Afonso Reis Cabral: Aber wir lieben dich

August 29, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sex & Drugs & Elendsmenschen

„Im Saal wurde ihr Name gebrüllt, sie hörte ,Gisberta, komm raus! Gisberta, wir lieben dich!‘ Als Gi mir das erzählte, zitterte sie. Alle riefen, begehrten sie. ,Das war schön, Junge.‘ Sie beugte ihre Schultern zu einer Pose, eine Erinnerung an Momente, niemals würde sie vergessen, wie das Publikum sie mit den Augen verschlang, wenn sie Marilyn war, mehr als die echte Marilyn. My heart belongs to daddy. … Erschöpft zog sie am Ende ihr Kleid aus, ließ es hinabfallen bis zu den Füßen, wie einen umgekehrten Heiligenschein. Und dann sahen sie ihr Haar über die nackten Schultern fallen, ihre wohlgeformten Brüste, ihre schmale Taille, die breite Hüfte. Und dann die enthaarte Scham und den Penis zwischen ihren Beinen. Yes, my heart belongs to daddy. … Erst als sie mir ein altes Foto zeigte, sah ich, dass meine Gi heute nur ein erbärmlicher Abklatsch war, von der damals auf der Bühne.“

In seinem jüngsten Roman „Aber wir lieben dich“ greift der portugiesische Autor Afonso Reis Cabral einen echten Kriminalfall auf. 2006 wurde in der Küstenstadt Porto die Transfrau Gisberta Salce Júnior von Jugendlichen aus einem Erziehungsheim mit sadistischer Brutalität erschlagen.

Erst gab es landesweit große Aufregung, dann passierte – nichts. Der Minister sprach von einem Einzelfall, die Justiz verhängte Jugendstrafen, immerhin: die „Jugendhilfeanstalt“ Oficina de São José wurde geschlossen, als der Prozess die dortigen Gewaltorgien und den sexuellen Missbrauch offenbarte.

Afonso Reis Cabral beleuchtet die Hintergründe des Verbrechens mit den Mitteln der schriftstellerischen Fantasie. In einer fiktionalen Vorbemerkung trifft er den nunmehr 29-jährigen Rafael Tiago, einen der Täter, der ihn in einem Brief um ein Buch über die Geschehnisse gebeten hat. Der Autor, so weit, so wahr, studiert Prozessakten und Presseberichte, interviewt Gisbertas Trans-Freundinnen, macht schließlich den 12-jährigen Rafa zum Ich-Erzähler – und entdeckt auf seiner Spurensuche „den Zusammenstoß zweier prekärer Welten, den Konflikt aller Beteiligten, die Folgen der Armut, dieses Wort, dass man nicht mehr benutzen will, aber weiterhin verwendet, die Balance zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Nichts Besonderes also …“

Den Postkartenansichten des pittoresken Altstadtviertels Ribeira zum Trotz, beschreibt Afonso Reis Cabral die „Dreckslöcher“ abseits der Touristenidylle, Stadterweiterungsgebiete, für die der Kommune das Geld ausging, Betonskelette aus rohem Zement neben Bauruinen, Schutt, Abfall, „verbotene Orte“, wie Nélson sie nennt. Derart ist die Gang schnell vorgestellt: der sein Kindheitstrauma mittels Rebellion gegen alles und jeden bekämpfende Rafa, der zerstörungswütige, sich abgebrüht gebende Nélson, der Schläger Fábio und Samuel, die sensible Künstlerseele, der die zerrüttete Welt der Jungs auf Papier festhält, Samuel, das Prostituiertenkind, denn Mütter haben die Fürsorgezöglinge allesamt, bettelarme, überforderte, drogensüchtige. „Mutterschaft war für sie ein steter Quell ungenießbaren Dreckwassers“.

Eines ihrer Quartiere, das die zum Sozialfall geborenen Jugendlichen täglich durchforsten, ist der Rohbau eines von den Investoren aufgegebenen Einkaufszentrums, „Pão de Acúcar“, also „Zuckerhut“, das, so Rafa, „zum Wohnheim für Menschen wurde, die in der Baustelle ihr eigenes Schicksal wiedererkannten“. Obdachlose, Junkies, Nutten – und mittendrin haust in einem elenden Verschlag ein bis auf die Knochen abgemagertes, androgynes Wesen, HIV-krank, geschwächt, schmutzig und mittellos, das jedoch mit brasilianischem Akzent, denn Gi kommt aus Übersee, die wunderbar traurigsten Geschichten erzählen kann.

Rafa ist abgestoßen und angezogen zugleich. Bringt Essen, Decken, was immer er selbst entbehren kann, repariert mit Gi ein weggeworfenes, reichlich ramponiertes Fahrrad, schrubbt sich danach im Wohnheim unterm heißen Wasser fast blutig vor Ekel – und ist doch morgen wieder da, um Gis Glamour-Storys von den Cabarets in São Paulo zu hören. Die Rückblicke auf ihre Glanzzeit helfen ihm einen tristen Tag nach dem anderen runterzubiegen, vielleicht, wer weiß?, fühlt er bei ihr so etwas wie erstmals Mutterliebe? „Bevor ich sie kennengelernt hatte, dachte ich, der ganze andere Scheiß sei das, was mich ausmachte und mit dem sich erklären ließe, was ich sei, aber dann trat Gi dort hinein, wo ich vorher gar nicht gedacht hatte, dass dort eine Lücke war, und machte mich zu einem anderen.“

Die Kalvarienberg-Stationen, zu denen die Kapitel aus Gisbertas Leben werden, kreuzen sich mit Rafas Bericht, zwei Beichten sind das, so nah entlang der Realität geschildert, die Frage, was der Mensch ist und was er zum Menschsein braucht, dass es einem so tief unter die Haut geht, wie die Nadeln, die Gi sich bald setzt. Von der Bühne geht’s ins Bordell, wo sie, als selbst da ihre Tage als zweigeschlechtliche Schönheit gezählt sind, mit der Kraft des Mannes den Rausschmeißer für lästige Freier und mit der Zuneigung einer Frau die „Tante“ für die Kinder der Kolleginnen macht.

Bild: pixabay.com

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In einer Art Besitzerstolz beschließt Rafa seine neue Freundin der Gang vorzustellen, und dann ist da Samuel, dessen Mutter Gi aus Zimmer 102 kannte, und ihn bereits als Baby. „Irgendwann strich ihm Gi mit der Hand über den Kopf, und er ließ diese Zärtlichkeit mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu, wie ich es niemals gekonnt hätte. Wie es nur jemand kann, der den Umgang mit Transvestiten von klein auf gewohnt ist. Mich traf es wie eine Pfeilspitze in den Kopf: So gestreichelt zu werden, war mehr, als die meisten vom Leben verlangen konnten.“

Das Glück, jemanden gefunden zu haben, für den man zählt, die Erfahrung, auch selbst etwas geben zu können, wird von Rafas Eifersucht zernagt. Hin und her gerissen zwischen Zuneigung und Verachtung, gebeutelt von Geltungsdrang und Gruppenzwang, gleitet Rafa ohne es zu merken in eine Abwärtsspirale des Bösen. Zurück zu den Wurzeln von Gewalt erzeugt wieder Gewalt. Denn der irre Fábio und sein Schlägertrupp treten an, um „das Unnatürliche“ auszumerzen. „,Zieht ihr die Hose runter, dann sehen wir, ob sie ein Mann oder eine Frau ist‘, sagte Fábio. Er zielte, versetzte ihr einen Tritt in den Magen und sagte: ,Es ist ein Typ!‘“

Gisberta überlebt das mehrtägige Martyrium nicht. Rafa und Samuel können ihr nicht helfen und treten unter dem Druck der Horde sogar selbst ein paar Mal zu. Afonso Reis Cabral schreibt dies nieder, ohne auf eine Zartbesaitetheit der Leserinnen und Leser Rücksicht zu nehmen. „Aber wir lieben dich“ ist ein grausamer Lesestoff, den man in seiner Intensität aushalten muss – und am Ende wird der, der Gi am meisten liebt, ihr den Gnadentod geben.

Im Anhang zitiert der Autor aus seinem Quellen. Der Público schrieb damals über die Leiche des toten Mannes und triefend vor Ignoranz gegenüber der LGBT-Community: „Was sich tatsächlich in dem verlassenen Haus abspielte, ist nach wie vor alles andere als aufgeklärt. Manche Zeugen berichten, es habe oft Streit mit dem Opfer gegeben. Einer der an der Tat Beteiligten bezeichnete ihn trotzdem als seinen Freund.“ Es sind diese blinden Flecken in der faktischen Wahrnehmung, die Afonso Reis Cabral mit der verstörenden Wucht seiner Fiktion füllt. Wobei er die Täter niemals mit einem Opfermythos verklärt, sondern ihrem Machtwillen als Mittel zum Überleben, zum Sich-seinen-Platz-Sichern in einer barbarischen Umgebung, ihrem Glauben an das Recht des Stärkeren durchaus Raum lässt.

Mit „Aber wir lieben dich“ ist Afonso Reis Cabral ein vielschichtiger Roman gelungen. Was auch eine simple True-Crime-Story hätte sein können, ist aus seiner Feder ein bewegendes Drama geworden, vor allem aber eine beunruhigende Parabel über die Abgründe der menschlichen Natur.

Über den Autor: Afonso Reis Cabral, 1990 in Portugal geboren, studierte Portugiesisch und Fiktionales Schreiben. Er veröffentlichte bereits im Alter von 15 Jahren seinen ersten Gedichtband. Für seinen Debütroman „O Meu Irmão“ (Mein Bruder) wurde er 2014 mit dem Prémio LeYa ausgezeichnet. Bei Hanser erschien 2021 sein zweiter Roman „Aber wir lieben dich“, für den er 2019 den wichtigsten portugiesischen Literaturpreis, den Prémio José Saramago, erhielt.

Hanser Verlag, Afonso Reis Cabral: „Aber wir lieben dich“, Roman, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Michael Kegler.

www.hanser-literaturverlage.de

Screening-Tipp: September Mornings/Manhãs de Setembro

Einfühlsam und dabei vollkommen pathos- und kitschbefreit erzählt die fünfteilige brasilianische Mini-Serie von der Transfrau Cassandra, die in São Paulo ihrem großen Traum nachhängt. Tagsüber unterwegs als Botenfahrerin für eine Service-App, verwandelt sie sich nachts in einen Club-Star, eine Sängerin, die vor allem den Songs ihres Idols Vanusa, einer brasilianischen Sängerin der 1970er-Jahre, frönt.

In Ivaldo hat sie einen so leidenschaftlichen wie treu ergebenen Lover gefunden, der um ihre Geschlechtsumwandlung weiß, eben bezieht sie ihre erste eigene Wohnung. Da steht eines Tages, gleich einem Gespenst aus der Vergangenheit, Leide vor der Tür, ein jugendsündlicher One-Night-Stand, nein, nicht von Cassandra, sondern deren früherem männlichen Ich Clóvis – und mit ihr der gemeinsame Sohn Gersinho. Leide ist obdachlos, unstet, ob ihrer Not eine Kleinkriminelle, und Cassandra sieht das alles. Doch wird sie das Herz haben, die Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen?

Manhãs de Setembro: Singer-Songwriterin Liniker als Transfrau Cassandra. Bild: © Amazon Studios

Cassandra wird zum Vater wider Willen: Mit Gustavo Coelho als Sohn Gersinho. Bild: © Amazon Studios

Lover Ivaldo weiß von Cassandras Vergangenheit als Mann: Thomas Aquino. Bild: © Amazon Studios

In Brasilien längst Superstar: Liniker, die Kämpferin gegen Gender-Diskriminierung. Bild: © Amazon Studios

Die Produktion für Amazon Prime Video ist ein wahres Fundstück, getragen nicht zuletzt von Singer-Songwriterin Liniker, die mit ihrem rauen, seelenfängerischen Timbre, dann wieder rekurrentem Falsett das Publikum in ihren Bann zieht. Liniker ist Transfrau, und hat sich neben dem als Musikerin auch einen Namen als unermüdliche Kämpferin gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung gemacht.

Das unprätentiöse Spiel des gesamten Casts gibt nicht nur einen authentischen Einblick in eine Welt, die sonst meist mit Federboas, Pailletten und „Tunten-Alarm“ gepimpt ist, sondern zeigt auch den täglichen Überlebenskampf der nicht mit Reichtum gesegneten „Paulistanos“. Und bemerkenswert ist, wie normal und ohne Ausrufezeichen die Beziehung zwischen Cassandra und Ivaldo beschrieben wird. Zu streamen in deutscher Sprache oder in Portugiesisch mit englischen Untertiteln. Unbedingt sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O3iE_imB_7s           www.amazon.de

  1. 8. 2021

Pablo Neruda: Dich suchte ich. Nachgelassene Gedichte

Januar 15, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sensationsfund nun in deutscher Sprache

Dich suchte ich von Pablo Neruda

Pablo Neruda gilt als einer der bedeutendsten Dichter der Weltliteratur. Mit „20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“ eroberte er die Herzen der Leser weit über die Grenzen Südamerikas hinaus. Vierzig Jahre nach Nerudas Tod wurden nun 21 Gedichte aus den frühen 1950er-Jahren bis zum Jahr 1973 im Nachlass des Literaturnobelpreisträgers entdeckt – darunter auch sechs neue Liebesgedichte. Die Witwe Matilde Urrutia hatte sie bei der Durchsicht des Œu­v­re übersehen, die nach Neruda genannte Stiftung sie schließlich entdeckt. Nun liegt die Lyrik im Band „Dich suchte ich“ auch in deutscher Übersetzung vor.

„Es war eine außergewöhnliche Reise ins Innere von Nerudas Dichtung, zurück zu ihrem Ursprungsmaterial. Durch die Arbeit mit den Originalen war man ganz nah am Puls des Dichters“, beschreibt Darío Oses von der Fundación Pablo Neruda seine Forschung. „Beim Eintauchen in seine Manuskripte hatten wir manchmal das Gefühl, als glitten Verswellen über das Papier, die bei ihrem Rückzug die verworfenen, korrigierten Wörter mitnahmen und eine immer vollendetere Version des Gedichts zurückließen.“

I. „Deine Füße fasse ich im Schatten, deine Hände im Licht, / und im Flug leiten mich deine Adleraugen / Matilde, die Küsse, die dein Mund mich lehrte, / lehrten meine Lippen das Feuer. / O Beine, Erbteil des idealen Hafers / Feldfrucht, Fortsetzung der Schlacht / Herz der Wiese, / als ich meine Ohren an deine Brüste legte, / verkündete mein Blut (eine Annahme, da unleserlich, Anm.) deine araukanische Silbe.“

Dass die Gedichte so lange verschollen blieben, mag daran liegen, dass Neruda sie mit und auf allerlei Schreibutensilien verfasste: Schulheften der 1950- und 1960er-Jahre, Blöcken in verschiedenen Größen, losen Blätter, und unter Verwendung verschiedenfarbiger Tinten. Oses: „Manchmal schrieb er auch auf den Speisekarten und Konzertprogrammen der Schiffe, auf denen er reiste. Seine Verse zwängen sich zwischen die Auswahl der Vorspeisen, der Hauptgänge, des Nachtischs und der Weine.“ Liebevoll zusammengestellte Faksimile im Angang des kleinen Bandes geben Auskunft über diese diffuse Herangehensweise ans eigene Schaffen. Ein Anmerkungsteil gibt jeweils Auskunft über Datierung und Situierung im Werk Nerudas.

IV. „Was reicht deiner goldenen Hand das singende Herbstblatt / oder bist du es, die Asche streut in die Augen des Himmels / oder schenkte dir der Apfel sein duftendes Licht / oder wähltest du die Farbe des Ozeans, / verschworen mit der Woge? …“

Bild: pixabay.com

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Einige wenige Gedichte scheinen ihren Weg nicht bis zu Ende gegangen zu sein. Vielleicht wollte Neruda sie deswegen nicht veröffentlichen. „Als hätten sie sich im Urwald der Originale versteckt, sich unter abertausenden Blättern, abertausenden Wörtern getarnt, um siegreich unentdeckt zu bleiben“, so Oses. In der Rückschau macht ihr Ausnahmecharakter sie besonders interessant, und nicht zuletzt aufgrund ihrer literarischen Bedeutung verdienten diese Gedichte zweifellos veröffentlicht zu werden, zeugen sie doch erneut von der Unerschöpflichkeit Nerudas‘ Dichtkunst – und erschließen neue Lesarten auf bereits Bekanntes, so dass sie eine Wiederentdeckung des umfangreichen Gesamtwerks ermöglichen.

In diesen nachgelassenen Gedichten entfaltet sich noch einmal der ganze thematische Kosmos des großen Literaten: die Liebe, das Feiern von Landschaft und Natur und auch die Sorge um sie, das politische Engagement Nerudas, der vor den Franco-Putschisten in Spanien und als unbequemer Politiker vor den Faschisten in Chile fliehen musste … Einige der Gedichte entführen auf eine Zeitreise. Großartig, wie der Dichter die Frühjahrsstimmung mit dem Bild eines Leguans einfängt, ebenso, wie er seine Abneigung gegen das Telefon in Verse gießt, tagespolitisch, wie er in einem Gedicht festhält, dass sich 1962 mit den russischen Raumschiffen „Wostok 3“ und „Wostock 4“ zum ersten Mal zwei Kosmonauten zeitgleich im All aufhalten. Und auch dies hier berührt:

XII. „Ich rollte unter den Hufen, die Pferde / gingen über mich dahin als Wirbelwind, / die Zeit damals schwang ihre Fahnen / und mit der studentischen Passion / kam über Chile / Sand und Blut der Salpetergruben, / Kohle aus harter Mine / Kupfer mit unserem Blut / dem Schnee entrissen / und so wandelte sich die Landkarte, / die Schäfernation warf sich auf / zu einem Wald aus Fäusten, Pferden, / und noch vor 20 empfing ich, / unter den Knüppeln der Polizei / das Pochen / eines weiten Herzens unter der Erde, / verteidigte der andern Leben / und lernte, es war meins / gewann Gefährten / die mich verteidigen, auf ewig / denn meine Dichtung empfing, / kaum ausgedroschen, / den Orden ihrer Leiden.“

Über den Autor:
Pablo Neruda (1904-1973), unermüdlicher Streiter gegen den Faschismus in seiner Heimat Chile und in Spanien, gehört zu den großen Autoren der Weltliteratur. Er war Botschafter Chiles in verschiedenen Ländern, bewarb sich um die Präsidentschaft in seinem Land und musste lange Jahre im Exil verbringen. 1971 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Von 2013 bis 2016 gab es Kontroversen um Nerudas Todesursache, Ermordung oder Herzversagen aufgrund seiner Krebserkrankung. Eine Expertenkommission kam zu keinem endgültigen Urteil. Nerudas Werk erscheint seit vielen Jahren im Luchterhand Verlag, darunter „Das lyrische Werk“ in drei Bänden und zuletzt ein Band mit Liebessonetten „Hungrig bin ich, will deinen Mund“.

Luchterhand Literaturverlag, Pablo Neruda: „Dich suchte ich“, Gedichte, 144 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange

www.randomhouse.de

15. 1. 2018

Kasino des Burgtheaters: Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe

November 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Heimathassliebe im Tanzgleichschritt

Tino Hillebrand, Tobias Wolfsegger und Marcus Kiepe. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist ein kühner Text, der Josef Winkler da gelungen ist. Ein Monolog von betörender Schönheit und grausamster Brutalität. Kraftvoll. Prosa, die wie ein Gedicht klingt. Die theatral gemachte Realität von Paternion. Vater – das Wort schwingt im Namen der Ortsgemeinde schon mit, einer Gemeinschaft deren Bestandteil Winkler kaum je war. Einen Brief, wird es am Ende des Textes heißen, hat er geschrieben:

„Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“, ersteres ein Dialektausdruck für jemanden schelten, mit Schimpf und Schande nach Haus schicken, zweites eine Zeile aus einem Gebet, uraufgeführt nun im Kasino des Burgtheaters. Winklers Schreiben entzündet sich von jeher an seinen Elternhauserfahrungen, es ist Heimathassliebe und fürbittende Vaterverachtung und die fehlende Mutterumarmung. Winklers Schreiben ist ein Lautgeben gegen das Verstummen, Verdummen und Schweigen, kollektiv wie individuell, und so fährt sein schonungsloser Stift auch diesmal entlang seines Lebensthemas. Versehrtheit durch Vergangenheit. Das betrifft sowohl die Vaterwatschn wie Mutters Nervenkrise, betrifft den Alltagsfaschismus im patriarchalen Kärntner Bauerndorf wie den dort herrschenden scheinheiligen Katholizismus.

Im Zentrum von „Lass dich heimgeigen, Vater …“ steht die Empörung des Ichs ob des Umstands, dass jahrzehntelang totgeschwiegen wurde, dass im Gemeinschaftsacker der sogenannten Sautratten der Massenmörder an den Juden Odilo Globocnik nach seinem Zyankali-Selbstmord von der britischen Besatzungsmacht einfach verscharrt worden war. Der „Globus“, der „Nazibluthund“ – „Zwei Millionen ham’ma erledigt!“, heißt es – als Lebensspender fürs Getreide, aus dem das tägliche Brot gemacht wurde, das verschlägt dem Autor später so das Essen, dass er fast bis zum Ableben abmagert.

Branko Samarovski, Marcus Kiepe und Leon Haller. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Liebe Vater! Böser Vater! Warum hast du geschwiegen, warum hast du es wohl verschwiegen, denn du mußt, wie all die anderen Dorfleute, wenn du uns deine Kriegserlebnisse und Kriegsabenteuer erzählt hast, vor allem zu Allerheiligen und Allerseelen, zu Ostern … auch auf der Feuchtwiese der Sautratten — du mußt es gewußt haben, gib’s zu, mein Vater …“ So beginnt die Anklageschrift.

In der sich Josef Winklers Kindheitserinnerungen und eben seines Vaters Kriegserfahrungen als Soldat und beider Entbehrungen mischen. Mit dem Onkel Franz, der bei der SS in Nürnberg „nur“ Schreibtischtäter war, und dem Onkel Hermann mit dem Hitlerbärtchen wird sich an diversen Feiertagstafeln ausgetauscht. Über gesunde Diktaturen und die Schweine-Russen und die noch viel schlimmeren Juden, ohne deren Selbstvernichtungstrieb man Stalingrad genommen hätte. Dazu die im Szegediner Gulasch rührende Mutter, in der guten Stube immer wieder verstorbene und aufgebahrte Großelternteile. Winklers Erinnerungsarbeit ist ein Schlachtengemälde, nie moralisierend, sondern maximal ausstellend, dabei privat mit politisch untrennbar verbunden. Strophen der Ungehorsamkeitsballade „Der Bauer schickt den Jockel aus“, die die einzelnen Textstellen einleiten, steigern die Non-Handlung ins Groteske.

Als wolle sie Winklers starke Sprachbilder nicht beschädigen, hält sich Regisseurin Alia Luque mit ihrer Inszenierung extrem zurück. Sie lässt im kahlen Saal spielen, erschafft ihn gleichsam neu als artifiziellen Raum, indem sie sich jeder realistischen Abbildung des Textes verweigert. Für fünf Schauspieler, Branko Samarovski, Marcus Kiepe, Leon Haller, Tino Hillebrand und Tobias Wolfsegger hat sie Bewegungsmuster erstellt. Eine Choreografie an Gängen und Gesten, einen Tanzgleichschritt als Winkler’sche Erinnerungsschleifen, kaum mehr ist ihr dazu aber eingefallen als Rennen durch den Regen und eine Anlehnung ans Ministry of Silly Walks. Währenddessen wird immerhin auf höchstem Niveau vorgetragen.

Branko Samarovski, Tino Hillebrand und Tobias Wolfsegger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Darsteller sind zu interpretieren als hypothetische Winkler-Alter-Egos, seine Sprach-Figuren, Wolfsegger der Knabe, Hillebrand der Handelsschüler, Haller der Jungautor, Samarovski der Schriftsteller im Jetzt, changierend zwischen einem Versuch von Altersweisheit und dem immer noch Aufbegehren. Marcus Kiepe nimmt die Sonderposition ein, als eine Skizze der in Winklers Text abwesenden, sich abwesend machenden Frauen.

Aus Kiepes (Ver-)Kleidung ergeben sich auch mögliche Vater-Mutter-Kind-Konstellationen. Tatsächlich ist er optisch wie schauspielerisch die Erscheinung des Abends, sein Agieren von großer Wahrhaftigkeit. Wie er mal wie somnambul, mal mit humoriger Süffisanz, mal mit plötzlicher Aggressivität durch die Sätze turnt, sie mal zerkaut wie zähes Fleisch, das will gehört werden. Seine Geste: eine einladende, ausladende, eine Umarmung andeutende.

Ganz wie die piksüßen, schwarzweißen Schlagersängerinnen, die über das einzige Requisit, einen alten Fernsehapparat, laufen. Dalida, France Gall, Milva, Melina Mercouri, Juliette Greco, Mireille Mathieu … Inwieweit diese Idee Luques sinnhaft gebraucht wird, wo der Konnex italienischer, französischer Musikshows zum „Vergib uns unsere Schuld“ eines Nachkriegsösterreichs sein soll, sei dahingestellt. Mitunter stören die geträllerten Chansons das konzentrierte Bühnengeschehen. Immer ekstatischer wird das Spiel, nicht nur Kiepe beherrscht das frontale mit dem Publikum, auch Hillebrand und Haller kokettieren giftig damit, wenn sie von zerstückelten Plastiksexpuppen und grün phosphorisierenden Kruzifixen erzählen, Samarovski sowieso gespenstisch gut, allerdings wenig gefordert, Tobias Wolfsegger eine Entdeckung, die auch mit zwei Tanzeinlagen parallel zum beschwingten Beschwichtigungs-TV glänzen darf.

Bei einem späteren Besuch im Elternhaus „kam der Onkel Peter mit meinem ersten Buch, auf dem ein Selbstmörder aus dem Dorf abgebildet war, aus dem Zimmer …, schlug der Onkel Peter neben meiner Mutter mein Buch mehrmals an seine Oberschenkel und rief: ,Sex und Kruzifix und Kruzifix und Sex! Abstellen! Abstellen! Er soll zu schreiben aufhören!‘“, berichtet Winkler schließlich zum Schluss. Das Kind, das einmal war, wird er in sich umbringen, dazu weiterschreiben müssen. Mit diesem grausigen Hoffnungsschimmer endet eine interessante, auch anstrengende Aufführung.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017