat ihr Chanson. Was die einen mehr – Christine Jirku: „Ich möcht’ am liebsten alle Lieder selber singen!“ –, andere im Zweifel über ihr musikalisches Talent weniger begeistert. Bernhard Moshammer hat die Lieder komponiert und getextet.
Babett Arens, seit dieser Saison fester Gast am Haus und nach dieser Produktion mit ihrer eigenen Regiearbeit, Jean Tardieus „Die Liebenden in der Untergrundbahn“ beschäftigt, stakst übers Bühnenbild.
Von Feld zu Feld zu Feld.

Fuchs und Henne

Das Ganze ist nämlich ein Spielbrett, ähnlich „Fuchs und Henne“, das sich später in eine Art Schach verwandelt. Die Türen sind Spielkarten. „Meinen Zauberkasten“, nennt das Happel. Die dem Abend jeden „Naturalismus“ runtergeräumt hat. Man gibt sich exaltiert, extravagant, temperamentvoll.

Man stellt sich aus.

So „endlich mal ohne Mann“ zu spielen (Jessica Schwarz), „in unserem Weiberstadl“ (Cornelia Köndgen) finden alle angenehm. Frau Regisseurin korrigiert: „Ein Mann spielt bei uns eine ganz wichtige Rolle: Unser Souffleur.“

Alle lachen.

 

 

„Acht Frauen“ in St. Pölten

Februar 8, 2013 in Bühne

Team: Schwarz, Jirku, Folkerts, Köndgen, Weidenmüller, Arens (v. li.).

 09.12.2012, Von Michaela Mottinger http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

Auf dem Spielbrett werden Karten neu gemischt

Maria Happel inszeniert „Acht Frauen“ und setzt dabei auf Spiel im Spiel

Ein Teil des Publikums war enttäuscht. Ihm fehlten Herrenhaus, Salon, Sofa …
Das ist ungerecht. Denn Regisseurin Maria Happel hat eine neue Version für Robert Thomas’ Kriminalkomödie „Acht Frauen“ erfunden. Sie macht setzt aufs Spiel im Spiel. Ihre Darstellerinnen staksen über ein schräges Brett, das einem „Fuchs und Henne“ nicht unähnlich sind; die Türen zu den Zimmern sind Karten. So hat Happel dem sogar verfilmten Stück allen „Naturalismus“ runtergeräumt. Man gibt sich exaltiert, extravagant, outriert.
Ihre Damenriege (Birgit Doll, Swintha Gersthofer, Lisa Weidenmüller, Christine Jirku, Babett Arens, Cornelia Köndgen, Jessica Schwarz und Ulrike Folkerts) beherrscht das wunderbar.

Allen voran Birgit Doll, die als Neo-Witwe Gaby, die Truppe anführt. Sie und Ulrike Folkerts (Schwägerin Pierrette) beweisen auch Talent als Chansonniere, hat doch Bernhard Moshammer jeder Frau ein Lied auf den Leib geschrieben. Filmstar Jessica Schwarz,die zum ersten Mal Theater spielt, überzeugt als sexy Kammerkätzchen.
Dass jede hier so brillant ist, dass sie die Mörderin von Hausherr Marcel sein könnte, versteht sich von selbst.