Volkstheater online: Die Recherche-Show

Februar 13, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine trashige Talkshow verleiht sich Flüüügel

Red-Bull-Song: Thomas Pfeffer und Martina Zinner. Bild: © Nikolaus Ostermann

Nach dreißig Sekunden sind alle Stimmen abgegeben und die Auszählung ergibt: 75 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer trinken nie Red Bull. Später wird im Chat jemand fragen: „Antwortet ihr ehrlich?“, und Ja! – man kann sie nicht einmal riechen, die picksüßen Dosen. „Ein Geschmack, der im Körpergedächtnis bleibt“, sagt Schauspielerin Martina Zinner. Und in derart deftigen, Dosen nämlich, beginnt die „Recherche-Show“.

Dieser Mix aus investigativer Journalismus meets trashige Talkshowparodie meets Publikumsinteraktion, freundlich vielleicht Forum-, sicher aber dokumentarisches Theater zu nennen, ist des neuen Direktors Kay Voges erster Streich. Das heißt: eigentlich der von Calle Fuhr, dem das V°T//Bezirke seit Jänner ja überantwortet ist – doch ging man, da die übliche Tour Corona-bedingt nicht möglich ist, via Zoom-Meeting mit dem Projekt online.

Das war zunächst eines des Recherche-Magazins Dossier, dessen Redaktion monatelang über den Weltkonzern, den reichsten Mann Österreichs aka Dietrich Mateschitz und seine schöne neue Medienwelt forschte. Kein leichtes Unterfangen, da der Selfmademilliardär his story am liebsten gar nicht, wenn aber, dann mit €€€€ an Eigenmarketing erzählt, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Schweigegelübde ernster nehmen als die Chartreuse-Mönche.

Man kennt das aus eigener Erfahrung, Servus TV ist selbst dann keine Silbe zu entlocken, wenn man über eine seiner Sendungen positiv berichten will. Die bitteren Wahrheiten übers Zuckerwasser haben nun Regisseur Ed. Hauswirth und Kreation Kollektiv in der neuen Spielstätte Dunkelkammer ans Licht gezerrt.

In Form einer Satirediskussionsrunde, die Pia Hierzegger moderiert, während „ihre Gäste“ Rupert Lehofer, Julia Franz Richter und Martina Zinner Geheimnisse wie Dosen knacken, und Live-Musiker Thomas Pfeffer Synthesizerklänge zum Besten gibt. Die Bühnen- ist eine Sitzlandschaft, eine Aerosole abschmetternde Riesencouch, rundum glitzert’s und funkelt’s, wenn die Vorhänge nicht gerade für die Feldarbeit freigeben werden.

Die dabei entstandenen kurzen Filmclips werden es auch sein, die einem von diesem Abend im Gedächtnis bleiben. Der Vater von Mich Kemeter, der schon die Mateschitz-Mama, „die Frau Lehrerin“, in Hymnen preist. Frau Gerti, die an Servus TV-Intendant Ferdinand Wegscheider lobt, dass er sagt, was man heute nicht sagen darf. Zum Beispiel über den ganzen Corona-Schmäh. Es wird ja sofort die Nazikeule geschwungen, dabei ist man nur Patriot! Zwischendurch befragt Hierzegger den Dossier-Journalisten Georg Eckelsberger.

Er, der daheim vorm Laptop sitzende, sachliche Ruhepol in all der Skurrilität, die er doch selbst mitverantwortet. Denn was zum Teil enthüllt wird, ist zu gut, um ausgedacht zu sein. Die Red Bull Favela Challenge, Downhill-Biken in den Slums von Rio de Janeiro … Rupert Lehofer wollt’s grad erfinden, und kriegt einen halben Nervenzusammenbruch, als er erfährt, dass nichts zu blöde ist, um nicht banal zu sein. Rupert, der die Rolle des Verstehers und Verteidigers dieses blausilbrigen Lebensgefühls innehatte – nun vom Glauben abgefallen.

Rupert Lehofer stellt sich der Red Bull Favela Challenge und wird schwer enttäuscht. Bild: © Nikolaus Ostermann

Das Lächeln trügt: Pia Hierzegger ist eine strenge Moderatorin der Recherche-Show. Bild: © Nikolaus Ostermann

An ihren Händen klebt „Trakehnerblut“: Julia Franz Richter mit Pia Hierzegger und Martina Zinner. Bild: © Nikolaus Ostermann

Erst die „Gummibärlis“ machten Red Bull zum Erfolg: Hierzegger, Zinner und Richter. Bild: © Nikolaus Osterman

Viel mehr Neues ist über mutmaßlich nicht gefundene Leichen im Fuschlsee nicht zu erfahren, zum undurch- sichtigen Steuerverhalten verlangen in einer weiteren Umfrage immerhin 32 Prozent ein hartes Durchgreifen, das Ende der Recherche-Plattform Addendum, die Kündigung aller Servus TV-Mitarbeiter in einem Aufwaschen als Strafe für Betriebsratsgelüste … eine Weltkarte wird mit Stieren zugepflastert, Dididampf in allen Gassen, Hierzegger serviert Sankt Mareiner Stierhoden auf – Achtung! – Blattsalat, Felix „Spaceballs“ Baumgartner darf nicht fehlen, samt einem Baumgartner-Höhe-Wortspiel. Nun werden „Gummibärlis“/Wodka-Red-Bull gemixt.

Es wird ein Lied aus den 3600 von Mateschitz markenrechtlich geschützten Wörtern gesungen, Zinner, die Poetin der Runde, trägt Gedichte vor. Eines erinnert an den verstorbenen Cory Terry. Julia Franz Richter muss sich aufziehen lassen, weil sie die Hauptrolle in „Trakehnerblut“ hatte. Die seriösen Stellen sind Männerbündlern und ihrer Kreislaufwirtschaft gewidmet – Richters feministischer Lieblingsfokus. Überzeugt davon, dass die Red-Bull-AnwältInnen zuschauen –  ja, Pia Hierzegger, deren grantig-grimmiger Humor den Klang des Abends ausmacht, kann das Binnen-I sogar sprechen -, gibt es kurz Tonausfall. Ein Anschlag auf das Studio – jahaha! Auge!

Den authentischsten Moment hat das Ganze aber ausgerechnet bei der Abrechnung mit dem Pferde-Soap-Star. Wie Julia Franz Richter ihr TV-Gestütserbin-Dasein runterspielt, mit vor Peinlichkeit fast versinkender Stimme: Stimmt, es waren 50 Drehtage! Wie sie ein schrilles „Wenn mein Freund mir alle Rollen schreiben würde, dann würd‘ ich auch nicht in solchen Serien mitspielen“ Richtung Josef-Hader-Gefährtin Hierzegger schleudert, und Martina Zinner als „Schärdingermagd“ anprangert, solch Selbstreflexion übers „Wie man lebt“ hätte die Aufführung an mehr Stellen vertragen – wird sie via Umfragen doch auch von unsereins verlangt. Doch Hierzegger regiert mit Schweigt-stille-Blick und Nur-Ruhe-Pose.

Zum Schluss gab es für die „Recherche-Show“, die deutlich weniger aufklärerisch als schräg ist, virtuellen Applaus mittels Hand-Emojis. „Jedem Mensch‘ wachsn zwa Flüüügerl“ wird noch intoniert, und schade ist nur, dass der hochspannende Chat des Publikums – von wegen interaktiv – in keiner Weise in den Abend eingeflossen ist. Auch hätte man sich mit Ensemble und Eckelsberger eine gemeinsame Nachbetrachtung im Nesterval-Stil gewünscht – bei „Goodbye Kreisky“ wurde bis eine Stunde nach Ende der Aufführung miteinander diskutiert. Hier sieht man Kay Voges und die Seinen Sekt süffeln. Auch schön. Und verdient.

www.volkstheater.at           www.dossier.at

  1. 2. 2021

aktionstheater ensemble – Streamen gegen die Einsamkeit: Staffel 4

Februar 1, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von „Pension Europa“ zum „Bürgerlichen Trauerspiel“

Bild: © Gerhard Breitwieser

Nach den erfolgreichen digitalen Aufführungsreihen „Streamen gegen die Einsamkeit: Staffel 1 + 2 + 3“ bieten Martin Gruber und sein preisgekröntes aktionstheater ensemble ab heute bis 28. März wieder acht ausgewählte Uraufführungen unter www.aktionstheater.at zum Stream an. Das Motto der 4. Staffel lautet „Fernbeziehung“ und beinhaltet, zusätzlich zu den Streams, wöchentliche Publikums-Gespräche – live via Zoom:

Da das aktionstheater ensemble die Kommunikation mit seinem Publikum nach den Aufführungen als wesentlich erachtet, gibt es jeden Donnerstag um 20 Uhr ein virtuelles Zoom-Treffen von Schauspielerinnen und Schauspielern, mit den Musikerinnen und Musikern der jeweiligen Streaming-Produktion. Anmeldung für diese kostenlosen virtuellen Treffen unter: karten@aktionstheater.at. Die Aufführungen werden wöchentlich geändert, jeweils um10 Uhr.

Das Programm:

Pension Europa. 1. bis 7. Februar, 10 bis 22 Uhr: Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31384 Sechs Frauen auf die verzweifelt-aberwitzige Suche nach einer Vision. Wahrhaftige Bekenntnisse und verdichtete Geständnisse, skurill-witzig, tragisch und mitten aus dem Leben. Manchmal gnadenlos, manchmal versöhnlich. Alles eine Frage der Perspektive. Die Produktion war nominiert für den Nestroypreis 2015. Publikumsgespräch live via Zoom am 4. Februar ab 20 Uhr.

Die wunderbare Zerstörung des Mannes. 8. bis 14. Februar, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31384 Martin Gruber inszeniert mit seinem mehrfach ausgezeichneten aktionstheater ensemble die Suche nach einem neuen Männerbild und das gleichzeitige Scheitern daran. Sechs Männer, sechs Sichtweisen. Trotz einer offensichtlichen Regression, der Rückkehr von Uralt-Machos auf nationalem und internationalem politischen Parkett, scheint sich ein Zerfall alter Rollenbilder, soweit diese überhaupt festgemacht werden können, abzuzeichnen. Aus dem Jahr 2018. Publikumsgespräch live via Zoom am 11. Februar ab 20 Uhr.

Wie geht es weiter. 15. bis 21. Februar, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672 Neoliberale Politstrateginnen und -strategen und rechtspopulistische Demagoginnen und Demagogen haben sich als Heilsbringer in Stellung gebracht und die sogenannte Zivilgesellschaft scheint im Tiefschlaf zu versinken. So weit, so bekannt, so ermüdend, aber wie geht es weiter? Das aktionstheater ensemble wühlt genussvoll in der österreichischen Seele und entwirft ein aberwitziges Panoptikum. Aus dem Jahr 2019. Publikumsgespräch live via Zoom am 18. Februar ab 20 Uhr.

Wie geht es weiter. Bild: © Stefan Hauer

Immersion. Bild: © Gerhard Breitwieser

Ich glaube. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die Zerstörung des Mannes. Bild: © Stefan Hauer

Heile mich. 22. bis 28. Februar, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260 In gewohnt schonungsloser Manier beginnen Martin Gruber und seine Compagnie in dieser Nabelschau bei sich selbst; aus dem Bedürfnis ganz und heil zu sein, suchen sie nach möglichst schnellen Patentrezepten. Rezepte, die freilich nicht verkürzt und einfältig genug sein können, als dass man sie nicht gerne glauben will. Die Suche nach dem Heil führt drei Schauspielerinnen und fünf Musiker, mit Karacho, zu einem tragikomischen Ritt in den Abgrund. Was dazwischen aufkeimen darf, sind stille Momente der Poesie, hinter welcher so etwas wie Heilung liegen mag. Aus dem Jahr 2019. Publikumsgespräch live via Zoom am 25. Februar ab 20 Uhr.

Ich glaube. 1. bis 7. März, 10 bis 22 Uhr. Geld, Gewalt, Freiheit, Katholiken, Yoga, Protestanten, Freunde, Muslime, Liebe, Veränderung, Wahrheit, Katharsis und die große Frage: woran glauben wir – noch? Regisseur Martin Gruber führt mit seinem aktionstheater ensemble durch die Ab-/Gründe von Glaubensätzen! Manchmal poetisch, manchmal traurig, manchmal lustig, manchmal nachdenklich. Aus dem Jahr 2017. Publikumsgespräch live via Zoom am 4. März ab 20 Uhr.

Pension Europa. Bild: © Felix Dietlinger

Heile mich. Bild: © Stefan Hauer

Bürgerliches Trauerspiel. Bild: © Gerhard Breitwieser

Bürgerliches Trauerspiel. 8. bis 14. März, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41710 Ein einziges langanhaltendes bürgerliches Trauerspiel. Oder ein Trauerspiel des Bürgerlichen. Oder eine Kapitulation des Bürgerlichen vor der Realität. Vor der von ihm selbst erzeugten Realität. Die zusammengesetzt ist aus ein paar Gerechtigkeitsbehauptungen, ein bisschen Tapferkeitsgetue, jeder Menge Besonnenheitsblingbling und viel Klugheitsblongblong. „Bürgerliches Trauerspiel“ ist ein aberwitziger, lustvoller, anarchischer Abgesang und eine theatrale Trauerfeier auf ein Leben wie es einmal war. Aus dem Jahr 2020. Publikumsgespräch live via Zoom am 11. März ab 20 Uhr.

Immersion. Wir verschwinden. 15. bis 21. März, 10 bis 22 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39693 Genug gearbeitet, genug gestritten, genug gekämpft, genug gehasst. Genug von den bestehenden wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen. Sie wollen weg. Weg aus dieser Realität. Sich verstecken hinter etwas anderem, eintauchen untertauchen, wegtauchen. Es bleibt nur noch the big escape, die große Flucht. Nur wohin! Und dann weicht der Sehnsucht nach dem Verschwinden die Angst vor dem Verschwinden. Aus dem Jahr 2016. Publikumsgespräch live via Zoom am 18. März ab 20 Uhr.

Salz Burg. 22. bis 28. März, 10 bis 22 Uhr. Das aktionstheater ensemble veranstaltet eine Sponsorenparty. Alles ist „vorbereitet aufs allerbest´ für Sponsoren und andere Gäst´“. Doch dann ist der potentielle Hauptsponsor weg, hat sich am stillen Örtchen versteckt, will nicht raus. Ab jetzt gerät alles ins Wanken. Und das Ensemble unternimmt alles um den Abend doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Aus dem Jahr 2012. Publikumsgespräche live via Zoom am 25. März, ab 20 Uhr.

aktionstheater.at

  1. 2. 2021

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Januar 8, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

The Good, the Bad und die dazwischen

„Das Gefängnis verschlingt uns, es verdaut uns“, berichtet Paul Hansen über den unangenehmen Geruch des Eingesperrtseins: „Mief kasteiender schlechter Gedanken, sich überall ausbreitende Ausdünstungen schmutziger Einfälle, säuerliche Miasmen alten Bedauerns …“

Paul, im Jahr 2008 Insasse der kanadischen Haftanstalt Montreal, Boulevard Gouin Quest Nummer 800, am Rand des Rivière des Prairies, 1357 Häftlinge, gezählt ohne die zahlreichen Mäuse und Ratten, bis 1962 durch den Strang hingerichtete: 82, ist der Ich-Erzähler in Jean-Paul Dubois‘ jüngstem Roman „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“, der sich 2019 überraschend und durchaus zurecht im finalen Rennen um den Prix Goncourt gegen die belgische Autorin Amélie Nothomb durchsetzte (Rezension von deren Nominee „Die Passion“: www.mottingers-meinung.at/?p=42473).

Wie Nothomb beherrscht Dubois die Kunst, die großen Fragen, die existenziellen Themen des Lebens in Romane zu gießen, doch malt sie bevorzugt mit kräftigen Farben, sind seine Arbeiten gleich

Aquarellen mit getuschten Konturen. Der langjährige Journalist Dubois ist ein exakter Beobachter, der seine Plots und Protagonisten stets entlang der Realität entwirft, und so ist auch „Jeder von uns …“, dies so intensive wie stille Buch, dies hingeschriebene Innehalten, zunächst eine Jedermanns-Geschichte wie dem Chronik-Teil entliehen. Im abgeklärt-lakonischen Tonfall eines Mannes, der nichts mehr sein Eigen nennt und ergo nichts zu verlieren hat, schildert Paul seinen nunmehr zweijährigen Alltag hinter Gittern.

Was ihn in diese Situation gebracht hat, was tatsächlich passiert ist, Paul weiß es ebenso wenig wie die Leserin, der Leser, erst 250 Seiten später werden sie’s gemeinsam erfahren. Sobald Paul sich nämlich wieder erinnern kann. Derweil aber müht sich das Gedächtnis um Rekonstruktion der Straftat, hört Paul ganz hinten im Gehirn „alle Knochen brechen“, gehen seine in Literatur festgehaltenen Gedanken im Kreis.

Die tragikomisch anrührenden rund um seinen Zellengenossen Patrick Horton, ein Hüne von einem Hells Angel, der bestreitet, ein Mörder zu sein. Patrick, der von unberechenbar über aberwitzig bis leutselig die ganze Skala menschlicher Stimmungsschwankungen bespielt, ein Bursche, der mal ein Viertel der Stadtbevölkerung per Machete halbieren möchte und mit einem Blick Wärter wie Mitknackis in Schach hält, mal „wie ein junger Senator im Wahlkampf“ jedem zuwinkt, der seinen Weg kreuzt. Patrick, der seine heilige Harley „Fat Boy“ liebt und wie der biblische Samson panische Angst vorm Haareschneiden hat. Und eine Rattenphobie, was sich wirklich zum Tränenlachen liest.

Die Herzbeklemmung auslösenden Gedankenkreise sind die rund um die Hansen’sche Familiensaga. Paul beginnt diese bei seiner Geburt 1955 in Toulouse. Er ist der Sohn des dänischen Pastors Johanes Hansen und der französischen Programmkinobetreiberin Anna Margerit, der Vater, „ein smørrebrød-Esser, ein Mann aus dem nördlichen Jütland, der zu seinem Wort stand, denn die hierzulande beliebte flickflackernde Dialektik, die das Offensichtliche bereitwillig leugnet und frühere Aussagen bestreitet, war ihm völlig fremd.“

Die Mutter eine Schönheit, von der der Heranwachsende bemerkt, dass sie das Mojo besitzt, das Verlangen der Männer zu erregen, wofür Patrick Paul sofort rügt, so denkt man nicht an die eigene Mutter!, Anna Margerit, die Atheistin, in deren „künstlerischem Sammelbecken der revolutionären Avantgarde“ auf einem Plakat steht: „Wie soll man im Schatten einer Kapelle frei denken?“ Dies Johanes an die Wand gemalter Teufel. Der Protestant hat’s in Katholikenland schwer genug, und zum endgültigen Zerwürfnis kommt’s als Mutter 1972 beschließt, ihrem Publikum den Kassenschlager-Porno „Deep Throat“ zu zeigen.

Des Pastors Schäfchen sind entsetzt, und er ist seine Diözese los. Bis zur Scheidung schreien sich die Eheleute wegen „Deep Throat“ fortan die Kehle aus dem Hals. Also geht Papa als Prediger nach Kanada, ins Tagebau-Armageddon von Thetford Mines, wo in rauen Mengen Chrysotil aus der von Narben verheerten Landschaft gesprengt wird, und Paul folgt ihm in jene Asbesthölle, deren Skandal noch in den Startlöchern steckt – ein Philosoph im Paläolithikum. Pauls bedacht gewählte Ausdrucksweise, gespickt mit markigen Patrick-Zitaten, füllt die Zeilen, in die man beim Lesen eintaucht wie in den ruhigen See von Pauls Seelenruhe.

Die rührt nicht zuletzt her von seinen Begleitern: sein entschlummerter Vater, seine ebenfalls bereits verstorbene Ehefrau Winona Mapechee, eine Tochter der First Nations, und die gemeinsame – no na – tote Hündin Nouk sind die Geistwesen, die Paul nächtens besuchen – „um uns das zu geben, was wir auf grausamste Weise vermissten, ein wenig Trost und Wärme“, inmitten all der Langeweile und des schlechten Essens und dem winterlichen Frost von beinah minus 40 Grad, ab und zu ein Messerattentat, drei Schutzengel, auf deren Erscheinen Verlass ist und in dessen Verläufen sich enträtselt, wie sie zu Tode gekommen sind.

Bild: pixabay.com

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Mit Johanes teilt Paul Desillusion und Resignation eines, der „draußen“ in der Welt nichts mehr zu erwarten hat, und Dubois verflicht mit Verve sein Figurenkabinett, im Wortsinn gottvoll ist Kirchenorganist Gérard LeBlond, der unter Bach gern einmal Procul Harum mischt, mit kanadischer Zeitgeschichte: die von René Lévesque und seiner Parti Québécois angestrebte „assoziierte Souveränität“, eine Rechnung, durch die ihm Premier Pierre Trudeau, Vater des aktuellen Amtsinhabers Justin, einen dicken Strich machte; die heraufdämmernde Subprimes-Krise mit ihren in den Sand gesetzten Milliarden; der im 17. Jahrhundert aus Europa importierte „Glaubenskrieg“ Franzosen gegen Engländer, das zweisprachige Land nur einig im Dissen der indigenen Völker. Im Spiegel des Individuums liefert Dubois ein Epochen-Porträt von der linken 1968er-Bewegung bis zum Anbruch eines neuen neoliberal-kalten Millenniums.

Während Patrick sein Lebensmotto auf den Rücken tätowiert trägt, „Life is a bitch and then you die“, denkt sich Paul den Menschen als der Bitch Kollateralschaden. In Montreal wird er erst Hausmeister, später Verwalter der Wohnhausanlage „Excelsior“, die alte Dame nicht weniger „labil, verspielt, grillenhaft“ als ihre 63 Eigentümer, die der freundliche, mitfühlende, ja, zartbesaitete Mann alle mit gleicher Aufmerksamkeit betreut. Einer davon, Kieran Read, ein Schadensregulierer, der für Versicherungen zwecks auszuzahlender Summe den Wert eines eben Dahingeschiedenen kleinrechnet, wird ein Freund. Und wieder beim Lesen das große Fragezeichen, was denn um Himmels Willen passiert sei in diesem irdischen Paradies.

Paul lernt Winona kennen und lieben, sie stolze Besitzerin und Pilotin eines Wasserflugzeugtaxis, eine pragmatische Frau mit Algonkin-Draht zu den „Botschaften des Windes oder des Regens“, „die in jeder Sekunde in dem Bewusstsein lebte, dass das Leben viel zu kurz und zu wertvoll ist, um es in den Warteschlangen zweitrangiger Probleme auszubremsen“. Eines Tages findet sie die verwaiste Nouk und das Paar gibt dem Tier ein neues Zuhause, Nouk, die heißgeliebte, mit der Paul bald eine gemeinsame Sprache spricht.

Alles Friede und Freude im Soziotop, bis sich Edouard Sedgwick der Eigentümer-Versammlung als neuer Vorsitzender aufdrängt. Ein Unsympath und Cost Killer, „ein zwanghafter Anhänger von Memos“, „kontrollierte hier, beschnitt da und vermehrte die nutzlosen Zusätze in den Paragraphen der Hausordnung, bis diese den Umfang eines Telefonbuchs hatte“. Dubois verfasst diese Seiten als Parabel darüber, wie ein böswilliger Mensch alles und alle in seinem Umfeld zum Schlechteren zu ändern vermag.

„Die Atmosphäre im Haus war bedrückend geworden, und eine Art generelles, vom Vorsitzenden qua seines Amtes gesätes Misstrauen hatte sich in allen Stockwerken ausgebreitet. Nach und nach hatte jeder jeden zu überwachen und argwöhnisch darauf zu achten begonnen, dass die Vorschriften, und seien sie noch so unsinnig und marginal, Punkt für Punkt befolgt wurden.“

Allen Schikanen zum Trotz bewahrt Paul lange seinen Gleichmut, bis Sedgwick seinen Hass auf Hunde an Nouk auslässt, und Paul in ungeahnter Rage blutrotsieht … Und so endet die Wechselerzählung von Gefängnis-Jetzt und Freiheits-Vergangenheit mit einem Epilog über des Schicksals ewiges Unentschieden-Spiel zwischen Soll und Haben, Sein und Werden, Vertrauen und Selbst-/Zweifel, Verlust und Scheitern, Hoffnung und immer wieder Neuanfang.

Jean-Paul Dubois‘ Roman über die Guten, die Bösen und die dazwischen, einen Casuality Adjuster mit Anstand, einen skrupellosen Kostenminimierer, einen kuriosen Koloss von einem Kumpel, Winona, Nouk und Paul und „die ganze Wildheit des Rudels“, einen Vater, der post mortem endlich ein „Min son, jeg er stolt af dig“, mein Sohn, ich bin stolz auf dich, über die Lippen bringt, ist bis zum Schluss eine Liebeserklärung an die Condition humaine. Denn „Jeder von uns …“ ist stets nur einen Schritt vom Straucheln, nur einen Schritt vom falschen Weg entfernt.

Jean-Paul Dubois. Bild: © Lee Dongsub

Über den Autor: Jean-Paul Dubois, geboren 1950 in Toulouse, studierte Soziologie und arbeitete zunächst als Sportreporter für verschiedene Tageszeitungen. Später berichtete er für den Nouvel Observateur aus den USA. Er hat mehr als zwanzig Romane veröffentlicht und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Prix Femina und 2019 für „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ mit dem Prix Goncourt, dem bedeutendsten französischen Literaturpreis. Er zählt zu den wichtigsten französischen Autoren der Gegenwart.

dtv Verlag, Jean-Paul Dubois: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver.

www.dtv.de

  1. 1. 2021

sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

www.sirene.at/video/verbesserung-der-welt-7-die-verwechslung          www.sirene.at           www.wienmodern.at

  1. 1. 2021

Burgtheater online live: Die Maschine in mir (Version 1.0)

Januar 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Glück wird’s nicht Maertens Last Tape gewesen sein

Michael Maertens als Mark O’Connell mit Tim Cannons Unterarm-Implantat. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Wie man sich online und dennoch live ein Theater machen kann, haben bis dato Nesterval mit ihren Kreisky-Performances (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=42764, www.mottingers-meinung.at/?p=39561) deutlich gemacht. Nun ist das Burgtheater dran, das im Kasino Michael Maertens auf die Bretter schickt, mit der Produktion „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ des britisch-irischen Regie-Duos Dead Centre aka Ben Kidd und Bush Moukarzel.

Das mit dem „Auf die Bretter Schicken“ ist durchaus ein Bonmot betreffs des gezeigten Projekts. Auf niemand Geringeren als Shakespeare berufen sich Dead Centre im Gespräch, der Dänenprinz II.2: „Thine evermore most dear lady, whilst / this machine is to him, Hamlet“, ein Brief an Ophelia, eine Metapher des Menschen/-herz als Maschine.

Die sich Heiner Müller für sein Intellektstück zu eigen gemacht hat, und darum geht‘s auch hier: Intellekt vs Intelligenz vs Künstliche Intelligenz. Michael Maertens, nein, er tritt nicht auf, er erscheint auf dem Bildschirm. Ein „Hallo! Schön, dass sie da sind“ ans Publikum, ein „Es ist alles andere als ideal, wie wir uns hier begegnen“. Und ab geht es in die Untiefen des Live-Streamings, dieser Light-Variante des interaktiven Theaters, war doch die/der angemeldete Zuschauerin/Zuschauer vorab veranlasst, drei kurze Videos von sich aufzunehmen, drei Mal 30 Sekunden so tun als ob, dies der Inbegriff des Theaters, nun sieht man sich als eines der Gesichter auf einem der 100 iPads, mit denen Maertens „interagiert“.

Letzte Reihe? Frechheit! Da kann sich das Pressebüro warm anziehen! Ach was, es ist ja einerlei, vorm heimischen Bildschirm sitzt man sowieso erste Reihe fußfrei … Was die kommenden 50 Minuten leider nicht verhandelt, da kann einem der Maertens noch so treuherzig-tief in die Augen schauen, sondern lediglich zu diesem vorgetragen wird, ist das Thema Transhumanismus. „Man hört oft, dass das Theater ein sterbendes Medium sei und ich glaube, das stimmt auch – es ist das Sterbe-Medium, ein Ort, an dem wir gemeinsam in Echtzeit sterben“, sagt Maertens und freut sich darauf, dies die kommende Dreiviertelstunde via #Covid-Connection gemeinsam zu tun.

Der Sinn des Lebens, der Sinn des Todes, der Sinn dieses Abends? Dead Centre haben Mark O’Connells Bestseller „Unsterblich sein“ hergenommen, für den der Dubliner Autor das Uncanny Valley bereiste, um mit Tech-Millionären und angehenden Cyborgs die Digital Future dessen zu besprechen, was derzeit noch Fleisch und Dysfunktionalität ist. Dead Centres Denkansatz versteht sich, die Pandemie hat ein Körperproblem, genau genommen ist dieser mittlerweile Biohazard. Warum also keine Version 1.0 von sich hochladen? Mit einer Maschine verschmelzen, der Geist ohne den vor sich hin verrottenden Körper.

Wer Hörgerät oder Herzschrittmacher hat, sagt Maertens, sei ohnedies auf dem besten Weg zur Bionik-Person. Eingespieltes Gelächter im Kasino, weil wir ein solches schließlich aufgezeichnet haben. Wir sind die Roboter, daraus hätte sich eine Menge machen lassen, wird es aber nicht. „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ ist Vortrag, nicht Vorspiel einer gar nicht so weit entfernten Zukunft. Ein Erklärstück. Frontalunterricht. Michael Maertens ist sein Ich-Selbst und zeitgleich Mark O’Connells Alter Ego, der per Tablet milde auf seinen Darsteller blickt. So viel zur virtuellen und zur realen Existenz, und tatsächlich ist dies der spannendste und spaßigste Teil der Aufführung:

Bild: Marcella Ruiz Cruz

Bild: Marcella Ruiz Cruz

Maertens im Zwiegespräch mit O’Connell, der sein Mängel-Wesen über den ihn verkörpernden Schauspieler upgraden will. Jedoch: Christoph Waltz und Michael Fassbender, dieser als „Alien“-David sogar Androiden-kundig, blieben unerreichbar, also schlug das Burgtheater einen anderen Michael vor. „Scheiße, wer soll das denn sein?“, fragten sich beide Beteiligte über den jeweils anderen, bis einen „Bibi und Tina“-Exkurs später die Sache klar war. Der Charakterprofiler wird keine Figur hochladen, kein „O’Connell“ werden und sich in diesem Prozess verlieren.

Darüber hätte sich Diskurs gelohnt. Avatare, Humanoide, Hybride, Anthropomorphismus. Stattdessen wird die Liste all derer abgearbeitet, die der Autor bei seinen Recherchen getroffen hat. Tim Cannon, selbsternannter Cyborg und Kämpfer gegen körperliche Imperfektion – mittels Implantate, die er sich unter die Haut näht, beispielsweise eines, das seine Temperatur misst und nach dieser die Heizung reguliert. Maertens rezitiert Yeats‘ „Sailing to Byzantium“:Once out of nature I shall never take / My bodily form from any natural thing, / But such a form as Grecian goldsmiths make / Of hammered gold and gold enameling …“

Zum Gilgamesh-Epos wird er auch noch kommen, und zu Google-Mastermind Ray Kurzweils Whole Brain Emulation, der Kopf längst in den Datenclouds – Mindfiling machen wir schließlich bereits täglich in den Social Media. Sich schon mal selbst gegoogelt? Ist man, wer man meint? Fragt Maertens, allein in einem Theatersaal voller Technik, das Lockdown-stille Publikum. Sind Sie noch da? Sie könnten alle eingeschlafen sein! Auch dazu hat man ein Video gemacht. O‘Connells plärrendes Baby will Maertens nun „ausmachen“, der Bildschirm fällt und kriegt einen Sprung, daheim der Kater ob des unerwarteten Lärms einen Schreck.

Mit O’Connell (re.). Bild: Marcella Ruiz Cruz

Bild: Marcella Ruiz Cruz

Ein Live-Chat, seitlich rechts, wird eingeschaltet. Zur Absicherung vor der Einsamkeit. Zum Turing-Test. Keine Bange, wir sind echt, wir antworten menschlich auf Erkundigungen nach unserem Ende, freie Vorstellungskraft und schwache Rechenkünste, und Arcade Fire singen den Selbstabschaffungssong „My Body Is A Cage“. Beim Futuristen und Alcor-Boss Max More werden jetzt schon Körper kyrogenisiert, heißt: tiefgefroren, die Köpfe davor abgetrennt, Geistes-Gespenster im Sci-Fi-Limbus, 181 „Patienten“, die auf die Auferstehung in einer Brave New World warten. „Jesus!“, wie die Amerikaner nun ausrufen würden. Ein bisschen muss man an den eigenen, auf dem Tablet servierten Kopf denken.

Und apropos, Johannes und Salome: Es ist eine biblische Sünde, dass Dead Centre Michael Maertens nun erklären lassen, nur Männer hätten diesen Tick vom ewigen Leben. Martine und Bina Rothblatt und ihre Theorie der Transferred Consciousness, Natasha Vita-More von der technospirituellen Organisation Humanity+, Nadia Magnenat Thalmann von der Nanyang Technological University Singapur, Ayanna Howard von der Georgia Tech University, schon einmal von diesen Frauen gehört?

Auf Metaebene kann keiner applaudieren. Der so ambitioniert wie verloren wirkende Maertens wischt sich, in dieser Versuchsanordnung seines Spielvermögens beraubt, durch die Chat-Nachrichten. Maertens, der im Geflimmer um ihn stets die Contenance wahrt. Maertens, den auf seinem Parforceritt durch Futureland aber auch die Zweifel quälen, „ob er nicht schon zu viel gespielt habe“, und ist es doppelbödig bei dieser Art der Präsentation trotz aller Uhrzeit-Ansagen Zweifel an einer wie-auch-immer „Echtheit“ des Ganzen anzumerken?

Was einen an der zwischen philosophischer Reflexion und kritischer Auseinandersetzung unschlüssigen „Maschine in mir“ am meisten auffällt, ist das, was fehlt: Ein Theaterabend unplugged. Ein Schauspieler, eine Schauspielerin, Figuren, die leben, weil sie Wirkung erzeugen. Keine Daten-Sätze, ein Humanismus ohne Trans-, Geisteswesen samt Körper, ein Charakterdarsteller-Dasein. Das ist der Code. Das ist der beste „Technotrick“ der Bühne. Bis ein solcher wieder möglich ist, gilt es Quarantäne-Streams wie „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ ihren Achtungserfolg für Innovation zu gönnen. Dies wird nicht Maertens Last Tape gewesen sein, so ist mit Leib und Seele zu wünschen.

Teaser: vimeo.com/494125633           www.youtube.com/watch?v=-GaD-Fqs5G4           Dead Centre im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=HP5PmE0qVGU           www.deadcentre.org           www.burgtheater.at

TIPPS: Maria Arlamovsky: Robolove            Technisches Museum Wien: Künstliche Intelligenz?

  1. 1. 2021