Schauspielhaus Wien: Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen …

Januar 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Institution lebt, doch ist sie leider sehr scheu

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Sie haben eine Ausschreibung gewonnen: Katharina Farnleitner, Steffen Link und Simon Bauer mit EU-Stern Dolores Winkler. Bild: © Matthias Heschl

Die Produktion mit dem mutmaßlich längsten Titel der Saison hatte Freitag am Schauspielhaus Wien Premiere. Miroslava Svolikova schrieb „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ im vergangenen Jahr als Hans-Gratzer-Stipendiatin unter der Anleitung von Falk Richter.

Nun folgte die Uraufführung dieser Groteske, in der die Dramatikerin lustvoll die Leiden junger Kulturschaffender in einer sich in Selbstauflösung befindlichen Europäischen Union widerspiegelt. Drei Figuren jagt sie in einer Tour de Farce durch ein Assessment Center. Sie alle haben eine Ausschreibung gewonnen und sehen sich nun verpflichtet eine wichtige Aufgabe zu übernehmen. Welche ist allerdings nicht klar, findet sich auf einem Tisch doch nur eine Zettelbotschaft, die sie zur „Rettung der Onion“ aufruft. Die Verwirrung komplett macht der Umstand, dass sich der futuristische Raum, in dem sich das Trio eingefunden hat, als Museum entpuppt, das eine ganze Menge skurriler Exponate beherbergt. Und dann ist da noch der letzte verbliebene Stern der U/Onion, der sich nicht geschlagen geben will und zur Revitalisierung der Gemeinschaft aufruft …

Was Svolikova da verfasst hat, hat im höchsten Maße Komödienpotenzial. Mit viel Sinn für Humor – und, so ist anzunehmen, einem Schuss Selbstironie – nimmt sie den Bewerbungsalltag von Wettbewerblern aufs Korn, von jenen Idealisten, Künstlern und Schwärmern, die immer wieder von Neuem Anträge stellen, um Aufträge rittern und dabei der Auftragsbürokratie öfter ins offene Messer laufen, als dass die ihre Geldbörse öffnen würde. Eine prekäre Situation, die Svolikova in ihrem Stück mit Szenen voll Situationskomik kommentiert. Das Spiel ist freilich auch ein Spiel mit Sprache, mit Wortwitzeleien, die die Autorin durch Wortneuschöpfungen und -neudeutungen kreiert. Dem entsprechend bedient sich Regisseur Franz-Xaver Mayr des Instrumentariums der Boulevardklamotte. Er stattet die surreale Story mit einer gehörigen Portion Klamauk aus, als gelte es den Text durch Klipp-Klapp und andere Schenkelklopfer zu erden.

Simon Bauer, Steffen Link und Katharina Farnleitner hetzt er ohne Atempause über die von Michaela Flück erdachte Bühne, die drei als Prototypen akademischer Hilflosigkeit angesichts auftretender administrativer Probleme. Link gibt den hektisch-beflissenen Streber, Bauer mit vorgeschobenem Unterkiefer den dumben, nichts hinterfragenden Dienstleister, Farnleitner die allzeit und zu allen Bedingungen willige Auftragnehmerin.

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger ... Bild: © Matthias Heschl

Die Museumsführung mit Hologramm Sebastian Schindegger … Bild: © Matthias Heschl

... endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

… endet in einer Schaumschlägerei. Bild: © Matthias Heschl

Zu dritt stemmen sie den Querbalken, den Svolikova in ihr Gedankengebäude eingezogen hat, die Frage nach dem Verbleib des Individuums und der Individualität im Vergleich zu Kraft und Stärke des Kollektivs, die Orientierungslosigkeit, die Identitätssuche, letztlich die Schuldfrage – das alles ist so sehr EUropäisch, dass es naturgemäß ohne Antwort bleiben will.

Dolores Winkler ist in diesem Setting nicht nur die Museumsreinigungskraft, sondern auch die „Regisseurin“, eine von denen, die schon alles gesehen, alles erlebt und alles gemacht haben – und ein einsamer übrig gebliebener Stern, der unter wimmerndem Wehklagen das Kollektiv beschwört, sind ihm die anderen Sterne doch in Richtung ihrer nationalistischen Heimatfronten auf und davon gelaufen.

Schließlich Auftritt Sebastian Schindegger als Hologramm. Mit Riff-Raff-Frisur und im Schlurfgang ist er der Führer durch ein Museum, das auf Besucher gar nicht eingestellt ist, weil ohnedies nie welche kommen. Nun aber kann er zeigen, was er an Schätzen hat. Einen abgekauten Kugelschreiber zum Verträge Unterzeichnen, die real existierende Mauer, abgekaute Fingernägel von früheren Kandidaten.

Dazu gibt’s im Schlafmodus zu verzehrende Pommes Frites – bekanntlich eine belgische Erfindung – und eine von oben herabkommende Schaumschlägerei. Die Institution ist zwar als lebendes Exponat an der Ausstellung beteiligt, aber leider nie zu sehen, die Institution, lässt das Hologramm wissen, ist nämlich sehr scheu …

Das Publikum im Schauspielhaus reagierte auf all diese assoziativen Andeutungen und Doppeldeutigkeiten höchst amüsiert. Sowohl Miroslava Svolikovas Text als auch dessen szenische Umsetzung durch Franz-Xaver Mayr wurden am Ende lautstark bejubelt. Und natürlich das Ensemble, das wie stets mit überbordender Spielfreude an die Sache herangeht. Katharina Farnleitner und Dolores Winkler fügen sich nahtlos in den Flow ein; erstere wird diese Spielzeit am Haus auch in „Kolhaaz (AT)“ zu sehen sein, diese feine, satirebegabte Schauspielerin, von der man gar nicht glauben mag, dass sie noch Studentin ist.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y4X-TOHCpco

www.schauspielhaus.at

Wien, 14. 1. 2016

Akademietheater: Diese Geschichte von Ihnen

Februar 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frage nach dem Zweck unheiliger Mittel

Nicholas Ofczarek und August Diehl Bild: Bernd Uhlig / Burgtheater

Nicholas Ofczarek und August Diehl
Bild: Bernd Uhlig / Burgtheater

Die dritte Szene ist nichts für schwache Nerven. Da ist mitanzusehen, was man bis dahin nur vernommen hat. Vernommen auch, weil hier alles einem Verhör gleicht. Eine Situation spiegelt sich in der nächsten. Die Eskalation nimmt bis zur endgültigen Entgleisung immer mehr Tempo auf. Runde um Runde. Ein Bühnenboxkampf. In drei Szenen in drei Stunden werden viele Bilder eines Mannes entworfen, die sich lang nicht und dann doch plötzlich zu einem zusammensetzen. Andrea Breth hat am Akademietheater John Hopkins‘ „Diese Geschichte von Ihnen“ inszeniert. Eine ganz außerordentliche Arbeit mit einem ganz außerordentlichen Nicholas Ofczarek.

Hopkins hat das Drama 1968 geschrieben, da hatte er bereits das Drehbuch zum James-Bond-Film „Thunderball“ und 50 Episoden der BBC-Polizeiserie „Z-Cars“ verfasst; das Recherchieren dafür hatte ihn zu seinem Stück inspiriert. 1970 gab’s mit Peter Palitzsch in Stuttgart einen Theaterskandal, alles dachte an die Tötung von Benno Ohnesorg. 2016 denkt man immer noch an den Bankierssohn Jakob von Metzler und die von Wolfgang Daschner angedrohte „Rettungsfolter“. „Held oder Verbrecher?“, fragten die Medien damals. Daschner bekam eine Geldstrafe und eine Verwarnung; der Elfjährige war ermordet, als man ihn fand. Sergeant Johnson also, Hopkins‘ Antiheld, prügelt einen Menschen zu Tode. Er ist völlig überzeugt, den Mann erwischt zu haben, der für eine Serie von Kinderschändungen verantwortlich ist. Doch ist dieser Baxter tatsächlich der Gesuchte gewesen? In Szene eins kehrt Johnson betrunken nach Hause zurück, Szene zwei konfrontiert ihn mit dem internen Ermittler, die dritte Szene schließlich ist die Rückblende auf die Tat.

Ofczarek findet für seine Darstellung die Temperatur herzerfroren. Sein Johnson klammert sich an seine zynische Verzweiflung, als sei sie die Türschnalle zum Notausgang aus dieser Situation. Er schwankt zwischen Cop-Attitüde und den Tränen eines Kindes. Er verbreitet mit seiner Angst Schrecken. Man weiß nicht, ob er nun mehr um seinen Job fürchtet oder um seine Menschlichkeit. Doch wie alle Hopkins’schen Figuren wird auch er sich als Januskopf erweisen, der um die eigene Achse rotiert. Und der Alkohol fließt. Und die Prügel beginnen. Im Zusammentreffen mit Maureen wird die Gewalt gegen Baxter schon vorweggenommen. Sie attackiert ihn, Andrea Clausen als Lockenwicklergattin vor ihrem mit Heile-Welt-Nippes angeramschten 70er-Jahre-Wandverbau. Eine Scheußlichkeit, und wie die spätere Baustelle des Polizeireviers, von Martin Zehetgruber erdacht. Ein hellbrauner Bretterverschlag gegen das Draußen, das sich ganz offensichtlich im gesellschaftlichen Umbau befindet. Europa, es hat sich empathiebefreit, und dies seine größte Sünde, und wer noch welche aufbringt, der … Maureen, das macht Clausen deutlich, hat ihren Mann schon öfter so erlebt. Sie ist verhärmt und ungeliebt; man hat sich ohnedies nichts mehr zu sagen, daher glaubt man der Clausen auch kein Wort. Käme mein Mann nach Hause und sagte, er hätte einen Igel überfahren, ich wäre mehr aus dem Häuschen. Breth lässt ihre Lieblingsschauspielerin eine weitere ihrer spröden, kargen, unnahbaren Frauenfiguren gestalten. Das wirkt im Zusammenhang ein wenig gekünstelt.

Doch gerade das macht Breths Zugang zur Geschichte klar. Hopkins ist ein Meister der Regieanweisungen, und Breth hat sie alle ernst genommen. Sie spielt sein Stück wie eine Partitur. Siedelt es an zwischen Polizeireport und Theatertonfall. Gestaltet Psychothriller und das Psychogramm eines Täters. Eines Opfers. Die Grenzen werden noch ebenso verschwimmen wie die Schuldfrage. Die Er-lösung bleibt aus. Während sich der Irrsinn aus Johnsons Kopf zu Bühnenbildern formt, lässt Breth ihr Ensemble all die Brutalität mit einer gewissen Beiläufigkeit abhandeln. Als gäbe es keine andere Möglichkeit das vorzutragen, es zu ertragen, als in Lakonie. Es geht in „Eine Geschichte von Ihnen“ um Selbstbehauptung und um das Nichtfunktionieren von Kommunikation. Breth lässt die Darsteller die Abarten von Macht durchexerzieren, Hopkins hat deren Verhältnis immer wieder neu geordnet, und Breth lotet es aus.

Und so, wie man das Gefühl nicht los wird, Maureen und Johnson befänden sich in einer Art perversem Ehespielchen, folgt darauf die Katz-und-Maus-Hatz. Mit Roland Koch als distinguiertem Ermittler Cartwright. Auch er ein unklarer Charakter. Kochs Cartwright ist Helfer und Verderber in einem. Ein Aufklärer, aber zu wessen Gunsten? Objektiv, aber zu wessen Vorteil? Er ist der Typ, der Unruhe und Unbehagen verursacht. Wie er da den verständnisvollen Vorgesetzten mimt, führt diese Einvernahme folgerichtig zur nächsten, der letzten. Noch wird der Infight mit Argumenten geführt, doch schon sind die beiden Protagonisten von Hopkins geschickt in einen Nervenkrieg verstrickt. Und dann liegen diese blank und auch Cartwright langt zu. Der emotionale und der pragmatische Bulle sind ja doch artverwandt. Koch überzeugt in dieser Rolle. Naturgemäß. Wie er unterdrückte Wut ahnen lässt, als er sein Gegenüber mit verständnisvoller Miene zermürbt. Cartwrights Chefinspektor-Fassade bröckelt umso mehr, je länger die Szene dauert. Hinter dem Berg aus Professionalität taucht ein monströses Hinterland auf. Die Distanz, die er vom labilen Johnson zu seinem Beruf fordert, ist längst perdu. Hopkins manipuliert mit einem Stück über Manipulation.

Andrea Breth hat daraus die Fragen zur Zeit destilliert. Zeigt auf, wie es ist, wenn die Rechtsstaatlichkeit an ihre Grenzen stößt. Was passiert, wenn sie überschritten werden. Und wohin es führt, wenn Terror mit Terror beantwortet wird. Welcher Zweck heiligt welche Mittel? „Diese Geschichte von Ihnen“ ist eine über nicht verhandelbare gesellschaftliche Grundsätze. Bei gleichzeitiger Relativierung des Begriffs Wahrheit. Das ist so klug, dass eine einzige Antwort unmöglich ist. Breth lässt Fantasien offen. Ihr ultimatives Spiel ist das mit den Gedanken der Zuschauer. Einer davon ist: Wer ist hier eigentlich der Lustmörder?

Am Ende der Anfang. Nicholas Ofczarek trifft auf August Diehl, Johnson endlich auf Baxter. Der merkt schnell, dass er der intellektuell, in dem Sinne auch der moralisch überlegene ist, als er keine Gegenwehr leistet; er gibt sich provokant überheblich, ist nervös-blasiert, hochreflektiert – und bösartig. Zu ähnlich ist die Vergangenheit dieser beiden, als dass sie sich in dieser Gegenwart nicht zeigen müsste. Diehl wimmert, schreit und flüstert. Knochen brechen, Blut fließt, und Baxter analysiert kühl Johnsons Seelenzustände. Einer ist des anderen in die Enge getriebenes Tier. Baxter schafft es, Defensive mit Sadismus zu kombinieren, Johnson schlägt genussvoll zu. Ofczareks explodierende Gewaltbereitschaft, seine Weinerlichkeit und schmierige Jovialität treffen auf Diehls brillante Verkörperung von einem, der leidet – und es genießt? Ofczarek bricht über die Szene herein wie ein rasender Rachegott. Er fordert sie jetzt ein. Für die Demütigungen einer kaputten Ehe, einer missglückten Karriere, eines aus der Bahn geworfenen Lebens. Für all die vergewaltigten Kinder. Breths Abend ist in seiner extremen Körperlichkeit wie geschaffen für seine intensive Bühnenpräsenz, sein Spiel kennt keine Sekunde Pause, er führt und prägt diese Aufführung. Doch der feinnervige Diehl schenkt dem Berseker nichts. Und schließlich hat dieser sich selbst entlarvt.

All das, weil Sprache doch nur im Ungenauen bleiben kann, interpretiert schon mehr, als die Breth es tut. Die Grande Dame des deutschsprachigen Theaters ist nicht zur allumfassenden Enträtselung angetreten. Eine, die den Menschen so klar sieht, weiß freilich, dass dessen Wesen im Unklaren bleiben muss. Und so entlässt sie einmal mehr aus dem Theater, ihrer moralischen Anstalt, ohne den mahnenden Zeigefinger bemüht zu haben. Was sie aufwirft, sind Fragen. Welche Bedingungen muss eine gerechte Gesellschaft erfüllen? Gibt es für Menschenrechte Grenzen? Wo überschreitet Toleranz ihren Wert? John Hopkins erhielt 1996 den Humanitas-Preis, für seine Arbeiten, in denen er die Menschenwürde und das Recht auf Freiheit hervorhob.

www.burgtheater.at

Wien, 1. 2. 2016

Theater zum Fürchten: Diese Bretter sollen brennen!

September 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Theaterarzt ist nur einen Lacher entfernt

Loriots "An der Opernkasse": Julian Schneider, Jörg Stelling, Gabi Stomprowski, Bernie Feit und Hermann J. Kogler Bild: Bettina Frenzel

Loriots „An der Opernkasse“: Julian Schneider, Jörg Stelling, Gabi Stomprowski, Bernie Feit und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

„Wie legen Sie ihn an?“ – „Hintergründig.“ Es darf an diesem Abend auch der vierte Zwerg nicht fehlen. Helmut Qualtingers „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben …“ ist einer der Texte, die Bruno Max und Marcus Ganser für ihre Revue „Diese Bretter sollen brennen!“ rausgesucht haben. Hassgesänge und Liebeslieder auf das Theater aus zweitausendfünfhundert Jahren, die das Theater zum Fürchten nun an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, zum Besten gibt. Zum Allerbesten.

Herr Prinzipal und sein Leib- und Magenregisseur präsentieren ein Panoptikum der Bühnenverrückten. Die Diva und die Rampensau, die Selbstdarsteller und die Entleiber, im Unterschied zu denen, die über Leichen gehen, selbst wenn das Stück keine vorschreibt, die Autoenthusiasten und die Publikumslieblinge. Große Satiregaranten und Berufszyniker wie Erich Kästner, Thomas „Was hier, in dieser muffigen Atmosphäre?“ Bernhard und Daniil Charms verschaffen sich gewaltig Theaterluft, aber auch köstliche Kleindarsteller ballen ohnmächtig die unterbeschäftigten Fäuste. Dargeboten werden Wahrheit und inszenierter Wahnsinn, die Qualen der Quälgeister, die Nöte der Nutzlosen, Kämpfe, Krämpfe, die ganz großen Gefühle sowieso, sowie Bestechungsversuche beim Beleuchter. Wenn’s Zwerchfell reißt, ist das Programm. Der Theaterarzt ist nur einen Lacher entfernt.

Ganser und Max gelingt naturgemäß viel mehr als dramaturgische Nummernreihung, sie verknüpfen die Nummern zu einem Reigen, „Putting it Together“ à la Stephen Sondheim. Den Reigen haben sie ganz reizend verwienerischt, er hat seine schönsten Momente, wenn die Schauspieler vermeintlich etwas von sich erzählen. Ach, das liebt man als Publikum, diesen Schlüssellochblick in die Kulissen. Auch wenn die Gaukler einem was vorgaukeln, ist der frische Wind ums Auge doch die Bindehaut, an der sich die Begeisterung fürs Dramatische entzündet. So darf Irene Halenka im heimischen Seewinkel vom Schauspielerdasein träumen, doch auch ein Besuch von Mr. Karps Method-Acting-Kurs brachte sie nicht in Marvin Hamlischs „Chorus Line“. Klara Steinhauser versucht mit ihrer beeindruckenden Musicalstimme die Klippen eines Vorsingens zu umschiffen. Laut Jason Robert Brown tut sie das schon „Die letzten fünf Jahre“ und glaubt: „Es geht was voran!“ Leider wird der Spagat, den der Beruf einem oft ab-, hier tatsächlich verlangt. Ja, in dieser Produktion wird sich auch körperlich nicht geschont. Und (fast) keine Kosten gescheut. Für Monty Python’s Tortenwurf- und Brett-vorm-Kopf-Szenen wurde mit Kathleer Bauer sogar eine Choreografin verpflichtet.

Gabi Stomprowski fragt sich zwar mit Eric Idle „Was ist mit meiner Rolle los?“, weiß aber, dass es keine schlechten, sondern nur schlechtes Licht gibt. Als Vollblut kann sie schließlich auch aus einer Ein-Satz-Rolle alles und zwar wirklich alles raus holen. Und sollte man hier nicht verstehen sie schätzen zu wissen, wirft sie trotzig den Kopf zurück, dann eben Deutschland. Bitte keine gefährlichen Drohungen. Was „die Piefke“ dem Theaterbetrieb mit ihrer Betriebsamkeit angetan haben, erklärt niemand besser als Jörg „Maria“ Schelling mit Ephraim Kishon. Seit 38 Jahren die Stütze des Hauses – an dieser Stelle leichtes Oskar-Werner-Näseln mitdenken – lässt sich der Kammerschauspieler von einem Deutschen mit Doppelnamen doch kein X für ein U, nicht wahr, schließlich wäre auch Gert Voss kein Gegner, nicht wahr. Julian Schneider stimmt das „Lamento für einen jungen Schauspieler“ an.

Die Zunft nimmt sich auch an den Randzonen herzerwärmend unernst. Theaterleiter und Theaterkritiker werden, letztere von Mel Brooks, als ebenbürtig ahnungslos enttarnt. Das Publikum weiß nach Loriot nicht, was es will, aber das will es unbedingt. Billeteurinnen wissen, was sie wollen, kriegen’s aber nicht. Einzig die seltsame Spezies der Bühnenportiere entgeht hier der E-Loge. Dabei hat man noch keinen kennengelernt, der nicht Herr übers Haus war. Hermann J. Kogler ist als „Der Souffleur“ der wahre Auskenner; aus André Hellers Chanson ist die titelgebende Textzeile. Der großartige Bernie Feit groovt sich mit Christian Tschirners „Dramaturgen-Rap“ ein. Eine Ironie. Heute ist der Dramaturg vielerorts nur noch der Assi von Regieassi. Apropos, grooven: Feit, mit britischer Bardenperücke, und Kogler führen an Stelle von Rowan Atkinson und Hugh Laurie auch noch vor, wie es zu Shakespeares „Sein oder Nichtsein“ kam – ein paar kleine Striche. Musikalisch begleitet werden Bruno Max‘ glorreiche Bühnen-Sieben von Andreas Brencic am Klavier, Julius Chitta am Bass und Fritz Rainer am Schlagzeug. Schneider und Feit greifen zum Schluss auch noch selbst in die Saiten. Für etwaige p. t. Sponsoren. Bei der Kunst geht’s eben immer um die Wurscht.

„Wenn Sie einen Schauspieler sehen, sagen Sie ihm etwas nettes“, heißt es an einer Stelle. Nun, die Wahrheit wird’s wohl auch tun: Sie waren glänzend!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 27. 9. 2015

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Juni 12, 2013 in Buch

Menschen auf der Suche nach ihrer Identität

u1_978-3-10-072525-7Gleich mit ihrem Debütroman über Schmerz und Entwurzelung einer aus Afrika stammenden Familie hat Taiye Selasi einen ergreifenden, kosmopolitischen Familienroman geschrieben. Sechs Menschen, eine Familie, über Weltstädte und Kontinente zerstreut. In Afrika haben sie zwar ihre Wurzeln und überall auf der Welt ihr Leben, doch ein wirkliches Zuhause haben sie nicht. Bis plötzlich der Vater in Afrika stirbt und sich alles ändert. Hautnah erlebt der kleine Kwaku Sai den Tod seiner geliebten Schwester in Afrika und wie daraufhin Schritt für Schritt seine Familie zerfällt. Viele Jahre später ist seine eigene Familie zerfallen und er liegt tot in seinem Garten in Accra, der Hauptstadt Ghanas. Gestorben an einem Herzinfarkt oder an einem gebrochenem Herzen? Denn am Ende erinnert er sich noch einmal zurück an Momente in seinem Leben, die ihm eigentlich nahe gehen hätten sollen. Doch Gefühle gezeigt und sie an sich herangelassen hat er nie.

Dabei hat Kwaku eine Bilderbuchkarriere gemacht. Aus ärmsten Verhältnissen in Afrika kommend, arbeitet er sich zu einem angesehenen Chirurg in Boston hoch. Seine Frau Fola, in Nigeria geboren, kümmert sich im gerade erworbenen Haus um die vier Kinder. Olu, Taiwo, Kehinde und Sadie sind begabt und hübsch. Kurzum: Eine perfekt in die US-Gesellschaft integrierte, afroamerikanische Vorzeigefamilie.
Doch Fola und Kwaku haben auch eine Vergangenheit. Die liegt in Afrika. Wer ihre Großeltern waren, welche Schicksale sie während und nach der Kolonialzeit erlitten haben, werden vor den Kindern verschleiert. Das familiäre Glück liegt aber nur an der Oberfläche, darunter beginnt die Fassade zu bröckeln. Als Kwaku eine wohlhabende Patientin während einer Operation stirbt, gibt man ihm die Schuld dafür, obwohl er nichts dafür kann. Seine Welt bricht zusammen und das Gefüge der Familie gleich mit. Der Vater verlässt Frau und Kinder und schafft sich ein letztes Refugium in Accra, um sich von der Welt und den Menschen abzuschotten.

In nicht chronologischen Zeitsprüngen führt Selasi den Leser einfühlsam ins Innenleben der Familie. Die Schauplätze wechseln zwischen Ghana, Nigeria, London und Boston. Während der erste Teil des Buches dem Vater gewidmet ist, schildert die Autorin danach die unterschiedlichen Lebensläufe und Schicksale der Kinder, sich quer über den Globus verlieren. Nur Sadie, die Jüngste, die am meisten unter dem Zerfall der Familie leidet, bleibt bei der Mutter. Erst viele Jahre später, beim Begräbnis des Vaters, treffen sie sich wieder, haben rassistische Vorurteile, Ausgrenzung und sexuellen Missbrauch erlebt, und machen eine überraschende Entdeckung. Sie finden das verloren geglaubte Glück – den Zusammenhalt der Familie. Endlich verstehen sie, dass die Dinge nicht einfach ohne Grund geschehen.

Zur Autorin: Taiye Selasi, 1979 in London geboren, wuchs in Massachusetts auf. Sie ist die Tochter einer nigerianisch-schottischen Mutter und eines ghanaischen Vaters, beide Ärzte und Bürgerrechtler. Selasi ist Schriftstellerin und Fotografin. Sie erfand den Begriff „Afropolitan“. Dieser bezeichnet eine neue Generation von Weltbürgern mit afrikanischen Wurzeln. Toni Morrison, die Selasi während ihres Studiums in Oxfod kennenlernte, inspirierte sie zum Schreiben. „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ (engl. „Ghana must go“) ist ihr erster Roman.

S. Fischer, Taiye Selasi: “Diese Dinge geschehen nicht einfach so“, 400 Seiten, Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel.

www.fischerverlage.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 12. 6. 2013