Planet Ottakring

August 11, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sozialsatire aus dem Sechzehnten

Michael Steinocher, Lukas Resetarits Bild: © Luna Filmverleih

Michael Steinocher, Lukas Resetarits
Bild: © Luna Filmverleih

Am 14. August startet „Planet Ottakring“, das Kinodebüt von „Cop Stories“- und „Schnell ermittelt“-Regisseur Michi Riebl. Der sympathische Filmemacher, selbst ein Kind aus dem 16. Hieb – „meine Kindheit hat sich zwischen Ottakringer Friedhof und Brunnenmarkt abgespielt“ -, hat dafür eine illustre Schar von Schauspielern versammelt: Michael Steinocher, als Kiberer bereits Ottakring-erfahren und derzeit in Sachen „Cop Stories“ wieder sehr intensiv im Einsatz, spielt Sammy, einen sympathischen Slacker und Amateurganoven, der nach dem Tod von Disko, dem alten Paten von Ottakring, dessen letzten Willen erfüllen muss: Schutzgelder einheben, kriminelle Unternehmungen finanzieren, Probleme lösen, den Überblick behalten … Nur: Sammy ist kein begnadeter Mafioso. Berlinerin Valerie (Cornelia Gröschel), Wirtschaftsstudentin einer deutschen Elite-Universität, möchte eine Arbeit über „die Schattenwirtschaft im europäischen Subproletariat“ schreiben. Sie reist nach Ottakring, um vor Ort in einer Kreditvermittlung ihr theoretisches Wissen in praktisches zu transformieren. Dem ansässigen Kredithai, Frau Jahn, steht allerdings der Sinn nach Höherem und nach mehr. Viel mehr. Die großartige Susi Stach gibt die habgierige Geldverleiherin, die an Diskos kleines schwarzes Büchl kommen will, nicht ahnend, dass es bei Sammy ist. Der holt sich bei Querdenker-Opa Lukas Resetarits  – „alle Geldmittel sind illegal“ – die letzten Ezzes für eine gerechtere Welt und zieht mit Valerie in den Kampf gegen das Kapital.

„Ursprünglich war Ottakring ja ein Arbeiterbezirk, heute ist es ein hipper Bezirk und gleichzeitig, noch mehr als damals, ein Einwandererbezirk. Mein Ottakring im Film ist natürlich ein poetischer Blick darauf“, sagt Michi Riebl auf die Frage nach den eigenen Gesetzen, die offenbar rund um den Yppenplatz herrschen. Wichtig war ihm, die Gegensätze, die sich dort anziehen, darzustellen: „Dass einer Shit verkaufen kann und trotzdem ein klasser Kerl ist. Dass man ein Kaffeehaus besitzen kann und trotzdem kein Geld hat. Dass man einen Mercedes fährt und trotzdem nicht mal den Tank zahlen kann. Diese Kontraste – das ist nicht schwarz-weiß, das ist charmant“. Eine „sozialromantische Gaunerkomödie“ nennt Drehbuchautor Mike Majzen sein Script. Das Märchenhafte der Handlung gab Riebl die Gelegenheit, manche Figuren langer than life zu gestalten: „Gerade bei den bösen Figuren habe ich mich entschieden, sie saftiger zu präsentieren, auch das comichafte zuzulassen. Wir nehmen die Jahn (sehr schön Pulp Fiction: ihr Bondager im Terrarium!) genauso ernst wie Sammy oder Valerie, aber sie durfte ein bisschen mehr Farbe haben.“

Der Mix aus erdig und grell steht Ottakring gut. Mit viel Gspür für sein altes Grätzl hat Riebl eine Satire über Macht und Ohnmacht des Geldes inszeniert, die Kult-Potential hat. Dass die Komödie zur Krise funktioniert, ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Chemie zwischen den Darstellern stimmt. Michi Steinocher ist wieder ganz Harte-Schale-weicher-Kern, seinem goscherten Schmäh ist einfach nicht zu widerstehen. Die liebevoll gezeichneten Nebencharktere füllen Sebastian Wendelin, Serkan Kaya, Sandra Cervik, Maddalena Hirschal und Erika Deutinger mit Leben.

planetottakring.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KVIOMfGXwtA

Wien, 11. 8. 2015

ImPulsTanz: Performance von Christine Gaigg

August 3, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung „untitled (look, look, come closer)“

Bild: ©eSel.at

Bild: ©eSel.at

netzzeit zeigt in einer Koproduktion mit ImPulsTanz und 2nd nature eine Performance von Christine Gaigg zu Kompositionen von Klaus Schedl vom 12. – 15. August im 21er Haus. „untitled (look, look, come closer)“ ist ein Stück über Kriegsberichterstattung und Waffengebrauch, über Kommunikation in den sozialen Medien und die damit verbundene Bilderflut. Performance: Alexander Deutinger, Marta Navaridas, Frans Poelstra, Robert Steijn und Juliane Werner.

Wie schon bei „DeSacre!“ (2013) – einer Performance für einen Kirchenraum, in der sie Szenen aus Vaclav Nijinskys Originalchoreografie zu Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ von 1913 mit dem Kunstskandal von Pussy Riots Punkgebet in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale vom Februar 2012 zueinander in Beziehung setzte – befragt und analysiert Christine Gaigg das digitale Videomaterial mit analogen, performativen Mitteln und eröffnet damit einen etwas anderen Blick auf die Bilder des Terrors und der Gewalt sowie die alltägliche Umgangsweise mit ihnen. Diesmal verwendet sie für ihre „kunsttheoretische“ Performance kleine Objekte und Figuren. Das Ergebnis ist keine Erklärung des Unerklärbaren, vielleicht aber eine produktive Infragestellung gängiger Interpretationen von Terror und Propaganda sowie verschiedener Reaktionsweisen.

Das 21er Haus ist dafür der Schauplatz: Indem die Szenen in einem Museum für zeitgenössische Kunst stattfinden, in einem Raum der ästhetischen Reflexion, nutzt Gaigg den Genius Loci (vergleichbar der Kirche als Spielort für „DeSacre!“), um sich mit der durchästhetisierten Medienstrategie terroristischer Systeme und Gruppierungen auseinanderzusetzen, die der bildlichen Darstellungen von Göttern und Menschen jegliche Legitimität absprechen, zugleich aber die Zerstörung von Bildern selbst effektiv in Bilder setzen. Charakteristisch für Christine Gaiggs jüngste Arbeiten ist ihr Ansatz, Performance, musikalische Komposition und Text zu einem „Bühnenessay“ miteinander zu verknüpfen. Für „untitled (look, look, come closer)“ schreibt der deutsche Komponist Klaus Schedl, der für seine sich unmittelbar äußernde und assoziativ sowie emotional wirkungsvolle Musik bekannt ist, eine räumlich und zeitlich nach ihrer eigenen Logik fortschreitende Partitur. Auch Schedls Kompositionen speisen sich aus vorgefundenen Materialien, die er der Umgebung ablauscht. Sie entwickeln sich aus den jeweiligen Geräuschen und Klangsplittern und entlang der von ihnen evozierten Struktur. In der Komposition für diese Performance setzt er zudem auf erschreckende, unvorhersehbare Momente, unheilvolle Stille, Bedrohung, Vibration und Pulse. Der wuchtige Sound steht dabei im irritierenden Kontrast zur Fragilität der Spielaktionen, er legt den aufwühlenden Boden für das analytisch-distanzierte Reenactment en miniature.

www.impulstanz.com

Wien, 3. 8. 2015