Architektur Zentrum Wien: Balkrishna Doshi

Mai 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Indische Tradition trifft europäische Moderne

Balkrishna Doshi: Indian Institute of Management, Bangalore, 1977/1992. © Iwan Baan 2018

Am 29. Mai startet im Architekturzentrum Wien endlich die #Corona-bedingt verschobene Ausstellung „Balkrishna Doshi. Architektur für den Menschen“. Der Architekt, Urbanist und Lehrer Balkrishna Doshi gehört zu den wichtigsten Vertretern einer indischen Moderne, erlangte aber weit darüber hinaus Einfluss und Weltrang. Zentral sind seine visionäre Arbeit im Bereich des kostengünstigen Wohnens und der Stadtplanung sowie sein Engagement für Bildung.

Als erster indischer Architekt erhielt er 2018 den renommierten Pritzker-Preis, den „Nobelpreis der Architektur“. In mehr als 60 Jahren hat der 1927 im indischen Pune geborene Balkrishna Doshi eine Vielzahl von Projekten realisiert, darunter das Indian Institute of Management in Bangalore, die soziale Wohnsiedlung Aranya oder die von ihm gegründete Architekturschule in Ahmedabad. Aufgewachsen in der Aufbruchsstimmung der indischen Unabhängigkeitsbewegung, arbeitete Doshi in den 1950ern mit Größen wie Le Corbusier und Louis I. Kahn.

Schon früh entwickelte er sein ganz eigenes Vokabular, das moderne Grundsätze mit indischen Traditionen verbindet. Indem er den Bogen zwischen Industrie und lokalem Handwerk spannt, passt er seine Architektur den lokalen Gegebenheiten an. Doshis humanistische Haltung ist durch seine indischen Wurzeln ebenso geprägt wie durch seine westliche Bildung. Inspiriert von Mahatma Gandhis Lehren, entwickelte er neue Herangehensweisen an den sozialen Wohnbau. Im Zentrum stehen soziale Durchmischung, Selbstbestimmung und die Anpassung an wechselnde Bedürfnisse – Stichwort „wachsendes Haus“.

Doshis „Architektur für den Menschen“ ist von der Überzeugung getragen, dass die gebaute Umwelt einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlergehen, das Zugehörigkeitsgefühl und den Gemeinsinn hat. Sein 1956 in Ahmedabad eröffnetes Architekturbüro nannte er „Vastushilpa“: „Vastu“ beschreibt die Gesamtheit der Umwelt, „shilpa“ bedeutet auf Sanskrit „gestalten“. Seine Praxis strebt nach der Verortung der Architektur in einem weitgefassten Zusammenhang von Kultur, Umwelt, Gesellschaft, Ethik und Religion. „Dos-his Vorstellung von Nachhaltigkeit vereint die kulturelle, soziale, ökologische und wirtschaftliche Dimension“, so die Direktorin des Architekturzentrum Wien Angelika Fitz. „Das macht seine Architektur hochaktuell, auch für Europa.“

Balkrishna Doshi: Vidhyadhar Nagar, Jaipur, Indien, Miniatur, 1986. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi in seinem Architekturbüro Sangath, Ahmedabad, 1980. © Iwan Baan 2018

Balkrishna Doshi: Architekturbüro Sangath Miniaturmalerei, Ahmedabad, 1980. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Die Ausstellung zeigt Projekte aus sechs Jahrzehnten, wobei das Spektrum von Bildungs- und Kulturbauten über Wohnbauten und Interieurs bis zur Planung ganzer Städte reicht. Die Schau versammelt eine Fülle an Originalmaterialien wie Modelle, Zeichnungen und Doshis berühmte, an indische Miniaturen angelehnte Visualisierungen. Großmaßstäbliche Installationen machen die Poesie seiner Architektur erlebbar. Aktuelle Fotografien und Filme zeigen das Weiterleben der Bauten im Alltag. Die Schau ist in vier Themenschwerpunkte gegliedert: Als Architekt und Pädagoge hat Doshi die Architekturausbildung in Indien dauerhaft verändert. Der Abschnitt „Bildung ganzheitlich Denken“ widmet sich ausführlich dem Centre of Environmental Planning and Technology in Ahmedabad, einem von Doshis Schlüsselprojekten.

Über einen Zeitraum von 50 Jahren – 1962 bis 2012 – entstand ein multidisziplinärer Universitätscampus, inklusive der von ihm gegründeten Architekturschule. Um den Dialog zwischen Studierenden und Lehrkräften zu fördern, entwarf Doshi das gesamte Gelände als frei fließenden Raum, der sein Ideal einer „Bildung ohne Türen“ widerspiegelt. Dem Mangel an leistbarem Wohnraum und der Fragmentierung der Gesellschaft begegnet Doshi mit experimentellen Konzepten für den sozialen Wohnbau. Im Abschnitt„Zuhause und Zugehörigkeit“ veranschaulicht die Ausstellung seine Ideen zur Gestaltung von kostengünstigem, klimagerechten und sozial integrativen Wohnraum.

Ausgehend von Mahatma Gandhis Begriff der Selbstbestimmung kombiniert Doshi Fertigbauweisen und lokale Handwerkstechniken in einem Modulsystem, das es den Bewohnern ermöglicht, den Wohnraum nach ihren Bedürfnissen, persönlichen Vorlieben und wirtschaftlichen Möglichkeiten individuell auszubauen und zu erweitern. Die Übergänge zwischen öffentlichem und privatem Raum sind fließend – auf Straßen und Plätzen, in Innenhöfen und auf Treppen begegnen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten. Doshis Wohnsiedlungen sind ein Instrument zur Überwindung gesellschaftlicher Grenzen und ein Beitrag zum wirtschaftlichen Wandel.

Balkrishna Doshi: Wohnsiedlung Aranya Skizze, Indore, 1989. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi: Wohnsiedlung Aranya, Indore, 1989. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi in Zusammenarbeit mit M.F. Husain: Amdavad Ni Gufa Kunstraum, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018

Balkrishna Doshi in Zusammenarbeit mit M.F. Husain: Amdavad Ni Gufa Kunstraum, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018

Auch Doshis institutionelle Bauten bezeugen seinen ausgeprägten Gemeinsinn, wie das Kapitel „Institutionen bauen“ verdeutlicht. Seine Verwaltungsgebäude, Forschungszentren und Schulen fördern den zwanglosen Austausch. Beim Indian Institute of Management in Bangalore bilden Treppen und Flure, begrünte Höfe und Verbindungswege einen übergreifenden Zusammenhang. Sie schaffen fließende Übergänge zwischen Innen und Außen und sind als Erweiterung der Unterrichtsräume angelegt. Die Verwendung lokaler Baustoffe und -techniken lässt die Architektur zeitlos erscheinen und spiegelt Doshis Wertschätzung indischer Bauweisen sowiesein starkes Bewusstsein für die Umwelt wider.

Der Abschnitt „Gestaltung lebenswerter Städte“ zeigt, dass bei Doshi stets der Alltag der Menschen im Mittelpunkt steht. Straßen und Wege, öffentliche Plätze und Gebäude, Privathäuser, Büro-und Geschäftsgebäude, Baudenkmäler, Tempel und Kultureinrichtungen – besonders aber die Menschen und ihre Tätigkeiten – wollen zu einem funktionierenden Ganzen verbunden sein. Um die Qualität des städtischen Lebens zu verbessern, überträgt Doshi traditionelle Planungsprinzipien wie dichte Strukturen, zu Fuß zu bewältigende Entfernungen und den multifunktionalen Gebrauch der verfügbaren Flächen in die Gegenwart.

Zur Person: Der 1927 als Sohn einer traditionellen hinduistischen Familie geborene Balkrishna Doshi wuchs in der Aufbruchsstimmung der indischen Unabhängigkeitsbewegung auf, zu deren Leitfiguren Mahatma Gandhi und Rabindranath Tagore zählten. Im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 begann er sein Architekturstudium am Sir J.J. College of Architecture Bombay, heute Mumbai. In den 1950er-Jahren reiste er mit dem Schiff nach London und zog schließlich nach Paris weiter, um bei Le Corbusier zu arbeiten. Doshis Zusammenarbeit mit Le Corbusier und später Louis I. Kahn erstreckte sich über ein ganzes Jahrzehnt und machte den jungen Architekten mit dem Vokabular der architektonischen Moderne vertraut. Doshi wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Global Award for Lifetime Achievement for Sustainable Architecture, der Aga Khan Award for Architecture und die Goldmedaille der französischen Académied’Architecture. Im Jahr 2018 wurde ihm als erstem indischen Architekten der Pritzker-Preis verliehen

www.azw.at           Interview mit Balkrishna Doshi: www.welt.de/icon/design/article191809589/Architekt-der-Armen-Balkrishna-Doshi-ist-der-Anti-Koolhaas.html

23. 5. 2020

Das Stadtkino geht online: Neun neue Filme ab 1. Mai

April 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dabei ist auch Lola-Preisträger „Born in Evin“

Symbolische Schönbilder kontrastieren Schmerz und Schrecken: Maryam Zaree träumt sich in „Born in Evin“ zurück in den Mutterleib. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Das Stadtkino macht neue Filme online zugänglich. Ab 1. Mai gehen die ersten vier Titel ins Netz, gefolgt von weiteren fünf am 8. Mai. Mit dabei ist „Born in Evin“ von Maryam Zaree, der vergangene Woche beim Deutschen Filmpreis mit der Lola für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Auch zu sehen ist – und zwar knapp nach dem Kinostart  – „The Royal Train“. Alle Filme sind auf Kino VOD CLUB und Flimmit abrufbar.

Die Filme ab 1. Mai:

The Royal Train von Johannes HolzhausenIn Rumänien fährt einmal im Jahr ein ganz besonderer Zug durchs Land: Von vielen tausend Menschen begeistert bejubelt befinden sich in dem Zug einige der Nachfahren des legendären Ex-Königs Mihai von Rumänien. Der Film zeigt die Hintergründe dieser nostalgisch anmutenden Fahrt und nimmt die Zugreise als Ausgangspunkt für eine filmische Expedition in die Geschichte und Gegenwart des osteuropäischen Staates. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HIC9BqKFLXQ

Dieser Film ist ein Geschenk ist ein Film von Anja Salomonowitz über den Künstler Daniel Spoerri. Eigentlich ist es ein Film über einen Gedanken von Daniel Spoerri: ein Film fast ohne Daniel Spoerri, eigentlich wird er meistens von einem Kind nachgespielt – um nicht weniger zu sagen, als dass alles immer irgendwie weitergeht im Leben, auch wenn man dazwischen mal stirbt. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BfCPKfn_I38

Chaos von Sara Fattahi ist die Geschichte von drei syrischen Frauen. Jede von ihnen lebt an einem anderen Ort. Was sie voneinander trennt ist gleichzeitig das, was sie vereint – der Verlust und das Trauma. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PTvFcxEysBk

Abschied von den Eltern von Astrid Johanna Ofner nach Peter Weiss. „Ein Film über Flucht, Familie, Kunst, über Städte, Bilder, Sexualität, Einsamkeit, Geschichte, Gewalt und Freundschaft. Und auf eine eigenartige Weise ein Film über Häuser und über das alte und ein neues Europa“, so die Filmemacherin. Peter-Weiss-Lesung: www.youtube.com/watch?v=CCBLiPfgZxs

Dieser Film ist ein Geschenk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Chaos. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Abschied von den Eltern. Bild: © Stadtkino Filmverleih

The Royal Train. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Filme ab 8. Mai:

To The Night ist der dritte Langfilm des österreichischen Regisseurs und Musikers Peter Brunner, der mit seinem unverkennbaren Stil die internationale Festivallandschaft begeistert. In der Hauptrolle einer versehrten Künstlernatur glänzt das US-Talent Caleb Landry Jones. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PWn8j2vHZH4&t=

Erde. Mehrere Milliarden Tonnen Erde werden durch Menschen jährlich bewegt – mit Schaufeln, Baggern oder Dynamit. Filmemacher Nikolaus Geyrhalter beobachtet in Minen, Steinbrüchen, Großbaustellen Menschen bei ihrem ständigen Kampf, sich den Planeten anzueignen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Dch-x56eJIs

Lillian als Emigrantin in New York gestrandet, will zu Fuß in ihre Heimat Russland zurückgehen. Entschlossen macht sie sich auf den langen Weg. Ein Road Movie, quer durch die USA, hinein in die Kälte Alaskas. Die Chronik eines langsamen Verschwindens. Der Film von Andreas Horvath hatte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2019. Trailer: www.youtube.com/watch?v=uUkWJOBX9hM

Der Stoff, aus dem Träume sind. Anhand von sechs Meilensteinen selbstorganisierten und selbstverwalteten Wohnbaus in Österreich nähert sich der Dokumentarfilm von Michael Rieper und Lotte Schreiber auf facettenreiche Art an die unterschiedlichen Themen kooperativer Wohnprozesse von 1975 bis heute an. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q4nxqQr1UCU

Lillian: Bild: © Stadtkino Filmverleih

Regisseurin Sara Fattahi. Bild: © Michela di Savino / Stadtkino Filmverleih

To The Night von Peter Brunner. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Filmkritik – Born in Evin: Das „Licht der Welt“ am dunkelsten Ort

Schließlich sprechen die Frauen doch mit ihr. Sahar Delijani über ihre ermordete Mutter: „Wenn sie zum Verhör gerufen wurde, sagte sie trotzig: ,Die wollen mit mir reden, ich habe alle Zeit der Welt‘, und richtete sich in aller Ruhe ihre Augenbinde. Sie erzählte das, als ob sie sich für eine Party schick gemacht hätte“, sagt Delijani über diese stolze Frau, die auch durch Angst und Gewalt nicht gebrochen werden konnte. Vor dem Iran-Tribunal in Den Haag verliest Chowra Makaremi das, man kann’s nicht anders bezeichnen, Folter-Protokoll, das ihr Großvater über den zu Tode geschundenen Körper seiner Tochter geführt hat. Gebrochene Wirbelsäule, Verbrennungen von Elektrodrähten, ausgeschlagene Zähne, nach Jahren endlich gehenkt.

Sahar Delijani lebt in Kanada, sie ist die Autorin des Buches „Kinder des Jacarandabaums“ (www.youtube.com/watch?v=ffwVNvmQ_GI). Die französische Filmemacherin Chowra Makaremi veröffentlichte 2019 ihre Dokumentation „Hitch, une histoire iranienne“. In London spricht die Psychologin Nina Zandkarimi über die Albträume, die sie als Teenager verfolgten. Blut auf der Brust der Mutter, Schreie, Maschinengewehre, ein Kleinkind, das die Misshandlungen mitansehen muss. Solch nächtliche Heimsuchungen kennt auch Maryam Zaree. Lange hat sie nicht verstanden, woher diese Bilder kamen, dann hat sie begriffen, sie sind früheste Erinnerungen. Zaree ist, gleich ihren Gesprächspartnerinnen, in einem iranischen Foltergefängnis geboren, sie 1983 in Evin am nördlichen Stadtrand von Teheran, wo ihre Eltern als politische Gefangene inhaftiert waren.

Der Mutter gelang mit der zweijährigen Maryam die Flucht nach Deutschland, der Vater musste sieben Jahre in dieser Hölle aushalten. Obwohl täglich mit dem Vollzug der über ihn verhängten Todesstrafe bedroht, überlebte er sogar die Massenhinrichtungen im Jahr 1988. Geredet wurde in der Familie über Evin nie. Bis sich die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, bekannt aus dem mit zehn Auszeichnungen Lola-Großabräumer „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792) und als Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza im Berliner „Tatort“, entschloss, den jahrzehntelangen Schleier des Schweigens zu lüften.

„Born in Evin“ heißt ihr Debüt als Dokumentaristin. Wer könne von sich schon sagen, er hätte „das Licht der Welt“ an einem deren dunkelster Orte erblickt, ist ihr flapsiger Einstieg in die eigene Lebensgeschichte, in der sie mittels Fallschirmsprung landet. Später wird sie sich in einem sonnendurchfluteten Swimmingpool zurück in den Mutterleib imaginieren. Symbolische Schönbilder, die die erfahrene Realität durchkreuzen. Die Filmemacherin schont sich nicht, starrköpfig stellt sie ihre Fragen, zeigt Emotionen, die bisher ungeweinten Tränen ihres Kindheitstraumas. Zeigt sich entmutigt, erschüttert, von Kamerafrau Siri Klug nüchtern-schlicht festgehalten, auf Konferenzen von Exil-Iranern, Arm in Arm.

Mit Mutter Nargess. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Beim Iran-Tribunal in Den Haag. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Exil-Iranern in Florenz. Bild: © Real Fiction Filmverleih

Mit Vater Kasra Zareh. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit all den Facetten ihres Seins lässt Zaree ihren Film beginnen. Im Gang vor einer Studiogarderobe schimpft sie über das „beschissen recherchierte deutsche Fernsehen“, weil ihr für eine Rolle ein Hidschāb verpasst wurde, ein schwarzes Körperverhüllungsklischee: „So sieht keine Geflüchtete aus, wenn sie in Deutschland ankommt.“ Gleich darauf zeigen private Aufnahmen Maryam als neugierig plappernde Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen prahlt und dabei genüsslich Eis isst.

Als nächstes verstörende Buntstiftzeichnungen, zu viel Rot und Schwarz, dann Mutter Nargess Eskandari-Grünberg und wie die Grünpolitikerin für das Amt der Oberbürgermeisterin in Frankfurt kandidiert. Wer „Born in Evin“ sieht, lernt eine viel tiefergehende Bedeutung des Wortes Herkunft kennen, als die so gern populistisch etikettierte. Doch für Zaree gestaltet es sich schwierig, Menschen zu finden, die aussagen wollen. Sprechen ist Schmerz. Weder Mütter noch Väter noch die Häftlingsbabys wollen die alten Wunden aufreißen.

Eine der berührenden Sequenzen ist eine Videobotschaft, die Zarees Vater aus Evin schickte, aus dem „Hotel“, wie er der kleinen Maryam sagt, während er ihr Foto küsst. Heute, auf seinem Wohnzimmersofa, nennt Kasra Zareh die Dinge beim Namen – „Gefängnis“. Und weil die Tochter nicht lockerlässt, kramt er aus dem Bettkasten sein buchstäblich „letztes Hemd“ vor seiner erwarteten Hinrichtung hervor. Kasra Zareh flüchtet sich in Anekdoten, wenn er erzählt. Das kennt man vom eigenen Vater und dessen Schwejkiaden aus der russischen Kriegsgefangenschaft.

In Evin hat der unter Schah Reza Pahlavi begonnene und von Ajatollah Chomeini fortgesetzte Schrecken kein Ende. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen vor dem Gefängnis zu Tode gefoltert. Die Schriftstellerin Marina Nemat saß mehr als zwei Jahre in Evin, in Zelle 246 – wie Nargess Eskandari-Grünberg. Gegenwärtig befindet sich dort die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die am 6. März 2019 wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38221

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30. 4. 2020

Volkstheater: Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss

September 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein tieferer Sinn erschließt sich nicht

Die Bühne dient den Tänzern als – gähnend leerer – Ruheraum: Lukas Watzl, Isabella Knöll, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Sebastian Klein, Birgit Stöger, Claudia Sabitzer und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dem sitznachbarlich Wienerischen „Zerwos?“/wozu kann man sich zum Schluss nur anschließen. Regisseur Miloš Lolić hat am Volkstheater „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ inszeniert, dabei aber seiner selbst getroffenen Stoffauswahl offenbar miss-, heißt: weder der theatralen Kraft von Horace McCoys 1935er-Roman „They Shoot Horses, Don’t They?“ noch der kongenialen Verfilmung von Sydney Pollack aus dem Jahr 1969 vertraut.

Seltsam ist das, wäre doch die Vorlage, deren Story sich um einen der damals beliebt-berüchtigten Tanzmarathons in den USA der 1930er-Jahre dreht, Events, die McCoy aus persönlicher Erfahrung kannte, da er bei solchen als Rausschmeißer arbeitete, für zweifachen Konnex zur Gegenwart gut. Einem gesellschaftspolitischen Kapitalismus-auf-der-Kippe-Bezug mittels Rückblicks auf die Große Depression, die Verzweifelte wie Glücksritter mit der Aussicht auf 1000 Dollar Preisgeld und bis zu sieben Mahlzeiten täglich, die allerdings um den Esstisch tanzend eingenommen werden mussten, zu diesen Folter-Veranstaltungen lockten – und anhand deren archaischer Spielregeln sich mühelos Themen wie schwindender Sozialstaat, daher erstarkender Sozialdarwinismus, daher Existenzkampf für die von der Gemeinschaft Abgehängten bei gesteigertem Wettbewerb für die Systemgewinner, verhandeln hätten lassen.

Oder einem medienkritischen Seitenhieb, sind doch diese auf „real life“ gestylten Contests gleichsam als Vorläufer von Fernsehformaten wie dem „Dschungelcamp“ oder derzeit „Love Island“ zu betrachten, in denen die Kandidaten für den Sieg alles über sich ergehen lassen, und den Voyeurismus der Zuschauer mit – oft genug gefaktem – Herzschmerz, Streitereien und Skandälchen befriedigen. Schon in den 1930igern war es üblich, dass das Publikum die Tanzteilnehmer bis unter die Dusche verfolgte, deren halbkomatösen Minutenschlaf, ihr Kollabieren, ihr ob der körperlichen Verausgabung sogar Halluzinieren miterleben konnte, und müssen die Mitwirkenden heute unappetitliche Teile von Tieren essen, so gab es damals Sondermatches im Dauerlächeln, Boxrunden – und das gefürchtete „Derby“, ein Laufen bis zum Umfallen, das sprachlich nicht zufällig Menschen mit Rennpferden gleichsetzt.

Getanzt wird – live gefilmt – in der Roten Bar: Isabella Knöll unad Lukas Watzl als Alice LeBlanc und Joel Girard. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Filmstatistin Gloria Beatty und der gescheiterte Regisseur Robert Syverton hoffen, „entdeckt“ zu werden: Sebastian Klein und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Immer in Bewegung bleiben: Nils Hohenhövel und Katharina Klar als Jimmy Bates und dessen hochschwangere Frau Ruby. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Shirley Clayton, Lillian Bacon und Harry Klein spielen eine Szene aus „Mutter Courage“: Claudia Sabitzer, Steffi Krautz und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Daran knüpft Lolić in gewisser Weise an, indem er, so ziemlich alles an McCoy’scher Handlung beiseiteschiebend, mithilfe von Schauspielszenen aus Stücken, die fürs Volkstheater von aufführungsgeschichtlicher Bedeutung sind, nachbessert. Dies nicht, bevor sich die Showmaster Evi Kehrstephan und Jan Thümer in diversen Fummeln, er einmal als Conchita-Klon – und wie abgegriffen ist das denn?, ordentlich leidgetan haben. Von wegen schwieriges Haus, stürmische Zeiten, so schief in den 7. Bezirk hineingebaut, das es mit dem Feng Shui ja nicht klappen kann. Hernach liegt es an den Darstellern die von der Kritik skandalisierten Inszenierungen, womöglich deshalb in der Regel die großen Publikumserfolge, aus 130 Jahren Volkstheatergeschichte in kleinen Häppchen zu servieren.

Der tiefere Sinn dieses Tuns erschließt sich nicht, es sei denn er läge darin, dem Ensemble die Chance zu geben, die kommende Direktion vom eigenen Können zu überzeugen, oder eine Visitenkarte für künftige Engagements abzugeben. Jedenfalls erfährt man nicht mehr Neues, als bei einer durchschnittlichen Theaterführung, wobei jedes Robert Reinagl’sche „Vorhangverbot!“ mehr Verve hat, als Lolićs Regieeinfall.

Und so arbeiten sich Steffi Krautz und Günther Wiederschwinger wunderbar dialektordinär und samt Quickie hinterm Kleiderständer durch Schnitzlers „Reigen“-Dialog „Die Dirne und der Soldat“, der 1921 den antisemitischen Volkssturm entfesselte, schwören einander Birgit Stöger und Sebastian Klein als Marianne und Alfred anrührend an Horváths Donauufer die ewige Liebe (doch die Nachkriegs-Wiener wollten sich nicht als „Geschichten aus dem Wiener Wald“-Figuren vorgeführt wissen), erinnern Claudia Sabitzer als „Mutter Courage“ und Stefan Suske als Feldprediger an den von Weigel, Torberg und Haeussermann angestifteten Brecht-Boykott, eine antikommunistische Kampagne, den Gustav Manker am Volkstheater als erster brach.

„Change“ von Wolfgang Bauer beschert Lukas Watzl und Isabella Knöll einen hinreißend satirischen Auftritt als Maler Ferry Kaltenböck nebst Freundin Guggi, was allerdings zur Disqualifikation von Knölls Tanzmaus Alice LeBlanc führt, weil die sich nicht wie vorgesehen vom Haberer ohrfeigen lässt, sondern sich aus den Männertexten einen feministischen Monolog zusammengebastelt hat. Auf Qualtingers „Die Hinrichtung“ folgt mit Katharina Klar und Nils Hohenhövel, sie das Parkettpaar Jimmy Bates und seine hochschwangere Ehefrau Ruby, Elfriede Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“, und es werden nicht wenige Zuschauer im Abgang bemurmeln, dass die Ära Emmy Werner mit nur einer Produktion gewürdigt wurde.

Bei den „Derbys“ laufen die Darsteller kreuz und quer durch alle Etagen des Volkstheaters: Katharina Klar, Steffi, Krautz, Lukas Watzl, Sebastian Klein und Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schließlich noch Thomas Bernhard und „Vor dem Ruhestand“, dies ein Stück der ersten Schottenberg-Spielzeit, dessen – ohne mahnenden Politfingerzeig kann’s Lolić nicht – von Anna Badora abmontierter roter Stern symbolträchtig über die Bühne getragen wird, bevor die zunehmend enervierenden Showmaster Kehrstephan und Thümer genüsslich die „Hitlerzimmer“-Affäre breittreten. Jenen Raum, in dem der „Führer“ die Pause verbringen sollte, nur dass er das Volkstheater nie besuchte,

und deren – no na – braune Holztäfelung Michael Schottenberg im Jahr 2005 erst als Bühnenbild für „Vor dem Ruhestand“ abnehmen ließ, bevor er sie auf Geheiß des Bundesdenkmalamtes wieder montieren musste. Seit Badora nennt sich das immer noch braungebretterte Erbstück vornehmer Bibliothek … Alldieweil versuchen Birgit Stöger und Sebastian Klein als Filmstatistin Gloria Beatty und gescheiterter Regisseur Robert Syverton vergebens ihren Status als Hauptcharaktere zu behaupten, dabei wäre die zynische Komparsin doch eigentlich eine Paraderolle für die so gekonnt spröde spielende Stöger. Warum Kehrstephan und Thümer ihr Ende – der hoffnungslosen Gloria gibt Robert schließlich den Gnadenschuss – quer durch den Abend vorwegnehmen, man weiß es nicht.

Ebenso wenig, warum Lolić auf die Idee verfallen konnte, die Tanzszenen sich in der Roten Bar ereignen zu lassen, wohingegen die im Wortsinn gähnend leere Bühne als Ruheraum dient. Wozu das Programmheft eine Choreografin ausweist, bleibt nicht weniger unklar, wird doch kaum mehr als geschunkelt und dieses unscharf-grobkörnig auf eine Leinwand im Hintergrund übertragen, die noch dazu von einem die Sicht nehmenden Lichtobjekt verhängt ist. Der gebürtige Grazer Lukas Watzl macht noch schnell vor, wie’s das Publikum verärgern würde, spielte „ein Piefke“ Turrinis „Rozznjogd“, und lässt dieses Gegeneinander-Ausspielen von Österreichisch vs. Deutsch in der Moralpredigt gipfeln, mit dem Dialekt würden einschlägige Politiker dem Wahlvolk suggerieren „Ich bin einer von euch“.

Dazwischen finden die „Derbys“ statt, bei denen die Schauspieler, gefolgt von den Livekameras, durch alle Ebenen des Hauses hetzen. Dass diese Überfrachtung mit Volkstheaterfakten, Tanzparkettchaos und Politstatement, keinen Platz für Personenzeichnung oder Rollengestaltung lässt, ist klar. Immerhin einsichtig, dass man, noch dazu nach dieser Aufführung, das derzeitige Volkstheater als „Baustelle ins Ungewisse“ deklariert. Saniert müssen nämlich nicht nur die Wände werden, sondern auch das, was sich in ihnen abspielt.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2019

Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit

Juli 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vier Jahre Haft und Folter für ein Gedicht

„Am Vormittag des 5. Juni 1989, Ströme von Blut waren geflossen und die Luft knisterte, stellte er sich allein den Panzern entgegen – ein Niemand, ein Mann wie du und ich, stand in der Mitte des breiten Chang’an-Boulevards, vor sich mehr als 18 Panzer vom Typ 59. Der vorderste Panzer versuchte, an ihm vorbeizukommen, aber er wusste das zu verhindern, indem er hin und her sprang – und als die Panzer erneut vorrückten, stellte er sich ihnen erneut in den Weg …“

Mit der Erinnerung an dieses Foto, das um die Welt ging, westliche Journalisten, die aufgrund des verhängten Kriegsrechts im Beijing-Hotel festgehalten wurden, hatten den „Tank Man“ mit Teleobjektiven heimlich aufgenommen, beginnt Liao Yiwu sein jüngstes Buch „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“, dem er den Untertitel „Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“ gegeben hat und mit dem sich der Dichter, Dissident und Friedensaktivist einmal mehr gegen das in China staatlich verordnete Vergessen der Geschehnisse rund um das von der Volksbefreiungsarmee angerichtete Blutbad auf dem Tian’anmen-Platz stemmt.

Auch für Liao Yiwu bedeutete dieser 4. Juni vor dreißig Jahren eine grauenhafte Zäsur. Für „Massaker“, sein Protestgedicht im Gedenken an die Opfer (hier nachzulesen: www.amnesty.de/journal/2012/oktober/massaker), wurde er der „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ angeklagt; es folgten vier Jahre Haft und Folter. Erst 2011 gelang es Liao Yiwu aus China zu fliehen, seither lebt er in Berlin. „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“ ist vielleicht Liao Yiwus verstörendstens Projekt wider jene Amnesie, die westliche Politik und Wirtschaft befällt, sobald Menschenrechte den Marktinteressen im Wege stehen.

So hat er etwa für das Kapitel „Aus dem Leben meiner Gefängnisbrüder“ Porträts seiner ehemaligen Mithäftlinge verfasst, Zeilen von einer Intensität und Heftigkeit, die schwer auszuhalten sind, wenn er von Denunziation, öffentlich abzuhaltender Selbst- und Kampfkritik und dem „kleinen, hundehüttenähnlichen Raum“ berichtet, in den „die Politischen“ oft für Monate gesperrt wurden. Er beschreibt deren Angst vor den Gewaltverbrechern, und wie die beiden Gruppen von den Wärtern gegeneinander ausgespielt wurden, „als die politischen Gefangenen einen Hungerstreik durchführten, wurden sie von einer zehnfachen Übermacht von Kriminellen umzingelt …“.

Er erzählt vom „Tierbändiger“ genannten Chen Yunfei, der sich lieber prügeln ließ, „bis seine Schnauze  geschwollen war wie ein Schweinerüssel“, als klein beizugeben, von Hou Duoshu, der eine 80 Kilo schwere Fußfessel tragen musste, weil er in der Bibel las, schildert unfassbare Methoden, einen Menschen zu brechen, Hocken unter einem Stacheldrahtnetz, Tod durch Arbeit, sieht Männer bei lebendigem Leib verfaulen – und die häufigste Sterbeursache hinter Gittern: Krebs.

Bild: pixabay.com

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Dass der Westen vieles wusste, aber wenig tat, erschließt sich auf bestürzende Weise im Kapitel „Die letzten Augenblicke im Leben Liu Xiaobos“, der todkranke Literaturnobelpreisträger (Leberkrebs), für dessen Enthaftung und Ausreise nach Deutschland Liao Yiwu alle Hebel in Bewegung setzte, heißt: seine Schriftstellerkollegen Herta Müller und Wolf Biermann, Harry Goldstein, Peter Sillem, selbst Joachim Gauck und Angela Merkel. Ein brisanter Briefwechsel, der Liu Xiaobo zwar nicht mehr retten konnte, er starb am 13. Juli 2017, immerhin aber seiner gesundheitlich ebenfalls schwer angeschlagenen Witwe Liu Xia den Weg in die Freiheit ebnete.

Das Buch schließt mit Briefen und Gedichten, die Liao Yiwu im Untersuchungsgefängnis von Chongqing-Stadt gekritzelt hat – mit Bambussplittern und einer violetten medizinischen Tinktur. Die Wolken, ach, brennende Bananenblätter, / die sich schrecklich rollen! / Die Felsen eine Herde hungriger Löwen, Sterne, / die Steinen von der Zungenspitze schnellen / Der Mond, ach, der kreischende Affe, / der über den Horizont springt / und haarige Strahlen schickt / Starr umklammere ich die Finger des Abends …“, liest sich eines mit dem Titel „Die Sonne, dieser Löwe einer elektrischen Entladung, sticht in die geheimen Akupunkturpunkte der Erde“. – „Ich habe wegen meines Geschmiers schon jede Menge Unannehmlichkeiten gehabt“, schreibt er am 30. 7. 1991 an seine „liebe Niaoyu“. „Ich trage das Brandzeichen eines Elektroknüppels auf der Zunge, mir wurden die Hände auf den Rücken gebunden, ich wurde zur Strafe der Sonne ausgesetzt, musste zur Strafe singen, musste zur Strafe auf nassem Boden schlafen, ganz zu schweigen von den Tritten und Faustschlägen, die ich abbekam.“

„Ich war in diesem Sarg über zwei Jahre lebendig begraben und habe es überstanden“, so Liao Yiwu. „Herr Wang“, im britischen Sunday Express erschien eines Tages der Name des 19-jährigen Studenten Wang Weilin für den „Tank Man“, wurde von drei Geheimdienstagenten vom Chang’an-Boulevard samt seinen beiden Einkaufstaschen entfernt. Es wird angenommen, dass er in aller Stille exekutiert wurde, obwohl die chinesische Staatsspitze dies entschieden dementiert. In einer schöneren Fassung der Geschichte soll Wang Weilin nach einer mysteriösen Überfahrt in Taiwan gesehen worden sein, wo er angeblich als Archäologe arbeitet. Wer weiß? Vielleicht schreibt Liao Yiwu nach all seinen Zeitzeugenberichten darüber einmal einen romantischen Roman.

Über den Autor: Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs als Kind in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht „Massaker“, wofür er für vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis „Freiheit zum Schreiben“ ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. 2009 erschien sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. 2011, als „Für ein Lied und hundert Lieder“ in Deutschland erschien, gelang es Liao Yiwu, China zu verlassen. Seitdem lebt er in Berlin. 2012 erschien „Die Kugel und das Opium“, 2013 „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“ sowie 2014 „Gott ist rot“. Liao Yiwu wurde unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

S. Fischer, Liao Yiwu: „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“, 144 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann.

www.fischerverlage.de

7. 7. 2019

Volkstheater/Bezirke: Der Raub der Sabinerinnen

Februar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Hymnus auf die Schmiere

Eleonora Striese lässt sich beim Regieführen verführen: Doris Weiner mit Katrin Grumeth und Günther Wiederschwinger. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Was Katharina Thalbach vor ein paar Jahren in Deutschland mit Verve gelang, nämlich Theaterdirektor Striese nebst Gattin darzustellen, mit dieser Kunst beeindruckt nun auch Doris Weiner bei der Bezirke-Tournee des Volkstheaters. Dass die Leiterin ebendieser in Lukas Holzhausens Inszenierung von „Der Raub der Sabinerinnen“ ein Stück weit auch sich selbst spielt, vergrößert den Spaß an der Persiflage nur noch – ein geplagter Prinzipal in Geldnöten.

Der um schauspielerische Bravourleistungen und mit schwindendem Publikum ringt, auf der Suche nach jenem Stoff, der endlich das Zeug zum Kassenschlager hat. Im 1885er-Schwank der österreichischen Dramatikerbrüder Franz und Paul von Schönthan glaubt der Wandertruppen-Intendant Emanuel Striese diesen im Werk des Kleinstadt-Professors Gollwitz gefunden zu haben, der seinerseits seine schriftstellerischen Ambitionen vor Frau und Familie zu verheimlichen sucht. Allein, die bildungsbürgerlichen Ansprüche der Schulmeistertragödie lassen sich mit der effekthascherischen Aufführungspraxis des Striese-Ensembles nicht vereinbaren. Doch während alles auf ein Desaster zuläuft, der Gollwitz-Clan aufs Heftigste zerstritten ist, hat Frau Striese die rettende Idee. Die, in der von Anja Herden überschriebenen Textfassung, Doris Weiner einen weiteren großartigen Auftritt sichert.

Nicht nur ist ihr als Emanuel der große Striese-Monolog im zweiten Akt gegönnt, dieser Hymnus auf die Schmiere – „Mein Herr, wissen Sie überhaupt, was eine Schmiere ist? Das ist ein Plätzchen, wo auf wenigen Quadratmetern mehr Hingebung verlangt und gegeben wird, als Sie es sich in ihrem bürgerlichen Hochmut vorstellen können!“ -, sondern als Eleonora in einer Art Zwischenspiel auch eine Probenszene, in der die Direktorengattin die Kollegen vergnüglich fest an die Kandare nimmt. Die zierliche Weiner mal mit geklebtem Bärtchen als künstlerisches Leichtgewicht, mal mit langem Haar als durchsetzungsfreudige, sexy Frau zu erleben, das hat schon was.

David Oberkogler als kulturaffine Haushälterin Rosa. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Doris Weiner als Theaterdirektor Emanuel Striese. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die Idee der Doppelbesetzung jedenfalls scheint es Regisseur Holzhausen derart angetan zu haben, dass er sie gleich auf den Großteil seiner Schauspieler ausdehnte. Am besten weiß diese Gelegenheiten David Oberkogler zu nutzen, der als Gollwitz-Schwiegersohn Leopold ebenfalls seine Geheimnisse hat, vor allem aber mit seinem komödiantischen Kabinettstück als Haushälterin Rosa überzeugt – Gollwitz‘ theaterbesessene Co-Autorin, jedenfalls sieht sie sich selber so, die im Moment, als der Reinfall droht, zum österreichisch-opportunistischen Kulturwendehals wird. Witzig, wenn Oberkogler seine Verwandlung durch ein nicht runtergerolltes Hosenbein oder eine zu spät aufgesetzte Perücke durchblitzen lässt.

Karin Grumeth spielt Leopolds enervierende Frau Marianne sowie deren jüngere und mit dem Vater verbündete Schwester Paula, Günther Wiederschwinger Vater und Sohn Groß, erster ein ernsthafter Spediteur, zweiter verbotenerweise zum fahrenden Volk übergelaufen – und nun schwerst in Paula verliebt. Michael Abendroth brilliert als verpeilter Professor Gollwitz, dessen verknöpfte Weste schon vieles über den Charakter sagt, der als Idealist gegen Theaterpraktiker ankämpfen muss, und der aus Nervosität über seinen wahrscheinlichen Misserfolg mehr und mehr aus der Fasson gerät. Bettina Ernst wechselt als Ehefrau Friederike von der Kleingeistigen zur – in virtuos gespieltem angetrunkenem Zustand – alles Verzeihenden. Dass das Travestiespiel in hohem Tempo ablaufen kann, ermöglichen die Kostüme von Valentina Mercedes Obergantschnig und das fürs Klipp-Klapp bestens geeignete Holzschachtel-Bühnenbild von Sofia Korcinskaja.

Kampf der Geschlechter im Hause Gollwitz: David Oberkogler, Michael Abendroth, Katrin Grumeth und Bettina Ernst. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Und so gewährt Doris Weiner als sächselnder Striese einen höchst unterhaltsamen, satirischen Schlüssellockblick auf die Bretter, die ihr mit Sicherheit die Welt bedeuten, ja, man erlebt mit ihr, wie Bühnenzauber aus dem Fast-Nichts entsteht. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist eine gelungene Produktion für das Volkstheater in den Bezirken, wo die wunderbare Weiner seit nun schon 14 Jahren Unterhaltung mit Haltung zeigt.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2019