Wienbibliothek im Rathaus: Die Hochzeit von Auschwitz

Juni 28, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Nachlass des Widerstandskämpfers Rudolf Friemel

Hochzeitsfoto Margarita Ferrer Rey und Rudolf Friemel, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Obwohl der Wiener Rudolf Friemel (1907–1944) zu den österreichischen Auschwitz-Häftlingen zählte und seine Biografie ein wichtiges Zeugnis des politischen Engagements gegen den Faschismus ist, war seine Geschichte lange nur wenigen bekannt. Erst 2002 wurde seiner Person durch Erich Hackls Buch „Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit“ eine größere öffentliche Wahrnehmung zuteil. Vor Kurzem wurde der Nachlass Friemels an die Wienbibliothek im Rathaus übergeben.

Eine Ausstellung erinnert nun ab 1. Juli mit den wichtigsten Briefen, Fotografien und Lebensdokumenten an den kommunistischen Widerstandskämpfer.

Im Zuge der Neugestaltung der österreichischen Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau stieß das Ausstellungsteam über die Vermittlung Erich Hackls auf Rudolf Friemels in Frankreich lebenden Enkel Rodolphe Friemel, der den Nachlass seines Großvaters verwahrte. Er überantwortete ihn der Wienbibliothek im Rathaus, die nun in einer von Albert Lichtblau, Hannes Sulzenbacher und Barbara Staudinger kuratierten Ausstellung die wichtigsten Briefe, Fotografien, Zeitungsartikel, Kassiber und Lebensdokumente zeigt. In der Broschüre zur Ausstellung zieht Hackl, der für sein Buch zehn Jahre mit der Lebensgeschichte Rudolf Friemels befasst war, Bilanz: „,Die Hochzeit von Auschwitz‘ hat mich in meiner Auffassung bestärkt, dass die größte, jedenfalls nachprüfbare Wirkung von Literatur (einer auf Fakten gestützten, also politisch eingreifenden) auf diejenigen abzielt, von denen sie handelt.“

Antifaschistischer Widerstand in Österreich und Spanien

Friemel wurde 1926 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei sowie des Republikanischen Schutzbunds. Wegen seiner Teilnahme an den Kämpfen gegen das austrofaschistische Regime wurde er Ende 1934 verhaftet. Nach der Inhaftierung trat er 1936 der in Österreich verbotenen Kommunistischen Partei bei und nahm als Brigadist 1937 am Spanischen Bürgerkrieg teil. In dieser Zeit verliebte er sich in Margarita Ferrer Rey († 1987). Friemel war damals noch mit einer Wienerin verheiratet und hatte einen Sohn, Norbert. In Spanien ließ er sich mit Margarita Ferrer Rey kirchlich trauen.

Nach der Niederlage des antifaschistischen Kampfes in Spanien flohen Friemel und Ferrer Rey 1939 aus Spanien nach Frankreich, wo Friemel interniert wurde. Er leistete als Bergarbeiter Arbeitsdienst in einer Mine in Carmaux. 1941 wurde ihr gemeinsamer Sohn Edouard geboren. Auf Empfehlung der Kommunistischen Partei an ihre Mitglieder stellte Friemel im Sommer 1941 einen Antrag zur Rückstellung ins „Deutsche Reich“. Dies stellte sich als schwerer Fehler heraus, da die französischen Behörden bereits an der Grenze Rudolf Friemel, Margarita Ferrer Rey und Edouard der Gestapo übergaben. Friemel wurde in Wien erkennungsdienstlich erfasst und im Jänner 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz überstellt. Margarita und ihr Sohn wurden in ein Heim für ledige Mütter nach Kirchheim unter Teck verbracht.

Hochzeit und Hinrichtung in Auschwitz

Im KZ Auschwitz-Stammlager arbeitete Rudolf Friemel als sogenannter „Funktionshäftling“, als Mechaniker in der Fahrbereitschaft der SS. Als politischer Häftling war es ihm erlaubt, regelmäßig – zensurierte – Briefe nach Hause zu schicken, die ein Teil der Ausstellung sind. Friemel schloss sich der österreichischen Widerstandsgruppe an, die eine wichtige Rolle in der international zusammengesetzten „Kampfgruppe Auschwitz“ einnahm, und der auch andere Österreicher wie Heinrich Dürmayer, Alfred Klahr, Hermann Langbein, Ludwig Soswinski, Ernst Burger und Ludwig „Vickerl“ Vesely angehörten. Wegen seiner französischen Sprachkenntnisse war Friemel wichtig für die Kontakte zur französischen Widerstandsgruppe. Friemels erste Ehe wurde 1941 rechtskräftig geschieden.

Glückwunschbillett von Mithäftlingen, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Glückwunschbillett von Mithäftlingen, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Glückwunschbillett von Mithäftlingen, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Bereits kurz nach seiner Inhaftierung verfolgte er den Plan, seine Ehe mit Margarita Ferrer Rey legalisieren zu lassen, um ihr und seinem Sohn einen rechtmäßigen Aufenthalt im „Deutschen Reich“ zu verschaffen. Seine Bemühungen hatten Erfolg: Aus nicht nachvollziehbaren Gründen durften Friemel und Ferrer Rey am 18. März 1944 im sonst ausschließlich für das Ausstellen von Totenscheinen zuständigen Standesamt des KZ Auschwitz-Birkenau heiraten. Es war die einzige im KZ Auschwitz geschlossene Ehe, einem Ort, an dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden.

Neben der Braut und dem gemeinsamen Sohn Edouard durften auch der Vater und der Bruder des Bräutigams zur Zeremonie nach Auschwitz kommen. Für die Hochzeit durfte sich Rudolf Friemel die Haare wachsen lassen und Zivilkleidung tragen. Davon zeugen die Hochzeitsfotos, die der Lagerfotograf Wilhelm Brasse anfertigte und die ebenso in der Ausstellung zu sehen sind wie Glückwunschbilletts und ein Hochzeitsgedicht von Mitgefangenen. Für die Hochzeitsnacht wurde dem Brautpaar ein Zimmer im ersten Stock des Blocks 24a, dem Lagerbordell, zur Verfügung gestellt.

Im Oktober 1944, wenige Monate vor der Befreiung von Auschwitz half Friemel bei den Vorbereitungen für einen vom Lagerwiderstand organisierten Fluchtversuch einiger Häftlinge. Der Fluchtversuch scheiterte und Friemel wurden wegen „Fluchtbegünstigung“ gemeinsam mit den österreichischen Widerstandskämpfern Ernst Burger und Ludwig Vesely sowie den polnischen Widerstandskämpfern Piotr Piąty und Bernard Świerczyna am 30. Dezember 1944, nur knapp ein Monat vor der Befreiung, in Anwesenheit der zu diesem Zeitpunkt noch

verbliebenen Häftlinge gehängt. Im Gegensatz zu den anderen Delinquenten, die Häftlingskleidung trugen, schritt Friemel in seinem mit Rosen bestickten Hochzeitshemd zum Galgen. Mithäftlinge erinnerten sich später an unterschiedliche Parolen, die die Verurteilten unmittelbar vor der Hinrichtung gerufen haben. In einem Interview mit Franz Danimann, der wegen seiner kommunistischen Widerstandstätigkeit von 1942 bis zur Befreiung im Stammlager inhaftiert war, heißt es: „Und noch unter dem Galgen haben sie ihre gefesselten Hände gehoben. Ernst Burger: ‚Es lebe ein freies Österreich!‘ Rudi Friemel: ‚Nieder mit der braunen Mordpest!‘ Und Vickerl Vesely: ‚Heute wir, morgen ihr!‘ Und die Polen in ihrer Sprache: ‚Niech żyje wolność, niech żyje Polska.‘ Es lebe die Freiheit, es lebe Polen!“

Telegramm des Standesamts Auschwitz, 6. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Brief von Rudolf Friemel an Margarita Ferrer Rey, 17. Oktober 1943 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Ein Abschiedsgedicht von Rudolf Friemel an seinen Sohn Edouard ist in einer Abschrift von Margarita Ferrer Rey erhalten. In diesem appelliert er an den Sohn: „Folge dem Weg / deines Vaters / Mit jeder Faser deines Willens. / Fest und kompromisslos. / Kämpfe, wie dein Vater gekämpft hat. / Für unsere Idee / und den Fortschritt der Menschheit. / Dieser Weg ist hart: / Aber das Ziel lohnt den Einsatz / Des Menschen, der du sein musst.“ (Übersetzung aus dem Spanischen von Schriftsteller Erich Hackl)

Im Nachlass findet sich eine Abschrift von Rudolf Friemels letztem Brief, der abrupt endet: „Ich habe meine Aufgabe vollständig beendet, ich sterbe standhaft für meine heilige Sache. Die wird siegen, weil sie die Idee der Menschheit ist und deren Fortschritt. Nur ist es schwer sehen schon die Menschheit gerettet von Leiden so nah und doch nicht können uns erreichen und teilnehmen an den Neuaufbau der Welt und gemeinsam mit Euch genießen das Ergebnis vieler Menschenopfer.“

Zu sehen bis 30. September. Montag bis Freitag, 9 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Sommerschließzeiten: Vom 1. bis 19. August ist die Ausstellung nach Voranmeldung zu besichtigen. Führungstermine zur Ausstellung hier.

www.wienbibliothek.at

28. 6. 2022

steirischer herbst/Neue Galerie Graz: Krieg in der Ferne

Juni 27, 2022 in Ausstellung, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die umkämpfte Ukraine in Videokunst und Film

Dana Kavelina, Letter to a Turtledove (2020), Filmstill, Mit freund. Genehmigung der Künstlerin

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wird von einigen immer noch nur als Echo in der Ferne wahrgenommen. Ab 22. September widmet sich der steirische herbst der drohenden Präsenz dieser entlegen scheinenden Schlachten, und schon im Sommer lenkt ein Prolog zur 55. Festivalausgabe den Blick auf diesen militärischen Terrorakt einen Krieg, dessen Relevanz und Nähe nicht mehr zu übersehen sind.

Die Sonderschau „Ein Krieg in der Ferne. Die umkämpfte Ukraine in Videokunst und Film“ in der Neuen Galerie präsentiert von 1. Juli bis 1. August historische und zeitgenössische Videokunst und Filme. Sie bieten einen individuellen, ernüchternden und menschlichen Blick auf aktuelle Ereignisse, die sonst mit militärischen oder geopolitischen Begriffen erklärt werden.Der gegenwärtige Krieg erscheint als Implosion einer bereits vorher tragischen und gewaltsamen ukrainischsowjetischen Geschichte, deren filmische Dokumente zu den Meisterwerken des AvantgardeKinos des 20. Jahrhunderts gehören.

Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine greifen auf diese Geschichte zurück und zeigen deren brutale Umkehrung in der Gegenwart, während sie über den seit 2014 andauernden Krieg mit Russland reflektieren. Sozialistische Utopie und faschistische Mobilisierung erscheinen als umkämpfte Phänomene aus der Vergangenheit, mit denen sich die Kunstschaffenden auf ihre e igene Art und Weise kritisch auseinandersetzen. Gleichzeitig wird der Bürgerinnen-und-Bürger-Journalismus in Zeiten verschärfter Kampfhandlungen zu einer neuen Form des anonymen aktivistischen Filmemachens. Aktuelle Dokumentarfilme zeigen die menschliche Dimension davon, wie sich der Krieg auf die wirtschaftlich schwachen Regionen und die dort lebende Bevölkerung auswirkt. Dabei wird deutlich: Trotz der weitverbreiteten Zerstörung gibt es Raum für Heroismus, Hoffnung und Poesie.

Im Rahmen der Sonderschau finden am 1. Juli Podiumsdiskussionen und Artist Talks statt, bei denen die Folgen der imperialen Geschichte und der neoliberalen Gegenwart in Mittel und Osteuropa erörtert werden und der Ukrainekrieg in einen breiteren Kontext gestellt wird. Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler sind Pavel Brăila, Dana Kavelina, Zoya Laktionova, Kateryna Lysovenko, Mykola Ridnyi und Philip Sotnychenko.

Zu den KünstlerInnen und ihren Arbeiten

Oleksandr Dovzhenko

(geboren 1894, Sosnyzja, Russisches Kaiserreich, heutige Ukraine, gestorben 1956, Moskau, Sowjetunion) war ein ukrainisch-sowjetischer Drehbuchautor, Filmproduzent und Regisseur, der als einer der Pionier  unverblümten Darstellungen von Krieg und Hunger. Sein Werk wurde von Josef Stalin und seinen Gefolgsleuten heftig kritisiert und des ukrainischen Nationalismus bezichtigt. Nach zwei weiteren Filmen, die er in den 1930er- und 1940er-Jahren drehte, gab er das Filmemachen auf und schrieb Romane. Am Ende seines Lebens wurde er zum Mentor der ukrainischen Filmeschaffenden Larisa Shepitko und Sergei Parajanov. Insgesamt drehte er nur sieben Filme.

Sein in der Ausstellung gezeigter Film Arsenal (1929) ist einer der großen Klassiker des sowjetischen Avantgarde-Kinos und vielleicht die schonungsloseste Darstellung der brutalen Kämpfe in der Ukraine vor 100 Jahren. Er erzählt die Geschichte der Kyjiwer Arsenalwerk-Revolte von 1918, als Arbeiter für die Bolschewiken und gegen die Zentralversammlung der Ukraine rebellierten. Dovzhenko selbst kämpfte als Soldat aufseiten der Regierung, doch sein Film ist alles andere als heroisch. Auf ukrainischer Seite sah man es so, dass Dovzhenko einer prorussischen Version des Bürgerkriegs nachgab, in der die heldenhaften Bolschewiken recht behalten. Die Position des Regisseurs ist jedoch komplexer. Er reflektiert über die Erotisierung der Gewalt und die verführerisch-giftige Süße der Rache. Die erste Episode des Films zeigt die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs in Galizien und der Ukraine, wo noch Österreich-Ungarn der imperiale Besatzer ist. Berühmt ist die Szene eines Gasangriffs, in der die Qualen eines Soldaten als seltsam unheimliche Form des Vergnügens erscheinen. Heute liest sich Dovzhenkos Film wie eine Prophezeiung der aktuellen Gewalt in der Ukraine: Hungersnot, sexuelle Übergriffe, bedeutungslose Schlachten und die Angst vor Giftgas.

Dana Kavelina

(geboren 1995, Melitopol, Ukraine) ist eine Künstlerin und Filmemacherin. Sie arbeitet mit Text, Malerei, Grafik, Video und Installation und produziert Animationsfilme, in denen sie sich mit persönlichen und historischen Traumata, Verletzlichkeit und der Wahrnehmung des Krieges außerhalb der gängigen Narrative auseinandersetzt. Ihre Werke wurden im Kmytiv-Museum, im Closer Art Center, Kyjiw, und im Sacharow-Zentrum, Moskau, ausgestellt. Sie erhielt Preise beim Odesa Film Festival und beim Internationalen Trickfilmfestival KROK.

Oleksandr Dovzhenko, Arsenal (1929), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Dovzhenko Centre

Dana Kavelina, Letter to a Turtledove (2020), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Philip Sotnychenko, Happy New Year (2018), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Proof of War. Quelle: Videoarchiv eines anonymen Telegram-Kanals Proof of War

Russlands Krieg mit der Ukraine begann nicht erst am 24. Februar 2022, sondern mindestens acht Jahre zuvor. Schon damals wurde der kohlereiche Donbas zum Schlachtfeld für die ukrainische Armee und die von Russland unterstützten Separatisten. Kavelinas poetischer Kurzfilm Letter to a Turtledove (2020) erzählt von diesem Krieg und den halluzinatorischen Schrecken, die er entfesselt hat. Er mischt Archivmaterial, Collage-Animationen und Realfilmsegmente mit Szenen aus dem anonymen fünfstündigen Dokumentarfilm „To Watch the War“ (2018). Der heutige Krieg erscheint wie eine Umkehr der sowjetischen Geschichte im Donbas, einst ein Schaufenster der sozialistischen Industrialisierung und der Schrecken der Stoßarbeiter. Dabei implodiert die Geschichte in erschütternden Bildern, in denen sich Dokumentation und Traumlandschaft vermischen. Eine Übertragung im Radio, die sich an die Frauen in den besetzten Gebieten richtet, ist eine bedrohliche Botschaft, die in nahezu religiösen Tönen Zerstörung und Erlösung verskündet – das Versprechen eines Vergewaltigers an seine Opfer. Kavelinas Film erforscht, wie Gewalt von den Überlebenden einverleibt und verinnerlicht wird, zum Teil auch als Schuld. Seine Art, mit diesem sensiblen Thema umzugehen, nimmt die heutige Tragödie vorweg – den massiven Einsatz von Vergewaltigung als Kriegswaffe russischer Soldaten.

Mykola Ridnyi

(geboren 1985, Charkiw, Ukraine) ist ein Künstler, Bildhauer, Filmemacher und Kurator. Seine Performances, Installationen, Skulpturen und Kurzfilme reflektieren die sozialen und politischen Realitäten der heutigen Ukraine. Er hat 2005 die Gruppe SOSka mitgegründet, ein Kunstkollektiv, das zahlreiche Projekte in Charkiw kuratiert und organisiert hat. Seine Arbeiten waren in Ausstellungen und auf Filmfestivals, darunter die transmediale, Berlin (2019), das 35. Kasseler Dokfest (2018), „The Image of War“ in der Bonniers Konsthall, Stockholm (2017), „All the World’s Futures“ auf der 56. Biennale von Venedig (2015), The School of Kyiv – 1. Kyjiwer Biennale (2015).

Russlands Angriff auf seinen Nachbarstaat wird von einer nationalistischen Ideologie angetrieben, die der Adolf Hitlers erstaunlich ähnlich ist. Selbst die brutalen Details des Krieges erinnern an die Verbrechen des Naziregimes. Dennoch rechtfertigt die russische Propaganda die Invasion als eine, die sich gegen „Faschisten“ richtet. Der Film Temerari (2021) von Ridnyi greift dieses äußerst kontroverse Thema auf. In Form eines Reiseberichts aus dem Zeitalter nach dem Internet lässt er die Ästhetik des italienischen Futurismus wieder aufleben. Er untersucht die verwegene Frauenfeindlichkeit dieser Bewegung sowie ihre Vorliebe für reinigende Gewalt und zeigt dabei auch, wie dies in einer Gegenwart wiederkehrt, in der sich ukrainische NationalistInnen von italienischen NeofaschistInnen inspirieren lassen. Im Gegensatz zu den von der Kreml-Propaganda verbreiteten Mythen neigen diese neuen Fans von z. B. Filippo Tommaso Marinetti dazu, auf der Seite Russlands zu kämpfen – zu deren eigenen regulären und irregulären Truppen viele Ultranationalisten und Neonazis gehören. Ridnyis Film bewegt sich geschickt durch die ideologische Komplexität dieses Themas und veranschaulicht, wie Kulturgeschichte die toxischen Ideologien der Vergangenheit normalisiert und reproduziert, und wie Kunstschaffende daran arbeiten könnten, sie vollständig zu dekonstruieren.

Philip Sotnychenko

(geboren 1989, Kyjiw, Ukraine) ist Filmemacher. Er ist Mitbegründer von CUC – Contemporary Ukrainian Cinema, einem Kollektiv junger unabhängiger Filmschaffender. Seine Kurzfilme „Son“, „Nail“ und „Technical Break“ wurden alle auf großen Filmfestivals ausgezeichnet – insgesamt haben es seine sieben Kurzfilme 350-mal in die Auswahl geschafft und mehr als 50 Preise gewonnen.

Zur Jahrtausendwende hätte niemand die aktuelle Katastrophe vorausgesagt, aber die ersten Anzeichen waren schon damals zu spüren. Philip Sotnychenkos Film Happy New Year (2018) besteht aus Found Footage: Eine Videokassette von einer Silvesterparty in Riga beschwört mit VHS-Farben und Bewegungsunschärfe jene Zeit herauf und zeigt, dass die Saat des imperialen Ressentiments nach den drastischen Veränderungen im Europa der 1990er bereits vorhanden war. Auf dem Filmmaterial sieht man eine unschuldige Feier von postsowjetischen, teils lettischsprachigen und teils russischsprachigen Paaren. Silvester wird zur Gelegenheit, wiederholt die alte sowjetische Nationalhymne zu hören – und Russisch als Sprache in der Gruppe durchzusetzen. Aus heutiger Perspektive wirken die beiläufigen rassistischen Beleidigungen und der alltägliche Sexismus der Partygäste kaum unschuldig. Ihre ausgelassene Feier überschneidet sich mit Putins Aufstieg zur Macht und dem ersten militärischen Konflikt seines Regimes, dem Zweiten Tschetschenienkrieg. Unterdessen bejubelte der Rest der Welt die Globalisierung, während man Putin bequem für einen Reformwilligen hielt. Doch das Feuerwerk in Sotnychenkos gefundenem Filmmaterial nimmt die heutigen Explosionen vorweg.

Proof of War. Videoarchiv eines anonymen Telegram-Kanals

In den ersten Stunden des Krieges überschwemmten von Bürgerinnen und Bürgern aufgenommene Videos und Fotos die Kanäle des Instant-Messaging-Dienstes Telegram – das bevorzugte Medium für unmittelbare Kriegsberichterstattung und dasjenige, das auch die Menschen in Russland und den von ihm besetzten Gebieten erreicht. Der anonyme Kanal Proof of War sammelte Clips aus der ganzen Ukraine. Sie zeigen nicht nur die weitreichenden Schäden und menschlichen Verluste, die der Angriff verursacht hat, sondern auch die schwere Niederlage der russischen Streitkräfte, als diese tiefer ins Land eingedrungen sind. Zudem veranschaulichen sie die Tapferkeit der einfachen Bevölkerung, die täglich auf die Straße geht, um gegen die Präsenz der Besatzer zu protestieren. Ende April versiegte die Flut der Bilder, zum Teil weil es verboten wurde, Attacken zu filmen und in Echtzeit Videos davon zu veröffentlichen, da diese von der russischen Seite dazu genutzt werden könnten, den Angriff zu lenken. Die letzten Bilder auf dem anonymen Kanal zeigen die Evakuierung von Zivilistinnen und Zivilisten aus Mariupol – einer Stadt, die fast vollständig zerstört wurde. Proof of War hat seine Veröffentlichungen am 10. Mai eingestellt. Sein Archiv zeigt ein Bild des Krieges, wie er auf Telegram verfolgt werden konnte, über die ersten Kriegsmonate mehrmals pro Minute aktualisiert.

Mykola Ridnyi, Temerari (2021), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Zoya Laktionova, Diorama (2018), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Pavel Brăila, Vera Means Belief (2022), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Kateryna Lysovenko, What Does My Dead Nine-Month-Old Uncle Think About His Debt to the Empire (2022), Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Pavel Brăila

(geboren 1971, Chişinău, Republik Moldau) ist Künstler und Filmemacher. Seine Arbeit befasst sich mit den zerbrechlichen Ökonomien der postsowjetischen Realitäten in einer Mischung aus konzeptioneller Performance und Experimentalfilm. Brăila hat an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, unter anderem im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, in der Tate Gallery, London, in der Renaissance Society, Chicago, im Kölnischen Kunstverein, im Moderna Museet, Stockholm, sowie auf der Documenta 11 und der Documenta 14 in Kassel und Athen und der Manifesta 10 in St. Petersburg.

Die Republik Moldau ist eine der nächstgelegenen Transitzonen für Menschen, die aus der Südukraine und der Region um Odesa fliehen. Seit den ersten Kriegstagen arbeitet Brăila als Freiwilliger in einem Flüchtlingslager im Dorf Palanca nahe der ukrainischen Grenze. Hier traf er auf die 72-jährige Rentnerin Vera Derewjanko aus der ostukrainischen Stadt Pryluky. Seit Monaten weigert sie sich, das Lager trotz zahlreicher Angebote einer besseren Unterbringung zu verlassen, und erklärt, dass sie so nah wie möglich an ihrem Zuhause sein möchte. Brăilas Arbeit Vera Means Belief (2022) konzentriert sich auf den unbeugsamen Charakter von Derewjanko, ihre Beziehungen zu den Menschen im Lager und ihre Gedichte, die sie in der ukrainisch-russischen Mischsprache Surschyk schreibt. Diese Gedichte sind voller erschreckender Bilder von Verlust und Zerstörung, aber auch voller Hoffnung und Lebensfreude – alles Dinge, die Derewjanko in Brăilas Film verkörpert. Dieses neue Werk wird durch ein älteres ergänzt, Fragile Podil, das 2018 in Kyjiw entstanden ist. Ein Band fliegt im Wind über dem historischen Viertel Podil, das zu Kriegsbeginn durch nächtlichen russischen Raketenbeschuss schwer beschädigt wurde und hier in seiner ganzen zerbrechlichen Schönheit erscheint.

Zoya Laktionova

(geboren 1984, Mariupol, Ukraine) ist Fotografin und Filmemacherin. Ihr erster Kurzdokumentarfilm „Diorama“ über das verminte Meer bei Mariupol gewann 2018 einen Preis in der Kategorie MyStreetFilms auf dem Festival „86“, Slawutytsch, und nahm an zahlreichen europäischen Filmfestivals teil, wie der DOK Leipzig, Ji.hlava IDDF oder dem FilmFestival Cottbus. 2020 drehte die Regisseurin ihren zweiten Film „Territory of Empty Windows“, in dem sie ihre persönliche Geschichte schildert. „In meinen Kurzfilmen verwende ich Mikrogeschichte, Auto-Ethnographie und kreatives Geschichtenerzählen, um die Komplexität größerer Ereignisse und historischer Zusammenhänge auszubreiten. Damit baue ich eine Sprache von Mensch zu Mensch auf, die keine politischen Begriffe verwendet und für alle verständlich ist“, so Zoya Laktionova.

Vor dem Krieg war Mariupol eine heruntergekommene Industriestadt am Ufer des Asowschen Meeres, die von zwei riesigen Fabriken dominiert wird. Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 und blühte Mariupoal sogar kurzzeitig auf. Die Kurzfilme von Zoya Laktionova bieten einen sehr persönlichen Einblick in diese postindustrielle postsowjetische Stadt. Ihr Debüt Diorama (2018) zeigt die traurig-schönen Ufer eines stark verminten Meeres, das früher voller Fische war, wie Audioaufnahmen der verstorbenen Mutter der Künstlerin berichten. Dies ist ein Ort, an dem nur Dioramen Bilder einer Artenvielfalt liefern können, die bereits durch Umweltverschmutzung vernichtet wurde. Die Fabriken und ihr Einfluss auf den Alltag und die Biografien der Menschen stehen im Mittelpunkt des zweiten Films der Künstlerin, Territory of Empty Windows (2020). Er wurde ungefähr ein Jahr vor der vollständigen Invasion fertiggestellt und erzählt die bruchstückhafte Geschichte von Laktionovas Familie, die alle im riesigen Hüttenwerk von Asow-Stahl arbeiteten, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und wiederaufgebaut wurde. Jetzt liegt die Fabrik wieder in Schutt und Asche, nachdem sie als letztes Bollwerk der ukrainischen Truppen in der Stadt gedient hat.

Kateryna Lysovenko

(geboren 1989, Kyjiw, Ukraine) ist eine Künstlerin, die hauptsächlich mit Zeichnung und Malerei, aber auch mit Performance arbeitet. In jüngster Zeit hat sie im Gedenkmuseum „Territory of Terror“, Lwiw, ausgestellt sowie in der Galerie Voloshyn, Kyjiw, der Galerie Tiro al Blanco, Guadalajara im Rahmen der Ausstellung „Transcending Boundaries“, 2021, und der Galerie BWA, Zielona Góra, wo sie 2022 auch Artist-in-Residence war. „Ein Großteil meiner Arbeit befasst sich mit der Geschichte der Monumentalmalerei in der ehemaligen Sowjetunion – und ihrer performativen Seite. Meine Aktionen verweisen auf die ideologischen Verschiebungen nach dem Zusammenbruch der UdSSR und darauf, wie Propaganda zu etwas Persönlichem wird. Jetzt, mit dem Krieg, bekommt das alles eine neue Dimension. Zu wenige Menschen verstehen heute die vollen Ausmaße des Krieges, und das ist etwas, was meine Performance zur Eröffnung in der Neuen Galerie thematisieren wird“, so Kateryna Lysovenko.

In ihrer Intervention bei der Ausstellungseröffnung What Does My Dead Nine-Month-Old Uncle Think About His Debt to the Empire (2022) konfrontiert Kateryna Lysovenko das Publikum mit der erschreckenden Kontinuität der Unterdrückung, der ihre Familie wie viele andere aus der Ukraine seit Generationen ausgesetzt ist, nachdem ihre Mitglieder in Pogromen, Kriegen und Hungersnöten ihr Leben verloren. Das Medium für Lysovenkos persönliches Denkmal ist die sozialistische Monumentalmalerei, deren Bildsprache sie seit Kriegsausbruch nutzt, um Traumata ebenso wie Empörung zu reflektieren. In ihrer Intervention knüpft die Künstlerin eine neue Beziehung zu dieser Gattung: Sie nutzt die Leinwände als Stoff, um ihren Körper zu bedecken und zu enthüllen, und entrollt sie zu einem Transparent, wie es bei Demonstrationen genutzt wird. Dieses Werk ist sowohl ein visueller Slogan wie auch ein temporäres Mahnmal. Seine Ursprünge mögen persönlich sein, aber sobald sie entfaltet wird, richtet sich seine Botschaft an alle.

www.steirischerherbst.at            www.museum-joanneum.at/neue-galerie-graz

27. 6. 2022

Werk X-Petersplatz am Judenplatz: Asyl Tribunal – Klage gegen die Republik. Der Eintritt ist frei.

Juni 18, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein öffentlicher theatraler Gerichtsprozess samt Urteil

Die Protagonistinnen des „Asyl Tribunal“ am Judenplatz (v.l.n.r.): Ingrid Pozner, Denise Teipel, Noomi Anyanwu, Ines Rössl, Amani Abuzahra, May Garzon, Mahsa Ghafari und Alice Schneider. Bild: © Rezzarte

„Ein Rechtsstaat bleibt ein Rechtsstaat“, sagt Karl Nehammer, der österreichische Bundeskanzler. Das Theater- kollektiv Hybrid stellt infrage, ob dies auch für den Asylbereich gilt – in „Asyl Tribunal – Klage gegen die Republik“, einem öffentlichem Gerichtsprozess in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz. Premiere der von Alireza Daryanavard inszenierten Uraufführung ist am 20. Juni.

Weitere Termine von 22. bis 25. Juni, jeweils 19.30 Uhr am Judenplatz, 1010 Wien, sowie live auf www.okto.tv. Der Eintritt ist frei. Jede Vorstellung wird aus dem Deutschen synchronübersetzt in Arabisch und Dari/Farsi, bitte für die Übersetzung Smartphone und eigene Kopfhörer mitbringen.

Der Gerichtsprozess

In Asyl Tribunal wird, basierend auf realen Sachverhalten, in einem symbolischen Tribunal verhandelt, wie wirksam Asylsuchende in Österreich zu ihrem Recht auf Asyl kommen. Die Klage und die Verteidigung werden in einem mehrtägigen Verfahren im öffentlichen Raum vorgetragen. Gemeinsam mit Richterinnen und Richtern, Expertinnen und Experten sowie der Republik Österreich findet ein Gerichtsprozess statt, der sich mit aktuellen Problemlagen auseinandersetzt. Die österreichische Gesetzgebung erschwert die Zusammenführung von Asylsuchenden mit Angehörigen zunehmend. Aus vielen Krisen und Kriegsgebieten gibt es derzeit keine Möglichkeit, auf legalem Weg nach Österreich zu gelangen. Es finden illegale Pushbacks an Österreichs Außengrenzen statt.

Zwar ist Österreich zur Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention und der Europäischen Menschenrechts- konvention (EMRK) verpflichtet, doch die Republik Österreich steht aktuell unter dringendem Verdacht, wesentliche Grundrechte von Asylberechtigten zu missachten. Maßgebliche sterreichische Asylrechts- bestimmungen scheinen die Europäische Grundrechtecharta und die EMRK umgehen zu wollen, indem sie Vorgänge rechtskonform erscheinen lassen, die eigentlich einen Rechtsbruch darstellen. Asyl Tribunal ist ein ffentliches theatrales Verfahren, an dessen Ende ein Urteil gefällt und gegenüber der Republik verkündet wird.

Mit May Garzon, Ines Rössl , Denise Teipel, Amani Abuzahra, Noomi Anyanwu, Victoria Kremer, Marie Noel, Ingrid Porzner, Alice Schneider und Hicran Taptik. Recherche und Dramaturgie: Mahsa Ghafari, Menschenrechtsaktivistin, Autorin, Schauspielerin und Moderatorin, Mitbegründerin des Vereins Flucht nach Vor, der 2015 mit dem Ute-Bock-Preis für Zivilcourage gewürdigt wurde, seit 2012 Vorstandsmitglied von  SOS Mitmensch. Rechtsberatung und Text: Ronald Frühwirth, früher Rechtsanwalt in Graz für Asylrecht und Menschenrechtsfragen, heute Vollzeitvater, Vortragender und Autor zum Thema Asylrecht. In Zusammenarbeit mit SOS Balkanroute, SOS Mitmensch, Okto, Venga! und #aufstehn.

Die Verhandlungstage

TAG 1 Montag, 20. 6 – Weltflüchtlingstag, Thema: Westbalkonroute
Nach dem Eintreffen des Demozuges anlässlich des Weltflüchtlingstags beginnt die Klage gegen die Republik mit den Plädoyers der klagenden und der beklagten Seite sowie dem Abstecken des rechtlichen und inhaltlichen Rahmens des Verfahrens. Im Mittelpunkt steht die Missachtung der Genfer Flüchtlingskonvention und des Rechts auf Asyl, das die Grundrechtecharta der Europäischen Union gewährleistet. Die Verhandlungsgegenstände und die Beweggründe für die Klage werden dargelegt. Die Kommission berichtet, welche Bedeutung das Schließen der „Westbalkanroute“ für die Einleitung dieses Verfahrens hatte.

TAG 2 Mittwoch, 22. 6., Themen: Familienzusammenführung, Push-Backs
Am zweiten Tag geht es um das Aussetzen von Resettlementprogrammen, die Menschen die einzige sichere Fluchtmöglichkeit nach Österreich ermöglichen würden; außerdem um das Erschweren von Familienzusammen- führung als letzte verbleibende Möglichkeit für Schutzsuchende, auf legalem Weg zur Asylantragstellung nach Österreich zu gelangen. Zudem kommt es nachweislich zu illegalen PushBacks an den Grenzen, die bisher seitens der Republik ignoriert werden zu diesem Punkt werden zwei Zeuginnen aus Bosnien, Zemira Gorinjak und Salena Klepić, ihre Beobachtungen dem Gericht und den Zuhörerinnen und Zuhörern mitteilen.

TAG 3 Donnerstag, 23. 6., Themen: Ungleichbehandlung von Ukraine-Flüchtlingen, rassistische Gewalt
Am dritten Tag folgt die Auseinandersetzung mit der ungleichen Behandlung von Schutzsuchenden aus der Ukraine sowie den zahlreichen Erfahrungen von rassistischer Gewalt, die Black and People of Color im Zuge ihrer Flucht aus der Ukraine widerfuhr. Als Zeugin spricht an diesem Tag Mariama Nzinga Diallo, die zu ihren Erfahrungen und Beobachtungen im Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Polen befragt wird.

TAG 4 Freitag, 24. 6., Themen: Behörden-Verstöße, Abschiebung von Kindern und nach Afghanistan
Am vierten Tag werden Missstände und Verstöße der Behörden gegen gesetzliche Bestimmungen in Asylverfahren aufgezeigt. Dazu zählen etwa sehr umstrittene Methoden zur Altersfeststellung bei Minderjährigen oder die unzulässige, aber dennoch gängige Praxis der ersten Befragung zu Fluchtgründen durch Polizeibeamtinnen und -beamte. Durch solche Vorgangsweisen werden zahlreiche Schutzsuchende daran gehindert, zu ihrem Recht auf Asyl zu kommen denn über einen großen Teil der Fälle wird auf Grundlage dieser Vorgänge negativ entschieden. Schließlich geht es um die Missachtung des Kindeswohls, die schwache Position von unbegleiteten Kindern im Asylverfahren und um kritikwürdige Abschiebungen nach Afghanistan.

Danach: InstaWalk zur Produktion Asyl Tribunal von und mit Patrizia Reidl in Kooperation mit Igersvienna, der sich inhaltlich der „Menschenrechtsstadt Wien“ widmet, 17 Uhr, Treffpunkt: WERK XPetersplatz.

TAG 5 Sammstag, 25. 6., Schlussplädoyers und Urteilsverkündung
Am letzten Tag präsentieren die Parteienvertreterinnen und -vertreter ihre Schlussplädoyers. Danach folgt die Urteilsverkündung durch die Richterinnen.
Im Anschluss an die letzte Vorstellung findet ein Expertinnen-/Experten und Künstlerinnen-/Künstlergespräch im WERK XPetersplatz mit Ronald Frühwirth, Rechtsexperte für Asyl und Migrationsrecht, und Ines Rössl, Schauspielerin und Rechtswissenschafterin, rund um das Thema Asyl und Migrationsrecht in sterreich statt. Auch Beweggründe und Herausforderungen bei der Erarbeitung des Stücks werden durchleuchtet; Moderation: Mahsa Ghafari, Menschenrechtsaktivistin, Theaterschaffende und Dramaturgin von „Asyl Tribunal Klage gegen die Republik“.

Der iranischstämmige Theatermacher und Schauspieler Alireza Daryanavard. Bild: © Isa Heliz

Wiederaufnahme im November: „Blutiger Sommer“ mit Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Alireza Daryanavard in „Ein Staatenloser“, Wiederaufnahme 2020. Bild: © Alexander Gotter

Regie & Konzept: Alireza Daryanavard

Der Performancekünstler und Regisseur wurde im Iran geboren und begann im Alter von 12 Jahren als Schauspieler zu arbeiten. Neben Hauptrollen in Kino und TV war er auch als Fernseh und Radiomoderator tätig. Als es ihm offiziell nicht mehr erlaubt war, künstlerisch tätig zu sein, gründete er ein Untergrundtheater in seiner Herkunftsstadt Buschehr, bis die Situation lebensgefährlich wurde und er schließlich fliehen musste. Seine Flucht führte ihn 2014 nach Österreich, wo er seitdem in Wien als Schauspieler, Musiker und Regisseur lebt. 2017 wurde ihm das Startstipendium des Bundeskanzleramts Österreich für Darstellende Kunst verliehen, 2019 war er Stipendiat beim Heidelberger Stückemarkt sowie bei „In the Field“ der Wiener Festwochen.

Am WERK XPetersplatz begeisterte er Presse wie Publikum sowohl in der Spielzeit 2018/19 mit der Uraufführung von Ein Staatenloser (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30184) als auch in der Spielzeit 2020/21 mit seinem Stück Blutiger Sommer”, für das er in der Kritikerinnen- und Kritikerumfrage von Theater heute bei den Höhepunkten der Saison in der Sparte Beste/r NachwuchskünstlerIn geführt ist, und das auch für den NestroyPreis 2020 in der Kategorie Bester Nachwuchs männlich nominiert wurde. Das Stück wird im November 2022 im WERK XPetersplatz wiederaufgenommen. www.alireza-daryanavard.com

werk-x.at

18. 6. 2022

Werk X: Die Arbeitersaga

April 25, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Am 1. Mai werden alle vier Folgen gespielt

Das Bühnenbild zum 1. Mai steht schon: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Die Arbeitersaga“ kommt – wie sollte es anders sein – am Tag der Arbeit im Werk X wieder zur Aufführung. Und es wird dabei viel gearbeitet: alle vier Folgen werden am 1. Mai auf die Bühne gebracht. Dazu servieren die „Seligen Affen“ ab 15 Uhr eine Heurigenjause im Hof. In der von Peter Turrini und Rudi Palla entworfenen Fernsehserie „Arbeitersaga“ wurde der Versuch unternommen, in vier miteinander verbundenen Spielfilmen eine politische Entmystifizierung der

Sozialdemokratie vorzunehmen. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Österreichs von den 1950ern bis in die 1990er-Jahre beschrieben. Das Werk X hat sich diesem Mammutwerk in einem vierteiligen Theaterabend genähert. Die „Arbeitersaga“ wird dabei über das Erzähljahr 1991 hinaus fortgeschrieben.

Die Rezensionen von www.mottingers-meinung.at:

Folge 1 & 2: Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll.

Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall …

Als Widerstandskämpferin Trude Fiala: Zeitgeschichtsstunde mit  Susi Stach. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Kurt Palm macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36864

Folge 3 & 4: Die Skination in der politischen Steilabfahrt

Es dauert, bis Bettina Schwarz als mephistophelisch-clownesker Conférencier die sechzig möglichen Geschlechtsidentitäten sind gleich das Publikum begrüßt hat. Ein killing joke der leibhaftigen Gründgens-Fratze als Entrée in einen Abend, der Politik alles andere als p.c. abhandelt, eine Groteske zum Quadrat, weil’s große Kunst ist, eine Wirklichkeit zu verzerrspiegeln, die per se schon eine Farce ist. Gemäß dem auf keinem Wahlplakat zu findenden -spruch:

Humor ist, wenn das Stimmvolk lacht, hat das Werk X einmal mehr die Reflektor-Funktion übernommen, mit dem Mammutprojekt der Peter Turrini-Rudi Palla’schen „Arbeitersaga“ das Krankheitsbild der Sozialdemokratie zu persiflieren. Die TV-Serie, die sich ein Theater draus macht, ist mit „Teil II (Folge 3 & 4)“ in der finalen Runde. Bei „Müllomania“ hat Martina Gredler Regiehand angelegt; mit Bettina Schwarz spielen Ines Schiller, Lisa Weidenmüller und Annette Isabella Holzmann; Akkordeonistin Jana Schulz sorgt für den apokalyptisch kakophonischen Sound.

Die Weltuntergangsstimmung ist nicht von ungefähr, ist die Story doch um nichts weniger obskur als der Schutzkreis ums Krankenhaus Nord. Ich glaub‘, ich steh‘ im Rinterzelt, möchte man ob des ganzen Zirkus denken, Sanitärstadtrat Fred Wiedergewinner hat das Millionenprojekt einer Müllrecyclinganlage zu verantworten, doch das mit dem Aus-Alt-wird-Baustoff haut nicht hin, öffentliche Gelder sollen in der Parteikasse versickert sein – und während sich die Seilschaft zwischen Gutruf und Club 45 verlustiert, steigen dem Medienfut-zi (sic!) des Kommunalkorruptler allmählich die Grausbirn‘ auf.

Gredler karikiert mit ihrer geballten Frauenpower Männer, Macht und Machogehabe, sie zeigt eine queere Kraftlacklpartie mit Schiller als populistische Phrasen dreschendem Poser, eine „Dreck-Queen“ mit dem MA48er Slogan „Ganz Wien bleibt clean!“, Weidenmüller als Pressesprecher Rudi Blaha, ein Kasperl dessen überdimensionierte Schulterpolster nicht verbergen können, dass er sich krumm gekatzbuckelt hat, und Holzmann als Investigativjournalist im Detektiv-Trenchcoat …

Stadtrat Wiedergewinner in den Fängen der grausamen Groteske: Ines Schiller und Bettina Schwarz. Bild: © A. Gotter

Die 48er-Damen: Ines Schiller, Annette Isabella Holzmann und Lisa Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Bella Ciao: Oliver Welter, Lara Sienczak und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Mit der Ski-Nation geht’s bergab: Peter Pertusini, Zeynep Buyrac, Lara Sienczak und Sebastian Thiers. Bild: © A. Gotter

In Bernd Liepold-Mossers Hälfte des Abends, „Das Lachen der Maca Darac“ geht es um nichts weniger schräg zu. Ins Bühnenbild sind nun Skibindungen eingebaut, denn das Ensemble Zeynep Buyraç, Peter Pertusini, Lara Sienczak, Sebastian Thiers und der auch für die Musik zuständige Oliver Welter muss sich gut anschnallen – hat sich doch der Proporzslalom längst in eine politische Steilabfahrt verwandelt. Das Bild von der Skination macht Sinn, des Österreichers Stolz und Siegeswille ist ein gewachst gewachsener, und Liepold-Mosser ist diesbezüglich auch um kein Bonmot verlegen.

Nicht nur Peter Pertusini kann’s da auf gekonnt Kärntnerisch lai lafn losn, die Richtung – immer weiter den Hang hinunter? – stimmt angeblich auch nach diversen Spurwechseln, und am immensen Rückstand ist sowieso das Material schuld. Sagt der Kader im Chor „Proletariat“, hebt es ihn, hepp, kurz in der Hocke aus, ansonsten keine Bewegung, nicht einmal bei der von Welter als Holy Marx eingeläuteten Hüttengaudi.

Ein bissi posthysterisch ist dieses Themenkonglomerat schon, die Werk-X-tätigen Massen lassen von Konsumkapitalismus über Veganfetischismus bis zu Migration/Integration und präventiver Sicherungsverwahrung nichts aus. Bis die Darsteller aus den Schuhen in die Rollen kippen und die Turrini-Palla-Story aufgreifen, Pertusini als Kurt Höllermoser, der in einen Rudi Blaha’schen Waffendeal und dessen Fake News verstrickt wird, Zeynep Buyraç als illegale Einwanderin Maca Darac, die zwecks bevorstehender Ausweisung einen Mann zum Heiraten sucht.

Im Plastik-Schleier-Hijab rezitiert die potenzielle Braut „Ein Gespenst geht um in Europa“, das Manifest vom kleinbürgerlichen wie vom Bourgeoissozialismus heute bedrohter als zu Entstehungszeiten, und auch, wenn in Meidling alle Menschen „zur Sonne, zur Freiheit“ gerufen werden, mit der Vereinigung hapert’s. Denn wo zwischen Prolet, Prolo und Prekarier findet sich noch das echte, unverfälschte, von keinem Populismuskeim angesteckte Proletariat? Mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38734

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g      www.youtube.com/watch?v=Cp__IR9BRXM

25. 4. 2022

Burgtheater: Die Troerinnen

April 24, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Krieg. Macht. Sex.

Hekabe unterm Totenreigen ihrer Kinder: Sylvie Rohrer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

„Es ist schwer zu sagen, welchen Platz die Kunst in dieser Zeit einnehmen kann und soll“, sagt Adena Jacobs im Interview. „Denn was sind schon Metaphern, wenn es ganz in unserer Nähe Realität ist?“ Worauf sich die queer-feministische australische Regisseurin bezieht, ist der Ukraine-Krieg, der mitten in ihrer Probearbeit von Russland provoziert wurde. Die Gräuel- taten an der Zivilbevölkerung, die Vergewaltigungen durch Putins Soldaten, die toxische

Männlichkeit – als das macht „Die Troerinnen“ nicht zum „Stück der Stunde“, sondern zeigt die seit zweieinhalb Jahrtausenden gleiche, penisgesteuerte Logik der Schlacht / des Abschlachtens und den weiblichen Überlebenskampf darin. Das Archetypische so aktuell, das Blut könnte einem gefrieren …

Gestern hatten „Die Troerinnen“ am Burgtheater Premiere, und Jacobs, die damit ihr Debüt im deutschsprachigen Raum gibt, begnügt sich nicht mit Euripides, sie fügt Textstellen von Ovid und Seneca hinzu, und sehr viel Jane M. Griffiths. Etwa die Hälfte der Fassung stammt von der australischen Dramatikerin, mit der Jacobs seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Ins Deutsche übertragen und mit einem verknappten und daher umso expressiveren, hochpoetischen Stil versehen wurde dieser Korpus schließlich von der Wiener Dramatikerin Gerhild Steinbuch. Ergebnis: Ein grandioses Stück, aus dem alle männlichen Figuren und deren mythologische Heldensaga entfernt wurden. Erzählt wird aus rein weiblicher Sicht, Jacobs zeigt das Innerste von Frauen am Ende ihrer Zivilisation – „Kein Unterschied mehr zwischen Zorn und Trauer“, heißt es bei Ovid – mit den vier Protagonistinnen Hekabe, Kassandra, Andromache und Helena im Mittelpunkt, mit einem Frauenchor samt Chorführerin.

Da stehen sie vor der zerstörten Stadt, die Vertreterinnen der Staatselite, auf die nun die Sklaverei wartet, auf nichts als ihre nackten Körper zurückgeworfen (Nude-Bodysuits mit metallenen Wirbelsäulen, die aus dem „Fleisch“ klaffen), ihre kahlgeschorenen Köpfe angefüllt mit Erinnerungen und Visionen, mit wütendem Schmerz, versehrt, gezeichnet, klagend. Mit einem Gedanken bei ihren Toten, mit dem anderen im Diesseits Halt suchend, um ihren Peinigern die Augen herauszureißen, mäandernd von Ohnmacht zu Raserei zu Verzweiflung. Hekabe geht als Sklavin an Odysseus, Kassandra wird ins Bett des Agamemnon gezwungen, Andromaches Los heißt Sexdienerin bei Achills Sohn Neoptolemos, Helena muss als Hure gebrandmarkt zurück zu Menelaos.

Sabine Haupt als Andromache. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Patrycia Ziółkowska als Helena. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Sylvie Rohrer als Hekabe. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Jubel und Applaus am Ende des 135-minütigen Abend waren überbordend. Sowohl für die Schauspielerinnen, Sylvie Rohrer als Königin, Lilith Häßle als Tochter und Seherin, Sabine Haupt als Hektors Gattin und Schwiegertochter, Patrycia Ziółkowska als Auserwählte des Paris, den Chor mit Chorführerin Safira Robens, als auch für das Leading Team, Adena Jacobs sowie ihre Szenikerin und Ausstatterin Eugyeene Teh, Videodesigner Tobias Jonas und Choreografin Melanie Lane, die dem Albtraum eine äußere Form gaben.

Bildgewaltig und in ihrer Wuchtigkeit brutal ist diese Aufführung, mit Leibern, die von oben aufgenommen und ins Bühnenschwarz projiziert wie Halluzinationen wirken. Da können Körper wie durch Magie fliegen, oder die Hauptdarstellerinnen lösen sich aus einem Schleier durchscheinender Figuren. Das Neben- und Übereinander von Live-Spiel und Projektionen ergibt ein optisch und akustisch (die Kompositionen von Max Lyandvert klingen nach Kriegsmaschinerie, Feuersbrunst, Pferdetrampeln und manchmal auch elegisch) einprägsames Gesamtkunstwerk mit starker Sogwirkung. Das seine Kraft gerade aus der Langsamkeit und der Statik der Szenen zieht.

Welch wundersam raunende Stimmen hier zum Publikum sprechen. Allen voran die Rohrer mit ihrem dunklen Timbre – auf jede der vier Frauen ist eine von Ritualen durchsetzte Episode zugeschrieben, fragmentarisch ausgebreitete Psychogramme, die einen umso näher an die Universalität der Schicksale heranführen -, Rohrer, die sich vom schwer geatmeten Stammeln „Troja … nicht mehr … Königin“ in einen Wortblutrausch der Rache steigert. Sie gibt sich die Schuld an der Geburt des Paris „Er war das Feuer … War die Fackel … Ich habe die Fackel geboren“, eine Anklage, in der die Hilflosigkeit des Augenblicks überdeutlich wird.

Patrycia Ziółkowska inmitten der fantastischen Projektionen. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Der Chor in Abendkleidern vor dem ausgebrannten, plattreifigen Bus. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Der Chor in den Nude-Bodysuites, in der Mitte: Safira Robens. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Lilith Häßle als geschändete Kassandra (li.) und Sylvie Rohrer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

So wie Gebär-Mutter Hekabe in einem zum Geburtsstuhl umfunktioniertem Bürosessel sitzt, so wird Sabine Haupt als Andromache vor einem Brutkasten stehen, eben noch die blutigen Überreste ihres von den Zinnen Trojas geschleuderten Sohnes Astyanax bergend, kann sie keine Nabelschnur-Verbindung zum Kind ihrer Schändung herstellen. Es gehört zu den quälendsten Szenen, wenn sie immerfort wiederholt: „Ich bin Andromache.“ Eine Selbstvergewisserung in Zeiten der von Jacobs stilisierten Entmenschlichung. Jacobs holt derlei moderne Versatzstücke ins Spiel, nicht immer enträtselt sich deren Bedeutung auf den ersten Blick, was auch für die Video-Closeups gilt, schaumig-blutige, ekelerregende Bilder, die Kassandra und Helena heimsuchen.

Und während Andromache das Frauenlos anspricht „für uns gibt es immer etwas zu fürchten“, von ihrem durch Neoptolemos gezeugtem neuen „Sohn“ berichtet: „Sie sagen, du gewöhnst dich an alles …“ und in einem grausigen Zeremoniell mit Großmutter Hekabe dessen Herz zerstückelt und frisst, wird Lilith Häßle als Kassandra ihre Vergewaltigung schildern – vom Gott wie vom Mann, von Apollo wie von Ajax: „Nein sag ich … sage Nein … Bitte sag ich … Und er spuckt mir in den Mund …“ – dazu Bilder von Lippen, von denen (Körper-?)Flüssigkeiten tropfen. Und längst wünscht man sich die Heerscharen herbei, Schildjungfern, Amazonen, Wonder Woman, Widerstand!, die Partisaninnen, die an verborgener Front kämpften, um das Dritte Reich zu Fall zu bringen.

Jedoch, oì oì moi, derlei Querverweise stellt Jacobs nicht her, bei ihr bleibt die Frau die Dulderin, die Leidende, die immer Gebende, der auch noch das Letzte genommen wird. Selbst als die Frauen in Alltagskleidung aus einem ausgebrannten, zerschossenen Bus klettern, Flüchtlinge, die nicht durch die ihnen verwehrten „humanitären Korridore“ kommen, das reifenplatte Gefährt später in Abendroben umrunden, bleiben sie der passive Teil ihrer selbst. Wenige sind es, die sich wehren, die töten – auch sich selbst.

Immer wieder Gegenwartsbezug: Safira Robens als Chorführerin. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Vergewaltigt von Apollo und Ajax: Lilith Häßle als Kassandra. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Die Gebär-Mutter: Sylvie Rohrer als Hekabe mit ihrem jüngsten Sohn Polydoros. Bild: © S. Hassler-Smith

Hekabe einmal mehr, die Polymestor, den Mörder ihres Sohnes Polydoros, die Augen auskratzen wird, Polyxena, die sich auf Achills Grab selbst richtet, worauf ihre Bestimmung an Kassandra weitergereicht wird. Als diese wird Häßle vom Chor mit einem O-Mund, wie ihn Sexpuppen haben, empfangen – und der Satz, der die Prophetin, der niemand Glauben schenkte, und Kriegsauslöserin Helena eint, lautet: „ Jetzt bin ich … der Tod geworden.“

„Es gibt tausend Helenas“, rechtfertigt sich als diese Burgtheater-Gast Patrycia Ziółkowska, die auch mit außerordentlicher Körperlichkeit besticht, und allerlei vom Beischlaf mit Paris beizufügen hat. „Das Blut in deinen Genitalien … schwillt an, entzündet … Sie sind die Fackel, die Männer in die Knie zwingt, die die Stadt in Schutt und Asche legt“.  Krieg macht Sex, befindet sie. In ihrem Rotgold changierendem Kleid verteidigt die Schöne die Lust. Orgiastisch erfüllt sinkt sie nieder, wenn sie an den Akt mit dem Trojaner denkt: „Heißer Atem … Finger in mir.“  Doch wird auch sie bald nackt dastehen. Dazu wimmert der Chor, der bei Jacobs kein Antagonist ist, keine Erzählerinnenfunktion erfüllt, sondern zumeist stiller Jammer bleibt. Mitunter in einer grell ausgeleuchteten Box stehend zeigt sich ihr Leid im Breitbildformat.

Am Ende des Krieges also sind es die Frauen, die ihre Männer, Kinder, Würde und ja, auch Macht verloren haben und irgendwo an einem Nicht-Ort des Ausharrens, einem von Teh fluide gestaltetem Limbus, in dem die Vergangenheit unwiederbringlich verloren und die Zukunft mehr als ungewiss ist, ihre Gefühle ordnen. Adena Jacobs hat „Die Troerinnen“ bis aufs Gerippe dekonstruiert, um das Stück mit neuen Textfragmenten und schmerzhaft starken Bildern, heißt: einer Ästhetik des Grauens neu zusammenzusetzen. Die Premiere am Samstagabend traf jedenfalls ins Mark. Ein Theaterabend, der noch lange in einem nachhallt …

www.burgtheater.at

  1. 4. 2022