Die Angewandte online: Der Angriff auf die Gegenwart

November 25, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Videoclips als virtueller Rundgang durch die Ausstellung

Kathrin Plavčak: Wenn das Pferd tot ist, steig ab. © Markus Gradwohl, VG Bild-Kunst

Wegen der aktuellen #Corona-Regelungen für Ausstellungen konnte die Schau „Der Angriff auf die Gegenwart – Aussichten im Postwachstum“ der Universität für angewandte Kunst Wien im Rahmen der Vienna Art Week nicht wie geplant eröffnen. Wann die Ausstellung physisch zu erkunden sein wird, kann nicht ernsthaft prognostiziert werden. Deshalb bietet Anna Vasof nun durch Videos Einblicke in die Schau in der Universitätsgalerie. Die Künstlerin und Lehrende an der

Angewandten führt filmisch von Position zu Position. Die Videoclips lassen die Betrachterinnen und Betrachter selbst entscheiden, wie lange sie die virtuelle Führung begleiten oder sich bei Einzelpositionen wiederholt vertiefen wollen. Hier geht es zur YouTube-Playlist  auf dem Angewandte-YouTube-Kanal, die laufend aktualisiert wird. Die immer neu entfachte Lust auf nie zufriedenstellenden Konsum, der nach wie vor routinierte Zugriff auf längst begrenzte Ressourcen in einem nahezu selbstverständlichen Ausverkauf, ungeschützte Arbeit ohne Aussicht auf Sicherheit und Entwicklung, ein aus der Zeit gefallener Automobilismus, gesellschaftlicher Zusammenhalt, der an den Exponentialkurven einer Pandemie bemessen wird, die Suspension von Öffentlichkeit …

Die Liste wäre weiter fortzusetzen, um doch nur Fragmente einer Realität festzuhalten, die nicht inne hält und dabei nie über das Jetzt und den immer entscheidenden Moment hinauskommt. Die vorstellbaren Zukunftsbilder einer solchen Gegenwart scheinen nur mehr denkbar als brutale, als unerträgliche Dystopien, ökologische Katastrophe, Klimakollaps, Massensterben, oder als gleichermaßen verheißungsvolle wie unerreichbare Utopien, wie einer fairen und gerechten Gesellschaft für 10 Milliarden Erdenbürgerinnen und -bürgern 2050, der eine dekarbonisierte, nachhaltige Wirtschaft im Einklang mit der Natur dient.

Give us, Dear. © Böhler & Orendt und Museum Schloss Moyland, 2013

I Want To Hear About Your Problems. © Krištof Kintera

Diatmomeen Bacillariophyta, 2019. © Markus Jeschaunig

Die Bedingungen, unter denen diese Ausstellung zustande kommt, ergeben sich nicht zuletzt aus einem globalen Notstand. Diese Ausstellung befragt daher Künstlerinnen und Künstler nach ihren Bildern einer Gegenwart, die von Endzeitvorstellungen und Krisen geprägt ist und doch zugleich nach Konzeptionen und nach Kraft sucht. Es braucht widerständige Erfassungen einer Gegenwart wie Aussichten auf eine Zukunft, um Spielräume zu erkämpfen. Je eindringlicher die Bestandsaufnahmen desto schärfer lassen sich auch die Anliegen formulieren und übertragen und zugleich die Erkenntnis festhalten, dass solche Ziele die vieler sind. In diesem Sinn ist Kunst immer politisch zu verstehen.

Die künstlerischen Arbeiten formulieren Aussichten eine empathischen Zukunft angesichts einer Welt, in der es dringlicher denn je andere Zugänge braucht, um nötige Expertise und zugängliches Allgemeinwissen, reale Zwänge und visionäre Freiheiten, verantwortungsvolles Engagement und verstörende Angstbilder zu einer kraftvollen Vielfalt zusammenzubringen: „Die Avantgarde ergibt sich nicht“, hatte der Künstler und kritische Denker Asger Jorn 1962 klargemacht. Diesem kämpferischen Anspruch möchte sich die Ausstellung stellen, geht es doch wesentlich darum, nicht auf Zukunft zu verzichten.

Give us, Dear. © Böhler & Orendt und Museum Schloss Moyland, 2013

Mit Arbeiten von Allora & Calzadilla, Böhler & Orendt, Sophie Bösker, Nikolaus Gansterer, Oto Hudec, Markus Jeschaunig, Maria Kanzler, Krištof Kintera, Justin Lieberman, Christian Kosmas Mayer, Nicole Six und Paul Petritsch, Katrin Plavčak, Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Michael Strasser, Herwig Turk uns Anna Vasof.

Zu den Videoclips: shorturl.at/jpzQW           www.dieangewandte.at           www.youtube.com/user/DieAngewandteWien

25. 11. 2020

Buch- und Hörbuch – Michael Mittermeier: Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken

November 22, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Tausche Witze gegen Antikörper

„Once Upon A Time In Corona. Ich sitze im Zug nach Leipzig und schaue aus dem Fenster. Am Tisch gegenüber sitzt ein Mann mit Maske, der seit zehn Minuten telefoniert. Business-Kaspar mit Schalldämpfer. Endlich hört er auf. Stille. Er verzieht sein Gesicht, holt Luft – Mnhm! -, es sieht aus, als müsste er gleich niesen. Sein Kopf bebt, der ganze Oberkörper, plötzlich reißt er sich die Maske vom Gesicht – Hatschi! Aus den Nasenflügeln pfeift noch ein leises ,Aerosole Mio‘, ich schaue ihn sehr ernst an, und er sagt nur: ,Wenn ich die Maske nicht abgenommen hätte, dann wär‘ jetzt alles da drin.‘ Äh? Ja, das ist der Clou dabei. Er zuckt nur mit den Schultern: ,Ich glaube, ich hatte es schon.‘“

Obwohl die ab 26. November in Österreich geplante Auftrittsserie seiner Programme „#13“ und „Zwischenwelten“ #Covid19-bedingt abgesagt werden musste, brauchen die Fans auf ihren Michl nicht zu verzichten, hat Michael Mittermeier doch dieser Tage seine jüngste Satire „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“ sowohl als Buch wie auch als Hörbuch veröffentlicht. Zweiteres ein spezielles Gustostückerl, da von ihm selbst gelesen. Der Stadionrocker unter den Kabarettisten ist kein Typ fürs Stillsitzen, nach 34 Jahren als Stand-up-Comedian – unmöglich.

Und so ist er nach Lockdown eins in Autokinos aufgetreten, heißt: ist dort vor Spiellust in Improvisationen explodiert. Er hätte einfach darüber „gelabert, was war“, sagt er im Interview, und das schließlich zwischen zwei Buchdeckel beziehungsweise auf CD gepresst: „Es geht also um mein Leben während dieser ganzen Lockdown-Ausgangsbeschränkungs-Pandemiezeit, was ist alles passiert, welche Gedanken hatte man, was hat man im Fernsehen geschaut. Ich konzentriere mich aber auf die lustigen, schrägen Seiten. Tausche Witze gegen Antikörper!“ Auftrittsverbot? Ein Albtraum für Komiker – die Pointen müssen raus! Und so führt Michael Mittermeier das Publikum mit Schlagfertigkeit und der ihm eigenen Unverfrorenheit durch den seltsamen neuen Alltag.

Er erzählt wahre und saulustige Geschichten aus den Zeiten der familiären Corona-Dreisamkeit: Vom Homeschooling-Alarm und warum seine vorpubertierende Tochter nicht mehr will, dass er bei den Mathehausaufgaben hilft, vom Sparkassenbesuch mit Maske und weshalb es kein gutes Zeichen ist, wenn der Postbote nicht mehr klingelt. Mittermeier macht sich lustig über die „Corona-Macarena“, den Ellbogengruß, den er nur aus Filmen mit Bruce Willis kennt, und der dort „zur abrupten Beendigung eines Gesprächs dient, inklusive Auswechslung der oberen Zahnreihe“. Stets, kritisiert er, haben wir uns über die Ellbogengesellschaft mokiert – und jetzt stellen wir sie pantomimisch dar?

Die Krise stellt ebendiese vor neue Fragen – und Mittermeier beantwortet sie mit Maske, aber ohne Blatt vorm Mund: Ist es für Prominente vorteilhaft, mit Maske einkaufen zu gehen? Soll man kurz nach Mittag schon den Feierabend-Wein trinken? Es geht um Gangster-Virologen und Superhelden – „Wo sind die eigentlich, ha? Die haben uns alle am Arsch g’lassen!“, und um Michls hypochondrische Anwandlungen nach einem Südtiroler Schiurlaub – in den „Gondeln des Todes, in denen der Aerosol-Sepp alle angegriffen hat“, danach das „greislige“ Stäbchen in der Nase und die Erkenntnis: „Vielleicht hätt‘ ich doch mehr koksen sollen, dann würde ich jetzt nix spüren.“ Dabei ist die Ansteckungsgefahr bei nichts so hoch wie beim Lachen.

„Ohne Corona-Humor, ohne von Draußen-Draufschauen und Spaß-Machen über den ganzen Scheiß geht man drauf“, sagt Mittermeier, nennt als seine Lieblingsmenschen die singenden Italiener auf ihren Balkonen, und zitiert Werner Finck: Wer lachen kann, dort wo er hätte heulen können, bekommt wieder Lust am Leben. „Leute zum Lachen zu bringen, ist nach Corona-Regeln mein triftiger Grund, das Haus zu verlassen“, erklärt er. Mit Buch und Hörbuch kann man nun getrost daheim bleiben. Denn beide liefern genügend humoristische Antikörper, um sogar noch den nächsten Lockdown locker zu überstehen.

Bild: © Olaf Heine

Über den Autor: Geboren 1966, hat mit seinen Soloprogrammen „Zapped“, „Back to Life“, „Paranoid“, „Safari“, „Achtung, Baby!“, „Blackout“, „Wild“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17273) und „Lucky Punch“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28588) Millionen Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz begeistert. Seit vielen Jahren spielt er seine englischsprachigen Programme erfolgreich in Großbritannien, Südafrika, Kanada, Russland, den USA und vielen anderen Ländern. Für seine Arbeit wurde er mit unzähligen Preisen ausgezeichnet – sechs Mal erhielt er allein den Deutschen Comedypreis. Sein Buch „Achtung, Baby!“ stand monatelang auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Kiepenheuer & Witsch Verlag, Michael Mittermeier: „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“, Satireband, 128 Seiten. www.kiwi-verlag.de

Argon Hörbuch Verlag, Michael Mittermeier: „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“, Autorenlesung, MP3-CD, 163 Minuten. www.argon-verlag.de

www.mittermeier.de           Interview: https://www.youtube.com/watch?v=BbE3cKnvOqU          Autorenlesung: https://www.youtube.com/watch?v=LyAJbPmFhus

Neue Live-Termine: agentur.hoanzl.at/veranstaltungen/michael-mittermeier/michael-mittermeier

  1. 11. 2020

Albertina digital: Live-Führung durch die Ausstellung „My Generation. Die Sammlung Jablonka“

November 21, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Frankenstein aus Stofftieren und ein Buddha-Pissoir

Eric Fischl: The Krefeld Project: The Bedroom. Scene 1, 2002. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Eric Fischl / Bildrecht, Wien, 2020

Ab heute und vorerst bis 6. September lädt die Albertina an den Wochenenden zur einstündigen, interaktiven Live-Führung durch die Ausstellung „My Generation. Die Sammlung Jablonka“. Die Teilnahme via Zoom ist gratis, eine Anmeldung unter www.albertina.at/besuch/programm/online-fuehrungen erforderlich. Die Albertina-Kunstvermittler präsentieren die Highlights dieser Schau, erläutern Hintergründe und antworten auf die Fragen des Publikums. Der Zoom-Link wird nach erfolgreicher Anmeldung per Mail zugeschickt.

Individuell entdecken lässt sich die Ausstellung auf zwei Ebenen beim Virtuellen Rundgang über die Website. Die Sammlung Jablonka ist eine der profiliertesten Sammlungen zur amerikanischen und deutschen Kunst der 1980er-Jahre. Sie umfasst Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, mit denen Rafael Jablonka jahrelang gearbeitet, deren Werke er gezeigt und gesammelt hat. Dabei war es über Jahrzehnte sein Grundsatz, immer mehrere Werke aus verschiedenen Schaffensphasen zu erwerben. Erstmals in der Albertina gibt der 1952 geborene Kunsthändler, Galerist und Kurator Einblick in die Sammlung.

Nachdem Rafael Jablonka 2017 seine in Köln ansässige Galerie endgültig geschlossen hatte, erhielt die Albertina 2019 die bedeutende Kollektion. In Form von Künstlerräumen gibt die Schau einen repräsentativen Einblick in das jeweilige Œuvre, etwa 110 Werke sind auf zwei Ausstellungsebenen zu sehen: Gemälde, Skulpturen, Installationen, Videos und Arbeiten auf Papier lassen die gesamte mediale und thematische Vielfalt der Sammlung Jablonka erleben. Man muss nun nicht mehr nach Los Angeles oder New York pilgern, um Mike Kelleys Visionen und Installationen der geheimnisumwobenen Stadt Kandor oder seine erschütternden, zu Monstern verknoteten Bündel aus Plüsch- und Stofftieren sehen zu können.

Andreas Slominski: Ohne Titel (Fahrrad). Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Andreas Slominski

Sherrie Levine: Fountain (Buddha), 1996. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Sherrie Levine

Mike Kelley: Frankenstein, 1989, Detail. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Mike Kelley / Bildrecht, Wien, 2020

Auch die Fallen-Objekte von Andreas Slominski zählen zum Spannendsten, das die Kunst unserer Zeit hervorgebracht hat. Eric Fischl konfrontiert uns mit seinen Gemälden mit den Ängsten und Zwängen, mit der dunklen Seite der menschlichen Existenz. Die von Sherrie Levine ironisch „Buddha“ genannte hochglanzpolierte Bronze nach Marcel Duchamps legendärer „Fontaine“/Pissoir ist eine Warnung vor der kommerziellen Verdinglichung ikonischer Kunstwerke … weiterlesen auf www.mottingers-meinung.at/?p=41671

www.albertina.at

21. 11. 2020

Das brut geht online: Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien. Artist-Talk & Filmscreening

November 17, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur mal kurz ganz Wien retten

Die Rabtaldirndln: Vier steirische Actionheldinnen retten in der Bundeshauptstadt, was an der noch zu retten ist. Screenshot: Trailer „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

James wer? Ethan wie? Die einzigen, die Wien vor den Machenschaften von vier Bösewichtinnen retten können, sind doch eindeutig die Rabtaldirndln! Das hat die performative Viererformation schon erfolgreich mit Graz getan, wo’s darum ging, das Herz der Grünen Mark vorm Dasein als Disney-Waterpark samt ganzjährigem Aufsteirern zu bewahren. Nun setzen sie ihre Superheldinnenkräfte für die Bundeshauptstadt ein.

Deren erster Bezirk erst warm abgetragen, dann geflutet werden soll, auf dass ein „Dubai an der Donau“ entstünde, eine Oligarchinnen-Insel der Seligen mit dem Burgtheater als Indoorsportpalast und Albertina-Ambiente für die Luxusappartements … Noch Anfang Oktober haben Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Bea Dermond und Gudrun Maier ihre Koproduktion mit brut Wien live am Schwendermarkt gezeigt, das nervenzerfetzende Action-Movie-Spektakel getarnt als Filmdreh in und um die VHS Rudolfsheim-Fünfhaus mit dem Publikum als Komparsinnen und Komparsen. Doch die seit „Live and please die“ Spionagefall-erfahren Frauen erlebten mit „#Corona never dies“ sozusagen ihr „Octoberpussy“ – weshalb sie nun zum Online-Artist-Talk & Filmscreening von „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“ luden, der Film nach wie vor zu sehen auf brut-wien.at.

Mit famosem Humor arbeitet sich das Frauenkollektiv am Bond-Mythos samt dessen Klischees von Männlichkeit ab. Die muss nicht unbedingt gleich „toxisch“ sein, wie eine Diskussionsteilnehmerin im „Wie konntet ihr nur?“-Tonfall nicht aufhört zu fragen. Nein, sagen die Rabtaldirndln, this is a Women’s World, und Frauen treten im Gegensatz zum Loner Spy als Kollektiv an, aber: Die Rabtaldirndln seien als Kunstfiguren ebenso gewaltbereite, die ethisch außerhalb jeder Grenze agieren – und in diesem speziellen Setting neben ihren Superheldinnenrollen außerdem als Schurkinnen eingesetzt.

Helene hält die Cue Cards hoch. Bild: © Franzi Kreis

War Room. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Control Room. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Action Room. Bild: © Franzi Kreis

Und so landet man via Video ebendort, beim Making-of, für das kein Geringerer als toxic-dreams-Mastermind Yosi Wanunu als Regisseur fungiert, und Gerda Saiko als Outside Eye, der Parcours voll aberwitziger Ideen gestaltet von Ausstatter Georg Klüver-Pfandtner. „Wir tun jetzt so, als würdet ihr glauben, dass wir einen Film drehen“, empfiehlt Gudrun Maier dem Publikum, und dieser Selbstbetrug wird nun hundert Minuten lang durchgezogen. Die Handlung, teilweise durchspickt mit Original-Floskeln, ist eine soziale Dystopie über Turbokapitalismus und Demokratieversagen, Kagran eine Sondermülldeponie, auf der Flüchtlingskinder nach Seltenen Erden graben, die Lobau Malaria-verseucht, der Fluss gefährdet von suizidalen Reichsbrücken-Befahrern.

Einzig der erste Bezirk ist eine Schutzzone, vor der bewaffnete Sicherheitskräfte Ausweise und Bankomatkarten kontrollieren. Welch ein Uschi-Stenzel-Traum! 184 Minikameras, versteckt in – no na – Armbanduhren, Blumenkästen und einem Dirndl-Schneidezahn drohnen durch die totale Paranoia, jene dunkelwindige Atmosphäre, in der Assistent Director Helene die Cue Cards für die Komparserie im doppelten Wortsinn hochhält. Derart versteckt sich im spaßigen Spiel die Dirndl-typische Gesellschaftskritik, nach Landflucht und Pflegenotstand ist’s nun die über Gentrifizierung und Kommerzialisierung; die Frage, die sie diesmal stellen, so die Performerinnen im Talk, ist: Wem gehört die Innere Stadt und ihre Kultur?

Welch ein Theater-Film-Experiment im, darauf wird wert gelegt, Olivier-Assayas-Stil. In einer geheimen Mission stürmt das #Corona-Masken-vermummte Komparserie-Publikum die als Headquarter auserkorene VHS, um dort vom War Room in den Control Room in den Action Room geleitet zu werden. In ersterem wird man top secret darüber informiert, wie sich die Bürgermeisterin in die Hände eines kriminellen Konsortiums begab, in zweiterem hat man als Geheimdiensthacker endlich die ebenfalls mit besonderen Begabungen ausgestattete Kanaille auf dem Schirm, eine Feuerteufelin, eine Cyborg, eine Banshee und eine niederträchtige Wassernixe.

In Bond-Pose: Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Gudrun Maier und Bea Dermond. Screenshot: „Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“

Im dritten folgen spektakuläre Verfolgungsjagden auf dem Snowboard vor hochalpiner Kulisse auf solche mittels Paraglider auf Motoryacht und Edelkarosse, augenzwinkernde Zitate aus Pappendeckel und Faschingsseide. Und während das Publikum mit Windmachen und Knöpfe-Drücken beschäftigt ist, wird Agentin X der berüchtigte, von den anderen als antifeministisch, von ihr aber als weibliche Selbstermächtigung gelesene „Buchtel-Satz“ aus dem Skript gestrichen, verschwimmt Fakt mit Fiktion, wenn Agentin Y Dreh mit Diskurs

verbindet und mit den Zuschauerinnen und Zuschauern in einen Dialog ums Wiener Wohnen, hohe Mieten und das Klima in der Stadt tritt. Die schönsten Sequenzen, leider, fanden bereits im Verborgenen statt. Das Bad in einem Martiniglas vor vierzig Bond-Boys, die Sexszene … Dafür darf die Komparserie aus roter Wolle ein Lasernetz spannen, durch das eifrig gerobbt wird, gilt es doch die Bombe zu entschärfen. Welchen Draht durchschneiden – rot oder grün? Die Frage hat sich in Wien erledigt. Doch auf die, was man als Statistin, als Statist in dieser Stadt tun kann, ist die Antwort ein eindeutiges: „Und: Action!“ der Rabtaldirndln.

„Die Stadt der Rabtaldirndln: Wien“ ist höchst amüsanter Nonsens mit ganz viel Hintersinn, bei dem nicht nur ein Kinogenre, sondern selbstverständlich eine Geisteshaltung in ihre Bestandteile gesprengt wird. Die Lockdown-Pause will das Performancekollektiv für ein „Die Stadt der …“-Comicheft nutzen, das im Frühjahr 2021 erscheinen soll, danach warten aufs Format Einladungen in andere europäische Städte. Schlusssatz Yosi Wanunu beim Online-Artist-Talk: Er hoffe, dass die #Corona-Lehre eine „Culture-Diet“ sei, „und die Kulturverantwortlichen nicht länger die Big Events und die Festivals abfeiern, sondern endlich die vorhandenen, das ganze Jahr über arbeitenden Künstlerinnen und Künstler entsprechend fördern“.

brut-wien.at           dierabtaldirndln.wordpress.com

Trailer: vimeo.com/452533536           Film: vimeo.com/479300245

  1. 11. 2020

Amélie Nothomb: Die Passion

November 13, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jeder sein eigener Jesus

„Ich wusste seit jeher, dass man mich zum Tode verurteilen würde.“ Mit diesem Satz beginnt Amélie Nothomb ihren dieser Tage auf Deutsch erschienenen Roman „Die Passion“. Im Original „Soif“/Durst, und damit ist mutmaßlich nicht nur das fünfte der Sieben letzten Worte Jesu Christi gemeint, „Mich dürstet.“ – Joh. 19,28, sondern wohl auch der nach Wissen, nach tieferer Kenntnis der Autorin.

Denn der Mann, der hier auf seine Hinrichtung wartet, ist kein Geringerer als der Heiland. Nothomb entwirft ihren Protagonisten als Blasphemiker, der in einer im Neuen Testament nicht vorgesehenen Nacht vor der Kreuzigung in seiner Gefängniszelle seinen Gedanken über im Wortsinn Gott und die Welt nachhängt. Für den Leser, die Leserin tut er dies gleichsam laut, und wer beim Ich-Erzähler ans schöpferische Über-Ich der Autorin denkt, liegt nicht weit daneben.

Kommt doch die Provokationen wie Bestseller am Fließband produzierende Schriftstellerin, im französischen Sprachraum ein nicht zuletzt für seine Exzentrik geliebter literarischer Superstar,

aus einer schwer katholischen Familie. Geboren in Kobe, und wer die unerbittliche Strenge des japanischen Christentums kennt, weiß, was das heißt. „Ich hatte als Kind Katechismusstunden und lernte dort immer mehr Dinge, die nicht richtig schienen … Das Allerschlimmste war die Kreuzigung. Wir sollten sie für etwas Gutes halten, und dabei war es offensichtlich grauenhaft. Warum hat Jesus das mitgemacht?“, so Nothomb in einem Interview für den Radiosender France Inter.

Und macht genau das zur Frage ihrer Figur. Freilich ist Nothombs „Passion“ neben Kazantzakis, Saramago, Éric-Emmanuel Schmitt ein in mancher Hinsicht schmaler Band, doch ist dies Evangelium nach Amélie mit einer Verve und einem (Über-)mut an theologischer Unbedarftheit hingepfeffert, mit dem ihr eigenen bös-flapsigen Witz übers Menschsein bei gleichzeitiger Feinfühligkeit für diese seltsame Spezies, dass man durch den Roman geradezu fliegt.

Weiland boten sich Depeche Mode ihren Gläubigen als „Personal Jesus“ an, bei Amélie Nothomb wird jeder sein eigener Jesus. Ein Komplize des einen in dessen Hadern mit der sinnlosen Grausamkeit, die ihm bevorsteht. Man kann nicht anders, ist doch die Misericordia eine der monotheistischen Haupttugenden, und so wächst die Empathie Seite um Seite. Für den Menschensohn, für die Verkörperung Gottes – und „Verkörperung“ ist auch Nothombs Stichwort. Jesus liebt das Leben, das ihn der seine gelehrt hat, das Genießen von Speis‘ und Trank und Sex, das Erspüren des Regens auf der Haut, und die Freude an seiner Lieblingsbeschäftigung: sich lang ausstrecken und ausruhen.

Für den körperlosen Vater hat der gotteslästerliche Sohn in seinen schwersten Stunden viel Spott übrig, „tiefe Wahrheiten erfährt man nur, wenn man dürstet, liebt oder stirbt – drei Zustände, die einen Körper voraussetzen. Die Seele ist keineswegs ausreichend“, sagt Jesus, und unterstellt dem Geistwesen aus der Genesis, um es umgangssprachlich zu formulieren, wie ein Blinder von der Farb‘ zu reden. Eine wahrhaft göttliche Idee, ist es doch auch sein Körper, der Jesus zum Wundertäter macht.

Er schaltet den Kopf aus, ein Akt der zeitweiligen Selbstauslöschung, damit sie geschehen können, sein liebstes in der Rückschau die Hochzeit von Kana, wo der Wein ausging, und die Mutter, den Sohn, den sie sonst so gern „normal“ gehabt hätte, zur Wohltat anstachelt: „Wo war das Problem? Dann war das saure Gesöff halt aus! Meine Güte! Frisches Wasser stillt den Durst ohnehin besser“, meint er, bis ihn die Mutter, wie jede eine bevormundende, zwingt. „Fast hätte ich laut aufgelacht. Das also hielt mein Vater für die passende Gelegenheit, mir diese Gabe zu offenbaren: dass der Wein ausgegangen war. Er hatte schon einen speziellen Humor!“

Beim Prozess werden die Hochzeiter über diese „Erniedrigung“ vor ihren Gästen klagen, Jesus hätte viel zu spät seine Pflicht der Wandlung getan, auch alle anderen, die seine Gnade erfahren haben, beschweren sich, der vormals Besessene von Kapernaum, dass sein Leben nun belanglos sei, der Aussätzige darüber, dass jetzt die Almosen ausblieben, sogar der Fischereiverband vom See Genezareth tritt auf. „Herr, schütze mich vor den Rechtschaffenen“, ist an dieser Stelle ein persönliches Stoßgebet – und Jesus denkt: „Was ist schon das Rätsel des Bösen, gemessen am Rätsel der Gemeinheit.“

Bild: pixabay.com

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Um sich von der Angst vorm Kommenden abzulenken, geht Jesus das biblische Personal durch. Den über den in der Gerichtsverhandlung verzapften Unfug empörten Pilatus. Petrus, den er nicht erwählt hat, weil er der Klügste, sondern weil er ein „beeindruckender Koloss“ ist, dem die Leute zuhören. Judas, dieses „Problem auf zwei Beinen“: „Wahrscheinlich haben wir alle so einen Freund, bei dem sich die anderen fragen, wieso“, denkt Jesus – und weiter: „An welchem Baum hat Judas sich erhängt?“ Apfel oder Feige?

Seine geliebte Mutter und Josef, „zwei hoffnungslos gute Seelen“, beides bessere Menschen als er, den Gier, Lust und Zorn beutelten, Josef, der versuchte, ihm die Kunst der Zimmerer beizubringen: „Er wurde nie böse, aber sah manchmal ziemlich fassungslos drein!“ Die Geliebte. Magdalena, an deren Schönheit und Stimme er sich erinnert, und an anderes, Unanständiges. Nur so viel: „Sie sagte immer: ,Lass uns in Liebe schlafen!‘, schmiegte sich wie ein Löffelchen an mich und schlief sofort ein. Sie hat mich gelehrt, dass Schlafen ein Akt der Liebe ist.“

„Der große Unterschied zwischen meinem Vater und mir ist, dass er die Liebe ist und ich liebe“, ist einer der schönsten Sätze der Nothomb für ihren Jesus, der am Kreuz jubiliert, weil der Vater nichts weiß von der vollkommenen Hingabe, die zwei Seelen und zwei Körper vereint. Die letzte Versuchung nach Nothomb ist nicht Kazantzakis‘ Satan, sondern irdische Innigkeit. Ein Herabsteigen vom Folterwerkzeug, kein Sühnen fremder Sünden, das noch dazu vergeblich gewesen sein wird, Flucht mit der Frau, in die Anonymität und Banalität eines Allerweltslebens. Aber ach. „Aus Liebe zu seiner Schöpfung hat mein Vater mich meinen Henkern ausgeliefert. Gibt es eine perversere Art des Liebesbeweises? Ich opfere mich zum Wohle aller. Das ist doch abartig!“

Das Ecco homo ist unausweichlich. Dornenkrone, Geiselung, Golgatha, Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern und der belustigten Befürchtung, er könnte zusammenbrechen und sterben, bevor er an der Richtstätte angekom-men ist, und so alle himmlischen Pläne zunichtemachen. „Mein Vater, der mich nie erhört, beweist mir auf seltsame Weise, wie soll ich sagen, nicht seine Solidarität, schon gar nicht sein Mitgefühl, nein, ich kann es nicht anders nennen: seine Existenz“, denkt Jesus unter unsäglichen Qualen. Und kommt zum Schluss darüber, was nicht erst seit Monty Python die Menschheit bewegt: „Der Sinn des Lebens besteht darin, nicht zu leiden.“

Zugegeben, ein bisschen mühsam ist dieser Sermon mitunter, der an einigen Stellen klingt, wie der eines im Palastkäfig gefangenen Royal. Was Jesus ja in gewissem Sinne auch ist. Wenn er die dichterischen Freiheiten der Evangelisten tadelt, wenn er aus seiner Sicht zukünftige Dichter und Denker zitiert. Immerhin ist diese nervige Allwissenheit ans Herz gehend, wenn er sagt, dass ihm durch die Jahrhunderte die von den Künstlern geschaffenen Pietàs allemal lieber sind als die blutrünstigen Kreuzigungsszenen.

Nothombs „Passion“ ist der kalkulierte Affront eines Christus‘, der begreift, dass er erst dann vom Kreuz steigen wird, wenn nicht Gott, sondern er selbst sich vergeben hat. Bei zeitgleicher Entschuldigung, dass all die markigen, vor Sarkasmus triefenden Sätze ein letztes zwischen Marter und Ohnmacht liegendes Aufbäumen sind. Doch wie ihm mehr als 2000 Jahre, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, eine Inquisition, später widersprechen, wenn geschrieben steht: „Ich habe den größten und gefährlichsten Unsinn der Geschichte zu verantworten.“ Oder: „Deine Erfindung ist dir über den Kopf gewachsen, Vater.“ Da ist die Autorin deutlich zugegen, ihr Glaubens- bekenntnis dargelegt in diesen knappen Formulierungen, denn nur wer ernsthaft glaubt, wird kritisieren.

Solcherart ist der Durst wieder da. Soif. Und wird im Wüstenland, im wüsten Land zum spirituellen. „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr empfindet, wenn ihr dürstet, das sollt ihr hegen und pflegen. Es ist ein Quell der Mystik … Wenn ein Dürstender den Wasserbecher an die Lippen setzt – dieser unbeschreibliche Moment ist Gott … Die Liebe, die ihr in diesem Moment für das Wasser empfindet, ist Gott. Ich bin der, der gekommen ist, um diese Liebe zu allem Seienden zu haben. Das bedeutet es, Christus zu sein.“

Amélie Nothomb. Bild: © Catherine Cabrol

Über die Autorin: Amélie Nothomb, geboren 1967 in Kobe, Japan, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten hauptsächlich in Fernost verbracht. Seit ihrer Jugend schreibt sie wie besessen. In Frankreich stürmt sie mit jedem neuen Buch die Bestsellerlisten und erreicht Millionenauflagen. Ihre Romane erscheinen in 39 Sprachen. Für „Mit Staunen und Zittern“ erhielt sie den Grand Prix de l’Académie française, „Die Passion“ war 2019 für den Prix Goncourt nominiert. Amélie Nothomb lebt in Paris und Brüssel.

Diogenes Verlag, Amélie Nothomb: „Die Passion“, Roman, 128 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Brigitte Große.

www.diogenes.ch          www.amelie-nothomb.com

  1. 11. 2020