Diagonale: Michael Glawoggers „Untitled“

März 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sein künstlerisches Vermächtnis als Eröffnungsfilm

Bild: Filmladen/Lotus Film

Die Diagonale 2017 wird heute Abend mit Michael Glawoggers letztem Dokumentarfilm „Untitled“ eröffnet, mit jenem dokumentarischen Reiseessay, der den Filmemacher vier Monate und 19 Tage durch den Balkan, Italien, Nordwest- und Westafrika führte. Mehr als zwei Jahre nach seinem plötzlichen Tod im April 2014 hat seine langjährige künstlerische Wegbegleiterin und Editorin Monika Willi aus dem gedrehten, 70-stündigem Material und Glawoggers Reisetagebuchtexten einen Film gestaltet.

Das Prinzip dieser aufmerksam beobachtenden, mutigen und offenen Dokumentation nennt sich „serendipity“. Denn es ist eben dieser Glücksfall einer zufälligen, von Neugier getriebenen Beobachtung, der sich vom Dreh bis zum Schnitt durchzieht. „Der Film soll ein Bild der Welt entstehen lassen, wie es nur gemacht werden kann, wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt. Wenn man sich von nichts treiben lässt außer der eigenen Neugier und Intuition“, sagte Michael Glawogger noch über sein Opus Magnum. Heute fügt Monika Willi ergänzend hinzu: „Es war Michaels Furchtlosigkeit – oder besser: Angstfreiheit –, die es ihm und dadurch auch mir erlaubte, eine Art der Zusammenarbeit zu entwickeln, die im Schnittprozess eines Dokumentarfilms einzigartig war. Wissend, was er im Talon hatte, war er mutig und neugierig genug, mich das Filmmaterial in einem ersten Durchlauf ohne jegliche Anweisung schneiden zu lassen, um zu erfahren, was ich darin sah.“

„Untitled“ ist eine Reise durch die Welt, um zuzuhören, zu beobachten und zu erleben – mit aufmerksamen Augen, mutig und offen. Glawogger selbst ist in jeder Minute des Films präsent, aber kaum wahrnehmbar. Die Suche nach Filmtext führte über einige von Glawoggers Lieblingsautoren, William Faulkner, William T. Vollmann …, schon bald zu seinen eigenen Texten zurück, die er während der Reise als Blog geschrieben hatte. Er hatte sie ursprünglich nicht als Filmtexte gedacht, aber ihre poetische Kraft und der naturgegebene Bezug zu den gedrehten Sequenzen erwiesen sich plötzlich als einzig stimmige Textquelle. An einer Stelle ist seine Stimme zu hören, sie begleitet die Bilder und fiktionalisiert sie. Als wäre ihm daran gelegen, der Realität etwas Utopistisches, eine Phantasterei entgegenzuhalten.

Bild: Filmladen/Lotus Film

Bild: Filmladen/Lotus Film

Ganz kurz kann man Glawogger auch sehen. Gleich am Anfang, da scheucht er für die Aufnahmen einen Schwarm Vögel auf, der sich in einem Feld versteckt. Am Ende kehrt die Montage zu deren Himmelstanz zurück. Ein Leben, das nie zur Ruhe kommt, das immer neu und aufregend ist – davon hat der Filmemacher geträumt. „Untitled“ ist nun wie eine Umsetzung dieser Sehnsucht: Michael Glawogger ist auf ewig in seinem Material geborgen, aufgehoben in dem, was ihn als Mensch und Künstler bestimmte – dem Film.

Bild: Filmladen/Lotus Film

Zur Person:

Michael Glawogger wurde am 3. Dezember 1959 in Graz geboren. Nach der Matura studierte er am San Francisco Art Institute und danach an der Filmakademie Wien. Er arbeitete zunächst als Kameraassistent, später auch als Kameramann und schließlich als Drehbuchautor und Regisseur. Zwischen 1981 und 2013 entstanden Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme, die international vielfach ausgezeichnet wurden. In den letzten Jahren begann er auch literarisch zu arbeiten.

Sein Roman „69 Hotelzimmer“ erschien posthum. Michael Glawogger starb im April 2014 während der Dreharbeiten zu „Untitled“ in Monrovia, Liberia, an Malaria. Sein früher Tod unterbrach unter anderem Spielfilm-Projekte mit Autoren wie Sybille Berg, Eva Menasse und William T. Vollmann. Den Abschluss von Glawoggers „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie, „Hotel Rock’n’Roll“ stellte Michael Ostrowski fertig (ein Interview und eine Filmrezension dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=21535, www.mottingers-meinung.at/?p=21648).

 

www.glawogger.com           www.diagonale.at

Wien, 28. 3. 2017

Diagonale-Preis für Johannes Krisch

Februar 24, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Burgschauspieler wird für seine Filmarbeit geehrt

Johannes Krisch als „Jack“ in Elisabeth Schrangs Unterweger-Film. Bild: © Thimfilm

Der Große Schauspielpreis der Diagonale geht dieses Jahr an Johannes Krisch.

„Johannes Krisch lotet die Grenzen als Künstler aus und ist bereit, sie zu übertreten – mit Liebe, mit Leidenschaft und mit einer großen Vielfalt an schauspielerischem Können“, so die Begründung der Jury. „Er macht es sich nicht auf gewohntem Terrain bequem, sondern tastet sich in seiner Rollenauswahl in die dunklen Ecken vor.“

Preisverleihung ist bei der Eröffnung des Grazer Filmfestivals am 28. März.

Krisch, 1966 in Wien geboren und gelernter Tischler, wirkte in zahlreichen Filmen mit, etwa „Revanche“, „Freier Fall“, „Die Vaterlosen“ oder in Elisabeth Scharangs großartigem Unterweger-Film „Jack“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14486). Zurzeit ist er in seiner ersten Hollywood-Rolle in Gore Verbinskis Horrorfilm „A Cure For Wellness“ in den heimischen Kinos zu sehen. Seit 1989 ist Krisch Ensemblemitglied des Burgtheaters, wo er aktuell als Titus Feuerfuchs in Nestroys „Der Talisman“ auf der Bühne steht. Nächste Vorstellung ist morgen im Akademietheater.

www.diagonale.at

www.johannes-krisch.com

Wien, 24. 2. 2017

Raphael von Bargen im Gespräch

März 11, 2016 in Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt im Film „Thank You For Bombing“ und an den Kammerspielen „Menschen im Hotel“

"Menschen im Hotel" an den Kammerspielen: Sona MacDonald und Raphael von Bargen Bild: Jan Frankl

„Menschen im Hotel“ an den Kammerspielen: Sona MacDonald und Raphael von Bargen. Bild: Jan Frankl

Schauspieler Raphael von Bargen ist vielbeschäftigt: Am 11. März wird bei der Diagonale Barbara Eders Satire „Thank You For Bombing“ präsentiert, in der er den US-Kriegsberichterstatter Cal spielt (Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=17967). Ab 18. März läuft der Film in den Kinos. Am 17. März hat an den Kammerspielen Vicki Baums „Menschen im Hotel“ Premiere. In der Regie von Cesare Lievi schlüpft von Bargen in die Rolle des Baron von Gaigern. Zwei Rollen, denkt man, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch gibt es da etwas, das sie verbindet. Ein Gespräch über Dreharbeiten in Kabul, Leben im Krieg und was er aus den Menschen macht:

MM: Als ich das Gespräch vorbereitet habe, fiel mir eine Gemeinsamkeit zwischen dem Film „Thank You For Bombing“ und der Kammerspiele-Premiere „Menschen im Hotel“ auf: Wir unterhalten uns über ein Panoptikum vereinsamter, seelisch deformierter Menschen mit gestörtem Verhältnis zur Realität.

Raphael von Bargen: Das ist richtig, das betrifft grob alle Projekte, in denen ich die vergangenen 15 Jahre gearbeitet habe (er lacht).

MM: Lassen Sie uns mit Barbara Eders Film beginnen. Sie haben in Afghanistan gedreht. Welche Erfahrungen macht man da? Welche Eindrücke nimmt man mit?

Von Bargen: Der erste Eindruck war natürlich ein wilder. Barbara Eder wurde auf einem Hügel mit Steinen beworfen, von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen, und ist nur knapp ohne Verletzung davongekommen. Ein paar Tage zuvor hatte sich im Nachbarcamp ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, da hatte es Tote gegeben. Die Menschen schauen finster und man glaubt, in einem aggressiven Land mit einer unglaublich aggressiven Bevölkerung zu sein. Was aber relativ schnell zu lernen war, ist, wenn man grüßt, und zwar von meinem Herzen zu dir (er macht eine Handbewegung von seiner Brust zu der seines gegenüber), lachen auf einmal die Leute. Nur schauen, nur starren ist einfach sehr unhöflich. Ich habe Afghanen kennengelernt, die bezaubernd sind, sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Es gab auch mit den Amerikanern bizarre Begebenheiten, etwa als an einem Drehort plötzlich die CIA mit Black Hawk Helicoptern aufgestiegen ist oder wir von ihnen mit einem SUV quer durch Kabul verfolgt worden sind …

MM: Sie spielen einen amerikanischen Kriegsberichterstatter namens Cal.

Von Bargen: Und hatte vor Ort auch Gelegenheit mit Journalisten und Soldaten zu sprechen. Das sind Jungs, die sind ganz nett, aber auch brandgefährlich. Die leben den ganzen Tag in diesen Camps, haben keine Ablenkungen, keine Vergnügungen, das ist eine G1 Verordnung, und einen vielleicht beidseitig missverstandenen Auftrag. Das sind zum Teil Testosteronmaschinen, deren Laune nicht die beste ist. Einer hat zu mir gesagt, er würde am liebsten alles kurz und klein schießen – und dann natürlich: Just jokin‘, just jokin‘. Aber das gibt einem schon zu denken.

MM: Fragen sich die „Westmenschen“ in Afghanistan nie, was sie da eigentlich machen? Ich weiß schon, der Welt Gesetz und Ordnung geben, aber …

Von Bargen: Naja, nein, die fragen sich gar nichts. Es gibt keine Informationsquelle zu Afghanistan, die nicht irgendwie bearbeitet ist. In diesem Konflikt geht es nicht mehr darum, zu kommunizieren. Es geht nicht darum, sich mit diesem Land auseinanderzusetzen. Der Nahe Osten ist für mich von einer erschreckenden Bodenlosigkeit. Der Westen kommt in ein Land und diktiert wie die Dinge zu funktionieren haben. Wer bin ich denn, dass ich den Menschen dort sage, wie Zusammenleben funktionieren soll? Das ist eine Hybris, die kann ich nicht gutheißen. Dass ich auch nicht gutheißen kann, wie die Dinge in Afghanistan funktionieren, das steht auf einem anderen Blatt. Mit unserer Überheblichkeit werden wir das auch nicht ändern … nur durch eine lebendige Kommunikation. Aber seit dem Dreh hat sich die Gesamtsituation diesbezüglich natürlich geändert und verschärft …

MM: Sie meinen die Flüchtlinge, die auch aus Afghanistan kommen?

Von Bargen: Ja, und man muss nachfragen, warum die Situation in den derzeitigen Krisenländern so ist, wie sie ist. Warum ist Krieg? Warum fliehen die Menschen? Da lehnt sich einer der Hauptakteure, die USA, gerade ganz bequem zurück und berichtet einfach nicht. Meine Mutter lebt in Florida, die hat quasi Nachrichtensperre, die ruft mich in Österreich an, um zu erfahren, was los ist. Die Amerikaner konzentrieren sich jetzt auf ihren Wahlkampf, die wollen keine Störungen „von außen“, sind aber seit je „außen“ involviert.

MM: Das ist etwas, das der Film auch in der Figur des Cal thematisiert: Das Missverstehen und auch Missachten der anderen Kultur.

Von Bargen: Einerseits das. Der Titel des Films „Thank You For Bombing“ ist ja symptomatisch in der Figur verankert. Wir haben eine so hohe Reizschwelle, das heißt: ich brauche harte Bilder, um überhaupt noch wahrzunehmen, dass etwas passiert. Bei Kriegsberichterstattern ist das große Problem, dass die Medien sie nur noch als Freelancer beschäftigen. Also fahren einige Wahnsinnige, auch Vorbilder meiner Figur, auf eigene Kosten in den Krieg. Machen da Bilder, vollkommen geisteskrank, wo sich niemand hintraut, und ob sie Geld dafür kriegen, zeigt sich erst in dem Moment, in dem sie abliefern.

MM: Wie ordnen Sie Cal ein – zwischen der Pflicht zur Berichterstattung und Voyeurismus? Sympathisch ist er nicht.

Von Bargen: Natürlich nicht. Er hat kein normales Leben mehr, er ist abgestumpft, lebt aber auch in einem Rausch. Cal ist ein Adrenalinjunkie, er ist ein Idealist, das ist sein erster Zugang zum Beruf. Und so, wie die anderen Krieg betrachten und die afghanische Kultur betrachten, wird er zum Zyniker und beschließt, sein Umfeld bis aufs Blut zu reizen. Sein einziger Freund ist sein Fahrer, ein Mensch, zu dem er eine emotionale Nähe entwickelt, aber der Zahn wird Cal ja auch noch gezogen.

MM: Wer war der Kollege?

Von Bargen: Mohammad Jamil Jalla lebt tatsächlich in Kabul, er ist ein junger Regisseur und Schauspieler, ein faszinierender, junger Kollege. Ich mochte den sehr gern.

MM: Wie war die Arbeit? Es gab keine fertigen Dialoge?

Von Bargen: Nein, es gab keine Texte. Barbara hatte ein erstes Drehbuch, das wir immer wieder neu mit Szenen gefüllt haben. Wir haben über Ideen diskutiert, auch geblödelt, aber dann sehr ernst besprochen, was geht und was nicht. Wir hatten eine Szene, da zieht ein Kind auf dem Markt in Kabul eine Pistole. Die Situation in Kabul selbst strich diese Szene, denn wenn auf dem Marktplatz eine Waffe gezogen wird, sind die Folgen kaum absehbar. In Summe haben wir zumindest anfangs die Situation in diesem Land unterschätzt. So auf easy, weil wir sind ja Künstler, geht in Afghanistan gar nichts.

MM: Sehen Sie nun Nachrichten mit anderen Augen?

Von Bargen: Ja, ich sitze nun und denke mir, wer hat das gefiltert? Es gab, da waren wir noch in Afghanistan, einen Bericht auf allen Sendern, dass eine Stadt in der Nähe von Kundus von den Taliban überrannt worden wäre. Wie saßen beim Chef der dortigen CNN-Abteilung, da sagt ein junger Mann: Wieso, was soll da sein? Ich komme gerade von da, da ist nichts los. Dafür wiederum geschehen natürlich andere Dinge, von denen die Welt nichts wissen soll.

MM: Wie unfassbar zynisch das nun ist, dass Afghanistan zum sicheren Rückreiseziel für Flüchtlinge erklärt wurde.

Von Bargen: Ja. Unwissenheit ist mitunter ein Segen. Wobei es sicherlich weit weniger dramatisch ist in Afghanistan als in anderen Ländern. Ich glaube nicht, dass sich die Komplexität dessen, was sich in Kriegsgebieten abspielt, irgendeinem Normalsterblichen erschließt. Das ist in der Gesamtstruktur zu kompliziert. Nur zu sagen, da ist etwas befriedetes Gebiet und jetzt ist auch gut, ist zu wenig, das wird nichts ändern. Derzeit baut sich alles so massiv auf, man sollte also nicht daran arbeiten, Feindbilder zu schaffen, sondern einander einmal zuzuhören. Berichterstattung reduziert sich auf die Belastbarkeit einzelner Menschen. Ob ich das global sehe oder als Konflikt in einem Dorf – es reduziert sich auf Menschen, die miteinander eine Geschichte haben und erleben.

MM: Die Geschichte von zwei Menschen erzählt auch „Menschen im Hotel“.

Von Bargen: Es sind Figuren, die mit ihren Sehnsüchten im Stück auf dem Vulkan tanzen. Es ist ein heftiges Stück.

MM: Das auch im Krieg – oder der Zeit zwischen den Kriegen handelt. Sie spielen Baron von Gaigern.

Von Bargen: Eine einst gutsituierte Persönlichkeit, in dessen Leben einiges schief gelaufen ist. Es wird erzählt, dass er als Soldat in Frommelles, einem blutigen Gemetzel, im einzigen, in dem auch Hitler als Meldegänger war, eingesetzt war. Das alles hat ihn geprägt, er ist traumatisiert, sagt aber, wenn das nächste Mal Krieg ist, geh‘ ich wieder hin. Er ist ein Spieler, ein Extremsportler, der den Nervenkitzel braucht, er becirct Frauen, aber nicht ohne diese gewisse Todessehnsucht. Und dann trifft er diese Frau, Sona MacDonald als ehemalige Balletttänzerin Grusinskaja, deren Schmerz etwas so Existenzielles hat, das es ihn anrührt. Da besinnt er sich, dass er eigentlich ein Ehrenmann ist. Und er verliebt sich wirklich in ein Bild, das ihn spiegelt.

MM: Er erkennt, hier ist kein Spiel mehr möglich, hier wird bar bezahlt. Große Gefühle, schluchzende Geigen. Autorin Vicki Baum wird unterstellt, Trivialliteratur geschrieben zu haben.

Von Bargen: Ich finde das nicht. Ich habe das Buch wirklich gerne gelesen. Es ist eine Zeitbetrachtung, eine sehr klare Zeitbetrachtung. Es ist nicht Boulevard – oder Pop-Literatur würde man heute sagen. Natürlich ist die Sprache ein wenig manieristisch, aber die Psychologie, die sie in die Figuren steckt, ist großartig. Die sind extrem vereinsamt, extrem verinselt in ihrer Zeit. Diese merkwürdige Zeit des Umbruchs, dieses Nicht-Wissen-Wohin in diesem Hotel, das hat sie ganz toll beschrieben. Das Hotel ist Fassade, im doppelten Sinne, und daran zerbrechen die Leute letztlich.

MM: Es gibt ein Zitat: Man kommt an, man bleibt ein bisschen, man reist ab …

Von Bargen:  … hundert Türen auf dem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt. Die besagte Vereinzelung der Figuren und der Fatalismus des Arztes Otternschlag . Das passt übrigens auch zu „Thank You For Bombing“.

MM: Wie ist die Inszenierung?

Von Bargen: Cesare Lievi versucht keine Radikalisierung des Materials auf Biegen und Brechen, aber er legt schon auch den Finger in die Wunde unserer Zeit. Er nimmt den Text sehr ernst, er sieht die Figuren von ihrer existenziellen Not getrieben, von ihrer Sucht zu Wirken und ihrer Sehnsucht nach Erlösung. Wenn uns das gelingt, dann sind wir richtig, dann ist es ein sehr tragisches Stück. Was ich beispielsweise sehr gerne mag, ist, dass es nirgendwo blumig ist. Sehnend ja, verzweifelt ja, aber nie blumig. Es werden andauernd Erwartungen angehoben und auf ihrem Zenit zerschlagen. Als wollte Vicki Baum sagen, man kann vom Leben nur dann nicht enttäuscht werden, wenn man sich mit den Enttäuschungen des Lebens abgefunden hat. Die Charaktere  hoffen, in ihrem gegenüber, im Morgen Glückseligkeit zu finden. Und kaum haben sie einen Schritt darauf zugemacht, kommt garantiert das Schicksal, der Umstand, das Leben …

MM: Es gibt zwei Filme …

Von Bargen: Und auch unsere Arbeit wird in weitestem Sinne filmisch. Das entspricht dem Fluss, den der Roman hat. Man wird von Szene zu Szene geführt, in einem Raum, den nur die Behauptung des Spiels zu einem anderen macht. Das Hotel atmet, es setzt unter Stress, man wird gesehen und versucht zu verheimlichen, das ist ungefähr die Temperatur.

MM: Was macht den Reiz aus, das zu spielen?

Von Bargen: Dass dieser Baron von Gaigern mehrere Rollen spielt, dass er scheinbar nur aus Fassaden besteht. Er ist vieles gleichzeitig, und jedes Mal, wenn jemand anderes auftritt, ist er ein anderer Mensch. Dem versuche ich mit meiner Darstellung gerecht zu werden. Eigentlich kann man bis zum Schluss nicht wissen, was das für ein Typ ist. Bis ihm die Nähe zu einem Menschen die Maske abreißt. Ich glaube, dass das den Zuschauern sehr nahe gehen kann. Cesare macht es einem sehr leicht, sich einzulassen. Wer von uns trägt schließlich keine Maske?

www.josefstadt.org

www.thankyouforbombing.com

Wien, 11. 3. 2016

„Maikäfer flieg“: Gerald Votava im Gespräch

März 4, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Annäherung auf Zehenspitzen

Gerald Votava mit "Feldwebel" Ivan Shvedoff Bild: © Oliver Oppitz

Trost für den Besatzer: Gerald Votava mit „Feldwebel“ Ivan Shvedoff
Bild: © Oliver Oppitz

Er ist der Eröffnungsfilm der Diagonale am 8. März und kommt am 11. März in die heimischen Kinos: „Maikäfer flieg“, entstanden nach dem autobiografischen Roman „Maikäfer, flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“ von Christine Nöstlinger. Filmemacherin Mirjam Unger hat die Erinnerungen der Autorin an eine Kindheit im Krieg gemeinsam mit Sandra Bohle für die Leinwand adaptiert. Zita Gaier spielt die junge Christl, Ursula Strauss die Mutter, Gerald Votava den Vater – und er besticht mit seiner „einfachen“ Darstellung eines offenbar sehr bemerkenswerten Mannes. Ein Gespräch über Christine Nöstlinger und ihren Vater Walter Göd, Brad Pitt am Set und die eigene Ehefrau als Regisseurin:

MM: Sie sind bei diesem Projekt der Vermittler zu Christine Nöstlinger. Wie kam’s?

Gerald Votava: Wir haben vor einiger Zeit im Rabenhof das Stück „Iba de gaunz oamen Leit“ gespielt und sie war bei der Premiere persönlich anwesend. Da haben wir einander kennen gelernt, geplaudert und ich war gleich verliebt. Mirjam war bei dieser Theaterproduktion natürlich am Rande dabei und hat dann das Maikäfer-Buch hervorgeholt. Die ganze Familie hat’s gelesen und für sehr verfilmungswürdig befunden. Ich habe Christine Nöstlinger angerufen und ihr das erzählt und sie meinte nur: „Des haben andere a schon probiert.“ Es gab offenbar schon zwei Versuche, beide gescheitert …

MM: Hat Frau Nöstlinger Ihren Film schon gesehen?

Votava: Ja, ich habe aber noch nicht mit ihr darüber gesprochen. Ich habe ein Interview gelesen, da sagt sie: „Er ist eh ned so schlecht.“ Das macht mich glücklich, das klingt nach einem Lob.

MM: Sie spielen im Film Christls Vater Walter Göd. Frau Nöstlinger dürfte zu ihm ein besonderes Verhältnis gehabt haben, er ist im Buchtitel ja auch direkt angesprochen. Welch eine Verantwortung diese Rolle zu gestalten!

Votava: Da nähert man sich auf Zehenspitzen! Ich bin viel bei Christine Nöstlinger gesessen und habe mir von ihm erzählen lassen. Und bald war klar, da wird eine große Veränderung notwendig sein, um diesem Erscheinungsbild nahe zu kommen. Der Mann war an der Russlandfront, wurde verletzt, kam ins Lazarett, ist daraus desertiert, weil er in Österreich bleiben und nicht nach Deutschland verlegt werden wollte … Das ist schon eine Lebensgeschichte. Christine schildert ihn davor als ziemlichen Feschak, dem im ganzen Bezirk die Frauen nachgeschaut haben. Dem allem wollte ich äußerlich gerecht werden. Technisch durch Ernährungsumstellung und Training. Dabei konnte ich auch gleich das Hungergefühl kennenlernen.

MM: Und „innerlich“? Was haben Sie da erfahren? Sie spielen ja einen sehr überlegten, abwartenden Mann, einen stillen Beobachter der Szenerie …

Votava: Christine Nöstlinger erzählt vor allem, dass er ein Papa war, der da war. Auch schon vor dem Krieg, Er hat bei seinen Kindern beispielsweise die Windeln gewechselt, das war für einen Mann dieser Generation sicher eine Besonderheit, Vaterschaft so zu verstehen. Das muss ein unglaublicher Mann gewesen sein. Mir kam außerdem zugute, dass ich auch beim Militär war, weil ich vor der Zivildienstkommission nicht bestanden habe, durfte ich beim Bundesheer in Baden lernen, wie man ein Geschütz bedient. Ich konnte mich also auch ganz gut da reindenken, in den kriegerischen Wahnsinn, in dem sich die Familie befindet.

MM: Es gibt eine ganz starke Szene. Da gehen einem russischen Feldwebel die Nerven durch und der Vater wiegt ihn in den Armen wie ein Kind, flüstert ihm beruhigende Sätze ins Ohr – und der Mann ergibt sich seinen Vorgesetzten. So rettet der Vater die brenzligste Situation im Film.

Votava: Und in der Realität. Er hat im Krieg russisch gelernt und das nützt er jetzt, um die Frauen und Kinder zu retten. Sie haben recht, er war wohl einer, der erst geschaut und dann reagiert hat. Alles, was meine Figur ist, die Definition dieser Rolle, kommt von Christine Nöstlinger. Ich habe sie sehr konkret nach Situationen gefragt und wie er da reagiert hat. Und so wie sie mir das erzählt hat: Der Mann hatte einen zynischen Humor, er hat viel gelesen, Hermann Hesse, was damals sehr ausgeflippt war, war Jazzliebhaber, …

MM: Weshalb im Film entweder Radio BBC läuft oder das Grammophon spielt.

Votava: … der war vorn, seiner Zeit voraus, in vielerlei Hinsicht. Ich hätte den sehr gerne kennengelernt. Der Vorteil für mich, einen Vater zu spielen, ist, dass ich der Figur relativ offen gegenübertreten konnte, weil ich ohne Vater aufgewachsen bin und auch nicht von Ersatzvaterfiguren umzingelt war. Ich komme aus einer sehr weiblichen Familie, dadurch hatte ich viel Platz zum Füllen.

MM: Sie sind nicht nur einer der Hauptdarsteller, Sie haben an der Produktion auch dramaturgisch mitgearbeitet?

Votava: Meine Funktion war sozusagen Rückmeldung. Ich habe die Buchfassung von Sandra Bohle und Mirjam Unger als erster gelesen und was dazu gesagt. Ich bin mit „Maikäfer flieg“ von Grund auf und in jeder Position beschäftigt gewesen und es ist ein großes Herzensprojekt.

MM: Wie ist arbeiten mit der Ehefrau als Regisseurin. Weil Sie vorher sagten „Hungergefühl“, hat sie Ihnen nichts zum Essen gegeben?

Votava: Mir geht’s mit Frauen prinzipiell sehr gut, weil ich ja ohne Männer aufgewachsen bin, bis auf den Opa. Mir ist es aber relativ wurscht, ob einer Mann oder Frau ist, ich schätze gute Arbeit und gute Menschen. Mir geht’s darum, dass man sich gemeinsam auf eine Vision einlässt. Da funktioniert die Zusammenarbeit mit Mirjam Unger natürlich sehr gut, weil wir einander lange kennen und sehr vertraut sind. Da ist „Wie spricht man miteinander?“ kein Thema, weil wir das eh täglich tun. Das ist schon super.

MM: Und der Hunger?

Votava: Ich weiß, jeder sagt mir, ich bin sehr schlank geworden und jetzt reicht’s. Ich wollte aber sowieso abnehmen, also kam mir das ganz recht. Als Schauspieler muss man bereit sein, in extremere Zustände zu gehen, und im Krieg hat’s nichts zu essen gegeben, also wollte ich hungern, um diesen Zustand nachvollziehen und spielen zu können. Das ist definitiv eine ganz wichtige Facette in einem Krieg und in unserem Film. Die Diät machen war für mich eine gute Erfahrung: Damit zurechtzukommen, wenn dieser Grant hochsteigt und man muss trotzdem freundlich bleiben. Walter Göd war sicher kein Mensch, der seine schlechte Laune an anderen ausgelassen oder geraunzt hat … Wer weiß, spiel‘ ich bald einen, für den ich zehn Kilo zunehmen muss, dann schau‘ ich wieder anders aus.

MM: Wie war’s mit den russischen Kollegen am Set? Mit Konstantin Khabensky als Cohn hatten Sie ja einen richtigen St. Petersburger Schauspielstar.

Votava: Der uns in jeder Drehpause von seinem guten Freund Brad Pitt erzählt hat. (Er lacht.) Das war lustig, am Set war’s sehr nett. Ich habe auch ein wenig russisch gelernt, auch Verständnis für die russische Seite des Krieges bekommen. Das war sehr interessant. Ivan Shvedoff, der Darsteller des Feldwebels, mit dem ich im Film die große Auseinandersetzung habe, ist am Abend oft mir mit zusammengesessen. Denis Burgazliev, der den Major spielt, ist dazu gekommen … Ich habe mich sehr gefreut, über diese Begegnungen. Man lernt sich kennen und verstehen – so muss es damals auch gewesen sein. Und dann natürlich Ursula Strauss, mit der ich immer wieder gern arbeite. Die hat wirklich was abgeliefert, halleluja!, es war eine große Freude ihr Filmgatte zu sein.

MM: Sie haben noch zwei Projekte am Start „Kater“ von Händl Klaus …

Votava: Ja, das ist eine gute Anekdote. Klaus hat mich angerufen: Die beiden Hauptdarsteller Lukas Turtur und Philipp Hochmair sind ja Mitglieder eines Orchesters, und da soll einer einen Witz erzählen, was wohl nicht geklappt hat. Also sollte ich das machen und aus dieser kleinen Szene ist dann meine Rolle Max entstanden. Ich bin einer im Umfeld dieser Beziehung, um die sich der Film dreht. Das waren auch schöne Dreharbeiten.

MM: … und „Hotel Rock’n’Roll.

Votava: Das rockt! Das ist ein Film von Michael Ostrowski und Helmut Köpping, bei dem Michael Glawogger noch am Drehbuch gearbeitet hat. Mit den üblichen Schauspielern Pia Hierzegger, Georg Friedrich, Detlev Buck, Hilde Dalik … Diesmal übernehmen wir ein total abgesandeltes Hotel. Ich freu‘ mich schon sehr, wenn der Film rauskommt.

MM: In meiner Wahrnehmung machen Sie seit einiger Zeit vermehrt Film. Ein Ausgleich zur One-Man-Bühnenshow?

Votava: Ich bin immer gern mit Menschen. Das ist für mich das höchste, wenn eine Gruppe zusammenkommt und gemeinsam was macht. Es hat beides was, aber die Filmarbeit hat etwas, wo ich das Gefühl habe, da bin ich jetzt richtig.

MM: Das heißt, auf einen Nachfolger von „Narzissmus und Tiere“ werden wir warten müssen?

Votava: Ja, schon noch … Ich steh‘ derweil mit der „Familie Lässig“ auf der Bühne. Aber Filme machen und bis ins kleinste Detail etwas zu erzählen und das dann auf der großen Leinwand sehen, das hat schon Magie.

MM: Welche Magie soll sich bei „Maikäfer flieg“ auf die Zuschauer übertragen? Sie verstehen, das ist die Frage nach der „Message“.

Votava: Ich finde es immer ganz gut, wenn ein Werk für sich steht, ich bin nicht so für Begleittexte. Die Themen im Film sind selbsterklärend, sehr heutig, leider – der Krieg, Fliehen und Verstecken müssen. Der Moment im Film ist ja der, an dem der Krieg vorbei ist und „wichtige“ Menschen in Konferenzen sitzen und die Welt unter sich aufteilen. Wie sehr das 2016 ist, muss ich, glaub‘ ich, nicht sagen. Der Film zeigt auch, wie sich Menschen in Extremsituationen drehen, wie die Windradln. Vor allem geht’s aber um die Christl, um ein Kind, das in einen Krieg hineingeboren ist und gar nichts anderes kennt. Und wie sie da durchgeht und agiert und nachher diese große Schriftstellerin wird: Wow!

maikaeferflieg.derfilm.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ED0tLOZeGBk

Filmkritik : www.mottingers-meinung.at/?p=17909

Mehr zur Diagonale 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=17827

Wien, 4. 3. 2016

„Maikäfer flieg“ ist der Eröffnungsfilm der Diagonale

März 1, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nöstlinger-Autobiografie als Antikriegsfilm

Zita Gaier als Christine. Bild: © Oliver Oppitz

Zita Gaier als Christine. Bild: © Oliver Oppitz

Die Urgroßmutter hatte einst das Wesen der Menschheit in zwei Sätzen zusammengefasst. „Ma kann ned alle über an Kampl scheren“, hieß der für bessere Tage. „Depperte gibt’s überall“ der für schlechtere.

Miriam Unger hat Christine Nöstlingers großteils autobiografischen Roman „Maikäfer, flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“ aus dem Jahr 1973 verfilmt.

Was der Regisseurin gelungen ist, ist weit mehr als die Geschichte einer Kindheit im Jahr 1945. „Maikäfer flieg“ – am 8. März Eröffnungsfilm der Diagonale, ab 11. März in den Kinos – ist ein starker Antikriegsfilm. Er ist ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit, eine Aufforderung zur Zivilcourage und dieser Tage eine Erinnerung daran, dass jeder, egal woher er kommt, welcher Hautfarbe oder Religion er ist, das Recht auf ein Leben in Frieden hat. Er ist eine Liebeserklärung an die Heldin unserer frühsten Leseabenteuer, eine Erfahrung, die wir, erwachsen geworden, mit mehr Sinn für die Gerechtigkeitssätze dieser in dieser Frage unnachgiebig sturen und streitbaren Autorin wiederholen. Und er ist Erinnerung und Liebeserklärung an die eigene Urgroßmutter, die zwei Weltkriege gesehen hat. Sie war eine von denen, über die die Nöstlinger schreibt, ausgebombte Mutter von fünf Kindern, Mutterkreuzverweigerin, weder jüdisch noch nationalsozialistisch, daher weder den Tätern noch den Opfern zugerechnet, eine einfache Überlebende des Wahnsinns.

Zita Gaier spielt die neunjährige Christine. Es ist April, bald 8. Mai, die Rote Armee kündigt sich schon als Siegermacht in Wien an, und die Christl geht mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Neuwaldegg, wo es sicher sein soll. In eine Villa, in der die Mutter geputzt hat, und deren Besitzerin samt Sohn auch bald vor der Tür steht, wie der aus dem deutschen Lazarett desertierte Vater – und die Russen. Einquartierung. Versorgung der Truppen. Doch die Befreier sind auch Zerstörer. Und die Konflikte mit einigen „angehauchten“ Neuwaldeggern vorprogrammiert. Das alles wird erzählt aus Christls Perspektive, und Zita Gaier ist ein Glücksfall für die Rolle. Sie verkörpert die perfekte Mischung aus nervig altklug und für ihre jungen Jahre überraschend weise. Die trotzige Naivität ihrer Christl, ihr Widerspruchsgeist und ihr Aufbegehren gegen alles, was ihr dumm und sinnlos erscheint, lässt schon die Nöstlinger dahinter erahnen. Sie ist unbeirrbar in ihrer Überzeugung, nein: dem Wissen, dass alle Leut‘ gleich sind. Also geht sie zum Schrecken der Mutter auch offen und ehrlich auf die sowjetischen Soldaten zu und freundet sich mit ihnen an. Vor allem mit dem vom russischen Filmstar Konstantin Khabensky gespielten jüdischen und daher sekkierten Koch Cohn. Auch in der Sowjetunion war der Antisemitismus Alltag.

„Maikäfer flieg“ wird von Frauen gemacht. Neben Miriam Unger waren Co-Drehbuchautorin Sandra Bohle, Kamerafrau Eva Testor, Ausstatterin Katharina Wöppermann, Kostümbildnerin Caterina Czepek, Musikerin Eva „Gustav“ Jantschitsch und für den Schnitt Niki Mossböck verantwortlich. Produziert hat Gabriele Kranzelbinder, der die Diagonale in der gleichnamigen neuen Programmreihe ein „Zur Person“ widmet. Punkto Budget habe man eine „für Frauen“ bis dahin gläserne Decke durchbrochen, sagt Regisseurin Unger. Doch nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera führen die Frauen. Bettina Mittendorfer ist als Villenbesitzerin Frau von Braun die Witwe eines Fliegerasses – „Ich hätte meinen Gatten auch gern versteckt, aber er hat das nicht gewollt“, kommentiert sie erschütternd schlicht die Anwesenheit von Christls Vater. Sie wird sich dem russischen Major ins Bett werfen, um ihren blonden Sohn, und blonde Buben sind bei den Russen ohne Ausnahme Hitlerjungen, zu schützen. Hilde Dalik spielt eine führerverehrende Nachbarin, Krista Stadler Christls Großmutter, der die Schrecken rund um sie allmählich den Verstand rauben, Paula Brunner die große Schwester, Lissy Pernthaler die Soldatin Ludmilla. Als sie erzählt, wie die Wehrmacht in ihrer Heimat gehaust hat, reicht’s der Mutter. „Na, des kann i ma nimmer anhören“, schreit sie und rennt aus dem Zimmer. Die Menschen brauchen Zeit, um zu begreifen, wie sehr die jahrelange Lüge ihr Denken bestimmt hat.

Ursula Strauss überzeugt als diese Mutter. Sie hat sich der Mentalität der Trümmerfrauen mit Sensibilität und viel Gespür für ihre Rolle angenähert und gibt nun eine von ihnen mit großer Wahrhaftigkeit wieder. Christls Mutter ist eine harte, eine vom Leben hart gemachte Frau, eine Resolte mit reschem Charme, und wenn sie mit den Russen schimpft, einer was retourmurmelt und sie sagt: „Ned deppert z’ruckreden“, dann muss man schon schmunzeln. In Miriam Ungers Film liegt die Tragi- ganz nah bei der -komödie, und es ist vor allem Ursula Strauss, die zeigt, was der Krieg für die Menschen dieser Generation irgendwann war: ein stechendes Hungerloch im Bauch, das man gelernt hatte zur Kenntnis zu nehmen. Der Strauss gehört auch einer der schönsten, berührenden Momente im Film. Die Kinder fladern im Haus des geflüchteten Forstrats eine Vorratsportion Rehragout. Und die unbeugsame Mutter bricht plötzlich in Tränen aus. Aus Freude und ob der Tatsache, dass der Nazi so eine Köstlichkeit überhaupt noch besaß. Später wird man dann beim Esstisch sitzen, der Vater ausnahmsweise im Sakko, die Frauen mit Blumen im Haar, das Grammophon spielt, die Kinder tanzen – und da springt die Mutter auf und räumt den Tisch ab. Nur nicht zu viel Freude, wer weiß, was noch alles kommen mag …

Eine bestechende Darstellung zeigt auch Gerald Votava als Christls Vater. Er spielt den Kriegsversehrten mit einer Reduziertheit, die ans Herz geht. Er ist ein stiller Beobachter der Szenerie, einer, der ja gehört hat, wohin Geplärre und große Worte führen. Trotz dieser Zurückgenommenheit ist Votavas Vater aber nicht resignativ, eher abwartend. Und er wird es auch sein, der im Moment größter Gefahr – beim betrunkenen Amoklauf des sadistischen russischen Feldwebels – die Wogen glätten wird. Christine Nöstlingers Vater muss ein bemerkenswerter Mann gewesen sein, von der Tochter im Romantitel ja auch geehrt, und Gerald Votava gelingt der schauspielerische Versuch, dem gerecht zu werden. Einmal ein Temperamentsausbruch: „Ihr wisst’s ja gar nicht, wie des war“, herrscht er die Frauen im Haushalt an, als ihm vorgeworfen wird, auch nur eines dieser kriegerischen Mannsbilder zu sein. Er säuft zum Wohle seiner Familie Wodka bis zum Umfallen, repariert Uhren und enttarnt sich als Russlandfeldzugteilnehmer, als er den Feldwebel in dessen Muttersprache besänftigt. „Kochentuberulose, ja?“, lacht der Major wegen der Rettung der Situation und der Lüge übers von Granatsplittern aufgerissene Bein und hält dem Vater die Flasche hin. Votava grinst, trinkt, schweigt und sein beredtes Schweigen ist glänzend.

Christine Nöstlinger wird im Oktober 80 Jahre alt. Und angesichts der frischen Fernsehbilder fällt es nicht schwer, sich eine Kindheit in Kriegstrümmern vorzustellen. Die Nöstlinger schreibt von den Träumen einer Kinderseele und vom Familientrauma und wie möglich ein Miteinander wird, wenn man an das Gute in den Menschen glaubt. Sie schreibt, dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann, weil es überall Depperte und Nichtdepperte gibt. Miriam Ungers Film hat das perfekt eingefangen. „Maikäfer flieg“ ist zum Lachen und zum Weinen und vor allem zum Weiterdenken. 2016 wenn möglich weiter, als bis vor die eigene Haustür.

maikaeferflieg.derfilm.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ED0tLOZeGBk

Gerald Votava im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18019

Mehr zur Diagonale 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=17827

Wien, 1. 3. 2016