Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper

August 9, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Umfassende Hommage an einen Ausnahmekünstler

Bild: Anno Wilms, 1991 © Stiftung Anno Wilms

1955 als Sohn eines Bauarbeiters und einer Putzfrau in einem Armenviertel in São Paulo geboren, wurde Ismael Ivo zu einem der bekanntesten, erfolgreichsten, faszinierendsten Tänzer und ein weltweit gefeierter Choreograf. Als Initiator und Direktor von Festivals wie dem ImPulsTanz Festival in Wien, das er 1984 mit Karl Regensburger gründete und das zum größten europäischen Tanzfestival heranwuchs, hat er Tanzgeschichte geschrieben und wurde dafür 2019 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet.

Künstlerisch ging er enge Verbindungen mit Johann Kresnik, Marcia Haydée, Ushio Amagatsu, George Tabori, Koffi Kôkô und vielen anderen ein. Heute ist er eine Symbolfigur der afrobrasilianischen Emanzipation.

Der Band „Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper“ versammelt Interviews aus verschiedenen Epochen seines Schaffens, Erinnerungen von Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter in Brasilien und Europa, Bildessays von Anno Wilms und Dieter Blum sowie ein umfassendes Werkverzeichnis.

So zeichnet die Publikation erstmals das Leben und Wirken eines Ausnahmekünstlers und -menschen nach. „Ismael Ivos Erbe ist im Wesentlichen immateriell, überliefert allein in den Erinnerungen an seine überwältigende Präsenz auf der Bühne, in den Fotogra­fien, Filmen und Videodokumentationen, in den Interviews, in den Bewegungsimpulsen, die er in zahllosen Workshops und Gesprächen gesetzt hat. Exemplarisch hat sich für uns mit diesem Projekt die Frage gestellt, wie eine Persönlichkeit, die in ihrem Wirken radikal auf körperliche Transformation und Vermittlung setzte, in einem Buch dargestellt werden kann“, so Johannes Odenthal und ImPulsTanz-Intendant Karl Regensburger über ihre „unvollendete Rekonstruktion eines Lebenswerks“.

In Interviews hat Ismael Ivo über die Prozesse des Verkörperns, des Aufnehmens von politischen, gesellschaftlichen, künstlerischen oder kulturellen Themen gesprochen: die konkrete Form eines ästhetischen Meta­bolismus. Er bezieht sich immer wieder auf das erste kulturelle Manifest der brasilianischen Moderne, auf die Antropofagia, mit der sich eine Gruppe von SchriftstellerInnen und Schriftstellern um Oswald de Andrade von der europäischen Kolonialisierung emanzipierte.

„Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper“ ist der gelungene Versuch einer zeitgenössischen archäologischen „Grabung“, die in der Zusammenstellung vieler Perspektiven das Schaf­fen eines Ausnahmekünstler erfahrbar macht. Dabei wird deutlich, dass das Werk von Ismael Ivo vor allem auch durch die Verbindung mit seiner individuellen Biografie als Afrobrasilianer auf eine zukünftige Entwicklung der Performing Arts wirken wird. Die Themen Rassismus, Identität, post­- und neokoloniale Verwerfungen sind in seinem Werk substanziell ver­ankert.

„Mein schwarzer Körper steht in einer Beziehung zur Gesellschaft, und in dieser gibt es nun einmal Rassismus und Xenophobie, die sich in letzter Zeit verschärft haben. Man spürt das“, sagte Ivo etwa in einem Presse-Gespräch 2016 anlässlich seines Solos „Discordable – Bach“, und weiter: „Ich bin ein Optimist, noch immer, aber es ist nicht leicht. Wir leben in schwierigen Zeiten. Die französische Choreografin Maguy Marin sagte neulich zu mir: ,Wir Künstler müssen jetzt einen Plan zur Veränderung der Welt entwickeln.‘ Wir können die Probleme nicht lösen, aber die Kunst kann sie reflektieren. Mein Körper war immer politisch. Wir schauen in den Spiegel, wir sind nicht perfekt und werden es nie sein. Die Geschichte wiederholt sich. Ich möchte mich selbst als Lampe auf einen Altar stellen und den Menschen Impulse geben, über bestimmte Themen nachzudenken.“

Ismael Ivo verstarb im Pandemiejahr 2021 im Alter von 66 Jahren in seiner Heimatstadt Sao Paulo an einer Coronavirus-Infektion.

Über den Herausgeber und die FotografInnen: Johannes Odenthal, Kunsthistoriker und Autor für Tanz, Performance und zeitgenössische Kunst, war von 2006 bis 2022 Programmbeauftragter der Akademie der Künste, Berlin. Anno Wilms (1935 – 2016) arbeitete als freiberufliche Fotografin. Dieter Blum arbeitete unter anderem für Stern, Der Spiegel, Time, National Geographic, FAZ-Magazin und SZ-Magazin.

Spector Books, Johannes Odenthal (Hrsg.): „Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper“, Fachbuch, 240 Seiten mit Fotografien von Anno Wilms und Dieter Blum, 180 Schwarzweiß- und 40 Farbabbildungen. Erhältlich auch in einer englischsprachigen Fassung: „Ismael Ivo. I Believe in the Body“.

spectorbooks.com           ismaelivo.com           www.impulstanz.com

  1. 8. 2022

TheaterArche: „Gedichte gegen den Krieg“ und die „Tagebücher des Maidan“

März 16, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei besondere Abende für die Ukrainehilfe

Bild: © TheaterArche

Die TheaterArche erweitert die geplante Lesung von Ferdinand Schmatz am 20. März, ab 19.30 Uhr, zum Abend „Gedichte gegen den Krieg“: Österreichische Autorinnen und Autoren lesen russische, ukrainische und eigene Lyrik – Natascha Gangl, Sonja Harter, Lydia Mischkulnigg, Rosa Pock- Artmann, Judith Pfeifer via Zoom und Ferdinand Schmatz, unter Mitwirkung von Theaterleiter Jakub Kavin. Mit einem Gastbeitrag von Elfriede Jelinek „Brüder, Schwestern, es brennt.“

Am Akkordeon Lukas Goldschmidt, der sich von russischen und ukrainischen Volksweisen wird anregen lassen. Kuratiert von Karl Baratta, wie die gesamte ArcheLiteratur-Reihe. „Gedichte zu lesen, trifft unseren gegenwärtigen Zustand der Hilflosigkeit, als würde ein Mensch einem Panzer ein Gedicht vorlesen“, so Jakub Kavin. Die russische Autorin Olga Martynova , die dem Team der TheaterArche beisteht, hat dazu bemerkt: „Beim Versuch, Texte auszuwählen, habe ich festgestellt, dass mir Gedichte in dieser Zeit am ,echtesten‘ scheinen (was nur im ersten Augenblick verwundert, eigentlich ist klar, dass das so ist). Gedichte werden nicht den Panzern entgegen gelesen. Und sie werden auch nicht die Menschen erreichen, die gerade beschossen werden. Sie sollen ,uns hier‘ erreichen, auch für Denkpausen, denn natürlich steigt der Aggressionspegel jetzt bei allen.“

Eintritt: Freie Spende – der gesamte Erlös geht an die Ukrainehilfe (entwicklungshilfeklub.at/projekte/nothilfe-fuer-gefluechtete).

Die Tagebücher des Maidan

Am 19. April, ab 18 Uhr, zeigt die TheaterArche in Koproduktion mit dem Ersten Wiener Lesetheater „Die Tagebücher des Maidan“. Natalia Vorozhbyt hat die „Tagebücher des Maidan“ geschrieben. Es geht in dem Stück um Menschen in Kiew während des Protestwinters 2013/2014. Die Autorin und Regisseur Andrej Mai führten auf dem Maidan zahlreiche Interviews, die die Grundlage für das Stück bilden. In der szenischen Einrichtung von Jakub Kavin werden 10 Wiener Schauspielerinnen und Schauspieler und eine ukrainische Musikerin das Theaterstück von Natalia Vorozhbyt im Rahmen einer szenischen Lesung auf die Bühne bringen.

Nun findet man auf Wikipedia folgenden aktuellen Eintrag zur Autorin: „In February 2022, Vorozhbyt was working on her latest film ‘Demons’ in Myrhorod and had only four days of production to complete; it is about a relationship between a Russian and Ukrainian, reflecting what she called the ‘uneasy’ international relations between these nations, when the city she was in came under bombardment during the Russian invasion. She was interviewed in a bomb shelter on 25 February 2022, saying that it was ‘very important for me to be here’ but admitting she may have to leave the country if Russia took over. Her interpretation of these events is that it began thirty years ago when Ukraine was being established as an independent country and allowed the Russian influence in Donbas to grow. She appealed for international community support for Ukraine.“

Der Majdan Nesaleschnosti, deutsch: „Platz der Unabhängigkeit“, ist der zentrale Platz der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Er wird meist kurz Majdan genannt. Der Majdan wurde 2013 weltbekannt, als er das Zentrum des politischen Protestes gegen den Wahlbetrug bei den ukrainischen Präsidentschaftswahlen war. Auslöser dieses Euromaidan, deutsch: Revolution der Würde, war die überraschende Erklärung der ukrainischen Regierung (Kabinett Asarow II), das Assoziierungsabkommen mit der EU vorerst nicht unterzeichnen zu wollen. Die Proteste flammten am 29. November 2013 nach dessen Nichtunterzeichnung auf. Ihren Massencharakter nahmen die Proteste am 1. Dezember 2013 an, nachdem einen Tag zuvor friedliche  Studentenproteste durch die Polizei mit exzessiver Gewalt auseinandergetrieben worden waren.

Eintritt: Freie Spende – die Spenden gehen zur Gänze an die Ukrainehilfe (entwicklungshilfeklub.at/projekte/nothilfe-fuer-gefluechtete).

www.theaterarche.at

  1. 3. 2022

Karikaturmuseum Krems: Zwei neue Ausstellungen im Jubiläumsjahr / Freier Eintritt am 20. Februar

Februar 16, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Satirische Highlights und der Janosch-Superstar

Herr Wondrak von Janosch: Museum. © Janosch film & medien AG

Das Karikaturmuseum Krems startet mit einem Best-Of an Karikaturen der Landessammlungen Niederösterreich und einem Exkurs zum kultigen Herrn Wondrak von Janosch ins Ausstellungsjahr 2021 – und lädt Interessierte zum Eröffnungstag Samstag, 20. Februar, bei freiem Eintritt ein. 2021 feiert das Karikaturmuseum Krems sein 20-jähriges Bestehen. Seit 20 Jahren sammelt auch das Land Niederösterreich Karikatur und Bildsatire.

Nach etwa zwei Jahrzehnten ist diese Karikatursammlung mit zirka 7.000 Originalen die größte ihrer Art in Österreich. Die Ausstellung „Schätze aus 20 Jahren. Karikaturen aus den Landessammlungen Niederösterreich“ zeigt eine Auswahl von 230 Arbeiten und von 20 Künstlern aus den Landessammlungen Niederösterreich.

„In der Ausstellung finden sich wahre Schätze ausgehend von den 1900er-Jahren bis hin zu brandaktuellen Arbeiten. Einen Schwerpunkt stellen Bildgeschichten von ihren historischen Anfängen im deutschen Sprachraum dar. Politische Karikaturen, die die Provokation nicht scheuen, bilden den zweiten Fokus der Ausstellung“, führt Gottfried Gusenbauer, künstlerischer Direktor des Karikaturmuseum Krems, aus.

Gezeigt werden Bildgeschichten von den 1920er-Jahren, von Fritz Gareis jun. und Ladislaus Kmoch, bis hin zum Lochgott von Rudi Klein. Die Schau spannt den Bogen weiter zur Gegenwart der politischen Karikatur. Zu sehen sind wahre Schätze von Meistern des Genres, darunter Erich Eibls „Schilling-Hai“, Erich Sokols Kommentar zur Besetzung der Hainburger Au oder Bruno Haberzettls erster „Frauenminister“ Österreichs. Provokant präsentiert sich Thomas Wizanys Joe Biden. Auf das Coronajahr blickt man mit Michael Pammesberger zurück.

Bruno Haberzettl: Ausstaendig, Datum. © B. Haberzettl/ Landessammlungen NÖ

Petar Pismestrović: Rudolf Anschober, 2020. © Petar Pismestrović

Bruno Haberzettl: Bundeskanzler Kurz und die (berechtigte) Angst vor Wiedergängern. © Bruno Haberzettl/ Landessammlungen NÖ

 

Mit den Originalen im Exkurs zum kultigen Herrn Wondrak würdigt das Karikaturmuseum Krems den 90. Geburtstag des genialen Zeichners Horst Eckert alias Janosch. Sein beliebter Antiheld stellte im ZEIT-Magazin einmal wöchentlich die Fragen des Lebens und beantwortete sie mit Einblicken in die eigene Lebensphilosophie. Wondrak – der Janosch für Erwachsene – ist so, wie sein Schöpfer Janosch es gerne wäre:

Einer, der offenbar alles falsch macht und dank seiner unkonventionellen Lebensphilosophie doch immer richtig liegt. Was er anfängt, ist selten vernünftig und trotzdem stets zielführend – weil Wondrak gar kein Ziel hat. Er hat nur den richtigen Weg und Grenzen kennt sein Leben ohnehin nicht, denn es gibt nur Möglichkeiten. 2019 erschien dort ein letzter Beitrag, „Herr Wondrak, wie sagt man Tschüss?“

Selbstverständlich geöffnet haben wird auch das Deix-Archiv. Mehr als 50 Karikaturen aus vielen Themenbereichen. Einfach die Ladenschränke öffnen und staunen!

www.karikaturmuseum.at

16. 2. 2021

Erich Sokol: Demnächst nasse Füße. © Annemarie Sokol/ Landessamml. NÖ

Thomas Wizany: Rodeo-Joe …, 2020. © Thomas Wizany

Manfred Deix: Wen wählt man da am besten, 2007. © Manfred Deix/ Landessammlungen NÖ

 

Kino und Home Cinema: Die besten Filme fürs Frühjahr

Januar 1, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Neues von Tom Hanks, Naomi Watts & Kevin Kostner

Der Rausch: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Das alte Jahr war #Corona-bedingt ein Kinojahr zum Vergessen. Nun liegen alle Hoffnungen auf 2021, und tatsächlich warten etliche sehenswerte Filme nur auf das Lockdown-Ende. Neues gibt es etwa von Tom Hanks, Frances McDormand, Naomi Watts, Mark Wahlberg und Kevin Kostner. Für Österreich gehen Evi Romen mit ihrem Debütfilm „Hochwald“ und Arman T. Riahi mit dem Diagonale-Eröffner „Fuchs im Bau“ an den Start. Ein Überblick:

Kinovorschau: Jänner

Der Rausch. Martin ist Lehrer an einer Schule. Er fühlt sich alt und müde. Seine Schüler und ihre Eltern wollen, dass er gekündigt wird, weil sie mit der Qualität seines Unterrichts nicht zufrieden sind. Ermutigt durch eine abstruse Theorie stürzen sich Martin und drei Kollegen in ein Experiment: Sie wollen durch Alkoholkonsum ihren Blutalkoholwert konstant bei 0,5 Promille halten. Anfangs ist das Ergebnis positiv. Martin hat wieder Spaß am Unterrichten und auch die Liebe zu seiner Frau Trine entflammt neu. Doch die negativen Auswirkungen lassen nicht lange auf sich warten… In der bereits zehnfach ausgezeichneten Sozialsatire von Regisseur Thomas Vinterberg geht Mads Mikkelsen jeder Flasche auf den Grund. Ab 29. Jänner. Trailer: www.youtube.com/watch?v=oJwlO6vcsm0&t=16s

Kinovorschau: Februar

Lass ihn gehen. Was weit gehen Menschen, um ihre Liebsten zu schützen? USA, 1951: Der Sohn des pensionierten Sheriffs George Blackledge und seiner Frau Margaret kam vor ein paar Jahren bei einem Unfall ums Leben. Dessen nunmehrige Witwe ließ sich mit einem zwielichtigen Tagedieb ein. Als die entsetzte Margaret sieht, wie dieser „Stiefvater“ Donnie Weboy ihren Enkel in aller Öffentlichkeit prügelt, will sie das Kind retten. Doch Jimmy und seine Mutter leben auf der Farm des gefährlichen Weboy-Clans. Matriarchin Blanche führt ihre Familie mit eiserner Hand und denkt gar nicht daran, Jimmy gehen zu lassen. George und Margaret müssen um ihren Enkel kämpfen … Supermans Adoptiveltern Diane Lane und der für derlei Rollen wie geschaffene Kevin Kostner brillieren in diesem aufwühlenden Neo-Western nach dem gleichnamigen Roman von Larry Watson. Ab 19. Februar. Trailer: www.youtube.com/watch?v=bE8pwEF-3TI

Kinovorschau: März

Nomadland. Auf der Viennale 2020 bereits gezeigt, wartet „Nomadland“ nun auf den regulären Kinostart. Frances McDormand spielt als Fern einen jener Menschen, die nach der großen Rezession von 2008 alles verloren haben. Gezwungen in ihrem Van zu leben, hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Mal zusammen mit Gleichgesinnten, die wie sie in der Welt keinen Platz mehr finden, dann wieder ist sie allein unterwegs in den schier unendlichen Weiten Nordamerikas. Begleitet von der Schönheit der Landschaft. Dicht gefolgt von der Einsamkeit. Und all jenen Problemen, die ein Leben auf der Straße mit sich bringt. Das Drama von Regisseurin und Drehbuchautorin Chloé Zhao, Gewinner des Goldenen Löwen 2020, gilt als eines der Highlights des kommenden Kinojahres. Ab 19. März. Trailer: www.youtube.com/watch?v=iEcIDpnv3qQ

Lass ihn gehen. © Universal Pictures

Fuchs im Bau. © Golden Girls Film

Falling. © Filmladen Filmverleih

Good Joe Bell. © Solstice Studios

Fuchs im Bau. Der neue Spielfilm von Regisseur Arman T. Riahi ist zugleich der Eröffnungsfilm der Diagonale’21. Die neue Arbeitsstelle des ehrgeizigen Mittelschullehrers Hannes Fuchs ist ungewöhnlich: Es ist die Gefängnisschule im Jugendtrakt einer großen Wiener Haftanstalt. Dort trifft Fuchs auf die eigenwillige Elisabeth Berger, die mit ihren unkonventionellen Lehrmethoden nicht nur die Untersuchungshäftlinge in Schach, sondern auch die Justizwache auf Trab hält. Dem obersten Wachebeamten ist Bergers Kunststunde ein Dorn im Auge, da er sie als Sicherheitsrisiko sieht. Doch genau auf diese legt Berger besonderen Wert, da sich während des Malens sogar die hartgesottensten Insassen erweichen lassen. Mit Aleksandar Petrović, Maria Hofstätter, Andreas Lust, Sibel Kekilli und Karl Fischer. Ab 19. März. Trailer: www.facebook.com/fuchsimbau

Hochwald. Das Spielfilmdebüt der Autorin und Editorin Evi Romen schildert die Berg- und Talfahrt eines jungen Mannes, der völlig orientierungslos ist, aber dennoch spürt, dass es irgendwo auch für ihn einen Platz geben muss. Das Leben des sensiblen und etwas schrägen Mario gerät aus den Fugen, als sein Jugendfreund Lenz auftaucht. Mario und Lenz kennen einander seit Kindertagen. Nun sind sie Zwanzig und auf dem Sprung, die Enge ihres Dorfes hinter sich zu lassen. Lenz, der Winzersohn, hat dafür eindeutig die besseren Karten in der Hand als der Träumer Mario. Doch plötzlich wird alles anders…. Ein kühnes Queering-Drama vor Bergkulisse, und somit ein großartiger Heimatfilm über Sex, Religion, Tod und Befreiung. Mit Thomas Prenn, Noah Saavedra und Josef Mohamed. Ab 31. März. Trailer: www.youtube.com/watch?v=J-BwyK0IY74

Kinovorschau: April

Falling. John lebt mit der Wut seines Vaters, seit er denken kann. Willis macht kein Hehl daraus, dass er den Lebensstil seines offen homosexuell lebenden Sohnes zutiefst verabscheut. Einst versuchte der Patriarch aus dem Mittleren Westen seinen Sohn zu einem „echten Mann“ zu erziehen – doch der weltoffene John distanzierte sich von dessen männlichem Rollenbild, das sich durch Aggressivität und Engstirnigkeit auszeichnet. Als Willis mit einer beginnenden Demenz kämpft, nimmt ihn John trotz der schmerzhaften Erinnerungen auf – und Willis lässt seinen homo- wie xenophoben Ausbrüchen gegenüber Johns Ehemann Eric und der gemeinsamen, aus Mexiko stammenden Adoptivtochter Monica freien Lauf. Doch John trägt nun die Verantwortung für jenen Mann, der ihm im Leben am meisten weh tut … Ausnahmeschauspieler Viggo Mortensen präsentiert mit „Falling“ seine erste Regiearbeit nach einem eigenen Drehbuch. Das Resultat ist gefühlvoll, packend und durchaus experimentell. Ab 9. April. Trailer: www.youtube.com/watch?v=-rZ5DSeUb00

Neues aus der Welt. © Universal Pictures

Penguin Bloom. © Hugh Stewart

Billie. © Polyfilm/ Getty / Michael Ochs Archives / REP Documentary / Marina Amaral

Anfang 2021 / ohne konkreten Starttermin

Penguin Bloom. Die Krankenschwester Sam Bloom verletzt sich während eines Urlaubes mit Ehemann Cameron und ihren drei Söhnen in Thailand schwer, als sie von einem Balkon stürzt. Von da an ist sie von der Hüfte abwärts gelähmt, was die gesamte Familie auf eine harte Belastungsprobe stellt. Nach ihrer Reha fällt Sam in eine tiefe Depression, doch dann bringt eines Tages einer ihrer Söhne einen verletzten Flötenvogel mit nach Hause. Sie nennen ihn wegen seines schwarz-weißen Gefieders Penguin. Immer mehr lässt der Vogel, der dringend aufgepäppelt werden muss, und der seiner neuen Mama bis ins Bett und unter die Dusche folgt, Sam ihren eigenen Schmerz vergessen und gibt ihr neuen Lebensmut. Naomi Watts in einem Film von Regisseurin Glendyn Ivin nach der wahren Geschichte der Familie Bloom und ihres Magpie-Kükens. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q7eZEZHRrVg

Good Joe Bell. Noch eine True Story. Joe Bell ist der Inbegriff von Männlichkeit, und als Ehemann und Vater gewohnt zu brüllen und zu kommandieren, bis er bekommt, was er will. Sein 15-jähriger Sohn Jadin allerdings wird an der High School als schwul geoutet und fortan schikaniert, bis er Selbstmord begeht. Statt sich nach dessen Suizid in seiner Trauer zu verlieren, beschließt Joe durch die gesamten USA zu wandern und auf Mobbing und die möglichen Auswirkungen aufmerksam zu machen. Das Original ist an der Gründung von Faces for Change beteiligt, einer Anti-Mobbing-Stiftung, die das Engagement von Menschen an Schulen ehrt, die sich für Diversität und die Förderung von Toleranz einsetzen. Mark Wahlberg überzeugt in der Titelrolle, das Drehbuch stammt vom „Brokeback Mountain“-Duo Diana Ossana und Larry McMurtry. Trailer: solstice-studios.com

Billie. Ihre ungewöhnliche Stimme und ihre Lieder voll emotionaler Strahlkraft machten sie weltberühmt. Jahrzehnte vor der #BlackLivesMatter-Bewegung lieferte Billie Holiday mit ihrem Song „Strange Fruit“ den Soundtrack für die Bürgerrechtsbewegung der amerikanischen People of Colour. Eine selbstbewusste, politisch denkende Frau, ein musikalisches Genie. Und die erste schwarze Frau in einer weißen Band. In den späten 1960er-Jahren sprach die Journalistin Linda Lipnack Kuehl mit Musikgrößen wie Charles Mingus, Tony Bennett und Count Basie über die Jazz-Legende, aber auch mit Billies Cousin und Schulfreunden, sowie einem FBI-Agenten, der die Diva einst verhaftete. Ihre Biografie über die Sängerin konnte die Autorin jedoch nie veröffentlichen. In seinem Dokumentarfilm verknüpft James Erskine nun aufwändig restauriertes Archivmaterial und die bisher ungehörten Tonbandaufnahmen von Kuehl mit den wichtigsten Auftritten von Billie Holiday. Er zeichnet das bewegende, vielschichtige Porträt einer Sängerin, deren kurzes Leben durch ihre spektakulären Shows, Exzesse und den Willen zur Rebellion gekennzeichnet war. Ein grandioses filmisches Denkmal. Trailer: www.youtube.com/watch?v=qTpMaxBw2aA

Nomadland. © Searchlight Pictures

Hochwald. ©Amour Fou – Flo Rainer

Virtues. © Channel 4

Neues aus der Welt. Eigentlich sollte Paul Greengrass‘ Westerndrama mit Tom Hanks Ende 2020 in den Kinos starten. Ob es nun dazu kommt oder der Film nach dem Roman von Paulette Jiles doch am 7. Jänner auf Netflix anläuft, ist nach wie vor nicht zu eruieren. Im mutmaßlichen Oscar-Nominee spielt Tom Hanks den abgehalfterten Bürgerkriegs-Captain Jefferson Kyle Kidd, der seit dessen Ende als Nachrichtenüberbringer und Zeitungsvorleser durch das Land zieht. Er erzählt den Menschen von einer neuen Pandemie (!), der Tuberkulose, und von der Eisenbahn, die bald auch Süd-Texas an den Rest des Landes anschließt. In Texas erhält er einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll die zehnjährige Johanna Leonberger, die vor vier Jahren von den Kiowa entführt wurde, nachdem sie ihre Familie getötet hatten, zu ihrer Tante und ihrem Onkel bringen. Hunderte Meilen soll der Mann mit dem traumatisierten Kind zurücklegen, während die gefährliche Wildnis und noch gefährlichere Menschen nach ihnen trachten. Doch die größte Herausforderung stellt Johanna selbst dar, die kein Wort Englisch, sondern nur ein paar Brocken Deutsch und Kiowa spricht. Mit Tom Hanks spielt Helena Zengel aus „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792)! Trailer: www.youtube.com/watch?v=zTZDb_iKooI

Home Cinema

Der weiße Tiger. Balram Halwai erzählt seinen düster humorvollen Aufstieg vom armen Dorfbewohner zum erfolgreichen Unternehmer im modernen Indien. Die Gesellschaft hat ihn einzig und allein für eine Sache ausgebildet: Diener zu sein. Also macht er sich für seine reichen Herren, als Fahrer für die eben aus Amerika heimgekehrten Ashok und Pinky, unentbehrlich. Aber nach einer Nacht des Verrats erkennt er das korrupte und zu Gunsten weniger manipulierte System, und Balram beschließt eine neue Art von „Meister“ zu werden. Ein Film von Ramin Bahrani nach dem Debütroman des indischen Journalisten Aravind Adiga, der dafür mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Auf Netflix ab 22. Jänner. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HuFypwQQEAA

Ein guter Mensch. Alzheimer im Frühstadium, diese Diagnose verändert das Leben des 65-jährigen Agâh Beyoğlu von einer Sekunde auf die andere. Doch der pensionierte Gerichtsangestellte hat andere Pläne, als sich dem Schicksalsschlag zu ergeben. Vor Jahren wurde in seinem Heimatort ein Verbrechen begangen und im großen Stil verschleiert. Nun beginnt Agâh einen blutigen Feldzug, eine Mordserie, die die Istanbuler Mordkommission bald alt aussehen lässt. Die von Onur Saylak inszenierte Miniserie ist ein hintergründiges Thrillerdrama mit klarem politischen Unterton gegen Erdogan und die AKP. Als rachsüchtiger Rentner wurde Haluk Bilginer 2019 vollkommen zu Recht als bester Schauspieler mit dem International Emmy ausgezeichnet. Bereits zu sehen auf Magenta TV und auf DVD. Trailer: www.youtube.com/watch?v=8sEcx8SX0lU

Der weiße Tiger. © Netflix Originals

Ein guter Mensch. © Magenta TV

Kampf um den Halbmond. © Arte TV

Des. © Lions Gate Entertainment

The Virtues. Joseph in einem Pub in Liverpool. Hier will er all die hinter sich lassen, die ihn verlassen haben, allen voran seine geschiedene Frau, die mit ihrem Sohn und „dem Neuen“ nach Australien ausgewandert ist. Joseph ist ein Wrack, psychisch und physisch, er kauft sich Freunde mit Lokalrunden, um am Ende allein daheim in seinem Erbrochenen aufzuwachen. Die Zuschauerin, der Zuschauer ahnt, dass der Anfang von Shane Meadows‘ Miniserie dies Ende ist. Vier Episoden lang verarbeitet der Regisseur derart die traumatischen Ereignisse seiner eigenen Jugend, und ebenso lang dauert Josephs Martyrium, das einem in nahezu jeder Szene die Kehle zuschnürt – vor Wut, Mitleid, Fassungslosigkeit. Mutig und gesegnet mit der Gabe, in die Verletzlichkeit dieses verlorenen Charakters einzutauchen, spiegelt Stephen Graham dessen Seelenqualen mit Gesicht und ganzer Körperhaltung wider. Warum Graham nicht schon längst zur ersten Liga der internationalen Schauspielerzunft zählt, es ist ein Rätsel … Auf DVD. Trailer: www.youtube.com/watch?v=DOons8oVsmE

Kampf um den Halbmond. Paris, 2014. Antoine ist ein junger und begabter Ingenieur, der erfolgreich in der Baufirma seines Vaters arbeitet. Doch in der Familie gibt es ein Drama: Vor zwei Jahren kam Antoines Schwester Anna, eine junge Archäologin, bei einem terroristischen Attentat in Kairo ums Leben. Antoine versucht, die Trauer zu überwinden und loszulassen, seine Partnerin Loraine und er wollen eine Familie gründen und ein Kind bekommen. Doch eines Tages sieht Antoine in einer Fernsehreportage über kurdische Kämpferinnen in Syrien eine Frau, die Anna sein könnte. Lebt sie und kämpft mit dem Frauenbataillon YPJ gegen den IS? Antoine macht sich auf die Suche nach Anna und gerät in Syrien zwischen die Fronten. Die franko-israelische Serie von Oded Ruskin, Staffel eins mit Félix Moati und Mélanie Thierry aus dem Jahr 2020, mischt Elemente von Thriller, Spionagefilm und Familiendrama und beweist sich als intensiver und informativer Einblick in einen Konflikt, der schwer zu verstehen ist. Eine zweite Staffel ist in Planung. Bereits zu sehen in der ARTE-Mediathek. Trailer: www.arte.tv/de/videos/RC-019886/kampf-um-den-halbmond

Des. Februar 1983. Ein Installateur findet im Abflussrohr eines Londoner Wohnhauses menschliche Knochen. Die Ermittlungen führen schnell zu Dennis Andrew Nilsen, „Des“, der im Verhör angibt, ab 1978 an die fünfzehn junge Männer getötet zu haben. Doch wer sind sie, und warum mussten sie ihre Begegnung mit Des mit dem Leben bezahlen? Auf diese Frage antwortet der von David Tennant verkörperte schottische Serienkiller schlicht: „Ich hatte gehofft, Sie könnten mir das sagen.“ Somit zeigt die von Lewis Arnold in Szene gesetzte dreiteilige True-Crime-Serie nicht die Suche nach dem Täter, sondern nach den Opfern, an deren Namen er sich nicht einmal mehr erinnert. Die größte Fahndung in der Geschichte Großbritanniens wird nicht nur aus der Sicht des Mörders, sondern auch aus der unter Druck geratener und rivalisierender Detectives und seines Biografen Brian Masters geschildert. Blut fließt nur im Kopf der Betrachterin, des Betrachters, doch dank der schnörkellosen Tennant-Performance ist das Ganze trotzdem ziemlich grauslich. Bereits zu sehen auf Starzplay. Trailer: www.youtube.com/watch?v=EzXgIV-EJQE

  1. 1. 2021

Architektur Zentrum Wien: Balkrishna Doshi

Mai 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Indische Tradition trifft europäische Moderne

Balkrishna Doshi: Indian Institute of Management, Bangalore, 1977/1992. © Iwan Baan 2018

Am 29. Mai startet im Architekturzentrum Wien endlich die #Corona-bedingt verschobene Ausstellung „Balkrishna Doshi. Architektur für den Menschen“. Der Architekt, Urbanist und Lehrer Balkrishna Doshi gehört zu den wichtigsten Vertretern einer indischen Moderne, erlangte aber weit darüber hinaus Einfluss und Weltrang. Zentral sind seine visionäre Arbeit im Bereich des kostengünstigen Wohnens und der Stadtplanung sowie sein Engagement für Bildung.

Als erster indischer Architekt erhielt er 2018 den renommierten Pritzker-Preis, den „Nobelpreis der Architektur“. In mehr als 60 Jahren hat der 1927 im indischen Pune geborene Balkrishna Doshi eine Vielzahl von Projekten realisiert, darunter das Indian Institute of Management in Bangalore, die soziale Wohnsiedlung Aranya oder die von ihm gegründete Architekturschule in Ahmedabad. Aufgewachsen in der Aufbruchsstimmung der indischen Unabhängigkeitsbewegung, arbeitete Doshi in den 1950ern mit Größen wie Le Corbusier und Louis I. Kahn.

Schon früh entwickelte er sein ganz eigenes Vokabular, das moderne Grundsätze mit indischen Traditionen verbindet. Indem er den Bogen zwischen Industrie und lokalem Handwerk spannt, passt er seine Architektur den lokalen Gegebenheiten an. Doshis humanistische Haltung ist durch seine indischen Wurzeln ebenso geprägt wie durch seine westliche Bildung. Inspiriert von Mahatma Gandhis Lehren, entwickelte er neue Herangehensweisen an den sozialen Wohnbau. Im Zentrum stehen soziale Durchmischung, Selbstbestimmung und die Anpassung an wechselnde Bedürfnisse – Stichwort „wachsendes Haus“.

Doshis „Architektur für den Menschen“ ist von der Überzeugung getragen, dass die gebaute Umwelt einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlergehen, das Zugehörigkeitsgefühl und den Gemeinsinn hat. Sein 1956 in Ahmedabad eröffnetes Architekturbüro nannte er „Vastushilpa“: „Vastu“ beschreibt die Gesamtheit der Umwelt, „shilpa“ bedeutet auf Sanskrit „gestalten“. Seine Praxis strebt nach der Verortung der Architektur in einem weitgefassten Zusammenhang von Kultur, Umwelt, Gesellschaft, Ethik und Religion. „Dos-his Vorstellung von Nachhaltigkeit vereint die kulturelle, soziale, ökologische und wirtschaftliche Dimension“, so die Direktorin des Architekturzentrum Wien Angelika Fitz. „Das macht seine Architektur hochaktuell, auch für Europa.“

Balkrishna Doshi: Vidhyadhar Nagar, Jaipur, Indien, Miniatur, 1986. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi in seinem Architekturbüro Sangath, Ahmedabad, 1980. © Iwan Baan 2018

Balkrishna Doshi: Architekturbüro Sangath Miniaturmalerei, Ahmedabad, 1980. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Die Ausstellung zeigt Projekte aus sechs Jahrzehnten, wobei das Spektrum von Bildungs- und Kulturbauten über Wohnbauten und Interieurs bis zur Planung ganzer Städte reicht. Die Schau versammelt eine Fülle an Originalmaterialien wie Modelle, Zeichnungen und Doshis berühmte, an indische Miniaturen angelehnte Visualisierungen. Großmaßstäbliche Installationen machen die Poesie seiner Architektur erlebbar. Aktuelle Fotografien und Filme zeigen das Weiterleben der Bauten im Alltag. Die Schau ist in vier Themenschwerpunkte gegliedert: Als Architekt und Pädagoge hat Doshi die Architekturausbildung in Indien dauerhaft verändert. Der Abschnitt „Bildung ganzheitlich Denken“ widmet sich ausführlich dem Centre of Environmental Planning and Technology in Ahmedabad, einem von Doshis Schlüsselprojekten.

Über einen Zeitraum von 50 Jahren – 1962 bis 2012 – entstand ein multidisziplinärer Universitätscampus, inklusive der von ihm gegründeten Architekturschule. Um den Dialog zwischen Studierenden und Lehrkräften zu fördern, entwarf Doshi das gesamte Gelände als frei fließenden Raum, der sein Ideal einer „Bildung ohne Türen“ widerspiegelt. Dem Mangel an leistbarem Wohnraum und der Fragmentierung der Gesellschaft begegnet Doshi mit experimentellen Konzepten für den sozialen Wohnbau. Im Abschnitt„Zuhause und Zugehörigkeit“ veranschaulicht die Ausstellung seine Ideen zur Gestaltung von kostengünstigem, klimagerechten und sozial integrativen Wohnraum.

Ausgehend von Mahatma Gandhis Begriff der Selbstbestimmung kombiniert Doshi Fertigbauweisen und lokale Handwerkstechniken in einem Modulsystem, das es den Bewohnern ermöglicht, den Wohnraum nach ihren Bedürfnissen, persönlichen Vorlieben und wirtschaftlichen Möglichkeiten individuell auszubauen und zu erweitern. Die Übergänge zwischen öffentlichem und privatem Raum sind fließend – auf Straßen und Plätzen, in Innenhöfen und auf Treppen begegnen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten. Doshis Wohnsiedlungen sind ein Instrument zur Überwindung gesellschaftlicher Grenzen und ein Beitrag zum wirtschaftlichen Wandel.

Balkrishna Doshi: Wohnsiedlung Aranya Skizze, Indore, 1989. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi: Wohnsiedlung Aranya, Indore, 1989. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi in Zusammenarbeit mit M.F. Husain: Amdavad Ni Gufa Kunstraum, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018

Balkrishna Doshi in Zusammenarbeit mit M.F. Husain: Amdavad Ni Gufa Kunstraum, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018

Auch Doshis institutionelle Bauten bezeugen seinen ausgeprägten Gemeinsinn, wie das Kapitel „Institutionen bauen“ verdeutlicht. Seine Verwaltungsgebäude, Forschungszentren und Schulen fördern den zwanglosen Austausch. Beim Indian Institute of Management in Bangalore bilden Treppen und Flure, begrünte Höfe und Verbindungswege einen übergreifenden Zusammenhang. Sie schaffen fließende Übergänge zwischen Innen und Außen und sind als Erweiterung der Unterrichtsräume angelegt. Die Verwendung lokaler Baustoffe und -techniken lässt die Architektur zeitlos erscheinen und spiegelt Doshis Wertschätzung indischer Bauweisen sowiesein starkes Bewusstsein für die Umwelt wider.

Der Abschnitt „Gestaltung lebenswerter Städte“ zeigt, dass bei Doshi stets der Alltag der Menschen im Mittelpunkt steht. Straßen und Wege, öffentliche Plätze und Gebäude, Privathäuser, Büro-und Geschäftsgebäude, Baudenkmäler, Tempel und Kultureinrichtungen – besonders aber die Menschen und ihre Tätigkeiten – wollen zu einem funktionierenden Ganzen verbunden sein. Um die Qualität des städtischen Lebens zu verbessern, überträgt Doshi traditionelle Planungsprinzipien wie dichte Strukturen, zu Fuß zu bewältigende Entfernungen und den multifunktionalen Gebrauch der verfügbaren Flächen in die Gegenwart.

Zur Person: Der 1927 als Sohn einer traditionellen hinduistischen Familie geborene Balkrishna Doshi wuchs in der Aufbruchsstimmung der indischen Unabhängigkeitsbewegung auf, zu deren Leitfiguren Mahatma Gandhi und Rabindranath Tagore zählten. Im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 begann er sein Architekturstudium am Sir J.J. College of Architecture Bombay, heute Mumbai. In den 1950er-Jahren reiste er mit dem Schiff nach London und zog schließlich nach Paris weiter, um bei Le Corbusier zu arbeiten. Doshis Zusammenarbeit mit Le Corbusier und später Louis I. Kahn erstreckte sich über ein ganzes Jahrzehnt und machte den jungen Architekten mit dem Vokabular der architektonischen Moderne vertraut. Doshi wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Global Award for Lifetime Achievement for Sustainable Architecture, der Aga Khan Award for Architecture und die Goldmedaille der französischen Académied’Architecture. Im Jahr 2018 wurde ihm als erstem indischen Architekten der Pritzker-Preis verliehen

www.azw.at           Interview mit Balkrishna Doshi: www.welt.de/icon/design/article191809589/Architekt-der-Armen-Balkrishna-Doshi-ist-der-Anti-Koolhaas.html

23. 5. 2020