Volkstheater: Die Merowinger oder Die totale Familie

September 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hirngespinste des Herrn D.

Peter Fasching als Childerich III. und Bernhard Dechant als sein hündisch ergebener Diener Wänzrödl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Den 1962 erschienenen, höchst eigenwilligen Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ von Heimito von Doderer auf die Bühne zu bringen, ist wahrhaft ein Wagnis. Am Volkstheater ist Anna Badora zum Start ihrer letzten Saison am Haus dieses eingegangen, hat den für Doderer vergleichsweise schmalen Band von etwas mehr als 360 Seiten selbst inszeniert, nachdem sie ihn Franzobel zur Bearbeitung überantwortet hatte.

Eine stimmige Entscheidung, diese beiden Schriftsteller und Brüder im Geiste zusammenzuspannen, hat doch auch Franzobel, wie er zuletzt mit dem Krimi „Rechtswalzer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32483) bewies, ein Gespür für beißende Satire, sarkastischen Wortwitz und wie Ohrfeigen schallenden Spaß – also, laut Doderers literarischem Motto „Die Wut des Zeitalters ist tief“, fürs insgesamt furchtbar Scheußliche.

Und so sind denn auch die stärksten Momente dieser Uraufführung, wenn Franzobels Sinn für die Farce hinterfotzig durch, wie er’s nennt, Doderers „gepuderte Sprache“ blitzt, mit Spitzzüngigkeiten über den Akutzustand Österreichs.

Oder mittels Mit-mach-Aufforderung von Julia Kreusch und Michael Abendroth als Undercover-Agenten der mysteriösen Londoner Firma Hulesch & Quenzel, mal Leonid Radins im Moskauer Taganka-Gefängnis gedichtetes Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ anzustimmen, mal den Marschtakt zu klatschen. „Im Gleichschritt, Marsch!“ ist gleichsam das Tempo dieses Abends, an dem sich Bewusstseins- und Spielebenen mehr und mehr ineinander schieben, bis es heißt: Wahn überall und Wirklichkeit nirgendwo, Intrigen schneller gesponnen werden als Stroh und politische Wendehälse vom eigenen Hin und Her an Kurz-Atmigkeit leiden.

Franzobel versteht es sozusagen in Fußnoten den Bogen von Doderers NSDAP-Verstrickung zum Ungeist, der schon wieder die Welt regiert, zu bauen, wenn er die Figuren über die „korrupte Selbstgefälligkeit aufgeblasener Aufsteiger“ oder über „Unfähige, denen die noch Unfähigeren vertrauen“ schwadronieren lässt. „Man muss etwas nur oft genug sagen, damit es alle glauben und es wahr wird“, sagt der Schriftsteller Döblinger, Doderers Alter Ego, ein provokant auf dem Grat größtmöglicher Garstigkeit tänzelnder Zyniker, den Sebastian Pass mit süffisantem Humor spielt, und dessen Heischen um den Literaturnobelpreis, Doderer hat ihn nie erhalten, zum Running Gag wird.

Dass sich Franzobel im Gewirr der Charaktere und im Labyrinth der Doderer’schen Handlungsstränge fraglos auch immer wieder verirrt hat, lässt sich nicht leugnen; die von ihm getextete Szenenabfolge könnte stringenter sein, getreu eines Liebenden verliert er sich in zu vielen Details, und schon hört man die in der Pause Abgegangenen sich übers „Kennt sich ja keiner aus …“ beklagen, als ob Vorbereitung auf einen Theaterabend verboten wäre. Schwerer als die babylonische Story-Verwirrung wiegt allerdings, dass man sich von einer „Merowinger“-Bühnenfassung am Volkstheater mehr Aberwitz, Absurdität, Abstrusität erwartet hat. In Doderers grobianischer Monstrositätenschau, in seinem Arsenal an Apperzeptionsverweigerern, wäre mehr Platz für burleske Fantasie, als Badoras Arbeit in Anspruch nimmt.

Sebastian Pass als Schriftsteller Döblinger mit seinen Wehrsportninjas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank bedient sich als Psychiater Doktor Horn der Blaskapellen-Therapie. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Von der Bravheit abgesehen, gelingt es Badora freilich bravourös die drei Surrealitätsebenen des Stoffs zu sortieren. Vom Beginn weg ist klar, was am Schluss bestätigt wird: Das ganze Gaudium ist ein Hirngespinst Döblingers, von diesem in Echtzeit zu Papier gebracht, weshalb er auch mit einem finalen Machtwort die Protagonisten zu Marionetten degradieren kann, bevor er deren Entscheidungsschlacht Merowinger vs. Karolinger als Popcorn-kauender Beobachter beiwohnt, jedoch das Frankenschwert dem Sieger von seinen Gnaden überreicht.

Seinen Döblinger lässt der bekennende Choleriker Doderer eine Schlägertruppe gründen. In den von Duttenkragen/Heerpauke bis Plastikschottenröcken changierenden Kostümen von Beatrice von Bomhard sind sie Wehrsportninjas, die „physiognomisch Minderwertige“ prügeln (© Doderer) und sich zu einer „Verabschiedungskultur“ von Toleranz und Mitmenschlichkeit (© Franzobel) bekennen. Ihrem solcherart als Wutbürger decouvrierten Rädels-Führer stellt Doderer den Psychiater Doktor Horn als Nachbar zu Seite, der in seiner Anti-Wut-Ordination mit merkwürdigen Methoden wie der Nasenzange oder dem Wutmarsch Heil!-sam wirken will.

Thomas Frank gestaltet den Mediziner als Psychotherapie-Parodie, ein Berserker unter den Seelenstirlern, zwecks Volksdümmelei unterstützt von einer sehr schön die falschen Töne treffenden Blaskapelle – und wehe dem oder der, der oder die sich nicht zum Landler drehen. Da bis auf Peter Fasching als Childerich III. alle Darsteller in mehrere Rollen schlüpfen, ist Frank auch famos als dessen Sohn Schnippedilderich, dank Plateauschuhen gefühlt doppelt so hoch – und breit sowieso – wie Fasching, ein scheint’s einfältiger Haudrauf, der sich jedoch im entscheidenden Moment auf die rechte Seite schlägt. Dominiert werden „Die Merowinger“ beinah drei Stunden lang von Peter Fasching, der für den missgestalteten, kleinwüchsigen, teiggesichtigen König in Wahrheit viel zu attraktiv ist, wenn er das schulterlange Herrscherhaar mit Stolz und die Brust nackt trägt. Childerich herausragendes Merkmal ist seine in jeder Hinsicht Omni-Potenz.

Er, der von der Verwandtschaft nur Demütigung und Bösartigkeit erfuhr, macht sich durch eine bizarre Heiratspolitik zum eigenen Großvater, Vater, Onkel, Schwiegersohn und Schwiegervater, später durch Adoption noch zum Neffen und Schwager, eine Totalisierung des Systems (Familie), die eine großartig gespenstische Parade der zu Tode „gerittenen“ Bräute, Julia Kreusch, Lisa-Maria Sommerfeld, Renata Prokopiuk und Katrin Grumeth als letzte Gefährtin Ulrike von Bartenstein, mit einem „Der ist wie zufleiß!“ kommentieren. Um diesen „Allein-Verein“ entsprechend selbstverliebt und egomanisch einherspazieren zu lassen, haben die Bühnenbildner Paul Lerchbaumer und Michael Mayerhofer eine von einer Spiegelwand gesäumte Königstreppe aufgestellt, dahinter, wo sich Horn und Döblinger tummeln, mutet’s an, wie auf der Hinterbühne.

Thomas Frank als Berserker-Sohn Schnippedilderich und Peter Fasching als Childerich III. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Childerich III. mit Katrin Grumeth als Ulrike von Bartenbruch. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Childerich III. ist ein Wüterich und als solcher Patient von Doktor Horn, der an ihm eine aus Watschen bestehende Gewaltkur ausprobiert. Derart schließen sich die Kreise. Bernhard Dechant gibt als Childerichs hündisch ergebener Diener Wänzrödl auch punkto Kniescheibenbelastung alles, schließlich der wie stets intensiv-präzise Günter Franzmeier als Hausmeier Pippin von Landes-Landen, optisch ein blonder Geck mit roten Hosenbändern, doch hinter der Täuschung ein gefährlicher Intrigant. Der – siehe skurriles Ineinanderschieben von Spielebenen – sogar ein Bündnis mit Hulesch & Quenzel schließt.

Diese eine „Kirche der Gemeinheit“, eine metaphysische Instanz, die bei Menschen mit beispielweise Behördengängen Wutanfälle evozieren will, bei Franzobel ein meinungsmacherische Blendgranaten produzierender Weltkonzern, eine Fake News Agentur, verantwortlich für unvorhersehbare Wahlausgänge, Korruption und Staatsstreiche, deren erfolgreiche Auftragserfüllung lautet: „Mach‘ den Klimawandel zum Gerücht!“ In einer netten Idee matchen sich Faschings Childerich und Franzmeiers Pippin in einem Battle-Rap aus Doderers dramatischen Versen.

Sagt aber ersterer „Ich bin das Überschreiten aller Grenzen“, so lässt sich das für die Inszenierung nicht anmerken. Dass die Wut schnell faschistoide Züge annehmen kann, sei’s von Seiten der Politik, sei’s aus den Reihen des Volkes, hat Franzobel konsequent ums Heute erweitert. Doderers unverschämte, unheimliche Groteske haben Badora und er der Bühnenfassung aber durch Gedankenschwere und selbst auferlegten Moral-von-der-Geschicht‘-Anspruch weitgehend ausgetrieben. Wäre Döblingers Enttarnung als Drahtzieher ein pfiffiges Ende gewesen, drehen Franzobel und Badora weiter an der Schraube ihrer Populismus-Parabel. So lang, bis die letzte Luft aus „Grimm und Groll und Grant“, um noch einmal Doderer zu zitieren, draußen ist. Schade, eine nicht schlechte Aufführung hätte eine bessere sein können. Das Publikum applaudierte maßvoll freundlich.

Dennis Scheck über Doderers „Merowinger“: www.swr.de/eisenbahn-romantik/archiv/doderer-heimito-von-die-merowinger-oder-die-totale-familie/-/id=2250046/did=23398918/nid=2250046/1871cjx/index.html

www.volkstheater.at

  1. 9. 2019

Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Juni 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Solidarität mit der Schildkröte

Der Mensch braucht mehr als nur das Notwendigste: Die „High Heels Phantasma“-Szene. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Eine der schönsten Szenen nennt sich „High Heels Phantasma“. Da bittet eine deutlich Bessersituierte zur Manolo-Blahniks-Verteilung, weil der Mensch, vor allem die Frau, braucht mehr als nur das Notwendigste. Und während die linksgedrehten NGO-Damen mit den Hilfscontainer-T-Shirts protestieren: „Der Stöckelschuh ist die Burka des Westens!“, greifen die Flüchtlinge zu und tanzen in ihren Neueroberungen.

Und die Bessersituierte erzählt, im KZ hätte sie sich jeden Tag die Lippen rot gemalt. Mit Ziegelsteinen oder ihrem Blut. Als ein Zeichen, dass sie nicht das Tier ist, zu dem man sie machen wollte. Der Mensch braucht Kultur – und da gehört Schminke dazu. Dies Phantasma ist nicht so fantastisch. Etwas Ähnliches hat es sich im Sommer 2015 tatsächlich zugetragen. Recht erinnert, hat sogar das Fernsehen darüber berichtet. Nun ist die Bühnenfassung davon zu sehen: „Traiskirchen. Das Musical“. Im Volkstheater Wien. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant, bekannt als „Die Schweigende Mehrheit“ und für ihre von Identitären gestürmte Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im AudiMax, haben aus den Ereignissen von vor zwei Jahren eine abgedrehte Musikrevue gemacht, haben es tatsächlich geschafft, das Surreale dieser Tage ins Skurrile zu überhöhen – und aus einem tonnenschweren Thema einen (über weite Strecken) leichtfüßigen Abend zu gestalten.

Dazu bedienen sie sich aller Mittel der leichten Muse. Gesang, Tanz, Klamauk; Traumsequenzen sind Slapstick in Zeitlupe, die Dialoge sind irr/witzig, denn immer wieder bricht die Handlung, um doch festzuhalten, dass vieles, was da passiert ist, lächerlich, aber nicht zum Lachen ist. Die Musik stammt unter anderem von Texta, Eva „Gustav“ Jantschitsch, Bauchklang, Imre Lichtenberger Bozoki, dem musikalischen Leiter der Aufführung, Jelena Popržan, Sakina Teyna, Mona Matbou Riahi oder Leonardo Croatto. Der „Hauptdarsteller“, der rote Faden, ist das Lager Traiskirchen. Wie in den guten, alten 1980er-Jahre-Musicals, in denen ein Protagonist nach dem anderen vortritt, um seine Geschichte zu erzählen, so ungefähr funktioniert es auch hier.

Der Bösewicht ist Journalist: Dariush Onghaie spielt und singt den Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Das Krähengericht (hi.) muss über einen Fall von Folter entscheiden: Shureen Shab-Par spielt die Kurdin, die glaubt ihren Peiniger erkannt zu haben. Bild: Verena Schäffer

Dazwischen gibt es verbindend Komisches, Running Gags wie etwa Moussa Thiaw als Moses, der statt seinen ORS-Pflichten nachzukommen, lieber mit seinem Schatzi telefoniert, drei Love Storys über alle Grenzen hinweg, und hinreißende, mitreißende Ensembleszenen. Dreiviertel der Darsteller sind diesmal Profis, 30 Menschen aus 19 Herkunftsländern, ausgebildete Sänger, Tänzer, Schauspieler … Sie alle kennen Traiskirchen von innen, manche waren schon vor Jahren als Kinder dort, andere erst kürzlich. Geschont wird in dieser Inszenierung niemand. Weder die Traditionalisten noch die Willkommensrassisten, weder die Islamisten noch die selbstverliebten Weltverbesserer.

„Traiskirchen. Das Musical“ zeigt einmal mehr, dass sich am meisten hasst, was sich am ähnlichsten ist. Im „Parolenbattle“ versucht jede Partei die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die hasten hin und her – und finden sich am Ende bei Geiz ist geil. Beim Integrationsshopping sozusagen. Die zum Spendenselbstopfer hochstilisierte Zivilgesellschaft muss sich genauso persiflieren lassen wie die überforderte Politik, ein Dschihadist (gespielt von Jihad Al-Khatib), der Medikamente, die er braucht, auf religiöse Reinheit prüft, wird ebenso durch den Kakao gezogen, wie der letzte Christ (Amin Khawary stellt ihn dar), der versucht mit Hardrock auf seine Kirche aufmerksam zu machen.

Der Schlepper vom Dienst (verkörpert von Khalid Mobaid) spricht nicht nur wie Jesus beim Letzten Abendmahl, er lässt sich anschließend auch kreuzigen. Gern ist er der alleinig Schuldige, solange seine Kasse stimmt. Uwe Dreysel rennt als ORS-Josef von hie nach da, um zu helfen, aber ach, seine Bemühungen wollen und wollen nicht fruchten. Am Höhepunkt des Trubels wieder Bruch, wieder (Alb)traumsequenz: Das Krähengericht tritt zusammen, weil eine Kurdin (gespielt von Shureen Shab-Par) glaubt, in einem anderen Lagerbewohner ihren einstigen Folterer erkannt zu haben. Doch der hat einen philippinischen Pass – ORS-Moses ist rat- und hilflos …

Stefan Bergmann singt und spielt einen Traiskirchner, der Welcome-Blumen pflanzt, aber alsbald auf Rache sinnt. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Die ORS-Männer sind überfordert: Moussa Thiaw als Chef Moses (am Apparat natürlich Schatzi) und Farzad Ibrahimi als David, die Pfeife. Bild: Verena Schäffer

Während der Peiniger nicht identifiziert werden kann, ist es mit anderen Dramatis personæ ganz leicht. Hanna Binder ist großartig als Betreuungsstellendirektor Stabhüttel, dessen einzige Sorge und Solidarität der aus ihrem Lebensraum Teich verschwundenen Schildkröte (dargestellt von Kung-Fu-Meister Haidar Ali Mohammadi) gilt – „Die haben sicher die Ausländer gefressen!“ – nein, es wird sich herausstellen, sie ist nach Schweden weiter emigriert. Auf alle Sorgen weiß er nur einen Satz: „Des is mei Lager.“ Für Khalid Mobaid haben Lichtenberger Bozoki und Richard Schuberth den „Mikl-Leitner-Blues“ geschrieben, eine sehr sexy vorgestrippte Nummer, in der die Bühneninnenministerin beklagt, wie es ist, „to be the eternal booman, the most misunderstood woman – since Richard Nixon and President Truman.“ Eine Weltklassenummer, in der natürlich der Weltklassesatz fallen muss: „So viele Menschen – so wenig Klopapier.“

Dariush Onghaie darf der Bösewicht des Stücks sein, ein Journalist, genannt der Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Seine Message ist klar: Egal, was er schreibt, „ihr glaubt mir eh alles“. Zwei gute/schlechte Typen sind auch Stefan Bergmann als Traiskirchner, der Welcome-Blumen für die Refugees pflanzt, aber sofort nach Rache ruft, als versehentlich eines der Pflänzchen zertreten wird. Bernhard Dechant gibt den am Bühnenrand herumlungernden und auf seine Chance wartenden Quotensandler, auf den sich die Österreicher immer dann besinnen, wenn ihnen der einheimische Obdachlose lieber ist, als der ausländische – in solch schwachen Momenten, und nur in solchen Momenten wird er dann gehegt und gepflegt.

Drum hasst sich am meisten, was sich am ähnlichsten ist: Die rechten Weltanschauungen des „Orient“ und des „Okzident“ prallen aufeinander. Bild: Verena Schäffer

Futurelove Sibanda schließlich ist Tanzfans ohnedies längst kein Unbekannter mehr. Der vielseitige Solo-Performer ist seit 2009 in zahlreichen Produktionen als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu sehen gewesen – in „Traiskirchen. Das Musical“ spielt er einen Amnesty-International-Mitarbeiter, der aufgrund seiner Hautfarbe von der Hilfsarmada freilich für einen Flüchtling gehalten wird.

Die geballte Professionalität der Produktion zeigt einmal mehr, welch Potenzial da ist, wenn man über Grenzen hinausgeht. Sie ist ein Feel-Good-Feel-Free-Abend, und die Spielfreude der Akteurinnen und Akteure mehr als ansteckend. Dass Leisch/Dechant manchmal Richtung Erklärstück entgleiten, ist den beiden inne, und wahrscheinlich tatsächlich kann man’s manchen nicht oft genug sagen. Die Standing (hier eigentlich: Moving) Ovations am Ende aber galten den allesamt sehenswerten Performances. Und waren endlich eine Gelegenheit gemeinsam zu tanzen und zu feiern.

INFO: ORF2 bringt am 11. Juni um 13.30 Uhr in „Heimat, fremde Heimat“ einen Bericht von der Premiere. Nach den Wiener Festwochen gibt es Spieltermine in Niederösterreich.

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=24999

www.schweigendemehrheit.at

www.festwochen.at

Wien, 10. 6. 2017

Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Mai 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch

Traiskirchen. Das Musical. Bild: www.christianstangl.at

Am 9. Juni hat im Rahmen der Wiener Festwochen die Produktion „Traiskirchen. Das Musical“ im Volkstheater Premiere. Das Künstlerkollektiv „Die Schweigende Mehrheit“, 2015 mit dem Nestroy-Sonderpreis ausgezeichnet, präsentiert diese Arbeit. Inhalt: Im Sommer 2015 treffen sich im Lager Traiskirchen dem Krieg Entronnene, vom Frieden Verwöhnte und politisch Kurzsichtige.

Hetzer und Gehetzte. Die Welt rückt sich näher. Menschen und Ideen geraten aneinander. Es kracht. Auf dem Jahrmarkt der Barmherzigkeit vor dem Lagertor werden Kinderkleidung und Stöckelschuhe, Verschwörungstheorien und Heilsversprechen getauscht. Obdach- und Papierlose suchen nun um die Wette nach dem Witz, dem Song, dem  Tanz, der die Kriegstreiber zu Fall bringen könnte. „Traiskirchen. Das Musical“ treibt erbarmungswürdige Dummheiten, herzzerbrechende Skrupellosigkeit und dreisteste Wünsche auf die Spitze des Lagerzaunpfahls. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant versprechen Abendunterhaltung weit jenseits des Obergrenzen. Ein Gespräch mit den beiden:

MM: „Traiskirchen. Das Musical“ sind eigentlich zwei Begriffe, die sich ausschließen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Was darf man sich erwarten?

Bernhard Dechant: Die Idee entstand im Sommer 2015, als wir wochenlang in Traiskirchen waren, und die Situation dort gesehen haben. Es war sehr bunt, sehr laut, sehr emotional – in allerlei Hinsicht, positiv wie negativ. Irgendwie hat uns Traiskirchen an eine Musicalkulisse erinnert. Zum einen Dramen, Verzweiflung, Unglück der Menschen, die alles zurücklassen mussten und die man nun am Asphalt schlafen lies, zum andren diese fröhliche Szene des  Jahrmarkts der Hilfsbereitschaft, Menschen, die Bananen, Kleidung, Hygieneartikel bringen, mit den Flüchtlingen reden, sie einladen. Wir wollen mit unserer Aufführung Menschen  erreichen, die  vielleicht vor einem „Flüchtlingsstück“ zurückschrecken würden. Daher der Entschluss einen unterhaltsamen, fröhlichen, verwegenen Musicalabend zu erarbeiten, der beweist, dass das Nachdenken über komplizierte Probleme ein großes Vergnügen sein kann.

Tina Leisch: Wir versuchen herauszufinden, wie wir mit der Kunst Wahrnehmungsraster durchbrechen können.  Es gibt mittlerweile sehr eingefleischte Erzählformen zu den Themen Flüchtlinge, interkulturelle Konflikte, Fluchtursachen … Das sind oft Abende, die diese Menschen so darstellen, als wären sie „hauptberuflich“ Flüchtlinge. Uns interessiert, wie man anders an die Sache herangehen kann. Und die Konflikte, die entstehen, haben ja nicht nur dramatisches, sondern auch viel komisches Potential.

MM: Konkret heißt das, Sie haben Geschichten gesammelt und zu einer großen Story verwoben?

Leisch: Wir hatten von Anfang an die Idee, dass es nicht eine große Heldenfigur gibt, sondern dass viele kleine Episoden aus Traiskirchen zu einem Plot verwoben werden. Dinge, die auch wir dort erlebt haben, Erlebnisse von anderen Künstlerinnen und Künstlern der „Schweigenden Mehrheit“. Wir haben dann ein Casting gemacht, weil wir diesmal nicht mit Laien, sondern mit internationalen Künstlern arbeiten wollen. Die meisten haben eine professionelle Ausbildung als Schauspieler, Sänger und Tänzer. Manche sind 2015 als Flüchtlinge gekommen, manche sind zum Studieren nach Wien gekommen, manche waren als Kinder in Traiskirchen, weil ihre Eltern damals vor dem Ajatollah-Regime im Iran geflüchtet sind. Wir haben dann Workshops zu verschiedenen Themen gemacht, – über den Krieg in Syrien, über Religionskonflikte, über die Diffamierung junger Afghanen durch die Kronenzeitung – und so ist nach und nach das Stück entstanden.

Dechant: Vieles, was rund um die Flüchtlingsproblematik abläuft, ist ein großes Gebluffe und viel Blabla. Ich hatte manchmal das Gefühl, die Flüchtlinge stehen wie Zuschauer vor ihrer eigenen Situation, während sich die Österreicher in zwei Lager teilen, die einen, die rufen „Wir retten euch!“, und die anderen, die schreien „Raus, raus!“ Das ist durchaus skurril. Dazu die Politik, die sich seit Jahren hin und her wirft, der es aber nicht um die Menschen, sondern um den Machterhalt geht. Wir haben uns diverse Musicals angeschaut und dann für so eine Art „Hair“ entschieden. Auch da sind viele Figuren ziemlich gleichberechtigt auf der Bühne, werden in schneller Folge dargestellt, singen ein Lied und sind wieder weg. Und trotzdem hat man als Zuschauer einen Gesamteindruck. Das wollen wir auch.

MM: Wie lange waren Sie in Traiskirchen und was haben Sie dort erfahren?

Leisch: Ich betreue seit Anfang der 1990-Jahre Flüchtlinge, damals war ich das erste Mal in Traiskirchen. Ich habe selber ein Flüchtlingskind großgezogen, war oft bei den Einvernahmen als Vertrauensperson dabei. Mir sind die Probleme also seit Langem bekannt. Zum Beispiel das Problem der mangelhaften  Dolmetscher: Wenn ein kurdischer Iraner für einen Afghanen übersetzt, dann ist Dari und Farsi zwar die gleiche Sprache, aber vielleicht so unterschiedlich wie Schweizer-Deutsch und Wienerisch. Natürlich gibt es da immer wieder Missverständnisse. Oder das Thema Überbelegung: Das war doch immer wieder im Lauf der Jahrzehnte ein Thema, wenngleich nie so schlimm wie im Sommer 2015, als über 4500 Menschen da waren, bei 1820 Schlafplätzen in den Gebäuden!

Dechant: Was sich in Traiskirchen abspielt, wird jeder aus seiner subjektiven Sicht anders wahrnehmen. Der eine sagt, es ist nicht so schlimm, der andere sagt, hier stinkt’s. Das unterscheidet sich, je nachdem woher man kommt und was man erlebt hat. Wenn man aus einer Kriegssituation kommt, ist ein Zelt die Krönung, für andere ist es eine Katastrophe. Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma sind schlicht überfordert, sie sind für so eine Situation nicht ausgebildet. Da gab es einen 20-jährigen, türkischstämmigen Sicherheitsmann, der ist zwei Tage heulend herumgelaufen, weil er eine Frau verloren hat, der er helfen wollte. Natürlich führen solche Momente zu hysterischen Gerüchten, zu Massenpanik, zur totalen Überforderung der schlecht ausgebildeten Beschäftigten im Lager.  Was ich damit sagen will, ist, in Traiskirchen ist niemand „böse“, sondern es herrscht allgemeine Überforderung.

Leisch: Und Desorganisation. Es war zum Beispiel lange nicht möglich, dass Frauen in Ruhe duschen können, es waren immer Männer im Duschraum, sie haben zugeschaut, weil die Duschen nicht abgetrennt waren und es keinen Sichtschutz gab. Dabei hätte man nur sagen müssen, Männer duschen in der Zeit von – bis, Frauen vorher oder nachher. Aber es hat die Firma ORS, die ja das Lager betreibt und damit ein Riesengeschäft macht, offensichtlich nicht interessiert, dieses Problem zu lösen.

MM: Nach Ihrer Erfahrung mit der Arbeit mit Flüchtlingen gefragt: Taugt Theater zum Integrationsinstrument?

Leisch: Ja. Unbedingt.

Dechant: Die Frage ist, Integration für wen? Lernen wir etwas kennen, können wir über die Menschen, die da kommen, mehr erfahren, können wir Ängste und Vorurteile abbauen? Es bringt auch nichts zu sagen: Alle Flüchtlinge sind super. Natürlich gibt es Probleme, auch in unserer Gruppe, wir führen untereinander Diskussionen über den Islam. Wir haben Künstlerinnen, die sagen, das spiele ich nicht, weil sich das mit meiner Religion nicht vereinbaren lässt, ich aber werde der Kunst sicher keine Zensur auferlegen. Natürlich reibt sich das, natürlich ist das neu für mich.

Leisch: Alle Arten von Projekten, wo man mit Flüchtlingen gemeinsam etwas auf die Beine stellt, verhindern die Ghettobildung. Es geht darum, nicht ein WIR der Österreicher einem IHR der Geflüchteten gegenüberzustellen, sondern quer dazu Gemeinsamkeiten, aber auch Trennendes zu entdecken. Die Religiösen aller Sorten gegen die Ungläubigen aller Weltgegenden. Die Hardrock-Fans gegen die Ethnomusiker, die Asketen gegen die Glitzer-Glimmer-Aficionados. Die wenigsten der Dinge, die uns trennen oder verbinden haben ethnische Wurzeln. Man soll nicht immer darauf schauen, wo die Leute herkommen, sondern mehr darüber reden, wo wir gemeinsam hin wollen. Das ist prinzipiell das A und O dessen, was Menschen tun müssen, um eine gemeinsam Zukunft mit einander zu gestalten. Dafür darf man aber eben Konflikte nicht unter den Tisch kehren, sondern man muss sie verhandeln. Sie auf die Spitze treiben, um die Debatte darüber zu provozieren. Das ist eben die Aufgabe des Theaters.

Bernhard Dechant bei der Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im Audimax der Uni Wien. Bild: Armin Rudelstorfer

Vorstellung im Arkadenhof des Wiener Rathaus. Bild: Peter Horn

MM: Nun ist es ja schön, dass das in der Gruppe so fein funktioniert. Eine andere Sache ist es, dafür ein Publikum zu gewinnen. „Traiskirchen. Das Musical“ – was geht mich das an?

Dechant: Wir hoffen, dass wir mit dem Musical Menschen erreichen, die nicht schon positiv gegenüber den Flüchtlingen eingestellt  sind. Wir wollen Leute erreichen, die normalerweise nicht ins Theater gehen. Wenn wir im Volkstheater oder im Werk X spielen, sind wir eh alle einer politischen Ansicht, deshalb wollen wir wohin, wo wir Leute überzeugen müssen. Wir leben in solchen Echoslots, dass wir andere Meinungen gar nicht mehr wahrnehmen. Das wollen wir mit der Musicalform aushebeln. Wir probieren’s halt einmal.

Leisch: Aber wir sind keine Missionarinnen. Wir wollen nicht Menschen, die anders denken als wir bekehren. Wir stellen ja auch ihre Positionen auf die Bühne und sagen: Jetzt debattieren wir darüber jenseits der eingefahrenen Lagerbildung, wo jeder in seiner politischen Blase bleibt. Wir starten im Rahmen der Wiener Festwochen am Volkstheater, und dann gehen wir raus. Wir spielen dann in Stockerau, in Wiener Neustadt, in Wels, in Traiskirchen, in Wien in den Außenbezirken, zum Beispiel der VHS Floridsdorf … Und wir versprechen: Es wird unterhaltsam, nicht mühsam. Wir wollen zwei Stunden lang amüsieren, provozieren, unterhalten, jedenfalls nicht anöden.

MM: Ihr Projekt heißt „Die schweigende Mehrheit“, steuern wir dieser Tage nicht eher auf eine krakeelende Mehrheit zu?

Leisch: (lacht) Nein, das stimmt nicht, das lässt uns nur die rotschwarze Regierung glauben, die sich in der Flüchtlingspolitik seit Jahrzehnte immer weiter nach rechts treiben läßt, weil sie der Behauptung der Rechten, die Bevölkerung sei fremdenfeindlich und rassistisch auf den Leim geht. Geht man aber raus und redet mit den Leuten, so hat die Mehrheit der Österreicher nichts gegen Flüchtlinge und ist nicht rassistisch, sondern will helfen, so gut es geht. Die krakeelen, wie Sie sagen, sind die krakeelende Minderheit. Daran glaube ich ganz intensiv. Liebe Politikerinnen und Politiker: Glaubt doch nicht immer, dass die Menschen so engstirnig und ängstlich sind! Mit der österreichischen Bevölkerung gemeinsam kann man schon was bewegen.

MM: Sind aber Projekte, wie das Ihre, nicht auch ein praktisches Feigenblatt für die Politik? Im Sinne von: Wir subventionieren eh, also tun wir eh …

Leisch: Dem werden wir nicht entkommen, und es ist mir letztlich auch wurscht.

Dechant: Eigentlich müsste die Politik sich fragen, wo angesichts der spontanen Selbstorganisation im Sommer 2015 überhaupt noch ihr Platz ist, heißt brutal ausgedrückt: Wozu man sie überhaupt noch braucht. Denn im Moment der Krise waren die Politiker unfähig und die Bevölkerung hat an den Grenzen und an den Bahnhöfen gestanden und die ankommenden Menschen versorgt.

Leisch: Die private Sicherheitsfirma, die Traiskirchen betreibt, hat im Sommer 2015 2,5 Millionen Euro Gewinn gemacht. Das muss man sich vorstellen: Die haben vom Staat das gleiche Geld bekommen, für jeden Flüchtling, der am Trottoir geschlafen hat, wie für einen, der ein Bett in einem Zimmer hatte. Versorgt, mit Zelten, mit Essen, wurden die Menschen aber von der Zivilgesellschaft. Ohne sie wäre der humanitäre Notstand ausgebrochen, hätte es Seuchen gegeben, Tote vielleicht. Das heißt, wir, die wir geholfen haben, haben auch der Sicherheitsfirma zu ihrem Gewinn verholfen.

MM: Den Rechtspopulisten wird vorgeworfen, dass sie die richtigen Fragen stellen, aber darauf die falschen Antworten geben. Hätten Sie eine Antwort für Traiskirchen?

Dechant: Eine Lösung für alles?

MM: Einen Ansatzpunkt.

Dechant: Eine“ Lösung wird’s nicht geben. Wir müssen beim kapitalistischen System beginnen, das ummodeln, die Umverteilungsspirale endlich anwerfen, den Klimaschutz energischer betreiben. Jetzt wäre unsere Gesellschaft an 83.000 Kriegsflüchtlingen fast zerbröckelt, was machen wir, wenn erst die Millionen Klimaflüchtlinge kommen? Lösung wird erst sein, wenn wir Güter, Rohstoffe … endlich gerecht verteilen, wenn wir aufhören, die Dritte Welt auszubeuten, wenn wir aufhören, Rohstoffkriege zu führen, damit dann vielleicht passieren kann, was die politische Rechte jetzt schon fordert: Dass die Leute „daheim“ bleiben.

Leisch: Das thematisieren wir auch in unserem Stück: Welche Heilsversprechen und Lösungsangebote gibt es? Wir verhandeln auf der Bühne Vorschläge, die plausibel klingen, tatsächlich die  Probleme aber nur verschärfen würden.

Dechant: Wir zeigen auch auf, wie Grenzen verschwimmen, wie die linken, kämpferischen Aussagen mittlerweile von der katholischen Kirche kommen, während die Roten offenbar vergessen haben, wie Kapitalismuskritik geht.

Leisch: Es ist absurd: Die SPÖ macht rechte Politik, die katholische Kirche füllt die Lücke links, und die Rechten, die immer so männerbündlerisch sind, machen sich für Frauenrechte stark und benützen den Feminismus, um Fremdenfeindlichkeit zu schüren. In diesem Verlust  von ideologischen Eindeutigkeiten stellen wir uns die Frage: Wer meint, was er sagt, wer benutzt welchen coolen Spruch wozu, was ist Marketing, was ernst gemeint? Die Vermarketingisierung der Politik ist etwas, das mich in jeder neuen Arbeit interessiert.

Tina Leisch am ersten Tag der Mahnwache vor der Wiener Staatsoper. Bild: Andrea Peller

Dechant und Leisch bei der Großdemo „Flüchtlinge willkommen“. Bild: Die schweigende Mehrheit

MM: Damit ecken Sie auch an, siehe Ihre Aufführung von Elfriede Jelineks „ Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im Audi Max, die von Identitären gestürmt wurde. Wie ausgeliefert, wie schutzlos fühlt man sich nach so einem Erlebnis?

Dechant: Die Identitären wollen Angst und Schrecken verbreiten, man darf sich also beim Schreiben nicht überlegen: Lass‘ ich das so stehen, dann fühlen die sich wieder provoziert, dann kommen die wieder … Ich habe viel mehr Angst, den Islam falsch zu kritisieren, und dass da jemand findet, ich beleidige seinen Gott. Es geht ja nicht nur um Tina und mich, wir haben unsere Darsteller zu schützen, und da merke ich ab und an, die fürchten sich fast mehr vor ihren eigenen fanatisierten Leuten, als  vor den Identitären.

Leisch: Wir haben das Jelinek-Stück auch einmal in Ottakring gespielt, und da kam eine syrische Propagandatheatertruppe, die unsere Aufführung mitgefilmt und ins Internet gestellt hat, da hatten wir tatsächlich Schauspieler, die sagten: Das ist mir zu heikel, da will ich nicht im Bild sein, weil, wenn die syrische Regierung mich sieht, und meine Familie ist ja noch in Syrien … Oder Iraner, die ganz genau überlegen müssen, was sie hier sagen dürfen, ohne zu riskieren, dass sie nicht mehr zur Familie nach Teheran fahren dürfen, dass sie dich am Flughafen mal beiseite nehmen … Dagegen sind Bernhards und meine Probleme mit den Identitären doch vergleichsweise harmlos …

MM: Wie stehen Sie zu den oft beschworenen Mentalitätsunterschieden? Gibt es so etwas „unsere“ und „deren“ Werte?

Leisch: Es gibt zuerst einmal einen Wert, und das sind die nicht verhandelbaren Menschenrechte. Was kulturelle Unterschiede betrifft, da hilft es viel, wenn man sich gegenseitig erzählt, mit welchen Ideologien man aufgewachsen ist, wer welche Bilder im Kopf hat. Aber ich finde, man muss sich auch trauen, manchmal klar Stellung zu beziehen. Ich beispielsweise kann mit Religion nichts anfangen, werde aber jederzeit dafür eintreten, dass jeder Mensch seinen Glauben leben kann. Andererseits werde ich aber auch vehement dagegen auftreten, wenn Religion benützt wird, die Menschen zu verdummen, gegeneinander aufzuhetzen, in chauvinistische Identitätskonstruktionen einzuspinnen.

Dechant: Klar ist, dass man mit Zahlen, Daten, Fakten keine Weltbilder ändern kann. Wir müssen miteinander reden, wir müssen die Menschen bei ihrer Menschlichkeit packen. Und wir hoffen halt, dass uns das mit Theater gelingt.

Nach den Wiener Festwochen gibt es Termine in ganz Österreich, mehr dazu:

www.schweigendemehrheit.at

Wien, 12. 5. 2017

Werk X: Proletenpassion 2015 ff.

Januar 23, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Herz schlägt links und Blut ist rot

Claudia Kottal, Bernhard Dechant Bild: © Yasmina Haddad

Claudia Kottal, Bernhard Dechant
Bild: © Yasmina Haddad

Ich hatte einen Vorgesetzten, der meinte auf kritische Worte eines Mitarbeiters: „Ich sehe nicht, dass Sie an Ihrem Schreibtisch festgekettet sind. Sie können jederzeit gehen.“ Dem folgte ein Vorgesetzter, der die Gehälter langgedienter Mitarbeiter einkürzte mit den Worten: „Ich zahle Sie ja nicht fürs älter werden.“ Auch die wurden dann in weiterer Folge gegangen. Warum das hier steht? Weil die Leibeigenschaft abgeschafft ist. Weil man sich trotzdem selbst verkauft. Für die schönere Wohnung, das größere Auto, den Urlaub am weißeren Strand.

Im Werk X hatte die „Proletenpassion 2015 ff.“ von Heinz Rudolf Unger und den „Schmetterlingen“ Premiere. Eigentlich eine Uraufführung, denn Autor Unger und das neue Team rund um Regisseurin Christine Eder haben das Werk aus dem Jahr 1976 weitergeschrieben. Sich gefragt, ob es noch Klasse ist, zu kämpfen. Oder der Mensch aus Geschichte lernt. Worauf die Antwort ja klar ist: Nein. Die Macht ist in ihrem Zuhause geblieben, die Mittel ihrer Ausführung haben sich seit den Bauernkriegen verändert. Gerädert zu sein ist heute eine Eigenleistung des Untergebenen.

Wie weiland in der Arena ist der Abend ein Konzert mit Kontext. Gustav und Knarf Rellöm sind diesmal fürs Musikalische zuständig, Claudia Kottal, Tim Breyvogel und Bernhard Dechant spielen Szenen, erklären mit Witz, Ironie, Zynismus, was vor beinah 40 Jahren noch nicht erklärt werden musste. Sie holen sich die Lacher aus Eders Inszenierung ab, wenn beispielsweise die Erstürmung der Bastille wie ein Fußballmatch „übertragen“ wird. Alle spielen, singen, musizieren hier mit vollstem Enthusiasmus. Das macht Freude beim Zuschauen. Die „Proletenpassion“ ist ein Stationentheater. Von eben den Bauernkriegen über französische und Oktoberrevolution bis zu Faschismus, zu kurz Stalinismus, rein ins Jahr 2015: Mit seinen Hedgefonds, mit seinen Heuschrecken, Ungers Lieblingshorrorbild, dem Neoliberalismus, und – zum Glück sagt’s Knarf Rellöm: Pegida. Denn zu einer Theaterdemonstration, die sich Begriffserklärung auf die Fahnen geschrieben hat, gehört ein Exkurs über die Frechheit einer Grauslichkeit den Freiheitsruf „Wir sind das Volk!“ so zu vergewaltigen.

So sitzt man zufrieden in einer fetzigen, retrochicen Veranstaltung. Kartons auf der Bühne formen das Wort Revolution; Fahnen und Plakate ist genug da. Von „Vive la Commune“ über „Hannah Arendt lesen“ bis zu „Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten“ und – das schneidet ins Herz: „Euer Studium war geschenkt, unseres wird jetzt beschränkt“. Im Stück fällt der Satz, dass es unbegreiflich sei, wie widerstandslos sich die neue Generation die sozialen Errungenschaften wieder wegnehmen lässt. Schon mal wegen eines Sitzstreiks auf der Ringstraße vom Parlament Richtung der Sicherheit des Audi Max gelaufen, verfolgt von knüppelnden Polizisten? Ist noch nicht so lange her. Als für Studentenlinke auf die Straße zu gehen nicht bedeutete, einmal über die Gass’n von der ÖH hinein ins Büro in der Löwelstraße.

Daran wird nicht gerührt, an der Sozialdemokratie heute. Wes Brot ich fress‘ …

Da bleibt man lieber in der Historie, erzählt vom „System“, das immer schon an allem Schuld war, vom Ablasshandel, vom Hackler, der zum Lohnsklaven wurde, über die 1970er Jahre mit Kreisky, Schranz und Dradiwaberl. Fristenlösung, Vietnamkrieg, Sympathie für die RAF, die Arena-Besetzung. Zeit-Geister. Von der Gier nach Geld und den Spekulanten, die’s immer schon gab, deren Blasen regelmäßig platzen. Im Falle eines Falles: Manager nehmen alles. Dazu Videos, Ausschnitte aus Spielfilmen oder „Es war einmal … der Mensch“. Marx, Lenin, Krupp, Thyssen, Hitler  – Stalin kommen so schnell hintereinander vor, dass man beinah vergißt, dass links ist, wo der Daumen rechts ist. Der Unterschied? Ganz einfach: Kommunismus rangiert unter „Gute Idee, schlechte Ausführung“, Kapitalismus als Kampf zwischen Mensch und Markt. Der darf denn am Ende auch zu Wort kommen (Bernhard Dechant: wunderbar!), um Entschuldigung bitten – und um die Abschaffung der Politik, die ihm im unendlichen Wachstum nur Steine in den Weg legt. Komisch, dass hier niemandem eingefallen ist, dass der „Konsum“  längst eingegangen ist. Vielleicht haben die Dämpfe vom Rabattmarken- und Stickerpickerlkleben die Erinnerung daran vernebelt.

Fazit: Eine superreiche Elite steht gegen den Rest der Welt. Aber wir werden uns wehren. Wie seit 1525. Haha! „Wir lernen im Vorwärtsgehen“ ist das letzte (neue) Lied. Wohin bleibt offen. In die Jugendarbeitslosigkeit? Job um Job – das AMS ruft SOS? In die Altersarmut? Eine utopistische Veranstaltung. Oder es heißt wieder: AUF DIE PLÄTZE! Fertig! Los!

Die „Proletenpassion“ war immer schon work in progress. Das wird wohl auch bei dieser Fortführung so sein. Das Kompliment an alle Beteiligten ist, dass man – und das kommt dieser Tage am Theater eher selten vor – gerne noch eine Stunde (statt der zweieinhalb, selbst die „Schmetterlinge“ haben damals vier gebraucht) länger geblieben wäre, um mehr zu sehen, mehr zu erfahren, weniger aus anno Schnee, mehr über das Heute. Material von Unger ist nämlich  ausreichend vorhanden.

Und die wir wählten, verwandelten / sich in Säulen des Staates, in tragende.

Sie verhandelten und verbandelten / sich … und wir blieben Fragende …

http://werk-x.at

www.mottingers-meinung.at/heinz-rudolf-unger-im-gespraech/

Wien, 23. 1. 2015

Heinz Rudolf Unger im Gespräch

Januar 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Werk X: Proletenpassion 2015 ff.

Didi Kern, Elise Mory, Oliver Stotz, Tim Breyvogel, Knarf Rellöm, Imre Lichtenberger Bozoki, Gustav Bild: © Yasmina Haddad

Didi Kern, Elise Mory, Oliver Stotz, Tim Breyvogel, Knarf Rellöm, Imre Lichtenberger Bozoki, Gustav
Bild: © Yasmina Haddad

Am 22. Jänner wird im Werk X „Proletenpassion 2015 ff.“ uraufgeführt. Eine Fortschreibung des legendären Werks von Heinz Rudolf Unger und den „Schmetterlingen“. Denn Geschichte wird nicht nur gemacht, Geschichte wird auch geschrieben – und zwar zumeist nicht von den Armen, Unterdrückten und Mittellosen, sondern von jenen, die zumindest keine Gegner der herrschenden Macht sind. Der „Geschichte der Herrschenden“ eine „Geschichte der Beherrschten“ gegenüber zu stellen, das war der Anspruch des Autors Heinz Rudolf Unger und der Band „Schmetterlinge“, als sie bei den Wiener Festwochen 1976 ihre „Proletenpassion“ vorstellten. In insgesamt 65 Liedern wird die Geschichte der letzten 500 Jahre als eine Geschichte der Klassenkämpfe erzählt, an deren vorläufigem Ende nicht unbedingt der Sieg der Arbeiterklasse steht. Knapp 40 Jahre später macht sich Regisseurin Christine Eder gemeinsam mit Unger, Gustav und Knarf Rellöm daran, die Geschichte der Proleten erneut und aus zeitgenössischer Sicht zu untersuchen und bis in die Gegenwart weltweiter Proteste von Occupy bis Gezi fortzuschreiben: Wann kommt die Revolution? Kommt sie überhaupt? Können wir die Geschichte noch immer als Abfolge von Klassenkämpfen lesen? Die „Proletenpassion 2015 ff.“ untersucht klassisch marxistische Geschichtsauffassung aus einer postmarxistischen, zeitgenössischen Perspektive – und wagt am Ende keinen Ausblick, sondern eine Bestandsaufnahme der Gegenwart.

Der Autor im Gespräch:

MM: Die „Proletenpassion“ wurde 1976 im Rahmen der Wiener Festwochen in der Arena in der Regie von Dieter Haspel uraufgeführt. Die „Schmetterlinge“ spielten – und das Ganze mündete in der Arena-Besetzung. Wie war damals der Geist der über dem Abend schwebte?

Heinz Rudolf Unger: Völlig anders und nicht zu vergleichen mit dem neoliberalen Geist, der heute allüberall schwebt. Es gibt große Unterschiede zwischen den Menschen damals, es ist ja fast 40 Jahre her, und heute. Nun folgt im Werk X die  Proletenpassion 2015 ff.“ – und die Leute, die das jetzt auf die Bühne stellen, waren 1976 großteils noch gar nicht auf der Welt. Das ist das Faszinierende für mich, das Abenteuer, und gleichzeitig eine Kühnheit von denen, dass sie die Herausforderung annehmen. Das Team hat heute ganz andere Voraussetzungen als damals die „Schmetterlinge“, die ja zwei Jahre gebraucht haben, um das Ganze auszuarbeiten, mithilfe von großen Arbeitsgruppen, die dann verdichtet wurden – dichten kommt ja von verdichten -, und so wurden Berge von Material zu schmalen Liedzeilen. Die „Schmetterlinge“ hatten ein geistiges Hinterland. Es gab eine Studentenbewegung, es gab jede Menge Unterstützung und Neugierde und ein Umfeld, das den Geist in sich getragen hat, wohingegen das Werk X ein Theater am Stadtrand ist, das sich seine Umgebung noch erobern muss. Also, das sind ganz andere Voraussetzungen.

MM: Trotzdem ist man guten Mutes.

Unger: Ja, Harald Posch und Ali M. Abdullah haben sich das vorgenommen. Ich habe ihnen gesagt, das ist gefährlich und riskant, aber sie nehmen die Herausforderung an. Die „Schmetterlinge“ unterstützen sie auch. Georg Herrnstadt stellt ihnen Material zur Verfügung und berät sie auch, aber vieles wird anders sein als 1976. Es muss viel mehr erklärt werden. Die Menschen waren früher politisch bewusster, hatten eine Vorstellung, in welche Richtung sie die Welt verändern wollen, das ist alles vorbei. Das ist der Unterschied – und das Faszinierende an dem Projekt jetzt.

MM: „ff“ bedeutet, dass Sie die „Proletenpassion“ aber weiter geschrieben haben. Sie haben die vergangenen fast 40 Jahre im Text aufgeholt, aufgerollt.

Unger: Die „Proletenpassion“ ist in Stationen aufgebaut. Von den Bauernkriegen über französische und Oktoberrevolution bis zum Faschismus werden Herrschaftsstrukturen und soziale Fragen in einer Mischung aus verschiedenen musikalischen und literarischen Stilelementen thematisiert. Ein bisschen Kritik an der Sozialdemokratie war auch schon drin. Das wird jetzt natürlich von Regisseurin Christine Eder nicht alles eins zu eins übernommen. Es gibt neue Musiker, wie den Rocker Knarf Rellöm aus Hamburg oder „Gustav“ Eva Jantschitsch, neue Schauspieler, Claudia Kottal, Tim Breyvogel und Bernhard Dechant. Sie werden die historischen Abläufe darstellen. Die waren in der alten „Proletenpassion“ zwar angesagt, aber es war nicht notwendig die Dinge ausufernd zu benennen. Heute haben die jungen Leute, 20-, 30-Jährige, von vielen Sachen, die damals hochaktuell waren, natürlich keine Ahnung. Leider muss ich sagen. Die angesprochenen Probleme sind aber aktuell geblieben. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich noch weiter vergrößert, in einem Ausmaß, das damals noch gar nicht abzusehen war. Also: Es bleibt die Struktur der „Proletenpassion“ erhalten – und dann gibt es eine Kluft von ungefähr 40 Jahren, von der Uraufführung bis zum heutigen Neoliberalismus, die zu überbrücken war. Das habe ich getan.

MM: Die Arbeiterbewegung ist Geschichte, ebenso der Kommunismus, der Kapitalismus steht am Abgrund. Was war Ihnen aus diesen 40 Jahren, die Sie nun schreiberisch aufgeholt haben, wichtig herauszuarbeiten?

Unger: Der Kapitalismus ist nicht vorbei, sondern hat eine andere Form und eine viel größere Dimension angenommen. Es gibt zum Beispiel neue Liedtexte über Hedgefonds und die Wirtschaftskrise, über die so genannten Heuschrecken, Manager, die immer kaltblütiger und unverfrorener vorgehen. Genau zu der Zeit, als ich an dem Text gearbeitet habe, kam eine Nachricht in den Medien, dass ein New Yorker Hedgefonds den Staat Argentinien geklagt hat. Die haben, als Argentinien vor der Pleite stand, billig, als Schnäppchen, Staatsanleihen gekauft, die sie jetzt vor Gericht zum Nennwert einfordern. Das heißt: Argentinien würde im Falle einer Verurteilung finanziell ins Nichts fallen. Solche Dinge spielen sich ab – und die muss man in ein kleines Lied packen. Es gibt auch ein Spekulantenlied, der sinngemäß singt, wenn der Ölpreis sinkt, kaufe ich eben Gold oder Blutdiamanten. Diese Menschen, die mit uns reales „Monopoly“ spielen, die möchte ich anprangern. Ausbeutung hat es immer gegeben, aber die globale Dimension hat sich verändert. Es geht in der Welt um ein Match zwischen übermächtigem Reichtum und ohnmächtiger Armut.

MM: Sehr passend ist auch die Stelle, an der ein Mitarbeiter in seiner Firma so brav arbeitet, dass er sich selbst wegrationalisiert.

Unger: Das war sogar schon im Original drin und ist leider aktueller denn je. Die Arbeitsplätze werden immer weniger, Firmen wandern ab in „billigere“ Regionen. Den Preis zahlen die Menschen hier wie dort. Da kann die Politik nichts schönreden.

MM: „Kleiner Mann“ ist ein Begriff, den Sie verwenden. Es gab 1976 schon Proteste dagegen. Nun hat sich zwischenzeitlich eine Partei draufgesetzt und den Begriff in unliebsamen Zusammenhang gebracht. Die wahren Proletarier gibt es nicht mehr, der Begriff Prolet ist heute ganz anders interpretiert. Wie kann man damit umgehen?

Unger: Gegen den „kleinen Mann“ haben damals die Linksgruppierungen protestiert, alle möglichen Fraktionen, die’s da gegeben hat, wollten mitmischen, auch der Begriff Passion war ihnen nicht recht, weil er Leidensgeschichte bedeutet. Sie hätten lieber einen starken, proletarischen Helden als Protagonisten gehabt, nicht eine Geschichte, wo „das Volk“ immer draufzahlt. So ist es am Ende zwar nicht siegreich, aber die Handlung eigentlich richtig. Die „Schmetterlinge“ nannten ihre Musik dazu sogar ein Oratorium. Das Thema steht geradezu prägnant für heute: die Manipulation des Bewusstseins der Menschen. Heute halten sich laut Umfragen der vergangenen zwei, drei Jahre zwei Drittel der Menschen, die knapp über oder sogar unter der Armutsgrenze leben, für Mittelstand. Für den unteren Rand der Mittelschicht, aber Prolet würden sie nicht für sich als Bezeichnung wollen. Georg Herrnstadt hat dazu gesagt: Auch, wenn sie sich nicht als Proletarier erleben, sie sind welche. Auch die Prekariatsarbeiter sind ausgebeutete Proletarier. Da hat sich nichts geändert, außer dem Bewusstsein, was durch Manipulation durch Politik, Medien etc. passiert.

MM: Gibt es den stolzen Arbeiterstand nicht mehr? Gibt es nur mehr die, die in TV-Realitysoaps auf dem Sofa herumlungern? Ist das der Grund, warum niemand mehr für das Recht auf Arbeit auf die Barrikaden geht?

Unger: Durchaus möglich. Es kommt darauf an, dass man überhaupt erkennen kann, wer man ist, wo man steht und was auf einen einwirkt. Auch das hat sich in den vergangenen 40 Jahren verändert. Weil ich vorhin die Medien erwähnt habe: Das Bild ist als Informationsquelle immer mächtiger geworden, der Text ist in der Bedeutung immer stärker zurückgegangen. Das führt dazu, dass man eine immer oberflächlichere Sicht auf die Realität bekommt. Das geht alles sehr schnell an einem vorbei und ist auch sehr dünnhäutig, wenn man sich so umschaut. Dadurch wird man noch manipulierbarer. Uns geht es in der „Proletenpassion“ um Begriffsklärungen. Das ist eigentlich schon revolutionär genug: einen Begriff zu klären.

MM: Wie darf ich mir die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den heute Mitwirkenden vorstellen. Da sitzt Godfather Heinz Rudolf Unger umgeben von seinen „Kindern“?

Unger: (er lacht) Nicht so, ich lerne auch gerade eine Menge dazu. Ich war bei einigen Musikproben, wir sind immer in Kontakt. Christine Eder versucht die ökonomischen Entwicklungen über die Zeiten herauszuarbeiten. Das ist ihre Arbeit, damit habe ich nichts zu tun, ich bin der Textlieferant, und es ist sehr spannend ihr dabei zuzusehen. Ich bin vertrauensvoll, das neue künstlerische Team ist schon sehr gut. Sie machen das wirklich gut. Die „Schmetterlinge“ werden sich wundern, wenn sie ihre Lieder neu vertont hören. Für mich ist das ganz interessant, ich eigne mir gerade eine ganz neue Hörgewohnheit an.

MM: Das klingt alles so schön harmonisch. Hatten Sie und Christine Eder nie einen Generationenkonflikt, in dem Sinne, dass Begrifflichkeiten eine andere Wertung bekommen haben. Im Klartext: Haben Sie nie aneinander vorbei geredet?

Unger: Christine Eder kennt die „Proletenpassion“ seit sie fünf Jahre alt war. Sie wollte sie immer schon in einem zeitgemäßen Kontext inszenieren. Das hat sich mit dem Werk X wunderbar ergeben. Die Räumlichkeiten sind ganz passend. Für diesen Platz ist diese Arbeit ein Geschenk. Wir reden also, denke ich, in dem Sinne alle dieselbe Sprache.

MM: Ist es für Sie eine Bestätigung Ihrer Lebensarbeit, dass Sie 2015 wieder um Ihre politische Meinung gefragt werden? Oder sind Sie schon altersmilde geworden?

Unger: (er lacht wieder) Alt ja, milde niemals. Ich mache aber in letzter Zeit immer öfter die Erfahrung, dass Stücke, die ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert geschrieben habe, wieder gespielt werden. „Zwölfeläuten“ beispielsweise wird zwei, drei, vier Mal im Jahr produziert. Da kann man nur seinem früheren Ich gratulieren, dass man so was hingestellt hat. Bei der „Proletenpassion“ ist das so ähnlich. Wir haben Kontakte mit Leuten, die das auch spielen wollen. Wir graben also nichts aus, wie eine Zeitung geschrieben hat, wir haben etwas Neues geschaffen. Und das wird nach der Uraufführung an anderen Bühnen weitergehen.

MM: Um auf das Stichwort politische Meinung zurückzukommen …

Unger: Die ist, dass heute alles vernebelt wird. Es wird Angst geschürt, wie zur Zeit der Kreuzzüge, „das Fremde“ ist wieder Feind, das hatten wir auch schon, wir fürchten uns vor der Grippewelle in den USA … und so werden die Probleme der einzelnen Menschen wieder zweitrangig. Die „große Angst“, die nicht zuletzt die Medien schüren, überlappt natürlich Arbeitslosenzahlen. Wir sind doch diesbezüglich eh die besten in Europa, nur jeder Zehnte … das zentrale Thema wird schöngeredet. Derjenige, der sich fragt, wie überlebe ich ohne Arbeitsplatz, wird überhört.

MM: Sie haben im Gespräch durchklingen lassen, die jungen Menschen heute hätten in Ihren Augen keine Ideale mehr. Was kritisieren Sie?

Unger: Sie sind teilnahmsloser am gesellschaftspolitischen Geschehen. In Europa gab es einmal eine wache Generation von aufmüpfigen Studenten, das ist heute ganz anders. Heute muss man Ellbogen zeigen, straight sein, den Sinn des Händlers in sich entwickeln. Wer diesem Archetypus entspricht, ist auf der Welle, die heute gefordert wird.

MM: Was würden Sie sich vom Publikum 2015 wünschen? Soll es das Werk X besetzen? Gibt es eine Message an die Zuschauer?

Unger: Ich bin sehr gespannt, wie die „Proletenpassion 2015 ff.“ aufgenommen wird. Da kann ich nichts vorhersagen. In der Premiere werden wahrscheinlich nicht nur junge Leute sitzen, sondern wie in der Muppet Show meine Waldorfs und Statlers. Ich hoffe doch, dass der eine oder andere Wegbegleiter, von den Resetarits-Brüdern bis zu Erwin Steinhauer, zur Premiere kommt. Messages habe ich mehrere: Ich will die Verwirrung über gewisse Dinge entwirren. Beispielsweise, dass Kommunismus als Idee nicht unbedingt schlecht sein muss, nur weil er schlecht ausgeführt wurde. Eine gute Idee fürs Volk hört nicht auf eine gute Idee zu sein, nur weil sie von Machthabern (!), von Despoten verpfuscht wurde. Ich will, dass die Zuschauer erkennen, wie man den Begriff Demokratie von der Scheindemokratie, der maskierten Demokratie, die uns umgibt, löst. Wahlen sind keine Garantie für Wahrheit. Diese Begriffsklärungen müsste das Werk schaffen.

MM: Wenn Sie etwas an Österreich ändern könnten, was wäre das?

Unger: Schwer zu sagen. Wir leben im Auge des Taifuns. Alleine, das zu erkennen, dass wir in einer windstillen Zone sind und rundherum tobt der Sturm, das wäre schon eine wichtige Erkenntnis. Im Sinne von: Egal, wie gut wir jetzt dastehen mögen, die Verhältnisse gehören verbessert, jetzt, wo es möglich ist. Ein Appell an den Finanzminister. In Österreich wird Klassenkampf im klassischen Stil betrieben, wenn ich an die Steuerdebatte denke, wenn eine Partei sich so gegen die Gesamtschule wehrt, damit es nur ja verschiedene Abstufungen von Chancen gibt, wenn Studiengebühren erhoben werden … Da fällt mir vieles ein, das ich gern anders hätte.

MM: Wie geht es bei Ihnen jetzt künstlerisch weiter?

Unger: Ich habe im vergangenen Jahr Texte eben für die „Proletenpassion 2015 ff.“ und für Erwin Steinhauers Programm „Hand aufs Herz“ geschrieben. Ab dem 22. Jänner kümmere ich mich wieder um meine Themen. Aber über ungelegte Eier gackere ich noch nicht. Ach ja, es gibt noch etwas Neues von mir, noch eine Uraufführung: Ich habe für Dieter Haspel das Stück „Ein Kellner. Ein Gast. Eine Hure“ geschrieben, dass derzeit im Werkl Theater im Goethehof läuft (www.werkl.org). Es ist ein Maskenspiel, Personen, die ihre Identität vertauscht haben und damit dann fertig werden müssen. Mehr will ich nicht verraten.

 http://werk-x.at

www.heinz-rudolf-unger.at

Wien, 20. 1. 2015