Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit

Juli 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vier Jahre Haft und Folter für ein Gedicht

„Am Vormittag des 5. Juni 1989, Ströme von Blut waren geflossen und die Luft knisterte, stellte er sich allein den Panzern entgegen – ein Niemand, ein Mann wie du und ich, stand in der Mitte des breiten Chang’an-Boulevards, vor sich mehr als 18 Panzer vom Typ 59. Der vorderste Panzer versuchte, an ihm vorbeizukommen, aber er wusste das zu verhindern, indem er hin und her sprang – und als die Panzer erneut vorrückten, stellte er sich ihnen erneut in den Weg …“

Mit der Erinnerung an dieses Foto, das um die Welt ging, westliche Journalisten, die aufgrund des verhängten Kriegsrechts im Beijing-Hotel festgehalten wurden, hatten den „Tank Man“ mit Teleobjektiven heimlich aufgenommen, beginnt Liao Yiwu sein jüngstes Buch „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“, dem er den Untertitel „Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“ gegeben hat und mit dem sich der Dichter, Dissident und Friedensaktivist einmal mehr gegen das in China staatlich verordnete Vergessen der Geschehnisse rund um das von der Volksbefreiungsarmee angerichtete Blutbad auf dem Tian’anmen-Platz stemmt.

Auch für Liao Yiwu bedeutete dieser 4. Juni vor dreißig Jahren eine grauenhafte Zäsur. Für „Massaker“, sein Protestgedicht im Gedenken an die Opfer (hier nachzulesen: www.amnesty.de/journal/2012/oktober/massaker), wurde er der „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ angeklagt; es folgten vier Jahre Haft und Folter. Erst 2011 gelang es Liao Yiwu aus China zu fliehen, seither lebt er in Berlin. „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“ ist vielleicht Liao Yiwus verstörendstens Projekt wider jene Amnesie, die westliche Politik und Wirtschaft befällt, sobald Menschenrechte den Marktinteressen im Wege stehen.

So hat er etwa für das Kapitel „Aus dem Leben meiner Gefängnisbrüder“ Porträts seiner ehemaligen Mithäftlinge verfasst, Zeilen von einer Intensität und Heftigkeit, die schwer auszuhalten sind, wenn er von Denunziation, öffentlich abzuhaltender Selbst- und Kampfkritik und dem „kleinen, hundehüttenähnlichen Raum“ berichtet, in den „die Politischen“ oft für Monate gesperrt wurden. Er beschreibt deren Angst vor den Gewaltverbrechern, und wie die beiden Gruppen von den Wärtern gegeneinander ausgespielt wurden, „als die politischen Gefangenen einen Hungerstreik durchführten, wurden sie von einer zehnfachen Übermacht von Kriminellen umzingelt …“.

Er erzählt vom „Tierbändiger“ genannten Chen Yunfei, der sich lieber prügeln ließ, „bis seine Schnauze  geschwollen war wie ein Schweinerüssel“, als klein beizugeben, von Hou Duoshu, der eine 80 Kilo schwere Fußfessel tragen musste, weil er in der Bibel las, schildert unfassbare Methoden, einen Menschen zu brechen, Hocken unter einem Stacheldrahtnetz, Tod durch Arbeit, sieht Männer bei lebendigem Leib verfaulen – und die häufigste Sterbeursache hinter Gittern: Krebs.

Bild: pixabay.com

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Dass der Westen vieles wusste, aber wenig tat, erschließt sich auf bestürzende Weise im Kapitel „Die letzten Augenblicke im Leben Liu Xiaobos“, der todkranke Literaturnobelpreisträger (Leberkrebs), für dessen Enthaftung und Ausreise nach Deutschland Liao Yiwu alle Hebel in Bewegung setzte, heißt: seine Schriftstellerkollegen Herta Müller und Wolf Biermann, Harry Goldstein, Peter Sillem, selbst Joachim Gauck und Angela Merkel. Ein brisanter Briefwechsel, der Liu Xiaobo zwar nicht mehr retten konnte, er starb am 13. Juli 2017, immerhin aber seiner gesundheitlich ebenfalls schwer angeschlagenen Witwe Liu Xia den Weg in die Freiheit ebnete.

Das Buch schließt mit Briefen und Gedichten, die Liao Yiwu im Untersuchungsgefängnis von Chongqing-Stadt gekritzelt hat – mit Bambussplittern und einer violetten medizinischen Tinktur. Die Wolken, ach, brennende Bananenblätter, / die sich schrecklich rollen! / Die Felsen eine Herde hungriger Löwen, Sterne, / die Steinen von der Zungenspitze schnellen / Der Mond, ach, der kreischende Affe, / der über den Horizont springt / und haarige Strahlen schickt / Starr umklammere ich die Finger des Abends …“, liest sich eines mit dem Titel „Die Sonne, dieser Löwe einer elektrischen Entladung, sticht in die geheimen Akupunkturpunkte der Erde“. – „Ich habe wegen meines Geschmiers schon jede Menge Unannehmlichkeiten gehabt“, schreibt er am 30. 7. 1991 an seine „liebe Niaoyu“. „Ich trage das Brandzeichen eines Elektroknüppels auf der Zunge, mir wurden die Hände auf den Rücken gebunden, ich wurde zur Strafe der Sonne ausgesetzt, musste zur Strafe singen, musste zur Strafe auf nassem Boden schlafen, ganz zu schweigen von den Tritten und Faustschlägen, die ich abbekam.“

„Ich war in diesem Sarg über zwei Jahre lebendig begraben und habe es überstanden“, so Liao Yiwu. „Herr Wang“, im britischen Sunday Express erschien eines Tages der Name des 19-jährigen Studenten Wang Weilin für den „Tank Man“, wurde von drei Geheimdienstagenten vom Chang’an-Boulevard samt seinen beiden Einkaufstaschen entfernt. Es wird angenommen, dass er in aller Stille exekutiert wurde, obwohl die chinesische Staatsspitze dies entschieden dementiert. In einer schöneren Fassung der Geschichte soll Wang Weilin nach einer mysteriösen Überfahrt in Taiwan gesehen worden sein, wo er angeblich als Archäologe arbeitet. Wer weiß? Vielleicht schreibt Liao Yiwu nach all seinen Zeitzeugenberichten darüber einmal einen romantischen Roman.

Über den Autor: Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs als Kind in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht „Massaker“, wofür er für vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis „Freiheit zum Schreiben“ ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. 2009 erschien sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. 2011, als „Für ein Lied und hundert Lieder“ in Deutschland erschien, gelang es Liao Yiwu, China zu verlassen. Seitdem lebt er in Berlin. 2012 erschien „Die Kugel und das Opium“, 2013 „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“ sowie 2014 „Gott ist rot“. Liao Yiwu wurde unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

S. Fischer, Liao Yiwu: „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“, 144 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann.

www.fischerverlage.de

7. 7. 2019

Volkstheater/Bezirke: Der Raub der Sabinerinnen

Februar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Hymnus auf die Schmiere

Eleonora Striese lässt sich beim Regieführen verführen: Doris Weiner mit Katrin Grumeth und Günther Wiederschwinger. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Was Katharina Thalbach vor ein paar Jahren in Deutschland mit Verve gelang, nämlich Theaterdirektor Striese nebst Gattin darzustellen, mit dieser Kunst beeindruckt nun auch Doris Weiner bei der Bezirke-Tournee des Volkstheaters. Dass die Leiterin ebendieser in Lukas Holzhausens Inszenierung von „Der Raub der Sabinerinnen“ ein Stück weit auch sich selbst spielt, vergrößert den Spaß an der Persiflage nur noch – ein geplagter Prinzipal in Geldnöten.

Der um schauspielerische Bravourleistungen und mit schwindendem Publikum ringt, auf der Suche nach jenem Stoff, der endlich das Zeug zum Kassenschlager hat. Im 1885er-Schwank der österreichischen Dramatikerbrüder Franz und Paul von Schönthan glaubt der Wandertruppen-Intendant Emanuel Striese diesen im Werk des Kleinstadt-Professors Gollwitz gefunden zu haben, der seinerseits seine schriftstellerischen Ambitionen vor Frau und Familie zu verheimlichen sucht. Allein, die bildungsbürgerlichen Ansprüche der Schulmeistertragödie lassen sich mit der effekthascherischen Aufführungspraxis des Striese-Ensembles nicht vereinbaren. Doch während alles auf ein Desaster zuläuft, der Gollwitz-Clan aufs Heftigste zerstritten ist, hat Frau Striese die rettende Idee. Die, in der von Anja Herden überschriebenen Textfassung, Doris Weiner einen weiteren großartigen Auftritt sichert.

Nicht nur ist ihr als Emanuel der große Striese-Monolog im zweiten Akt gegönnt, dieser Hymnus auf die Schmiere – „Mein Herr, wissen Sie überhaupt, was eine Schmiere ist? Das ist ein Plätzchen, wo auf wenigen Quadratmetern mehr Hingebung verlangt und gegeben wird, als Sie es sich in ihrem bürgerlichen Hochmut vorstellen können!“ -, sondern als Eleonora in einer Art Zwischenspiel auch eine Probenszene, in der die Direktorengattin die Kollegen vergnüglich fest an die Kandare nimmt. Die zierliche Weiner mal mit geklebtem Bärtchen als künstlerisches Leichtgewicht, mal mit langem Haar als durchsetzungsfreudige, sexy Frau zu erleben, das hat schon was.

David Oberkogler als kulturaffine Haushälterin Rosa. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Doris Weiner als Theaterdirektor Emanuel Striese. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die Idee der Doppelbesetzung jedenfalls scheint es Regisseur Holzhausen derart angetan zu haben, dass er sie gleich auf den Großteil seiner Schauspieler ausdehnte. Am besten weiß diese Gelegenheiten David Oberkogler zu nutzen, der als Gollwitz-Schwiegersohn Leopold ebenfalls seine Geheimnisse hat, vor allem aber mit seinem komödiantischen Kabinettstück als Haushälterin Rosa überzeugt – Gollwitz‘ theaterbesessene Co-Autorin, jedenfalls sieht sie sich selber so, die im Moment, als der Reinfall droht, zum österreichisch-opportunistischen Kulturwendehals wird. Witzig, wenn Oberkogler seine Verwandlung durch ein nicht runtergerolltes Hosenbein oder eine zu spät aufgesetzte Perücke durchblitzen lässt.

Karin Grumeth spielt Leopolds enervierende Frau Marianne sowie deren jüngere und mit dem Vater verbündete Schwester Paula, Günther Wiederschwinger Vater und Sohn Groß, erster ein ernsthafter Spediteur, zweiter verbotenerweise zum fahrenden Volk übergelaufen – und nun schwerst in Paula verliebt. Michael Abendroth brilliert als verpeilter Professor Gollwitz, dessen verknöpfte Weste schon vieles über den Charakter sagt, der als Idealist gegen Theaterpraktiker ankämpfen muss, und der aus Nervosität über seinen wahrscheinlichen Misserfolg mehr und mehr aus der Fasson gerät. Bettina Ernst wechselt als Ehefrau Friederike von der Kleingeistigen zur – in virtuos gespieltem angetrunkenem Zustand – alles Verzeihenden. Dass das Travestiespiel in hohem Tempo ablaufen kann, ermöglichen die Kostüme von Valentina Mercedes Obergantschnig und das fürs Klipp-Klapp bestens geeignete Holzschachtel-Bühnenbild von Sofia Korcinskaja.

Kampf der Geschlechter im Hause Gollwitz: David Oberkogler, Michael Abendroth, Katrin Grumeth und Bettina Ernst. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Und so gewährt Doris Weiner als sächselnder Striese einen höchst unterhaltsamen, satirischen Schlüssellockblick auf die Bretter, die ihr mit Sicherheit die Welt bedeuten, ja, man erlebt mit ihr, wie Bühnenzauber aus dem Fast-Nichts entsteht. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist eine gelungene Produktion für das Volkstheater in den Bezirken, wo die wunderbare Weiner seit nun schon 14 Jahren Unterhaltung mit Haltung zeigt.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2019

Naturhistorisches Museum Wien: Krieg

Oktober 23, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zur Schau ein persönliches Friedensbild posten

Ausstellungsansicht „Krieg. Auf den Spuren einer Evolution“. Bild: © NHM Wien, Kurt Kracher

Hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 und 400 Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618 versucht das Naturhistorische Museum Wien ab 24. Oktober in der Sonderausstellung „Krieg. Auf den Spuren einer Evolution“ das Phänomen anhand historischer Belege greifbar zu machen: Lernt der Mensch aus seiner Geschichte?, Was ist Aggression?, Seit wann gibt es Krieg?, und Ist Krieg unausweichlich, weil menschlich? sind unter

anderem Fragen, die in der Schau beleuchtet werden. Die Erforschung des Kriegs hat in den vergangenen 20 Jahren enorme Fortschritte gemacht: Schlachtfelder und Befestigungen wurden ausgegraben, Massengräber geborgen, unzählige Skelette mit Verletzungsspuren untersucht, Waffen sowie bildhafte Darstellungen und historische Texte analysiert. Archäologische und anthropologische Forschungen lieferten wichtige Erkenntnisse über Kriegsführung und die Folgen der Kriege von der Ur- und Frühgeschichte bis in die Neuzeit.

Die Entwicklung vom Werkzeug zur Waffe, vom Zweikampf zum Massenmord, vom mythischen Helden zum namenlosen Soldaten, der als Kanonenfutter dient, ist zentrales Thema der Ausstellung. Das Massengrab von Lützen ist im Rahmen der Schau erstmals außerhalb Deutschlands zu sehen und eines der Highlights – zum einen, weil es als anschauliche Metapher den Krieg der Neuzeit repräsentiert und gleichzeitig einen Brückenschlag, zurück zu den Anfängen des Krieges, ermöglicht: Sechs Stunden lang dauerte die Schlacht von Lützen, bei der sich 1632 in den Feldern rund um den kleinen Ort zwischen Leipzig und Naumburg mehr als 6.000 Männer niedermetzelten – einer der größten, verlustreichsten und blutigsten Waffengänge des Dreißigjährigen Krieges. 2011 hievten Forscherinnen und Forscher einen 55 Tonnen schweren Erdblock mit sechs mal sieben Meter Grundfläche, befestigt an einem Gerüst aus Holz und Stahl, aus dem Boden – die Grabstätte von 47 Soldaten, die in der Schlacht ihr Leben ließen. Ein Mahnmal des Krieges, das mit modernsten Techniken untersucht wurde und Einzelschicksale, sowie Todesursachen so detailliert wie möglich rekonstruierte.

Die Ausstellung ist eine archäologische Spurensuche: „Die eindrucksvollen Befunde aus Halle an der Saale werden durch österreichische Skelette von der Jungsteinzeit bis zum Mittelalter ergänzt, die Spuren von Gewalt belegen,“ erläutert Karin Wiltschke-Schrotta von der Anthropologischen Abteilung des NHM Wien die Schau bei der Pressekonferenz am Dienstagvormittag. Die ausgewählten menschlichen Knochen zeigen die unterschiedlichsten, tödlichen Verletzungen, die durch neolithische Beile, römerzeitliche Geschossboltzen, hunnische dreiflügelige Pfeilspitzen sowie Hiebe mit einem mittelalterlichen Schwert verursacht wurden. „Die Dummheit der Menschen“, meint Anton Kern von der Prähistorischen Abteilung, „scheint grenzenlos. Belegen lässt sich das aufgrund ihres Bestrebens nach immer ‚besseren‘ Waffen – und das schon seit der Steinzeit.“

Die Anthropologin Nicole Nicklisch untersucht die Skelette aus dem Massengrab der Schlacht von Lützen 1632. © LDA Sachsen-Anhalt, Bild: Juraj Lipták

Massengrab von Lützen. Bild: © NHM Wien, Kurt Kracher

 

 

 

 

 

 

 

Mit 7.000 Jahre alten Waffen und menschlichen Schädeln mit Spuren von Gewalteinwirkung liefert die Ausstellung die ältesten, bislang bekannten Nachweise eines Massakers aus Schletz, Niederösterreich. Goldene Lockenringe zeugen als Fund im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern davon, dass es bereits in der Bronzezeit Anführer, sogenannte Eliten, am Schlachtfeld gab. Aus den Knochen jener Soldaten, die 1809 im napoleonischen Krieg auf den Schlachtfeldern von Asparn und Deutsch Wagram getötet wurden, lässt sich mit forensisch-anthropologischen Methoden viel über das Schicksal einzelner, an der Schlacht beteiligter Menschen ablesen.

Ausstellungsansicht „Krieg im Ersten Weltkrieg“ in der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM Wien im Narrenturm. Bild: © NHM Wien, Alice Schuhmacher

Wie nachhaltig und zerstörerisch sich Krieg auf Überlebende auswirken kann, zeigen Prothesen, die verstümmelten Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg das Leben erleichtern sollten und heute Bestandteil der pathologisch-anatomischen Sammlung im Narrenturm sind. Sie fungieren als Überleitung zum zweiten Teil der Ausstellung: Im Narrenturm wird die Sonderausstellung mit dem Thema „Medizin im Ersten Weltkrieg“ erweitert.

In drei renovierten Räumen dokumentieren Objekte der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM Wien die typischen Verletzungen des ersten Weltkrieges, das Können von Lorenz Böhler mit dem Beginn der Unfallchirurgie und die rekonstruierenden Maßnahmen dieser Zeit. Wer möchte, kann auf Instagram unter dem Hashtag #NHMLoveNotWar eine Fotografie mit seiner persönlichen Friedensbotschaft posten. Die schönsten Bilder werden monatlich ausgewählt und in der Friedenswerkstatt in Saal 50 ausgestellt. Die 20 besten Fotos davon werden außerdem in einem Friedens-Buch gesammelt, das am Ende der Ausstellung dem Bundespräsidenten überreicht wird. Und zu gewinnen gibt es auch einiges …

www.nhm-wien.ac.at

23. 10. 2018

Albertina: Niko Pirosmani

Oktober 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein „Vagabund“ malt für Tavernen und Schenken

Niko Pirosmani: White Sow with Piglets. Bild: © Infinitart Foundation

Die Albertina widmet dem georgischen Maler Niko Pirosmani ab 26. Oktober eine umfassende Ausstellung. Der Autodidakt, der seine leuchtenden, eindringlichen Bilder für die georgischen Gasthäuser und Schenken der Jahrhundertwende malte, ist heute ein Held der Avantgarde, den es neu zu entdecken gilt. 1913 wurde Niko Pirosmani in der legendären Ausstellung „Zielscheibe“ in Moskau gemeinsam mit Natalia Gontscharowa, Michail Larionow, Kasimir Malewitsch und Marc Chagall als „Rousseau des Ostens“ präsentiert.

Seine Auftragsarbeiten, die häufig Tiere oder dörfliche Szenen zeigen, wurden nicht in Galerien, Künstlervereinigungen und Museen ausgestellt, sondern waren für alle gesellschaftlichen Schichten öffentlich in Gasthöfen, Tavernen, Schenken und Läden zugänglich. Kunst war für Niko Pirosmani ein weites, offenes Feld, er selbst soll ein Außenseiter und Vagabund gewesen sein. Ein Wanderer zwischen des Welten, zwischen Stadt und Land, Gaststuben und Tierställen, der sich gleichzeitig im Zentrum der Gemeinschaft aufhielt.

Es ist die direkte und besondere Verbindung zu seinem Publikum, die bewirkt, dass sich die Bilder wie ein kollektiver Traum ausnehmen. Niko Pirosmanis Werke sprechen die Betrachtenden direkt an. Das Elementare der Sujets ist auf eine Allgemeinheit ausgerichtet, welche im Begriff steht, das bäuerliche gegen ein städtisches Leben einzutauschen. Die malerische Direktheit und Stilisierung stehen im Dienste einer Bildwirkung aus der Entfernung, wie sie für die Lokale adäquat ist, für die Pirosmani seine Werke schuf. Das schwarze Wachstuch als Malgrund lässt die Motive wie aus einer dunklen Tiefe aufscheinen.

Niko Pirosmani: Bear on a moonlit night. Bild: © Infinitart Foundation

Niko Pirosmani: Tatar camel driver. Bild: © Infinitart Foundation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Niko Pirosmanis Sprache ist sehr direkt. In die rurale Welt seiner Bilder haben bereits die Eisenbahn und die illustrierten Zeitschriften Einzug gehalten. Die Giraffe, der weiße Bär oder der Löwe sind imaginäre Protagonisten, die von der Beschwörung, der Typisierung und zuweilen auch Idealisierung des Kreatürlichen und der Elemente einer Gemeinschaft zeugen: Der Schäfer, der Fischer, die Dorfschönheit, die Mutter mit dem Kind, die festlichen Gelage, der Dienstbote, die Weinlese, die Arbeit und die Tiere auf dem Hof oder im Feld und im Wald. In seinen Bildern preist er eine strahlend harmonische Ordnung, die er selbst als „der Vagabund“ mehr erträumt als erfahren hat. Die Nachwelt machte ihn jedoch zur Leitfigur, zu einem Maler der Hoffnung und des Glaubens an das Bessere im Menschen, auch in Zeiten, in denen alles dagegen sprach.

www.albertina.at

22. 10. 2018

In den Gängen

Mai 31, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Supermarkt der Gefühle

Auf dem Gabelstapler blüht das zarte Pflänzchen Liebe: Sandra Hüller und Franz Rogowski. Bild: Polyfilm Verleih

Als Kind der Peripherie sind einem derlei Unorte allzu gut bekannt: Leere, von Peitschenleuchten erhellte Parkplätze irgendwo im Nirgendwo, noch ist es zeitig in der Früh – oder ist es schon spät am Abend? -, doch der Großmarkt, zu dem die Vorfläche gehört, hat auf, dessen emsige, schläfrige, verdrossene, freundliche Mitarbeiter räumen Kartons aus, schlichten Waren in Regale … und dann ein Moment der Poesie:

Der Chef hat zur Musikbeschallung den Donauwalzer bestimmt. Und gleich drehen sich die Gabelstapler im Dreivierteltakt. So beginnt einer der erfrischendsten Filme des jungen deutschsprachigen Kinos: „In den Gängen“ von Regisseur Thomas Stuber, nach Clemens Meyers gleichnamiger Kurzgeschichte, der ab heute in den heimischen Kinos läuft. Diese Geschichte eines einsamen jungen Mannes im Labyrinth der Konsumweltgänge hätte ihn nach dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen, sagt Stuber im Interview. Wie’s wohl auch den Kinobesuchern gehen wird. Der großartige Franz Rogowski spielt den schüchtern-sensibel-schweigsamen „Frischling“ Christian, den es in die surrealen Bilder saugt. In der Getränkeabteilung beginnt er seinen neuen Job, wo ihm Peter Kurth als Bruno zum väterlichen Vorgesetzten wird.

Bald lernt er die Regeln des Mikrokosmos, erfährt, warum „Feinkost“ mit „Süßware“ auf Kriegsfuß steht, und warum „Getränke“ seinen Gabelstapler nicht an den Paletten-Klaus ausborgen will. Ein Werktätigenmärchen ist es, das Stuber entrollt. Was harte Plattenbaurealität sein könnte, wird hier ganz zart, leise und lyrisch erzählt. Langsam gelangt man auf den Grund der dargestellten Menschenschicksale. Auch auf den der Süßwaren-Marion, Sandra Hüller, die mit Christian so lange ihre neckischen Scherze treibt, bis der sich Hals über Kopf verliebt. Und die Kollegenschaft mitfiebernd viel Glück wünscht, denn die Marion ist bös‘ verheiratet. Im Lager für die Tiefkühlware kommt’s schließlich zu ersten Eskimoküssen …

Lebensweisheiten im Getränkegang: Franz Rogowski und Peter Kurth. Bild: Polyfilm Verleih

Eskimokuss im Tiefkühllager: Franz Rogowski und Sandra Hüller. Bild: Polyfilm Verleih

Die Hüller spielt das als ruppige Verführerin, ihre Marion ist eine, die sich vom Leben nimmt, was sie braucht, ist eine, die sich nicht unterkriegen lässt, Rogowski trägt dazu allen nur erdenklichen Weltschmerz im Gesicht, bald ahnt man, sein Christian bewahrt ein Geheimnis, bald hofft man, die Süßwarenfee kann den verwunschenen Prinzen mit ihrem Zauber retten. Dass bei all dem niemals so etwas wie Sozialromantik aufkommt, ist Stubers großes Verdienst – und das von Peter Kurth, der den Bruno mit uneitlem Understatement gibt. Er, der Starke, wird sich schließlich als der schwächste herausstellen. An ihm zeigt Stuber, wie groß Einsamkeit trotz Menge sein kann. Ein Bild dazu: der Frischfisch im Aquarium, dicht an dicht, kaum hat man Platz zum Atmen.

Als Hauptdarsteller noch erwähnenswert ist der Gabelstapler, dessen Eigenleben ihn zum bedrohlich-unberechenbaren Monster macht. Aber, wenn er so herumkurvt, klingen seine Arbeitsgeräusche wie Meeresrauschen …

www.facebook.com/indengaengen/

  1. 5. 2018