Rabenhof: Andreas Vitásek: Grünmandl oder Das Verschwinden des Komikers

Dezember 7, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Politisch ist er kein Trottel

Bild: © Udo Leitner

Andreas Vitásek verbeugt sich vor dem großen Otto Grünmandl. Dies der Inhalt des aktuellen Abends des Wiener Kabarettisten. Zusatztitel: Das Verschwinden des Komikers. Und tatsächlich begibt sich der eine leise und nachdenklich in die Rolle des anderen, dessen Humor er vor 35 Jahren für sich entdeckt hat. Der Wunsch, Grünmandl zu spielen, sagt Vitásek in Interviews, entstand früh. Aber erst mit 60 fühlte er sich dazu in der Lage.

Dass dieser Abend kein schenkelklopfender Brüller ist, ist klar. Vitásek lädt ein, eine feinsinnige Reise durch den Kosmos Grünmandl zu machen, dessen Kreuz- und Querdenken, dessen skurrile Wortspielereien inklusive. Es ist beeindruckend, wie hier ein Kollege Platz machen kann, um seinem Idol Vorrang zu geben. Es ist beeindruckend, wie umfangreich und vielfältig sich der Nachlass dieses Tiroler Ausnahmekünstlers in der Vitásek’schen Interpretation darstellt.

Dem absurden Theater verbunden, galt Grünmandls Aufmerksamkeit stets dem zuweilen in den Wahnsinn abgleitenden österreichischen Alltag. Darunter verstand er auch das Politische, das er in der Regel ins Groteske überdrehte. Man kann nicht behaupten, dass Grünmandls Kabarett für den Mainstream gedacht war. Da stand ein Mann auf der Bühne, der im zeitlosen Anzug und Seitenscheitel-Frisur ziemlich bieder aussah. Sein korrektes Auftreten stand jedoch im Widerspruch zu seinem Wirken auf der Bühne. Da wurden im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückte Ideen geboren, ein einmalig intelligenter Nonsense. Bis sich die Pointe entwickelt, dauert’s. Grünmandls Slow-Comedy nannte das einmal ein Kollege. Auch diesem Willen zur Entschleunigung trägt Vitásek Rechnung.

Bild: © Udo Leitner

Bild: © Udo Leitner

Auf allzu Bekanntes verzichtet er bei der Auswahl der Texte. Ausschnitte aus Grünmandls Bühnenprogrammen wie „Ich heiße nicht Oblomow“ verbinden sich mit Texten aus der Spätphase und weniger bekannten Gedichten zu einem Porträt. Entstanden ist eine Werk- und Lebenscollage durch alle Schaffensperioden, erzählt aus der Sicht eines in die Jahre gekommenen Komödianten. Volksschauspieler trifft Volksdarsteller. Vitásek  lobt die Vorteile des „Durchschnittssalter“, erläutert beim Fußbad den Unterschied zwischen Saufen und Ersaufen, sagt „Schau ich mir die Schwarzen an, seh ich rot, schau ich mir die Roten an, wird mir schwarz vor Augen“ („Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn‘ ich mich aus“), deklamiert „Ich bin ein wilder Papagei“, hält als Alpenländisches Inspektoren-Inspektorat einen Vortrag über künstliche Gebisse oder ruft zum „Futeralbewusstsein als neues Lebensgefühl“ auf …

Vieles klingt, wie gestern fürs Heute erfunden. Als quasi Zugabe gibt es: „Höret, was Erfahrung spricht: Hier ist’s so wie anderswo. Nichts Genaues weiß man nicht, dieses aber ebenso.“ Ein abgründig-humoristisches Bühnenerlebnis, versehen mit der unverwechselbaren Vitásek-Handschrift. Eine Wiederentdeckung. Weil Vitásek nichts imitiert, sondern sich alles zu eigen gemacht hat. Der Meister selbst kommt einmal zu Wort. Eine späte Aufnahme, die Stimme schon brüchig. Das passt zur melancholischen Baseline des Abends. Dafür darf zum Schluss das „Alpenländische Interview“ zum tragischen Alpinunfall des Wellensittichs Hansi natürlich nicht fehlen.

www.vitasek.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 12. 2017

Belvedere: Die Kraft des Alters

November 7, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Bilder voller Lebenslust und -weisheit

Joyce Tenneson, Christine Lee, 2002. Bild: © Joyce Tenneson

Ab 17. November widmet sich das Belvedere in der Ausstellung „Die Kraft des Alters“ diesem gesellschaftlich hochaktuellen Thema. Es ist die erste umfassende museale Schau, die historische und aktuelle künstlerische Positionen zu diesem Thema gegenüberstellt. Der Blick wird dabei auf die Geschlechterrollen, auf die gesellschaftlichen Rollenzuweisungen und auf die Solidarität zwischen den Generationen gelenkt.

Der Alterungsprozess wird in der öffentlichen Wahrnehmung heute in erster Linie als Defizit angesehen. Begriffe wie „Anti-Aging“ vermitteln den Eindruck, Altern sei etwas Pathologisches. Der vorherrschende Jugendlichkeitskult bemüht sich, die Spuren des Alterungsprozesses auszublenden. Jenseits der negativen Stereotype bedeutet Alter aber auch Macht, Erfahrung, Lebensweisheit, Kontemplation, Lebenslust und Triumph über gesellschaftliche Konventionen. Alter ist nicht nur ein biologischer Prozess, sondern immer auch eine kulturelle Konstruktion, deren Untersuchung sich junge Wissenschaften wie die Kulturgerontologie widmen.
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Kuratorin Sabine Fellner zeigt in der Ausstellung, wie es Künstlerinnen und Künstlern gelingt, Chancen und Grenzen des Alterns jenseits von Alters verklärung und Pessimismus differenziert wahrzunehmen. In den präsentierten Arbeiten veranschaulichen Kunstschaffende, wie das Alter mit all seinen Facetten auf wertschätzende Weise in unser Leben integriert werden kann. Neben zahlreichen Werken aus der Sammlung des Belvedere zeigt die Schau hochkarätigeLeihgaben aus nationalen und internationalen Museen.
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Barbara Klemm: Simone de Beauvoir, Paris 1980. Sammlung Klöcker, Bad Homburg v. d. Höhe © Barbara Klemm, Bild: Martin Url

Herlinde Koelbl, Louise Bourgeois, 2001. Courtesy of the artist, Bild: ©Herlinde Koelbl

Aleah Chapin, The Last Droplets Of The Day, 2015. Bild: Martin Url. © Aleah Chapin, Courtesy of Flowers Gallery London and New York, Sammlung Klöcker, Bad Homburg v. d. Höhe.

Eric Fischl: Frailty is a Moment of Self Reflection, 1996. © Eric Fischl, Bild: © Dorothy Zeidman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Werken von Gustinus Ambrosi, Tina Barney, Pina Bausch, Renate Bertlmann, Herbert Boeckl, Aleah Chapin, Heinz Cibulka, John Coplans, Edgar Degas, Carola Dertnig, Ines Doujak, Lucian Freud, Adolf Frohner, Friedl vom Gröller, George Grosz, Johannes Grützke, Ernst Haas, Barbara Klemm, Heidi Harsieber, Edgar Honetschläger, Alfred Hrdlicka, Bernadette Huber, Konstantin Jatropulus, Birgit Jürgenssen, Alex Katz, Barbara Klemm, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Anton Kolig, Käthe Kollwitz, Nikolaus Korab, Brigitte Kowanz, Maria Lassnig, Annie Leibovitz, Inge Morath, Shirin Neshat, Max Oppenhei mer, Martin Parr, Pablo Picasso, Margot Pilz, Arnulf Rainer, Egon Schiele, Elfie Semotan, Daniel Spoerri, Evelin Stermitz, Juergen Teller, Henri de Toulouse-Lautrec, Jeff Wall, Harry Weber, Max Weiler, Todd Weinstein, Wojciech Stanislaw Weiss, Nives Widauer und Martha Wilson.

www.belvedere.at

7. 11. 2017

Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks

September 23, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein poetischer Politroman über das moderne Indien

Genau 20 Jahre nach ihrem Weltbestseller „Der Gott der kleinen Dinge“, der Geschichte einer Familie, die an einer verbotenen Liebe zerbricht, legt Arundhati Roy ihr neues Buch vor, „Das Ministerium des äußersten Glücks“, auch dieses bereits auf der Longlist für den Man Booker Prize 2017, und beide Romane Wunderwerke an manchmal brutaler, aber immer bezwingender Poesie, ja, an schriftstellerischer Eleganz.

Es ist der Ton, der einen an dieses Buch bindet, mit Textstellen, wie dieser: „Es herrschte Frieden. So hieß es zumindest. Den ganzen Morgen war ein heißer Wind durch die Straßen gepeitscht und hatte Staub, Kronkorken und Beedi-Kippen vor sich her und gegen Windschutzscheiben und in die Augen von Fahrradfahrern getrieben … die Hitze flirrte auf den Straßen wie eine Bauchtänzerin. Die Menschen warteten auf das Gewitter, das auf jeden Sandsturm folgte, aber es kam nicht. Ein Feuer wütete durch eine Ansammlung von Hütten am Flussufer, verwüstete im Nu mehr als zweitausend. Dennoch blühte der Indische Goldregen in einem trotzigen Gelb. In jenem höllischen Sommer streckte er sich nach oben und flüsterte dem heißen braunen Himmel ,Fuck you‘ zu.“

In den zwei Jahrzehnten zwischen den Büchern ist viel passiert. Roy wurde zu einer der wichtigsten kritischen Stimmen Indiens, die Autorin wurde zur Politaktivistin, angefeindet von den fundamentalen Hindus vor allem wegen ihrer Stellungnahmen zum Kaschmir-Konflikt. Sie fuhr in den Norden, um über das dortige Morden zu berichten. Sie besuchte die Dörfer der maoistischen Guerilleros. Sie zeigte die von staatlichen indischen Stellen tolerierten Pogrome gegen Muslime auf. „Aus der Werkstatt der Demokratie“ heißen Roys Essays über politische und religiöse Ausgrenzung, die auch auf Deutsch erschienen sind.

Und gerade, weil diese Essays immer für ihre poetische Sprache gelobt werden, ist nun nur logisch zu sagen: „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein politischer Roman. Jedenfalls ein vielstimmiges Werk, ein 560 Seiten langer Abriss der Geschichte des modernen Indiens, ein Gesellschaftspanorama, kein leichter, sondern ein provokanter Lesestoff – eine Schelte auch des Westens, der sich von bunten Bildern blenden lässt, und nicht sehen will, dass die viel beschworene „größte Demokratie der Welt“ auch ein Folterstaat ist. Ein Land zwischen Kastensystem und Armut, dessen fehlende Frauenrechte immer nur dann ins westliche Auge poppen, wenn wieder einmal Frauen vergewaltigt, verbrannt oder mit Säure übergossen wurden. Auch der große Gandhi kommt bei Roy nicht ungeschoren davon. Schließlich hat er das Kastenwesen als göttergegeben immer befürwortet.

Bild: pixabay.com

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Im „Ministerium des äußersten Glücks“ sind natürlich Kaschmir und der gegen die Muslime geführte Religionskrieg die Hauptthemen. Im SRF-Literaturclub hieß es über den Roman und seine Verfasserin sinngemäß, Roy hätte mit ihrer Globalisierungskritik, ihrem Anprangern der Überbleibsel des britischen Kolonialismus, mit ihrer Konsumismuskritik („Jetzt muss man nicht mehr ins Ausland, um einzukaufen. Jetzt gibt es auch hier importierte Dinge. Weißt du, Bombay ist unser New York, Delhi ist unser Washington und Kaschmir ist unsere Schweiz.“

Die anderen, die es sich nicht leisten konnten, in der Großstadt zu leben, sollten nicht mehr herkommen, waren aber zu viele, um sie in aller Öffentlichkeit zu töten. Also walzte man ihr notdürftigen Hütten platt mit, „gelben Bulldozern aus Australien“ …) nach dem europäischen und dem US-Büchermarkt geschielt. Kaum zu glauben. Vielmehr ist es für Leser hierzulande nicht von Nachteil sich in die Geschichte Indiens einzulesen, um Roys Andeutungen, schaurige Anekdoten und Aphorismen zu verstehen.

Beispiele: Die RSS ist eine radikal-indische, hierarchisch organisierte Kaderorganisation, laut BBC das größte Freiwilligenkorps der Welt. Die „Safransittiche“ meinen die Banden von Hindu-Nationalisten, die sich gern in die Farbe Safrangelb kleiden. Der militante Führer „Gujarat ka Lalla“ ist Narendra Modi, Indiens amtierender Premierminister, „Aggarwal“ ist Arvind Kejriwal, bereits zum zweiten Mal wiedergewählt als Regierungschef des Unionsterritoriums Delhi. Anna Hazare kommt vor, der indische Bürgerrechtler, der mit seinem Anti-Korruptions-Hungerstreik im Jahr 2011 den „zweiten Freiheitskampf“ ausrief. Und auch das findet man im „Ministerium des äußersten Glücks“: die Unruhen im Bundesstaat Gujarat, wo im Jahr 2002 Muslime von Hindu-Mobs ermordet wurden und die Polizei dabei zusah; das Gasunglück in Bhopal, bei dem 1984 Tausende Menschen qualvoll starben oder grauenhaft verstümmelt wurden …

Roy fordert von den Lesern Mitarbeit. Sie verwendet unterschiedlichste Stilmittel, Lebensbeichten, polizeiliche Zeugenaussagen, Märchen, Briefe, auch an Tote, und zappzarapp ist man im Kopf eines alkoholsüchtigen Inlandsgeheimdienstlers und lauscht dessen Ich-Erzählung. Roy will alles, kann auch alles, überfrachtet, überfordert, auch ihr entgleitet der Roman mitunter, aber mit ihrem Humor und ihrer Menschenliebe schreibt sie gegen das Chaos an. Dem der Hirne, dem der Herzen, dem Indiens. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist teils heiter, oft melancholisch, manchmal skurril. Dem Faible ihres Volkes für Hungerstreiks, ebenso wie seinem Hang zum Aberglauben gewinnt Roy durchaus absurd-humorige Seiten ab.

Im Mittelpunkt des Handlungswirrwarrs stehen zwei Geschichten, die Figur Anjum ist die Klammer, ihre Exotik das Epizentrum der Ereignisse, ihre der gesellschaftlichen Konvention gegenläufige Perspektive die immer menschliche, die mit allen mitfühlende, die, der Roys Sympathien gehören. Anjum ist eine Hijra, so der Name für Indiens drittes Geschlecht, die Transgender-Personen. Die Muslimin, in Delhi damit gleichsam doppelt vogelfrei, ist als Sohn wohlhabender Eltern aufgewachsen, bevor sie sich entschloss als Frau zu leben. Dies, nachdem sie als Celebrity für ausländische Fernsehsender und einheimische NGOs ausgedient hatte, auf einem alten Friedhof, der mit Anjums Ankunft zu einem wundersamen Zufluchtsort für von der Welt Ausgestoßene wird. Die Gegengesellschaft ist gegründet. Doch Anjum will, was ihr biologisch verwehrt ist, ein Baby. Erst nimmt sie ein Straßenkind bei sich auf, nennt es Zainab, und macht aus der Göre eine gebildete junge Frau bester Ausbildung. Später fällt ihr bei einer Großdemonstration ein ausgesetztes Baby, die Mutter maoistische Waldkämpferin in Kaschmir, in die Arme, doch es wird ihr geraubt.

Bild: pixabay.com

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Die Kindesentführerin ist Politaktivistin, Tilo, in Kaschmir vom Militär misshandelt, weil Lebensgefährtin des Aufständischenführers Musa (der das wiederum nur wird, weil die Polizei bei einem Märtyrer-Begräbnis seine Frau und Tochter erschießt. „Das Märtyrertum stahl sich nach Kaschmir über die Demarkationslinie“, schreibt Roy. „Es stapfte an erschossenen Jungen in Schneewehen vorbei, ihre Leichen in unheimlichen gefrorenen Tableaus arrangiert“). Musa und Tilo, das ist, obwohl die hinduistische Tilo Musas muslimische „Frauen dürfen nicht“-Seite nicht versteht, die große Liebesgeschichte des Romans, die freilich kein gutes Ende nehmen kann.

„Es scheint keine Hoffnung mehr zu geben. Aber so zu tun, als hätten wir Hoffnung, ist das einzig anständige“, wird Musa später sagen, bevor er tot – oder doch ein anderer für ihn tot sein wird? Anjum wird Tilo und das Baby mit nun zwei Müttern auf ihren Friedhof retten. Eine weitere Klammer ist der sadistische Major Amrik Singh, der in Kaschmir blutrünstig wütet, bevor er den einen Schritt tut, der sogar der Regierung zu weit geht, und samt Frau und Kindern als „Asylwerber“ in die USA abgeschoben wird.

Die dortigen Einwanderungsbehörden sind vom schlimmen Schicksal zu Tränen gerührt, natürlich, denn wäre könnte exakter Auskunft über Folter- und Tötungsmethoden geben? Später wird Singh sich und die seinen erschießen, getrieben von den Gesichtern der Kaschmiris, die sich tagtäglich vor seinem kalifornischen Bungalow versammeln. Und wenn’s er nicht selber war, dann war’s …

Solcherart reiht Roy großartige Bilder, auch der Zerstörung, schöne und schreckliche Momente aneinander. „Ich würde gerne eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur“, lässt Roy die Figur Tilo notieren. Auf Seite 540 folgt ihr Gedicht: „Wie erzählt man eine zerbrochene Geschichte? / Indem man sich langsam in alle verwandelt. / Nein. / Indem man sich langsam in alles verwandelt.“ Das ist Arundhati Roy gelungen, und man folgt ihr gerne durch ihr Wort- und Satzdickicht. Sie hat Politik in Poesie eingesponnen, ihre Stimme mit den Stimmen ihrer Figuren verwoben. Fantasievoller und schöner formuliert kann sich eine so beharrliche Auflehnung gegen Grausamkeit und Ungerechtigkeit kaum wo lesen lassen. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein großes Buch, das von der Größe seiner Protagonistinnen Anjum und Tilo und ihrer Wahlverwandtschaft erzählt, und zwischen den Zeilen von der Größe der Autorin.

Der Schrein von Hazrat Sarmad, ein spiritueller Ort, zu dem alle im Buch Bedrängten und Geschundenen immer wieder pilgern, ist mit dem titelgebenden deutschsprachigen Wort „Ministerium“ nur unzureichend erfasst. Sarmad war Mystiker, Poet, ein armenischer Jude aus Persien, übergetreten zum Islam. Ein nackter Fakir, schwul, in Liebe mit einem Hindu-Mann, 1660 geköpft. Doch selbst enthauptet, so heißt es, habe er ihm noch seine Liebesgedichte rezitiert. Wenn so einer nicht als Beschützer von Anjums Glücksfreistaat taugt – wer dann?

Über die Autorin:
Arundhati Roy wurde 1959 geboren, wuchs in Kerala auf und lebt in Neu-Delhi. Den internationalen Durchbruch schaffte sie mit ihrem Debüt „Der Gott der kleinen Dinge“, für das sie 1997 den Booker Prize erhielt. Aus der Weltliteratur der Gegenwart ist er nicht mehr wegzudenken. In den letzten zehn Jahren widmete sie sich außer ihrem politischen und humanitären Engagement vor allem ihrem zweiten Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“.

Fischer Verlage, Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“, Roman, 560 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube

www.fischerverlage.de

  1. 9. 2017

mumok: Naturgeschichten. Spuren des Politischen

September 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kolonialismus, Krieg – und ein echter Kojote

Die Giraffe als Opfer des Kolonialismus: Candida Höfer: Zoologischer Garten Paris II, 1997. Bild: Courtesy the artist. © Bildrecht Wien, 2017

Die Ausstellung „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“, ab 23. September im mumok, befasst sich mit Darstellungen von Natur, die auf gesellschaftliche Prozesse und zeitgeschichtliche Ereignisse Bezug nehmen. Die Arbeiten unterlaufen sowohl die Vorstellung von Natur als geschichtsfreiem Raum als auch die Fiktion eines unveränderlichen, naturgegebenen Geschichtsbildes. Sie verdeutlichen in unterschiedlichen Themenfeldern den Wechselbezug von Natur und Geschichte.

Und zwar jenseits romantisierender Natur- und Geschichtsverklärung. Auf drei Ausstellungsebenen spannt die Präsentation einen Bogen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. In der Ausstellung zeigt sich, dass zeit- und systemkritische Kunst, die sich auf den Kolonialismus und seine Folgen, auf totalitäre Ideologien und kriegerische Konflikte sowie auf gesellschaftliche Veränderungen im Zuge politischer Systemwechsel bezieht, bis heute eine zentrale Bedeutung besitzt.

Die Schau setzt mit Arbeiten der Neoavantgarde ein, die in ihrer Reflexion über die Rahmenbedingungen künstlerischer Produktion und Rezeption auch deren gesellschafts- und geschichtskritische Dimensionen mitdenken. Beispielhaft dafür sind Arbeiten von Marcel Broodthaers, Joseph Beuys, Hans Haacke, Mario Merz, Hélio Oiticica oder der Künstlergruppen SIGMA aus Rumänien und OHO aus Slowenien. In seiner Rauminstallation „Un jardin d’hiver II“ (1974) spielt Broodthaers mit exotischen Pflanzen- und Tiermotiven auf die bürgerliche Sehnsucht nach fernen und fremden Ländern ebenso wie auf deren kolonialistische Ausbeutung an.

Joseph Beuys verweist in seiner Aktion „I Like America and America Likes Me“ (1974) mittels eines Kojoten als Symboltier der indianischen Ureinwohner Amerikas auf deren gewaltvolle Kolonialisierung. Während Mario Merz mit dem Motiv des Iglus als Zeichen naturverbundener nomadisierender Lebensform Zivilisationskritik betreibt, unterläuft Hans Haacke mit seinem „Grass Cube“ (1967) die im minimalistischen Kubus imaginierte nüchtern-zweckfreie Form und aktiviert stattdessen naturhaftphysikalische Prozesse als Gegenentwurf zu einem realitätsblinden Kunst- und Gesellschaftsbegriff.

Jonathas de Andrade: ABC da Cana / Sugarcane ABC, 2014 (26 Fotografien/Detail). Bild: Courtesy Jonathas de Andrade and Galleria Continua, San Gimignano, Beijing, Les Moulins, Habana

Joseph Beuys: I like America and America likes Me, 1974. Einwöchige Performance von Joseph Beuys anlässlich der Eröffnung der René Block Gallery New York im Mai 1974. Bild: Courtesy Archiv Block, Berlin. © Bildrecht Wien, 2017

Auch in naturbezogenen Arbeiten von Künstlern aus osteuropäischen Staaten und aus Lateinamerika spiegeln sich zeit- und systemkritische Anliegen: In den Arbeiten der Sigma-Gruppe (Ștefan Bertalan, Constantin Flondor, Roman Cotosman und Doru Tulcan) werden in den zunehmend restriktiver werdenden 1970er-Jahren unter dem Ceauşescu-Regime Natur und Wissenschaft zu Plattformen nonkonformistischer Kunst. Im titoistischen Jugoslawien bekundet die OHO-Gruppe (Marko Pogačnik, David Nez, Milenko Matanović, Andraž Šalamun, Naško Križnar und Marjan Ciglic), anknüpfend an die Konzeptkunst und durch den Rückzug in die ländliche Natur, ihre Kritik an der politischen Fortschrittsideologie wie auch am kunstbetrieblichen Karrieredenken. Die globale Bedeutung der Natur als politisches Motiv Ende der 1960er-Jahre zeigt sich auch in Oiticicas Installation Tropicália (1968), die auf die gleichnamige Protestbewegung gegen die brasilianische Militärdiktatur der Zeit Bezug nimmt.

Vertreter der nachfolgenden Künstlergenerationen bedienen sich sowohl kolonialismuskritischer als auch geschichts- und gesellschaftskritischer Traditionen der Neoavantgarde und aktualisieren sie für ihr eigenes zeitgeschichtliches Umfeld. Eine kritisch-analytische Sicht auf koloniale und postkoloniale Geschichte findet sich in den Arbeiten von Jonathas de Andrade, der sich brasilianischen Plantagearbeitern zuwendet, oder bei Matthew Buckingham, Andrea Geyer und Stan Douglas, die die Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents thematisieren. Auch Mark Dions Installation über einen fiktiven Ethnografen, Candida Höfers Fotografien von Zoos, Christian Philipp Müllers oder Isa Melsheimers Bezugnahme auf das Verhältnis von Kolonialisierung und Pflanzentransfer sowie Margherita Spiluttinis Fotografien von exotischer Kulissenmalerei des 18. Jahrhunderts beleuchten Aspekte kolonialer Geschichte und deren Folgen bis in die Gegenwart.

Mario Merz: Igloo di Giap, 1968. Leihgabe Centre Pompidou, Paris. Bild: Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Philippe Migeat. © Bildrecht Wien, 2017

Beitrag aus Rumänien: Constantin Flondor (SIGMA Group): Knoten, dreieckige Prismen, 1974. Bild: mumok. © Constantin Flondor/Sammlung Georg Lecca, München

Die Arbeiten von Anri Sala, Ingeborg Strobl, Lois Weinberger sowie Anca Benera und Arnold Estefan behandeln Veränderungen und Verwandlungen öffentlicher und historischer Orte durch natürliche Prozesse. Die alles überwuchernde Natur erweist sich dabei als Indikator geschichtlicher Dynamiken. So zeigt Sala in „Arena“ (2003) den Verfall des Zoos in Tirana als Folge und Metapher zerbrochener gesellschaftlicher Ordnung. Während bei Strobl und Weinberger Verfallsprozesse im Landschaftlichen oder Urbanen vom Bedeutungsverlust einst funktionierender Strukturen in Krisenregionen zeugen, bringen Anca Benera und Arnold Estefan die absichtsvolle Tarnung ehemaliger Militäreinrichtungen und Kriegsschauplätze durch künstlich angelegte Naturanlagen ans Licht.

Naturdarstellungen prägen auch Werke, die sich mit Völkermord im Rahmen totalitärer Systeme und kriegerischer Konflikte auseinandersetzen. Die Geschichte des nationalsozialistischen Terrors und des Holocausts begegnet den Betrachtern in den Arbeiten von Heimrad Bäcker, Mirosław Bałka, Tatiana Lecomte, Ion Grigorescu und Christian Kosmas Mayer. Wendet sich Mayer der Geschichte der sogenannten Hitler-Eichen zu, die 1936 bei der Olympiade in Berlin an die Sieger vergeben wurden, so haben Bałka, Lecomte, Grigorescu und Bäcker die Opfer und die Landschaften, Architekturen oder Relikte von Konzentrationslagern im Blick, um an die Verbrechen und ihre Verdrängung zu erinnern.

Mark Dion: The Tar Museum – Skeleton Cabinet, Lizard and Gecko & Flamingo, 2006. Bild: mumok / Klaus Pichler. Courtesy the artist and Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Weitere Arbeiten, die von politisch motivierter Gewalt, von Flucht oder Widerstand handeln, schließen hier an: so Christopher Williams’ Fotoserie „Angola to Vietnam“ (1989), in der Glasmodelle von Pflanzen an politische Morde gemahnen, oder Sandra Vitaljićs Fotoarbeiten „Infertile Grounds“ (2012), in denen verborgene Orte in der Natur als Zeugen kriegerischer Massaker ausgewiesen werden. Ebenso zählt Sanja Ivekovićs Bezugnahme auf ein Flüchtlingslager während des Balkankrieges in ihrer Arbeit „Resnik“ (1996) zu diesem Themenfeld.

Wie auch die Arbeiten Sven Johnes, Alfredo Jaars und Nikita Kadans. Während Sven Johne anhand eines erfundenen Flüchtlingsschicksals in der ehemaligen DDR gesellschaftliche Realität untersucht und Alfredo Jaar die vietnamesischen Boatpeople porträtiert, die während des Vietnamkrieges über das Meer nach Hongkong geflüchtet waren, bezieht Kadan Stellung zur ukrainischen Revolution von 2013 in Kiew. Er führt in einer Diaserie die Rolle von provisorischen Gärten als Nahrungsreservoir für die 2013 gegen den Expräsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch, revoltierende Bevölkerung auf dem Maidan-Platz vor Augen.

www.mumok.at

19. 9. 2017

Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens

Juni 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein gewagtes Porträt des ewigen Revolutionärs

Jean Ziegler im Porträt: Regisseur Wadimoff würdigt den ewigen Revolutionär in einem sensiblen, schelmischen, aber auch kompromisslosen Film. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Zu Anfang zeigt Jean Ziegler Fotos von Noma, nein, nicht das dänische Luxusrestaurant, sondern die bakterielle, durch Unterernährung beförderte Erkrankung, die halbe Gesichter wegfrisst. Es sind Bilder von Kindern, und mit Sätzen, wie „Ein Kind, das durch Hunger stirbt, ist ein ermordetes Kind“, ist der 1934 geborene Schweizer, einer der renommiertesten Kapitalismuskritiker, zur Leitfigur der Antiglobal- isierungsbewegung geworden.

Regisseur Nicolas Wadimoff widmet ihm nun ein Porträt, „Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens“, das derzeit in den heimischen Kinos läuft, und es ist ein sensibler, schelmischer, aber auch kompromissloser Film geworden. Keine Biografie. Wadimoff gelingt eine Würdigung des ewigen Revolutionärs, nicht ohne dessen Dogmatismus zu hinterfragen. Der Film ist von einer kritischen Empathie.

Das liegt daran, dass der Dokumentarfilmer den Kämpfer für eine gerechtere Welt auch nach Kuba begleitet. Anfang der 1960er-Jahre begegnete der junge Ziegler dem damals schon legendären Che Guevara auf einer internationalen Konferenz in Genf. Er wird quasi sein „Chauffeur“, und die langen Gespräche, die die beiden Männer im Auto führen, begeistern Ziegler so, dass er mit ihm aufbrechen will. Doch Che überzeugt ihn „an seinem Platz“ in Europa zu bleiben, um von hier gegen den „Kopf des kapitalistischen Monsters“ zu agieren. Ein Versprechen, das Ziegler tatsächlich bis heute nicht gebrochen hat. Jeder muss kämpfen, wo die Geburt ihn hingestellt hat, sagt er und dann spricht er vom „Glück der Geburt“.

Jean Ziegler während seines Aufenthalts in Havanna vor einem Wandgemälde des chilenischen Malers José Venturelli im Hotel Habana Libre. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Als Hauptredner bei der Münchner Großdemonstration gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Nun endlich ist er in Kuba, und man merkt: Er ist am fidelen Auge schwer kurzsichtig. Wie er die Errungenschaften (?) des Castro-Kommunismus lobt – einmal bei einer Autofahrt durch die nächtliche Finsternis, in Kuba gibt es so gut wie keine Straßenbeleuchtung -, das treibt sogar seine Frau Erica Deubner auf die Palme. Da wird sich dann gekabbelt, liebevoll versteht sich, denn was der Film auch zeigt, ist eine große Liebe und Gemeinschaft zweier älterer Leute, aber Ziegler lässt sowieso keinen Widerspruch zu. Und als er die freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit relativiert, kommt’s richtig zum Streit mit seinem ehemaligen Studenten Wadimoff.

Dafür lässt er die Kamera erstaunlich dicht an sich heran. Man sieht ihn in seinem Arbeitszimmer, in dem natürlich ein Foto vom Che hängt, daneben die Welthungerkarte. Man sieht ihn bei seinen Triumphen, aber auch bei seinen Niederlagen. Einmal, als ihm, dem Mitglied im Beratenden Ausschuss des UN- Menschenrechtsrates, ein Antrag abgelehnt wird.

Ihm aber nicht, wie er dachte, die Vereinigte Staaten in den Rücken gefallen sind, sondern ausgerechnet ein afrikanischer Staat. Da ist er den Tränen nahe, und schimpft über die Dummheit, „die systemische Feigheit“ der US-Vasallen. Ziegler schwebt irgendwie immer zwischen Zorn und Hoffnung. Leere Kilometer macht er viele. Das geht an die Substanz. Die Kamera kommt auch mit, als er für ein paar Tage ins Krankenhaus muss.

Der Kampf, den Ziegler derzeit ausficht, ist der „gegen den internationalen Wirtschaftsterrorismus“, sogenannte Geierfonds. Die kaufen Schulden problembeladener, zahlungsunfähiger Staaten, und treiben diese dann nach Anklage bei der Weltbank ein. Was das für diese Länder bedeutet, kann man sich vorstellen. Ziegler erklärt es so: Wenn ein armes Land einen Ernteüberschuss für ein schlechtes Jahr erwirtschaften konnte, wird es dadurch gezwungen, den Mais oder Weizen auf den Weltmarkt zu werfen. Kommt dann tatsächlich ein schlechtes Jahr – Hungerkatastrophe.

„Che schaut mir jeden Tag über die Schulter, und schaut, ob ich meinen Verpflichtungen treu bleibe, oder nicht,“ sagt Ziegler. Und Wadimoff zeigt, er kann nicht nur diplomatisches Parkett, er kann auch „Straßenkampf“. Vor jugendlicher Energie sprüht er als Hauptredner bei der Münchner Großdemonstration gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau.

Mit seiner Frau Erica Deubner Ziegler auf Kuba. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Was es mit dem „Optimismus des Willens“ auf sich hat? Ziegler nennt zwei Gründe dafür: zum einen das Erstarken der Zivilgesellschaft, Stichwort: Willkommenskultur in der Flüchtlingskrise, zum anderen glaubt Ziegler an eine Reform der UNO, an eine Aufhebung des lähmenden Vetorechts im Sicherheitsrat, das 2006 schon der damalige Generalsekretär Kofi Annan forderte.

Dass „der Aufstand des Gewissens“, wie er es nennt, erfolgreich sein kann, daran glaubt er fest. Daran muss er glauben. Helfen, hofft er, kann auch dieses filmische Porträt: „Meine Glaubwürdigkeit ist die einzige Möglichkeit, die ich als Autor und UN-Sonderberichterstatter habe. Die kann durch ein negatives Bild im Film zerstört werden. Aber ich habe Wadimoff vertraut und habe es nie bereut, ihn gemacht zu haben. Dieser Film kann eine wichtige Unterstützung bei meinen Ideen sein.“

BUCHTIPP: C. Bertelsmann Verlag, Jean Ziegler: „Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe, und die, die wir gemeinsam gewinnen werden“, Sachbuch, 320 Seiten.

www.jeanziegler-film.com

Wien, 4. 6. 2017