Der Glanz der Unsichtbaren

Februar 21, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sozialtragikomödie von und mit obdachlosen Frauen

Fantastische Schauspielerinnen in einer fabehaften Story: Die Darstellerinnen in „Der Glanz der Unsichtbaren“ kennen ihre Figuren aus eigener Erfahrung. Bild: © 2019 Panda Film

Die persönlich liebste ist Chantal, Adolpha Van Meerhaeghe, seit „Vivement dimanche“ auf dem Weg zum Filmprofi, und nun in „Der Glanz der Unsichtbaren“, der heute in den Kinos anläuft, bezaubernd bärbeißig, hinreißend herrisch – und dermaßen alltagsphiloso- phisch, dass mitunter eine Betreuerin die Nerven schmeißt.

„Ich kann Dinge reparieren“, definiert sie sich stolz, und das tut sie, von den Playstations bis zu den Mopeds der Jungs aus dem Fußballverein, als dessen – nach ihren eigenen Regeln pfeifende – Schiedsrichterin sie fungiert. Doch nicht nur weil Chantal eine Frau jenseits der Fünfzig ist, hat sie auf dem Arbeitsmarkt kaum Aussichten. Sie lebt auf der Straße, ist tagtäglich unterwegs mit ihrem gesamten Hab und Gut, davor war sie viele Jahre im Gefängnis, hat ihren Ehemann erschossen, als sie genug von seinen Schlägen hatte. Auf ihre Zeit in Haft weist sie hin. Mit großer Würde und zu Herzen gehender, geradezu offensiver Aufrichtigkeit. Bei jedem mühsam für sie arrangierten Bewerbungsgespräch. Chantal hat nämlich nichts zu verheimlichen …

In „Der Glanz der Unsichtbaren“ erzählt Regisseur und Drehbuchautor Louis-Julien Petit von obdachlosen Frauen. Auch in Österreichs Städten nimmt ihre Zahl ständig zu, nach Schätzungen sind derzeit 25 Prozent aller Obdachlosen hierzulande weiblich. Unsichtbar sind sie nicht nur, weil sie sich aus Angst vor Gewalt unauffälliger und versteckter verhalten als Männer, sondern sie sind es vor allem für die Augen einer Gesellschaft, der nichts leichter fällt als wegzuschauen. In Petits Geschichte sind die Protagonistinnen Klientinnen und Sozialarbeiterinnen einer Tagesstätte in einer nordfranzösischen Stadt. L’Envol verströmt zwar die schäbige Grazie einer heruntergekommenen Fabriksanlage, besonders zu der vergleichsweisen Nobelherberge, die die Gemeinde in einem anderen Bezirk neu eingerichtet hat.

Doch L’Envol ist Zuflucht, Heimat, Schutz, Freundschaft jenseits aller Fragen nach Herkunft und Hautfarbe, und der Zutritt für Männer – man hat in anderen Einrichtungen einschlägige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machen müssen – ausnahmslos verboten. Ist ein miteinander Auf-Augenhöhe-Sein statt stur-steril-prinzipienreiterisch stadtverwaltet zu werden. So beginnt dieser stark dokumentarisch geprägte Spielfilm, zu dem Autorin Claire Lajeunie mit ihrem Buch „Sur La Route Des Invisibles, Femmes Dans La Rue“ die faktische Grundlage zur Fiktion geschaffen hat: Dutzende Frauen stehen mit Sack und Pack vor dem noch versperrten Schiebetor, denn nachts ist L’Envol geschlossen, bittere Szenen werden das später sein, wenn die Frauen sich bei Einbruch der Dunkelheit einen Schlafplatz suchen müssen, dann öffnet – hart, aber herzlich – Angélique.

Patricia Mouchon, Assia Menmadala als Dalida, Marie-Thérèse Boloke Kanda und Sarah Suco. Bild: © 2019 Panda Film

Lady Di findet im Mistplatz-Chef einen Verehrer: Marianne Garcia mit Noémie Lvovsky als Hélène. Bild: © 2019 Panda Film

Köchin Marie-Josée Nat will nicht nur Gemüse putzen: Khoukha Boukherbache mit Noémie Lvovsky. Bild: © 2019 Panda Film

Hart, aber herzlich: Frankreichs Shootingstar Déborah Lukumuena als Angélique. Bild: © 2019 Panda Film

Die Sozialarbeiterinnen: Audrey Lamy, Noémie Lvovsky und Corinne Masiero. Bild: © 2019 Panda Film

Großartig: Adolpha Van Meerhaeghe als Chantal und Laetitia Grigy als Monique. Bild: © 2019 Panda Film

Man holt sich Zahnbürste, Shampoo, eine Nagelschere. Fünfzehn Minuten fürs Duschen stehen Lady Di, Edith Piaf, Salma Hayek, Simone Veil, Brigitte Macron, wie sich die Frauen eben nennen, zu. Diese glamourösen, titelgebenden Pseudonyme sind nicht nur betreffs der aktuellen Première dame des empathie-unbegabten Emmanuel so gesellschaftssatirisch und selbstironisch wie der ganze Film. Louis-Julien Petit gelingt die sehr französische Kunst aus schwerem Stoff eine Sozialtragikomödie zu schneidern, im Tonfall ähnlich „Alles außer gewöhnlich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37098), die Authentizität gegeben, da die Rollen der obdachlosen Frauen mit nichtprofessionellen Schauspielerinnen besetzt sind, die Wohnungslosigkeit aus eigener Erfahrung kennen, auch hier die Anlaufstelle wegen Überengagement der Betreuerinnen und ergo Unrentabilität von der Auflösung bedroht.

„Der Glanz der Unsichtbaren“ ist ein Rêves-deviennent-réalité-Märchen über Selbstermächtigung. Nächstes Bild, Teambesprechung. Die Schauspielstars Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky als idealistische Audrey, realistische Manu und „Desperate Housewife“ Hélène, ein Spitzname den Frankreichs Shootingstar Déborah Lukumuena als Angélique der Ehrenamtlichen wegen deren seitenspringendem Ehemann verpasst hat.Geredet wird von Hamsterrad, Händen, die von der Bürokratie gebunden sind, Helfersyndrom, immer wieder Improvisieren-Müssen. Et voilà, ein Plan ist gereift und wird zur Umsetzung gebracht: Hilfe zur Selbsthilfe unter dem Radar staatlicher Fürsorge! In Workshops sollen die, die einen Beruf erlernt haben, ihr Wissen weitergeben.

Derart sattelfest gemacht, werden sich die Frauen in einer gemeinsam organisierten Jobbörse, einem Tag der offenen Tür, potenziellen Arbeitgebern präsentieren. Und siehe, dieses No-Na die zu ziehende Lehre des Films, die Obdachlosen sind Persönlichkeiten, komplexe Charaktere mit Mutterwitz und zuweil exzentrischem Charme und einem Potenzial, dessen Vergeudung durch Nicht-Zurkenntnisnahme sich die Politik nicht leisten kann. Verkörpert von grandiosen Darstellerinnen, an denen sich die Kamera kaum sattsehen kann. Die Kameramänner David Chambille und Christophe Chauvin verstehen es, die Spuren eines harten Daseins auf den Gesichtern in eine subtile Schönheit zu verwandeln, man entdeckt Geheimnisse wie auf den zweiten Blick, wenn Petit ins große Ganze warmherzig einzelne Biografien verwebt.

Les sœurs le font pour elles-mêmes: Ein Ende mit Selbstbewusstsein, Smileys, Annie Lennox und Aretha Franklin. Bild: © 2019 Panda Film

Episoden aus Lebensverhältnissen, die von Missbrauch und Misshandlung bestimmt waren, Alkohol, Drogen, Antidepressiva, Sex für einen Schlafplatz, Schlepper, Immigration mittels gefälschter Pässe, eine Schroffheit, die Sozialamts- mitarbeiter vor den Kopf stößt. Verzweiflung auf beiden Seiten der Schreibtische.

Dazu Aufnahmen von Sitzbänken mit Zwischenstützen, wie es sie auch in Wien gibt, um Obdachlose am Hinlegen zu hindern, Schaufensterportale mit Taubenspikes – gegen die „Plage“. Ein Zeltlager, in dem viele Frauen die Nacht verbringen, wird wegen Besetzung eines öffentlichen Grundstücks behördlich geräumt. Eskalation, Polizei im Anmarsch, eine schreit: „Das ist mein Zuhause!“, da sind die Bagger schon drübergerollt … Berührend das folgende Bild, in dem sich die Frauen nach Fotos von einem besseren Früher für ihren Neuanfang stylen, Lippenstift wird aufgetragen, und Mascara, Tränen fließen.

Petit setzt auch Pointen. Assia Menmadala, die als ehemalige Domina Dalida mit den anderen deren Auftritt trainiert, Laetitia Grigy, die als Monique an ihrem Verkaufstalent als angehende Immobilienmaklerin feilt, Khoukha Boukherbache, die als gelernte Köchin Marie-Josée Nat mehr will, als nur Gemüse putzen, die wegen psychischer Probleme auf der Straße gestrandete Psychoanalytikerin Catherine, Marie-Christine Orry, die freudig freudianische Coachingsitzungen hält, Chantal, die mit einem ausrangierten Toaster in die Elektrotechnik einführt. Dieser und andere Gegenstände zur Behübschung vom L’Envol dem Chef des Mistplatzes abgeluchst.

Fatsah Bouyahmed, der sich als Esteban in Lady Di, Marianne Garcia, verliebt und um sie freit, bis sie sich zwar perplex, aber doch dem zweiten Frühling hingibt. Fatsah Bouyahmed dabei nur einer der fabelhaften Männer im Cast, neben Pablo Pauly als Audreys hypersensibler Bruder Dimitri und Quentin Faure als Audreys Quasi-Lover und Baustellenleiter Laurent, der ihre Sache mit einer ziemlich holprigen Liebeserklärung per Blanko-Empfeh- lungsschreiben unterstützt … ein Happy End? Gibt es! Eines zwischen viel Lachen und ein wenig Weinen. Ein selbstbewusstes, siegessicheres Stolzieren auf einem Catwalk. Mit Smileys. Vater Staat hat damit nichts zu tun. Annie Lennox & Aretha Franklin singen „Sisters Are Doin‘ It for Themselves“. Les sœurs le font pour elles-mêmes.

der-glanz-der-unsichtbaren.de

  1. 2. 2020

Was uns nicht umbringt

November 12, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Kaleidoskop kleiner und großer Gefühle

Max ist auf den Hund gekommen: August Zirner spielt zum zweiten Mal Sandra Nettelbecks Film-Psychotherapeuten. Bild: Plakatsujet/Thimfilm

Mit ihrer jüngsten Arbeit ist Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Nettelbeck ein berührender, behutsamer Film über die Auf und Abs zwischenmenschlicher Beziehungen gelungen. „Was uns nicht umbringt“ ist definitiv was fürs Herz, und wenn das episodische Großstädterporträt am 16. November in den Kinos startet, wünscht man es zum gleichen Publikumserfolg wie weiland Nettelbecks sympathische Tragikomödie rund um die pedantische Köchin „Bella Martha“.

Diese immerhin in Hollywood mit Catherine Zeta-Jones unter dem Titel „Rezept zum Verlieben“ auf amerikanisch-neu aufgelegt. Aus „Bella Martha“ hat sich Nettelbeck ihre Figur des Psychotherapeuten Max entliehen, er steht nun im Zentrum der Geschichten, die die Filmemacherin mit einem beinah 20-köpfigen, handverlesenen Ensemble erzählt, bei ihm laufen die Handlungsfäden zusammen, sind doch fast alle Akteure seine Patienten – und mit der einen, die’s nicht ist, verbindet Max eine Familienangelegenheit, die den Psychologen selbst ins seelische Straucheln bringt. Mit feinfühlig-leisem Humor entwickelt Nettelbeck im Folgenden ihre mal zutiefst melancholischen, mal merkwürdig grotesken Charakterstudien. Und wie‘s in dieser Art Filmen üblich ist, verknüpfen sich die Episoden natürlich auch untereinander, und allmählich dreht sich das Kaleidoskop der Gefühle als großes Ganzes.

Die komödiantische Schwermut in „Was uns nicht umbringt“, visuell unterstützt vom Hamburger Schietwetter, kommt zuallererst August Zirner (im Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30404) zupass, der hier zum zweiten Mal den Max verkörpert. Wunderbar gleich seine erste Szene, wenn er sich aus dem Tierheim einen zotteligen Streuner holt, der sich als noch elegischer als er selbst entpuppt. Kaum jemals sah man wohl einen Hund vor der Kamera so wenig tun, meist liegt das Tier herum, und wird dennoch zum fixen Bestandteil von Max‘ Sitzungen – vor allem der schweigsame, sichtlich von einem schlimmen Schicksalsschlag gebeutelte Ben, Mark Waschke spielt ihn, baut zu „Panama“ eine Verbindung auf, wie er’s zu Menschen längst nicht mehr schafft. Bald trifft man einander nicht mehr auf der Couch, sondern zum Gassigehen.

Ex-Ehefrau Loretta ist Max‘ beste Freundin: Barbara Auer und August Zirner. Bild: © Mathias Bothor / Alamode Film

Max verliebt sich in Patientin Sophie: Johanna Ter Steege und August Zirner. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Den Max’schen Kosmos bevölkern außerdem: Barbara Auer als seine Ex-Ehefrau Loretta, der er immer noch freundschaftlich verbunden ist, und die mit dem doch deutlich jüngeren Fabian, David Rott, eine Affäre begonnen hat. Was sowohl sie als auch die beiden Töchter aus der Bahn wirft. Christian Berkel und Victoria Meyer liefern als symbiotisches Geschwisterpaar, das ein Bestattungsunternehmen führt, ein schon kabarettistisch zu nennendes Kabinettstück ab, zu ihnen kommt Deborah Kaufmann als Schriftstellerin, die den gewaltsamen Tod ihres Freundes, eines Kriegsfotografen, nicht verwindet.

Mit dem Sterben ist auch Oliver Broumis‘ Fritz befasst. Sein Lebensgefährte Robert, die Liebe seines Lebens, liegt mit Leukämie im Krankenhaus – doch dessen Familie lässt Fritz nicht zu ihm, weil sie Roberts Schwulsein nicht akzeptieren kann. Broumis zeigt im Film eine der stärksten darstellerischen Leistungen. Die brillanten Bjarne Mädel und Jenny Schily sind als Tierpfleger zu sehen, die ein ziemlich kompliziertes Verhältnis zueinander haben. Von den beiden hätte man gern mehr gesehen, großartig, wie Mädels Hannes versucht, der autistisch veranlagten Frau seine unausgesprochene Zuneigung klarzumachen. Und dann ist da noch die spielsüchtige, immer unter Strom stehende Sophie, gespielt von Johanna Ter Steege, in die sich Max schon beim ersten Therapietermin verliebt. Doch Sophie ist an den ungeduldigen, unwirschen David, Peter Lohmeyer, gebunden …

Was „Was uns nicht umbringt“ auszeichnet ist, dass wohl jeder darin eine Situation finden wird, deren Tragik der Umstände oder Ironie des Schicksals, er selber kennt. Der Cast bewegt sich durch Nettelbecks Geschichten auch mit großer Authentizität. Unaufgeregt und absolut glaubhaft, mit kleinen, präzis gesetzten Gesten wird die Sprachlosigkeit unterstrichen, die den Figuren im Umgang miteinander zu schaffen macht. Wird aber etwas gesagt, sitzen Nettelbecks Dialoge auf den Punkt. Was Nettelbeck als Schluss ihrer Stories über Verluste und neue Verbindungen anbietet, sind keine Happy, aber versöhnliche Enden. All ihre Figuren stellt sie vor eine Entscheidung, die es zu treffen gilt, um einen anderen Lebensweg als bisher einzuschlagen. Wer den Mut dazu aufbringen wird, verrät sie nicht.

Die Tierpfleger Hannes und Sunny haben eine besondere Beziehung: Bjarne Mädel und Jenny Schily. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Einen Kunstgriff hat sich Sandra Nettelbeck erlaubt: Immer wieder tagträumerische Szenen, in denen die Charaktere sich mal zum Besseren, mal zum Schlechteren vorstellen, wie eine Situation für sie sein könnte, bevor die dann tatsächlich stattfindet. Und so beginnt die Handlung für Max mit einer imaginierten Umarmung im strömenden Regen und endet mit einer echten bei Sonnenschein – schöner kann eine Filmklammer gar nicht sein.

August Zirner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30404

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  1. 11. 2018

Tulpenfieber

August 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Christoph Waltz glänzt als schrulliger Ehezausel

Cornelis Sandvoort lässt sich mit seiner jungen Frau porträtieren: Christoph Waltz und Alicia Vikander. Bild: © Thimfilm

Das Tulpenfieber, das hat es tatsächlich gegeben. Es läutete das Goldene Zeitalter der Niederlande ein, ab 1600 profitierte vor allem die Hafenstadt Amsterdam vom Handel mit den wertvollen Mutterzwiebeln, die die holländische Ostindien-Kompagnie aus weit entfernten Gebieten importierte. Die Wirtschaft boomte, die Kunst blühte auf, die Tulpe wurde zum heiß begehrten Statussymbol.

Die Attraktivität trieb die Preise in schwindelerregende Höhen und die Spekulanten auf den Plan. Börsenfieber grassierte, bis – die vielleicht erste Finanzblase der Geschichte platzte. 1637 fanden bei einer Auktion in Haarlem erstmals Händler keine Abnehmer für ihre Gewächse. Panik, Bankrott, der Staat musste eingreifen – auch der Maler Jacob van Loo, im Film „Tulpenfieber“, der diese Woche in den heimischen Kinos anläuft, heißt er Jan van Loos, verlor sein gesamtes Hab und Gut.

Das ist der Stoff, aus dem Deborah Moggach weiland ihren Roman-Bestseller gewoben hat. Daraus hat der hochkarätige Tom Stoppard ein Drehbuch verfasst, das von Justin Chadwick verfilmt wurde. Et voilà, ist hinreißendes Historienkino entstanden, mit Bildern, wie von den flämischen Meistern entworfen – und tatsächlich spielt die Stadt Amsterdam im Film eine Hauptrolle. Gewurschtel und Gewusel, Geschäftigkeit zwischen den Grachten, Schmutz und verschmierte Kinder und die Jagd nach dem ganz großen Gewinn … Die Fotografie von Eigil Bryld lässt Amsterdam wie einen eigenen Organismus atmen und ist fantastisch anzuschauen. Die Schauspieler arrangiert er zum Tableau vivant.

Ergebnis: Sie verliebt sich in den Maler Jan van Loos – Alicia Vikander und Dane Dehaan. Bild: © Thimfilm

Derweil tobt an der Börse das Tulpenfieber: Supermodell Cara Delevingne in einer wichtigen Nebenrolle. Bild: © Thimfilm

Doch mehr. Moggach/Stoppard bescheiden sich natürlich nicht mit einem Blumenkorso. Die Geschichte also: Der reiche Kaufmann Cornelis Sandvoort hat die junge Waise Sophia geheiratet. Seine erste Frau und seine beiden Kinder wurden Opfer der Pest, nun hofft er erneut auf Nachwuchs, aber sein „kleiner Soldat“ ist über die Jahre ziemlich müde geworden. Da verfällt er auf die Idee, sich und die schöne Gattin porträtieren zu lassen – Jan van Loos wird engagiert, und die Gattin verfällt ihm. Kabale und Triebe. Nun werden Fluchtpläne aus dieser unfruchtbaren Ehe geschmiedet.

Jan wirft sich aufs Tulpengeschäft, damit Geld für eine Überseefahrt zusammenkommt. Sophia will ihren Göttergatten zumindest mit einem Erben trösten, und da kommt ihr die ungewollt schwangere Magd Maria gerade recht. Deren Herzensmann wurde – weil Tulpenschulden – für die wenig christliche Seefahrt shanghait, die Schande, die Schande, und so schmieden die beiden Frauen einen sinistren Plan …

Das Ensemble agiert exzellent. Selbst in kleineren Rollen, wie Supermodell Cara Delevingne als durchtriebene Tulpenspekulantin oder Judi Dench, die als Äbtissin eine Gottesanbeterin gibt, eine hantige Mutter Oberin, die das Tulpengeschäft fest in ihren Händen hält. Dane Dehaan ist als Jan van Loos melancholisch sexy, die Damen Alicia Vikander und Holliday Grainger als Sophia und Maria entzückend anzuschauen.

Sophia schmiedet mit ihrer schwangeren Magd Maria einen sinistren Plan: Holliday Grainger. Bild: © Thimfilm

Judi Dench, brillant als Äbtissin, die das Tulpengeschäft fest in ihren Händen hält. Bild: © Thimfilm

Und dann ist da er. Christoph Waltz, ein Schauspieltitan, wie immer, wenn er sich darauf besinnt, dass er in Österreich Charakterdarsteller war, bevor er sich ins US-Superschurken-Business begeben hat. Wie er den Cornelis Sandvoort gibt, ist unübertrefflich: ein freundlicher, schrulliger Ehezausel, ein leutselig geschwätziger Mann, der sich um Standhaftigkeit bemüht, nie ein böses Wort findet und für alle nur das Beste will. Man wird im Laufe der Handlung direkt angesäuert, welches Unrecht ihm hier widerfahren soll. Und als es passiert und die Intrige auffliegt, ist er immer noch großherzig und vergibt. Waltz brilliert in dieser Rolle als niederländischer Kaufmann, der verstehen lernt, dass zwar alles seinen Preis hat, aber man nicht mit allem handeln kann.

Das Ende ist dann original calvinistisch: Die Frevler werden abgemahnt, aber nicht zu streng, die guten Menschen werden für ihr Tun belohnt. Alles in allem eine sehr schön schauerliche Gothic Fiction für den nun langsam heraufdämmernden Herbst. Sehenswert.

tulpenfieber-derfilm.de

23. 8. 2017

Essl Museum: Deborah Sengl

Februar 13, 2014 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die letzten Tage der Ratten

Deborah Sengl I. Akt / 7. Szene: Bei der Batterie. 1 Artillerieoffizier, 1 Feldkurat, 1 Journalistin. 2013 Rattenpräparate und Requisiten auf Holzpodesten Höhenmaße der Szene: variabel © Deborah Sengl 2014, Bild: Mischa Nawrata, Wien

Deborah Sengl I. Akt / 7. Szene: Bei der Batterie. 1 Artillerieoffizier, 1 Feldkurat, 1 Journalistin. 2013 Rattenpräparate und Requisiten auf Holzpodesten Höhenmaße der Szene: variabel © Deborah Sengl 2014, Bild: Mischa Nawrata, Wien

Das Essl Museum zeigt derzeit Deborah Sengls Interpretation von Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“. 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Wohl kein anderes literarisches Werk hat die Stimmung der damaligen Zeit sowie die Unmenschlichkeit und Absurdität des Krieges so komprimiert und präzise eingefangen wie dieses Werk. Sengl reagiert in ihrer bisher größten Arbeit mit unverwechselbarem Gespür auf Kraus’ Text und interpretiert Szenenausschnitte und Dialoge künstlerisch neu. Begleitet von Zeichnungen und Malereien lassen sie die Protagonisten von Kraus’ Werk mittels 200 Ratten  lebendig werden. Sengl hat ein Jahr lang an diesem aufwendigen Projekt gearbeitet, das eigens für das Essl Museum entstanden ist. „Wir beide beobachten von außen und dokumentieren, was wir sehen“, sagt Sengl über ihre Verwandtschaft zu Karl Kraus. „Ich stelle eigentlich immer nur das dar, was ich erlebe, was ich in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft sehe. Ich erfinde nichts dazu. Das hat auch Karl Kraus gemacht, ‚Die letzten Tage‘ sind hauptsächlich eine Ansammlung von Zitaten und gesprochenem Wort.“ Sengl sieht ihre Arbeit als eine „freie künstlerische Interpretation“ von Kraus’ Werk, wobei sie darin sehr viel Aktuelles und Zeitgemäßes entdeckt hat: „Das Werk liegt zwar hundert Jahre zurück, aber für mich ist es immer noch zeitaktuell. Wir haben vielleicht keinen Krieg in unmittelbarer Nähe, aber der Krieg in uns ist nach wie vor genau so stark, wenn nicht stärker, vorhanden wie damals.“ Bei der Auswahl der Szenen (41 Szenen und drei apokalyptische Monumentalszenen) hat die Künstlerin versucht, einen Querschnitt der verschiedenen Handlungsspielräume zusammenzustellen. Sie reichen von Straßen- und Magistratsszenen über Geschehnisse im Lazarett bis zu den Gräueltaten an den Kriegsschauplätzen.

Deborah Sengl arbeitet eng mit einem Tierpräparator zusammen, der für sie die Rattenfelle anhand von genauen Vorgaben vorbereitet. Die Tiere wurden nicht für die künstlerische Arbeit getötet. Es handelt sich um Futterratten für die Greifvogel- und Reptilienzucht. „Die Entscheidung für die Ratten fiel relativ schnell, weil ich finde, dass sie den Menschen ähnlich sind. Sie sind von den Tieren sicher die egoistischsten Wesen, die zuerst an sich selber denken.“ Die Wahl für weiße Ratten erklärt Sengl damit, dass sie keine Hierarchien oder Wertungen schaffen wollte. Alle sind – so wie es auch Karl Kraus beschreibt – an dem Krieg gleich mitschuldig: die Soldaten, die morden, aber auch die propagandistische Presse oder die Zivilisten, die sich nicht dagegen wehren, Meinungen kolportieren und wiedergeben. Sogar Karl Kraus gibt sich selber in der Schlussszene eine Mitschuld. Dennoch hat sich Sengl dafür entschieden, den „Nörgler“ als schwarze Ratte auftreten zu lassen, da er jene Person ist, die das Geschehen von außen betrachtet. In akribischer Detailarbeit gestaltet Sengl Fahnen und Zeitungen, Möbel und andere Gegenstände wie Hüte oder Schmuck, um die Protagonisten lebendig und die einzelnen Szenen erkenn- und lesbar zu machen. Auch die gebauten Requisiten sind weiß, doch in vereinzelten Szenen kommen Blut, Urin und Alkohol als farbliche Stilmittel vor, um zu verdeutlichen, dass das Grauen immer mehr auch in den Alltag hereinbricht und diese „Reinheit“ gebrochen wird.

Deborah Sengl hat bei Christian Ludwig Attersee studiert. Sie lebt und arbeitet in Wien. In ihren Malereien, Zeichnungen und Skulpturen überträgt sie immer wieder allgemein menschliche Fragestellungen auf das Tierreich und untersucht das Rollenverhalten in der Gesellschaft. „Ich bediene mich deswegen des Tiers als Metapher, weil ich finde, dass man ablenkt, wenn man Menschen darstellt. Man lenkt mit der Physiognomie ab, jeder beginnt, seine subjektive Sicht auf diesen Menschen zu haben.“ Das sei bei einem Tier nicht der Fall, so Sengl, „es ist nur mehr ein Stellvertreter für einen Charakterzug, für eine Handlungsform, für ein Verhalten.“ Die Arbeit für das Essl Museum ist eine konsequente Weiterentwicklung dieses Themas. Sengl gelingt dabei eine künstlerisch mutige Sicht auf Kraus’ Werk und lässt uns dessen Aktualität neu entdecken.

Die Ausstellung eröffnet das Ausstellungsprogramm des Essl Museums für das Jahr 2014, das unter dem Motto „made in Austria“ steht.

www.essl.museum

Wien, 13. 2. 2014