Amélie Nothomb: Die Passion

November 13, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jeder sein eigener Jesus

„Ich wusste seit jeher, dass man mich zum Tode verurteilen würde.“ Mit diesem Satz beginnt Amélie Nothomb ihren dieser Tage auf Deutsch erschienenen Roman „Die Passion“. Im Original „Soif“/Durst, und damit ist mutmaßlich nicht nur das fünfte der Sieben letzten Worte Jesu Christi gemeint, „Mich dürstet.“ – Joh. 19,28, sondern wohl auch der nach Wissen, nach tieferer Kenntnis der Autorin.

Denn der Mann, der hier auf seine Hinrichtung wartet, ist kein Geringerer als der Heiland. Nothomb entwirft ihren Protagonisten als Blasphemiker, der in einer im Neuen Testament nicht vorgesehenen Nacht vor der Kreuzigung in seiner Gefängniszelle seinen Gedanken über im Wortsinn Gott und die Welt nachhängt. Für den Leser, die Leserin tut er dies gleichsam laut, und wer beim Ich-Erzähler ans schöpferische Über-Ich der Autorin denkt, liegt nicht weit daneben.

Kommt doch die Provokationen wie Bestseller am Fließband produzierende Schriftstellerin, im französischen Sprachraum ein nicht zuletzt für seine Exzentrik geliebter literarischer Superstar,

aus einer schwer katholischen Familie. Geboren in Kobe, und wer die unerbittliche Strenge des japanischen Christentums kennt, weiß, was das heißt. „Ich hatte als Kind Katechismusstunden und lernte dort immer mehr Dinge, die nicht richtig schienen … Das Allerschlimmste war die Kreuzigung. Wir sollten sie für etwas Gutes halten, und dabei war es offensichtlich grauenhaft. Warum hat Jesus das mitgemacht?“, so Nothomb in einem Interview für den Radiosender France Inter.

Und macht genau das zur Frage ihrer Figur. Freilich ist Nothombs „Passion“ neben Kazantzakis, Saramago, Éric-Emmanuel Schmitt ein in mancher Hinsicht schmaler Band, doch ist dies Evangelium nach Amélie mit einer Verve und einem (Über-)mut an theologischer Unbedarftheit hingepfeffert, mit dem ihr eigenen bös-flapsigen Witz übers Menschsein bei gleichzeitiger Feinfühligkeit für diese seltsame Spezies, dass man durch den Roman geradezu fliegt.

Weiland boten sich Depeche Mode ihren Gläubigen als „Personal Jesus“ an, bei Amélie Nothomb wird jeder sein eigener Jesus. Ein Komplize des einen in dessen Hadern mit der sinnlosen Grausamkeit, die ihm bevorsteht. Man kann nicht anders, ist doch die Misericordia eine der monotheistischen Haupttugenden, und so wächst die Empathie Seite um Seite. Für den Menschensohn, für die Verkörperung Gottes – und „Verkörperung“ ist auch Nothombs Stichwort. Jesus liebt das Leben, das ihn der seine gelehrt hat, das Genießen von Speis‘ und Trank und Sex, das Erspüren des Regens auf der Haut, und die Freude an seiner Lieblingsbeschäftigung: sich lang ausstrecken und ausruhen.

Für den körperlosen Vater hat der gotteslästerliche Sohn in seinen schwersten Stunden viel Spott übrig, „tiefe Wahrheiten erfährt man nur, wenn man dürstet, liebt oder stirbt – drei Zustände, die einen Körper voraussetzen. Die Seele ist keineswegs ausreichend“, sagt Jesus, und unterstellt dem Geistwesen aus der Genesis, um es umgangssprachlich zu formulieren, wie ein Blinder von der Farb‘ zu reden. Eine wahrhaft göttliche Idee, ist es doch auch sein Körper, der Jesus zum Wundertäter macht.

Er schaltet den Kopf aus, ein Akt der zeitweiligen Selbstauslöschung, damit sie geschehen können, sein liebstes in der Rückschau die Hochzeit von Kana, wo der Wein ausging, und die Mutter, den Sohn, den sie sonst so gern „normal“ gehabt hätte, zur Wohltat anstachelt: „Wo war das Problem? Dann war das saure Gesöff halt aus! Meine Güte! Frisches Wasser stillt den Durst ohnehin besser“, meint er, bis ihn die Mutter, wie jede eine bevormundende, zwingt. „Fast hätte ich laut aufgelacht. Das also hielt mein Vater für die passende Gelegenheit, mir diese Gabe zu offenbaren: dass der Wein ausgegangen war. Er hatte schon einen speziellen Humor!“

Beim Prozess werden die Hochzeiter über diese „Erniedrigung“ vor ihren Gästen klagen, Jesus hätte viel zu spät seine Pflicht der Wandlung getan, auch alle anderen, die seine Gnade erfahren haben, beschweren sich, der vormals Besessene von Kapernaum, dass sein Leben nun belanglos sei, der Aussätzige darüber, dass jetzt die Almosen ausblieben, sogar der Fischereiverband vom See Genezareth tritt auf. „Herr, schütze mich vor den Rechtschaffenen“, ist an dieser Stelle ein persönliches Stoßgebet – und Jesus denkt: „Was ist schon das Rätsel des Bösen, gemessen am Rätsel der Gemeinheit.“

Bild: pixabay.com

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Um sich von der Angst vorm Kommenden abzulenken, geht Jesus das biblische Personal durch. Den über den in der Gerichtsverhandlung verzapften Unfug empörten Pilatus. Petrus, den er nicht erwählt hat, weil er der Klügste, sondern weil er ein „beeindruckender Koloss“ ist, dem die Leute zuhören. Judas, dieses „Problem auf zwei Beinen“: „Wahrscheinlich haben wir alle so einen Freund, bei dem sich die anderen fragen, wieso“, denkt Jesus – und weiter: „An welchem Baum hat Judas sich erhängt?“ Apfel oder Feige?

Seine geliebte Mutter und Josef, „zwei hoffnungslos gute Seelen“, beides bessere Menschen als er, den Gier, Lust und Zorn beutelten, Josef, der versuchte, ihm die Kunst der Zimmerer beizubringen: „Er wurde nie böse, aber sah manchmal ziemlich fassungslos drein!“ Die Geliebte. Magdalena, an deren Schönheit und Stimme er sich erinnert, und an anderes, Unanständiges. Nur so viel: „Sie sagte immer: ,Lass uns in Liebe schlafen!‘, schmiegte sich wie ein Löffelchen an mich und schlief sofort ein. Sie hat mich gelehrt, dass Schlafen ein Akt der Liebe ist.“

„Der große Unterschied zwischen meinem Vater und mir ist, dass er die Liebe ist und ich liebe“, ist einer der schönsten Sätze der Nothomb für ihren Jesus, der am Kreuz jubiliert, weil der Vater nichts weiß von der vollkommenen Hingabe, die zwei Seelen und zwei Körper vereint. Die letzte Versuchung nach Nothomb ist nicht Kazantzakis‘ Satan, sondern irdische Innigkeit. Ein Herabsteigen vom Folterwerkzeug, kein Sühnen fremder Sünden, das noch dazu vergeblich gewesen sein wird, Flucht mit der Frau, in die Anonymität und Banalität eines Allerweltslebens. Aber ach. „Aus Liebe zu seiner Schöpfung hat mein Vater mich meinen Henkern ausgeliefert. Gibt es eine perversere Art des Liebesbeweises? Ich opfere mich zum Wohle aller. Das ist doch abartig!“

Das Ecco homo ist unausweichlich. Dornenkrone, Geiselung, Golgatha, Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern und der belustigten Befürchtung, er könnte zusammenbrechen und sterben, bevor er an der Richtstätte angekom-men ist, und so alle himmlischen Pläne zunichtemachen. „Mein Vater, der mich nie erhört, beweist mir auf seltsame Weise, wie soll ich sagen, nicht seine Solidarität, schon gar nicht sein Mitgefühl, nein, ich kann es nicht anders nennen: seine Existenz“, denkt Jesus unter unsäglichen Qualen. Und kommt zum Schluss darüber, was nicht erst seit Monty Python die Menschheit bewegt: „Der Sinn des Lebens besteht darin, nicht zu leiden.“

Zugegeben, ein bisschen mühsam ist dieser Sermon mitunter, der an einigen Stellen klingt, wie der eines im Palastkäfig gefangenen Royal. Was Jesus ja in gewissem Sinne auch ist. Wenn er die dichterischen Freiheiten der Evangelisten tadelt, wenn er aus seiner Sicht zukünftige Dichter und Denker zitiert. Immerhin ist diese nervige Allwissenheit ans Herz gehend, wenn er sagt, dass ihm durch die Jahrhunderte die von den Künstlern geschaffenen Pietàs allemal lieber sind als die blutrünstigen Kreuzigungsszenen.

Nothombs „Passion“ ist der kalkulierte Affront eines Christus‘, der begreift, dass er erst dann vom Kreuz steigen wird, wenn nicht Gott, sondern er selbst sich vergeben hat. Bei zeitgleicher Entschuldigung, dass all die markigen, vor Sarkasmus triefenden Sätze ein letztes zwischen Marter und Ohnmacht liegendes Aufbäumen sind. Doch wie ihm mehr als 2000 Jahre, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, eine Inquisition, später widersprechen, wenn geschrieben steht: „Ich habe den größten und gefährlichsten Unsinn der Geschichte zu verantworten.“ Oder: „Deine Erfindung ist dir über den Kopf gewachsen, Vater.“ Da ist die Autorin deutlich zugegen, ihr Glaubens- bekenntnis dargelegt in diesen knappen Formulierungen, denn nur wer ernsthaft glaubt, wird kritisieren.

Solcherart ist der Durst wieder da. Soif. Und wird im Wüstenland, im wüsten Land zum spirituellen. „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr empfindet, wenn ihr dürstet, das sollt ihr hegen und pflegen. Es ist ein Quell der Mystik … Wenn ein Dürstender den Wasserbecher an die Lippen setzt – dieser unbeschreibliche Moment ist Gott … Die Liebe, die ihr in diesem Moment für das Wasser empfindet, ist Gott. Ich bin der, der gekommen ist, um diese Liebe zu allem Seienden zu haben. Das bedeutet es, Christus zu sein.“

Amélie Nothomb. Bild: © Catherine Cabrol

Über die Autorin: Amélie Nothomb, geboren 1967 in Kobe, Japan, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten hauptsächlich in Fernost verbracht. Seit ihrer Jugend schreibt sie wie besessen. In Frankreich stürmt sie mit jedem neuen Buch die Bestsellerlisten und erreicht Millionenauflagen. Ihre Romane erscheinen in 39 Sprachen. Für „Mit Staunen und Zittern“ erhielt sie den Grand Prix de l’Académie française, „Die Passion“ war 2019 für den Prix Goncourt nominiert. Amélie Nothomb lebt in Paris und Brüssel.

Diogenes Verlag, Amélie Nothomb: „Die Passion“, Roman, 128 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Brigitte Große.

www.diogenes.ch          www.amelie-nothomb.com

  1. 11. 2020

Ian McEwan: Die Kakerlake

Januar 31, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine kafkaeske Abrechnung mit dem Brexit

„Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.“ So beginnt, nein, nicht die Erzählung mit dem zweitschönsten ersten Satz, sondern Ian McEwans Verwandlung derselben. Des britischen Schriftstellers jüngster Geniestreich „Die Kakerlake“ ist das Buch zur Mitternachtsstunde, eine brillante kafkaeske Abrechnung mit dem Brexit, eine bitterböse Persiflage auf die aktuelle britische Politik – auch wenn der Autor beteuert, jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Kakerlaken wäre rein zufällig.

Während sich McEwans namensvetterischer Protagonist noch vor dem glitschigen Lappen in seinem Mund und der unermesslichen Zähnezahl ekelt, die wenigen Gliedmaßen, das Fehlen seiner Facettenaugen und die groteske Umkehrung Fleisch außen, Skelett innen geklagt, ist der Leser in Gedanken nämlich längst bei Johnson, Farage, Corbin und Co … Eine Küchenschabe hat also ihre Heimat hinter der verrottenden Holztäfelung im Palace of Westminster verlassen, hat die Gefahr pöbelnd über die Bürgersteige trampelnder Protestler nicht gescheut, um, so die

Geheimmission, im Mansardenstübchen 10 Downing Street im Wortsinn in die Haut des Premierministers zu schlüpfen. Gewiss, so denkt Humanoid-Insekt Jim, sei er für den Job nicht schlechter gerüstet als andere, „nach einem kurzen Blick in die Zeitungen allemal“, kennt er doch die „wöchentliche Operette“ der Prime Minister’s Questions und die Kabinettssitzungen vom Zuhören. Und deren Tenor: Krise in Großbritannien, öffentliche Meinung auf dem Tiefststand, überfälliges Misstrauensvotum gegen den Original-Sams, weil dieser zu viele Zugeständnisse an die gegnerische Seite mache, Satz eines bekannten Kolumnisten: „Überparteilichkeit ist in der Politik ein Todesröcheln!“. Ergo heißt Jims neue Stoßrichtung ideologische Kehrtwende – Reversalismus.

„Die Kakerlake“, der schmale Satireband eine famose Fingerübung von Vielschreiber McEwan, ist eine So True Story, eine Tragifarce, die manch englischsprachiger Literaturkritiker allerdings jenseits der Grenze des guten Geschmacks ansiedelte. Vor allem Jim Sams Telefonate mit US-Präsident und Twitter-King Archie Tupper gingen diesen zu weit (als ob Howard Jacobsons „Pussy“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269 – nicht noch weiter gegangen wäre). Vor allem Passagen, wie jene, in der Jim herumdruckst, er habe mal eine persönliche Frage. Hatte Mr. President früher ebenfalls sechs Beine? Schlagartig ist die Leitung tot. Und man ahnt, auch der mächtigste Mann der Welt ist Ungeziefer in Menschengestalt.

Alldieweil muss Jim seine Minister gar nicht auf das neue Wirtschafts- und Gesellschaftssystem einschwören, im Meeting erkennt er sie alle als einen „kleinen Schwarm der besten ihrer Nation, gekommen, um die schwächliche Führungsriege zu erobern und ihr neuen Mumm einzuflößen.“ Eine Blattidae, ein Reich, ein Leader, doch ein Verräter, ein Volksfeind, ein Mensch – Außenminister Benedict St John. Wie der nun, da politischer anno 2020 nicht mehr möglich scheint, per Rufmord nach allen Regeln der #MeToo-Kunst rücktrittsreif gemobbt wird, ist ein McEwan’sches Anti-p.c. für sich.

St Johns ehemalige Parlamentsreferentin, nunmehr Kakerlaken-Verkehrsministerin Jane Fish berichtet plötzlich von „obszönen Anspielungen und unangemessenen körperlichen Berührungen“, weint coram publico über Jahre des Leidens und Schweigens wegen ihrer Karriere – und ausgerechnet der oppositionelle Guardian greift freudig nach den Fake News, zufrieden der Regierung irgendeins auswischen zu können. Klar, dass die Bevölkerung glaubt, was ihr solcherart in gedruckten beziehungsweise geposteten Lettern vorgesetzt wird. Sams erweist sich als meisterliche Intrigenspinne im feindlichen Lügennetz. „Jim hatte hervorragende Fühler für die öffentliche Gemütslage“, formuliert McEwan doppeldeutig. Ergebnis: „Harter Reversalismus war endgültig Mainstream.“

Bild: pixabay.com

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Dessen Ursprünge gehen angeblich auf ein amüsantes Gedankenspiel, ein Steckenpferd von Exzentrikern wie den 17.-Jahrhundert-Ökonomen Joseph Mund und Josiah Child zurück. Keith Joseph soll versucht haben, die Umkehrfluss-Ökonomie Margaret Thatcher schmackhaft zu machen, die jedoch für die Idee nur ein eisernes No übrig hatte. Eine Idee rechts der Mitte, weshalb – nach erfolgreicher Volksabstimmung – die Mitte nun nach rechts driftet, für die sich aber auch Altlinke stets erwärmen konnten. Heißt: den Geldfluss umzudrehen, heißt, dass man das Gehalt für seinen Job an den jeweiligen Arbeitgeber bezahlen muss, während man im Shop das Geld für die erstandenen Waren ausgefolgt bekommt.

Rücklagen zu bilden ist verboten, die Finanzmittel müssen fließen. Je höher die Vergütung des Arbeitsplatzes, desto mehr muss man sich an Luxusgütern anschaffen, um die eigene Geldbörse wieder zu füllen. Das bringt die Wirtschaft in Schwung und führt zur Umverteilung des Reichtums. EU, Nato und alle Importeure müssen Barzahl- ungen leisten. So die Theorie, die irrwitzige. Eine Anspielung auf die Brexit-Befürworter, hier „Rückdreher“ genannt, die eine Rückkehr in jene Zeiten versprechen, in denen das Empire, Rule Britannia!, allüberall herrschte.

Zur Splendid Isolation will Sams den R-Day (!) ausrufen. Zwei Drittel aller Wahlberechtigten wünschen sich laut Umfragen „einen starken Anführer, der auf das Parlament keine Rücksicht zu nehmen braucht“, die Verhandlungen mit Brüssel sind ins Stocken geraten, rät Archie „Lucky Jim“ doch, das Wichtigste sei, „der EU auf die Nerven zu gehen“. Internationale Konzerne verlegen ihre Sitze ins Ausland, Prominente schreiben verzweifelte offene Briefe, Oppositionschef Horace Crabbe, eigentlich selbst „ein ältlicher Reversalist der postleninistisch linken Schule“, hat ausgedient, einzig die deutsche Kanzlerin wagt es, sich Sams „mit müden Augen“ zu widersetzen und von rechtsstaatlichem Skandal und der gelinkten Labour zu sprechen.

Bild: pixabay.com

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Elegant, mit einem Feuerwerk an Einfällen und mit geradezu maliziösem Vergnügen ihre typischen Antiphrasen aufzugreifen, karikiert McEwan den Clan der Brexitianer. Er zeigt den – freilich fiktiven – Premierminister als listenreichen, skrupellosen Manipulator. Mit Besonderheiten wie dem Chief Whip, jener Person, die sicherstellen soll, dass die Mitglieder der Regierungspartei bei Abstimmungen anwesend sind und im Sinne der Fraktionsführung voten, dem zeremoniellen Streitkolben und dem Prinzip des Pairing – kann ein Abgeordneter der Regierungspartei bei einer Abstimmung nicht anwesend sein, trifft er ein Abkommen mit einem oppositionellen, dass dieser ebenfalls fernbleibt, ist „Die Kakerlake“ außerdem very quirky british.

Versteht sich, dass Sams auch das Pairing ohne viel Federlesens bricht. Als ein französisches Kriegsschiff unabsichtlich ein britisches Fischerboot versenkt und sechs Seemänner ertrinken, hat Sams endlich Britanniens „verlässlichsten Feind“ zur Verfügung – für eine Schmutzkübelkampagne sondergleichen. Was die Kakerlaken mit ihrem Werk bezwecken, erklärt McEwan, hat mit Elend und Armut zu tun, „Konzentration von Wohlstand auf wenige, Argwohn gegen die Wissenschaft, gegen Intellektuelle, gegen Fremde und gegen sozialen Zusammenhält.“ Je tiefer der Mensch sinkt, um so höher steigt die Schabe in der evolutionären Hierarchie.

Schlusszitat: „Der durchschnittliche Brüsseler Beamte hatte sich verwundert die Augen gerieben, als es per Referendum zu dieser erstaunlichen Entscheidung kam. Dann aber geriet der Prozess dank der Komplexität des Ganzen ins Stocken, und man entspannte sich achselzuckend wieder. Ein solcher Unsinn würde doch gewiss in alterprobter Manier auf die lange Bank geschoben werden.“ Ticktack, sieben Stunden noch …

Über den Autor: Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot, Hampshire, lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg „Abbitte“ ist jeder seiner Romane ein Bestseller, zahlreiche sind verfilmt worden, zuletzt kamen „Am Strand“ mit Saoirse Ronan und „Kindeswohl“ mit Emma Thompson in die Kinos. Ian McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences. Im Mai 2019 erst erschien sein erfolgreicher Roman „Maschinen wie ich“.

Diogenes Verlag, Ian McEwan: „Die Kakerlake“, Roman, 144 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben.

www.diogenes.ch           www.ianmcewan.com

  1. 1. 2020

Kent Haruf: Abendrot

Oktober 5, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gemeinsam ist man weniger einsam

Bis vor zwei Jahren noch galt Kent Haruf absolut als Geheimtipp, sechs Romane hat der 2014 verstorbene US-Autor insgesamt verfasst, und erst als der letzte, „Unsere Seelen bei Nacht“, mit Jane Fonda und Robert Redford prominent verfilmt wurde, erlangten Harufs Bücher posthum Bestseller-Status. Bei Diogenes ist nun erstmals Band vier auf Deutsch erschienen, „Abendrot“, das Original bereits im Jahr 2004, und wie in allen von Harufs Arbeiten ereignet sich die Handlung auch hier in der fiktiven Kleinstadt Holt in den Great Plains, Colorado.

Kent-Haruf-Kenner werden also auf den einen oder anderen vertrauten Charakter treffen: Tom Guthrie taucht wieder auf, der Lehrer, dessen Ehefrau sich aus dem Staub gemacht hat, und der jetzt allein mit seinen zwei kleinen Söhnen den Alltag stemmen muss, auch Toms Kollegin Maggie Jones, die das schwangere, von der Familie vor die Tür gesetzte Mädchen Victoria auf der Ranch der beiden McPheron-Brüdern unterbrachte, den eingefleischten Junggesellen Harold und Raymond. An diesem Vorwissen kann sich, wer’s hat, erfreuen, es ist allerdings nicht notwendig, um die Lektüre von „Abendrot“ zu genießen.

Haruf, überzeugter Hillbilly aus dem Middle of Nowhere des Mittleren Westens, beschreibt, womit er sich auskannte: die einfachen und größtenteils liebenswerten und guten Gottesgeschöpfe in ihren Sorgen und Nöten, beschreibt die sich von Seite zu Seite stetig zu einem großen Ganzen verbindenden Schicksale der Holt-Gemeinschaft, schreibt über scheiternde Beziehungen und von ihren Eltern vernachlässigte Kinder, über das Standardbesäufnis am Wochenende, über ungeahnte Hilfsbereitschaft und leidenschaftlichen Hass, über Ängste, Niederlagen und Triumphe, über das kleine Glück und den Traum, aus dem be*** scheidenen Alltag auszubrechen und anderswo neu anzufangen.

Der besondere Zauber von Harufs Erzählkunst besteht in der kitschfreien, prägnanten Art, mit der er seine Storys festhält, seine schlichte Sprache, sein Kein-Wort-zuviel-Stil sind wie den Menschen vom Mund abgeschaut, und dabei von einer behutsamen, anrührenden Poesie – deren Verse sich auf die Wahrheit reimen, dass der Einzelne nur existieren kann, wenn ein anderer zumindest eine Zeit lang mit ihm den Lebensweg geht. Gemeinsam ist man weniger einsam …

„Abendrot“ ist einmal mehr eine Collage von mindestens einem Dutzend Geschichten, ein komplexes Gespinst aus x-en Figuren, Protagonisten, die sich Haruf nach und nach und voll Empathie für – fast – jeden von ihnen herauspickt, um sie samt ihren Problemen in pointierten Porträts zu präsentieren. Und so spielen im Holt’schen Mikrokosmos diesmal die kauzigen McPheron-Brüder die wichtigsten Rollen. Über sie erfährt man, dass Victoria inzwischen ihre Tochter Katie zur Welt gebracht hat, dann allerdings zum Studium nach Fort Collins umzog. Als Harold eines Tages von einem wütenden Bullen zu Tode getrampelt wird, ist Raymond plötzlich allein auf der Welt – bis Maggie und Tom ihn zu einem Samstagabendtanz mitnehmen, wo man „zufällig“ auf Rose Tyler trifft.

Bild: pixabay.com

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Die sich zu sehr in ihre Fälle involvierende Sozialarbeiterin, wie Raymond auch sie eine mit Ecken und Kanten, ist im Wortsinn neu in Holt, und mit ihr beleuchtet Haruf auch erstmals ihre randständige Klientel, die Parias des Prekariatsamerika, die, die der Turbokapitalismus längst abgehängt hat. Zu ihnen zählen Betty June und Luther Wallace und ihre Kinder Richie und Joe Rae, die in unsäglicher Ärmlichkeit in einem Wohnwagen hausen – was vor allem Richie zum Gespött der Mitschüler macht. Haruf skizziert die Wallaces als die Sorte von Leuten, denen ihr verpatztes Dasein die Energie geraubt hat, um sich noch irgendwie aus dieser Abwärtsspirale zu retten.

Selbst als Betty Junes cholerischer Bruder Hoyt Richie und Joe Rae bis aufs Blut prügelt, wissen sie nicht sich zu wehren, und als das Jugendamt die heißgeliebten Kinder einer Pflegefamilie übergibt, bringen sie nicht die Kraft auf, etwas zu unternehmen. Zu den zärtlichsten Episoden zählen die von DJ und Dena, beide elf Jahre alt, er beherbergt von seinem kranken Großvater, um den er sich mehr kümmern muss, als der’s um ihn kann, sie Tochter einer Mutter, die ihren Kummer in Hochprozentigem ertränkt, ist doch der Vater nach Alaska abgehauen. Wie sich diese beiden verlorenen Seelen finden und sich in einem desolaten Schuppen wie „Erwachsene“ ein Ersatzzuhause einrichten, das ist was fürs Herz.

Am Ende steht nicht immer ein Happy End, etliche Krisen-Situationen haben keinen alles klärenden Schluss, ihr Ausgang bleibt dahingestellt. Wie’s eben so geht mit Wünschen und Wollen und Erwartungen. In „Abendrot“ ist nachzulesen, wie schön und wie schrecklich es auf Erden zugehen kann. Wer unter anderem erfahren möchte, ob bei Rose und Raymond der Liebesblitz einschlägt, dem sei dieser großartige, mal humorvolle, mal traurige Roman aufs Wärmste empfohlen.

Über den Autor: Kent Haruf, geboren 1943 in Colorado, war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award ausgezeichnet. Sein letzter Roman, „Unsere Seelen bei Nacht“, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Haruf starb 2014.

Diogenes, Kent Haruf: „Abendrot“, Roman, 416 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von pociao.

www.diogenes.ch

  1. 10. 2019

Andrej Kurkow: Jimi Hendrix live in Lemberg

Januar 9, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Alt-Hippies, Nierensteine und Hendrix’ rechte Hand

978-3-257-60436-8Der ukrainische Erfolgsautor Andrej Kurkow mag die skurrilen, etwas sonderbaren, aber doch liebenswerten Menschen, die sich meist mehr recht als schlecht über Wasser halten und ihr Leben meistern. Und dieser Maxime bleibt der 1961 in St. Petersburg geborene Autor auch in seinem neuen Roman „Jimi Hendrix live in Lemberg“ treu. Kurkow präsentiert einmal mehr ein Sammelsurium einzigartiger Menschen. Die liebevoll und sympathisch gezeichneten Figuren beleben Lemberg und den Roman. Und wie in seinen anderen Büchern zuvor, zündet er ein Feuerwerk an unglaublichen, aberwitzigen Einfällen – ironisch und mit viel schwarzem Humor erzählt.

Da wären einmal die Alt-Hippies und Jimi Hendrix-Verehrer um Opern- und Theaterbeleuchter Alik. Natürlich hat der US-Gitarrenvirtuose nie live in Lemberg gespielt, doch auch hinter dem Eisernen Vorhang hatte er Fans, und für sie ist Hendrix auch 44 Jahre nach seinem Tod der Größte. Obwohl die meisten von ihnen schon weit jenseits der 50 sind, die Haare schütter geworden, aber immer noch lang, versammeln sich Alik und seine Freunde einmal im Jahr des Nächtens auf dem Friedhof vor einem geheimnisvollen Grab, dessen Kreuz Jimis Namen trägt. Angeblich liegt dort dessen rechte Hand bestattet. Diesmal ist sogar der ehemalige KGB-Hauptmann Rjabzew dabei, der vor vielen Jahren während der Sowjet-Ära die damals jungen Leute bespitzelt und ihre Postsendungen konfisziert hatte. Nun bedankt er sich dafür, dass er vor 35 Jahren durch sie Jimi Hendrix „entdecken“ durfte. „Hey Joe“ und „Purple Haze“ haben sein Leben verändert.

Diesem Auftakt folgen auf den nächsten 400 Seiten noch viele ähnliche unglaubliche Szenen und Geschichten. Da gibt es den Fast-Mediziner Taras, der einen neuen Erwerbszweig entdeckt hat. Er hat sich auf eine spezielle Art der Entfernung von Nierensteinen spezialisiert und bietet seine Dienste im Internet an. Er fährt in der Nacht seine zumeist polnischen Kunden mit einem alten Opel durch mit Schlaglöchern übersäte Straßen Lembergs, um mittels Vibration den Nierensteinen den Weg nach draußen zu weisen. Diese Methode zeigt eine erstaunliche Wirkung. Die verdienten Dollar wechselt er in einer Stube bei Darja in die heimische Währung Hrywni um und verliebt sich so ganz nebenbei auch gleich in die junge Frau. Aber auch Darja hat es nicht einfach im Leben, schließlich leidet sie unter einer Geldallergie und muss ständig Handschuhe tragen. Oxana, Taras‘ beste Freundin, arbeitet abends als Schauspielerin und engagiert sich in der Obdachlosenhilfe. Daneben versucht sie Jerzy Astrowski, Taras‘ schrulligen Nachbarn, abzuwehren, der Oxana ständig Avancen macht. Um sie zu beeindrucken beginnt der ehemalige Frisör den Obdachlosen gratis die Haare zuschneiden.

Auch Schriftsteller Jurko Wynnytschuk lebt in Lemberg, der einen Seemann aus seinem neuen Roman gelöscht hat, mit fatalen Folgen. Denn es liegt was in der Luft in Lemberg. Möwen kreisen am Himmel, attackieren die Einwohner, die Luft riecht salzig und es scheint, als ob die Stadt, die weit im Landesinneren liegt, vom Meer heimgesucht würde. Doch auch dafür präsentiert Kurkow den Lesern eine aberwitzige Lösung.   Ein Roman voller kurioser und absurder Einfälle und mit spritzigen Dialogen, der die Welt der postkommunistischen Ukraine sichtbar macht.

Über den Autor:
Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach wurde er Kameramann und schrieb zahlreiche Drehbücher. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und arbeitet daneben für Radio und Fernsehen. Kurkow wurde in seinem Geburtsland längst zur unerwünschten Person erklärt. Seine Bücher – ein halbes Dutzend Drehbücher und knapp 20 Romane – dürfen in Russland nicht verkauft werden. Zu scharf ist seine Kritik an Wladimir Putins Politik. In der Ukraine gehört er inzwischen zu den wichtigsten Stimmen der Opposition. Bei Diogenes sind u. a. „Picknick auf dem Eis“, „Die letzte Liebe des Präsidenten“, „Der Milchmann in der Nacht“ und „Der Gärtner von Otschakow“ erschienen.

Diogenes, Andrej Kurkow: Jimi Hendrix live in Lemberg“, Roman, 416 Seiten. Aus dem Russischen von Sabine Grebing und Johanna Marx.

www.diogenes.ch

Wien, 9. 1. 2015