Neil Gaiman: Zerbrechliche Dinge

April 9, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Skurrile Träume einer schauderhaften Wirklichkeit

In der Nacht kratzt ein Federkiel über Papier. In der Bibliothek seines Schlosses versucht ein junger Schriftsteller, zweifellos ein Mann des viktorianischen Zeitalters, einen Roman zu verfassen. Kein leichtes Unterfangen, ist die Dunkelheit doch voller Geräusche und Gestalten. Der Ghul in der Gruft, die kichernden Stimmen in der verfallenen Abtei, die keinesfalls menschlichen Augen, die aus dem Porträt des Ururahnen auf den Autor blicken, die angekettete Tante Agatha, die unterm Dach zetert und schreit … Sie taugt nichts, seine Geschichte von der im Spukhaus gefangenen Maid Amelia Earnshawe, stellt der Dichter fest.

Der Rabe, der auf einer weißen Marmorbüste hockt, rät ihm, „dieses lebensechte Zeug“, das er da hinkritzelt endlich sein zu lassen – und sich der Fantastik zu widmen. „Ich bin Klassizist“, empört sich der Literat und nennt „Udolpho“, „Das Schloss von Otranto“, „Die Handschrift von Saragossa“ als seine Vorbilder. Hingegen die Gothic Novels mit ihren Themen Börsenmakler, frustrierte Hausfrauen und Polizeieinsätze – „Reinster Eskapismus!“ Trotzdem setzt er sich hin und versucht es. Und während die Worte mit Blut geschrieben werden und Blitze über den Himmel zucken, verwandelt sich seine Geschöpf Amelia.

Sie, die eben noch mit den Mächten der Finsternis rang, steckt zwei Scheiben Vollkornbrot in den Toaster, gießt Orangensaft in Gläser und fragt ihren Ehemann George „Rührei oder ein wachsweiches?“ Und über die Lippen des Schriftstellers gleitet ein zufriedenes Lächeln. Weil er weiß, dass ihm nun etwas wunderbar Sonderbares gelungen ist … „Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste“ heißt diese Short Story von Neil Gaiman, eine von 31, darunter auch ein paar Gedichte, mit dem Sammeltitel „Zerbrechliche Dinge“, die der Eichborn Verlag nun als Paperback herausgebracht hat. Eine Selbstparodie aufs Leiden an der Autorschaft, die wohl am besten Gaimans im doppelten Wortsinn ungeheuren Humor und sein Faible für verkehrte Wirklichkeiten illustriert. Gaimans Texte sind schauderhaft, skurril, spannend, Reverenzen an Ray Bradbury, Harlan Ellison oder Robert Sheckley, denen er den Band als „Meister ihres Fachs“ auch widmet. Wobei Gaiman diesen Großen mit mehr als vierzig Veröffentlichungen und der Auszeichnung mit jedem nur erdenklichen Preis der Fantasy- und Comic-Szene in nichts nachsteht.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen die „Sandman“-Serie, der Roman „American Gods“, und auch das Drehbuch von Robert Zemeckis‘ „Beowulf“, verfilmt mit Angelina Jolie als Grendels Mutter, stammt von ihm. In „Zerbrechliche Dinge“ bewegt sich Gaiman gekonnt zwischen den Genres Science-Fiction, Horror und dem guten alten Schauerroman. Er lässt in Dystopien Aliens die Menschheit knechten, Dämonen aus Männern die Wahrheit foltern, Santería-Priesterinnen brünstige Freier in Zombies verhexen. Er überschreibt Märchen und Mythen, „Goldlöckchen und die drei Bären“ etwa, und bietet mit „Susans Problem“ eine verstörende „Narnia“-Fassung an. Nur so viel: Es kommt zum Sex zwischen Aslan und Jadis … Es gibt eine Blaubart-Variation, selbstverständlich eine Grendel-Story, Scheherazade kommt vor, und Sherlock Holmes. Der in „Eine Studie in Smaragdgrün“ (statt Scharlachrot) den Mord an einem grünblütigen Neffen von Königin Victoria aufklären soll, die Queen hier eine riesenhafte, tentakelbewehrte Invasorin aus dem All, die „Albion“ vor Aberjahrhunderten unterworfen hat, Dr. Watson ein ganz anderer als er scheint.

Viele seiner Einfälle kämen ihm in Albträumen, sagt Gaiman, und immer wieder spricht er in seinen Erzählungen die Leser in Ich-Form an. Manche sind auch Auftragsarbeiten. „Strange Little Girls“ hat er für das Booklet der gleichnamigen CD seiner langjährigen Freundin Tori Amos geschrieben. „Es gibt hundert Dinge die sie fortscheuchen wollte Dinge an die sie sich nicht erinnert und an die sie nicht einmal denken will denn sonst schreien die Vögel und kriechen die Würmer und irgendwo in ihrem Verstand geht ein unaufhörlicher Nieselregen nieder“, kann er’s darin poetisch. „Harlekin Valentin“ entstand für eine Plastik von Lisa Snellings-Clark, ein Riesenrad, für das die Künstlerin pro Fahrgast einen Text haben wollte – Gaiman entschied sich für den Ticketverkäufer. „Sonnenvogel“, die Geschichte eines Gourmet-Geheimbundes, der sich auf der Suche nach der nächsten kulinarischen Köstlichkeit buchstäblich den Mund und mehr verbrennt, war ein Geburtstagsgeschenk an die älteste Tochter Holly.

Mit der Humpty-Dumpty-Vokabel „grausfährlich“ benennt Neil Gaiman sein Werk, die Welt seiner Geschichten bezeichnet er als „Zerbrechliche Dinge“: „Sie bestehen aus nichts Belastbarem, lediglich aus sechsundzwanzig verschiedenen Buchstaben und einer Handvoll Satzzeichen“, manche aber „haben die Menschen überlebt, die sie erzählten, und manche davon haben sogar die Länder überdauert, in denen sie erfunden wurden.“ Juwelen, die von Gaiman neu gefasst werden. Zum Schluss noch einen Witz: „,Sie fragten Saint Germains Diener, ob sein Herr wirklich tausend Jahre alt war, wie er angeblich behauptete. ,Woher soll ich das wissen?‘, erwiderte der Mann. ,Ich stehe erst seit dreihundert Jahren in seinen Diensten.‘“

Über den Autor: Neil Gaiman, geboren 1960 in Portchester, England, hat mehr als vierzig Bücher geschrieben und ist mit jedem Preis ausgezeichnet worden, der in der britischen und amerikanischen Fantasy- und Comicszene verliehen wird. Am bekanntesten wurden seine Graphic-Novel-Serie „Sandman“ und der gefeierte Roman „American Gods“, der als TV-Serie verfilmt Fernsehgeschichte schrieb und 2015 bei Eichborn als überarbeitete „Director’s Cut“-Ausgabe erschien. Im Jahr davor kam sein Schauerroman „Der Ozean am Ende der Straße“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12029) heraus. Vor einiger Zeit zog Gaiman, Vater von vier Kindern und verheiratet mit der Musikerin Amanda Palmer von „The Dresden Dolls“, in die USA um; heute lebt er in Cambridge, Massachusetts, und träumt dort von einer unendlichen Bibliothek.

Eichborn, Neil Gaiman: „Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“, Shortstorys und Gedichte, 413 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Ruggero Leò, Hannes und Sara Riffel, Dietmar Schmidt und Karsten Singelmann.

www.luebbe.de/eichborn           www.neilgaiman.com

  1. 4. 2019

Kunst Haus Wien: Stillleben. Eigensinn der Dinge

September 8, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fast verschwundenes Genre neu belebt

Lucie Stahl: End of Tales, 2017. Bild: © Lucie Stahl. Courtesy Freedman Fitzpatrick, Paris

Ab 13. September zeigt das Kunst Haus Wien die Schau „Stillleben. Eigensinn der Dinge“. Die groß angelegte Themenausstellung stellt ein Genre in den Mittelpunkt, das derzeit in der zeitgenössischen Kunst neu aufgegriffen und diskutiert wird. Bei dieser Wiederannäherung geht es weniger um eine nostalgische Referenz an verschwunden Geglaubtes. Ganz im Gegenteil hinterfragen Künstlerinnen und Künstler aktuell in der Fotografie das Stillleben radikal als Ausdrucksmöglichkeit. Es geht darum, herrschende Bildkonventionen zu stören und aus vordergründig antiquierten Stilen und Praktiken eine klar umrissene künstlerische Alternative zu entwickeln – sowohl was den Raum der Dinge als auch den Raum der Bilder und den Raum der Fotografie betrifft.

Die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung knüpfen mit ihren gezeigten Arbeiten oft an spezifische Bildtraditionen an, die einerseits in der Geschichte der Malerei, andererseits in der modernen Fotografie zu finden sind.

Harun Farocki beispielsweise beschäftigt sich in „Stillleben“  aus dem Jahr 1997 mit den Funktionen des historischen Stilllebens und Parallelen zur gegenwärtigen Werbe- und Produktfotografie, Tacita Dean bezieht sich in „Still Life“ von 2009 auf die Kompositionsprinzipien eines sachlich-bildnerischen Stils und dessen Fundierung in der Malerei. Wie schon im historischen Stillleben fußen auch die neuen Bilder auf einem Materialfundus, der Zeitgenossenschaft anzeigt. Anders als in der niederländischen Tradition aber sind es heute nicht mehr Handelsbeziehungen, die sich über kostbare und exotische Güter vermitteln, sondern die globalen Märkte mit Verweis auf den Massenkonsum demokratisierter oder elitärer Konsumwelten, wie bei Annette Kelm und Moyra Davey.  In einigen Bildern sind Dinge als „Spur“ zu sehen, die Rückschlüsse auf das reale Leben ihrer Besitzer oder der Fotografen zulassen.

Sharon Lockhart: No-No Ikebana. Arranged by Haruko Takeichi, 2003. Bild: © Sharon Lockhart. Courtesy neugerriemsschneider, Berlin

In anderen Konzepten geraten die Dinge durch streng formalisierte Sichten zu eigenen ästhetischen Zeichen, die auf nichts als auf sich selbst zu verweisen scheinen.  Gleichzeitig stellt sich – in einem Moment, in dem Bildkulturen im Umbruch sind und fotografische Bilder die Sprache zu ersetzen beginnen – die Frage, ob die „neuen Stillleben“ als Gegenraum zu den schnelllebigen Bildwelten der digitalen Gegenwart verstanden werden. Mit dem Stillleben verlangsamt sich das Sehen: Bildräume gelangen zu einer Präsenz, die sich der Flüchtigkeit der ständig wechselnden Bilder entgegenstellt.

Die in der Ausstellung vertretenen Arbeiten verweisen auf die oft zufällige und sich wandelnde Erscheinung der Dinge und auf die Offenheit ihrer Interpretierbarkeit. Damit widersetzen sich die Arbeiten dem Konzept einer völligen Beherrschung des Bildes – oder gar einer Beherrschung von Information.

www.kunsthauswien.com

8. 9. 2018

Theater zum Fürchten: Das Maß der Dinge

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einer Pointe, die einem den Boden wegzieht

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Henry Higgins hat’s ja dereinst schon besungen. Kaum hat Frau den erlegten Mann in Händen, beginnt sie ihn neu zu stylen. Was, packt man ihn an der richtigen Stelle an, ja, genau da, auch keine große Hexerei ist. Frisur, Brille, Outfit sind einfach, die Schwimmreifenfigur schwierig, aber machbar – und Künstlerinnen schaffen schlussendlich sogar die Nasenkorrektur.

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Neil LaButes „Das Maß der Dinge“. In der Studentenmilieukomödie geht’s genau darum: Wie manipuliert man einen hässlichen Enterich zum stolzen Hahn? Evelyn lernt Adam, und nein, die biblischen Namen sind nicht zufällig gewählt, im Museum kennen. Da will die Kunststudentin einer durch ein Gipsfeigenblatt verunstalteten Marmorstatue mittels Graffiti-Penis ihre Würde zurückgeben und der Literaturstudent und Aushilfswärter genau dies verhindern.

Sie findet ihn ganz süß, aber die Optik!, also beginnt sie sich ein neues Aussehen für ihn aus der Rippe zu stanzen. Evelyn macht aus Adam ihren Elizo Doolittle, ihr Pygmalion-Projekt. Schwört sie doch – Stichwort: – auf die Wahrheit der Kunst. Seine Freunde Jenny und Phillip reagieren ob der Brachialumwandlung entsetzt und beargwöhnen Evelyns Eingriffe in Adams Leben, bis Jenny entdeckt, dass nur das unschmucke Äußere bis dato Adams innere Werte verdeckt hat. Es kommt zum Kuss und zum Eklat. Neil LaBute wäre nicht der Autor, der er ist, wenn am Ende nicht der große Crash, der Twist in der Handlung, die Schlusspointe warten würde, die dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzieht …

Der hässliche Enterich: Johanna Withalm und Hendrik Winkler ... Bild: Bettina Frenzel

Der hässliche Enterich Adam: Johanna Withalm und Hendrik Winkler … Bild: Bettina Frenzel

... wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

… wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Rüdiger Hentzschel hat die witzig zugespitzten, so scharfsinnigen wie scharfzüngigen Dialoge wunderbar auf der Bühne umgesetzt. Die, der Regisseur ist auch für den Raum zuständig, besteht aus einer weißen Teppichbodentreppe und Videos. Bildern, die ein Mehr an Kulisse gleichsam ersetzen. Auf ihnen sieht man Adams morgendlichen Blick in den Badezimmerspiegel, viel nackte Haut bei seiner Gefügigmachung durch abendlichen Sex, und sogar grauslich seine besagte Nasen-OP. In ihrer Machart gibt die Inszenierung fortwährend Hinweise auf den sarkastischen Clou, das dicke Ende, das noch kommen wird. Dazu die Musik schön spooky, der Song „Little Boxes“ von Malvina Reynolds karikiert die Konformität der US-Mittelschicht, et voilà. „Das Maß der Dinge“ ist ein Abend, der einem erst ein Lächeln ins Gesicht zaubert, nur um es dann wieder wegzuwischen.

Ganz vorzüglich spielt das sympathische Darsteller-Quartett Hendrik Winkler und Johanna Withalm, Selina Ströbele und Florian Graf. Withalm gibt die Evelyn als unkonventionell verrücktes Huhn, als Gegenstück zu Winklers Adam, der zwischen Nerd und nettem Jungen von nebenan changiert. So bestimmt und selbstbestimmt wie sie ist, ist ganz klar, dass sie in der Beziehung die Führung übernimmt, doch wie sie seine Freunde einerseits leichter Hand mit Intimitäten über Adam füttert, andererseits eben diese durch ihre eloquent vorgetragenen extremen Ansichten zu Spießern degradiert, da kommt man über die Figur doch ins Grübeln. Withalms Evelyn nervt einen bald – und das ist gut so.

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalm. Bild: Bettina Frenzel

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalms Evelyn nervt zusehends. Bild: Bettina Frenzel

Neben ihr ist Selina Ströbele als Jenny ein Weibchen. Naiv und ins Rollenbild eingepasst, versucht sie Florian Graf als Feschak Phillip zu Diensten und zu Willen zu sein, doch sowohl Jenny als auch Adam werden sich emanzipieren wollen. Worauf Phillip, Graf macht aus ihm einen liebenswerten Schnösel und hat auch deshalb einiges an Lachern auf seiner Seite, der alleinigen Vormachtstellung als Ladykiller beraubt, die Welt nicht mehr versteht. Happy End? Naja … das liegt im Auge des Betrachters.

Mit „Das Maß der Dinge“ haben TzF-Intendant Bruno Max und Regisseur Rüdiger Hentzschel für den Wiener Saisonstart auf unterhaltsame Art einen Zeitgeistnerv getroffen, sind die Themen des Stücks doch das beständige Polieren der ohnedies schon glatten Oberfläche, der Zwang zur Selbst/Optimierung – und eine darob aufkommende Skrupellosigkeit in der „Sache“ Liebe. Und schließlich stellt LaBute noch die allentscheidende Frage, die ebenso fürs Theater interessant ist, die Frage danach, was Kunst ist und wie weit sie gehen darf. Spannend!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 22. 9. 2016

21er Haus: Die Sprache der Dinge & Cornelius Kolig

Juni 7, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Paradies aus Plexiglas und Polyester

Robert F. Hammerstiel, Made by Nature- Made in China, 2004-2006. Bild: © Belvedere, Wien

Robert F. Hammerstiel, Made by Nature- Made in China, 2004-2006. Bild: © Belvedere, Wien

Cornelius Kolig, Ohne Titel, 1972. Bild: © Belvedere, Wien

Cornelius Kolig, Ohne Titel, 1972. Bild: © Belvedere, Wien

Das 21er Haus zeigt ab 10. Juni zwei Ausstellungen: „Die Sprache der Dinge. Materialgeschichten aus der Sammlung“ mit Arbeiten unter anderem von Franz West, Herbert Brandl, Gelatin, Gerhard Richter, Robert F. Hammerstiel, Heimo Zobernig, Anselm Kiefer, Brigitte Kowanz, Daniel Spoerri, Erwin Wurm und Franz von Zülow. Die Ausstellung mit Werken aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst und der Artothek des Bundes stellt den Umgang mit Materie, Material und Materialitäten in den Fokus.

Seit den 1960er-Jahren sind sie gleichermaßen Ausgangspunkt und Inhalt künstlerischer Produktion. Standen etwa in der Minimal Art die spezifischen Eigenschaften des jeweiligen Materials selbst im Vordergrund, zeugen aktuelle Auseinandersetzungen das Spannungsverhältnis zwischen Materialität und Immaterialität im Zeitalter der Digitalisierung. Die Schau stellt beide Positionen im Vergleich nebeneinander.

Außerdem zu sehen ist „Cornelius Kolig: Organisches“. Der 1942 in Vorderberg in Kärnten geborene Maler, Bildhauer, Installations- und Objektkünstler ist durch seine kompromisslosen Arbeiten bekannt geworden, die um den menschlichen Körper und die Psyche, Sexualität und Tod, Obsessionen und Tabus kreisen. In den 1960er- und 1970er-Jahren experimentierte er mit neu entwickelten Werkstoffen wie Plexiglas und Polyester und schuf in erster Linie Skulpturen, die der technoiden Ästhetik der Zeit verpflichtet waren.

1980 begann er mit der Errichtung seines Lebens- und Gesamtkunstwerks: einer Architekturanlage in Vorderberg an der Gail namens „Das Paradies“. Die Präsentation bietet Einblicke in unterschiedliche Werkgruppen seines umfangreichen künstlerischen Schaffens.

www.21erhaus.at

Wien, 7. 6. 2016

Georg Danzer – Große Dinge – Erlebtes und Erzähltes

März 5, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

9783800076116Im Ueberreuter Verlag erscheint am 10. März eine Georg-Danzer-Biografie. Nein, er war keiner, der in der Bussi-Bussi Gesellschaft daheim war, keiner, der sein Privatleben öffentlich gemacht hat, dessen Lieder, dessen Meinungen zu gesellschaftspolitischen Themen wie Humanität und Freiheit aber umso lauter die Gesellschaft aufgerüttelt haben.
Vor vierzig Jahren wurde Georg Danzer mit dem Lied „Jö schau“ bekannt, seine Songs haben Generationen von österreichischen Liedermachern geprägt und beeinflusst.

Georg Danzer hatte Anfang der 90er-Jahre seine Autobiographie verfasst.
Titel: „Auf und davon“. Durch den Konkurs des Verlages unmittelbar nach der Veröffentlichung blieb das Buch bis heute verschollen. Darin erzählt Danzer über seine Kindheit in der Wiener Vorstadt, über das Leben im zerstörten Nachkriegs-Wien, er erinnert sich an das Heranwachsen am Gaudenzdorfer Gürtel in Meidling, an seine Entdeckung der Wiener Innenstadt mit dem Jazz-Club „Riverboat“ und an die vielen Stunden im Café Hawelka. ‚Auf und davon‘ ist die sehr persönliche Geschichte des Erwachsenwerdens, der Entdeckung von Musik und wie es ist, wenn man als junger Mann das erste Mal auf Reisen geht.
Per Autostop zu dem Sehnsuchtsort Griechenland!

„Auf und davon“ ist ein Teil des Buches. Im zweiten Teil kommen Freunde, Künstlerkollegen wie Wolfgang Ambros, Marianne Mendt, Ulli Bäer, Hans Theessink und viele andere zu Wort. Sie erzählen den Autoren Franz Christian ‚Blacky‘ Schwarz und Andy Zahradnik von ihren Erinnerungen und Erlebnissen mit Georg Danzer. Herausgekommen ist das Bild eines nachdenklichen Menschen, eines Künstlers, der den „großen Dingen“ immer mit einer klugen Skepsis begegnet ist, der Triumphe und Niederlagen erlebt hat, der sich nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, für seine Überzeugung eingestanden ist und an den sich seine Kolleginnen und Kollegen mit großem Respekt und tiefer Sympathie erinnern.

Georg Danzer, Franz Christian Schwarz, Andy Zahradnik: Georg Danzer. Große Dinge – Erlebtes und Erzähltes. Ueberreuter Verlag, 240 Seiten.

www.ueberreuter-sachbuch.at

Wien, 5. 3. 2015