Werk X: Werner Schwabs „Eskalation ordinär“

April 21, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier beeindruckt als Helmut Brennwert

Ecce homo: Günter Franzmeier als Helmut Brennwert. Bild: © Alexander Gotter

„Noch mehr Senf. Noch mehr scharfen Senf auf mich hinauf!“, fordert der in die Arbeitslosigkeit verbannte gewesene Sparkassen- mitarbeiter Helmut Brennwert, alldieweil die all/gemeine Meinung längst den ihren zu seinem Lebensablauf dazugibt. Da steht der ewige Verlierer am Würstelstand, um sich für sein Bewerbungsgespräch im Bankinstitut zu stärken, und ausgerechnet jener Leitende Angestellte, bei dem er sich sogleich vorstellen soll,

beschmiert und ruiniert Brennwerts besten, weil einzigen Anzug mit der „balkanesischen“ Würzpaste. Die Folge: „Eskalation ordinär“. So der Titel von Werner Schwabs 1994er-Stück, vom Autor als „Schwitzkastenschwank in 7 Affekten“ beschrieben, und nun von Ali M. Abdullah im Werk X inszeniert. Mit Schwabs Theatertext greift der Regisseur eines der virulentesten Gegenwartsthemen auf: Die Erwerbslosigkeit des einzelnen als größten anzunehmenden Unfall in der gewinnmaximierenden Menge. Abdullah zeigt auf gut Schwabisch ein frei-marktwirtschaftliches Volksstück, und ein Schelm, der sich was denkt über die von Raoul Eisele nach und nach rosa gestrichene Rückwand. Nur wer was schafft, schafft an!

Das Fortschrittsopfer in dieser Finanz-Farce gibt Günter Franzmeier, der sich als Brennwert bis an den Rand des schauspielerisch Möglichen verausgabt. Nach Beendigung seiner Volkstheater-Ensemblemitgliedschaft war der geniale Performer tatsächlich selbst arbeitslos, eine Erfahrung, die er jetzt ins Erspüren des Schwab’schen Antihelden mit treffsicherer Authentizität einbringt. Mit kommender Saison ist Franzmeier fix am Theater in der Josefstadt engagiert …

Für Brennwert geht’s derweil nicht nur an der Imbissbude um die Wurst. „Ich brauche Feuer heute, heiße Feuersbrunst gegen meine entzündungsfördernde Arbeitsratlosigkeit“, sagt er. Doch sein Abstieg nimmt von der Sparkassenfiliale über ein Gasthaus bis zum Stadtpark rasante Fahrt auf. Eine Demütigung folgt auf die nächste. Brennwert wird beschimpft, getreten, geprügelt, erniedrigt, vergewaltigt, zur Masturbation gezwungen; er wird zum „Dreckschwein“ über den der Gesellschaftskörper befindet, er sei eine Gestankmischung aus „Straßenköterkot, Erbrochenem, eigenmenschlichen Exkrementen und Senf“ – soweit die Schwabische Definition vom Menschen als armes Würschtl: eine dünne Haut, in die die Schlachter brutal allerlei Unrat pressen.

Ein Stück Wurst geht noch: Günter Franzmeier, Eduard Wildner und Susanne Altschul. Bild: © Alexander Gotter

Brennwerts ob dessen Versagen am Arbeits-/Markt angeekelte Verlobte: Maddalena Hirschal. Bild: © Alexander Gotter

Die Polizei, dein Feind und Henker: Christian Dolezal als Niroster mal sechs und Günter Franzmeier. Bild: © Alexander Gotter

Am Würstlstand zählt nur Bares: Christian Dolezal und Sebastian Thiers. Bild: © Alexander Gotter

Eine grausige Kasperliade hält Abdullah da auf der Spielfläche ab. Mit Sebastian Thiers als mit Süffisanz gewalttätigem Leitendem Sparkassenangestellten, der seine höhnenden, Schwabisch zerhackten Sätze wie Nägel ins Brennwert’sche Fleisch treibt, und der Brennwerts ob dessen Versagen am Arbeits-/Markt angewiderte Verlobte Maddalena Hirschal mit In/Brunst zu begatten versucht. An allen Schauplätzen treffen auch Edu Wildner und Susanne Altschul als Alter Ehemann und Alte Ehefrau ein, und wie sie sich in Demut vor ihrer von Thiers überreichten Rente verbeugen, die Pension „der Schlachtschussapparat der Sparkassen“, das ist deutlich.

Später wird Wildner Richtung Brennwert lapidar feststellen, „das ist alles ein bisschen modernistisch kompliziert. Zu meiner Zeit hat man solche Leute einfach nur vergast, erschossen oder aufgehängt.“ Unter all diesen erschlag-resistenten Wurschtln und ihrem Watschenmann Brennwert ist Christian Dolezal das garstig-komödiantische Krokodil, der in den Rollen Wurstbudenbesitzer, Polizist, Cafetier, Parkwächter, Talkshowmaster und Zeitungskioskinhaber, allesamt auf den bezeichnenden Namen Niroster getauft, eine Glanzleistung liefert.

„Inspektor Niroster/ wie Sie sich sehend denken können/ Herrschaften/ Persona gratissima/ aber eigentlich ein Perpetuum mobile“, sagt diese personifizierte richtende Öffentlichkeit an einer Stelle. Via Niroster und Brennwert tunken Schwab/Abdullah die hiesige, sich stetig selbstbefeuernde Geschichtsunbelehrbarkeit tief in den Österreich-Katholizismus. Franzmeier ist ganz Schmerzensmann, sein Erscheinen ein Ecce homo, die sieben Szenen wie die sieben letzten Worte. Zwischen Penisattrappen und Dessous ouverts stammelt er sein Elōi, Elōi, lema sabachthani! Und scheitert schlussendlich sogar am letzten Akt seiner Selbst-/Aufgabe.

Grausames Sparkassen-Spiel: Sebastian Thiers und Günter Franzmeier. Bild: © Alexander Gotter

Blut und Boden für die deutsche Eiche: Günter Franzmeier, hinten malt Raoul Eisele. Bild: © Alexander Gotter

Parkwächter Dolezal, Susanne Altschul, Günter Franzmeier und Eduard Wildner. Bild: © Alexander Gotter

Bei Talkshowmaster Dolezal: Günter Franzmeier, Sebastian Thiers und Maddalena Hirschal. Bild: © Alexander Gotter

Nur kurz, als er wütend die deutsche Eiche zu alter Größe aufforsten will, kann er die all/gemeine Meinung für sich gewinnen. Sein Talkshow-Ruhm ist allerdings von kurzer Dauer: „Hoffentlich gibt es kein ewiges Leben. Hoffentlich gibt es keine ewige Arbeitslosigkeit“, sagt er. Und: „Es ist alles egal, aber nichts ist egalitär.“ Franzmeier auf Brennwerts Weg vom Verstoßenen, Vergewaltigten, Verrückten, Verklärten zum Verzweifelten mitzuverfolgen, ist einzigartig. Mit ihm hat die Werk-X’sche Klassenkampfmaschine den nächsthöheren Schleudergang eingelegt.

„Eskalation ordinär“ entblößt das Symptom einer Krise, die einmal mehr von Politik und Wirtschaft als kaum bewältigbar ausgewiesen wird, und in der das um seinen Lebenserhalt gebrachte Humankapital aka der Mensch samt seiner Würde in den Orkus befördert wird. Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s der Wirtschaft gut.

Das Ensemble ergeht sich in der Kunst, Werner Schwabs Werkstoff Sprache, seine Fleischstücke mit Text, ohne deren dialektische Erdung zu leugnen zu Arche-/Typen zu formen. Von den Mitläufern über die Wegschauer zu den Mittätern hetzen sie ihre zwischen Sparkasse und Zeitungsstand hingerotzten Figuren ins Extreme hinein – und zeigen das von der anonymen Macht des Marktes ausgewrungene Menschenmaterial mit immer wieder hochkochender Bösartigkeit. Ein grandioses, radikal sprachgewaltiges Grand Guignol!

werk-x.at

  1. 4. 2022

Volksoper: Wonderful Town

Dezember 10, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sarah Schütz rockt die Show

In Greenwich Village geht es hoch her: Olivia Delauré als Eileen, Sarah Schütz als Ruth, Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis, Ines Hengl-Pirker als Violet, Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit Standing Ovations endete gestern Abend die Premiere von „Wonderful Town“ an der Volksoper. Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wollte Hausherr Robert Meyer dem Publikum etwas Besonderes bieten, und das ist mit dieser Musical-Rarität hervorragend gelungen. Stimmt an der Aufführung, die Inszenierung eine Koproduktion mit der Staatsoperette Dresden, doch einfach alles – von der gewitzten Regie Matthias Davids‘ über das schwungvolle Dirigat von James Holmes.

Bis zu den darstellerischen Leistungen, allen voran die von der Elbstadt nach Wien übersiedelten Volksopern-Debütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar Ruth und Eileen Sherwood. Sarah Schütz rockt die Show! Inhaltlich ist „Wonderful Town“ keine große Sache: Die beiden Landpomeranzen Ruth und Eileen kommen aus Ohio in den Big Apple, um dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten auszuloten. Die eine ist klug, aber ungeküsst, die andere eine Schönheit, erstere will Schriftstellerin werden, zweitere Schauspielerin. Man mietet eine schäbige Unterkunft in Greenwich Village – und schon geht das Spiel um viele Verehrer und ein paar Troubles los, Happy End absehbar. Joseph Fields und Jerome Chodorov schrieben das Libretto entlang ihres Theaterstücks „My Sister Eileen“, Betty Comden und Adolph Green die Liedtexte, und erst diese in Kombination mit Bernsteins famoser Musik machen das Musical aus dem Jahr 1953 einzigartig.

Die brasilianischen Seekadetten interessiert nur die Conga: Olivia Delauré als Eileen und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ruth überzeugt die Gäste im Village Vortex vom Swing: Sarah Schütz und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bernstein lässt den Rhythmus New Yorks in all seinen Facetten pulsieren. Rasant reiht sich Broadwaysound an Jazzelemente an Swing, dann wieder wird’s statt stürmisch smooth. James Holmes führt das Volksopernorchester mit viel Drive wie eine Big Band, er folgt Bernsteins Einfallsreichtum punktgenau, kann’s etwa bei der Conga der brasilianischen Seekadetten witzig-spritzig, beim Schwesternduett „Ohio“ auf Country-&-Western-Art oder bei Robert Bakers „Ein stilles Girl“ elegisch lyrisch. Matthias Davids belässt die Handlung in den 1930er-Jahren, er hat sich mit seiner wirbelwindigen Arbeit am Stil der Screwball-Comedys orientiert, setzt auf Tempo, Temperament und Timing, und setzt auf den Wortwitz der für Wien von Christoph Wagner-Trenkwitz angepassten Vorlage.

Damit die zahlreichen Szenenwechsel ruckzuck funktionieren, hat Mathias Fischer-Dieskau ein Bühnenbild aus einer drehbaren Skyline und verschiebbaren Skyscrapern, inklusive Flat Iron und Chrysler Building, erdacht, das den American Dream im Reich und Arm zwischen dem abgewohnten Souterrain der Sherwood-Schwestern und von Neonreklame beschienenen Nachtklubs ansiedelt. Als Kostüme gibt es dazu von Judith Peter stilgerecht schwingende Glockenkleider, Trenchcoats samt kecken Hütchen und Marlenehosen.

Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

In diesem Setting dreht sich das Großstadtkarussell um Sarah Schütz und Olivia Delauré. Und die beiden erweisen sich nicht nur als sängerisch wunderbares Sopran-Alt-Duo, sondern auch als großartige Komödiantinnen, die herb Nüchterne und die flirty Naive, die es verstehen, mit trockenem Humor ihre Pointen zu setzen. Delauré gibt die Eileen mit Charme und jener unschuldigen Mädchenhaftigkeit, in der ihr gar nicht bewusst zu sein scheint, dass die Männer um sie kreisen, wie die Motten ums Licht. Das Bühnengeschehen allerdings dominiert Sarah Schütz, die ihre Ruth mit einer gepfefferten Portion Sarkasmus ob ihres Nicht-so-hübsch-wie-die-Schwester-Seins ausstattet. Schütz hat Stimme, Spielfreude und Showtalent – und sorgt für etliche starke Momente. Etwa, wenn sie ihre „Hundert gold’nen Tipps, einen Mann zu verlier’n“ zum Besten gibt. Oder, wenn sie, als der Zeitungsredakteur Robert Baker endlich ihre melodramatischen Kurzgeschichten liest, diese für ihn auch gleich visualisiert.

Die Herren haben es neben so viel Frauenpower nicht leicht, zu bestehen. Hervorragend gelingt das Drew Sarich als verkopftem Bob Baker, der erst einen Schubs in die richtige Richtung Liebe braucht, ein gelungenes Rollenporträt von Sarich, wie Bob vom beruflichen Verlierer zum Gewinner im Leben wird, und Peter Lesiak als abgehalftertem Footballhelden „The Wreck“ Loomis. Trotz von Direktor Meyer angekündigter Verletzung und ergo Knieschiene tanzt und tobt Lesiak über die Bühne, dass man mitunter nicht umhin kann, um sein Wohlergehen zu fürchten … Christian Graf gefällt in mehreren Rollen, darunter als Schmierfink Chick Clark, Christian Dolezal als unfreundlicher Vermieter und untalentierter Maler Appopolous, Oliver Liebl unter anderem als verhuschter Feinkost-Filialleiter Frank Lippencott, Cedric Lee Bradley als geschmeidiger Speedy Valenti.

Vorstellungsgespräch in der Zeitungsredaktion: Oliver Liebl als Redakteur, Drew Sarich als Robert Baker, Jakob Semotan als Redakteur und Sarah Schütz als Ruth Sherwood. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der begnadete Tänzer dominiert auch immer wieder die handlungstragenden, revueartigen Choreografien von Melissa King. In riesigen Chor- und Ballettszenen zeigen der Volksopernchor, der sich nicht nur in der Figurengestaltung perfekt, sondern auch in kleinen Solonummern präsentiert, und das Wiener Staatsballett die ganze Bandbreite ihres Könnens. „Wonderful Town“ an der Volksoper ist ein rundum gelungener Gute-Laune-Abend. Kein Wunder, dass es die Zuschauer zum Schluss nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=LhKenAg3pw0

www.volksoper.at

  1. 12. 2018

Rabenhof: Kottan ermittelt

November 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kultkiberer lässt diesmal die Puppen tanzen

Kottan ermittelt für Polizeipräsident Pilch nicht schnell genug: Christian Dolezal und Manuela Linshalm. Bild: Rita Newman/Rabenhof

Kottan ermittelt für Polizeipräsident Pilch nicht schnell genug: Christian Dolezal und Nikolaus Habjan. Bild: Rita Newman/Rabenhof

Im Rabenhof wird seit Donnerstagabend von „Kottan ermittelt“. Jan und Tibor Zenker wandeln trittfest in den Spuren ihres Vaters und haben nicht nur eine skurrile Show rund um den Kultkiberer auf die Beine gestellt, sondern auch einen einwandfrei spannenden Kriminalfall verfasst. Gesucht wird der „Hannibal Lecter von Hernals“ und gegen den sind von Tom Harris bis Bret Easton Ellis erdachte Literaturpsychopathen ehrlich gesagt ein Bemmerl.

Am Ende schockiert die Puppe, für die mutmaßlich in mehr als einer Hinsicht der grandiose Schauspieler Oskar Werner Pate stand, mit ihren ganz persönlichen grauenhaften „Körperwelten“. Puppentheater, wenn der diesbezügliche Großmeister Nikolaus Habjan seine Finger im Spiel hat, ist halt nichts für Warmduscher.

Neun Figuren hauchen er und seine Mitstreiterin Manuela Linshalm Leben ein. Vom rechtspopulistischen Vizebürgermeister über einen sächselnden Dresdner Muslimpunk bis zur osteuropäischen Puffmutter. Habjans Puppen-Panoptikum bevölkert dieses aberwitzige Trash-Musical, in dem Kyrre Kvam als One-Man-Orchester unter der Discokugel die größten Hits von Kottans Kapelle und andere L’amour-Hatscher, von Heino bis Drahdiwaberl als genau die Art schmieriger Alleinunterhalter zum besten gibt, den man seinem schlimmsten Feind nicht als Hauptact auf der Geburtstagsparty wünscht. Natürlich gibt’s den mit Fliegenklatsche ausgestatteten Polizeipräsident Pilch und den intrigant-dümmlichen Schrammel, die Ilse und die Mama – und es ist erstaunlich, wie sehr sich Habjan vor allem den Sprachduktus von Bibiana Zeller und den Tiroler Dialekt von Kurt Weinzierl einverleibt hat.

Einmal mehr schaut man ihm begeistert zu, wie er mit seinen Klappmaulpuppen mitlebt und -leidet, manchmal sichtlich selbst erstaunt über deren Treiben, manchmal ihren Gesichtsausdruck annehmend, wenn in Momenten höchster Emotion das Temperament mit ihm durchgeht. Den Menschen hinter der Puppe zu vergessen, ist nicht einfach, wenn ein Schauspieler wie Habjan am Werk ist. Dass die Zuschauer seine Arbeit zu schätzen wissen, machten sie erst kürzlich durch die Verleihung des Nestroy-Publikumspreis publik.

Die Mama hat die "Wunderkammer" des Frauenmörders längst entdeckt: Puppenspieler Nikolaus Habjan ... Bild: Rita Newman/Rabenhof

Die Mama hat die „Körperwelten“ des Frauenmörders längst entdeckt: Puppenspieler Nikolaus Habjan … Bild: Rita Newman/Rabenhof

... da tappt der Schrammel immer noch im Dunkeln: Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Rita Newman/Rabenhof

… da tappt der Schrammel noch immer im Dunkeln: Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Rita Newman/Rabenhof

Als quasi einziger Darsteller aus Fleisch und Blut spielt Christian Dolezal den Kottan, ein cooler, zynischer Hund, mehr zu Hause zwischen Peter Vogel und Franz Buchrieser, als ein Haberer vom Lukas Resetarits. Er lässt in seiner Hommage an den legendären Major die Puppen tanzen und singen und schrammelt auch auf der Stromgitarre. Und der Schiach geht ihn erst an, als sich ein gewisser Edgar an die sich ungeliebt fühlende Ilse heranpirscht, der – das weiß das Publikum, aber nicht der Inspektor-gibt’s-kann – seine Opfer mit dem Gift der Goldwespe gefügig macht.

Da wird er der Dolferl ganz klein und raunzig und weint nach der Mama, die in bewährter Gusti-Wolf-Manier aber eh schon längst alles aufgeklärt hat. Nebstbei löst der Kottan noch einen Fall von Korruption in den eigenen Reihen, ein paar Zeitbezüge dürfen da ebenso wenig fehlen wie die zeitlose Chris Lohner, die einmal mehr mit viel Selbstironie aus dem Fernsehkastl schaut. Am Schluss gibt’s ein Peckinpah’sches Zeitlupenfinish und Jubel-Trubel beim begeisterten Publikum, von dem zumindest die leicht angegrauten Semester vorher schon den „Supersheriff“ mitgesungen hatten.

Verantwortet wird dieser fabelhaft verrückte Abend von Hausherr Thomas Gratzer, der als Regisseur auf den Punkt genau inszeniert hat. Jede Pointe sitzt – und deren gibt es viele, das Tempo und das Timing stimmen, der Mordspaß bricht spätestens nach der Pause durch die Decke. Wer sich eineinhalb Stunden nonstop amüsieren will: Ab in den Rabenhof. Und zwar Ruck-Zuck.

www.rabenhoftheater.com

Wien, 18. 11. 2016

Was hat uns bloß so ruiniert

September 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Marie Kreutzers behutsamer Blick in die Bobo-Seele

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Paare in gepflegt verwahrloster Altbauwohnung, ein Freundeskreis, in dem nur sorgfältigst gekelterter Rotwein die Runde macht, und dann die Ansage: Ich bin schwanger! Fast ein wenig beleidigt wird gratuliert, geteilte Freude ist halbe Freude, doch dann überlegt nachzuziehen. Bobos mit Babybauch. Das ist die Grundkonstellation von Marie Kreutzers drittem Spielfilm.

„Was hat uns bloß so ruiniert“ heißt er und läuft am Freitag in den heimischen Kinos an. Ein Schelm, der dabei denkt, die Filmemacherin habe eigene Erfahrungen einfließen lassen. Die werdende Mutter Nr. eins, Stella, hat nämlich auch die Filmakademie absolviert. Die Sextett-Erfahrung soll ergo zur Doku werden, immer wieder treten die Protagonisten aus der Handlung vor Stellas Schwarzweißkamera, um zu erzählen, was das Mutter- beziehungsweise Vaterwerden aus ihnen macht und „objektiv“ Selbst/Zweifel an der Situation anzubringen.

Kreutzers leiser und leise sarkastischer Die-Macht-der-Hormone-Humor macht aus dem Film eine hinreißend charmante Tragikomödie. Kreutzer hat die Schwierigkeiten und die Schönheit der Elternschaft pointiert durchdekliniert, Motto: das Beglückende ist immer auch das Anstrengende, sie spielt ein lustvolles Spiel mit Geschlechterklischees und Rollenbildern, das heißt: deren antrainierter Ablehnung – und dies Konstrukt platzt für ihre Figuren nun wie Seifenblasen. Cool sein und forever cellulitefrei, so hat man sich’s vorgenommen, während man sehenden Auges in die Verspießerung schlittert …

Nachdem der „Wellentanz“ beim Geburtsvorbereitungskurs absolviert und die Frage, ob die PDA mit einer biologisch-dynamischen Lebensführung konform geht, geklärt ist, geht’s auf in den Glaubenskrieg Kindererziehung. Die alltäglichste Grenzerfahrung der Welt. Die weich gezeichneten Bilder von Kamerafrau Leena Koppe und der visionäre Voice-Over werden schon bald durch die Realität eingeholt: Stella und Markus, dargestellt von Vicky Krieps und Marcel Mohab, regeln die Aufgaben rund um Nachwuchs Lola paarintern basisdemokratisch. Die unfreiwillig Mutter gewordene Ines, sie spielt Pia Hierzegger, laut ihrem Partner „Impfgegnerin aus Schleißigkeit“, überantwortet Töchterchen Elvis viel und gerne Manuel Rubeys Chris. Und Mignon alias Pheline Roggan will bei Aimèe alles natürlich halten– was etwa auch den Verzicht auf Windeln bedeutet. Andreas Kiendls Luis hat da nicht viel mitzureden.

 Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln ... Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln, … Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

... weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Vicky Krieps und Manuel Rubey. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

… weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Manuel Rubey und Vicky Krieps. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Marie Kreutzer blickt ihren Figuren behutsam in die geschundenen Seelen, „Was hat uns bloß so ruiniert“ ist wie die Poetik der Beziehungskisten. Mit geschliffenen, scharfzüngig das Authentische schrammenden Dialogen beschäftigt sie sich mit Elternschaft bis zur Selbstaufgabe, mit dem Aufreiben für eine „anspruchsvolle Drittperson“, wie Luis sein Paarcrasherkind nennt, mit Optimierungswahn und dem Verschieben von Wertigkeiten, kurz damit, wie plötzlich Angst um einen anderen, einem anvertrauten die jahrelange Alles-easy-Haltung aushebelt. Da war man doch eben noch … nicht?, und plötzlich ist man gezwungen erwachsen zu werden. Das Lebensgefühl einer Generation, deren schlimmste Schrammen von ein paar Studentendemos stammen. Und die sich nun plötzlich aus ihrem Lebensentwurf gewürfelt sieht.

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Verkörpert wird das alles vom Feinsten. Vor allem Pia Hierzegger als Scheiß-mi-nix-Ines und Manuel Rubey als diese Haltung überkompensierender und beständig im Clinch mit dem aufklappbaren Kinderwagen liegender Übervater Chris sind großartig.

Andreas Kiendl wiederum versucht als Luis in das antiautoritäre Chaos seines Familienidylls ein wenig Ordnung zu bringen, was seine Lebenspartnerin fast schon als faschistoid empfindet. Kiendl kippt dabei gekonnt vom Netten von nebenan ins Ang’speistsein. Höhepunkt der Handlung ist ein Elternabend in der „Kindergrupp Kartoffelsupp“ – mit den herrlich frauenversteherischen Christian Dolezal, Till Firit und David Oberkogler, der zuletzt im Sommer bei den Festspielen Reichenau in „Doderers Dämonen“ gefiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21181) -, an dem die Giftigkeit von Rosinen und der ökologische Aspekt von Reiswaffeln diskutiert werden.

Von Selbstgefälligkeit und Schuldgefühlen, von Eitelkeit und Eifersucht geht’s zum Seitensprung. Auf Gleichgültigkeit folgt Katastrophe, die freilich zur Katharsis führen muss. Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand. Steht schon in der Bibel. Also gibt es ein Happy End. Ein dreifaches. Bei so viel kindischem Verhalten im Vorfeld ist es aber schön, dass in Stellas Doku den Kindern das Schlusswort gegeben wird. Das letzte Wort haben sie ohnedies schon längst.

www.washatunsbloss.at

Wien, 19. 9. 2016

Werk X: Unterwerfung

Februar 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Abend für intellektuelle Feiglinge

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François Bild: © Chloe Potter

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François. Bild: © Chloe Potter

Wenn Robert Rediger gegen Ende meint, der Islam hätte die Senkung der Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate bewirkt, fällt einem „Salafistes“ ein. In der Filmdokumentation von François Margolin und Lemine Ould M. Salem sagt ein Dschihadist im Wortlaut diesen Satz. Allah und die Scharīʿa wenden alles zum Guten. Der Film ist im Frankreich dieser Tage höchst umstritten. Weil er abbildet, informiert, aber nicht kommentiert. Welch ein Vorwurf an eine journalistische Arbeit.

Den Hintergrund der Werk-X-Bühne bestimmt die Houellebecq-Karikatur vom Charlie Hebdo-Titelblatt: 2022 mache ich Ramadan. Das war am 7. Jänner 2015. Da erschien sein Roman „Unterwerfung“ und das Terrorkommando in der Redaktion des Satiremagazins. Houellebecq war daraufhin in Frankreich höchst umstritten. Man warf ihm vor, dass er das kommentiert, Frankreich und der Islam. Ein Autor, der mit seiner Fiktion das Zeitgeschehen überlagert, welch ein Vorwurf an einen Schriftsteller.

Die Handlung von „Unterwerfung“ ereignet sich im Jahr 2022 in Frankreich. Ein charismatischer muslimischer Politiker, Mohamed Ben Abbès, schart immer mehr Wähler um sich. Die sozialistische Partei geht ein Bündnis mit den Konservativen und Ben Abbès ein, um den Aufstieg des rechten Front National zu verhindern. Ben Abbès wird Staatspräsident, ändert die laizistische Verfassung und führt die Theokratie, die Scharīʿa und das Patriarchat ein. Das alles wird geschildert vor einem universitären Hintergrund. Die Sorbonne wird eine Islamisten-Uni und ein Literaturwissenschaftler gerät in die Mühlen der Weltgeschichte.

Ali M. Abdullah hat eine szenische Einrichtung des kontroversiellen Textes vorgenommen. Das ist ein wichtiger, ein mutiger Schritt im derzeit überhitzten Polit-Klima, in dem sich sogar künstlerische und journalistische Auseinandersetzungen selbstzensurisch verunmöglichen. Es geht vielerorts nur noch um entweder verbale Entgleisung oder die ideologische Exkommunikation. Abdullah aber hat Houellebecq als späten Nachfahren von Molière erkannt und er lässt ihn in seiner Spezialdisziplin brillieren: der Vorführung von Heuchelei und Opportunismus. Die Bühnenfassung von Abdullah und Hannah Lioba Egenolf trifft den Ton. So zwischen ausgenüchtertem Spott und beiläufigem Zynismus. Abdullah zeigt Houellebecqs Gedankenexperiment nicht als Zerrbild, sondern unter dem Vergrößerungsglas. Er haut dem derzeitigen gehirnweichen Herumgelabere eine Groteske um den Kopf. Das ist komisch. Dadurch lässt sich das in Buchform hysterisch diskutierte Werk als Theaterereignis zurückgelehnter betrachten.

„Unterwerfung“ ist kein Abend für intellektuelle Feiglinge. Er überprüft Europa auf seinen reaktionären Gehalt. Er erkennt die Tragikomödie in Europas derzeitiger Verfassung. Er führt sozusagen die auf und die vor der Bühne vor. Führt nicht vor, wer „die“, sondern wie „wir“ sind. Selbstreflexive Hedonisten, linksdrehende Globalisierungssachverständige, Toleranzrassisten mit Armer-Schwarzer-Muslim-Attitüde, atheistische Gottsucher und Foucault’sche Humanisten. Opinion Leader vs Quotenmeinungsmacher. Und die Kampfzone weitet sich aus. Abdullah setzt seine Figuren in dieses Magnetfeld. Und los geht’s mit Kulturimperialismustalk und Youporn, Geilheit und Konsum, die Dialoge durchbrochen durch die monologische Prosa, diese Reflexion immer wieder durch Konfrontation.

Die Ureinwohner Europas sind: Der fabelhafte Marc Fischer als Huysmans-Verehrer François. Der Literaturprofessor hat sich den Dekadenzdichter einverleibt, und wie Fischer in seiner Lust am Leid schwelgt, ist großartig. Sein François changiert zwischen Eigenliebe und Weltekel, er gebraucht Sex zur Selbstbehauptung. Er ist ein pseudomachistischer Möchtegern, die Art hirnwixerischer Elfenbeinturmhocker, die 1933 dachte, dass das Jahr 1941 sie nicht tangieren kann. Das François umringende Gruppensystem beweist sich in Houellebecqs Versuchsanordnung als wertekatalogisch austauschbar. Dennis Cubic ist ein sleeker Kollege Steve, der aus der identitären Bewegung, also jenem rechtsextremen Milieu, dem der Front National zu weichgespült ist, die Karrierekurve kratzt. Christian Dolezal ist als Universitätspräsident Robert Rediger ein satanischer Verführer zum Islamismus. Er argumentiert mit quengeligem Trivial-Nietzscheanismus und längst abgegriffener Zivilisationskritik. Er sieht sich als Vertreter alter Werte, Gott, Familie, Vaterland; die „Führer“-Figur hat halt gewechselt. Dolezal spielt gekonnt den Unsympath. Arthur Werner ist als Staatspolizist Alain Tanneur auf der Suche nach Schuldigen.

In den Mittelpunkt stellt Abdullah François‘ Beziehung zu Frauen. Hanna Binder erscheint als Hop-on-Hop-off-Geliebte Myriam und als Uni-Kollegin Marie-Françoise Tanneur. Eigentlich als Frau an sich. Sie wird nach Israel auswandern; aus ihrer Karriere an den Kochtopf zurückgedrängt werden; zum Schluß verschleiert, eine Gesichts- und Namenlose, dastehen. Wo der Konservativismus aus seinen Gräbern steigt, ist die Gleichberechtigung stets die Verliererin. Ein Chor, Studierende des diverCITYLAB, kommentiert das Geschehen und die Wahlergebnisse. Abdullah projiziert für sein Vor-mir-die-Sintflut-Szenario gefakte Bürgerkriegsszenen und Bilder von stattgefundenen Demonstrationen in Paris und Wien, er lässt mit Live-Kamera arbeiten und einen VW-Fluchtwagen durchs Werk X fahren. Seine Inszenierung ist kein Erklär-, sondern ein Durchrüttelstück.

Schnell kann der westlich aufgeklärte Mann der Polygamie und dem Tschador etwas abgewinnen. Und der Salonantisemitismus ist bald ganz der alte. Wie hellsichtig-houellebecqisch das ist, wie latest news: Gemäßigte Politikerinnen und Politiker werden zunehmend isoliert und gehen in Panik fragwürdige Allianzen ein, während die, die im System nichts zu erwarten haben, unerschrocken auf dessen Zerstörung hinarbeiten. Die „Lügenpresse“ schreibt nichts, was den faschistischen Schreihälsen Argumente liefern könnte, begeht damit aber Informationspflichtverletzung.  Wie dünn der Firnis der Vernunft ist, beweist sich täglich. In „Unterwerfung“ hat Europa keine Wahl zwischen rechtspopulistisch oder islamistisch. Das ist doch zum Lachen. Würden die, die jetzt Hakenkreuzfahnen und das Schwarze Banner schwenken, sich mit „Unterwerfung“ befassen, man könnte ihnen Theodor Däubler zitieren: „Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen.“

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17545

werk-x.at

Wien, 19. 2. 2016