Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Werk X: Aufstand der Unschuldigen

Oktober 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beobachtung eines Brainstormings

Die Schauspieler schreiten schließlich zur Tat: Annette Isabella Holzmann, Felix Krasser, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Wenn die Schauspieler knapp vor Schluss aus den Situationen treten und den Produktionsprozess diskutieren, dann ist das wie ein Fishing For Verständnis. Sieben Wochen habe man gearbeitet, und was habe man nun? – nichts! Keine Szenen, keine Dialoge, „keine einzige sinnvolle Zeile zu den Problemen unserer Zeit“. Nun, so schlimm ist es nicht.

„Aufstand der Unschuldigen“ im Werk X, dieser als Agitprop-Posse für Dummys angekündigte Abend, ist nur weniger Ali M. Abdullahs erste „Stück“-Entwicklung fürs Haus, als vielmehr das Beobachten eines Proben-Brainstormings zu Themen, die dem Ensemble dieser Tage vordringlich sind. Und so ist der Abend Werk-X-isch, wie man’s schon kennt, anarchistisch, kämpferisch und suggestiv, spannend, immer auch spaßig, und das Ende tumultös. Zu sagen, hier wäre was nicht fertig geworden, geht gar nicht, weil draußen in der wirklichen Welt ja auch nichts zum Abschluss gebracht ist. Die Debatte ist nicht beendet, der Fall nicht abgeschlossen – und kein Ausweg nirgendwo. Also.

Worum es geht, ist, kurz gefasst, die Frage danach, was wahr und was echt ist. In einer Zeit, in der fremdgefertigte Bilder und schreihälsische Parolen die Wahrnehmung bestimmen, muss man sich, so die Message, dieser Fernsteuerung entziehen und wieder lernen, vernunftbegabt eigene Entscheidungen zu treffen. Das Leben ist eben nicht „wie im echten Film“, und auch, wenn die Österreicher das gern tun, könne man nicht immer „nur zuschauen“ – dazu eine etwas lang geratene Episode über das Nichteingreifen heimischer UNO-Soldaten auf dem Golan.

Palavern in der Box: Peter Pertusini, Holzmann, Krasser, Griesser, Hemmer und Musiker Moritz Wallmüller. Bild: © Alexander Gotter

„Florian Klenk“ in der Greißlerei: Holzmann, Krasser, Griesser, Pertusini und Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Gefangen zwischen gelebten Geschichten und erzählter Realität versuchen die Schauspieler in knapp zwei Stunden, sich der selbstauferlegten Aufgabe zu stellen. Auftreten nun Verschwörungstheoretiker und Retrofuturisten, beide auch in ihrer Anti-Form, Doomer und Terroristen. Peter Pertusini gibt einen auf Gefahren aller Art vorbereiteten Prepper, der in komischer Verzweiflung Gewaltszenarien wie den Teufel an die Wand malt.

Den vielleicht stärksten und die Stoßrichtung der Veranstaltung vorgebenden Moment hat Christoph Griesser der vom martialisch brüllenden Anführer einer Roomclearing-Einheit zum traumatisierten Syrienkrieg-Heimkehrer wird. Eben noch wird das Publikum angeschnauzt, warum es seine Zeit im Theater vergeude, statt an seinen Schießübungen teilzunehmen, schließlich müssten sich auch Kulturbegeisterte zu wehren wissen, schon fällt er, ein Häufchen Mensch, in sich zusammen.

Palavert wird viel. Der Smalltalk auf einer Intellektuellen-Party wird rasch zum Streit, wenn jeder seine Ängste bloßlegt; Fußball-Hooligans, Herzinfarkt, Haie, das sei zu wenig brisant, befindet Annette Isabella Holzmann.

Angst, so die richtige, wichtige Aussage, ist ein mächtiges Tool in den Händen der Manipulierer. Wenn man aus dem Werk X und diesem Freie-Assoziation-Abend was mitnehmen kann, dann immer wieder Denkanstöße. In einer Fernsehtalk-Runde überbieten einander die Ideologienschleudern RAF-Gründer Andreas Baader, „Homeland“-Star Claire Danes, Identitären-Sprecher Martin Sellner und Globalisierungskritiker Jean Ziegler mit Argumenten darüber, ob Klasse vor Rasse gehe, rechts- vor linksradikal, Dachidentität vor Individualität, Grenzen dicht machen vor internationaler Solidarität.

Wie als Kontrastprogramm zu den Kopfgeschüttelten geht’s in eine Greißlerei und zu einer Gratiszeitung-Schlagzeilen-Lesung der Gemeindebauler. Martin Hemmer bestellt sich als Figur „Florian Klenk“, im Original Falter-Chefredakteur und also solcher Enthüllungsjournalist, ein Käsebrot und wird in ein Wortgefecht über globale und hausgemachte Katastrophen verwickelt. Dass er zwischendurch „gescheite“ Bücher über den Populismus aller Seiten in die Kamera hält, entwickelt sich zum Running Gag.

Sperrholzplatten-Labyrinth, Vidiwalls und Leuchtschriftbänder: Die aufwendige Spielraumgestaltung von Renato Uz. Bild: © Alexander Gotter

Überhaupt ist die Kamera das bestimmende Stilmittel dieser Aufführung. Renato Uz hat drei miteinander verbundene Boxen auf der Spielfläche aufgestellt, ein Sperrholzplatten-Labyrinth als Symbol für die medialen Verschachtelungen einer modernen Welt, von keinem Sitzplatz aus sieht man alles, aber viel über die beiden riesigen Vidiwalls. Auf zwei Leuchtschriftbändern laufen Zitate von Kurz und Kickl. Von ersterem unter anderem: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder abgehen.“

Musikalisch ist der Abend, mit Moritz Wallmüller an der Gitarre und Martin Hemmer am Schlagzeug top, die Darsteller singen sich von Zager and Evans‘ „In The Year 2525“ über den M.A.S.H-Song „Suicide Is Painless“ zu Led Zeppelins „Stairway To Heaven“.

Die Unschuldigen aus dem Titel werden übrigens definiert, als diejenigen, die nichts dafür können in einem Land zu leben, dass die Demokratie sukzessive abschafft. (Wobei es an dieser Stelle Karl Kraus zu bemühen gilt: Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.) Felix Krasser wird als Selbstmordattentäter ausgewählt, wütende weiße Schauspieler müssten endlich die Vorstellung von dunkelhäutigen Extremisten verdrängen, doch bevor’s zum großen Kabumm kommt, ist er seinen Sprengstoffgürtel schon wieder los. Im Programmfolder-Interview sagt Fragensteller Abdullah, „dass wir langsam Antworten brauchen“, dass die kritische Linke anfangen müsse, Lösungen vorzuschlagen. „Aufstand der Unschuldigen“ bemüht sich zumindest darum, diese gesellschaftliche Klemme zu beschreiben. Motto: Brainstorming ist aller Problembewältigung Anfang.

werk-x.at

  1. 10. 2018

Kammerspiele: Josef und Maria

Oktober 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Tangoschritt zum Weihnachtssex

Ulli Maier und Johannes Silberschneider. Bild: Herwig Prammer

Während das Publikum noch in den Saal strömt, ist schon „Weihnachtsatmo“, besinnliche Berieselungsmusik, unterbrochen von schmeichelweicher Werbung für Kerzen, Gänse, Krippen. Beschwörung der Wunderzeit, die im wirklichen Leben – und alle Jahr‘ scheint’s früher – bereits mit Lebkuchenaufstellern begonnen hat. Auf der Bühne Kunstschnee und Plüscheisbären und rote Riesenplastikkugeln. Hier, erklärt Regisseur Alexander Kubelka damit, wird ein Märchen erzählt. Oder eine Geschichte aus einer Spielwarenabteilung.

Kubelka zeigt an den Kammerspielen der Josefstadt Peter Turrinis „Josef und Maria“. Dies eines der erfolgreichsten Stücke des großen österreichischen Dramatikers, übersetzt in mehr als 20 Sprachen, gespielt in mehr als 100 Inszenierungen. Sein erstes mit Happy End, sagt der Autor selbst.

Nun also stehen einander im nachtschwarzen Kaufhaus Ulli Maier und Johannes Silberschneider als Gelegenheitsputzfrau und Aushilfe bei der Wach- und Schließgesellschaft gegenüber. Beide haben sich um die Arbeit am Heiligen Abend bemüht.

Sie von Sohn und Schwiegertochter explizit vom Fest ausgeladen, weil es sonst wieder „nur Unfrieden“ gebe, er sowieso ein Einsamer, dem die kommunistischen Genossen der Reihe nach weggestorben sind. „Josef und Maria“ ist ein Schauspiel, das sich in einer Geisteshaltung festgesetzt hat, in der es den Begriff Proletariat noch gab, den eines stolzen, standesbewussten, keinesfalls zu verwechselnden mit einem Prekariat. Kubelka holt Turrinis Text da ab und führt ihn klug Richtung Jetzt. Viel von dem, was gesagt wird über Armut im Wohlfahrtsstaat, Arbeitslose, Notstandshilfe, könnte auch zeitgemäßer kaum sein. Josef versucht „Die Wahrheit“, eine Zeitung, unters Volk zu bringen. Das ist den Zuschauern dieser Tage ein Lachen wert.

Silberschneider, von Elisabeth Strauß wie als Schutzbündler eingekleidet, und immer wieder betont dieser Josef ja auch, dass man einen „Republikaner“ nicht klein kriegen könne, gibt gekonnt den kauzigen Freidenker, dem der Glaube an den sozialistischen Fortschritt auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht auszutreiben ist. Ulli Maiers Maria ist beinah anmutig und grazil, wenn sie ihre Bitterkeit wegtanzen will, sie, die einstige Varietétänzerin in Tirana, er war immerhin kurz Burgtheater-Statist, sie anrührend in ihrem trotzigen, er in seinem verzweifelten Kummer.

Bild: Herwig Prammer

Bild: Herwig Prammer

Lange redet jeder sein Eigenes, Maria über Kriegsehe und Nachkriegsflucht und Sehnsucht, Josef über Gefängnis, Psychiatrie und Folter, Geschlagene beide, körperlich und seelisch, Übriggebliebene, aber nicht zu Boden Gerungene, bevor sie endlich miteinander sprechen. Kubelka lässt seinen Darstellern Raum zur Entfaltung ihrer Rollen, er ist wie ein Dirigent, der mit dem Taktstock nur antippt, um die schönsten Töne zum Schwingen zu bringen. Er versteht die rabiat-poetische Art und den behutsamen Humor von „Josef und Maria“.

Derart entstehen auch die schönsten Bilder, und die Ausstattung von Florian Etti bietet dafür großartige Möglichkeiten an, etwa, wenn sich die Maier wie eine Spieluhrenballerina zu entsprechender Melodie im Kreis dreht oder Silberschneider lautlos Oper singt, oder, wenn die beiden auf den Eisbären „zum letzten Gefecht“ der Internationalen reiten.

Über ein zufällig gefundenes Mikrophon verkünden sie ihre im doppelten Sinn unerhörten Verlautbarungen, Marias Handtasche entpuppt sich als Musicbox … In all diesen Momenten wird die Aufführung tatsächlich Fabel-haft.

Der Alkohol – Maria hat eine Flasche Klaren dabei – tut schließlich seine Wirkung beim Klassenkämpfer und seinem zunehmend koketten Gegenüber. Schicht für Schicht, bis auf Kombinege und Herrenfeinripp, tragen Maier und Silberschneider von ihren Figuren ab, bis Josef und Maria sich in jeder Hinsicht voreinander entblößt haben. In Tangoschritten, und ja, der Silberschneider kann auch sinnlich, schwoft man zum Weihnachtssex. Nicht ohne vorher kaputte Lunge mit lädierter Bandscheibe aufgewogen zu haben. Ulli Maier und Johannes Silberschneider beherrschen ihn einfach perfekt, Turrinis wehmütigen Witz, diese beschwingte Schwermut.

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Oktober 9, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der rechte Hass ist hausgemacht

„So war Widerstand. War doch logisch, dass die alte DDR sich wehren würde“, heißt es an einer Stelle im Text. Da hat der Leser die Buchmitte schon hinter sich gelassen, da kommt es zu ersten „Sieg Heil!“-Rufen und Hakenkreuz-Schmierereien, da formiert sich eine Gruppe junger Männer zu dem, was sie für „Heimatschutz“ halten. Der 24-jährige Autor Lukas Rietzschel erzählt in seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vom rechten Hass im Osten Deutschlands. Dresden, Chemnitz, Görlitz. Regelmäßig berichten die Medien von Demonstrationen gegen die gefürchtete „Islamisierung“, von Hetze gegen Ausländer, auch von Ausschreitungen gegen Asylwerber.

Rietzschels Roman ist aber zuallererst eine Familiengeschichte. Die Zschornacks, Vater Elektriker, Mutter Krankenschwester, die Söhne Philipp und Tobias mehr oder minder fleißige Schüler, haben sich Anfang der 2000er-Jahre ihren Traum vom eigenen Haus erfüllt. Ein enormer Kraftaufwand in einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Rietzschel schildert ein Städtchen in der sächsischen Provinz, Neschwitz, die Tristesse eines neu erschlossenen Baugebiets zwischen Rapsäckern und zerbröckelnden Plattenbauten.

Irgendwie wirkt alles desolat, weder Wende noch Jahrtausendwende haben den erhofften Aufschwung gebracht, Neschwitz liegt in einer verlorenen, einer vergessenen Region. Die Arbeitslosigkeit hat die Lebensentwürfe der Menschen ausgehebelt, die Kinder spielen – verbotenerweise – auf aufgelassenen Werksgeländen oder in stillgelegten Steinbrüchen. Vor allem ist es hier eines: fad.

Rietzschels Tonfall ist ein melancholischer. Doch die Gewalt, eine beängstigende, unterschwellige Aggression, schimmert ab der ersten Seite durch die Oberfläche dieses Buchs. Immer noch gibt es die alten Ressentiments gegen Polen, die Verachtung für die Sorben. Bei Bierzeltfesten und an Bushaltestellen rufen die Jugendlichen einander „Jude!“ hinterher. Nicht als Schimpfwort, aus „Spaß“, sie wissen gar nicht, was sie da sagen, sie haben‘s aufgeschnappt und interpretieren‘s nun auf ihre Art. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist wie eine Parabel darüber, was passiert, wenn man vor Kindern über Vergangenheit schweigt. Der Schuldirektor wirft lieber eine Decke über das auf den Parkplatz gesprayte Nazisymbol, als sich mit seinen Schülern darüber auseinanderzusetzen.

In einer Atmosphäre von Zukunftsangst und Ohnmacht, mit diesem Gefühl, von der Politik, „vom Westen“ im Stich gelassen worden zu sein, sind die Schuldigen schnell gefunden, ist der Hass gegen die, denen es, weil ihnen von oben geholfen wird, offenbar besser geht, rasch gesät. Sätze tauchen auf wie, man hätte „offene Grenzen versprochen und jetzt kommt nur noch Dreck ins Land.“ Oder: „Für Griechenland wäre Geld da gewesen.“ Von einer Schlinge, die sich immer fester um die selbst perspektivlosen Bürger zusammenzieht, ist die Rede, als Flüchtlinge im Ort untergebracht werden. Die Brüder, obwohl von daheim vergleichsweise gut behütet, schließen sich – sie scheinen weit und breit das einzig „Spannende“ in Neschwitz – einer Gruppe älterer Burschen mit schnellen Autos und rasierten Glatzen an. Philipp zuerst, weil er anerkannt, „ein Mann“ sein will; Tobias schlittert danach in die rechte Szene, weil er’s dem großen Bruder gleichtut. Erst wird nur in Großmutters Gartenhäuschen Alkohol getrunken und blöd herumgelabert, doch ab diesem Zeitpunkt stellt sich die Frage, welcher der Brüder ins Extrem kippen wird.

Rietzschel lässt die Gewaltspirale sich immer schneller drehen. Bis die Situation eskaliert. Er berichtet, wie seine eigene Biografie, Arbeiterkind, aufgewachsen im Neschwitzer Nachbarort, gleich Tobias später Lehrling in einer Fahnenfabrik, anders hätte verlaufen können, hätte er nicht die Literatur für sich entdeckt. Er kommentiert oder bewertet das Geschehen nie offensichtlich, sucht weder offensiv Erklärungen noch Entschuldigungen, doch wie er es bis in die Details bedrückend darlegt, macht klar, was er über eine verlorene Generation, die von der öffentlichen Debatte jahrzehntelang ausgeschlossen wurde, schlussfolgert: Der rechte Hass ist hausgemacht.

Mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ 2010 fällt die letzte Schranke: Endlich darf man laut aussprechen, was man lange schon denkt! Die Truppe schüttet einer türkischen Familie ranzige Schweineschlachtabfälle vor die Tür, verwickelt Flüchtlinge in eine Schlägerei, einer der Brüder wird schließlich die als Asylheim gedachte Schule in Brand setzen. Knackpunkt für ihn ist, dass die Großmutter, weil von der Arbeit dort überfordert, ihren Garten an eine syrische Familie abgibt. Gib ihnen doch deine Rente gleich dazu, fordert er sie böse auf. Ein tatsächliches Ende gibt es in „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht. Wie auch? Die Diskussion ist nicht beendet, die Problematik nicht ausgestanden. Und keine Lösung – nirgendwo.

Über den Autor: Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen, lebt in Görlitz. 2012 wurde sein erster Text im „ZEIT Magazin“ veröffentlicht, seitdem folgten Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien. 2017 war er Gewinner bei poet|bewegt. Für das Manuskript seines Romandebüts wurde er 2016 mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet.

Ullstein Buchverlage, Lukas Rietzschel: „Mit der Faust in die Welt schlagen“, Roman, 320 Seiten.

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 10. 2018

Akademietheater: Kampf des Negers und der Hunde

Oktober 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?

Ernest Allan Hausmann als Alboury, Philipp Hauß als Horn und Stefanie Dvorak als Léone. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Noch bevor die Inszenierung los geht, inszeniert sich eine Protestaktion gegen das N-Wort. Junge Menschen werfen Flugzettel vom Balkon des Akademietheaters, sie skandieren ihre auswendig gelernten Sprüche. Ernest Allan Hausmann, bereits aufgetreten, sagt, man habe ein Recht dies Stück zu spielen. Spätestens am Schluss, wenn sich alle auf der Bühne verbeugen, weiß man, es war ein ausgemachtes Spiel. Das Burgtheater brachte die Sache vorab schon PR-geschickt auf Schiene, indem es den Begriff, wie online und im Programmheft vermerkt, „grafisch absetzte“. Neger. Politisch korrekt und doch ein Bis-hierher-und-nicht-Weiter, man sei schließlich dem Autor verpflichtet.

Alles ein einziges Missverständnis. Für Bernard-Marie Koltès, Dramatiker, Enfant terrible, Reisender, Suchender, Schwuler, Aids-Toter, stand bereits 1983 fest: „Afrika ist überall“. Er verwehrte sich dagegen, seinen Text zu verorten, sah ihn lieber als Metapher interpretiert, er, der geniale Erfinder seiner eigenen, eigenartigen Mythologie, sein Theater immer auch autobiografisch, seine Sprache ausgestattet mit scharfer Schneide, sein Ton an der Schnittstelle von Patzigkeit, Poesie und Pathos.

Dass sein „Kampf des Negers und der Hunde“ dieser Tage allerorts wieder gern gespielt wird, liegt allerdings an dessen Auslegung als Aussage über die Angst der „Weißen“ vor Fremden, Flüchtlingen, Verbrecher allesamt … Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? – Niemand! – Und wenn er aber kommt?

Drei in die Fremde geworfene Figuren sind also gezwungen, sich mit ihrem diffusen Gefühl der Bangigkeit auseinanderzusetzen. Auf einer Baustelle in Westafrika haben sich deren Leiter Horn, die von ihm mitgebrachte Frau Léone und der Ingenieur Cal gegen alle Bedrohungen von außen eingebunkert. Und dann ist das Unheil doch da. In Form des Einheimischen Alboury, der die Herausgabe des Leichnams seines auf dem Gelände verstorbenen „Bruders“ verlangt. Bald weiß man, es war kein Unfall, Cal griff zum Gewehr. Das Thema ist Macht und ihre Strukturen. Chef gegen Mitarbeiter, Mann gegen Frau, Bewaffneter gegen Unbewaffneten, Weiße gegen Schwarze. Die Hunde im Titel sind die Ersteren.

Am Akademietheater zerspragelt sich Regisseur Miloš Lolić am Spagat, Koltès gerecht zu werden und eine selbstständige Sichtweise auf die Sache zu fabrizieren. Dies gelingt nur ansatzweise. Lolić versucht’s weder atmosphärisch-ideologisch noch globalisierungskritisch-brisant noch als absurde Farce, um nur drei Deutungsmöglichkeiten zu nennen, er bleibt seltsam unentschlossen. Und: Er hat – dies die größte Sünde – dem Autor die dichterische Eindringlichkeit, die lyrische Ergriffenheit runtergeräumt, Lolić entzaubert Koltès bis zum Uninteressant-Werden – wenn ihm gar nichts mehr einfällt, und das ist nach dem beim Publikum ins Nichts verpuffenden Anfangsskandälchen wenig, lässt er stetig größer werdende Drohnen steigen.

Markus Meyer als Cal mit Philipp Hauß und Ernest Allan Hausmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stefanie Dvorak, Philipp Hauß und Markus Meyer. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schön wär’s zu sagen, der Abend hielte zum Text zumindest ironische Distanz, tatsächlich wird der die meiste Zeit nur hergesagt. Mitunter unverständlich schnell. Selbst Albourys Parabel über die menschliche Kälte, die nur durch gegenseitiges Wärmen vertrieben werden könne, verliert so an Wirkung.  Das in der Werkeinführung als spannend gepriesene Bühnenbild von Evi Bauer entpuppt sich als obligat-nackte Fläche bis zur Feuermauer, die Kostüme von Jelena Miletić sind ein transparent-nudes „Overdress“ und befleckte Khakikleidung, darunter durchsichtiges Ganzkörperplastik.

In diesem szenischen Leerlauf bemühen sich die Darsteller Philipp Hauß, Markus Meyer, Stefanie Dvorak und Ernst Allan Hausmann aus Rollen Charaktere zu gestalten. Zwischen Hauß‘ Horn und Meyers Cal entsteht bald ein Einverständnis zum latenten Rassismus, beiden gelingt es sogar, subtil unterschwellige Aggression aufblitzen zu lassen. Während Hauß mehr und mehr den Machtmenschen erkennen lässt, dominiert Meyer mit seiner Darstellung latenter Bösartigkeit das Bühnengeschehen. Stefanie Dvorak gibt ein von ihr schon bekanntes aufgescheucht-flirrendes Wesen, das mit seinem Naivchen-Bild vom „edlen Wilden“ alle Gewalt aufhalten will.

Ernst Allan Hausmann schließlich legt den Alboury sehr zurückhaltend an. Immerhin darf er mit einer Fußrassel Gefährlichkeit markieren, als Figur aber bleibt dieser Alboury wenig greifbar. Zum Ende trägt Léone eine Cornrows-Perücke, Horn einen traditionellen Zeremonienmantel aus Ziegenhaar. Geschossen wie bei Koltès wird nicht.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2018