Volksoper: Wonderful Town

Dezember 10, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sarah Schütz rockt die Show

In Greenwich Village geht es hoch her: Olivia Delauré als Eileen, Sarah Schütz als Ruth, Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis, Ines Hengl-Pirker als Violet, Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit Standing Ovations endete gestern Abend die Premiere von „Wonderful Town“ an der Volksoper. Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wollte Hausherr Robert Meyer dem Publikum etwas Besonderes bieten, und das ist mit dieser Musical-Rarität hervorragend gelungen. Stimmt an der Aufführung, die Inszenierung eine Koproduktion mit der Staatsoperette Dresden, doch einfach alles – von der gewitzten Regie Matthias Davids‘ über das schwungvolle Dirigat von James Holmes.

Bis zu den darstellerischen Leistungen, allen voran die von der Elbstadt nach Wien übersiedelten Volksopern-Debütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar Ruth und Eileen Sherwood. Sarah Schütz rockt die Show! Inhaltlich ist „Wonderful Town“ keine große Sache: Die beiden Landpomeranzen Ruth und Eileen kommen aus Ohio in den Big Apple, um dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten auszuloten. Die eine ist klug, aber ungeküsst, die andere eine Schönheit, erstere will Schriftstellerin werden, zweitere Schauspielerin. Man mietet eine schäbige Unterkunft in Greenwich Village – und schon geht das Spiel um viele Verehrer und ein paar Troubles los, Happy End absehbar. Joseph Fields und Jerome Chodorov schrieben das Libretto entlang ihres Theaterstücks „My Sister Eileen“, Betty Comden und Adolph Green die Liedtexte, und erst diese in Kombination mit Bernsteins famoser Musik machen das Musical aus dem Jahr 1953 einzigartig.

Die brasilianischen Seekadetten interessiert nur die Conga: Olivia Delauré als Eileen und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ruth überzeugt die Gäste im Village Vortex vom Swing: Sarah Schütz und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bernstein lässt den Rhythmus New Yorks in all seinen Facetten pulsieren. Rasant reiht sich Broadwaysound an Jazzelemente an Swing, dann wieder wird’s statt stürmisch smooth. James Holmes führt das Volksopernorchester mit viel Drive wie eine Big Band, er folgt Bernsteins Einfallsreichtum punktgenau, kann’s etwa bei der Conga der brasilianischen Seekadetten witzig-spritzig, beim Schwesternduett „Ohio“ auf Country-&-Western-Art oder bei Robert Bakers „Ein stilles Girl“ elegisch lyrisch. Matthias Davids belässt die Handlung in den 1930er-Jahren, er hat sich mit seiner wirbelwindigen Arbeit am Stil der Screwball-Comedys orientiert, setzt auf Tempo, Temperament und Timing, und setzt auf den Wortwitz der für Wien von Christoph Wagner-Trenkwitz angepassten Vorlage.

Damit die zahlreichen Szenenwechsel ruckzuck funktionieren, hat Mathias Fischer-Dieskau ein Bühnenbild aus einer drehbaren Skyline und verschiebbaren Skyscrapern, inklusive Flat Iron und Chrysler Building, erdacht, das den American Dream im Reich und Arm zwischen dem abgewohnten Souterrain der Sherwood-Schwestern und von Neonreklame beschienenen Nachtklubs ansiedelt. Als Kostüme gibt es dazu von Judith Peter stilgerecht schwingende Glockenkleider, Trenchcoats samt kecken Hütchen und Marlenehosen.

Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

In diesem Setting dreht sich das Großstadtkarussell um Sarah Schütz und Olivia Delauré. Und die beiden erweisen sich nicht nur als sängerisch wunderbares Sopran-Alt-Duo, sondern auch als großartige Komödiantinnen, die herb Nüchterne und die flirty Naive, die es verstehen, mit trockenem Humor ihre Pointen zu setzen. Delauré gibt die Eileen mit Charme und jener unschuldigen Mädchenhaftigkeit, in der ihr gar nicht bewusst zu sein scheint, dass die Männer um sie kreisen, wie die Motten ums Licht. Das Bühnengeschehen allerdings dominiert Sarah Schütz, die ihre Ruth mit einer gepfefferten Portion Sarkasmus ob ihres Nicht-so-hübsch-wie-die-Schwester-Seins ausstattet. Schütz hat Stimme, Spielfreude und Showtalent – und sorgt für etliche starke Momente. Etwa, wenn sie ihre „Hundert gold’nen Tipps, einen Mann zu verlier’n“ zum Besten gibt. Oder, wenn sie, als der Zeitungsredakteur Robert Baker endlich ihre melodramatischen Kurzgeschichten liest, diese für ihn auch gleich visualisiert.

Die Herren haben es neben so viel Frauenpower nicht leicht, zu bestehen. Hervorragend gelingt das Drew Sarich als verkopftem Bob Baker, der erst einen Schubs in die richtige Richtung Liebe braucht, ein gelungenes Rollenporträt von Sarich, wie Bob vom beruflichen Verlierer zum Gewinner im Leben wird, und Peter Lesiak als abgehalftertem Footballhelden „The Wreck“ Loomis. Trotz von Direktor Meyer angekündigter Verletzung und ergo Knieschiene tanzt und tobt Lesiak über die Bühne, dass man mitunter nicht umhin kann, um sein Wohlergehen zu fürchten … Christian Graf gefällt in mehreren Rollen, darunter als Schmierfink Chick Clark, Christian Dolezal als unfreundlicher Vermieter und untalentierter Maler Appopolous, Oliver Liebl unter anderem als verhuschter Feinkost-Filialleiter Frank Lippencott, Cedric Lee Bradley als geschmeidiger Speedy Valenti.

Vorstellungsgespräch in der Zeitungsredaktion: Oliver Liebl als Redakteur, Drew Sarich als Robert Baker, Jakob Semotan als Redakteur und Sarah Schütz als Ruth Sherwood. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der begnadete Tänzer dominiert auch immer wieder die handlungstragenden, revueartigen Choreografien von Melissa King. In riesigen Chor- und Ballettszenen zeigen der Volksopernchor, der sich nicht nur in der Figurengestaltung perfekt, sondern auch in kleinen Solonummern präsentiert, und das Wiener Staatsballett die ganze Bandbreite ihres Könnens. „Wonderful Town“ an der Volksoper ist ein rundum gelungener Gute-Laune-Abend. Kein Wunder, dass es die Zuschauer zum Schluss nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=LhKenAg3pw0

www.volksoper.at

  1. 12. 2018

Rabenhof: Kottan ermittelt

November 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kultkiberer lässt diesmal die Puppen tanzen

Kottan ermittelt für Polizeipräsident Pilch nicht schnell genug: Christian Dolezal und Manuela Linshalm. Bild: Rita Newman/Rabenhof

Kottan ermittelt für Polizeipräsident Pilch nicht schnell genug: Christian Dolezal und Nikolaus Habjan. Bild: Rita Newman/Rabenhof

Im Rabenhof wird seit Donnerstagabend von „Kottan ermittelt“. Jan und Tibor Zenker wandeln trittfest in den Spuren ihres Vaters und haben nicht nur eine skurrile Show rund um den Kultkiberer auf die Beine gestellt, sondern auch einen einwandfrei spannenden Kriminalfall verfasst. Gesucht wird der „Hannibal Lecter von Hernals“ und gegen den sind von Tom Harris bis Bret Easton Ellis erdachte Literaturpsychopathen ehrlich gesagt ein Bemmerl.

Am Ende schockiert die Puppe, für die mutmaßlich in mehr als einer Hinsicht der grandiose Schauspieler Oskar Werner Pate stand, mit ihren ganz persönlichen grauenhaften „Körperwelten“. Puppentheater, wenn der diesbezügliche Großmeister Nikolaus Habjan seine Finger im Spiel hat, ist halt nichts für Warmduscher.

Neun Figuren hauchen er und seine Mitstreiterin Manuela Linshalm Leben ein. Vom rechtspopulistischen Vizebürgermeister über einen sächselnden Dresdner Muslimpunk bis zur osteuropäischen Puffmutter. Habjans Puppen-Panoptikum bevölkert dieses aberwitzige Trash-Musical, in dem Kyrre Kvam als One-Man-Orchester unter der Discokugel die größten Hits von Kottans Kapelle und andere L’amour-Hatscher, von Heino bis Drahdiwaberl als genau die Art schmieriger Alleinunterhalter zum besten gibt, den man seinem schlimmsten Feind nicht als Hauptact auf der Geburtstagsparty wünscht. Natürlich gibt’s den mit Fliegenklatsche ausgestatteten Polizeipräsident Pilch und den intrigant-dümmlichen Schrammel, die Ilse und die Mama – und es ist erstaunlich, wie sehr sich Habjan vor allem den Sprachduktus von Bibiana Zeller und den Tiroler Dialekt von Kurt Weinzierl einverleibt hat.

Einmal mehr schaut man ihm begeistert zu, wie er mit seinen Klappmaulpuppen mitlebt und -leidet, manchmal sichtlich selbst erstaunt über deren Treiben, manchmal ihren Gesichtsausdruck annehmend, wenn in Momenten höchster Emotion das Temperament mit ihm durchgeht. Den Menschen hinter der Puppe zu vergessen, ist nicht einfach, wenn ein Schauspieler wie Habjan am Werk ist. Dass die Zuschauer seine Arbeit zu schätzen wissen, machten sie erst kürzlich durch die Verleihung des Nestroy-Publikumspreis publik.

Die Mama hat die "Wunderkammer" des Frauenmörders längst entdeckt: Puppenspieler Nikolaus Habjan ... Bild: Rita Newman/Rabenhof

Die Mama hat die „Körperwelten“ des Frauenmörders längst entdeckt: Puppenspieler Nikolaus Habjan … Bild: Rita Newman/Rabenhof

... da tappt der Schrammel immer noch im Dunkeln: Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Rita Newman/Rabenhof

… da tappt der Schrammel noch immer im Dunkeln: Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Rita Newman/Rabenhof

Als quasi einziger Darsteller aus Fleisch und Blut spielt Christian Dolezal den Kottan, ein cooler, zynischer Hund, mehr zu Hause zwischen Peter Vogel und Franz Buchrieser, als ein Haberer vom Lukas Resetarits. Er lässt in seiner Hommage an den legendären Major die Puppen tanzen und singen und schrammelt auch auf der Stromgitarre. Und der Schiach geht ihn erst an, als sich ein gewisser Edgar an die sich ungeliebt fühlende Ilse heranpirscht, der – das weiß das Publikum, aber nicht der Inspektor-gibt’s-kann – seine Opfer mit dem Gift der Goldwespe gefügig macht.

Da wird er der Dolferl ganz klein und raunzig und weint nach der Mama, die in bewährter Gusti-Wolf-Manier aber eh schon längst alles aufgeklärt hat. Nebstbei löst der Kottan noch einen Fall von Korruption in den eigenen Reihen, ein paar Zeitbezüge dürfen da ebenso wenig fehlen wie die zeitlose Chris Lohner, die einmal mehr mit viel Selbstironie aus dem Fernsehkastl schaut. Am Schluss gibt’s ein Peckinpah’sches Zeitlupenfinish und Jubel-Trubel beim begeisterten Publikum, von dem zumindest die leicht angegrauten Semester vorher schon den „Supersheriff“ mitgesungen hatten.

Verantwortet wird dieser fabelhaft verrückte Abend von Hausherr Thomas Gratzer, der als Regisseur auf den Punkt genau inszeniert hat. Jede Pointe sitzt – und deren gibt es viele, das Tempo und das Timing stimmen, der Mordspaß bricht spätestens nach der Pause durch die Decke. Wer sich eineinhalb Stunden nonstop amüsieren will: Ab in den Rabenhof. Und zwar Ruck-Zuck.

www.rabenhoftheater.com

Wien, 18. 11. 2016

Was hat uns bloß so ruiniert

September 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Marie Kreutzers behutsamer Blick in die Bobo-Seele

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Paare in gepflegt verwahrloster Altbauwohnung, ein Freundeskreis, in dem nur sorgfältigst gekelterter Rotwein die Runde macht, und dann die Ansage: Ich bin schwanger! Fast ein wenig beleidigt wird gratuliert, geteilte Freude ist halbe Freude, doch dann überlegt nachzuziehen. Bobos mit Babybauch. Das ist die Grundkonstellation von Marie Kreutzers drittem Spielfilm.

„Was hat uns bloß so ruiniert“ heißt er und läuft am Freitag in den heimischen Kinos an. Ein Schelm, der dabei denkt, die Filmemacherin habe eigene Erfahrungen einfließen lassen. Die werdende Mutter Nr. eins, Stella, hat nämlich auch die Filmakademie absolviert. Die Sextett-Erfahrung soll ergo zur Doku werden, immer wieder treten die Protagonisten aus der Handlung vor Stellas Schwarzweißkamera, um zu erzählen, was das Mutter- beziehungsweise Vaterwerden aus ihnen macht und „objektiv“ Selbst/Zweifel an der Situation anzubringen.

Kreutzers leiser und leise sarkastischer Die-Macht-der-Hormone-Humor macht aus dem Film eine hinreißend charmante Tragikomödie. Kreutzer hat die Schwierigkeiten und die Schönheit der Elternschaft pointiert durchdekliniert, Motto: das Beglückende ist immer auch das Anstrengende, sie spielt ein lustvolles Spiel mit Geschlechterklischees und Rollenbildern, das heißt: deren antrainierter Ablehnung – und dies Konstrukt platzt für ihre Figuren nun wie Seifenblasen. Cool sein und forever cellulitefrei, so hat man sich’s vorgenommen, während man sehenden Auges in die Verspießerung schlittert …

Nachdem der „Wellentanz“ beim Geburtsvorbereitungskurs absolviert und die Frage, ob die PDA mit einer biologisch-dynamischen Lebensführung konform geht, geklärt ist, geht’s auf in den Glaubenskrieg Kindererziehung. Die alltäglichste Grenzerfahrung der Welt. Die weich gezeichneten Bilder von Kamerafrau Leena Koppe und der visionäre Voice-Over werden schon bald durch die Realität eingeholt: Stella und Markus, dargestellt von Vicky Krieps und Marcel Mohab, regeln die Aufgaben rund um Nachwuchs Lola paarintern basisdemokratisch. Die unfreiwillig Mutter gewordene Ines, sie spielt Pia Hierzegger, laut ihrem Partner „Impfgegnerin aus Schleißigkeit“, überantwortet Töchterchen Elvis viel und gerne Manuel Rubeys Chris. Und Mignon alias Pheline Roggan will bei Aimèe alles natürlich halten– was etwa auch den Verzicht auf Windeln bedeutet. Andreas Kiendls Luis hat da nicht viel mitzureden.

 Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln ... Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln, … Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

... weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Vicky Krieps und Manuel Rubey. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

… weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Manuel Rubey und Vicky Krieps. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Marie Kreutzer blickt ihren Figuren behutsam in die geschundenen Seelen, „Was hat uns bloß so ruiniert“ ist wie die Poetik der Beziehungskisten. Mit geschliffenen, scharfzüngig das Authentische schrammenden Dialogen beschäftigt sie sich mit Elternschaft bis zur Selbstaufgabe, mit dem Aufreiben für eine „anspruchsvolle Drittperson“, wie Luis sein Paarcrasherkind nennt, mit Optimierungswahn und dem Verschieben von Wertigkeiten, kurz damit, wie plötzlich Angst um einen anderen, einem anvertrauten die jahrelange Alles-easy-Haltung aushebelt. Da war man doch eben noch … nicht?, und plötzlich ist man gezwungen erwachsen zu werden. Das Lebensgefühl einer Generation, deren schlimmste Schrammen von ein paar Studentendemos stammen. Und die sich nun plötzlich aus ihrem Lebensentwurf gewürfelt sieht.

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Verkörpert wird das alles vom Feinsten. Vor allem Pia Hierzegger als Scheiß-mi-nix-Ines und Manuel Rubey als diese Haltung überkompensierender und beständig im Clinch mit dem aufklappbaren Kinderwagen liegender Übervater Chris sind großartig.

Andreas Kiendl wiederum versucht als Luis in das antiautoritäre Chaos seines Familienidylls ein wenig Ordnung zu bringen, was seine Lebenspartnerin fast schon als faschistoid empfindet. Kiendl kippt dabei gekonnt vom Netten von nebenan ins Ang’speistsein. Höhepunkt der Handlung ist ein Elternabend in der „Kindergrupp Kartoffelsupp“ – mit den herrlich frauenversteherischen Christian Dolezal, Till Firit und David Oberkogler, der zuletzt im Sommer bei den Festspielen Reichenau in „Doderers Dämonen“ gefiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21181) -, an dem die Giftigkeit von Rosinen und der ökologische Aspekt von Reiswaffeln diskutiert werden.

Von Selbstgefälligkeit und Schuldgefühlen, von Eitelkeit und Eifersucht geht’s zum Seitensprung. Auf Gleichgültigkeit folgt Katastrophe, die freilich zur Katharsis führen muss. Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand. Steht schon in der Bibel. Also gibt es ein Happy End. Ein dreifaches. Bei so viel kindischem Verhalten im Vorfeld ist es aber schön, dass in Stellas Doku den Kindern das Schlusswort gegeben wird. Das letzte Wort haben sie ohnedies schon längst.

www.washatunsbloss.at

Wien, 19. 9. 2016

Werk X: Unterwerfung

Februar 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Abend für intellektuelle Feiglinge

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François Bild: © Chloe Potter

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François. Bild: © Chloe Potter

Wenn Robert Rediger gegen Ende meint, der Islam hätte die Senkung der Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate bewirkt, fällt einem „Salafistes“ ein. In der Filmdokumentation von François Margolin und Lemine Ould M. Salem sagt ein Dschihadist im Wortlaut diesen Satz. Allah und die Scharīʿa wenden alles zum Guten. Der Film ist im Frankreich dieser Tage höchst umstritten. Weil er abbildet, informiert, aber nicht kommentiert. Welch ein Vorwurf an eine journalistische Arbeit.

Den Hintergrund der Werk-X-Bühne bestimmt die Houellebecq-Karikatur vom Charlie Hebdo-Titelblatt: 2022 mache ich Ramadan. Das war am 7. Jänner 2015. Da erschien sein Roman „Unterwerfung“ und das Terrorkommando in der Redaktion des Satiremagazins. Houellebecq war daraufhin in Frankreich höchst umstritten. Man warf ihm vor, dass er das kommentiert, Frankreich und der Islam. Ein Autor, der mit seiner Fiktion das Zeitgeschehen überlagert, welch ein Vorwurf an einen Schriftsteller.

Die Handlung von „Unterwerfung“ ereignet sich im Jahr 2022 in Frankreich. Ein charismatischer muslimischer Politiker, Mohamed Ben Abbès, schart immer mehr Wähler um sich. Die sozialistische Partei geht ein Bündnis mit den Konservativen und Ben Abbès ein, um den Aufstieg des rechten Front National zu verhindern. Ben Abbès wird Staatspräsident, ändert die laizistische Verfassung und führt die Theokratie, die Scharīʿa und das Patriarchat ein. Das alles wird geschildert vor einem universitären Hintergrund. Die Sorbonne wird eine Islamisten-Uni und ein Literaturwissenschaftler gerät in die Mühlen der Weltgeschichte.

Ali M. Abdullah hat eine szenische Einrichtung des kontroversiellen Textes vorgenommen. Das ist ein wichtiger, ein mutiger Schritt im derzeit überhitzten Polit-Klima, in dem sich sogar künstlerische und journalistische Auseinandersetzungen selbstzensurisch verunmöglichen. Es geht vielerorts nur noch um entweder verbale Entgleisung oder die ideologische Exkommunikation. Abdullah aber hat Houellebecq als späten Nachfahren von Molière erkannt und er lässt ihn in seiner Spezialdisziplin brillieren: der Vorführung von Heuchelei und Opportunismus. Die Bühnenfassung von Abdullah und Hannah Lioba Egenolf trifft den Ton. So zwischen ausgenüchtertem Spott und beiläufigem Zynismus. Abdullah zeigt Houellebecqs Gedankenexperiment nicht als Zerrbild, sondern unter dem Vergrößerungsglas. Er haut dem derzeitigen gehirnweichen Herumgelabere eine Groteske um den Kopf. Das ist komisch. Dadurch lässt sich das in Buchform hysterisch diskutierte Werk als Theaterereignis zurückgelehnter betrachten.

„Unterwerfung“ ist kein Abend für intellektuelle Feiglinge. Er überprüft Europa auf seinen reaktionären Gehalt. Er erkennt die Tragikomödie in Europas derzeitiger Verfassung. Er führt sozusagen die auf und die vor der Bühne vor. Führt nicht vor, wer „die“, sondern wie „wir“ sind. Selbstreflexive Hedonisten, linksdrehende Globalisierungssachverständige, Toleranzrassisten mit Armer-Schwarzer-Muslim-Attitüde, atheistische Gottsucher und Foucault’sche Humanisten. Opinion Leader vs Quotenmeinungsmacher. Und die Kampfzone weitet sich aus. Abdullah setzt seine Figuren in dieses Magnetfeld. Und los geht’s mit Kulturimperialismustalk und Youporn, Geilheit und Konsum, die Dialoge durchbrochen durch die monologische Prosa, diese Reflexion immer wieder durch Konfrontation.

Die Ureinwohner Europas sind: Der fabelhafte Marc Fischer als Huysmans-Verehrer François. Der Literaturprofessor hat sich den Dekadenzdichter einverleibt, und wie Fischer in seiner Lust am Leid schwelgt, ist großartig. Sein François changiert zwischen Eigenliebe und Weltekel, er gebraucht Sex zur Selbstbehauptung. Er ist ein pseudomachistischer Möchtegern, die Art hirnwixerischer Elfenbeinturmhocker, die 1933 dachte, dass das Jahr 1941 sie nicht tangieren kann. Das François umringende Gruppensystem beweist sich in Houellebecqs Versuchsanordnung als wertekatalogisch austauschbar. Dennis Cubic ist ein sleeker Kollege Steve, der aus der identitären Bewegung, also jenem rechtsextremen Milieu, dem der Front National zu weichgespült ist, die Karrierekurve kratzt. Christian Dolezal ist als Universitätspräsident Robert Rediger ein satanischer Verführer zum Islamismus. Er argumentiert mit quengeligem Trivial-Nietzscheanismus und längst abgegriffener Zivilisationskritik. Er sieht sich als Vertreter alter Werte, Gott, Familie, Vaterland; die „Führer“-Figur hat halt gewechselt. Dolezal spielt gekonnt den Unsympath. Arthur Werner ist als Staatspolizist Alain Tanneur auf der Suche nach Schuldigen.

In den Mittelpunkt stellt Abdullah François‘ Beziehung zu Frauen. Hanna Binder erscheint als Hop-on-Hop-off-Geliebte Myriam und als Uni-Kollegin Marie-Françoise Tanneur. Eigentlich als Frau an sich. Sie wird nach Israel auswandern; aus ihrer Karriere an den Kochtopf zurückgedrängt werden; zum Schluß verschleiert, eine Gesichts- und Namenlose, dastehen. Wo der Konservativismus aus seinen Gräbern steigt, ist die Gleichberechtigung stets die Verliererin. Ein Chor, Studierende des diverCITYLAB, kommentiert das Geschehen und die Wahlergebnisse. Abdullah projiziert für sein Vor-mir-die-Sintflut-Szenario gefakte Bürgerkriegsszenen und Bilder von stattgefundenen Demonstrationen in Paris und Wien, er lässt mit Live-Kamera arbeiten und einen VW-Fluchtwagen durchs Werk X fahren. Seine Inszenierung ist kein Erklär-, sondern ein Durchrüttelstück.

Schnell kann der westlich aufgeklärte Mann der Polygamie und dem Tschador etwas abgewinnen. Und der Salonantisemitismus ist bald ganz der alte. Wie hellsichtig-houellebecqisch das ist, wie latest news: Gemäßigte Politikerinnen und Politiker werden zunehmend isoliert und gehen in Panik fragwürdige Allianzen ein, während die, die im System nichts zu erwarten haben, unerschrocken auf dessen Zerstörung hinarbeiten. Die „Lügenpresse“ schreibt nichts, was den faschistischen Schreihälsen Argumente liefern könnte, begeht damit aber Informationspflichtverletzung.  Wie dünn der Firnis der Vernunft ist, beweist sich täglich. In „Unterwerfung“ hat Europa keine Wahl zwischen rechtspopulistisch oder islamistisch. Das ist doch zum Lachen. Würden die, die jetzt Hakenkreuzfahnen und das Schwarze Banner schwenken, sich mit „Unterwerfung“ befassen, man könnte ihnen Theodor Däubler zitieren: „Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen.“

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17545

werk-x.at

Wien, 19. 2. 2016

Werk X: Ali M. Abdullah im Gespräch

Februar 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert Michel Houellebecqs „Unterwerfung“

Christian Dolezal, Hanna Binder, Marc Fischer, Dennis Cubic und Arthur Werner Bild: © Yasmina Haddad

Christian Dolezal, Hanna Binder, Marc Fischer, Dennis Cubic und Arthur Werner
Bild: © Yasmina Haddad

Vor dem Hintergrund derzeitiger Islamdebatten inszeniert Ali M. Abdullah im Werk X Michel Houellebecqs „Unterwerfung“. Rechte Populisten sind europaweit auf dem Vormarsch und schüren mit faschistoiden Unwörtern wie „Überfremdung“ diffuse Ängste vor dem angeblich drohenden Verlust der kulturellen Identität. Houellebecqs Roman greift diese Phantasmen nicht nur auf, er spinnt sie weiter.

Aus der Perspektive des desillusioniert-gelangweilten Pariser Literaturwissenschaftlers François erzählt er von der Machtübernahme eines muslimischen Präsidenten im Frankreich des Jahres 2022. Es kommt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, bis sich die westliche Gesellschaft schließlich erstaunlich schnell mit einer europäisch-spießbürgerlichen Version des Islamismus abfindet. Houellebecq greift mit „Unterwerfung“ ein weiteres Mal lustvoll das korrumpierte bürgerliche Subjekt an, das von Machtstreben und Konsum besessen ist, während es unverdrossen die Werte der Aufklärung vor sich herträgt. Das Buch wurde in Frankreich zum Skandal, nicht zuletzt, weil am Erscheinungstag des Romans der Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ verübt worden ist, das Houellebecq sein Titelbild gewidmet hatte. Im Werk X spielen Hanna Binder, Dennis Cubic, Christian Dolezal, Marc Fischer und Arthur Werner. Premiere ist am 18. Februar. Ali M. Abdullah im Gespräch:

MM: Bevor ich nach Meidling gekommen bin, habe ich noch ein Posting „An die Patrioten Europas“ über den Islam gelesen: „Wir müssen die Pest ausrotten, bevor sie uns ausrottet.“ Da möchte man instinktiv zurückschreiben, weiß aber, dass man auf jemanden treffen würde, der keinen Argumenten zugänglich ist. Was hätten Sie getan?

Ali M. Abdullah: Ich halte mich in den unsozialen Medien zurück, denn egal, was man repliziert, es dient deren Sache nur noch mehr. Es ist besser, auf diese Hasspostings gar nicht einzugehen, denn dann folgt Antwort auf Antwort, ein bewusstes Missverstehen, dass sich immer mehr aufschaukelt. Diskussionen muss man suchen, aber anderswo.

MM: Am Theater, wie ich annehme. Nur, ausgehend vom Werk X, inwieweit ist es möglich, damit Menschen zu erreichen, die nicht ohnedies einer Meinung sind? Man hat doch als Haus ein gewisses Konsenspublikum. Wie kann man Köpfe öffnen, wie kann man Botschaften transportieren?

Abdullah: Es ist das größte Problem und die größte Illusion zu glauben, man könne mit Theater etwas bewegen. Man muss davon ausgehen, dass bei uns nur Gesinnungsgenossen sitzen. Mein Lieblingswitz diesbezüglich ist, man müsste eine Vorstellung von uns mal im Josefstadt-Abo spielen, dann würde es richtig pfeffern, aber so … seien wir ehrlich, haben wir unser linkes Publikum drinnen, Leute, die mit einer speziellen Meinung zu uns kommen und mit uns mitdenken. Aber in „Unterwerfung“ geht es erstmals auch um deren Versagen. Da bin ich auf die Reaktionen gespannt.

MM: 2022 ist in sechs Jahren, also wenn man so will, in einer Legislaturperiode. Michel Houellebecq entwirft je nach Blickwinkel die Utopie oder Dystopie, es gebe dann in Frankreich einen muslimischen Staatschef. Wie weit ist dieses Szenario tatsächlich weg?

Abdullah: Das habe ich mich beim ersten Lesen auch gefragt, aber dann erkannt, es ist die falsche Frage. Houellebecq hält in „Unterwerfung“ zu allererst fest, dass unser abendländisches Gesellschaftsmodell zum Scheitern verurteilt ist. Das begründet er mit verschiedenen Argumenten in mehreren Romanen, das führt er uns vor, da kennt er sich aus. Sein eigenes Versagen als Mitglied der Gesellschaft nimmt er da gar nicht aus. Also entwirft er ein Gedankenexperiment für Frankreich: Die nächste Wahl könnte der Front National gewinnen oder Vertreter des gemäßigten Islam. Ob’s nun die werden oder die, ist letzten Endes dasselbe Horrorszenario.

MM: Er malt sozusagen beiderlei Ängste als Teufel an die Wand. Dieses Spiel mit Religionen, dass Houellebecq spielt, meint er damit auch den Neid des Christentums auf den Islam, als eine Religion, die noch stärker im Glauben verankert ist?

Abdullah: Er führt eine Hauptfigur, den Pariser Literaturwissenschaftler François, vor, der anfangs zum Katholizismus zurückfinden möchte, aber es nicht schafft. Er geht sogar ins Kloster, aber auch dort fällt ihm nur Nietzsche ein. Dann kommt er mit dem Islam in Berührung und er wird vor die Frage gestellt: Weiterarbeiten an einer Top-Uni in Top-Position, aber weiterleben mit den Geboten Allahs. Der Islam ist in seiner Tradition viel kompakter und unkritischer, er ist bis heute viel stärker mit seinen Regeln verbunden, das macht es für Gläubige einfacher, seine Vorschriften umzusetzen. Da kann der Katholizismus schon neidisch sein, der von seinen Gläubigen von allen Seiten kritisch unter die Lupe genommen wird. Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, denn Houellebecq beschreibt auf der ganzen Bandbreite, die Themen, mit denen man sich punkto Islam beschäftigen kann. Von Burka bis Polygamie als Reizworte, um damit satirisch zu spielen. Es ist schade, dass die Rezeption des Romans direkt verbunden ist mit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“. Wäre das nicht passiert, hätte man ihn ganz anders gelesen. Die Hauptfigur sagt an einer Stelle: „Ich bin politisch wie ein Handtuch.“ Ich denke, das ist das Credo von Houellebecq. Er möchte, dass die Leute sich mit Politik beschäftigen, damit, was ihr Leben letztlich bestimmt. Denn wenn sie es nicht tun, werden sie bestimmt.

MM: Beim Erscheinen des Romans wurde Houellebecq in Frankreich Islamophobie vorgeworfen, Karin Beier hat kürzlich „Unterwerfung“ mit Edgar Selge in Hamburg gemacht, da stand im Feuilleton: „Islamkritik eignet sich nicht als Theaterstoff“. Darum geht’s aber gar nicht. Es geht Houellebecq nicht um „die“, sondern um „uns“. Wie wollen Sie diesem Missverständnis vorbeugen?

Abdullah: Man wird immer missverstanden. Die Menschen, die das missverstehen wollen, werden einen Weg dazu finden. Das muss man riskieren, sonst braucht man gewisse Stoffe gar nicht aufzugreifen. Ich habe vor mehr als zwanzig Jahren ein Stück über Neonazis gemacht, dazu habe ich Herrn Küssel interviewt, und in der ersten Reihe sind die Nazis gesessen und haben Juhu geschrien. Man wird mitunter von der falschen Seite vereinnahmt. Obwohl Houellebecq in einem Interview gesagt hat: Der, der mich vereinnahmen will, ist noch nicht geboren. Marine Le Pen könnte „Unterwerfung“ zu ihrer neuen Bibel erklären …

MM: Hollande hat sich gleich distanziert.

Abdullah: Er hat ungefähr gesagt: Das ist nicht unser Frankreich, aber ich muss das Buch erst lesen. Naja, er wird als ziemliche Dumpfbacke dargestellt. Houellebecq versucht jedenfalls keine Lösungen anzubieten, er schaut kritisch auf das Hier und Jetzt. Mehr kann man als Theatermacher auch nicht tun. Die Zeit der Lehrstücke ist vorbei. „Wie müssen die Flüchtlingsobergrenze abschaffen“ ist kein Theaterabend, sondern die Aussendung einer politischen Interessensgemeinschaft. Am Theater muss man komplexer arbeiten, das wollen wir und hoffen, dass die Zuschauer mit uns mitgehen.

MM: In „Unterwerfung“ steht mit einem Wort alles. Was haben Sie daraus gefiltert? Welche Geschichte aus diesem Konvolut an Themen wollen Sie erzählen?

Abdullah: Der Roman ist reichhaltig, weil er sehr detailliert diese Versuchsanordnung beschreibt. Insgesamt gesehen ist das Thema aber sehr klein. Man kann es reduzieren auf: Ein Atheist versucht zu sich zu finden, weil er fühlt, dass ihm sein Leben entgleitet. Wir begeben uns auf seine Fährte und beobachten, wie er im politischen Karussell bloß mitfährt, bis er beginnt einen Anker zu suchen. Der wird ihm vom Islam angeboten. Ob er ihn nimmt, wird nicht beschrieben. Houellebecq beschreibt keine islamische Figur, die werden nur aus der Ferne gesehen, er beschreibt, wie wir mit dem Islam umgehen.

MM: Houellebecq hat in manchen Interviews die Frage aufgeworfen, ob ein Leben ohne Religion überhaupt möglich ist.

Abdullah: Und das hat mich sehr befremdet. Aber ich denke, er meint, dass der Mensch die Religion, oder besser den Glauben braucht als eine Art Wertekatalog fürs Zusammenleben. Wie eine Art Ethiküberbau. Das Wertesystem des abendländischen Europas ist christlich geprägt und könnte sich demnächst ändern. Kann ich mir vorstellen. Ich bin kein Visionär, aber der Islam wird sicher Einfluss nehmen auf das allgemeine Denken und Handeln.

MM: Wird dieser vielschichtige François von einem oder mehreren Schauspielern gespielt werden?

Abdullah: Von einem. Nach dem Attentat von Paris im November habe ich noch einmal ganz neu über das Werk und eine mögliche Inszenierung nachgedacht. Es stand nie zur Debatte, es nicht mehr zu machen, sondern nur wie es zu machen ist in dieser islamophoben Welle, in der sich Europa derzeit befindet. Das Stück wurde plötzlich so real, dass man als Theatermacher sagen muss, es ist bitte nicht real, es ist ein satirischer Kommentar.

MM: Satire ist das entscheidende Wort.

Abdullah: Ich hoffe, dass unsere Arbeit als solche gesehen wird, und die Leute in diesem Sinne auch lachen.

MM: Bei Houellebecq kommt wörtlich der Begriff Lügenpresse vor. In genau der Bedeutung, mit der man jetzt wieder konfrontiert ist. Machen Sie Lügentheater?

Abdullah: Das gefällt mir sehr gut! Wir machen natürlich Lügentheater, denn alles, was auf der Bühne stattfindet, ist ja nicht echt. Genauso wie nicht echt ist, was Sie schreiben. Houellebecq beobachtet sehr genau, wann wer was sagt oder schreibt. So einen Kritiker würde ich mir hierzulande wünschen. Houellebecq macht sich Feinde in allen Lagern. Er teilt aus, aber er kann auch einstecken. Das ist eine seltene Gabe.

MM: Wir reden so gerne über Frankreich, aber Sie machen Ihr Stück in Österreich und werden mutmaßlich für Kontroversen sorgen. Wie beurteilen Sie die Islamdebatte hierzulande?

Abdullah: Jeder hat eine Meinung, keiner kennt sich aus? Wir haben nur Halbinformationen, wir wissen nicht, was wirklich abgeht.

MM: Ihr Name etikettiert Sie als Auskenner.

Abdullah: Sagt aber nichts über meinen Glauben aus. Mein Vater ist aus Bombay in Indien, muslimisch, natürlich mit diesem Namen. Ich bin in der Tradition geboren, aber nicht religiös erzogen worden, sondern ganz im Gegenteil sehr laizistisch-aufgeklärt, ohne Religion. Dazu bekenne ich mich auch. Mein Regieprofessor hat mir zwar geraten, ich sollte meinen Namen ändern, denn von einem Regisseur, der so heißt, will man sicher nicht Goethes „Faust I“ inszeniert bekommen, ich hab’s aber nicht gemacht, wie man weiß. Wenn also jemand, der Abdullah heißt, in Österreich „Unterwerfung“ macht, kommt es vielleicht zum Tabori-Effekt. Ihm war ja jede Art von jüdischem Witz erlaubt, und vielleicht darf ich so islamophobe Figuren auf die Bühne stellen ohne, dass man sich denkt Oha. Vielleicht ist die Fiktion besser zu erkennen, wenn neben ihr mein Name steht. Die Realität sieht sowieso immer anders aus. Wir haben im Werk X ein paar syrischen Flüchtlingen Wohnungen zur Verfügung gestellt, das ist unsere Art der Unterstützung in der humanen Katastrophe, die wir erleben. Mit diesen Menschen gibt es keine Probleme. Wir helfen ihnen, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Was sie damit machen, ist aber ihre Sache.

MM: Wenn ich ein Bemühen um ein Miteinander unterstelle, wie kann man dieses Gefühl mit „Unterwerfung“ im Zuschauer erzeugen?

Abdullah: Indem sich jeder einzelne überlegen muss, ob er das gut findet, was da auf der Bühne abgeht. Es ist schon so, dass man sich die vorgeführten Gedanken durch den Kopf gehen lassen darf. Wir haben doch einmal Auszüge aus Anders Breiviks „Manifest“ als szenische Lesung gemacht und dann gerade von den Aufgeklärten Anrufe bekommen, welche Dreckskunst wir da unterstützen. Da müsste man noch einmal ganz scharf nachdenken. Und so kann’s uns diesmal passieren, dass die Kritiker schreiben: Das Werk X sagt, die Muslime übernehmen die Macht. Das wird dann sicher eine hitzige Debatte.

MM: Wird die Aufklärung des „Abendlands“ überschätzt?

Abdullah: Ich glaube, sie interessiert niemanden mehr. Über die sind wir schon hinweg, die nervt uns nur noch. Die nächste Generation denkt nicht mehr so, die wurde in dieses System reingeboren und aus. Dass Aufklärung ein Prozess ist, der immer wieder neu gestartet werden muss, sehen die nicht.

MM: Mit „Unterwerfung“ hat das Werk X wieder einmal die theatrale Spürnase am Boden. Wie gelingt Ihnen das, die Themen zur Zeit immer zur rechten Zeit aufzugreifen?

Abdullah: Wir machen nicht viele Aufführungen, fünf Eigenproduktionen pro Spielzeit, die müssen aber thematisch sitzen. Wir reden lange, wir lassen uns Zeit, wir bereiten länger vor, länger als an einem Stadttheater möglich wäre. Unsere Qualität ist, dass wir aus Stoffen selber etwas entstehen lassen. Da haben wir eine lange Expertise, weil wir das seit Jahren machen, und wenn Sie sagen, dass wir dabei die Nase vorne haben, dann nehme ich das gerne als Kompliment an.

werk-x.at

Wien, 12. 2. 2016