Filmarchiv Austria digital: 125 Jahre Kino

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Magie, Erotik und die erste Reise zum Mond

Kinomagier Georges Méliès: Le voyage dans la lune, Star Film, F 1902. © Filmarchiv Austria

Am 20. März 1896 findet in Wien die erste Filmvorführung statt. Ratternd werfen imposante Apparaturen die ersten Laufbilder auf die Leinwand – lebendige Manifeste purer Schaulust und einer neuen Sehkultur, die in ihrer ungebremsten Kreativität und Fantastik den Pionier- und Erfindergeist dieser Zeit reflektieren. Sie rücken die Welt unmittelbar ins Gesichtsfeld der Menschen, Reisen zu den Niagarafällen oder gar zum Mond – nichts scheint mehr unmöglich im „Kino der Attraktionen“.

Selbst moralische Grenzen werden aufgesprengt, denn am Anfang ist natürlich auch: die Erotik. Das Filmarchiv Austria blickt von 18. März bis 21. April auf die wunderbaren ersten Jahre und lädt mit ausgewählten Sammlungsstücken zum Anschauen ein. Mit einem wöchentlich wechselnden Programm im digitalen Heimkino sowie dem Digitorial „125 Jahre Kino“ lassen sich die faszinierenden Anfänge des Kinos neu entdecken. Der Jubiläums-Schwerpunkt umfasst fünf Online-Kanäle mit 112 Filmen, die im digitalen Heimkino kostenlos auf www.filmarchiv.at präsentiert werden.

Kanal 1: Welt in Bewegung. Das Filmuniversum der Gebrüder Lumière. Als die ersten Bewegtbilder der Brüder Lumière vor 125 Jahren das Publikum in einem Pariser Café in Ekstase versetzen, verbreitet sich die Kunde vom „Cinématographe“ wie ein Lauffeuer: Die neuartige Maschine tritt ihren Siegeszug durch alle Kontinente an, und mit ihr auch deren Erfinder. Binnen weniger Monate gastieren die kinematografischen Botschafter der Lumières in allen großen Metropolen und verblüffen das Premierenpublikum immer wieder mit direkt vor Ort entstandenen Lokalaufnahmen. Am 20. März 1896 präsentieren Vertreter der Brüder Lumière in der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie das erste Filmprogramm in Österreich. In Wien etwa wird der Eingang zum „Cinématographe Lumière“ Ecke Kärntnerstraße/ Krugerstraße festgehalten. Am 17. April besucht Kaiser Franz Joseph höchstselbst die Vorstellung. Augenblicke für die Ewigkeit.

Vienne: Entrée du Cinématographe, Sociéte Lumière, F 1896. © Filmarchiv A.

Le Thermomètre De L’Amour, Pathé Frères, F 1906, © Filmarchiv Austria

Vienne: Le Ring, Sociéte Lumière, F 1896. © Filmarchiv Austria

Kanal 2: Der Kinomagier. Das Kino von Georges Méliès. Schon die Brüder Lumière erzählen in ihren Filmaufnahmen kleine Geschichten. Der erste, der sein Publikum mit dem neuen Medium aber wahrlich zu verzaubern weiß, ist der Theaterillusionist Georges Méliès. In seinem Filmstudio, dem ersten Frankreichs, ersinnt er die tollkühnsten Szenerien und lässt Träume im wahrsten Sinne des Wortes Wirklichkeit werden: Spielkarten erwachen zum Leben, Köpfe werden abgenommen und wachsen wieder nach, und als Höhepunkt: Reisen zur Sonne und zum Mond!

Kanal 3: Wilde Bilder. Das frühe Kino der Attraktionen. Übermütig und voller kreativer Energie zeigt sich das Kino in seinen ersten Jahren auch von seiner anarchischen Seite. Im Zentrum stehen die Freude am Sehen und die Dynamik der Schaulust, gefilmt wird praktisch alles, was vor die Kamera kommt, und wird damit zur Sensation gesteigert. Auch in der Sammlung des Filmarchiv Austria nimmt die Frühgeschichte einen besonderen Schwerpunkt ein. Zu sehen sind erste Farbfilme, Akrobaten und Schausteller, Pioniere der Filmkomik, man lauscht anno dazumals populären Tonbildern – und staunt.

Les Fleurs animées, Pathé Frères, F 1906. © Filmarchiv Austria

Das eitle Stubenmädchen, Saturn-Film, A 1907. © Filmarchiv A.

Der Traum des Bildhauers, Saturn-Film, A 1907. © Filmarchiv A.

Poule Aux Ouefs D’Or, Pathé Frères, F 1905. © Filmarchiv A.

Kanal 4: Saturn. Wiener Filmerotik. Sie flackern höchst lebendig über die noch jungfräulichen Leinwände, wandern mit den Schaustellern quer durch die Monarchie. Johann Schwarzers „Herrenabend- Films“ sind frecher und freizügiger als vergleichbare Produktionen und kreisen mit demonstrativer Lässigkeit um eine offiziell verpönte Erotik, deren ironische, bisweilen offen gesellschaftskritische Inszenierung beim bigotten Habsbürgertum für multiple Höhepunkte der Entrüstung sorgt.

Kanal 5: Geschichten des Kinos. Eine Alltagsszene in der Wiener Innenstadt, aufgenommen von den Brüdern Lumière, markiert den Eintritt in ein neues Zeitalter. Ihr „Cinématographe“ lässt erstmals „lebende Photographien“ öffentlich über die Leinwand flimmern. Der Leiter der Filmsammlungen Nikolaus Wostry führt anhand ausgewählter Filmdokumente und Objekte aus der Sammlung des Filmarchiv Austria durch die frühe Kinogeschichte und beleuchtet insbesondere auch die faszinierende technische Seite der Laufbild-Urmaschinerie. Eine Spurensuche führt schließlich zurück an den Ort der ersten Filmvorführung.

Das Kino Klein im Prater, ca. 1905. © Filmarchiv Austria

Digitorial: 125 Jahre Kino. Begleitend zum Jubiläumsprogramm im Heimkino vermittelt die Online-Ausstellung, das Digitorial „125 Jahre Kino“ auf www.filmarchiv.at spannende Einblicke in die Pionierphase der Kinematografie in Österreich und aller Welt. Prunkstücke der Sammlung sind etwa der Cinématographe Lumière, ein Apparat aus dem Jahr 1897, der Kamera, Kopiergerät und Filmprojektor in einem ist, der Wanderkinoprojektor „Came Demy“ von circa 1899, der um 1900 entwickelte Messter’s Projection oder Heinrich Ernemanns „Modell Imperator“ von 1909.

Mit großer Neugier beobachten die Prater-Schausteller die Aktivitäten der Lumières, und bald schon setzte ein Wettlauf um die Projektoren und Filme ein. Gabor Steiner, Leiter des Prater-Megaspektakels „Venedig in Wien“, schafft es bereits im August 1896, mit einem auf abenteuerliche Weise aus Paris besorgten Projektor Filmvorführungen zu organisieren. Ebenfalls im August werden im sogenannten „Thiergarten“ kinematografische Vorstellungen gegeben.

Eine der ersten Frauen im Kinogeschäft war Theresia Klein, die 1905 im Prater ihr Kino Klein eröffnete. Davor wurde in der Praterhütte Nr. 40 die elektrische „Reinprechtsche Riesenschaukel“, eine populäre Attraktion, sowie das Wursteltheater, eine Freakshow mit „Frau ohne Unterleib“, dem „stärksten Kettensprenger“ oder „dem kleinsten Menschen aller Zeiten“, betrieben. „Theresia Klein zeigt allwöchentlich Neues und Sehenswertes“, berichtete 1908 das Ilustrierte Wiener Wochenblatt. 1945  wurde das in „Kristall-Palast“ umbenannte, beliebte Kino bei den alliierten Bombenangriffen zerstört. Heute steht an seiner Stelle die Prateruhr …

Das komplette Filmprogramm: www.filmarchiv.at/digitale-sammlung/film           www.filmarchiv.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Z5aaWnvlkyk             www.youtube.com/watch?v=YrW0zwqSeMs           www.youtube.com/watch?v=ABGHuwpxkno           www.youtube.com/watch?v=9-I1qEv9vXI

20. 3. 2021

Yad Vashem digital: Zum Holocaust-Gedenktag 2021

Januar 27, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Online-Veranstaltungen und IRemember-Wall

Bild: pixabay.com

Wegen der Corona-Pandemie kann der Holocaust-Gedenktag am 27. Jänner dieses Jahr nur digital begangen werden. Die Gedenkstätte Yad Vashem hat dafür ein Programm an Online-Veranstaltungen zusammengestellt. So gibt es neben einem Symposium eine Vorlesung des Historikers David Silberklang mit dem Titel „Der Weg von Massenerschießungen zur Endlösung“ zu sehen, beides heute, Mittwoch, ab 14.30 Uhr auf www.youtube.com/user/YadVashem

Auch die Seite www.yadvashem.org wurde um Online-Ausstellungen  und eine virtuelle „Gedenkmauer“ erweitert. Außerdem bietet Yad Vashem erstmals eine virtuelle Tour durch die Dauerausstellung „Shoah“ im Block 27 im früheren Konzentrationslager, nun staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau an, und eine ebenfalls neue Ausstellung über sieben Kinderheime in Polen, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs für überlebende jüdische Kinder eingerichtet worden waren.

„Diese bewegende Ausstellung veranschaulicht das schreckliche Leid der Kinder, die in die Heime gebracht wurden, und wie ihnen – oft durch andere Überlebende – sanft dabei geholfen wurde, zurück in die Gesellschaft zu finden“, so Yad Vashem. „Hinter den Gesichtern, die uns aus den hier gezeigten Fotos des Kinderheims entgegenlächeln, verbergen sich schwere Lebensgeschichten, harte Verluste und seelische Narben.“

Screenshot: yadvashem.org

Screenshot: yadvashem.org

Zu sehen sind auch die virtuellen Schauen „Juden und Sport vor dem Holocaust – Eine Retrospektive in Bildern“ und „Sag niemals du gehst den allerletzten Weg – Jüdische Musik aus der Zeit des Holocaust“. Die zwanzig Lieder, die hierfür ausgewählt wurden, stellen die Musik der Straßenmusikanten aus den Ghettos Lodz und Kowno, die professionelle populäre Musikkultur des jiddischen Theaters im Ghetto Wilna und Lieder der Partisanen von Wilna vor.

Zusätzlich sind das prophetische Lied „Es brent“, das in Ghettos und Lagern gesungen wurde, sowie zwei Lieder, die nach dem Holocaust von Kaczerginski geschrieben wurden, mit eingeschlossen, die die Gemütsverfassung und den Glauben der Überlebenden widerspiegeln. Bemerkenswert ist „Felix Nussbaum – Das Schicksal eines jüdischen Künstlers“ (BUCHTIPP: Christoph Heubner: Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37772, im März erscheint im Steidl Verlag, Christoph Heubner: Durch die Knochen bis ins Herz).

Screenshot: yadvashem.org

Via der Internetseite können Interessierte zudem der IRemember-Wall beitreten, einer virtuellen „Wand“ der Erinnerung. Hier können Nutzerinnen und Nutzer an ein bestimmtes Mordopfer erinnern, das sie sich in der 4,8 Millionen Namen umfassenden Datenbank selbst suchen können. Nach Anklicken des „Ich gedenke“-Buttons brauchen User nur noch ihren Namen und ihr Herkunftsland anzugeben und ihr Gedenken zu veröffentlichen. Dieses erscheint dann mit einem Fotodokument des Opfers an der IRemember Wall. Die Geschichte des oder der Ermordeten lässt sich direkt bei Twitter, Pinterest und Facebook teilen, was die Reichweite der Gedenk-Aktion erhöhen soll. Mehr dazu: www.youtube.com/watch?v=GRUq_k5Gr_c

Ich gedenke Marie Müllerová. Die Schülerin wurde 1927 in Prag als Tochter von Julius Müller und Irma Müllerová geboren und 1942 in Treblinka ermordet.

www.yadvashem.org

www.yadvashem.org/de

Neue österreichische Gedenkstätte in Auschwitz

Auch Österreich arbeitet an einer neuen Ausstellung im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die zukünftige Schau wird im Erdgeschoß von Block 17 im ehemaligen Stammlager untergebracht sein, wo von 1978 bis 2013 schon die erste österreichische Ausstellung in der Gedenkstätte  zu sehen war. Im Zuge der sorgfältigen baulichen und konservatorischen Arbeiten im denkmalgeschützten ehemaligen Häftlingsgebäude wurden bisher unbekannte originale Mauerbestände entdeckt sowie von Häftlingen versteckte Objekte freigelegt.

Von Häftlingen verborgende Gegenstände. Bild: Nationalfonds/Kaczmarczyk/Marszałek

Glasfenster „Das bittere Ende“ von Heinrich Sussmann über die Ermordung seines Sohnes. Bild: HBF/MINICH

In einer ersten Etappe des Ausstellungsbaus erhielten die von Heinrich Sussmann für die Ausstellung 1978 gestalteten fünf Glasfenster eine neue Rahmung. Der Auschwitz-Überlebende schuf die Gedenkinstallation in der Absicht, die Menschen, die dort gequält und verbrannt worden waren, wieder als Ganzes darzustellen, „als ganze Menschen, die sie ursprünglich gewesen sind.“ Eines der Fenster ist als sehr persönliche Erinnerung seinem Sohn gewidmet, der sofort nach seiner Geburt vom SS-Lagerarzt Josef Mengele ermordet worden ist. Die Eröffnung der österreichischen Länderausstellung im Block 17 im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau ist noch für 2021 geplant.

www.nationalfonds.org

BUCHTIPPS: Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank, Grafic Novel Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26547; Jessica Bab Bonde und Peter Bergting: Bald sind wir wieder zu Hause, Grafic Novel Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44223

27. 1. 2021

Landestheater NÖ online: „Molières Schule der Frauen“ als Silvester-Vorstellung

Dezember 11, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Am Ende heißt’s „Alles Tango!“ Laura Laufenberg als Agnès und Tobias Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

In seiner Reihe #wirkommenwieder bietet das Landestheater Niederösterreich zu Silvester ab 19.30 Uhr und danach für 24 Stunden Ruth Brauer-Kvams „Molières Schule der Frauen“ als kostenlosen Online-Stream auf der Homepage www.landestheater.net an. Hier Auszüge aus der Premieren-Kritik:

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité!

Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im

Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt. Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt.

Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung … Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers Arnolphe in die Quere kommt … Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanoss

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt. Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain:

Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt. Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusstwird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen … Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser … die ganze Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41393, Trailer: www.youtube.com/watch?v=eK70Z4bkrTQ

Bettina Kerl und Julia Engelmayer. Bild: Alexi Pelekanos

Spaziergang durchs jüdische St. Pölten

Bereits ab 18. Dezember, 19.30 Uhr und frei für 48 Stunden, ist der digitale Stadtspaziergang „Es gab ein jüdisches Leben in St. Pölten“ zu sehen. Schauspielerin Bettina Kerl und Dramaturgin Julia Engelmayer haben Lebensgeschichten von St. Pöltner Jüdinnen und Juden recherchiert. Nun nehmen sie das Publikum mit auf ihrem Weg durch die barocke Innenstadt, erzählen von Schicksalen und historischen Hintergründen. Ausgangs- punkt ist die ehemalige Synagoge, aufgenommen wurde das Ganze von Filmemacher Johannes Hammel.

www.landestheater.net

  1. 12. 2020

Albertina digital: Live-Führung durch die Ausstellung „My Generation. Die Sammlung Jablonka“

November 21, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Frankenstein aus Stofftieren und ein Buddha-Pissoir

Eric Fischl: The Krefeld Project: The Bedroom. Scene 1, 2002. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Eric Fischl / Bildrecht, Wien, 2020

Ab heute und vorerst bis 6. September lädt die Albertina an den Wochenenden zur einstündigen, interaktiven Live-Führung durch die Ausstellung „My Generation. Die Sammlung Jablonka“. Die Teilnahme via Zoom ist gratis, eine Anmeldung unter www.albertina.at/besuch/programm/online-fuehrungen erforderlich. Die Albertina-Kunstvermittler präsentieren die Highlights dieser Schau, erläutern Hintergründe und antworten auf die Fragen des Publikums. Der Zoom-Link wird nach erfolgreicher Anmeldung per Mail zugeschickt.

Individuell entdecken lässt sich die Ausstellung auf zwei Ebenen beim Virtuellen Rundgang über die Website. Die Sammlung Jablonka ist eine der profiliertesten Sammlungen zur amerikanischen und deutschen Kunst der 1980er-Jahre. Sie umfasst Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, mit denen Rafael Jablonka jahrelang gearbeitet, deren Werke er gezeigt und gesammelt hat. Dabei war es über Jahrzehnte sein Grundsatz, immer mehrere Werke aus verschiedenen Schaffensphasen zu erwerben. Erstmals in der Albertina gibt der 1952 geborene Kunsthändler, Galerist und Kurator Einblick in die Sammlung.

Nachdem Rafael Jablonka 2017 seine in Köln ansässige Galerie endgültig geschlossen hatte, erhielt die Albertina 2019 die bedeutende Kollektion. In Form von Künstlerräumen gibt die Schau einen repräsentativen Einblick in das jeweilige Œuvre, etwa 110 Werke sind auf zwei Ausstellungsebenen zu sehen: Gemälde, Skulpturen, Installationen, Videos und Arbeiten auf Papier lassen die gesamte mediale und thematische Vielfalt der Sammlung Jablonka erleben. Man muss nun nicht mehr nach Los Angeles oder New York pilgern, um Mike Kelleys Visionen und Installationen der geheimnisumwobenen Stadt Kandor oder seine erschütternden, zu Monstern verknoteten Bündel aus Plüsch- und Stofftieren sehen zu können.

Andreas Slominski: Ohne Titel (Fahrrad). Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Andreas Slominski

Sherrie Levine: Fountain (Buddha), 1996. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Sherrie Levine

Mike Kelley: Frankenstein, 1989, Detail. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Mike Kelley / Bildrecht, Wien, 2020

Auch die Fallen-Objekte von Andreas Slominski zählen zum Spannendsten, das die Kunst unserer Zeit hervorgebracht hat. Eric Fischl konfrontiert uns mit seinen Gemälden mit den Ängsten und Zwängen, mit der dunklen Seite der menschlichen Existenz. Die von Sherrie Levine ironisch „Buddha“ genannte hochglanzpolierte Bronze nach Marcel Duchamps legendärer „Fontaine“/Pissoir ist eine Warnung vor der kommerziellen Verdinglichung ikonischer Kunstwerke … weiterlesen auf www.mottingers-meinung.at/?p=41671

www.albertina.at

21. 11. 2020

20 Jahre Kosmos Theater: Stay With The Trouble!

Mai 7, 2020 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das große Fest wird ab 11. Mai zum Web Special

Die Besetzung des Rondell1997. Bild: Kosmos Archiv

„Am liebsten würde ich ,Grüß Göttin!‘ sagen, wenn ich wo reinkomme“, sagt Barbara Klein im Jubiläumfilm „10 Jahre Kosmos Theater“. Ein Bonmot der Theatermacherin, und ein ernst gemeintes. Ließ doch „der nervige Quälgeist und die engagierte Kämpferin“ (© Josef Hader) kurz nach dem ersten Frauenvolksbegehren nicht ab von ihrer Idee, aus dem leerstehenden Pornokino Rondell einen Raum für Kunst und Kultur zu schaffen, der ausdrücklich Frauen gewidmet sein sollte.

Es folgten Aktionen, Protestkundgebungen, und als Höhepunkt des zivilen Ungehorsams eine zehn Tage und Nächte anhaltende Besetzung des Rondell – mit dem Ergebnis, dass die widerständigen Frauen in das ehemalige Kosmos-Kino im 7. Bezirk einziehen konnten. Josef Hader, wie Alfred Dorfer und Robert Menasse Mitstreier der ersten Stunde, legt im Film den Finger in die gesellschaftliche Wunde der geschlechtlichen Chancenungleichkeit, die Kreativberufe wie alle anderen betrifft.

Und wenn der Schauspieler und Kabarettist über die herrschaftlichen Seilschaften herzieht, „wenn sich die Männer auf d’Nacht beim Bier treffen“, dann fällt einem jener gerade erst gewesene Burgtheaterdirektor ein, der nach einer bei der Kritik durchgefallenen Premiere ausschließlich p. t. Kollegen zu Umtrunk und Aussprache ins gehobene Wirtshausstüberl einlud …

Ein Grund zu Feiern? Stay With The Trouble! Noch einmal zehn Jahre sind seit der Eröffnung des Kosmos Theater ins Land gezogen, Elfriede Jelinek hielt am 15. Mai 2000 die Eröffnungsrede, Johanna Dohnal, Eva Rossmann, Elfriede Hammerl waren wertvolle Unterstützerinnen, Viktor Klima ein „Kunstkanzler“, der mutmaßlich nicht wusste, wie ihm geschah – und nun heißt es ab 11.Mai #Corona-bedingt eben online den Countdown zum 20. Geburtstag runterzuzählen.

Veronika Steinböck, die mit Gina Salis-Soglio das Kosmos Theater seit 2018 als Doppel-Spitze leitet, lädt das Publikum ab 11. Mai, 20 Uhr, zum Birthday Blog: kosmostheater.at/blog Am 15. Mai gibt es nach einer Schnitzeljagd von Petra Unger ab 18 Uhr den Digital Birthday Bash mit Live-Lesungen feministischer Literatur, Mini-Konzerten und inhouse Geburtstagseinlagen.

Barbara Klein, Robert Menasse und die Polizei. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Josef Hader echauffiert sich über Männerseilschaften. Bild: Screenshot Jubiläumsfilm

Frauenlauf 1998: Kanzler Klima, B. Klein und Anna Sporrer. Bild: Kosmos Archiv / Rainer Nesset

Eröffnung des Kosmos mit Eva Rossmann und Elfriede Jelinek. Bild: Kosmos Archiv

Das Programm

11. Mai, 20 Uhr, Das Werk von Elfriede Jelinek. Stream einer Aufzeichnung und Live-Chat mit Regisseurin Claudia Bossard und dem Produktionsteam. Rezension – Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung: Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im KosmosTheater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im KosmosTheater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=37418

Die nunmehrigen Leiterinnen Gina Salis-Soglio und Veronika Steinböck bei ihrer Eröffnung 2018. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Das Werk: Lukas David Schmidt, Glatzner, Peterhans, Brouwer und Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Riesen-Pink-K: Das Kosmos Theater mit seinem neuem Portal, 2018. Bild: Bettina Frenzel

12. Mai, 20 Uhr, Keimzelle – Der Autorinnen*Stammtisch Wien. Film-Release, Livestream und Live-Chat.

13. Mai, 20 Uhr, Leseprobe Königinnen von Lilly Axster, uraufgeführt 2000. Livestream. Mit Regisseurin Corinne Eckenstein und den Schauspielerinnen Grace M. Latigo, Claudia Sabitzer und Julia Köhler als die literarischen Ikonen Virginia Woolf, Djuna Barnes und Audre Lorde, die in einer Gewitternacht aufeinandertreffen. Voll medial-männlicher Wehleidigkeit schrieb ein Kritiker über diese Eröffnungspremiere im „frauenraum“, ein Namenszusatz, der später entfernt wurde, er hätte sich im Kosmos gefühlt, „wie eine Frau im Schwulencafé“, bevor er weniger die Aufführung lobt als den Umstand, dass, hurra!, auf eine Herrentoilette nicht vergessen wurde …

14. Mai, 20 Uhr, 10 Jahre Kosmos Theater – Der Jubiläumsfilm. Stream und Live-Chat mit Barbara Klein und anderen.

15. Mai, 11 bis 17 Uhr, 20 Years Of Claiming Space. Eine Schnitzeljagd auf den Spuren widerständiger Theaterfrauen durch Wien. Von Petra Unger. Anmeldung unter karten@kosmostheater.at und ein Smartphone mit mobilen Daten sind erforderlich! Digital Birthday Bash: 18 Uhr, Melange Galore Part I – Online-Reading of 20 feminist Drama-Queens. Livestream mit Barbara Gassner, Claudia Kainberger, Katharina Knap, Claudia Kottal, Anne Kulbatzki, Nancy Mensah-Offei, Karola Niederhuber, Negin Rezaie, Irina Sulaver und Dolores Winkler. Konzept: Anna Laner. 20 Uhr, Finale. Livestream mit Fauna, Mieze Medusa, Les Reines Prochaines, Peterhans, Jelena Popržan, Yasmo und dem Kosmos-Team.

In diesem Sinne ist Happy Birthday! zu wünschen, oder wie’s Miki Malör aus dem Mittelalterlichen und in Verwandtschaft zum französischen Glückwunsch „Merde!“ recherchiert hat: Potzfut!

kosmostheater.at

7. 5. 2020