Volkstheater: Verteidigung der Demokratie

Oktober 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalunterricht zu Zeitfragen

Nils Hohenhövel, Christoph Rothenbuchner, Thomas Frank, Birgit Stöger und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Theater findet nicht statt, nicht in dem Sinne, dass es Stück und Rollen gibt. Drama wird aber genug gemacht, und zwar mit einer deklamatorischen Aufgeregtheit, die dem thesenpapierenen Diskurs wohl etwas Leben einhauchen soll. Die Übung gelingt, zeigt der eine oder andere schwergewordene Kopf im Publikum, nicht gänzlich, „Verteidigung der Demokratie“ am Volkstheater ist wie Frontalunterricht zu Zeitfragen, erfordert fast zwei Stunden Höchstkonzentration, und das wird durch das Fehlen jeglichen Dialogs, jeglicher Spannungssituation nicht einfacher.

Dabei hat Regisseurin Christine Eder wie immer viel zu sagen, sie tut es in ihrer aktuellen Textcollage ausschließlich über Zitate, aus Reden, Aufsätzen, Artikeln, die sich mit Verfassung und Freiheit, Besitz, Markt und Politik befassen, und in denen das Demokratieverständnis auf dem Prüfstand steht. Der Titel von Eders von ihr so genannter „Politshow“ ist einer Schrift von Hans Kelsen entliehen, der Rechtswissenschaftler war Architekt der 1920 in Kraft getretenen österreichischen Verfassung, und dessen Biografie folgt der Abend umrisshaft.

Von seiner Vertreibung aus Österreich bereits 1929 über das Verunmöglichen seiner Lehrtätigkeit in der Schweiz durch nationalsozialistische Studenten bis zum Exil in den USA, wo Kelsen, nunmehr Professor in Berkeley, vor dem McCarthy-Ausschuss aussagen muss. Hierzulande wiederum kam es immer wieder zu antisemitischen Äußerungen über Kelsen, der umstrittene Hochschulprofessor Taras Borodajkewycz sagte, „Er hieß ja eigentlich Kohn“, was zu Demonstrationen und zum Tod Ernst Kirchwegers führte, erst im Vorjahr wiederholt der FPÖ-Politiker Johannes Hübner den Ausspruch, gab danach – nach „Totschlag-Kampagne“ und „beinharter Zerstörungsstrategie“ gegen ihn – den Rücktritt bekannt, sehr bedauert von Herbert Kickl.

Fünf Schauspieler, Thomas Frank, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner und Birgit Stöger, und vier Musiker, „Gustav“ Eva Jantschitsch, Didi Kern, Imre Lichtenberger Bozoki und Elise Mory, gestalten das Geschehen, und Rothenbuchner beginnt, kaum auf der Bühne erschienen, als Kelsen schon zu dozieren. Über Grundrechte, Kompromissfindung zwischen Mehr- und Minderheiten, über seine Reine Rechtslehre und seinen Glauben an den Staatssozialismus. Rothenbuchner macht diesen Kelsen bescheidwisserisch prophetisch zum Vehikel seiner Lebensthemen, alle längst vorformuliert und nun für die unwissende Zuschauerschaft wiedergekäut.

Kartonquader vor dem Zusammensturz: Symbol- wie Bühnenbild von Monika Rovan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Didi Kern, Elise Mory, Frank, Hohenhövel, Eva Jantschitsch und Imre Lichtenberger Bozoki. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rund um ihn reden andere Denker und Taktiker. John Locke, Friedrich von Hayek und Kelsens Schulfreund Ludwig von Mises, abgehandelt werden die Mont Pelerin Society, Maggie und ihr Thatcherismus, Michael Friedman und die Chicago Boys. Dass Kelsen 1973 gestorben ist, tut da nichts zur Sache, übrigens und apropos Chicago Boys im selben Jahr wie Salvador Allende, der chilenische Staatspräsident hier leuchtendes Vorbild für seinen Versuch, eine sozialistische Gesellschaft zu etablieren, schließlich von den USA und dem von ihr unterstützten Pinochet’schen Militärputsch in den Suizid getrieben.

Die Stoßrichtung ist also klar. Gegen latenten Faschismus und hegemonialen Neoliberalismus. Gegen den Laissez-Faire-Kapitalismus. Gegen Europa als Elitenprojekt. Gegen den „toxisch-patriotischen Hassatem“. Gegen die Verbotsgesellschaft. Die linke Faust kämpferisch in die Höh‘ gestreckt, wird gezeigt, auf welch tönernen Füßen Demokratie steht, wenn man nicht auf sie aufpasst, wie auf das Untergraben der Rechtsstaatlichkeit die Rechts-Staaten folgen, wie „präventive Sicherheitsgesetze“ die Grundrechte des einzelnen aushöhlen und so mit der Verfassung brechen.

Dazu gibt es als Symbol- das Bühnenbild von Monika Rovan, lose aufgestapelte Kartonquader, die schleichend entfernt werden, bis sie in sich zusammenkrachen. Oder von Thomas Frank umgerannt werden. Parallelen vom Historischen zum Heute – siehe etwa die ergebnislose Flüchtlingskonferenz von Évian 1938 – schafft Eder durch die slapstickartigen Anrufe ihrer Schauspieler bei der „Terrorhotline“ des „Bundesministeriums für Verteidigung der Freiheit und Demokratie“. Hier wird „besorgten Bürgern“ von „Experten“ erklärt, dass der „Gefährder“ stets dunkelhäutig ist und arabisch spricht, hier kann man wegen des „Flüchtlingsterrors“ den Ausstieg Österreichs aus der Menschenrechtskonvention fordern. Hier erfährt man, warum die Beschneidung ebendieser unabdingbar für die Aufrechterhaltung der Freiheit ist. Hier sagt Katharina Klar den unheimlichen Überwachungsstaatsatz „Waren Sie nicht auch auf der Demo gegen die Regierung?“ Dies just an dem Tag, an dem sich der Protest wieder formiert.

Wo „Verteidigung der Demokratie“ doch so etwas wie Emotion aufkommen lässt, ist in der Musik von „Gustav“ Eva Jantschitsch, die ihren Synthesizersound mit Referenzen an Delia Derbyshire oder Wendy Carlos speist. Wenn sie über den „Narzissmus der Gekränkten/vermengt mit Größenwahn“ singt, kann einem schon die Gänsehaut kommen. Wie schön wär’s erst gewesen, hätte sich Christine Eder, statt sich in die Materialschlacht zu begeben, darauf besonnen, dass Theater von Darstellen kommt. Mehr Performance statt Proseminar, das wäre Mehrwert statt Lehrwert. So aber brummt einem vom Gesagten und Widergesagten und Wiedergesagten in erster Konsequenz der Schädel.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2018

Landestheater NÖ: Der Revisor

Mai 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine Spinne im eigenen Lügennetz

Die Schauspieler als Kletterkünstler: Tim Breyvogel und Jevgenij Sitochin. Bild: Alexi Pelekanos

Beginnt die Beschreibung bei der Kulisse, so ein alter Rezensentenwitz, hat das in weiterer Folge meist nichts Gutes zu bedeuten. Nicht so am Landestheater Niederösterreich, wo Regisseur Sandy Lopičić und Bühnenbildner Michael Köpke mit der äußeren Form der Arbeit deren Innenwelt bloßlegen. Gogols „Der Revisor“ wird gegeben, und was fiele einem da zur Optik nicht alles ein.

Da ist im Wortsinn ein ganzes russisches Städtchen auf die schiefe Bahn geraten, haften sich dessen Bewohner gerade noch wie insektische Klebekünstler an der glatten Oberfläche an, während über ihnen der Chlestakow wie eine Spinne in seinem Lügennetz sitzt. Da wird geschlittert und geklettert, was das Zeug hält, und wer was Geheimes zu künden hat, agiert aus Luken aus dem Untergrund – wie Springteufel schnell wird daraus auf- und wieder abgetaucht. Hochmusikalisch ist Lopičićs Inszenierung außerdem, er selbst für die Arrangements zuständig lässt sich von Florian Fennes, Rina Kaçinari, Didi Kern und Imre Lichtenberger Bozoki unterstützen. Die, mit einer Art Commedia dell’arte-Masken, auch den einen oder anderen Dorfcharakter mimen, um ihren Mitbürgern die Flöten- (heißt in diesem Fall: Tuba, Trompete oder Klarinette) -töne beizubringen.

Lopičić versteht Gogols hinterlistige Komödie über betrogene Betrüger richtig als Groteske, er macht daraus eine Kasperliade, in der clownesk karikierte Gauner versuchen, einander mit ihren hysterischen Bestechungsversuchen zu übertrumpfen und zu retten, was noch zu retten ist. Was derlei reich an Slapstick und Klamauk ist, ist um reichlich Text ärmer. Lopičić lässt etliches davon weg, führt wenig Szenen bis zum Ende aus, die tiefere Bedeutung, das Maßgebliche dieser Parabel auf Korruption und Geisteskleinheit erschließt sich dennoch – dies immerhin eine Kunst, die nicht jeder schräge Bühnenspuk schafft.    

Auf die schiefe Bahn geraten: Jevgenij Sitochin, Tim Breyvogel, Michael Scherff, Josephine Bloéb und die Musiker. Bild: Alexi Pelekanos

Wer was Geheimes zu künden hat, agiert lieber aus dem Untergrund: Hanna Binder und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Vor der vielen harten Arbeit der durch die Szenerie turnenden Schauspieler, dem Tempo, dem Timing, vor Lopičićs gekonntem Feinschliff, gilt es den Hut zu ziehen. Tim Breyvogel gibt virtuos den insolventen Hochstapler, der sich für einen gestrengen Moskauer Beamten halten lässt, gekommen, um den moralischen Pegelstand im Städtchen zu vermessen, und der darob Panikreaktionen auslöst. Mit aufbrausender Süffisanz lehrt er vom Stadthauptmann abwärts alle Angst und Schrecken, wobei er selbst es ist, der fürchten muss, aufzufliegen. Breyvogel gelingt es im allgemeinen Tohuwabohu tadellos, die Ambivalenz seiner Figur zwischen hochfliegend und niedergeschmettert darzulegen.

An seiner Seite Jevgenij Sitochin als Ossip, Prototyp des schlauen Dieners, der zur Abreise mahnt, bevor alles zu spät ist. Michael Scherff brilliert als schmieriger Stadthauptmann, der so gern Tyrann sein möchte, aber von seinen Untergebenen unterspielt und wenig ernst genommen wird. Dazu agieren einwandfrei Katharina Haindl als seine seitensprungwillige Frau Anna und Josephine Bloéb als heiratswütige Tochter Marja, die den Revisor beide fest im Visier haben.

Und auch Tobias Artner und Hanna Binder können als Dobtschinski, Bobtschinksi (und flugs auch in alle anderen Einwohner verwandelt) ihr komödiantisches wie ihr akrobatisches Talent voll ausspielen.

www.landestheater.net

  1. 5. 2018

Volkstheater: Alles Walzer, alles brennt

Oktober 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der linken Faust zum rechten Arm

Thomas Frank, Jutta Schwarz, Jan Thümer, Katharina Klar, Steffi Krautz und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Jutta Schwarz, Jan Thümer, Katharina Klar, Steffi Krautz und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater brachte Christine Eder ihre Politrevue „Alles Walzer, alles brennt“ zur Uraufführung. Der Abend ist so etwas wie die kleine Schwester ihrer fabelhaften Arbeit über Heinz Rudolf Ungers „Proletenpassion ff.“, nur dass Eder diesmal präziser und konkreter auf die Jahre 1883 bis 1934 fokussiert. Jene Jahre, die also das Schlachtfeld Europa vorbereiteten. Und erst einmal ist man, bevor man sich zum satirischen Lachen zurücklehnen kann, schockiert wie sich die Themen gleichen.

Eder verwendet für ihre Collage Originaltexte von Zeitgenossinnen und -genossen, Kaiser Franz Joseph, Viktor Adler, Engelbert Dollfuß, Otto Bauer, Julius Tandler … Durch die Geschichte führen als im Wortsinn rote Fäden die Biografien von Adelheid Popp, Arbeiterkind, Sozialistin und Begründerin der proletarischen Frauenbewegung; Elisabeth Petznek, Tochter von Kronprinz Rudolf und überzeugte Sozialdemokratin, da der „roten Erzherzogin“ in der Kapuzinergruft keine Kränze gewunden werden, ist ihre Entdeckung die spannendste der Aufführung; und ein fiktives Dienstmädchen, das entlang des Lebens der Widerstandskämpferin und KZ-Überlebenden Rosa Jochmann entworfen wurde.

Der Sound ist Wienerisch, wozu nicht zuletzt die großartige Musik von Eva Jantschitsch beiträgt. Das Ensemble agiert hochmusikalisch, mit viel Lust auf Klamauk und Klamotte. Jan Thümer, der Vielspieler, der sich von Inszenierung zu Inszenierung als unverzichtbarer für das Haus erweist, changiert zwischen Trotteladel und Viktor Adler, ebenso Christoph Rothenbuchner, der sich einmal mehr auch als vorzüglicher Balletteuser erweist und einen zunehmend desillusionierten Otto Bauer gibt. Thomas Frank ist als Stimme des Volkes mal eine Art Bratfisch, mal ahnungsloser Gewerkschafter, vor allem aber auch ein gewichtiger alter Herr in der Hofburg.

Luka Vlatkovic, seit dieser Saison festes Ensemblemitglied, ist die Revolution in Fleisch und Blut übergangengen. Steffi Krautz spielt die Popp. Katharina Klar die Elisabeth und Jutta Schwarz, eine der Grandes Dames der Wiener Off-Szene, Kriegskind, 68erin, Theaterschaffende, die immer und so auch hier ihr Selbst in die Rolle einbringt, das Dienstmädchen, heißt: die Gemeindebaulerin. Nun ließe sich manches Sagen über Rap-Sessions vom Frank, der sich mit gefakter Goldkette als Ottakringer Elendsjugend sein Schicksal von der Seele reimt, über Agitprop meets musicalvienna und Christine Eders Talent dem Publikum die Ungeheuerlichkeiten des Lebens als Travestie zu servieren.

Luka Vlatkovic, Jan Thümer, Thomas Frank, Steffi Krautz und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Luka Vlatkovic, Jan Thümer, Thomas Frank, Steffi Krautz und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Jan Thümer, Luka Vlatkovic, Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Jan Thümer, Luka Vlatkovic, Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Doch unterm Strich, vor allem wenn ein Originalfilm die Errungenschaften der Sozialdemokratie preist, bleibt der Geschmack im Mund ein bitterer. Sehr schön etwa eine Szene, die zeigt, wie weit der bis heute gültige Nationalstolz Klimt-Schnitzler-Freud vom Volk entfernt war. Großes Gelächter, wenn Dollfuß wegen verlangter Wahlwiederholung das Parlament ausschaltet. So geht’s von der Forderung nach einer Gesamtschule über leistbare Wohnungen bis zur Gesundheitsreform. Vom Schattendorfer Urteil über Justizpalastbrand bis zur steigenden Arbeitslosigkeit. Die, die die linke Faust stolz emporreckten, werden bald den rechten Arm heben. Eine Partei wird ihren Grundsätzen untreu – und dies sogar noch ohne fadenscheinige Mitgliederbefragung. Die Zögerlichkeit der Linken öffnet der Rechten den Raum …

Ein Lehrstück. Eine verpflichtend sehenswertes.

www.volkstheater.at

Wien, 17.10. 2016

Werk X: Proletenpassion 2015 ff.

Januar 23, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Herz schlägt links und Blut ist rot

Claudia Kottal, Bernhard Dechant Bild: © Yasmina Haddad

Claudia Kottal, Bernhard Dechant
Bild: © Yasmina Haddad

Ich hatte einen Vorgesetzten, der meinte auf kritische Worte eines Mitarbeiters: „Ich sehe nicht, dass Sie an Ihrem Schreibtisch festgekettet sind. Sie können jederzeit gehen.“ Dem folgte ein Vorgesetzter, der die Gehälter langgedienter Mitarbeiter einkürzte mit den Worten: „Ich zahle Sie ja nicht fürs älter werden.“ Auch die wurden dann in weiterer Folge gegangen. Warum das hier steht? Weil die Leibeigenschaft abgeschafft ist. Weil man sich trotzdem selbst verkauft. Für die schönere Wohnung, das größere Auto, den Urlaub am weißeren Strand.

Im Werk X hatte die „Proletenpassion 2015 ff.“ von Heinz Rudolf Unger und den „Schmetterlingen“ Premiere. Eigentlich eine Uraufführung, denn Autor Unger und das neue Team rund um Regisseurin Christine Eder haben das Werk aus dem Jahr 1976 weitergeschrieben. Sich gefragt, ob es noch Klasse ist, zu kämpfen. Oder der Mensch aus Geschichte lernt. Worauf die Antwort ja klar ist: Nein. Die Macht ist in ihrem Zuhause geblieben, die Mittel ihrer Ausführung haben sich seit den Bauernkriegen verändert. Gerädert zu sein ist heute eine Eigenleistung des Untergebenen.

Wie weiland in der Arena ist der Abend ein Konzert mit Kontext. Gustav und Knarf Rellöm sind diesmal fürs Musikalische zuständig, Claudia Kottal, Tim Breyvogel und Bernhard Dechant spielen Szenen, erklären mit Witz, Ironie, Zynismus, was vor beinah 40 Jahren noch nicht erklärt werden musste. Sie holen sich die Lacher aus Eders Inszenierung ab, wenn beispielsweise die Erstürmung der Bastille wie ein Fußballmatch „übertragen“ wird. Alle spielen, singen, musizieren hier mit vollstem Enthusiasmus. Das macht Freude beim Zuschauen. Die „Proletenpassion“ ist ein Stationentheater. Von eben den Bauernkriegen über französische und Oktoberrevolution bis zu Faschismus, zu kurz Stalinismus, rein ins Jahr 2015: Mit seinen Hedgefonds, mit seinen Heuschrecken, Ungers Lieblingshorrorbild, dem Neoliberalismus, und – zum Glück sagt’s Knarf Rellöm: Pegida. Denn zu einer Theaterdemonstration, die sich Begriffserklärung auf die Fahnen geschrieben hat, gehört ein Exkurs über die Frechheit einer Grauslichkeit den Freiheitsruf „Wir sind das Volk!“ so zu vergewaltigen.

So sitzt man zufrieden in einer fetzigen, retrochicen Veranstaltung. Kartons auf der Bühne formen das Wort Revolution; Fahnen und Plakate ist genug da. Von „Vive la Commune“ über „Hannah Arendt lesen“ bis zu „Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten“ und – das schneidet ins Herz: „Euer Studium war geschenkt, unseres wird jetzt beschränkt“. Im Stück fällt der Satz, dass es unbegreiflich sei, wie widerstandslos sich die neue Generation die sozialen Errungenschaften wieder wegnehmen lässt. Schon mal wegen eines Sitzstreiks auf der Ringstraße vom Parlament Richtung der Sicherheit des Audi Max gelaufen, verfolgt von knüppelnden Polizisten? Ist noch nicht so lange her. Als für Studentenlinke auf die Straße zu gehen nicht bedeutete, einmal über die Gass’n von der ÖH hinein ins Büro in der Löwelstraße.

Daran wird nicht gerührt, an der Sozialdemokratie heute. Wes Brot ich fress‘ …

Da bleibt man lieber in der Historie, erzählt vom „System“, das immer schon an allem Schuld war, vom Ablasshandel, vom Hackler, der zum Lohnsklaven wurde, über die 1970er Jahre mit Kreisky, Schranz und Dradiwaberl. Fristenlösung, Vietnamkrieg, Sympathie für die RAF, die Arena-Besetzung. Zeit-Geister. Von der Gier nach Geld und den Spekulanten, die’s immer schon gab, deren Blasen regelmäßig platzen. Im Falle eines Falles: Manager nehmen alles. Dazu Videos, Ausschnitte aus Spielfilmen oder „Es war einmal … der Mensch“. Marx, Lenin, Krupp, Thyssen, Hitler  – Stalin kommen so schnell hintereinander vor, dass man beinah vergißt, dass links ist, wo der Daumen rechts ist. Der Unterschied? Ganz einfach: Kommunismus rangiert unter „Gute Idee, schlechte Ausführung“, Kapitalismus als Kampf zwischen Mensch und Markt. Der darf denn am Ende auch zu Wort kommen (Bernhard Dechant: wunderbar!), um Entschuldigung bitten – und um die Abschaffung der Politik, die ihm im unendlichen Wachstum nur Steine in den Weg legt. Komisch, dass hier niemandem eingefallen ist, dass der „Konsum“  längst eingegangen ist. Vielleicht haben die Dämpfe vom Rabattmarken- und Stickerpickerlkleben die Erinnerung daran vernebelt.

Fazit: Eine superreiche Elite steht gegen den Rest der Welt. Aber wir werden uns wehren. Wie seit 1525. Haha! „Wir lernen im Vorwärtsgehen“ ist das letzte (neue) Lied. Wohin bleibt offen. In die Jugendarbeitslosigkeit? Job um Job – das AMS ruft SOS? In die Altersarmut? Eine utopistische Veranstaltung. Oder es heißt wieder: AUF DIE PLÄTZE! Fertig! Los!

Die „Proletenpassion“ war immer schon work in progress. Das wird wohl auch bei dieser Fortführung so sein. Das Kompliment an alle Beteiligten ist, dass man – und das kommt dieser Tage am Theater eher selten vor – gerne noch eine Stunde (statt der zweieinhalb, selbst die „Schmetterlinge“ haben damals vier gebraucht) länger geblieben wäre, um mehr zu sehen, mehr zu erfahren, weniger aus anno Schnee, mehr über das Heute. Material von Unger ist nämlich  ausreichend vorhanden.

Und die wir wählten, verwandelten / sich in Säulen des Staates, in tragende.

Sie verhandelten und verbandelten / sich … und wir blieben Fragende …

http://werk-x.at

www.mottingers-meinung.at/heinz-rudolf-unger-im-gespraech/

Wien, 23. 1. 2015

Heinz Rudolf Unger im Gespräch

Januar 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Werk X: Proletenpassion 2015 ff.

Didi Kern, Elise Mory, Oliver Stotz, Tim Breyvogel, Knarf Rellöm, Imre Lichtenberger Bozoki, Gustav Bild: © Yasmina Haddad

Didi Kern, Elise Mory, Oliver Stotz, Tim Breyvogel, Knarf Rellöm, Imre Lichtenberger Bozoki, Gustav
Bild: © Yasmina Haddad

Am 22. Jänner wird im Werk X „Proletenpassion 2015 ff.“ uraufgeführt. Eine Fortschreibung des legendären Werks von Heinz Rudolf Unger und den „Schmetterlingen“. Denn Geschichte wird nicht nur gemacht, Geschichte wird auch geschrieben – und zwar zumeist nicht von den Armen, Unterdrückten und Mittellosen, sondern von jenen, die zumindest keine Gegner der herrschenden Macht sind. Der „Geschichte der Herrschenden“ eine „Geschichte der Beherrschten“ gegenüber zu stellen, das war der Anspruch des Autors Heinz Rudolf Unger und der Band „Schmetterlinge“, als sie bei den Wiener Festwochen 1976 ihre „Proletenpassion“ vorstellten. In insgesamt 65 Liedern wird die Geschichte der letzten 500 Jahre als eine Geschichte der Klassenkämpfe erzählt, an deren vorläufigem Ende nicht unbedingt der Sieg der Arbeiterklasse steht. Knapp 40 Jahre später macht sich Regisseurin Christine Eder gemeinsam mit Unger, Gustav und Knarf Rellöm daran, die Geschichte der Proleten erneut und aus zeitgenössischer Sicht zu untersuchen und bis in die Gegenwart weltweiter Proteste von Occupy bis Gezi fortzuschreiben: Wann kommt die Revolution? Kommt sie überhaupt? Können wir die Geschichte noch immer als Abfolge von Klassenkämpfen lesen? Die „Proletenpassion 2015 ff.“ untersucht klassisch marxistische Geschichtsauffassung aus einer postmarxistischen, zeitgenössischen Perspektive – und wagt am Ende keinen Ausblick, sondern eine Bestandsaufnahme der Gegenwart.

Der Autor im Gespräch:

MM: Die „Proletenpassion“ wurde 1976 im Rahmen der Wiener Festwochen in der Arena in der Regie von Dieter Haspel uraufgeführt. Die „Schmetterlinge“ spielten – und das Ganze mündete in der Arena-Besetzung. Wie war damals der Geist der über dem Abend schwebte?

Heinz Rudolf Unger: Völlig anders und nicht zu vergleichen mit dem neoliberalen Geist, der heute allüberall schwebt. Es gibt große Unterschiede zwischen den Menschen damals, es ist ja fast 40 Jahre her, und heute. Nun folgt im Werk X die  Proletenpassion 2015 ff.“ – und die Leute, die das jetzt auf die Bühne stellen, waren 1976 großteils noch gar nicht auf der Welt. Das ist das Faszinierende für mich, das Abenteuer, und gleichzeitig eine Kühnheit von denen, dass sie die Herausforderung annehmen. Das Team hat heute ganz andere Voraussetzungen als damals die „Schmetterlinge“, die ja zwei Jahre gebraucht haben, um das Ganze auszuarbeiten, mithilfe von großen Arbeitsgruppen, die dann verdichtet wurden – dichten kommt ja von verdichten -, und so wurden Berge von Material zu schmalen Liedzeilen. Die „Schmetterlinge“ hatten ein geistiges Hinterland. Es gab eine Studentenbewegung, es gab jede Menge Unterstützung und Neugierde und ein Umfeld, das den Geist in sich getragen hat, wohingegen das Werk X ein Theater am Stadtrand ist, das sich seine Umgebung noch erobern muss. Also, das sind ganz andere Voraussetzungen.

MM: Trotzdem ist man guten Mutes.

Unger: Ja, Harald Posch und Ali M. Abdullah haben sich das vorgenommen. Ich habe ihnen gesagt, das ist gefährlich und riskant, aber sie nehmen die Herausforderung an. Die „Schmetterlinge“ unterstützen sie auch. Georg Herrnstadt stellt ihnen Material zur Verfügung und berät sie auch, aber vieles wird anders sein als 1976. Es muss viel mehr erklärt werden. Die Menschen waren früher politisch bewusster, hatten eine Vorstellung, in welche Richtung sie die Welt verändern wollen, das ist alles vorbei. Das ist der Unterschied – und das Faszinierende an dem Projekt jetzt.

MM: „ff“ bedeutet, dass Sie die „Proletenpassion“ aber weiter geschrieben haben. Sie haben die vergangenen fast 40 Jahre im Text aufgeholt, aufgerollt.

Unger: Die „Proletenpassion“ ist in Stationen aufgebaut. Von den Bauernkriegen über französische und Oktoberrevolution bis zum Faschismus werden Herrschaftsstrukturen und soziale Fragen in einer Mischung aus verschiedenen musikalischen und literarischen Stilelementen thematisiert. Ein bisschen Kritik an der Sozialdemokratie war auch schon drin. Das wird jetzt natürlich von Regisseurin Christine Eder nicht alles eins zu eins übernommen. Es gibt neue Musiker, wie den Rocker Knarf Rellöm aus Hamburg oder „Gustav“ Eva Jantschitsch, neue Schauspieler, Claudia Kottal, Tim Breyvogel und Bernhard Dechant. Sie werden die historischen Abläufe darstellen. Die waren in der alten „Proletenpassion“ zwar angesagt, aber es war nicht notwendig die Dinge ausufernd zu benennen. Heute haben die jungen Leute, 20-, 30-Jährige, von vielen Sachen, die damals hochaktuell waren, natürlich keine Ahnung. Leider muss ich sagen. Die angesprochenen Probleme sind aber aktuell geblieben. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich noch weiter vergrößert, in einem Ausmaß, das damals noch gar nicht abzusehen war. Also: Es bleibt die Struktur der „Proletenpassion“ erhalten – und dann gibt es eine Kluft von ungefähr 40 Jahren, von der Uraufführung bis zum heutigen Neoliberalismus, die zu überbrücken war. Das habe ich getan.

MM: Die Arbeiterbewegung ist Geschichte, ebenso der Kommunismus, der Kapitalismus steht am Abgrund. Was war Ihnen aus diesen 40 Jahren, die Sie nun schreiberisch aufgeholt haben, wichtig herauszuarbeiten?

Unger: Der Kapitalismus ist nicht vorbei, sondern hat eine andere Form und eine viel größere Dimension angenommen. Es gibt zum Beispiel neue Liedtexte über Hedgefonds und die Wirtschaftskrise, über die so genannten Heuschrecken, Manager, die immer kaltblütiger und unverfrorener vorgehen. Genau zu der Zeit, als ich an dem Text gearbeitet habe, kam eine Nachricht in den Medien, dass ein New Yorker Hedgefonds den Staat Argentinien geklagt hat. Die haben, als Argentinien vor der Pleite stand, billig, als Schnäppchen, Staatsanleihen gekauft, die sie jetzt vor Gericht zum Nennwert einfordern. Das heißt: Argentinien würde im Falle einer Verurteilung finanziell ins Nichts fallen. Solche Dinge spielen sich ab – und die muss man in ein kleines Lied packen. Es gibt auch ein Spekulantenlied, der sinngemäß singt, wenn der Ölpreis sinkt, kaufe ich eben Gold oder Blutdiamanten. Diese Menschen, die mit uns reales „Monopoly“ spielen, die möchte ich anprangern. Ausbeutung hat es immer gegeben, aber die globale Dimension hat sich verändert. Es geht in der Welt um ein Match zwischen übermächtigem Reichtum und ohnmächtiger Armut.

MM: Sehr passend ist auch die Stelle, an der ein Mitarbeiter in seiner Firma so brav arbeitet, dass er sich selbst wegrationalisiert.

Unger: Das war sogar schon im Original drin und ist leider aktueller denn je. Die Arbeitsplätze werden immer weniger, Firmen wandern ab in „billigere“ Regionen. Den Preis zahlen die Menschen hier wie dort. Da kann die Politik nichts schönreden.

MM: „Kleiner Mann“ ist ein Begriff, den Sie verwenden. Es gab 1976 schon Proteste dagegen. Nun hat sich zwischenzeitlich eine Partei draufgesetzt und den Begriff in unliebsamen Zusammenhang gebracht. Die wahren Proletarier gibt es nicht mehr, der Begriff Prolet ist heute ganz anders interpretiert. Wie kann man damit umgehen?

Unger: Gegen den „kleinen Mann“ haben damals die Linksgruppierungen protestiert, alle möglichen Fraktionen, die’s da gegeben hat, wollten mitmischen, auch der Begriff Passion war ihnen nicht recht, weil er Leidensgeschichte bedeutet. Sie hätten lieber einen starken, proletarischen Helden als Protagonisten gehabt, nicht eine Geschichte, wo „das Volk“ immer draufzahlt. So ist es am Ende zwar nicht siegreich, aber die Handlung eigentlich richtig. Die „Schmetterlinge“ nannten ihre Musik dazu sogar ein Oratorium. Das Thema steht geradezu prägnant für heute: die Manipulation des Bewusstseins der Menschen. Heute halten sich laut Umfragen der vergangenen zwei, drei Jahre zwei Drittel der Menschen, die knapp über oder sogar unter der Armutsgrenze leben, für Mittelstand. Für den unteren Rand der Mittelschicht, aber Prolet würden sie nicht für sich als Bezeichnung wollen. Georg Herrnstadt hat dazu gesagt: Auch, wenn sie sich nicht als Proletarier erleben, sie sind welche. Auch die Prekariatsarbeiter sind ausgebeutete Proletarier. Da hat sich nichts geändert, außer dem Bewusstsein, was durch Manipulation durch Politik, Medien etc. passiert.

MM: Gibt es den stolzen Arbeiterstand nicht mehr? Gibt es nur mehr die, die in TV-Realitysoaps auf dem Sofa herumlungern? Ist das der Grund, warum niemand mehr für das Recht auf Arbeit auf die Barrikaden geht?

Unger: Durchaus möglich. Es kommt darauf an, dass man überhaupt erkennen kann, wer man ist, wo man steht und was auf einen einwirkt. Auch das hat sich in den vergangenen 40 Jahren verändert. Weil ich vorhin die Medien erwähnt habe: Das Bild ist als Informationsquelle immer mächtiger geworden, der Text ist in der Bedeutung immer stärker zurückgegangen. Das führt dazu, dass man eine immer oberflächlichere Sicht auf die Realität bekommt. Das geht alles sehr schnell an einem vorbei und ist auch sehr dünnhäutig, wenn man sich so umschaut. Dadurch wird man noch manipulierbarer. Uns geht es in der „Proletenpassion“ um Begriffsklärungen. Das ist eigentlich schon revolutionär genug: einen Begriff zu klären.

MM: Wie darf ich mir die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den heute Mitwirkenden vorstellen. Da sitzt Godfather Heinz Rudolf Unger umgeben von seinen „Kindern“?

Unger: (er lacht) Nicht so, ich lerne auch gerade eine Menge dazu. Ich war bei einigen Musikproben, wir sind immer in Kontakt. Christine Eder versucht die ökonomischen Entwicklungen über die Zeiten herauszuarbeiten. Das ist ihre Arbeit, damit habe ich nichts zu tun, ich bin der Textlieferant, und es ist sehr spannend ihr dabei zuzusehen. Ich bin vertrauensvoll, das neue künstlerische Team ist schon sehr gut. Sie machen das wirklich gut. Die „Schmetterlinge“ werden sich wundern, wenn sie ihre Lieder neu vertont hören. Für mich ist das ganz interessant, ich eigne mir gerade eine ganz neue Hörgewohnheit an.

MM: Das klingt alles so schön harmonisch. Hatten Sie und Christine Eder nie einen Generationenkonflikt, in dem Sinne, dass Begrifflichkeiten eine andere Wertung bekommen haben. Im Klartext: Haben Sie nie aneinander vorbei geredet?

Unger: Christine Eder kennt die „Proletenpassion“ seit sie fünf Jahre alt war. Sie wollte sie immer schon in einem zeitgemäßen Kontext inszenieren. Das hat sich mit dem Werk X wunderbar ergeben. Die Räumlichkeiten sind ganz passend. Für diesen Platz ist diese Arbeit ein Geschenk. Wir reden also, denke ich, in dem Sinne alle dieselbe Sprache.

MM: Ist es für Sie eine Bestätigung Ihrer Lebensarbeit, dass Sie 2015 wieder um Ihre politische Meinung gefragt werden? Oder sind Sie schon altersmilde geworden?

Unger: (er lacht wieder) Alt ja, milde niemals. Ich mache aber in letzter Zeit immer öfter die Erfahrung, dass Stücke, die ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert geschrieben habe, wieder gespielt werden. „Zwölfeläuten“ beispielsweise wird zwei, drei, vier Mal im Jahr produziert. Da kann man nur seinem früheren Ich gratulieren, dass man so was hingestellt hat. Bei der „Proletenpassion“ ist das so ähnlich. Wir haben Kontakte mit Leuten, die das auch spielen wollen. Wir graben also nichts aus, wie eine Zeitung geschrieben hat, wir haben etwas Neues geschaffen. Und das wird nach der Uraufführung an anderen Bühnen weitergehen.

MM: Um auf das Stichwort politische Meinung zurückzukommen …

Unger: Die ist, dass heute alles vernebelt wird. Es wird Angst geschürt, wie zur Zeit der Kreuzzüge, „das Fremde“ ist wieder Feind, das hatten wir auch schon, wir fürchten uns vor der Grippewelle in den USA … und so werden die Probleme der einzelnen Menschen wieder zweitrangig. Die „große Angst“, die nicht zuletzt die Medien schüren, überlappt natürlich Arbeitslosenzahlen. Wir sind doch diesbezüglich eh die besten in Europa, nur jeder Zehnte … das zentrale Thema wird schöngeredet. Derjenige, der sich fragt, wie überlebe ich ohne Arbeitsplatz, wird überhört.

MM: Sie haben im Gespräch durchklingen lassen, die jungen Menschen heute hätten in Ihren Augen keine Ideale mehr. Was kritisieren Sie?

Unger: Sie sind teilnahmsloser am gesellschaftspolitischen Geschehen. In Europa gab es einmal eine wache Generation von aufmüpfigen Studenten, das ist heute ganz anders. Heute muss man Ellbogen zeigen, straight sein, den Sinn des Händlers in sich entwickeln. Wer diesem Archetypus entspricht, ist auf der Welle, die heute gefordert wird.

MM: Was würden Sie sich vom Publikum 2015 wünschen? Soll es das Werk X besetzen? Gibt es eine Message an die Zuschauer?

Unger: Ich bin sehr gespannt, wie die „Proletenpassion 2015 ff.“ aufgenommen wird. Da kann ich nichts vorhersagen. In der Premiere werden wahrscheinlich nicht nur junge Leute sitzen, sondern wie in der Muppet Show meine Waldorfs und Statlers. Ich hoffe doch, dass der eine oder andere Wegbegleiter, von den Resetarits-Brüdern bis zu Erwin Steinhauer, zur Premiere kommt. Messages habe ich mehrere: Ich will die Verwirrung über gewisse Dinge entwirren. Beispielsweise, dass Kommunismus als Idee nicht unbedingt schlecht sein muss, nur weil er schlecht ausgeführt wurde. Eine gute Idee fürs Volk hört nicht auf eine gute Idee zu sein, nur weil sie von Machthabern (!), von Despoten verpfuscht wurde. Ich will, dass die Zuschauer erkennen, wie man den Begriff Demokratie von der Scheindemokratie, der maskierten Demokratie, die uns umgibt, löst. Wahlen sind keine Garantie für Wahrheit. Diese Begriffsklärungen müsste das Werk schaffen.

MM: Wenn Sie etwas an Österreich ändern könnten, was wäre das?

Unger: Schwer zu sagen. Wir leben im Auge des Taifuns. Alleine, das zu erkennen, dass wir in einer windstillen Zone sind und rundherum tobt der Sturm, das wäre schon eine wichtige Erkenntnis. Im Sinne von: Egal, wie gut wir jetzt dastehen mögen, die Verhältnisse gehören verbessert, jetzt, wo es möglich ist. Ein Appell an den Finanzminister. In Österreich wird Klassenkampf im klassischen Stil betrieben, wenn ich an die Steuerdebatte denke, wenn eine Partei sich so gegen die Gesamtschule wehrt, damit es nur ja verschiedene Abstufungen von Chancen gibt, wenn Studiengebühren erhoben werden … Da fällt mir vieles ein, das ich gern anders hätte.

MM: Wie geht es bei Ihnen jetzt künstlerisch weiter?

Unger: Ich habe im vergangenen Jahr Texte eben für die „Proletenpassion 2015 ff.“ und für Erwin Steinhauers Programm „Hand aufs Herz“ geschrieben. Ab dem 22. Jänner kümmere ich mich wieder um meine Themen. Aber über ungelegte Eier gackere ich noch nicht. Ach ja, es gibt noch etwas Neues von mir, noch eine Uraufführung: Ich habe für Dieter Haspel das Stück „Ein Kellner. Ein Gast. Eine Hure“ geschrieben, dass derzeit im Werkl Theater im Goethehof läuft (www.werkl.org). Es ist ein Maskenspiel, Personen, die ihre Identität vertauscht haben und damit dann fertig werden müssen. Mehr will ich nicht verraten.

 http://werk-x.at

www.heinz-rudolf-unger.at

Wien, 20. 1. 2015