Kammerspiele: Der Vorname

Oktober 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sollbruchstelle der Salonmarxisten

Beim Betrachten des Ultraschallbilds ist noch alles friedlich: Michael Dangl, Marcus Bluhm, Susa Meyer und Oliver Rosskopf. Bild: Herwig Prammer

Wenn sich Michael Dangl von der Josefstadt in deren Kammerspiele begibt, ist das stets ein großes Glück fürs Publikum. Nach der zauber- haften Dragqueen Zaza, dem snobistischen Stotterer Georg VI. oder Rollstuhlfahrer Philippe, gibt Dangl nun den Immobilienmakler Vincent Larchet, wohlhabend – und werdender Vater. Als solcher sprengt er ein Abendessen bei Schwester und Schwager, ist doch „Der Vorname“, den er scheint’s für seinen zu erwartenden Sohn gewählt hat, durch den Millionenmörder schlechthin schwer strapaziert.

Die gewiefte Gesellschaftskomödie des französischen Autorenduos Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, 2012 von den zweien selbst fürs Kino adaptiert, 2018 von Sönke Wortmann neu verfilmt, ist seit gestern in der witzig-spritzigen Inszenierung von Folke Braband auf der Wiener Citybühne zu sehen. Wobei sich der, wiewohl der Streitpunkt aufs Deutsch-Österreichische übertragen von besonderer Brisanz ist, ans Pariser Original hält. Vincent nämlich erklärt, dass sein Baby Adolphe heißen wird – und während er noch versucht auszuführen, er denke dabei an den romantischen Helden aus dem 18.-Jahrhundert-Roman von Benjamin Constant, sind alle anderen geistig längst vom „-Phe“ aufs „-F“ verfallen, und ergo bei Adolf Hitler angelangt. Die Folge: ein intellektueller Flächenbrand.

Großartig ist es, wie Braband die Charaktere von Beginn an in ihren Grundzügen skizziert. Im gutbürgerlich-sophisticated Ambiente von Bühnenbildner Tom Presting sind zuerst Susa Meyer und Marcus Bluhm als Gastgeber-Ehepaar Elisabeth Garaud-Larchet und Pierre Garaud zu erleben, er Professor für Literatur, sie Lehrerin, beide Eltern des hoffnungsvollen Nachwuchs namens Athena und Adonas. Köstlich, wie die beiden Bobo-Akademiker sich auf den sogleich eintreffenden Besuch vorbereiten, die Babou gerufene Elisabeth als Perfektionistin im Vollstress, damit ihr marokkanisches Buffet auch makellos ist, er komplett laid-back, weil sich auf der Meinung ausruhend, dass Haushaltspflichten nicht seine Sache sein können.

Michael Dangl und Michaela Klamminger als die werdenden Eltern Vincent und Anna. Bild: Herwig Prammer

Claudes Geheimnis beschert ihm eine blutige Nase: Oliver Rosskopf mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Dieweil Meyers Babou noch darum ringt, auch in Küchenschürze die Gleichberechtigung der Frau hochzuhalten, fläzt sich Dangls Vincent bereits auf ihrer Wohnzimmercouch, er ist unsichtbarer Erzähler, bevor er Protagonist wird, moderiert sich selbst als Machertyp ein, und zeigt sich bei Auftritt schließlich als sarkastischer Spaßvogel, dem man sein übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit nur verzeiht, weil er so ein sympathisches Schlitzohr ist. Eingeladen ist außerdem Claude Gatignol, Posaunist beim Orchestre Philharmonique de Radio France und ein Freund seit Jugendtagen. Oliver Rosskopf spielt die sensible Seele mit wohldosiertem Humor. Dass Constants Figur Adolphe eine um Jahre ältere Frau verführt, wird für Rosskopfs Claude noch von doppelbödiger Bedeutung sein.

Dangl ist auf seiner Position als Wuchteldrucker wie entfesselt. Er spielt sein komödiantisches Können nicht nur im Konversationston der tadellosen Übersetzung von Georg Holzer aus, sondern sogar in der Körpersprache, und während Tempo-und-Timing-Experte Braband dafür sorgt, dass die Pointen auf den Punkt genau sitzen, steigert sich das Ensemble von den anfangs liebevollen Neckereien unter Menschen, die einander seit Ewigkeiten kennen, zur aggressiv aufgeladenen Hysterie angesichts des historisch belasteten Namens.

Wie Dangls Vincent darauf eine Liste weiterer Allerweltsnamen runterrattert, die für eine Taufe wohl auch nicht mehr zu gebrauchen wären, von August bis Franz, Augusto Pinochet bis Francisco Franco, schlussendlich Josef – Stalin, der den biblischen ausgelöscht hätte, wie Hitler seinen Adolphe, entlarvt die Sollbruchstelle der zu gutsituierten Salonmarxisten mutierten Linksrevolutionäre aufs Vortrefflichste. Die zur Polemik geschliffenen Dialoge, die boshaften Wortgefechte, die Abgründe zwischen großsprecherischen Moralansprüchen und kleingeistiger Gehässigkeit, zwischen gesellschaftspolitischem Über-Ich und privatisiertem Es, entfalten in den 90 Minuten Aufführungsdauer ihre Wirkung: Man sieht in einen Spiegel und lacht.

Babou will nicht hören, was ihr Mann Pierre Besserwisserisches zu sagen hat: Susa Meyer mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Je später der Abend, desto rauflustiger die Gäste: Bluhm, Meyer, Rosskopf, Klamminger und Dangl. Bild: Herwig Prammer

Nicht zuletzt über Bluhms Pierre, der in diesem farbenprächtigen Studierten-Sittenbild den Prinzipienreiter, den – was Belesenheit betrifft, wirklich alles – Besserwisser verkörpert, und der sich dennoch, und dank Babou bequem, in tradierten Rollenklischees suhlt. Im lebenslangen Gockelclinch mit Vincent, der ohne Uni reich wurde, wogegen er mit einem schmalen Hochschulgehalt zufrieden sein soll, wird Pierres antifaschistische Rage rasch auch als Ausdruck von Neid und narzisstischer Kränkung enttarnt. Mit dem verspäteten Erscheinen von Anna stellt sich Vincents Adolf-Ansage als schlechter Scherz heraus.

Ihr ist der Joke gegönnt, sich über den Namenspatron ihres Babys zu freuen, denkt sie ja an Vincents verstorbenen Vater Henri, inzwischen alle anderen den Kopf voll „Führer“ haben und an die Decke gehen, also ist die Ruhe, die kurz eintritt, nur die vor dem nächsten Sturm. Die Anwesenden samt ihren Gesichtszügen entgleisen zusehends, als die Vorwürfe massiver werden, man sich gegenseitig Geizkragen oder Egomane schimpft, arrogant oder rücksichtslos. Heraus stellt sich, wer zu wessen Gunsten die eigene Doktorarbeit aufgegeben hat, oder wer vor dreißig Jahren tatsächlich den Pudel der Tante ertränkte.

Nach und nach werden nicht nur Eigenschaften und Eigenheiten des Quintetts bloßgelegt, sondern auch diverse Ressentiments, die den für sich in Anspruch genommenen Humanismus unter der Gürtellinie treffen. In diesem Infight der Josefstädter bewährt sich Neuzugang Michaela Klamminger bestens, die sich mit ihrer pfiffigen Darstellung der so fragil wirkenden, hochschwangeren Anna, die aber genau weiß, wie sie ihren Filou Vincent an die Kandare nimmt, für kommende größere Aufgaben empfiehlt. Als alle ihr Pulver beinah verschossen haben, schießt sich die Gruppe auf Claude ein, reibt diesem seinen ihm bis dahin verheimlichten Spitznamen unter die Nase, „Reine-Claude“, dieser Wortwitz mit la Reine/die Königin allerdings nicht einzudeutschen, hält man den Musiker doch für schwul.

Da bleibt’s nicht beim verbalen Schlagabtausch, da fliegen alsbald die Fäuste, wenn nun Claude seinerseits ein Geheimnis offenbart, eine Bombe platzen lässt, indem er gesteht, dass er schon seit Jahren eine Frau habe, eine Geliebte – und diese sei Françoise, die Mutter von Babou und Vincent. Nach einem Uppercut für Claude lässt Dangl seinen Vincent in mustergültiger Muttersöhnchen-Art in sich zusammenbrechen, Mama hat Sex!, doch Susa Meyer gehört, als alle anderen am Ende sind, die Highlight-Szene dieses höchst amüsanten Abends: eine emanzipatorische Explosion samt Abgang mit einer Flasche Hochprozentigem … Mit viel Gespür für Doppelsinn und Hintersinn haben Folke Braband und seine Schauspieler die bildungsbürgerliche Fassade der Familie Garaud-Larchet zum Zerbröseln gebracht. „Der Vorname“ an den Kammerspielen ist ein scharfzüngiges, augenzwinkerndes, aberwitziges Stück Theater. Und absolut sehenswert!

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=asym-zVSPWw           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

netzzeit 2019 Out of Control: Dionysos Rising

September 20, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bakchen wurden in die Psychiatrie überstellt

Umringt von allerlei surrealem Volk: Zachary Wilson als Dionysos mit Knochendaimon Evandro Pedroni, Da Yung Cho als Telete, Waldgeist Britt Kamper-Nielsen, Faun Juliette Rahon, Anna Quadrátová als Semele und Nymphe Luan de Lima. Bild: © netzzeit

“Ist der Dame nicht gut?”, fragt eine Zuschauerin mit Blick auf die junge Frau, die sich in einer Ecke auf dem Boden windet. Es ist Sopranistin Da Yung Cho in ihrer Rolle als Telete, die die prickelnde Atmosphäre des Sektempfangs auf der Spielfläche stört. Gerade, als das Publikum sich zuprostet, der Gott des Weines wie des Rauschs lässt keine gläserne Flöte lange leer, wird seine Tochter verhaltensauffällig, die Vortänzerin seines Nachtvolks nicht mehr nur im Ritual rasend – und schon stürmen Ärzte und Pfleger den Raum. Die Bakchen, sie wurden in die Psychiatrie überstellt …

Nach der umjubelten Uraufführung in Trient brachten Regisseur Michael Scheidl und Ausstatterin Nora Scheidl die Oper “Dionysos Rising” gestern im Wiener MuseumsQuartier zur Österreichischen Erstaufführung. Das musiktheatralische Werk von Komponist und Librettist Roberto David Rusconi markiert gleichsam den Auftakt von “netzzeit 2019 Out of Control” mit insgesamt drei Produktionen, die unter dem Motto “Der ewige Augenblick” stehen. Rusconi ließ sich für seine Arbeit von den „Dionysiaka“ des spätantiken, byzantinischen Dichters Nonnos von Panopolis inspirieren. Entstanden ist ein Meisterstück aus Schauspiel, Gesang – in italienischer Sprache mit Übertiteln – und Tanz.

Das Klangerlebnis ist ein einzigartiges, sind doch das live hinter der Bühne musizierende Instrumentalensemble PHACE unter der Leitung von Dirigent Timothy Redmond und sieben Chorstimmen dank des Surround Sounds von L-ISA, derzeit die innovativste Technologie auf diesem Gebiet und von Rock- und Elektropop-Bands wie Aerosmith oder Lorde bereits mit Begeisterung benutzt, von allen Seiten des Raums zu hören. „Soundscape“, Klanglandschaft, nennt Rusconi das so entstehende Phänomen, und er weiß sich damit als Pionier in Sachen Musikdrama.

Männliche Nymphe trifft auf weiblichen Faun: Die Tänzer Luan de Lima und Juliette Rahon. Bild: © netzzeit

Der Knochendaimon gibt Semele den Blutwein des toten Ampelos: Evandro Pedroni, Ray Chenez und Anna Quadrátová. Bild: © netzzeit

Dass derzeit am Burgtheater Ulrich Rasches Interpretation der Euripideschen „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) zu sehen ist, ist eine Koinzidenz, die wohl niemand vorhersagen hätte können. Bei Rasche wie bei Rusconi steht Dionysos für Instinkt und Emotion, für Kräfte jenseits des Rationalen, doch was dem einen numinos erscheint, erfasst der andere als heilsbringend. Die Welt müsse weg von einem Wertesystem, in dem Information mit tieferem Verständnis gleichgesetzt wird, befindet denn auch Michael Scheidl in seinen einleitenden Worten.

Leistungsdruck, Geldgier, Selbstentfremdung, den von Politik und Wirtschaft befeuerten “Flächenbränden des Hasses und der Regenwälder”, gelte es Empathie und Mut zur mänadischen Ekstase entgegenzusetzen. Im Erkennen, dass einen ein Zuviel an Seelenregung in der kalten Nüchternheit dieser Tage aber schnurstracks in die Nervenheilanstalt bringt, hat Rusconi eine solche als Setting gewählt. Zwangseingewiesen sind vier ver-rückte Menschen, deren Leiden die beiden “seriösen Herren” Michael Scheidl und Claudio Polzer diagnostizieren: Sopranistin Anna Quadrátová als Dionysos‘ Mutter Semele ist eine von Wahnvorstellungen von Feuern gepeinigte Frau.

Mit Kaiserschnittnarbe, aber ohne Säugling, wurde sie doch laut Mythologie, als sie Zeus in seinem ganzen Glanz sehen wollte, von diesem verbrannt – worauf Hermes ihre Leibesfrucht bis zur Geburt in Vater Zeus’ Oberschenkel barg. Dass ihr ihre absonderliche Sex-Story niemand glaubt, versteht sich. Sopranistin Da Yung Cho ist als Dionysos‘ Tochter Telete eine offensichtlich mehrfach vergewaltigte Borderlinerin, die allen ihre Freundschaftsbändchen aufzwingt.

C-Tenor Ray Chenez sitzt als Dionysos‘ Geliebter Ampelos im Rollstuhl. Denn der Legende nach stürzte der Satyr von einem Stier, den er bei einer Jagd ritt, wurde vom wütenden Tier zu Tode getrampelt, und von Dionysos daraufhin als Sternbild des Bärenhüters an den Himmel gehoben. Rusconi hat ihm eine narzistische Persönlichkeitsstörung verpasst, Nora Scheidl eine Taleguilla, eine Matadorhose, und Michael Scheidl lässt ihn damit zähnefletschend grinsend über die Spielfläche fahren. Und schließlich Bassbariton Zachary Wilson als der Gott höchstselbst – ein herablassender Heroinsüchtiger im Slim-Fit-Anzug, bei dem die Psychiater Größenwahn und eine kognitive Störung konstatieren.

Da Yung Cho macht auf wütender Stier, hinten: Ray Chenez als Rollstuhlfahrer Ampelos. Bild: © netzzeit

Die Bakchantinnen und Bakchanten feiern im wilden Tanz ihren Gott Dionysos: Evandro Pedroni. Bild: © netzzeit

Wie diese jungen Sängerinnen und Sänger stimmlich absolut auf der Höhe sind, vor allem darf man von Chenez‘ die Luft zerschneidendem, eisklarem Timbre angetan sein, ist großartig, dass sie es auch darstellerisch und tänzerisch sind, gehört zu den erstaunlichen Momenten dieser Aufführung. Als wären sie einer die Halluzination des anderen prallen die im klinischen Orkus Gestrandeten nun aufeinander, holen aus Kartons ihr Hab und Gut, eine kopflose Babypuppe und Stilleinlagen, goldene Parfümflakons und Kokain fürs “süße Delirium”, einen Kranz aus Weinlaub für den Fleisch gewordenen Rebstock.

Und während Dionysos auf Ampelos trifft und ihn zärtlich “Mondkalb” nennt, während Telete versucht, sich mit ihrer Strumpfhose zu erdrosseln, und Semele mit ihrem Therapeuten spricht, donnern aus dem Off die düsteren Stimmen von Göttervater Zeus, von der den Schicksalsfaden kappenden Moira Atropos, von Ate, Göttin der Verblendung, und von dem die Ewigkeit lenkenden Eon. Mehr und mehr verschmelzen die Protagonisten mit ihren klassischen Vorbildern, sich verzehrend nach dem einen, im Schmerz über den unwiederbringlichen Verlust von Lebensfreude und Lust, Opfer hier – siehe Rasche – nicht des Sorgenbrechers, sondern eines apollinischen Prinzips.

Einer Kopflastigkeit, die der Körperlichkeit den Kampf ansagt. Bahn bricht sich nun Rusconis und Scheidls Plädoyer, die Macht von Empfindungen wieder auf Augenhöhe mit der Geistesstärke zu bringen. Der Albtraum wird zum Traumtanz, die beigen Wandpaneele fallen, Geschlechtszuschreibungen ebenso, und die Tänzerinnen und Tänzer, Luan de Lima als männliche Nymphe, Britt Kamper-Nielsen als Waldgeist, Evandro Pedroni als Knochendaimon und Juliette Rahon als weiblicher Faun, stellen sich mit den Sangeskünstlern zum stilisierten Sirtaki auf. Es ist das Totenfest für Ampelos, doch unter Dionysos’ Ägide verfliegt die Trauer rasch. Immer verzückter und entrückter stampfen sie auf, drehen sich in der Choreografie von Claire Lefèvre wie in Trance. Wenn Chaos konstruktiv und Methode ist, wieviel Sinn liegt dann im Wahn? Eine Frage, die “Dionysos Rising” auf geradezu genialische Art stellt. Antworten darauf kann man noch heute und morgen suchen.

Teaser: www.facebook.com/newmusictheatrefestival/videos/2490249161233863/          www.netzzeit.at

  1. 9. 2019

Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge

Juli 31, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Oma in der Tiefkühltruhe

Landet bald bei den Tortelloni in der Tiefkühltruhe: Sixties-Bond-Girl Barbara Bouchet füllt die Rolle der Nonna Birgit mit – naja – Leben. Bild: Polyfilm Verleih

Italienisches Temperament, spritzige Dialoge und ein sympathisches Schauspielerpaar, bei dem die Chemie augenscheinlich stimmt, das sind die Zutaten, die die Komödie „Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge“ der Regisseure Giancarlo Fontana und Guiseppe Stasi zum Gourmetstück der diesjährigen Sommerkinokost machen. Ab Freitag läuft der ungewöhnliche Mix aus Romantic Comedy, „eiskaltem“ Slapstick und Kritik am korrupten staatlichen System – immerhin erlangten Fontana und Stasi mit einem

satirischen Youtube-Video über Silvio Berlusconi erste Bekanntheit – auch über die heimischen Leinwände. In den ersten drei Szenen werden die Protagonisten in einem Tempo präsentiert, dass einem die Luft wegbleibt. Erst die Kamerafahrt durch die Tiefkühltruhe, bei der’s von unten nach oben durch Omas Gefrierbrandberge geht, das kennt man so auch von der eigenen Großmutter, während diese unverdrossen die nächsten Beutel hausgemachter Tortelloni aufs Frostkristallszenario häuft. Dann die späteren Liebesleute, der diensteifrige Finanzpolizist Simone und die hoch verschuldete Kunstrestauratorin Claudia, er verkleidet als Pfarrer und wie er kurz vor knapp aus der Soutane springt, um die Vermählung einer Greisin mit einem Ganoven zwecks Vermögenstransfers zu verhindern, sie im Museum, mit Spraydose vor einem Caravaggio-Gemälde, dessen Zerstörung sie androht.

Claudia und ihre Mitarbeiterinnen müssen sich Großmutters Rente sichern: Marina Rocco, Miriam Leone und Lucia Ocone. Bild: Polyfilm Verleih

Der strenge Finanzpolizist Simone hat mehr als genug Arbeit für sein Team: Fabio De Luigi mit Francesco Di Leva, Carlo Luca De Ruggieri und Susy Laude. Bild: Polyfilm Verleih

Das Museum nämlich schuldet Claudia nicht weniger als 160.000 Euro, die Gehälter ihrer Mitarbeiterinnen Rossana und Margie kann sie nur dank der Rente ihrer Nonna Birgit bezahlen – und als sich die mit dem Pathos einer Heiligen zum Sterben hinlegt und tatsächlich in eine bessere Welt wechselt, fassen die drei den Entschluss, die Großmutter zwischen die Tiefkühlware zu betten, auf dass der monatliche Pensionsscheck die Pleite weiterhin abwende. „Metti la nonna in freezer“ lautet auch frech der Originaltitel des Klamauks, in dem in weiterer Folge nicht nur Simone, seine Jagd auf einen steuerhinterziehenden Mafiosi, sein trotteliger Konkurrent und Generalssöhnchen Rambaudo, sondern auch ein alter Verehrer der Nonna für Chaos sorgen.

Nun ist der filmische Versuch, eine Leiche einerseits zu verstecken, sie andererseits aber aus Notwendigkeiten ab und an lebendig erscheinen zu lassen, nicht neu. Im Gegensatz zum Brachialhumor in beispielsweise Ted Kotcheffs „Immer Ärger mit Bernie“ halten Fontana und Stasi ihren Einfrier-Auftau-Spaß aber in der Waage zwischen makaber-frostig und herzerwärmend. Dazu kommt die Spielfreude, mit der Miriam Leone und Fabio De Luigi an ihre Rollen der Claudia und des Simone herangehen. Kennenlernen sich die beiden bei einer von Simones „Aktionen“. Gerade als der Museumsbeamte Claudia ein unsauberes Angebot wegen der ausstehenden Zahlungen macht, enttarnt sich Simone als Ritter in der Rüstung – und nimmt den bestechlichen Staatsdiener fest. In Simones Kopf läuft das gute alte „Tu“ von Umberto Tozzi. Es ist Liebe auf den ersten Blick.

Wo die Liebe hinfällt, nehmen die Verdächtigungen zu: Fabio De Luigi und Miriam Leone. Bild: Polyfilm Verleih

Nun sind, was für Claudia Lucia Ocones „Rossana“ und Marina Roccos „Margie“ ist, für Simone seine Untergebenen, und die wollen ihren in Liebesdingen zu Katastrophen und Fettnäpfchen neigenden Chef unbedingt verkuppeln. Nicht zuletzt aus Eigennutz, um dem Workaholic endlich wieder einmal ein arbeitsfreies Wochenende abzutrotzen. Francesco Di Leva, Susy Laude und Carlo Luca De Ruggieri sind großartig als Kupplertrio, nur begehen sie, unwissentlich der Wahrheit auf der Spur, den Fehler über die Rente der Nonna und, warum diese wohl Claudias Firma über Wasser hält, zu sprechen.

Mit dem Resultat, dass sich die alarmierte Claudia in so waghalsigen wie abstrusen Täuschungs- und Verstellungsmanövern verstrickt, Irrungen und Wirrungen, durch die Simone stolpern muss, hält sie ihn doch für abgefeimter als er ist, wenn er in seiner Tollpatschigkeit eher bedrohlich als charmant klingt … Die wunderbare Barbara Bouchet füllt die Figur der Nonna Birgit, na, nicht direkt mit Leben, aber es ist großartig, was das Sixities-Bond-Girl aus dieser stummen Rolle herausholt.

Egal, ob Simone ihr in einer rührenden Sequenz sein Herz ausschüttet, sie sich auf einer rasanten Rollstuhlfahrt wiederfindet, oder auch nur leise vor sich hin tröpfelt: Die Bouchet beherrscht das Geschehen. Zum Ende gibt’s noch zwei, drei Kniffs, und dann kommt es doch unerwartet, wie der Film angesichts der Allgegenwart von Korruption, Betrug und Misswirtschaft die Frage aufwirft, wie viel Korrektheit man sich als Staatsbürger eines zutiefst unkorrekten Staats eigentlich leisten kann. Das gibt dem komödiantischen Treiben eine gewisse Tiefe – in erster Linie aber ist „Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge“ ein Wohlfühlfilm zum Einkuscheln und Lachen.

Video:

 

www.filmhaus.at/film/nonna-mia

  1. 7. 2019

Wiener Festwochen: Orest in Mossul

Juni 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater aus der Todeszone

Bild: © Michiel Devijver

Von „Breiviks Erklärung“ bis „Kongo Tribunal“, von Ceausescus Rumänien bis zum Völkermord in Ruanda – der Schweizer Theatermacher Milo Rau ist einer, der den Finger in die Wunden dieser Welt legt, und dies nicht in der geschützten Werkstätte eines Stadttheaters, sondern vor Ort, mitten im Krisengebiet. Wobei Rau ein solches zur Verfügung steht, das Nationaltheater Gent, dessen Leiter er ist, und mit dessen Ensemble er das sogenannte „Genter Manifest“ veröffentlicht hat.

Erster Satz: „Es geht nicht mehr nur darum, die Welt darzustellen. Es geht darum, sie zu verändern.“ Oberste Maxime: Mindestens eine Produktion pro Jahr in einer Gefahrenzone zu erarbeiten – „wörtliche Adaption verboten“. In Wien, wo Raus Arbeiten bisher selten zu sehen waren, präsentiert er nun im MuseumsQuartier seine jüngste, „Orest in Mossul“, für die das NTGent vergangenen Winter in den Irak reiste. Mossul, nördlich von Bagdad, nach diesem die zweitgrößte Stadt des Landes, 2014 vom Islamischen Staat eingenommen, drei Jahre später von irakischen Streitkräften zurückerobert, liegt in Trümmern. Auch durch die Bombardements der britischen und amerikanischen Verbündeten. Der IS ist zwar vertrieben, aber keineswegs komplett besiegt.

In diese Ausgangssituation stellte Rau nun „Die Orestie“ des Aischylos, gespielt von flämischen, deutschen und irakischen Schauspielern, für letztere das Ganze mit einem Workshop verbunden, sie sind nun via Video als Chor zu sehen. Die Aufnahmen wurden in der zerstörten Kunstakademie von Mossul gedreht. Mit der Produktion durch Europa zu touren wird den Irakern nicht gestattet, Behörden befürchten Asylanträge.

Rau liebt das symbolisch Bedeutungsschwangere, hier ist es Mossul gleich Mykene, die endlose Reihe von Gewalt und Rache und Gegengewalt im Geschlecht der Atriden gleich der Lage der Menschen in Mossul. Doch während in der antiken Tragödientrilogie Pallas Athene den Mörder Orest freispricht, durch quasi Einführung der Demokratie dessen Taten tilgt – und auch noch die Erinyen zu Eumeniden besänftigt -, muss die Bevölkerung Mossuls die Waagschalen von Vergebung und Vergeltung ohne göttlichen Richtspruch austarieren. Und ist, um dies gleich vorwegzunehmen, zum Verzeihen nicht bereit. Am Schluss der Aufführung steht ein Weder-Noch: Nicht töten, aber auch nicht von der Schuld lossprechen. Da braucht’s nicht lang nachzudenken, wieviel Konfliktpotenzial das birgt.

Bild: © Michiel Devijver

Bild: © Michiel Devijver

Was Rau an der „Orestie“ interessiert, die Einführung eines modernen Rechtssystems, ein Ende der blutigen Abwärtsspirale durch einen Prozess, der eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft erlaubt, findet in der Realität nicht statt. Die Darstellerin der Athene, Khitam Idress, und ihre Familie waren direkt vom IS-Terror betroffen, so gibt sie bei der Abstimmung zwar wie vorgeschrieben Orest ihre Stimme, nicht aber gefangengenommenen Kämpfern des Kalifats. Derart spiegelt Rau jede Szene, lässt Filmsequenzen von Moscheeruinen und menschlichen Überresten auf Schutthalden mit auf der Bühne Gespieltem reagieren und umgekehrt. Die Ankunft von Agamemnon und Kassandra, Johan Leysen und Susana AbdulMajid, ist als Live-Video zu sehen, ein Begrüßungsmahl mit zunehmend gereiztem Smalltalk. Elsie de Brauw gestaltet die Klytaimnestra mit hoher Intensität und einer Anspannung, die sich elektrisierend auf den Zuschauer überträgt.

Dann wieder fällt Rau vom Künstlerischen ins Brisant-Politische. Nach dem Bild eines Hochhauses von dessen Dach der IS Homosexuelle in den Tod stürzte, zeigt er Orest und Pylades, Duraid Abbas Ghaieb und Risto Kübar, als schwules, sich küssendes Paar – keine ganz neue Idee, die hatte weiland schon Pasolini, und in der Halle E nicht der Rede wert, in Mossul hingegen ein lebensgefährlicher Protestakt und von Athene natürlich als „haram“ verteufelt. Auch die als Reenactment vorgeführten Hinrichtungen können in diese Kategorie eingeordnet werden.

Eine Neudeutung der „Orestie“ darf man sich von Milo Rau nicht erwarten, was „Orest in Mossul“ auslösen will, ist Betroffenheit. Und über diese ein weiteres Nachdenken. Das gelingt perfekt. Wenn einer der Darsteller sagt, laut Aischylos habe man aus dem Leiden zu lernen, die Frage sei nur: Was?, dann lässt einem dieser er/lösungsfreie Satz kaum Luft zum Atmen. Im Wissen, dass das Drama hier ja Wirklichkeit ist, und ein antiker Familienfluch ganz nah an einer heutigen Kriegsbiografie.

Video: www.youtube.com/watch?v=YzJlCzvLpII

www.festwochen.at

7. 6. 2019

Kunsthalle Krems – Hans Op de Beeck: The Cliff

März 5, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Leben, zu grau gefroren

Hans Op de Beeck: The Cliff, 2019. Courtesy der Künstler und Galerie Krinzinger, Wien. © Studio Hans Op de Beeck

Hans Op de Beeck entführt in melancholische Bildwelten zwischen Traum und Wirklichkeit. Es sind Bühnen der Imagination und Kontemplation, räumliche Bildsituationen der Stille, Zeitlosigkeit und Abgeschiedenheit. Teils sind sie real begehbar, teils im filmischen oder bildlichen Medium erfahrbar. Hans Op de Beeck ist Regisseur, Choreograf, Kurator, Bühnenbildner, Maler und Bildhauer in einer Person. Die Ausstellung „The Cliff“, ab 3. März in der Kunsthalle Krems zu sehen, hat der 1969 geborene Belgier selbst choreografiert und dafür eigens neue skulpturale Installationen geschaffen. Sie wird zur Passage, zur Reise.

Man trifft auf monochrome Environments, in Grau gefasst: ein schlafendes Mädchen, das auf einem Floß im Wasser treibt, Kinder, die in das Spiel mit Murmeln oder Pfeil und Bogen versunken sind, und ein Liebespaar, das auf einem Felsen sitzt. „The Cliff“, wie diese eigens für Krems geschaffene Arbeit und zugleich die Ausstellung heißt, ist ein romantisches Naturstück in Form einer lebensgroßen skulpturalen Installation. Der offene Blick des Mädchens ist in die Ferne gerichtet, während sich die Aufmerksamkeit des Jungen ganz auf sie konzentriert.

Die Arbeit ist ein bittersüßes Bild der Launen junger Liebe, geprägt von Unschuld und darauf angelegt, die Gefühle der Betrachter anzusprechen. Kunst und Alltag verschwimmen ineinander; real anmutende Personen und Objekte mutieren in ihrer Monochromie zur Skulptur. Das Leben scheint angehalten, pompejanisch einzementiert.

Hans Op de Beeck: Brian, 2018. Courtesy der Künstler und Galerie Krinzinger, Wien. © Studio Hans Op de Beeck

Hans Op de Beeck: Sleeping Girl, 2017 (Detail). Courtesy der Künstler. © Studio Hans Op de Beeck

Nächtens taucht Op de Beeck als Maler und Zeichner in die Welt des Aquarells und der Tuschmalerei ein, deren Nässe der präzisen Sachlichkeit eine malerisch-lyrische Atmosphäre verleiht. Manchmal fungieren diese Blätter als Kader für filmische Projekte –etwa für den aus nächtlichen Szenen bestehenden Animationsfilm „Night Time“ aus dem Jahr 2015, der neben einer Auswahl von weiteren Filmen in der Ausstellung präsentiert wird. Darunter befindet sich auch „Staging Silence (2)“ von 2013. In dem Film erscheinen Hände, die auf einer Bühne mit alltäglichen Gegenständen wie Plastikflaschen oder Zuckerwürfeln imaginative Settings kreieren.

Eine surreale Reise durch die wundersam melancholische Welt des Hans Op de Beeck. 2016 installierte der Künstler auf der Art Basel ein skulpturales Environment in Grau: „The Collector’s House“, eine „neureiche“ Villa mit Bibliothek, Seerosenteich, Klavier, Schaukästen mit Sammlerstücken im Wunderkammerstil, alltäglichen Objekten wie Aschenbechern und Getränkedosen sowie menschlichen Figuren, die zwischen Realität und skulpturaler Dimension changierten – alles im Maßstab eins zu eins.

Darin bewegten sich die Ausstellungsbesucher als rezipierende Protagonisten des magisch-melancholischen Ambientes. Die Kremser Schau legt den Schwerpunkt auf solche raumgreifenden skulpturalen Werke.

www.kunsthalle.at

2. 3. 2019