Das Off Theater zoomt: Reenachting Jakob Levy Moreno

April 18, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Entdeckung“ der interaktiven Mockumentary

Hitler und Stalin spielen „Hamlet“: Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Da kein Ende des Kultur-Lockdowns abzusehen ist, will das Off Theater mit seiner Inszenierung „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ nun eine andere Richtung im Bereich des virtuellen Theaters einschlagen. Ernst Kurt Weigel und sein Team haben das Stück in die interaktive Mockumentary „REENACTING Jakob Levy Moreno“ verwandelt, zu erleben am 23. und 24. April um 20 Uhr auf Zoom: #werdeteinteildavon

Wer Teil der Gruppe sein oder auch nur zuschauen möchte, kann sich via zoom@off-theater.at anmelden. Nicht vergessen, das gewünschte Datum anzugeben. Welche Gruppe? Dazu mehr in der Rezension der Bühnenpremiere vom vergangenen Oktober:

In Gruppentherapie mit Hitler und Stalin

Ein Podium als Shakespearebühne, an jeder Ecke ein Ausläufer, und mit Drahtkrone thront Kajetan Dick umringt von zwei Elevinnen. Nun erhebt er sich, lädt das ringsum sitzende Publikum zum warming-up auf eine Reise ein, alle aufstehen!, auch die anwesende Kulturstadträtin macht da mit, bei den „Körperübungen im Kosmos“. Bis schließlich alle wohlbehalten im Off Theater ankommen. In dessen White Box hat Ernst Kurt Weigel sein Gedankenspiel „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“, gezeigt von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt, zur Uraufführung gebracht.

Kajetan Dick fungiert als ebendieser Moreno, und wer glaubt, der Genialisch-Manische outriere sich mit seinem Mentalcoach-Sprech in erleuchtete Höhen, staunt als am Ende Moreno im beschwörerischen O-Ton vom Band läuft. „Am I nothing or am I God?“ raunt er sein „Sein oder Nichtsein“. Dies die Frage, deren grauenhafte Antworten der Abend aufwirft.

Die Vita von Jakob Levy Moreno lässt sich durchaus als extravagant beschreiben: Aus einer rumänischen Familie sephardischer Juden stammend, studierte er in Wien Medizin und entwickelte schon in jungen Jahren ein großes soziologisches Interesse, das ihn zur Arbeit mit Sträflingen, Prostituierten und im Flüchtlingslager Mitterndorf brachte. Moreno war Begründer der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie. Seine Faszination fürs Stegreiftheater veranlasste ihn, selbst damit zu experimentieren: ohne Regie und in selbstkreierten Raumbühnen. Das war damals revolutionär.

Ganz nah am raunenden O-Ton: Kajetan Dick ist brillant als Jakob Levy Moreno. Bild: Günter Macho

Hitler schlicht durchs „Burgtor“: Isabella Jeschke mit Desi Bonato und Leonie Wahl. Bild: Günter Macho

Josef Stalin erforscht seine Gefühle: Ernst Kurt Weigel und Tänzerin Desi Bonato. Bild: Günter Macho

Foltertanz der Massenmörder: „Hitler“ Isabella Jeschke und „Stalin“ Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Doch der aufkeimende Antisemitismus der 1920er-Jahre hieß ihn Wien für immer zu verlassen. In New York entwickelte Moreno schließlich seine Methode des Psychodramas, dies heut‘ allgegenwärtige gruppendynamische Rollenspiel: Sage uns, was dich quält und was du für dich gewinnen möchtest! – und Weigel führt die 25 Zuschauer/Probanden nun mitten in die Aktionsphase einer solchen Therapiesitzung. Gemeinsam wird man zur Experimentiertruppe von Morenos Theater der Spontaneität, „wunderbar, großartig“ feuert Theatermacher Moreno-Dick die Anwesenden an.

„Das Schauspiel sei die Schlinge, die uns in das Gewissen bringe“, rezitiert er Hamlet. Denn der soll gegeben werden. Es ist das Jahr 1913, Devi Saha hat die White Box in einen wunderbaren Jahrhundertwendesalon verwandelt, und aus dem Publikum meldet sich Adolf Hitler, um den Dänenprinzen zu spielen. Dies Zusammentreffen der Kunstkniff von Ernst Kurt Weigel. Dass sich der erfolglose Kunstmaler in jenem Jahr in Wien aufhielt, ist historisch verbrieft, ebenso wie Josef Stalin. Weigel als untergetauchter russischer Revolutionär lässt seine Figur auf die anderen beiden „Ausnahmepersönlichkeiten“ der Stadt prallen.

Und wieder einmal begeistert, wie bühnenpräsent Isabella Jeschke ist. Mit Bärtchen-Punkt und in breitem Braunauer Dialekt gestaltet sie den Architektur-Demagogen, nunmehr Morenos „Prinz Adolf“, ihr expressives Spiel, dieser mal blindwütige, mal übereifrig Morenos Anweisungen folgende Schreihals, in hibbelig-verrenktem Gleichschritt zuckend – da ist ein Körper bereits schwer beschäftigt mit „Mein Kampf“.

Die ausdrucksstarke Choreografie, sie im doppelten Sinne eine körperliche Gewalt, hat Leonie Wahl entwickelt, deren famoses Tanz.Schau.Spiel „This is what happened in the Telephone Booth“ Mitte November im Off Theater wiederaufgenommen wird (Rezension von der mittlerweile in einen Live-Stream umgewandelten Produktion: www.mottingers-meinung.at/?p=45762). Sie und Tänzerin Desi Bonato agieren als allerlei seelische Aggregatzustände. Tobt Hitler über die Asymmetrie der Hofburg, rechts Erhabenheit, links nichts, grün, Wildwuchs (Zuschauergelächter!), machen sie ihm mit Armen und Beinen das Burgtor.

Gruppendynamik in der schweißtreibenden Therapiesitzung: Bonato, Weigel, Dick, Wahl und Jeschke. Bild: Günter Macho

Bonato performt vor Stalin sein Gefühl, die Frau verloren und den Sohn verlassen zu haben, und es ist ein ziemlich durcheinander gewirbeltes. Wie Wahl und Bonato den Dirigenten der Todesbürokratien im Takt folgen, ihre Gebärden-Sprache, mit der sie von Mitläufertum, Ekel und Ohnmacht erzählen, ist große Kunst. Andere Gruppenmitglieder werden ins Spiel miteinbezogen, Kajetan Dick fischt sich seine Gottfried Semper von den Stühlen, im #Corvid19-Abstand lernen die Geister unter Anleitung den richtigen Stegreif-Tonfall fürs gespenstische

„Bau‘ mir die Hofburg fertig …“ das.bernhard.ensemble würde sich selbst nicht gerecht, gäbe es nicht einen tagesaktuellen Weigel’schen Exkurs, der kohleschmutzige Stählerne über einen Kapitalismus, der Moria buchstäblich ersaufen lässt, eine Schmährede auf die zaudernde Hamlet-Gesellschaft, eine Anpreisung einer Alle-Menschen-sind-gleich-Gemeinschaft ohne Privateigentum. Da sind’s bis zum Großen Terror noch mehr als 20 Jahre hin, für Morenos Improvisation hat sich Stalin als Claudius gemeldet, der nach anfänglicher Sympathie für den Stiefsohn bei 3.3 endet: I like him not.

Dies die stärkste Szene von Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Hitler entartet sein Leinensackerl zur Gefangenenkapuze, die „Krüppelhand“, das „unwerte Leben“ Stalin muss den Boden wischen, eine perfide Umarmung, ein Foltertanz, bis man sich rechts und links als Führerstatue aufbaut. Stampfend, keuchend, zum monströsen Sound von b.fleischmann die Masse, und ein über seine grauenvolle Entdeckung entsetzt die Augen aufreißender Jakob Levy Moreno.

„Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ umfängt einen mit einem Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ein starkes Stück!, ist das. Die Geschichte lehrt, die dramatische Geste kann das Böse nicht besiegen, weil es sie sich aneignet, die Geschichte lehrt, für den Horror gibt’s kein Heilmittel. Hätte eine frühe Psychotherapie der späteren Massenmörder fürs 20. Jahrhundert das Schlimmste verhindert? Ernst Kurt Weigel probiert’s. Seien Sie dabei … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=42043

Anmeldung: zoom@off-theater.at           www.off-theater.at          Trailer: vimeo.com/467135177           www.facebook.com/watch?v=141845411159860

18. 4. 2021

Landestheater Niederösterreich online: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

April 2, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Felix Hafners Inszenierung für Ostern neu verfilmt

Tobias Artner als Felix Krull. Bild: Alexi Pelekanos

Das Landestheater Niederösterreich hat im Rahmen seines Digitalformats #wirkommenwiederBekenntnisse des Hochstaplers Felix Krullvon Thomas Mann in der von Pulikum wie Presse heftig akklamierten Inszenierung von Felix Hafner als Osterspecial neu verfilmt. Die Online-Premiere ist am 3. April, 19.30 Uhr, der Stream frei für 48 Stunden bis 5. April, 19.30 Uhr. Hier noch einmal die Rezension der Bühnen-Premiere vom vergangenen September:

Die Welt, die will betrogen sein

Ein letztes Abendmahl des Messias, der Heiland der Hochstapler umringt von seinen Jüngern, die an seinen Lippen hängen und ihn lernbegierig hochleben lassen, so beginnt Felix Hafner seine Bühnen-Fassung der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Landestheater Niederösterreich. „die wellt die will betrogen syn“ schrieb Sebastian Brant 1494 in seiner Moralsatire „Das Narrenschiff“, und Hafner filtert aus der Thomas Mann’schen Vorlage zum Stück die Frage, wie’s heut‘ um jenen blinden Fleck der Selbst- und Fremdwahrnehmung steht, an dem der Schein wichtiger wird als das Sein.

„Anstatt sich mit unbequemen, komplexen Realitäten auseinanderzusetzen, entscheidet man sich gerne für den einfachen Schein, der unseren Wünschen entspricht, unser Handeln bestätigt und uns eine simple Wirklichkeit liefert“, schreibt Hafner im Programmheft über den „weltweiten Aufstieg zahlreicher Populisten“. Ansonsten lässt der Regisseur seine Arbeit von Tagesaktuellem unangetastet. Hafners Inszenierung ist so gescheit wie gewitzt. Man versteht auch so.

Da steht er also, Tobias Artner im schwarzglänzenden Artistendress mit dem tiefen Herren-Dekolleté, und legt Zeugnis ab, dieser Felix Krull, der „aus edlerem Stoff gebildet, aus feinerem Holz geschnitzt und von Natur aus bevorteilt und vornehm“ ist. Jede Geste eine Pantomime seiner Präpotenz, und gelingt ein Schwindel ganz besonders elegant, legt er zum Triumph einen Ecstatic Dance aufs Parkett, heißt: auf die lange Tafel. Was kann ein Sonntagskind dafür, dass es vom Schicksal bevorzugt wird?

Tobias Artner ist brillant als aalglatter Verführer, sein Krull ist ein Gaukler, ein Illusionist, ein Schelm, der sich mit Ehrgeiz und Selbstdisziplin, das muss man ihm lassen, in die Höhe pusht. Mit einer auch körpersprachlichen Geschmeidigkeit steigt er auf, dass es einem den Atem nimmt. Sein Charme und Charisma und die bestätigende, einschmeichelnde Rede sind seine effektivsten Waffen. Seine Tür- und Toröffner. Artner, mit diesem spitzbübischen Unschuldsgesicht, kann alles sein, was sein Gegenüber will, wie seine Figur Felix Krull ist er ein famoser Schauspieler.

Thomas Manns Roman beschreibt eine Zeit der weltpolitischen Krisen und gesellschaftlichen Verunsicherungen, und wie sich die Bilder gleichen. Mit viel Fingerspitzengefühl hat Hafner daraus für Artner des Hochstaplers Krull großartig hochgestochene Wortwahl destilliert, verschnörkelte Satzkonstruktionen und zum Schönreden gelegentlicher sprachlicher Patzer und Verirrungen im eigenen Lügengespinst Krulls en passant aufgeschnapptes Halbwissen. Doppelbödigkeiten, die dessen Darsteller nun mit Verve darbietet.

Tilman Rose, Nanette Waidmann, Laura Laufenberg, Michael Scherff und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Tilman Rose, Laura Laufenberg, Tobias Artner und Nanette Waidmann. Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg, Nanette Waidmann, Tobias Artner, Michael Scherff und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Tilman Rose, Michael Scherff, Tobias Artner, Laura Laufenberg und Nanette Waidmann. Bild: Alexi Pelekanos

In Manns Mémoire-Parodie sind es die Leserinnen und Leser, die Felix Krull zu seinen Vertrauten macht, auf der Bühne schlüpfen als Gefolgsleute Laura Laufenberg, Tilman Rose, Michael Scherff und Nanette Waidmann in die verschiedensten Rollen, die Hafner sich aus dem üppigen Personal des Buches entliehen hat.

Geplant war die Premiere schon für März und in der Theaterwerkstatt, #Corona-bedingt kam’s anders und zur Aufführung im Großen Haus, doch die übersiedelte Reduziertheit der Ausstattung von Anna Sörensen tut der Sache gut. Mit wie wenig Schnickschnack man doch hervorragendes Theater machen kann! Und so geht’s episodisch entlang der Lebensstationen des bankrotten Schaumweinfabrikanten Sohns, der mit seinen Lügen völlig im Reinen ist, von der mittels einer Epilepsie-Täuschung unbeschadet überstandenen Musterung übers Hotelleriegewerbe bis zur Aristokratenfälschung.

Dass all diese Übungen bei „Kroppzeug“ wie „Elite“ gelingen, liegt an jenen, die selbst und in doppeltem Sinne anstandslos vorgeben mehr zu sein, als da tatsächlich ist, und Krull, laut Mann von der Ungleichwertigkeit der Menschen und der bestehenden hierarchischen Ordnung zutiefst überzeugt (jede Ähnlichkeit mit wahlwerbenden Politikern ist …), bedient die Degouts und Ressentiments der High Society bis zur Prostitution – siehe Klosettschüsselfabrikantengattin Madame Houpflé, Nanette Waidmann intensiv wie stets, die Felix erst bestiehlt, bevor sie ihn, und das spielt Waidmann genüsslich aus, in irgendwas Sadomaso-Artiges zieht.

Unter rum sind die Damen und Herren ohnedies schon ohne, Krull, dies Objekt vielfältiger Begierden, hat ihnen längst die Hosen runtergezogen, Michael Scherff als gestrengem Stabsarzt und Suppe schlürfenden Schwyzer Hoteldirektor, Laura Laufenberg, die als kleinkrimineller, instinktiv seinesgleichen erkennender Küchengehilfe Stanko ein Pumphöschen und als portugiesischer König ein Wählscheibentelefon trägt, Tilman Rose als leicht trotteligem, standesdünkelnden Marquis de Venosta. Die fantastischen Vier machen aus jeder Figur eine Type, aus jedem Auftritt ein Kabinettstück, sie sind Artners clowneske Mit- und Gegenspieler, mehr Scherenschnitte als Charaktere, doch passt das wie der sehr ausagierte Spielstil zum Zirzensischen der Inszenierung.

Die Welt als Varieté, und ja: sie will betrogen sein. Felix Krulls „stilisierte Einzigartigkeit ist paradoxerweise die Grundlage seiner Wandlungsfähigkeit. Diese Selbst-Ikonisierung ist zentraler Gegenstand der Inszenierung“, so Hafner. Und da lacht das Publikum, wenn zum Schluss über Felix orakelt wird – wird er nun Wirtschaftsboss oder populistischer Politiker? Karriere-Journalist oder Motivationscoach, gar ein TED-Talker? Das gülden durchwirkte Sakko passt jedenfalls schon einmal wie angegossen. Am Ende endlich die Apotheose – ein letztes Erscheinen mit Heiligenschein. Da muss man den Schwindler doch ins kollektive Gebet einschließen.Awakening Austria“ oder: Österreich, erwache!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=IYSr0lcZY_g           www.landestheater.net           www.facebook.com/58966698433/videos/265433107928633

2. 4. 2021

Burgtheater: Des Kaisers neue Kleider / Junge Akademie

Februar 5, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Widersprechen – Regeln brechen

Des Kaisers neue Kleider: Arthur Klemt und Felix Kammerer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Das Burgtheater stellt von 5. bis 7. Februar noch einmal sein Familienstück im kostenlosen Stream zur Verfügung: „Des Kaisers neue Kleider“ frei nach Hans Christian Andersen in der Regie von Rüdiger Pape mit Arthur Klemt als Kaiser, Felix Kammerer als Lakai, Hanna Binder und Stefan Wieland als Ministerin für Reichtum und Geld und Minister für Ruhe und Ordnung, Lukas Haas und Annina Hunziker als Paul und Marie.

Der Stream ist über die Website des Burgtheaters oder den YouTube-Kanal abrufbar, es ist keine separate Anmeldung erforderlich. Für Menschen ab sechs Jahren.

Inhalt: Der Kaiser interessiert sich für Mode, Stoffe und Kleider. Er hat alles und von allem zu viel. Das Volk hat nichts und davon noch weniger. Misswirtschaft der Minister, Verschwendung der Ressourcen und kein transparentes und demokratisches politisches System schaffen Not und Missstände. Not macht erfinderisch. Marie und Paul haben einen genialen Einfall.

Mit diesem und ihrem Mut und mit Hilfe des Lakaien bringen sie das ganze System zu Fall. Am Ende wird der Kaiser nach Strich und dem sprichwörtlichen Faden hinters Licht geführt.

Das berühmte Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen ist eine allgemeingültige Geschichte über die Angst, nicht genug zu sein und nicht genug zu haben und darüber, wie viel der Einzelne mit Mut und Humor erreichen kann. Rüdiger Papes Kinder- und Jugendtheater-Inszenierungen werden regelmäßig von Festivals im In- und Ausland eingeladen und ausgezeichnet, das Familienstück der Saison 2020/21 ist seine erste Inszenierung für das Burgtheater.

Arthur Klemt, Hanna Binder, hi.: Stefan Wieland, Felix Kammerer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Stefan Wieland, Arthur Klemt und Hanna Binder. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Die Abschlusspräsentation der Jungen Akademie im Stream

Am 6. Februar um 19 Uhr hat die digitale Präsentation der Jungen Akademie und ihrer insgesamt fünf Projekte Premiere – als Film, als Stream, als Hörspiel – moderiert von den Burgtheater-Ensemblemitgliedern Lilith Häßle und Felix Kammerer. Der Stream ist im Anschluss an die Premiere noch 72 Stunden auf der Burgtheater-Website und via Burgtheater-YouTube-Kanal abrufbar. Während der Premiere kann live via YouTube diskutiert und kommentiert werden, im Anschluss an die Premiere findet ein Publikumsgespräch via Zoom statt. Die Teilnahme an der Premiere ist kostenfrei – wer „nur zuschauen“ möchte, kann dies via Burgtheater-Website oder YouTube-Kanal des Burgtheaters tun, wer live während der Präsentation kommentieren möchte, benötigt dafür einen YouTube-Account.

Die Junge Akademie lädt die Menschen der Stadt ein, Akteurinnen und Akteure auf ihren Bühnen, in ihren Bezirken zu werden. In Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern des Burgtheaters, in Kooperation mit sozialen und kulturellen Einrichtungen der Stadt, arbeiten verschiedene Gruppen zum Thema Macht & Körper. Eigene Geschichten sollen auf die Bühne gebracht werden. Die Projekte sind so unterschiedlich, wie die Bezirke in denen geprobt wurde. In „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“, in Kooperation mit dem Gleis 21, hat Theaterpädagogin Katrin Artl den Teilnehmerinnen die Frage gestellt: Wer bestimmt, wie Frauen sein sollen? Das Projekt richtete sich an Mädchen und Frauen ab 14. Was macht mich zur Frau, wer prägt mich und meine Kultur, meine Religion, meine Familie, meine Freundinnen? Wer möchte ich gerne sein? Was bedeutet es überhaupt Frau zu sein? Wie steht es mit Solidarität und wie entsteht Konkurrenz?

Burgtheaterstudio. Bild: © Daniela Trost

Junge Akademie: Regeln ändern. Bild: © Burgtheaterstudio

„Es war einmal …“ – in Zusammenarbeit mit dem Verein JUHU! haben junge Menschen unterschiedlicher Herkunft mit der Schauspielerin Monika Haberfellner und der Journalistin Katrin Wimmer an einem Hörspiel und kurzen Videosequenzen zum Thema Märchen gearbeitet. Das Projekt „Wer darf Widerspruch“ in Kooperation mit der Brunnenpassage und der Kunsthalle Wien setzte sich filmisch und performativ mit Mechanismen von Macht und Ohnmacht auseinander, unausgesprochene Regeln der gesellschaftlichen Ordnung in Österreich wurden dabei unter die Lupe genommen. Wie ist es möglich über Rassismen, Sexismen, Diskriminierungen zu sprechen? Was braucht es dazu? Und vor allem – Wer darf es? Und auch wann? Wer darf Widerspruch. Geleitet wurde das Projekt von der Theater- und Filmregisseurin Nina Kusturica.

Das vierte Projekt ist ein Chor-Projekt in einer digital-tauglichen Adaption, umgesetzt von der Theaterpädagogin Raphaela van Bommel. In „Regeln ändern“ wurde mit Elementen und Texten aus dem aktuellen Spielplan des Burgtheaters gearbeitet. Das Tanz-Projekt „Über die Grenzen in die Freiheit“ beschäftigte sich mit dem Thema Selbstständigkeit, Freiheit und Grenzen. Werden Grenzen durch Worte festgelegt? Welche Grenzen braucht die Freiheit? Im Rahmen der Jungen Akademie am Burgtheater wurde das Tanz-Projekt an mehreren aufeinanderfolgenden Workshop-Tagen mit der Choreografin Daniela Mühlbauer erarbeitet.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/user/BurgtheaterWien

5. 2. 2021

Kino und Home Cinema: Die besten Filme fürs Frühjahr

Januar 1, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Neues von Tom Hanks, Naomi Watts & Kevin Kostner

Der Rausch: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Das alte Jahr war #Corona-bedingt ein Kinojahr zum Vergessen. Nun liegen alle Hoffnungen auf 2021, und tatsächlich warten etliche sehenswerte Filme nur auf das Lockdown-Ende. Neues gibt es etwa von Tom Hanks, Frances McDormand, Naomi Watts, Mark Wahlberg und Kevin Kostner. Für Österreich gehen Evi Romen mit ihrem Debütfilm „Hochwald“ und Arman T. Riahi mit dem Diagonale-Eröffner „Fuchs im Bau“ an den Start. Ein Überblick:

Kinovorschau: Jänner

Der Rausch. Martin ist Lehrer an einer Schule. Er fühlt sich alt und müde. Seine Schüler und ihre Eltern wollen, dass er gekündigt wird, weil sie mit der Qualität seines Unterrichts nicht zufrieden sind. Ermutigt durch eine abstruse Theorie stürzen sich Martin und drei Kollegen in ein Experiment: Sie wollen durch Alkoholkonsum ihren Blutalkoholwert konstant bei 0,5 Promille halten. Anfangs ist das Ergebnis positiv. Martin hat wieder Spaß am Unterrichten und auch die Liebe zu seiner Frau Trine entflammt neu. Doch die negativen Auswirkungen lassen nicht lange auf sich warten… In der bereits zehnfach ausgezeichneten Sozialsatire von Regisseur Thomas Vinterberg geht Mads Mikkelsen jeder Flasche auf den Grund. Ab 29. Jänner. Trailer: www.youtube.com/watch?v=oJwlO6vcsm0&t=16s

Kinovorschau: Februar

Lass ihn gehen. Was weit gehen Menschen, um ihre Liebsten zu schützen? USA, 1951: Der Sohn des pensionierten Sheriffs George Blackledge und seiner Frau Margaret kam vor ein paar Jahren bei einem Unfall ums Leben. Dessen nunmehrige Witwe ließ sich mit einem zwielichtigen Tagedieb ein. Als die entsetzte Margaret sieht, wie dieser „Stiefvater“ Donnie Weboy ihren Enkel in aller Öffentlichkeit prügelt, will sie das Kind retten. Doch Jimmy und seine Mutter leben auf der Farm des gefährlichen Weboy-Clans. Matriarchin Blanche führt ihre Familie mit eiserner Hand und denkt gar nicht daran, Jimmy gehen zu lassen. George und Margaret müssen um ihren Enkel kämpfen … Supermans Adoptiveltern Diane Lane und der für derlei Rollen wie geschaffene Kevin Kostner brillieren in diesem aufwühlenden Neo-Western nach dem gleichnamigen Roman von Larry Watson. Ab 19. Februar. Trailer: www.youtube.com/watch?v=bE8pwEF-3TI

Kinovorschau: März

Nomadland. Auf der Viennale 2020 bereits gezeigt, wartet „Nomadland“ nun auf den regulären Kinostart. Frances McDormand spielt als Fern einen jener Menschen, die nach der großen Rezession von 2008 alles verloren haben. Gezwungen in ihrem Van zu leben, hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Mal zusammen mit Gleichgesinnten, die wie sie in der Welt keinen Platz mehr finden, dann wieder ist sie allein unterwegs in den schier unendlichen Weiten Nordamerikas. Begleitet von der Schönheit der Landschaft. Dicht gefolgt von der Einsamkeit. Und all jenen Problemen, die ein Leben auf der Straße mit sich bringt. Das Drama von Regisseurin und Drehbuchautorin Chloé Zhao, Gewinner des Goldenen Löwen 2020, gilt als eines der Highlights des kommenden Kinojahres. Ab 19. März. Trailer: www.youtube.com/watch?v=iEcIDpnv3qQ

Lass ihn gehen. © Universal Pictures

Fuchs im Bau. © Golden Girls Film

Falling. © Filmladen Filmverleih

Good Joe Bell. © Solstice Studios

Fuchs im Bau. Der neue Spielfilm von Regisseur Arman T. Riahi ist zugleich der Eröffnungsfilm der Diagonale’21. Die neue Arbeitsstelle des ehrgeizigen Mittelschullehrers Hannes Fuchs ist ungewöhnlich: Es ist die Gefängnisschule im Jugendtrakt einer großen Wiener Haftanstalt. Dort trifft Fuchs auf die eigenwillige Elisabeth Berger, die mit ihren unkonventionellen Lehrmethoden nicht nur die Untersuchungshäftlinge in Schach, sondern auch die Justizwache auf Trab hält. Dem obersten Wachebeamten ist Bergers Kunststunde ein Dorn im Auge, da er sie als Sicherheitsrisiko sieht. Doch genau auf diese legt Berger besonderen Wert, da sich während des Malens sogar die hartgesottensten Insassen erweichen lassen. Mit Aleksandar Petrović, Maria Hofstätter, Andreas Lust, Sibel Kekilli und Karl Fischer. Ab 19. März. Trailer: www.facebook.com/fuchsimbau

Hochwald. Das Spielfilmdebüt der Autorin und Editorin Evi Romen schildert die Berg- und Talfahrt eines jungen Mannes, der völlig orientierungslos ist, aber dennoch spürt, dass es irgendwo auch für ihn einen Platz geben muss. Das Leben des sensiblen und etwas schrägen Mario gerät aus den Fugen, als sein Jugendfreund Lenz auftaucht. Mario und Lenz kennen einander seit Kindertagen. Nun sind sie Zwanzig und auf dem Sprung, die Enge ihres Dorfes hinter sich zu lassen. Lenz, der Winzersohn, hat dafür eindeutig die besseren Karten in der Hand als der Träumer Mario. Doch plötzlich wird alles anders…. Ein kühnes Queering-Drama vor Bergkulisse, und somit ein großartiger Heimatfilm über Sex, Religion, Tod und Befreiung. Mit Thomas Prenn, Noah Saavedra und Josef Mohamed. Ab 31. März. Trailer: www.youtube.com/watch?v=J-BwyK0IY74

Kinovorschau: April

Falling. John lebt mit der Wut seines Vaters, seit er denken kann. Willis macht kein Hehl daraus, dass er den Lebensstil seines offen homosexuell lebenden Sohnes zutiefst verabscheut. Einst versuchte der Patriarch aus dem Mittleren Westen seinen Sohn zu einem „echten Mann“ zu erziehen – doch der weltoffene John distanzierte sich von dessen männlichem Rollenbild, das sich durch Aggressivität und Engstirnigkeit auszeichnet. Als Willis mit einer beginnenden Demenz kämpft, nimmt ihn John trotz der schmerzhaften Erinnerungen auf – und Willis lässt seinen homo- wie xenophoben Ausbrüchen gegenüber Johns Ehemann Eric und der gemeinsamen, aus Mexiko stammenden Adoptivtochter Monica freien Lauf. Doch John trägt nun die Verantwortung für jenen Mann, der ihm im Leben am meisten weh tut … Ausnahmeschauspieler Viggo Mortensen präsentiert mit „Falling“ seine erste Regiearbeit nach einem eigenen Drehbuch. Das Resultat ist gefühlvoll, packend und durchaus experimentell. Ab 9. April. Trailer: www.youtube.com/watch?v=-rZ5DSeUb00

Neues aus der Welt. © Universal Pictures

Penguin Bloom. © Hugh Stewart

Billie. © Polyfilm/ Getty / Michael Ochs Archives / REP Documentary / Marina Amaral

Anfang 2021 / ohne konkreten Starttermin

Penguin Bloom. Die Krankenschwester Sam Bloom verletzt sich während eines Urlaubes mit Ehemann Cameron und ihren drei Söhnen in Thailand schwer, als sie von einem Balkon stürzt. Von da an ist sie von der Hüfte abwärts gelähmt, was die gesamte Familie auf eine harte Belastungsprobe stellt. Nach ihrer Reha fällt Sam in eine tiefe Depression, doch dann bringt eines Tages einer ihrer Söhne einen verletzten Flötenvogel mit nach Hause. Sie nennen ihn wegen seines schwarz-weißen Gefieders Penguin. Immer mehr lässt der Vogel, der dringend aufgepäppelt werden muss, und der seiner neuen Mama bis ins Bett und unter die Dusche folgt, Sam ihren eigenen Schmerz vergessen und gibt ihr neuen Lebensmut. Naomi Watts in einem Film von Regisseurin Glendyn Ivin nach der wahren Geschichte der Familie Bloom und ihres Magpie-Kükens. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q7eZEZHRrVg

Good Joe Bell. Noch eine True Story. Joe Bell ist der Inbegriff von Männlichkeit, und als Ehemann und Vater gewohnt zu brüllen und zu kommandieren, bis er bekommt, was er will. Sein 15-jähriger Sohn Jadin allerdings wird an der High School als schwul geoutet und fortan schikaniert, bis er Selbstmord begeht. Statt sich nach dessen Suizid in seiner Trauer zu verlieren, beschließt Joe durch die gesamten USA zu wandern und auf Mobbing und die möglichen Auswirkungen aufmerksam zu machen. Das Original ist an der Gründung von Faces for Change beteiligt, einer Anti-Mobbing-Stiftung, die das Engagement von Menschen an Schulen ehrt, die sich für Diversität und die Förderung von Toleranz einsetzen. Mark Wahlberg überzeugt in der Titelrolle, das Drehbuch stammt vom „Brokeback Mountain“-Duo Diana Ossana und Larry McMurtry. Trailer: solstice-studios.com

Billie. Ihre ungewöhnliche Stimme und ihre Lieder voll emotionaler Strahlkraft machten sie weltberühmt. Jahrzehnte vor der #BlackLivesMatter-Bewegung lieferte Billie Holiday mit ihrem Song „Strange Fruit“ den Soundtrack für die Bürgerrechtsbewegung der amerikanischen People of Colour. Eine selbstbewusste, politisch denkende Frau, ein musikalisches Genie. Und die erste schwarze Frau in einer weißen Band. In den späten 1960er-Jahren sprach die Journalistin Linda Lipnack Kuehl mit Musikgrößen wie Charles Mingus, Tony Bennett und Count Basie über die Jazz-Legende, aber auch mit Billies Cousin und Schulfreunden, sowie einem FBI-Agenten, der die Diva einst verhaftete. Ihre Biografie über die Sängerin konnte die Autorin jedoch nie veröffentlichen. In seinem Dokumentarfilm verknüpft James Erskine nun aufwändig restauriertes Archivmaterial und die bisher ungehörten Tonbandaufnahmen von Kuehl mit den wichtigsten Auftritten von Billie Holiday. Er zeichnet das bewegende, vielschichtige Porträt einer Sängerin, deren kurzes Leben durch ihre spektakulären Shows, Exzesse und den Willen zur Rebellion gekennzeichnet war. Ein grandioses filmisches Denkmal. Trailer: www.youtube.com/watch?v=qTpMaxBw2aA

Nomadland. © Searchlight Pictures

Hochwald. ©Amour Fou – Flo Rainer

Virtues. © Channel 4

Neues aus der Welt. Eigentlich sollte Paul Greengrass‘ Westerndrama mit Tom Hanks Ende 2020 in den Kinos starten. Ob es nun dazu kommt oder der Film nach dem Roman von Paulette Jiles doch am 7. Jänner auf Netflix anläuft, ist nach wie vor nicht zu eruieren. Im mutmaßlichen Oscar-Nominee spielt Tom Hanks den abgehalfterten Bürgerkriegs-Captain Jefferson Kyle Kidd, der seit dessen Ende als Nachrichtenüberbringer und Zeitungsvorleser durch das Land zieht. Er erzählt den Menschen von einer neuen Pandemie (!), der Tuberkulose, und von der Eisenbahn, die bald auch Süd-Texas an den Rest des Landes anschließt. In Texas erhält er einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll die zehnjährige Johanna Leonberger, die vor vier Jahren von den Kiowa entführt wurde, nachdem sie ihre Familie getötet hatten, zu ihrer Tante und ihrem Onkel bringen. Hunderte Meilen soll der Mann mit dem traumatisierten Kind zurücklegen, während die gefährliche Wildnis und noch gefährlichere Menschen nach ihnen trachten. Doch die größte Herausforderung stellt Johanna selbst dar, die kein Wort Englisch, sondern nur ein paar Brocken Deutsch und Kiowa spricht. Mit Tom Hanks spielt Helena Zengel aus „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792)! Trailer: www.youtube.com/watch?v=zTZDb_iKooI

Home Cinema

Der weiße Tiger. Balram Halwai erzählt seinen düster humorvollen Aufstieg vom armen Dorfbewohner zum erfolgreichen Unternehmer im modernen Indien. Die Gesellschaft hat ihn einzig und allein für eine Sache ausgebildet: Diener zu sein. Also macht er sich für seine reichen Herren, als Fahrer für die eben aus Amerika heimgekehrten Ashok und Pinky, unentbehrlich. Aber nach einer Nacht des Verrats erkennt er das korrupte und zu Gunsten weniger manipulierte System, und Balram beschließt eine neue Art von „Meister“ zu werden. Ein Film von Ramin Bahrani nach dem Debütroman des indischen Journalisten Aravind Adiga, der dafür mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Auf Netflix ab 22. Jänner. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HuFypwQQEAA

Ein guter Mensch. Alzheimer im Frühstadium, diese Diagnose verändert das Leben des 65-jährigen Agâh Beyoğlu von einer Sekunde auf die andere. Doch der pensionierte Gerichtsangestellte hat andere Pläne, als sich dem Schicksalsschlag zu ergeben. Vor Jahren wurde in seinem Heimatort ein Verbrechen begangen und im großen Stil verschleiert. Nun beginnt Agâh einen blutigen Feldzug, eine Mordserie, die die Istanbuler Mordkommission bald alt aussehen lässt. Die von Onur Saylak inszenierte Miniserie ist ein hintergründiges Thrillerdrama mit klarem politischen Unterton gegen Erdogan und die AKP. Als rachsüchtiger Rentner wurde Haluk Bilginer 2019 vollkommen zu Recht als bester Schauspieler mit dem International Emmy ausgezeichnet. Bereits zu sehen auf Magenta TV und auf DVD. Trailer: www.youtube.com/watch?v=8sEcx8SX0lU

Der weiße Tiger. © Netflix Originals

Ein guter Mensch. © Magenta TV

Kampf um den Halbmond. © Arte TV

Des. © Lions Gate Entertainment

The Virtues. Joseph in einem Pub in Liverpool. Hier will er all die hinter sich lassen, die ihn verlassen haben, allen voran seine geschiedene Frau, die mit ihrem Sohn und „dem Neuen“ nach Australien ausgewandert ist. Joseph ist ein Wrack, psychisch und physisch, er kauft sich Freunde mit Lokalrunden, um am Ende allein daheim in seinem Erbrochenen aufzuwachen. Die Zuschauerin, der Zuschauer ahnt, dass der Anfang von Shane Meadows‘ Miniserie dies Ende ist. Vier Episoden lang verarbeitet der Regisseur derart die traumatischen Ereignisse seiner eigenen Jugend, und ebenso lang dauert Josephs Martyrium, das einem in nahezu jeder Szene die Kehle zuschnürt – vor Wut, Mitleid, Fassungslosigkeit. Mutig und gesegnet mit der Gabe, in die Verletzlichkeit dieses verlorenen Charakters einzutauchen, spiegelt Stephen Graham dessen Seelenqualen mit Gesicht und ganzer Körperhaltung wider. Warum Graham nicht schon längst zur ersten Liga der internationalen Schauspielerzunft zählt, es ist ein Rätsel … Auf DVD. Trailer: www.youtube.com/watch?v=DOons8oVsmE

Kampf um den Halbmond. Paris, 2014. Antoine ist ein junger und begabter Ingenieur, der erfolgreich in der Baufirma seines Vaters arbeitet. Doch in der Familie gibt es ein Drama: Vor zwei Jahren kam Antoines Schwester Anna, eine junge Archäologin, bei einem terroristischen Attentat in Kairo ums Leben. Antoine versucht, die Trauer zu überwinden und loszulassen, seine Partnerin Loraine und er wollen eine Familie gründen und ein Kind bekommen. Doch eines Tages sieht Antoine in einer Fernsehreportage über kurdische Kämpferinnen in Syrien eine Frau, die Anna sein könnte. Lebt sie und kämpft mit dem Frauenbataillon YPJ gegen den IS? Antoine macht sich auf die Suche nach Anna und gerät in Syrien zwischen die Fronten. Die franko-israelische Serie von Oded Ruskin, Staffel eins mit Félix Moati und Mélanie Thierry aus dem Jahr 2020, mischt Elemente von Thriller, Spionagefilm und Familiendrama und beweist sich als intensiver und informativer Einblick in einen Konflikt, der schwer zu verstehen ist. Eine zweite Staffel ist in Planung. Bereits zu sehen in der ARTE-Mediathek. Trailer: www.arte.tv/de/videos/RC-019886/kampf-um-den-halbmond

Des. Februar 1983. Ein Installateur findet im Abflussrohr eines Londoner Wohnhauses menschliche Knochen. Die Ermittlungen führen schnell zu Dennis Andrew Nilsen, „Des“, der im Verhör angibt, ab 1978 an die fünfzehn junge Männer getötet zu haben. Doch wer sind sie, und warum mussten sie ihre Begegnung mit Des mit dem Leben bezahlen? Auf diese Frage antwortet der von David Tennant verkörperte schottische Serienkiller schlicht: „Ich hatte gehofft, Sie könnten mir das sagen.“ Somit zeigt die von Lewis Arnold in Szene gesetzte dreiteilige True-Crime-Serie nicht die Suche nach dem Täter, sondern nach den Opfern, an deren Namen er sich nicht einmal mehr erinnert. Die größte Fahndung in der Geschichte Großbritanniens wird nicht nur aus der Sicht des Mörders, sondern auch aus der unter Druck geratener und rivalisierender Detectives und seines Biografen Brian Masters geschildert. Blut fließt nur im Kopf der Betrachterin, des Betrachters, doch dank der schnörkellosen Tennant-Performance ist das Ganze trotzdem ziemlich grauslich. Bereits zu sehen auf Starzplay. Trailer: www.youtube.com/watch?v=EzXgIV-EJQE

  1. 1. 2021

Albertina: Neustart in Schwarz-Weiß mit „Faces“

Dezember 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Helldunkle Seiten des Lebens auf Fotopapier gebannt

Willy Zielke: Arbeitslos. Ein Schicksal von Millionen / Die Wahrheit. Ein Film von dem Leidensweg des Deutschen Arbeiters, 1933. Galerie Berinson, Berlin

Wenn die Albertina voraussichtlich am 18. Jänner wieder ihre Tore öffnet, ist nicht nur die aus der eigenen Sammlung von Zeichnungen zusammengestellte Schau „Schwarz Weiß & Grau“ endlich zu sehen, deren Aufbau man bislang bei einem Kuratorinnenrundgang via Facebook mitverfolgen konnte (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=42974),

sondern – das Haus bereitet mit „Faces. Die Macht des Gesichts“ bereits die nächste Ausstellung vor.

Gertrud Arndt: Maskenselbstbildnis Nr. 22, 1930. Museum Folkwang, Essen © Bildrecht, Wien 2020

Helmar Lerski: Verwandlungen durch Licht, 588, 1935–1936. Albertina, Wien © Nachlass Helmar Lerski – Museum Folkwang, Essen

August Sander: Handlanger, 1928. © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; Bildrecht, Wien, 2020

Ausgehend von Helmar Lerskis herausragender Fotoserie „Metamorphose – Verwandlungen durch Licht“ aus den Jahren 1935/36 präsentiert die Albertina Porträts aus der Zeit der Weimarer Republik. In den 1920er- und 1930er-Jahren erneuern Fotografinnen und Fotografen radikal das Verständnis des klassischen Porträts: Ihre Aufnahmen dienen nicht mehr der Darstellung der Persönlichkeit eines Menschen, sondern sie fassen das Gesicht als nach ihren Vorstellungen inszenierbares Material auf. Über das fotografierte Gesicht werden sowohl ästhetische Überlegungen der Avantgarde als auch gesellschaftliche Entwicklungen der Zwischenkriegszeit verhandelt. Modernistische Experimente, das Verhältnis zwischen Individuum und Typ, feministische Rollenspiele und politische Ideologien kollidieren und erweitern damit das Verständnis der Porträtfotografie.

Zu sehen ab 12. Februar.

www.albertina.at

27. 12. 2020