Werk X: Der G’wissenswurm

September 23, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und die Tuba bläst der …

Nächtens wird die Tank- zur Tanzstelle: Sebastian Thiers, Katrin Grumeth, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Der Skandal ist, man versteht mit Glück knapp die Hälfte von dem, was Christoph Griesser so von sich gibt, der im „Heiligen Land“ Gebürtige tirolert vor sich hin, wie’s ihm passt – und hintnach reit‘ die Urschl. Seht, sagt Regisseur Harald Posch, ein Steirer, so nah kann’s Fremdsein sein, und lässt seine Schauspieler genüsslich hoamatln. Also in ihren jeweiligen Dialekten nebst einer Anzengruberisch stilisierten Mundart sprechen. Sebastian Thiers sächselt, und ist als „Piefke“ selbstverständlich der Bösewicht im Ganzen.

„Der G’wissenswurm“ mit dem Zusatz „The unintentional end of Heimat“ ist Poschs Stück der Wahl für die Saisoneröffnung im Werk X, und passend zum Spielzeitmotto „Der Preis des Geldes“ geht er auf des Volksdramatikers Spuren dem belasteten Begriff Heimat nach, der Verglorifizierung von Vaterland, Land ist gleich Besitz, Besitz gleich Blut und Boden – „unser“ Blut und Boden.

Doch wird er mit dem unintentional end der Sache ein Schnippchen schlagen. Ludwig Anzengrubers Personal hat Posch in dieser, bis dato einer seiner besten Arbeiten beibehalten. Während das maskierte Publikum seine Plätze

einnimmt, leiert eine Newsroom-Stimme niederösterreichische Wahlergebnisse vom Band, kaum eine Gemeinde mit weniger als 90, gar 100 Prozent für die ÖVP, und wer’s beim Hinsetzen überreißt, lacht schon zum ersten Mal an diesem gewitzten Abend. Das Setting von Daniel Sommergruber zeigt sich als Tankstelle mit Imbissbude, hinten laute Musik und eine kitschexotische Palmentapete, vorne versucht Thiers per Textbuch sich die Auffi, Umi, Außi, Arschlings anzueignen. Eine Übung, die zum Scheitern verurteilt sein muss.

Der Werk-X-Wurm, ganz klar, ist eine als derber Bauernschwank getarnte Sozialsatire, ein perfides Sittenbild ländlicher Strukturen, die Anzengruber-Überschreibung natürlich Werk-X-isch unterwandert von wissenschaftlichen Fremdtexten – aber der Hauptspaß ist, dass das, was hier ein überhöhtes Überdrüber ist, beinah täglich auf ORF2 läuft. Und die Tuba bläst … Groove Master John Sass, nur muss sich der afroamerikanische Weltstar von den farblosen Gscherten, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, ständig stampern lassen. Welch Statement ohne Worte.

Neunzig Minuten lang schreien sich die Schauspieler durch ihre Darstellung, Peter Pertusini sitzt als Grillhofer-Bauer an der Schank, beim x-ten Schnaps, weil Freizeitvergnügen ist hier Saufen und Speiben, auch wenn der Tankwartknecht Wastl aka Christoph Griesser längst nicht mehr kann und will, Katrin Grumeth als Kellnerin Gisela schenkt nach und nach. „Mein Besitz, vastehst!“, grölt Pertusini, die Dienstleut‘ haben dem Herrn über die Promillegrenze zu folgen.

Pertusini dreht auf gegen die Feministinnen und Vegetarier, gegen die Biokasperln und gegens Dorfsterben, Schnäpse für die verweichlichten Jugend-Zuschauer, die Ruabnzuzla, Gisela putzt und putzt, der Wastl liegt vollfett im Häusl – und auftritt Miriam Fussenegger, wer Anzengruber kennt, ahnt: die Horlacher-Lies, hier die fleischgewordene Fußnote und als solche am Mikrophon zuständig fürs Diskursive.

Groove Master Jon Sass. Bild: © Alexander Gotter

Erbschleicher quält Großbauer: Sebastian Thiers als Dusterer und Peter Pertusini  als Grillhofer. Bild: © Alexander Gotter

Der Spuckschutz fürs Publikum: Peter Pertusini, Miriam Fussenegger und Katrin Grumeth. Bild: © Alexander Gotter

Die finale Besitzerin von Blut und Boden ist Halb-Bosn …ah: Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Posch wäre nicht Posch, würde sein philosophisches Über-Ich nicht von Anzengrubers Nachruf-Verfasser Victor Adler bis Adorno reichen, man kommt schier mit dem Zuhören nicht nach, Autoritarismus, Faschismus und die Erich-Fromm‘e-Frage, warum sich Menschen freiwillig einem Führer unterwerfen, oder die von Gartengestalter Werner Bauch 1942 gestellte „Wie grün soll Auschwitz sein?“, als er von Rudolf Höss beauftragt wurde, die Gaskammern und Krematorien durch belaubten Sichtschutz von den Lagerbaracken zu trennen.

NS-Naturschützer als erste Grüne, das ist nur eine der Provokationen, die Posch in petto hat. Doch hinausläuft’s auf das läppisch-neppische Wien-Bashing, Zitat Posch aus dem Programmheft: „Wenn du heute die Zeitung aufschlägst, hast du diese durch nichts begründbare Abneigung gegen das ,rote‘ Wien immer noch eins zu eins am Tisch“, und immer schon mochte ich dieses Flagge-Zeigen des Werk X, gefolgt von einem historischen Abriss Großbauern vs analphabetische Mägde, Knechte, Kleinbauern.

Zweitere wollten die Landagitatoren der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung willkommen heißen, wurden aber, das Volk aufgehetzt von der katholischen Kirche, oft schon am Dorfeingang mit Prügel empfangen. Die Christlichsoziale Partei, damals des Namens so wenig würdig wie heute ihre Nachfolgerorganisation, brauchte das Stimmvieh gegen die Stimmen der Arbeitermasse, und weiter geht’s mit 1934, Bauernbund, Raiffeisen … das ist viel Stoff zum Nachdenken, nicht nur in Österreich zeigt sich bei jeder Wahl der Unterschied im Verhalten ländlicher und urbaner Raum.

Und rote Stadtoberhäupter wie Andreas Babler schaufeln sich mit aller Kraft durch die Schwarzerde, neusprachlich: das Türkisreich. Was braucht’s zum Fremdln die Migranten – außer die Rumäninnen, eine davon Katrin Grumeth als spargelstechende Feldsklavin? Die Parallelgesellschaften leben, sagt Posch, alldieweil auf der Spielfläche der In-Group-Altruismus mit der Out-Group-Diskriminierung eskaliert, der Grillhofer redet sich derart in Rage, eine Publikumsbeschimpfung, dass ihm die Gisela ein Plexiglasfenster als Spuckschutz vorhalten muss – zur Beruhigung gibt’s … Schnaps. Es lebe die toxisch-ländliche Männlichkeit!

Toxische Piesel-Männlichkeit: Christoph Griesser und Peter Pertusini im Kampf ums Klo. Bild: © Alexander Gotter

Stimmung! mit Sebastian Thiers, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Liebe war es nie: Christoph Griesser und die verkleidete Horlacher-Lies, Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Nur eine bangt um den Bauern: Katrin Grumeth als brave Imbissbuden-Magd. Bild: © Alexander Gotter

Zwischenzeitlich hat sich Sebastian Thiers als Schwager Dusterer tief in die nationale Graswurzelarbeit vergraben, Feindbilder: Linke, Künstler, sowieso alles Linke!, die Asylindustrie und Ökohipster, der vom Wastl als zuagraster Heimattreuer beargwöhnte will die völkische Landnahme bei der Übernahme des Besitz‘ des vermeintlich kinderlosen Grillhofer beginnen – aber zu dessen schönsten Sätzen gehört zum Thema Großer Austausch: „A Kopftüchl ham bei uns alle Weibsleut‘ aufg’hobt.“

Der Pertusini macht eine Menge mit, wie ihn der Thiers an die Wand drückt und über den Boden schleift. Beim Räsonieren über die städtischen Owezahrer und Tachinierer, Schwule und Lesben, Demonstierer statt dass Arbeitn gehen, und die Frauen auf der Uni … werden Wastl und der Dusterer doch noch „Kameraden!“ Aber so richtig tumultös wird’s erst, als alle aus der Rolle fallen. Auch das kennt und liebt man am Werk X, das diesmal in der kollektiven Isolation entstandene Miteinander, jeder bringt sich und seine Story ein, Tiroler Griesser, nein, nicht aus Ischgl, schwadroniert über die Marke Heimat, die es vom Speckknödel bis zum Snowboarden, beides unter stahlblauem Himmel, zu schützen gilt.

Bis zum Schluss der Wastl nur noch bei allem „Dagegen!“ sein kann, vor allem „Das Virus! Dagegen!“, und der Grillhofer mit gellender Stimme immer wieder „Mein Besitz!“ skandiert. Ende gut, alle entfesselt! Ende gut – nein, „mein Besitz“ – nein, denn als uneheliches Kind ex machina erscheint die Horlacher-Lies, eine sexy Sünde, einstmals mit der Magd Magdalen, die nun ihr Recht beansprucht. Das ist die Saat, die aus dem Erbgut aufging, und sie ist, nicht wie‘s der Dusterer versteht, eine halbe Bosna, sondern …

Und die Moral von der Geschicht‘, Muslime fürchten muss man nicht. Poschs Ensemble zerbirst geradezu vor Spiellust, während es sich an dessen inszenatorischen Einfällen und den subtilen Tauchgängen in die Untiefen der Gegenwart delektiert. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lachten sich in Grund und Boden, so amüsant, gescheit, zeitgenössisch, zynisch kann Anzengruber sein, wenn man einmal mit dem Staubtüchl drüber geht. Bravo: Für die Idee, die Umsetzung und an alle Beteiligten. Meidling ist einmal mehr eine Reise wert!

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=sxDhBr_tmiQ

  1. 9. 2020

Landestheater NÖ: Molières Schule der Frauen

September 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti, Michael Scherff, Laura Laufenberg, Tim Breyvogel, Tobias Artner und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité! Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia

dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt.

Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt. Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung. Was dem präfeministisch kritikasternden Climène im allgemeinen Chaos auch mal eine für Arnolphe gedachte Ohrfeige einbringt, wohingegen die Position der Uranie im Damenfrack eine abgeklärt-belustigte ist.

Sätze wie „Ihr Frauen habt die Pflicht, uns untertan zu sein“ wollen erst einmal gesagt, Weltbilder, wie das von der Frau als Suppe, in die ein Fremder seinen Löffel tunkt, erst einmal ausgesprochen sein, ehe/wehe man sich zu lachen traut. „Wer macht denn heute noch sowas?“, empört sich Climène. Und nur so, genau so kann man’s machen, dieses ein wenig aus der Zeit gekippte Stück, in dem ein reicher Mann ein Mädchen in vollkommener Abgeschiedenheit zur Unterwürfigkeit, heißt: pflegeleichten Gattin erziehen und sie sicherheitshalber ungebildet lässt, weil: „Die Dumme frei’n heißt, nicht der Dumme werden! Frauen mit Geist – das bringt Beschwerden“. Bis die Ziehtochter bereit ist fürs Heiraten. Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers in die Quere kommt.

Artner, Scherff im Schwitzkasten, Rose und Breyvogel: Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

*Fußnote: Pikanter Fakt zur Fiktion ist, dass der 40-jährige Molière just 1662 die zwanzig Jahre jüngere Armande Béjart ehelichte, sie seit Kindesbeinen Schauspielerin in seiner Theatertruppe und offiziell die jüngere Schwester seiner Ex-Geliebten Madeleine Béjart, in Pamphleten aber als deren uneheliche Tochter, sogar Molières Kind geoutet – Blutschande! Was nichts daran ändert, dass Armande Molière gleich nach der Hochzeitsnacht betrogen haben soll, aber Arnolphes Fremdgeh-Paranoia erklärt.

Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren. Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Alles Tango! Rupperti, Rose, Breyvogel, Kelz, Laufenberg und Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain, Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt.

Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusst wird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen. Dies endet in einem Tauziehen mit Arnolphe, einem gegenseitigen Einwickeln, bis er sie als Paket von der Bühne schleppen kann. Würde enden. Denn auf der Zielgeraden dieser Hochgeschwindigkeits-Inszenierung kratzt Molière die Kurve, Tobias Artner erscheint mit Paten-Stimme und Rabenschwingen als Horaces Vater Oronte, um ihn mit der Tochter eines gewissen Enrique zu verheiraten. Und der, Tim Breyvogel als fransengeflügelter Deus ex USA im güldenen Ami-Schlitten, ist Agnès‘ leiblicher Vater.

Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser. Michael Scherffs Climène hält ein Plädoyer gegen männlichen Despotismus und wirbt um Verständnis zwischen Mann und Frau. Ihm selbst bleibt die Liebe verwehrt. Mit seiner bierernsten Art hat er sich bei der komödien-begeisterten Frau lächerlich gemacht. Uranie lässt ihn abblitzen. Fürs Erste, wie sie betont, und Scherff singt mit Michel-Sardou-Timbre „La maladie d’amour“. Und der Flow, der den ganzen Abend zwischen Bühne und Zuschauerraum floss, entlud sich in viel Jubel und Applaus – auch wenn der Saal nur halb gefüllt war. Fürchtet euch nicht, kommet und amüsiert euch, die #Corona-Sicherheitsmaßnahmen im Landestheater sind top!

Zu Gast an der Bühne Baden, Dienstag 17. und Mittwoch 18.11., 19.30 Uhr.

www.landestheater.net           www.facebook.com/Landestheater.Niederoesterreich/videos/253610582528707

  1. 9. 2020

Galerie der Komischen Künste: Goldene Cartoons

Juni 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die große Jubiläumsschau mit allen Meisterwerken

Clemens Ottawa: Oasch

Zum zehnjährigen Jubiläum präsentieren die Komischen Künste ab 17. Juli eine hochkarätige Auswahl der lustigsten Bilder aus den 52 Ausstellungen, die in den Jahren 2010 bis 2020 in der Galerie der Komischen Künste im MuseumsQuartier in Wien zu sehen waren.

Ein Best-of mit Cartoons und Karikaturen von Bruno Haberzettl, Dan Piraro, Heike Drewelow, Katharina Greve, Martin Zak, Michael Sowa, Miriam Wurster, Nicolas Mahler, Oliver Ottitsch, Rudi Hurzlmeier, Schilling & Blum und vielen mehr.

Schilling & Blum: Tastentöne

Katzi: Der österreichische Heimatfilm

Rudi Hurzlmeier: Belagerung

Michael Dufek: To-Do-List

Zur Ausstellung erscheint auch ein Katalog, in dem alle Cartoons enthalten sind.

www.komischekuenste.com

28. 6. 2020

Karikaturmuseum Krems: Fix & Foxi XXL

Juni 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit „sittlicher Erziehung“ gegen die USA-Schundhefte

„Die Fix und Foxi-Familie“ mit Onkel Fax, Oma Eusebia, Lupinchen und Lupo, Poster Fix und Foxi 18. Jahrgang/Band 27 (1970) © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Das Karikaturmuseum Krems präsentiert zur Wiedereröffnung am 1. Juli die bisher größte Ausstellung zu den beliebten Comicfiguren Fix und Foxi und bietet einen umfassenden Einblick in das zeichnerische, gestalterische und unternehmerische Universum des deutschen Fix & Foxi-Erfinders Rolf Kauka. Kindheitserinnerungen werden wach, wenn die schrägen Abenteuer aus dem gemütlichen Fuxholzen mit Oma Eusebia, Onkel Fax, Lupinchen oder dem Maulwurf Pauli vors geistige Auge treten.

Verantwortlich für die Erfolgsgeschichte von „Fix & Foxi“, die in den 1950er-Jahren begann, war der Münchner Verleger Rolf Kauka, der bis zum heutigen Tag einflussreichste Produzent deutschsprachiger Comics, der bald auch nach Skandinavien, Südeuropa und Lateinamerika expandierte. Kauka stand in einer gänzlich anderen Erzähl- und Zeichentradition als Walt Disney und etablierte ab den 1950er-Jahren ein eigenständig deutsches Comicgenre nach dem Vorbild Wilhelm Buschs. Zudem brachte Kauka die europäische Comic-Kultur in den deutschsprachigen Raum. Neben den bekannten Charakteren aus der Fix & Foxi-Familie tauchten nämlich Figuren aus frankobelgischen Comic-Klassikern, wie Lucky Luke oder die Schlümpfe, erstmals in Kaukas Publikationen auf.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von den Anfangsjahren bis 1972, die wichtigen Zeichnerinnen und Zeichner aus Kaukas Produktionsstudios namentlich zugeordnet werden. Dokumente und historisches Material beleuchten die Verlagsgeschichte und den Entstehungskontext und ermöglichen eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Comic rund um die beiden „Lauselümmel im Fuchspelz“, von ihren Anfängen bis zur heutigen Etablierung als Comic-Kultfiguren im Fernsehen.

Fix und Foxi waren in den 1960er-und 1970er-Jahren neben Micky Maus die beliebtesten Comicstars in deutschen und österreichischen Kinderzimmern.  Rolf Kaukas Ziel war es nach Walt Disneys Vorbild in München eine Trickfilmproduktion zu starten. Eine Printproduktion schien aber realistischer und in Dorul van der Heide fand Kauka einen talentierten Künstler, der von 1953 bis 1955 fast seinen gesamten Bedarf an Comics deckte. Schließlich veröffentlichte Kauka 1953 den „Eulenspiegel“, mit malerischen Bilderschwänken rund um den Schalk Till Eulenspiegel und in weiterer Folge mit dem populären Lügenbaron Münchhausen. Moralisch einwandfreie Geschichten in der Tradition von Sagen und vorzugsweise La Fontaines Fabeln sollten das inhaltliche Konzept erweitern – anfangs noch getextet und konzipiert von Kauka persönlich.

Begleitbild zum Text in Von Max und Moritz bis Fix und Foxi, 1970 © Sammlung Dr. Stefan Piech

Fix, Foxi, Lupo und die Schlümpfe, Illustrator Kurt Italiaander, Cover 18. Jhg. Band 4 (1970) © Samm. Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi: Lucky Luke, der Westernheld, der schneller zieht als sein Schatten © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Reineke Fuchs, ursprünglich Hauptfigur eines mitteleuropäischen Epos, hatte im fünften „Eulenspiegel“-Heft seinen ersten Auftritt. Aber erst als aus den Nebenfiguren Fix und Foxi die eigentlichen Helden wurden, ging es rasant aufwärts. Das zehnte Heft war bereits die erste Sonderausgabe mit Fix & Foxi im Titel, mit Heft 29 im Jahr 1955 setzte sich „Fix & Foxi“ als endgültiger Titel des Magazins – statt „Eulenspiegel“ – durch. Das wöchentlich erscheinende Heftformat übertraf mit einer Auflage von 400.000 Exemplaren zeitweise sogar den damaligen Marktführer Micky Maus.

Trotz seines großen Erfolges war Rolf Kauka nicht unumstritten. Denn sein berufliches Credo „Zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Transpiration“ konnte er nur mit einem Stab talentierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verwirklichen, die aber meist anonym blieben. „Rolf KaukasFix & Foxi“ stand auf jedem Heft – die Namensnennung implizierte einen Besitzanspruch auf geistiges Eigentum, und so kam es verständlicherweise oft zu Urheberrechtsstreitigkeiten mit Mitarbeitern.Mit der Zeit engagierte Kauka für sein Heft eine bunte Riege verschiedenster Illustratorinnen und Illustratoren, die großteils aus Jugoslawien, Italien und Spanien stammten.

Die berühmten zipfelbemützten Schlümpfe erblickten am 23. Oktober 1958 das Licht der Comicwelt, als sie im belgischen Magazin „Spirou“ innerhalb der Johan et Pirlouit-Geschichte „La flûte à six trous“ als Nebenfiguren auftauchten. Ihr deutschsprachiges Comicdebüt gaben die Schlümpfe in „Fix & Foxi“, Nr. 20, 1969, innerhalb der Geschichte „Prinz Edelhart und die Schlümpfe“, nachdem sie vorher groß angekündigt worden waren. Fünf Hefte später erlebten die Wichtel ihr erstes Soloabenteuer und gehörten anschließend für acht Jahre zu den präsentesten Lizenzserien in den diversen Kauka-Publikationen. Als der Redaktion 1976/77 die kurzen Schlumpf-Geschichten ausgingen, kam es in zu einigen abenteuerlichen, aus diversem Originalmaterial neu zusammenmontierten „Eigenproduktionen“.

Lupo auf Rollschuhen, Back 5. Jhg. Band 26 (1954) © Samm. Dr. St. Piëch

Fix and Foxi, 1969 (Ausgabe 41) © Sammlung Dr. Stefan Piëch 2019

Fix & Foxi, Band Sammelband 45 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Kauka wollte mit einem „deutschen“, „sauberen“, „moralisch einwandfreien“ Comic die Hetzkampagnen konservativer Kreise gegen das Genre unterlaufen. Kirchenvertreter, Pädagogen und Kulturkritiker liefen Sturm gegen das „Esperanto der Analphabeten“ – Kaukas Comics waren damit nicht gemeint. Einige Fix & Foxi-Begebenheiten erklären sich aus den Lebensbedingungen in den Nachkriegsjahren, als große Teile der Bevölkerung unter Hunger und Knappheit an Gütern aller Art litten. Umso verständlicher ist, dass das Objekt heißer Begierde „nur“ eine Torte sein kann, wie Lupo demonstriert, dessen Haupteigenschaft Gefräßigkeit ist.

Sicherlich ist es auch auf das sehr konservative Weltbild der 1950er-Jahre zurückzuführen, dass für Kinder und Jugendliche eine „sittliche Erziehung“ gefordert wurde. Die „Schrecken der Vergangenheit“ sollten ruhen, man wollte den Blick auf eine bessere Zukunft richten, doch Gesellschaft und Schulen verharrten in autoritären Strukturen. Der Unterricht verlief weiterhin meist frontal, neue Vergnügungen wie US-amerikanische Musik und ungezwungene „amerikanische“ Tänze wurden stark kritisiert. Benimmregeln und Anstandsbücher boomten, ausländische Comics wurden als Schundhefte verdammt.

Kauka traf den Nerv der Zeit, und im Nachhinein scheint es genial, Fix & Foxi als besonders sauber und moralisch unbedenklich, sogar pädagogisch wertvoll zu positionieren. In diesem zeitlichen Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass neben klassischen Slapstick-Elementen auch der sogenannten Prügelpädagogik auffallend viel Platz eingeräumt wurde. Vor allem der meist von Branimir Karabajić gezeichnete Maulwurf Pauli aus den gleichnamigen Comics wird oft aus nichtigen Gründen übers Knie gelegt – nicht nur von seinem Vater, sondern auch von Bauern oder Ladenbesitzern. Heute wäre das unvorstellbar, aber in früheren Tagen wurde es durchaus toleriert und humorvoll aufgenommen.

Fix & Foxi, Band 42, Skizze, 1971 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi, Band 42, 1971 Cover © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi, Band 500, Seite 3 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Der Kommunikationswissenschaftler Ralf Palandt beschäftigte sich auf politischer Ebene mit Kauka und schreibt folgendes über ihn: Die Masse an Geschichten, die von den 1950er-bis in die 1990er-Jahre im Namen des Verlegers und Herausgebers Rolf Kauka veröffentlicht wurden, ist gigantisch. Doch wenn von Kaukas Person die Rede ist, stehen immer wieder einige Geschichten, vornehmlich aus den 1960er-und 1970er-Jahren, aufgrund ihres offensiv politischen Inhalts im Fokus. Vor allem die Bearbeitungen der Asterix und Obelix-Geschichten, Mitte der 1960er-Jahre für das Magazin „Lupo“ modern eingedeutscht zu „Siggi und Babarras“, werden als erzreaktionär und antikommunistisch kritisiert.

Denn was wurde zum Beispiel aus „Asterix und die goldene Sichel“? Siggi und Babarras, „Ist endlich wieder Krieg?“, mit dem Hinkelstein als „Schuldkomplex“ auf dem Rücken, treten „glühend für die Rückeroberung der alten Gebiete ein“. Sie befreien Wernher von Braunfels aus der Gewalt des jiddisch sprechenden Verbrechers Schieberus und schlagen sich mit den alliierten Besatzungsmächten herum, damit der Stammeshexenmeister Konradin „kurz vor der Vollversammlung der Verteidigungs-Druiden“ eine neue Sichel bekommt. Im Schlussbild liegt der Barde Parlamet gefesselt in einer Hütte – „nur ein stummer Parlamet ist ein guter Parlamet, ansonsten aber lästig!“. Laut dem damaligen Chefredakteur Peter Wiechmann kam der politische Aspekt von Kauka.

Die Bewertung der politischen Aussagen, die Kauka als verantwortlichem Herausgeber angelastet werden, spaltet die Fach- und Fanwelt in jene, die Kauka in strahlend weißem Licht sehen, und jene, die ihn kritisieren. Seine zum Teil politisierenden „Euer Rolf“-Editorials, genauso wie seine bizarren Romane „Roter Samstag“, Angriff der Warschauer-Pakt-Staaten auf die Bundesrepublik, und „Luzifer“, Seelenwanderung von den Anfängen der Menschheit bis in die Gegenwart – „im Widerspruch zu dem, was die Geschichtsbücher überliefert haben“, sind Mosaiksteinchen eines Charakterprofils, das nicht vollständig rekonstruiert werden kann, so Ralf Palandt.

Siggi und Babarras

Ein weiteres Beispiel von Siggi und Babarras: Der Auftrag des ostgotischen Häuptlings Hullberick, nach Walter Ulbricht, dem Staats-und Parteichef der DDR, lautet auf gut Sächsisch: „Mir ham den besten westgot’schen Druiden zu kaschen und zurück ower die Grenze zu bringen, vorschtand’n! Mit seinen Kunststückchen muß’r uns dann bei der Invasion nach Bonnhalla gegen die Kapitalisten helfen.“ Astérix-Autor René Goscinny tobte und entzog Kauka die Lizenz. Kauka brachte seine Agitation fortan mit einer Serie um zwei neue Germanen namens Fritze Blitz und Dunnerkiel an die jugendlichen Leser. 1973 verkaufte Rolf Kauka seinen Verlag, es wurde stiller um Kauka, aus gesundheitlichen Gründen zog er sich 1982 mit seiner aus Hermagor stammenden Frau Alexandra auf seine Plantage in Georgia zurück. Kauka verstarb im Jahr 2000.

www.karikaturmuseum.at

27. 6. 2020

Das mumok öffnet am 17. Juni mit Strobl, Kiesler und Co.

Juni 5, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Neue Pop-Art-Schau „Misfitting Together“ ab 1. Juli

Andy Warhol: Orange Car Crash,1963. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Sammlung Ludwig, Aachen seit 1978. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, New York/Licensed by Bildrecht, Wien 2020

Das mumok öffnet am 17 Juni und ist dann jeweils von Mittwoch bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr zu besuchen. Die Laufzeiten der Ausstellungen „Gelebt“ von Ingeborg Strobl (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38696) und „Steve Reinke. Butter“, die nur wenige Tage vor der Museumsschließung eröffnet wurden, werden bis in den Herbst/Winter hinein verlängert. Ebenso verlängert werden „Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 bis 1955“ (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36056) und die Schau „Friedrich Kiesler. Endless House“.

Die für 30. April geplante Eröffnung der Ausstellungstrilogie zu Andy Warhol hat das mumok auf Ende September verschoben und entkoppelt. Ein Projekt aus der Warhol-Trias, die Ausstellung „Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art“ mit zentralen Werken aus der hauseigenen Sammlung wie dem „Mouse Museum“ und dem „Ray Gun Wing“ von Claes Oldenburg, sowie mit Arbeiten von Lutz Bacher, Hanne Darboven, Robert Indiana, Jasper Johns und Roy Lichtenstein wird ab 1. Juli zu sehen sein.

Otto Mueller: Mädchen im Wald, 1920. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1963. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Friedrich Kiesler: Modell des Endless House, 1950. Sammlung Dieter und Gertraud Bogner im mumok, seit 2017. Bild: mumok © Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Ingeborg Strobl: Pig, 1996. Cover einer Publikation anlässlich der Ausstellung Moving In, Randolph Street Gallery, Chicago/Illinois, USA, 1996. © 1996 Ingeborg Strobl / Bildrecht Wien 2019. Bild: © mumok

Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art

„I was reflecting that most people thought the Factory was a place where everybody had the same attitudes about everything; the truth was, we were all odds-and-ends misfits, somehow misfitting together.” Diese titelgebenden Worte von Andy Warhol bilden den Ausgangspunkt für die erste Ausstellung des als Trilogie konzipierten Warhol-Schwerpunktes im mumok. Die beiden anderen Teile – „Andy Warhol Exhibits. A glittering alternative“ und „Defrosting The Icebox. Die verborgenen Sammlungen der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museum Wien und des Weltmuseum Wien zu Gast im mumok“- eröffnen am 25. September.

Andy Warholstellte zuletzt 1981 – also noch zu Lebzeiten – im mumok aus. Knapp 40 Jahre später scheint es mehr als überfällig, sein Schaffen in einem umfassenderen kunsthistorischen Kontext zu präsentieren. Die Sammlungspräsentation mit dem Titel „Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und ConceptualArt“ stellt sich daher ab 1. Juli der Aufgabe, Warhol nicht nur im Rahmen der Pop Art zu verorten, sondern ein differenzierteres Bild der Zeit zu zeichnen, indem Arbeiten der Minimal und Conceptual Art – allesamt Sammlungsschwerpunkte von Peter und Irene Ludwig – hinzugezogen werden. Ziel ist es, zu zeigen, wie sehr diese Bewegungen einander beeinflusst haben und wie ungern sich diese Strömungen in kunsthistorische Schubladen zwängen lassen. Warhols Werk wird so in seinem zeitgeschichtlichen Kontext erfahrbar.

Bezugnehmend auf Mel Bochners Artikel „The Serial Attitude“, der 1967 in Artforum erschien, setzt sich die Ausstellung mit der seriellen Ordnung als Bindeglied der drei Kunstströmungen Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art auseinander. Wie Bochner damals bereits konstatierte, handelt es sich bei der seriellen Ordnung um eine Methode und keinen Stil. Serialität soll nicht als formalisierte Spielerei, sondern als künstlerische Strategie verstanden werden, der klar definierte Prozesse zugrunde liegen, die häufig aus dem Umfeld der Mathematik und der Sprache stammen. Dies soll auch die Werkauswahl innerhalb der Schau „Misfitting Together“ verdeutlichen: So werden neben Arbeiten bekannter US-amerikanischer Positionen Werke von Vertreterinnen und Vertretern der mittel-und osteuropäischen Szene gezeigt.

Claes Oldenburg: Geometric Mouse-Scale C,1971. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1976. © Claes Oldenburg

Larry Poons: Nixe’s Mate, 1961. Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1996. Bild: mumok – Museum moderner Kunst Stifung Ludwig Wien. © Bildrecht, Wien 2020

Andy Warhol: Flowers,1970. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1980. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, New York/Licensed by Bildrecht, Wien 2020

Roy Lichtenstein: Modular Painting with Four Panels #2,1969. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1981. © Estate of Roy Lichtentstein/Bildrecht, Wien 2020

Dass der Begriff der Serie in Warhols Werk eine zentrale Rolle spielt, ist kein Geheimnis. Im Rahmen der Ausstellung soll dieser Begriff im prozessualen Sinne verstanden werden – und damit eben nicht als stumpfe Wiederholung des immer gleichen Sujets, sondern im Sinne einer Faszination für die Vielfalt und Differenz innerhalb einer Serie. Statt eines endgültigen Ergebnisses stand der sich stetig verändernde Prozess im Mittelpunkt von Warhols Serienbegriff. Ein ähnliches Verfahren lässt sich bei Zeitgenossen wie Hanne Darboven, On Kawara oder Charlotte Posenenske beobachten. Eine aktuelle Ergänzung bietet die Arbeit „Firearms“ der erst kürzlich verstorbenen Künstlerin Lutz Bacher, die 2019 durch einen Ankauf der Österreichischen Ludwig-Stiftung Teil der mumok-Sammlung wurde. In ihrem seriellen Werk zeichnet Bacher das Porträt der Waffe als Ware des internationalen Handels sowie als historisches, heiß begehrtes Sammlerobjekt.

Das „Mouse Museum“ und der „Ray Gun Wing“ von Claes Oldenburg zählen zu den Hauptwerken der Pop Art und stellen als begehbare Installationen Museen im Miniaturformat dar. Gezeigt werden außerdem Arbeiten von Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Daniel Spoerri, Dóra Maurer, Friederike Pezold, Larry Poons und Robert Indiana. Ein ähnliches Interesse an der Schnittstelle zwischen Werk und Ausstellung wird sich in den zwei anderen Warhol-Ausstellungen zeigen, die im Herbst eröffnen und sich weiteren Facetten des Phänomens Andy Warhol widmen werden: Warhol als Ausstellungskünstler, Installationskünstler und Kurator.

www.mumok.at

LESETIPP: Madame Nielsen: Das Monster. Die Passionsgeschichte eines Performance-Messias zwischen Andy-Warhol-Werken und der New Yorker Wooster Group, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39215

5. 6. 2020