Vestibül des Burgtheaters: Girls & Boys

November 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Stakkato-Stil durch Eheszenen

Alexandra Henkel. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Wie sie tänzelt, tobt und für ihren Sohn den Todesstern spielt. Wie sie mit ihm und seiner Schwester Zwiesprache hält, während sie die Kinder mit Kreide an die Wand zeichnet. Wie sie immer wieder im Wortsinn gegen die dann rennt. Das alles ist Alexandra Henkel in Hochform. Dietmar König hat im Vestibül des Burgtheaters Dennis Kellys Monolog „Girls & Boys“ als österreichische Erstaufführung inszeniert, und dabei seine Ehefrau ganz fabelhaft in Szene gesetzt.

Henkel fährt im Stakkato-Stil durch die Ehemomente, von denen Kellys Protagonistin zu berichten hat, sie gibt sich dem drastischen Text, der um Four-Letter Words nie verlegen ist, mit vollem Einsatz hin, ihr intensives Spiel changiert dabei zwischen humorvoll-hysterisch-hintersinnig. Bald bricht die Abgebrühtheit von der sorgsam aufgebauten Fassade dieser Frauenfigur, und Henkel macht dahinter eine Verletztheit sichtbar, die deutlich erkennen lässt, dass diese Geschichte auf eine Katastrophe zusteuert. Das ist schon so Dennis Kellys Art, seine Allerweltsstories ins Allerschlimmste kippen zu lassen.

Erzählt wird tatsächlich etwas erschreckend Alltägliches. „Was passiert ist, geschieht alle zehn Tage“, erfährt man. Ein weiblich-toughes Ich lernt – nach ebenso destruktiver wie verstörend belebender Saufen-Drogen-Ficken-Phase – beim Selbstfindungstrip durch Europa in der Warteschlange vor einem Billigflug-Check-In-Schalter ein „Deppengesicht“ kennen. Das sich jedoch auf den zweiten Blick als „Genie im Körper eines griechischen Gottes“ entpuppt. Also, erst Heirat, dann Lina und Benni, dann macht sie Karriere als Dokumentarfilmproduzentin, während seine Möbelfirma in Konkurs geht. Es folgt die Scheidung mit dem Scheidungsgrund: Eifersucht auf den Erfolg der Frau. Es fällt der Satz „Es wird nie passieren, dass du meine Kinder hast, und ich nicht“.

Henkel setzt beim Sprechen ihre Pointen, mit Augenzwinkern bezieht sie auch das Publikum mit ein, das Vestibül als Spielort dafür ideal – um auf Tuchfühlung zueinander zu gehen. Die Gedankengänge durch die Beziehungsprobleme unterbricht sie mit ihrem Spiel mit den Kindern, Benni, der bevorzugt ganze Planeten zerstört, und die Bastelarbeiten seiner Schwester, Lina, ganz besonnene Jung-Architektin, die bei der Mutter um „Baugenehmigung“ ansucht. Wenn die sich in ihrer Überforderung ertappt sieht, kann einem auffallen, dass die renitenten Antworten und ausgefeilten Argumente der Dreikäsehochs viel zu erwachsen sind. Einmal prasselt nackte Angst auf die „perfekte Kleinfamilie“, als Lina ihrer Mutter in einem Menschengewühl abhanden kommt.

Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Subtext zeigt sich Dennis Kellys Ein-Personen-Stück als messerscharfe Analyse übers Kontrolle-Haben, über Kontrollverweigerung und Kontrollverlust. Die Frau hat, das sagt sie am Ende, um dem zu entgehen, ihre Erinnerungen ganz bewusst manipuliert. Eine Strategie der Seele, um den Mann aus ihrem Leben auszuradieren. Da lässt Henkel nicht nur die Schutzhülle ihrer Figur reißen, da platzt auch die des Publikums. „Girls & Boys“ ist ein Abend, der einen in jeder Hinsicht mitnimmt. Klug entgeht Dietmar König der Gefahr, aus Kellys kämpferischem Text ein Debattiertheater über Geschlechterrollen zu machen – „Wir haben die Gesellschaft nicht für Männer erschaffen. Sondern um ihnen Einhalt zu gebieten“, heißt es etwa an einer Stelle -, fein verschafft sich Alexandra Henkel das angemessene Nähe-Distanz-Verhältnis zu dieser Figur. Zu Recht gab’s viel Applaus.

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  1. 11. 2018

Akademietheater: Der Kandidat

November 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schreien komischer Highspeed-Slapstick

Mit Hilfe der Presse zum Politiker: Florian Teichtmeister als Medienunternehmer Grübel und Gregor Bloéb als Herr Russek. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Ende ist die Wahl gewonnen. Anders als bei Gustave Flaubert und Carl Sternheim, dort im Furor (Gott zu Füßen) verreckend, hält „Der Kandidat“ hier aber seine Abschlussrede. Professionell gecoacht und vom Redakteur Bach mit Argumenten ausgestattet, verkündet er seine Zehn Gebote. Die da im Wesentlichen lauten: Abgrenzen, aufrüsten – und vor allem angstfrei sein. Ach ja, ein Aussetzen kommt auch dazu, und zwar der parlamentarischen Demokratie.

Wegen Belanglosigkeit zunächst für 100 Tage, danach Evaluierung. Gregor Bloéb ist in diesem Moment, als sein Leopold Russek dies politische Pamphlet vorträgt, schauspielerisch ganz in seinem Element, ein geschmeidiger Gewinner, ein mephistophelischer Verführer der Massen, so „echt“, dass es erschreckt und erschüttert. Jede Ähnlichkeit mit Personen, Parteien und deren Programmen ist natürlich … gar nicht so frei erfunden. Durch den Kopf geistert es einem, dass man derartiges Wortgewürfle bereits gehört, die Floskelsätze schon gelesen hat. Bemerkenswert. Flaubert schrieb seine Politposse 1873, Sternheim sie 1913/14 auf die wilhelminischen Gegebenheiten um; für die aktuelle Fassung zeichnet Dramaturg Florian Hirsch verantwortlich, eine ausgezeichnete Arbeit, die den Zeit-Ungeist vorführt, aber auch zeigt, die Verhältnisse, sie sind schon immer so.

Es ist kein Wunder, dass sich Regisseur Georg Schmiedleitner zur Inszenierung dieses Stoffs verlocken ließ. Er macht aus der bitterbösen Satire, die sowohl den Moloch Politik als auch die Entpolitisierung der Gesellschaft aufs Korn nimmt, Highspeed-Slapstick; er schont seine Schauspieler bei dieser sehr körperlichen Aufführung nicht, es wird gestolpert, gestrampelt, gestürzt, und wenn Sebastian Wendelin als Bach steif wie ein Brett fällt, fürchtet man durchaus ein wenig um dessen Gesundheit.

Die „Wahrheit“ macht eine Homestory bei Russeks: Sebastian Wendelin als Redakteur Bach, Florian Teichtmeister, Petra Morzé als Frau Russek, Christina Cervenka als Luise, Dietmar König als Fotograf Seidenschnur und Musiker Sam Vahdat. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Komödiantisches Kernstück – das TV-Duell der Spitzenkandidaten: Dietmar König, Valentin Postlmayr als Moderator und Gregor Bloéb. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Dass diese Übungen aufs Feinste gelingen, ist Verdienst der fabelhaften Spielfläche von Volker Hintermeier, diese ein von innen beleuchteter Kreis, ein Roulettetrichter, ein Glücksrad, eine ins Wanken geratene Weltscheibe, die sich unablässig dreht, dazu in Schräglage hebt und senkt, darüber, wahlweise auch dahinter, ein Spiegel, dank dessen Perspektiven gewisse Verrenkungen und Verschlingungen der Darsteller überhaupt erst wahrzunehmen sind – als würde man mittels eines allmächtigen Auges auf die sich abmühenden Figuren blicken.

So chic wie das Bühnenbild sind auch die Kostüme von Su Bühler, ein stilisiertes 19. Jahrhundert mit einigen Hinguckern, etwa Frau Russeks Schaumstoffnoppen-Tournüre, auch sie streng in stummfilmhaftem Schwarzweiß gehalten.

„Der Kandidat“ handelt vom sich selbst in den Ruhestand versetzt habenden und nun sich langweilenden Millionär Leopold Russek. Als er beschließt, ob Ende seines Ennuis in die Politik zu gehen, stehen sofort die Vertreter diverser Interessensgemeinschaften Schlange, um den Ahnungslosen auf ihre Seite zu ziehen: Funktionäre, Lobbyisten, Journalisten, Spin-Doctors und andere Opportunisten geben sich die Russek’sche Klinke in die Hand.

Doch der ganze politisch-mediale Komplex erweist sich alsbald als ein Kartenhaus aus Lügen und Manipulation. Gegenspieler stellen sich auf – bis Russek, um zu siegen, schließlich bereit ist, sich mit seinem Geld Verbündete zu züchten, und sogar die sexuelle Verfügbarkeit von Ehefrau und Tochter für seine Zwecke nutzt.

Hirschs Bearbeitung setzt auf Sprachwitz und Versprecher, Sätze fallen, wie der von der Sozialdemokratie, die den eigenen Kandidaten einmal mehr selbst massakriert habe, Begriffe wie Gutmenschenterrorismus oder Gendermanie. Ständig wird rechts mit links verwechselt, immer wieder sagt jemand „völkisch“ statt „volksnah“, Russek wird empfohlen „termingerecht zu emotionalisieren“, und der umbuhlte Neo-Politiker erweist sich in seiner Qual der Parteiwahl als erstaunlich elastisch. „Warum denn so einseitig?“, fragt er einmal. „Jede Partei hat doch ihr Gutes.“ Freilich ist derlei für Lacher gut, die Darsteller schießen diese Pointen im Schnellsprechtempo ab.

Mit großen Gesten konterkarieren sie gleich darauf das Gesagte, Outrieren ist ausdrücklich erwünscht, und mal wirkt einer wie Chaplins Tramp, mal liegt einer wie Kafkas Käfer auf dem Rücken. Sabine Haupt, als Anwältin Evelyn hier zum strippenziehenden, Parolen einflüsternden Politcoach avanciert, umtanzt den Kandidaten mit scharf gekickten Tangoschritten. Bernd Birkhahn darf als alter Graf, als Standessymbol ein Krickerl im Arm, vor Freude im Hüpfen in der Luft die Hacken zusammenschlagen.

Großartig sind das Bühnenbild von Volker Hintermeier und die Kostüme von Su Bühler: Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting brilliert Gregor Bloéb als selbstzufrieden-naiver Simpel Russek, der, durch die persönlichen Interessen der anderen angeheizt, zum korrupten Schlitzohr mutiert. Petra Morzé gibt – ebenso wie Christina Cervenka als ihre Tochter Luise – mit viel Spielfreude seine dauerlüsterne Ehefrau, die ob dieses Erregungszustands wunderbar auf den in die richtige Schreibrichtung umzupolenden Bach anzusetzen ist.

Den gibt grandios Sebastian Wendelin, den Oberkörper starr nach hinten gebogen, aber unten herum immer biegsam und verfügbar. Als „Blut-und-Boden-Headliner“ beim U-Bahn-Blatt hat er beruflich genug zu leiden, da darf privater Spaß sein. Die Postille gehört Florian Teichtmeister als ränkeschmiedendem Medienunternehmer Grübel, heißt „Die Wahrheit“, was natürlich für Zeitungsmacherwitze à la „Die Wahrheit gehört ja quasi Ihnen“ gut ist. Komödiantisches Kernstück des Abends ist ein TV-Duell der Spitzenkandidaten, Russek gegen den Society-Fotografen Seidenschnur, Dietmar König als rechtschaffener, grauer „Sozi“, in den Reflexen schneller als in der Reflexion, der unter den Zuschauern Wahlzuckerl und auf der Bühne Statistiktaferl verteilt. Valentin Postlmayr, er auch ein tadellos degenerierter junger Graf, versucht vergebens die Diskutanten im Zaum zu halten.

Zum Premieren-Schluss gab es erwartungsgemäß viel Jubel und Applaus für Schauspieler und Leading Team. Sternheims humorvoll-hinterlistiges Vorführen von Volksverdrehern, sein Hinweis auf „alternative Fakten“ und die Gefahren beim Verwässern komplexer Fragestellungen durch populistisches Geschwätz, diese Botschaft ist – inmitten des ganzen Klamauks – beim Publikum perfekt angekommen. „Der Kandidat“ am Akademietheater ist zum Schreien komisch, zum Laut-Aufschreien komisch.

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  1. 11. 2018

Burgtheater: Der Besuch der alten Dame

Mai 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Güldener Humor in Güllen

Geld, nicht Gefühl, regiert die Welt: Burghart Klaußner als Alfred Ill und Maria Happel als Claire Zachanassian. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Frank Hoffmann inszenierte Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ am Burgtheater, und was man dazu sagen kann, ist: Keine besonderen Vorkommnisse. Der Luxemburger Regisseur und Intendant der Ruhrfestspiele – die Aufführung ist eine Koproduktion – ließ seiner Riege Burgstars Raum und Zeit, ihr ganzes Können zu entfalten, setzte dabei zumindest anfangs ganz aufs Komödiantisch-Groteske.

Und fiel weder angenehm noch unangenehm durch überbordende Regieeinfälle oder zwanghaftes Aktualisieren auf. Güldener Humor in Güllen, sozusagen. Alles schön solide. Handwerklich perfekt, aber mit wenig Kontur. Dass Dürrenmatt in Anmerkungen davon abriet, sein Stück als Allegorie zu sehen, und damit wohl vor verfremdendem Pathos warnen wollte, nimmt Hoffmann allzu genau. Er lässt das Geschehen weitgehend wie vom Blatt abrollen, und findet dabei weder Distanz noch Nähe dazu. Was die Tragikomödie hergibt, wenn hier „Im Namen von Europa“ die „abendländischen Prinzipien“ beschworen werden, muss man sich schließlich selber zusammenreimen. Hoffmann überlässt sich über weite Strecken einem kommentarlosen, einem so ort- wie zeitlosen Ablauf der Handlung.

Im düsteren Bühnenbild von Ben Willikens entfaltet sich, was ein Albtraumspiel hätte werden können; wie in einer unaufgeräumten Lagerhalle auf einem verlassenen Industriegelände liegen und stehen die Reste menschlicher Existenzen herum. Darin die Güllener, bis auf Petra Morzé als Mathilde Ill, ein sangesfreudiger Männerchor, Dietmar König als freigeistiger Lehrer, Daniel Jesch als athletischer Polizist, Marcus Kiepe als hinterfotziger Arzt, Michael Abendroth als doppelzüngiger Pfarrer, aufgescheuchte Honoratioren, Opportunisten und Pragmatiker, die das Geld schon verplanen, bevor Korruption überhaupt geschehen ist. Seltsam drübergespielt wirkt das alles.

Nur Roland Koch gibt den geschwätzigen Bürgermeister als Kabinettstückchen, immer wieder wird er von lauter Musik, von krachenden, scheppernden Industriegeräuschen in die Schranken gewiesen. Der berühmte Panther rührt sich lauthals aus dem Off – Raubtierkapitalismus, eh klar. Petra Morzé gelingt als Mathilde ein eigenes Kunststück. Wie sie mit ihrem Alfred einen Ausflug im Auto genießt, von dem sie weiß, dass es sein letzter sein wird, drückt sie in einem Jammerschrei aus, der angstvoll klingen soll, aber schon ein Leben ohne ihn anstimmt.

Die Güllener spekulieren aufs große Ganze: Burghart Klaußner, Michael Abendroth, Marcus Kiepe, Daniel Jesch, Petra Morzé, Dietmar König und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und mitten drin die Happel mit konkavem Hütchen und kess ausgestelltem Rocksaum. Maria Happel glänzt als Milliardärin Claire Zachanassian, ist als solche hier weder Monster noch Kunstmenschin, sondern eine aus Fleisch und Blut, keine Dämonin, sondern eine geschäftstüchtige Multikonzernmanagerin, der auch einmal die Gefühle aufsteigen. Wiewohl die schnell wieder weggedrückt werden.

Wie Happel von skurriler Fröhlichkeit zu eiskaltem Furor wechselt, ist sehenswert, am eindrücklichsten die Szenen mit dem großartigen Burghart Klaußner als Alfred Ill, da wird ein Übers-Haar-Streichen gleichsam zum Todesurteil. Wobei Klaußner den Ill nicht als vordergründig rattig-ängstlichen Kleinbürger, sondern als Mann mit stolzer Würde anlegt. Gegen Ende nimmt der Abend Fahrt auf, wenn die finale Bürgerversammlung Ill aburteilt und die abgewrackte Stahlhütte bis fast an die Rampe heranrückt. Da geht das Saal-Licht an und mit den Bürgern, die unter Ausreden, mit Ausflüchten und zugunsten der Konjunktur über den Tod befinden, sind natürlich die Zuschauer gemeint. Das ist zwar keine nagelneue Inszenierungsidee, aber immer noch eine wirkmächtige. Wie aus dem langen, zufriedenen Applaus zu schließen.

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  1. 5. 2018

Akademietheater: Willkommen bei den Hartmanns

November 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den falschen Stellen gelacht

Gelebte Willkommenskultur: David Wurawa als Diallo und die Hartmanns Valentin Postlmayr, Markus Hering, Alexandra Henkel, Alina Fritsch und Simon Jensen. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die von Peter Wittenberg inszenierte Bühnenversion von Simon Verhoevens Filmerfolg „Willkommen bei den Hartmanns“ überzeugte Sonntagabend das Premierenpublikum am Akademietheater. Großen Jubel und viel Applaus gab es für die knapp dreistündige Uraufführung, für die Angelika Hager eine Wienerische Bearbeitung verfasste. Wobei Hager auf Schablonen, Stereotypen und eingefahrene Vorstellungen setzt.

Um so wichtige Themen wie fehlgeleitete Willkommens- kultur und einen „gut gemeinten“ Alltagsrassismus anzusprechen. Mehr als einmal ertappt man sich beim platten Text an den falschen Stellen gelacht zu haben. So outriert wie die Vorlage auch das Spiel. Zwölf Schauspieler gestalten in Doppel- und Dreifachrollen die überkandidelte Familie Hartmann, deren soziales, noch übertriebeneres Umfeld und die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Allen voran überzeugt immerhin David Wurawa als nigerianischer Flüchtling Diallo, dessen schließliche Schilderung der Daseins-, eigentlich Todesdrohungsumstände, die ihn zum Aufbruch ins sichere Europa bewegten, überaus eindrücklich sind. Wie er die Hartmanns mit Schmäh nimmt, ihm gleichzeitig die Trauer um sein verlorenes Leben und die Angst, ob ihm ein neues gewährt werden wird, in den Augen steht, das ist schöne Schauspielkunst.

Der Rest ist Knallchargerei. Alexandra Henkel gibt die dauertrinkende Pensionistin Angelika, die im Film von Senta Berger dargestellt wurde, Markus Hering ihren Ehemann Richard als latent rassistischen und von Jugendwahn befallenen Oberarzt – dies mit unglaublichem Körpereinsatz und breit angelegtem Mienenspiel. Alina Fritsch ist eine endlos studierende Tochter Sofie, Simon Jensen der Workaholic-Sohn Philipp. Valentin Postlmayr hat als Enkel Basti, dem HipHop vor Schule geht, die Sympathien auf seiner Seite. Sven Dolinksi spielt den zukünftigen, türkischstämmigen Schwiegersohn Tarek. „So schnell hat man einen Migrationshintergrund“, befindet Richard ob der Sachlage.

Im Gemeindebau herrscht offene Ausländerfeindlichkeit: Sabine Haupt mit David Wurawa und Alexandra Henkel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Rotarier-Damen von Döbling planen mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau: Petra Morzé und David Wurawa. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt zieht viele herzhafte Lacher als esoterische Flüchtlingshelferin auf sich. Als Gemeindebaulerin, Klischee as Klischee can, muss sie natürlich Ausländerfeindin sein, weil sie angesichts der Mindestsicherung für Asylwerber um ihre Rente fürchtet. Im Programmheft, „Das muss man doch noch sagen dürfen!“, entwirft Hager ein ebensolches Bild von einem früh pensionierten Schweißer, tätowiert, mit schwerem Zungenschlag, der auf „Hacäh“ setzt. Dass Wittenberg zu Kurz in erster Linie dessen Ohren einfallen, ist, bei aller politischen Gegnerschaft, nicht einmal Geschmackssache. Da gäbe es über den künftigen Bundeskanzler Wichtigeres zu erzählen.

In ihren zahlreichen Rollen von der exjugoslawischen, ebenfalls ausländerfeindlichen Putzfrau (ihr Argument, warum ihre Flucht anders war: „Der Jugoslawienkrieg war ja vor eurer Haustür!“) über die alltagsrassistische Bäckerei-Angestellte (die über Diallo stets befindet: „Is der liab!“) bis zum Go-Go-Girl gibt Petra Morzé alles. Als Anführerin der Rotarier-Damen von Döbling will sie mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau inszenieren. Dietmar König spielt den Schönheitschirurgen-Ehemann der Dame.

Dirk Nocker macht den Leiter des Flüchtlingsheims. Michael Masula ist ein starker Auftritt gegönnt, als identitärer Taxifahrer und als radikaler Islamist, der alles ablehnt, was den Westen ausmacht – und trotzdem in Österreich bleiben will -, ist also in der Inszenierung insgesamt für die Fundamentalisten zuständig.

In beinah filmischen „Schnitten“, temporeich und gut getimt, treibt Regisseur Wittenberg sein Personal in dieser atemlosen, chaotischen Arbeit über die Bühne, auf der ein Laufband schnell zum OP-Tisch oder zum nächtlichen Club werden kann. Darsteller melden sich via Vidiwall telefonisch oder lassen an der Rampe in Monologen die Befindlichkeit ihrer Figuren ab. Herzstück des Hartmann’schen Haushalts ist eine überdimensionale, aufblasbare Couch. Sie verwandelt sich am Ende in ein sinkendes Boot …

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist vom Burgtheater als Familienstück ab 12 Jahren angekündigt. Es würde interessant sein zu erfahren, wie Angelika Hagers anspielungsbemühte Sprache – und vor allem ihr Versuch, in dieser gechillt „jung“ zu sein, bei der Zielgruppe ankommt.

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  1. 11. 2017

Burgtheater: Liebesgeschichten und Heiratssachen

April 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Schweinsgalopp durchs Nestroy-Stück

Nicht nur Ex-Fleischhauer Stefan Raab hat ein fahrbares Sofa: Regina Fritsch als Lucia Distel und Gregor Bloéb als Florian „von“ Fett. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nach der Jubel-Trubel-Heiterkeit beim Schlussapplaus zu urteilen, hat sich das Burgtheater mit dieser Aufführung einen sicheren Publikumsliebling geschaffen. Regisseur Georg Schmiedleitner inszenierte Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ – und der Abend ist wirklich saukomisch. Die Wortwahl sitzt wie der berüchtigte Bolzen im Kopf, ist der Protagonist der Biedermeier-Posse doch ein ehemaliger Fleischselcher, der sich zum reichen Particulier emporgeschlachtet hat:

Florian Fett, neuerdings mit einem „von“. Aus diesem Umstand kann Schmiedleitner beinah drei Stunden lang Gags, Klamauk und Kalauer produzieren. Da ist eine Situation saugefährlich und ein Brief – Schriftstücke werden per rosa Plüschferkel befördert – natürlich mit Sauklaue geschrieben. Da kurvt der Hausherr mit einem fahrbaren Sofa durch sein Schloss, weil auch Stefan Raab war, bevor er endgültig privatisieren konnte … na? … na? – richtig, ein Metzgergeselle. Im Schweinsgalopp geht’s so durchs Nestroy-Stück.

Für dieses Verwechslungsliebesspiel mit drei Paaren, zwei Vätern und einem schlimmen Schlitzohr hat Volker Hintermeier eine Bühne erdacht, die sich mit den amourösen Eskapaden der Figuren im Kreis dreht. Stätten der Handlung sind ein desolates Salettl/Bar mit rotierendem roten Herz auf dem Dach, in dessen Dachboden die Band haust; der Fett’sche Salon mit Wappensau und jenen Plastikplanen als Vorhängen, die im fleischverarbeitenden Betrieb Hygienevorschrift sind; ein Mobilklo als Zufluchtsörtchen; und ein Plantschpool mit beleuchtbaren Kitsch-Flamingos. Alles atmet hier neureich oder guter Geschmack lässt sich nicht kaufen, ein sarkastisches Augenzwinkern, das Su Bühler bei ihrer Zuckerlfarbwahl und der Ausstattung der Kostüme fortsetzt – und das der Inszenierung insgesamt gutgetan hätte.

Die Wirtin hat Verständnis für die Standesdünkel des Marchese: Elisabeth Augustin und Dietmar König. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Flirt vor Flamingos: Martin Vischer wirbt in Schwyzerdütsch um Stefanie Dvoraks Ulrike. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schmiedleitner nämlich setzt aufs Outrieren als alleiniges Stilmittel. Der laute Vollgas-Lustig-Modus in den er geschaltet hat, überschmettert allerdings die leisen Töne des revolutionsbegabten Autors, seine Zwischenbemerkungen, das Halbgesagte wie das Angedeutete. Was dem Abend fehlt, ist die Nestroy’sche Doppelbödigkeit, die spöttische Subtilität, mit der der große Wiener Dramatiker seine abgeschriebenen Plots verfeinerte.

Die in die Blödheit eines Fett eingeschriebene Bösartigkeit, die lauernde Gefährlichkeit eines Nebel, das beunruhigende Unbehagen darüber, dass Intriganten, Emporkömmlinge, Wirtschaftsliberalisten … in dieser Welt das Sagen haben. Und dass sich daran von 1843 bis heute nichts geändert hat.

Was die Nestroy’schen Figuren betrifft, so gestaltet sie hier jeder nach seiner Façon und seinen Fähigkeiten in der Farce. Die Charaktere werden manchen zur Karikatur, manchmal zur Knallcharge. Gregor Bloéb ist eine – pardon, aber im Zusammenhang passend – Rampensau. Er weiß, wie er sich die Lacher abholt, wenn er seinen Florian Fett im goldenen Protzanzug mit einem vulgären Zu-Viel-An-Allem versieht.

Oder den selbstverliebten Tölpel im Versuch, alles französisch auszusprechen, nicht nur gestelzt daherreden, sondern auch wie auf Stelzen stolzieren lässt. Als Fett lässt sich’s freilich gut aufgesetzt agieren, mit einem Wort: Bloéb rockt die Burg! Regina Fritsch überzeichnet die Fett-Verwandte Lucia Distel noch stärker. Die Brille-Locken-Pillbox-Kombination, die ihr Su Bühler verpasst hat, gehört eigentlich verboten, harmoniert aber perfekt mit dem von der Vornehmheit in einen Proletenslang kippenden Ohrenschmerzorgan, wenn etwas nicht nach dem Distel’schen Willen geht.

Marie-Luise Stockinger und Stefanie Dvorak sind als Fanny und Ulrike zwei richtige Trutschn ohne besonderen Tiefgang, nur Alexandra Henkel darf als Kammerkätzchen Philippine einen eigenen Kopf und Mut zur Koketterie haben und beides auch einsetzen. Elisabeth Augustin bleibt als Wirtin zum Silbernen Rappen weitgehend unauffällig, und warum Peter Matić als ihr Wirt als tätowierter Punk-Rocker auftreten muss, hat sich, seiner Darstellung nach zu urteilen, auch ihm selbst nicht erschlossen.

Der Gewinner des Till-Lindemann-Lookalike-Contests: Markus Meyer als Nebel, Peter Matic (hi.) gibt den Rappen-Wirt als Punk-Rocker. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Vielleicht soll er ja in der Aufmachung zu Markus Meyer passen, dessen Zechpreller und Heiratsschwindler Nebel daherkommt, wie der Gewinner eines Till-Lindemann-Lookalike-Wettbewerbs. Der Nebochant Nebel, das ist bei Nestroy der Distel-Umgarner, der Fett-Um-den-Finger-Wickler, der Spielmacher und Drahtzieher – und gerade in dieser doch eigentlich Paraderolle bleibt der stets so großartige Markus Meyer seltsam blass. Ja, er macht gekonnt den Blender und Poser.

Und schrammelt auch auf der E-Gitarre. Doch weder kommen ihm die aphorismenhaften Aussprüche seiner Figur geschmeidig über die Lippen, noch scheint er am ohnedies auf zweimaligen Einsatz beschränkten Coupletgesang Freude zu haben. Martin Vischer als Kaufmannssohn Anton, Christoph Radakovits als dessen adeliger Freund Alfred und Dietmar König als wiederum dessen Vater, Marchese Vincelli, und Robert Reinagl in den Rollen diverser Bedienter sind immerhin fürs eine oder andere Kabinettstückchen gut. Der Basler Vischer probiert’s erst gar nicht mit einem ihm fremden Dialekt, sondern bleibt beim vertrauten Schwyzerdütsch. Er gibt einen herrlich korrekt-verklemmten Eidgenossen, während Radakovits das blaue Blut vor Leidenschaft in den Adern kocht.

Königs Marchese ist über die misera pleps, aus deren Klauen er seinen Sohn befreien zu müssen glaubt, ausschließlich eines – mit Taschentuch vorm Mund – angewidert. Und wenn der Vornehme stolpert und stürzt, oder ihm ins Gesicht gefurzt wird, oder seine Kehle wegen des Hausbrand des Wirten in Flammen steht, dann toben die Leut‘. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, alles dreht sich, alles bewegt sich – Zuschauer, was willst du mehr? Irgendwas mit Sinn – Tief-, Hinter-, Fein-? Na alsdann!

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Wien, 14. 4. 2017