Theater Drachengasse: Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore

Oktober 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Disney-Magie, weder Mops noch Waschbär

Schauspielerin Nancy will sich von Theaterdirektorin Mensah-Offei in keine Schublade stecken lassen. Bild: © Barbara Pálffy

Als „professionelle Suderantin“ bezeichnet sie sich, dies kein Bonmot, kein Scherz, sondern ein Aufbegehren gegen ein von Männern verpasstes Image. John Smith, John Barth, Neil Young, Walt Disney … Mehr als zehn Orte in den USA und Kanada sind nach ihr benannt, ein Steinkohlevorkommen, ein Luxuszug, fünf Schiffe der US-Navy. Der George-Bush-Clan, Nancy Reagan, Polarforscher Richard Byrd, Mode-Ikone Pauline de Rothschild zählen sich via Verwandtschaft mit ihr zu den First Families of Virginia. Im Kuppelraum des Washingtoner Kapitols ist auf dem Wandgemälde von John Gadsby Chapman ihre Taufe nachempfunden.

Von 1891 bis 1896 schaffte sie es, abgebildet in der Hoftracht nach dem 1616er-Kupferstich von Simon van de Passe, sogar auf die Zwanzig-Dollar-Note, nach Martha Washington als zweite Frau überhaupt auf einen US-Geldschein – und bis dato als letzte. Statt ihres Porträts prangt nun das Konterfei von Andrew Jackson auf dem $, statt der Indianerprinzessin ein Indianerschlächter, unter dessen Präsidentschaft der Indian Removal Act, ein Ausweisungs- und Umsiedlungsgesetz zur Vertreibung der Native Americans von ihrem Land, erlassen wurde.

Dass ihm 2020 die schwarze Sklaverei-Bekämpferin Harriet Tubman, die über die Underground Railroad (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=27113) abertausende Leben rettete, folgen sollte, weiß Donald Trump – noch – zu verhindern. „Suderantin“, sagt also Schauspielerin Nancy Mensah-Offei. In „Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore“, einer Koproduktion von 3000THEATER und dem Theater Drachengasse, verwandelt sie sich ebendort in die auch Amonute genannte Matoaka, Lieblingstochter des Powhatan Wahunsonacock von den Virginia-Algonkin. Der von Effe U Knust verfasste, von Anna Laner auf der Bar&Co-Bühne zur Uraufführung gebrachte Monolog setzt selbstverständlich nicht auf Niedlichkeiten wie Mops und Waschbär. Komplett ohne Disney-Magie gibt es nun Tatsachen und Medisancen, das heißt: erstere oh ja, zweitere oha!

Jedenfalls verspricht Mensah-Offei bereits aus dem Off die vollkommene Wahrheit – als Beiwerk zu großer Show und Signature Cocktails, und entlarvt gleich einmal die Captain-John-Smith-Story als G’schichtl. Dessen durch nichts bewiesene, dennoch in die Annalen eingegangene Angabe, Pocahontas hätte sich schützend vor ihn geworfen, als ihr Vater ihn an den Marterpfahl band, weshalb es nicht zum Foltertod, sondern zwischen der erst zehnjährigen Savage und dem Jamestown-Mitbegründer und späteren Käufer der ersten schwarzen Sklaven zu einer Amour fou kam. Welch sagenhafte Legende. Der Otis Blackwell die vorletzte Strophe seines Songs „Fever“ widmete. Den Nancy Mensah-Offei als exzellente Entertainerin und superbe Komödiantin ohne Scheu vor Overacting ins Mikrofon haucht.

Christianisiert, zivilisiert, assimiliert: Aus Pocahontas wird die Tabakpflanzersgattin Rebecca Rolfe. Bild: © Barbara Pálffy

Im Jenseits beklagt Ehemann John Rolfe seine unwichtige Rolle im Pocahontas-Mythos. Bild: © Barbara Pálffy

Die historische Pocahontas, ihr Spitzname steht für „die Verspielte“, wurde 1613 von den Kolonialherren verschleppt, konvertiert und auf den biblischen Namen Rebecca getauft. Als solche heiratete sie mit mutmaßlich 19 Jahren den Tabakpflanzer John Rolfe. Zwölf Monate später wurde Sohn Thomas Rolfe geboren. 1616 berief sie James I. als Botschafterin ihres königlichen Vaters an seinen Hof – wo der „gewöhnliche“, weil nicht blaublütige John Rolfe nicht willkommen war. Pocahontas aka Rebecca verstarb kurz vor Antritt der Rückreise je nach Quelle an Lungenentzündung, Tuberkulose, Typhus oder Pocken.

Sie wurde am 21. März 1617 in der St. George’s Church in Gravesend begraben. Aus all dem hat Autorin Effe U Knust einen kunstvollen Textteppich gewoben, sprachverspielt, geistreich, wortdreherisch, dabei stets dem wirklich Stattgefundenen verpflichtet, und der weiblichen Sicht auf die Ereignisse. Amüsant ist das, wenn Mensah-Offei als längst verschiedener John Rolfe – inklusive leuchtendem Heiligenschein, glaubte er doch die Seele der Wilden Pocahontas per Ehe- schließung zu retten – beklagt, dass ihm John Smith punkto Berühmtheit weit überrundet hat.

„Harte Arbeit“, seufzt der Leichnam, „dafür interessiert sich Disney nicht.“ Dabei – und nun Kloß im Hals – sei er es gewesen, der Land wie Frau „genommen“, Land und Frau fruchtbar gemacht hätte, beide davor unberührt, bis der Eindringling eindrang. Knust spielt bei ihrer „Repräsentationsrevue“ mit den Begriffen Virgin/Virginia, Laner lässt ihre Protagonistin die Neue Welt zur gigantischen Kaugummiblase aufpusten. Steht Christianisierung an, benebelt Mensah-Offei das Publikum mittels dampfendem Weihrauchgefäß. Losgelöst von allen stereotypen Perspektiven erzählt Pocahontas Witze: „Treffen sich eine Raucherin, eine Trafikantin und eine Nichtraucherin …“, und zielt mit einer Bemerkung über Nikotin-Junkies als eine Art Antifa im Freiheitskampf für ihre Sucht treffsicher auf gegenwärtige Reibereien.

Kriegsbeil gegen Friedenspfeife, sozusagen, und John Rolfe brüstet sich damit, dass der lukrative Tabakhandel die Sklavenwirtschaft erfunden hätte – „Geh‘ scheißen, Baumwolle!“ Nancy Mensah-Offei, geboren in Ghana, das westafrikanische Land 1874 von den Briten zur Kronkolonie erklärt, und dessen Bevölkerung ergo dem selben Empire ausgeliefert wie Pocahontas, turnt vom amerikanischen Gründungsmythos (siehe: nur Gründerväter, niemals -mütter) zur „Mankind“-Massenvergewaltigung zur Mondlandung 1969, der Landnahme eines Himmels-Körpers. „Steckt in diesem Loch schon eine Fahne?“, fragt sie unzweideutig, und baut die Bühne mit einem Abschlagnetz zur Driving Range um.

Beim Upper-Class-Sport kann Pocahontas schließlich bestens übers „depperte Patriarchat“ lästern. Eine Meta-Decke haben Knust, Laner und Mensah-Offei außerdem eingezogen. Die Schauspielerin – im von Elke Auer gestalteten Video – möchte nämlich Dramatikerin und Theaterdirektorin, beide weiß, beide Mensah-Offei live, zwecks anfangs angekündigtem Comeback von ihrer Vielschichtigkeit überzeugen. Sie hat genug von den Schubladen, in denen sie verstaut wird, und demonstriert das ganze Spektrum ihres Könnens. Vergebens. Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft bestimmen nach wie vor den Status einer Person. „Rasse“ macht den Menschen. Und weit und breit kein „Weißer Rauch“ in Sicht.

www.drachengasse.at

BUCHTIPP: Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35082

  1. 10. 2019

Lone Ranger

August 12, 2013 in Film

Lachen bis die Geier kommen

© DISNEY. ALLE RECHTE VORBEHALTEN. © 2012 Disney Enterprises, Inc. The LONE RANGER property is owned by and ™ & © Classic Media, Inc., an Entertainment Rights group company.  Used by permission.

© DISNEY. ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
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Used by permission.

Was ist den Kritikenkollegen zu Disneys „Lone Ranger“ nicht alles Negatives eingefallen: Von „Riesenflop des Kinojahres“ bis „Schiffbruch im Wilden Westen“. Leute, der Film ist ein Spa-ha-ß. Popocorn-Kino. Wer da in den Saal saure Drops mitnimmt, ist selber schuld. Fakt: Regisseur Gore Verbinski und Produzent Jerry Bruckheimer wollten ihren „Fluch der Karibik“-Lauf mit ihrem Star Johnny Depp im Wilden Westen fortsetzen. Also erinnerten sie sich an eine Hörspielereihe aus anno Schnee, die später zur TV-Serie wurde, und es von 1949 bis 1957 auf beachtliche 2956 Folgen brachte: Lone Ranger. Ein populärer Outlaw im Zorro-Stil, der, einst Staatsanwalt, das Gesetz in die eigenen Hände nimmt. Rauchende Colts. Bei Verbinski mit ein wenig Anklang an die Fuzzy-Filme. www.youtube.com/watch?v=zyyZa2EGsY8&feature=endscreen

Und Zitaten von „Spiel mir das Lied vom Tod“ über „The Good, the Bad and the Ugly“ und Buster Keatons „The General“, der einmal völlig ungeniert abgekupfert wird, bis „Little Big Man“. Heute ist kein guter Tag zum Sterben. (Wie „der alte“ Dustin Hoffman sieht Johnny Depp am Ende auch ein wenig aus). A Show with Everything but Ennio Morricone. Hans Zimmer ist für die Musik zuständig und spielt in einem der längsten Action-Overkill-Ende eine Art Radetzkymarsch. Eine Mischung aus Buddy-Movie, Parodie, Depps Irrwitz, den er diesmal mit einem biertrinkenden Seelenpferd teilen muss, und durchaus ernsthaften Westernelementen: Immerhin wird der amerikanische Ureinwohner Tonto von den Comanchen zum „Unsichtbaren“ erklärt, weil er als Jugendlicher an der Ausrottung seines Stammes durch silbergierige Weiße Schuld war. Immerhin muss Staatsanwalt Reid zusehen, wie der Bösewicht, den er zur Hinrichtung bringen wollte, seinem gesetzeshütenden Bruder bei gerade noch lebendigem Leib das Herz aus der Brust schneidet und frißt. Immerhin wird die Situation von Frauen, die das Land tatsächlich urbar machten, während die Männer mit ihren Schießeisen spielten, der Schwarzen, der Mexikaner im Westen und die der Chinesen beim Eisenbahnbau beleuchtet. Der Oberschurke ist außerdem der Verbündete vom Dampflokoberboss … Wendungen und Wirrungen im Minutentakt.

Die Legende beginnt diesmal mit einer Rahmenhandlung: 1933 bestaunt ein kleiner Bub im Lone-Ranger-Outfit auf einem Rummelplatz in einer Westernschaubude die Figur eines steinalten Indianers. Der wird plötzlich lebendig und erzählt dem Knirps die Heldengeschichte aus dem Jahr 1868. Wunderbar Johnny Depp als wieder verjüngter Tonto mit Schwarzweiß-Malerei im Gesicht und einer prinzipiell toten, doch mitunter lebendigen Krähe auf dem Kopf. Er füttert sie jedenfalls. Tonto findet die von Herzaußreißer Butch Cavendish und seiner Bande ermordeten Texas Ranger – und Harvard-Absolvent John Reid. Er hebt Gräber aus, da erscheint das Seelenpferd. Der eigenwillige Schimmel erweckt John wieder zum Leben. Den falschen Bruder, wie Tonto findet. Aber den Geistern der der Ahnen soll man nicht widersprechen, also fertigt er dem Greenhorn eine Maske aus der Jacke seines Bruders – der Lone Ranger ist geboren. Gemeinsam begibt man sich auf Verbrecherjagd, in einer Welt, in der blutrünstige, Monty-Pythons-artige Karnickel sich gegenseitig zerfleischen, weil das Böse die Natur aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Armie Hammer als John Reid schlägt sich an der Seite des übermächtigen, schillernden Freaks Depp – fabelhaft etwa die Szene, wie er majestätisch per Leiter von einem Zugdach auf das andere „umsteigt – mehr als achtbar. Und dann ist da noch Helena Bonham Carter als Puffmutter, die aus dem Absatz ihres Elfenbeinbeins scharfe Schüsse abgeben kann.

Die Schurken werden natürlich besiegt. Bis auf einen. „Mann wurde aus Silber geboren, Mann kann nur durch Silber sterben“, sagt Tonto über Cavendish und gibt dem Buben in der Ausstellung am Schluss eine silberne Revolverkugel in die Hand. Der Dreikäsehoch setzt sich darauf seine Maske wieder auf. Fortsetzung garantiert? Jack Sparrow hätte sicher seine Freude daran.

www.disney.de/lone-ranger/

http://disney.go.com/the-lone-ranger/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=W_z4QihFiIE

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 8. 2013