Kunsthalle Wien – Gelatin & Liam Gillick: Stinking Dawn

Juli 3, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Schau, die Besucher zu Schauspielern macht

Gelatin: Stinking Dawn, 2019. Bild: © Gelatin, Courtesy Galerie Meyer Kainer, Wien

Am 4. Juli startet in der Kunsthalle Wien das jüngste Projekt von Gelatin und Liam Gillick. „Stinking Dawn“ ist eine Ausstellung, die den Produktionsprozess für einen abendfüllenden Spielfilm abbildet. Unter der Regie von Gillick und auf Basis seines Drehbuchs wird die Wiener Künstlergruppe die Hauptrolle in diesem Experiment spielen, das die Grenzen menschlicher Toleranz angesichts von Unterdrückung, politischen Krisen und überbordender Selbsttäuschung auslotet.

Sie sind die Hauptdarsteller – vier privilegierte junge Leute, die in einer Zeit der Krise aufwachsen und verschiedene Stadien der Entwicklung und Selbstreflexion durchlaufen bis zu einem endgültigen Moment des Zusammenbruchs, der Verschwörung und der gescheiterten Träume.

Während der Drehtage von 4. bis 13. Juli wird das gesamte Publikum zu potenziellen Akteurinnen und Akteuren im von Gelatin gestalteten, begeh- und veränderbaren Bühnenbild – einer monumentalen, scheinbar steinernen Bauklotz-Architektur aus Kolonnaden, Amphitheatern, Nachtclub-Interieurs und Gefängniszellen.

Permanente Akteure sind allein Gelatin, die in selbst gefertigten Kostümen jene „bedauernswerten jungen Snobs“ spielen, die, wie Gillick erläutert, „versuchen, sich in dem, was man schon jetzt als Post-Linksradikalismus bezeichnen könnte, über Wasser zu halten“. Was sich zunächst anhört wie die Verwirklichung eines sozialistischen Wunschtraums, wird rasch zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit Idealen und Wertvorstellungen, die unter den aktuellen Bedingungen der „postutopischen Situation“ zusehends erodieren – jener sehr realen Ängste, Neidgefühle und Konformismen, die von der „neoliberalen Gegenreformation“ geschürt werden. Das Filmskript nimmt in Teilen Bezug auf das 1998 erschienene Buch „Vivre et penser comme des porcs. De l’incitation à l’envie et à l’ennui dans les démocraties-marchés“ des französischen Philosophen und Mathematikers Gilles Châtelet.

Gelatin in Schweden, 2009. Bild: © Gelatin

Gelatin Studio, 2008. Bild: © Maria Ziegelböck

Das „Schwein“ ist hier der neoliberale Egomane, dessen Begierden, Strategien und Projekte allein auf die Steigerung der Produktivität und Profitabilität des eigenen Humankapitals ausgerichtet sind. „Stinking Dawn“ bezieht auch die Lebensgeschichte des Verlegers und aktiven Kommunisten Giangiacomo Feltrinelli mit ein, der einer reichen italienischen Familie entstammte und 1972 unter umstrittenen Umständen ums Leben kam, nachdem er den Staat direkt attackiert hatte. Liam Gillick geht es in seiner künstlerischen Praxis seit den 1990er-Jahren darum, jede Art auktorialen Machtgebarens auszuschließen und ihm durch die eigene Praxis etwas qualitativ Neues entgegenzusetzen. Auch Gelatin haben immer wieder Alternativen zu herkömmlichen Kunstmodellen gesucht und neue Wege der Lebensgestaltung künstlerisch umgesetzt. Sie werden das Drehbuch kontinuierlich um parallele Erzählungen zu dessen Haupttext erweitern.

Gelatin & Liam Gillick: Stinking Dawn, 2019. Bild: Courtesy Galerie Meyer Kainer

Gelatin & Liam Gillick: Stinking Dawn, 2019. Bild: Courtesy Galerie Meyer Kainer

Nach den Drehtagen im Juli beginnt im Studio die Postproduktion des Films, wobei im Laufe der Ausstellung immer wieder neue – ganz oder teilweise fertig geschnittene – Sequenzen auf die Kulissen im Raum projiziert werden. Dem prozesshaften, nie stringent durchchoreografierten Charakter des Films entspricht somit auch die Ausstellung, die sich bis zum Ende laufend verändern wird. Deren „Ende“ ist zugleich der Auftakt zur Uraufführung des Films, die im Herbst an einem noch nicht genannten Ort außerhalb der Kunsthalle Wien stattfinden wird.

www.kunsthallewien.at           www.gelitin.net

3. 7. 2019

Susanne Lietzow inszeniert in Linz und Feldkirch

September 8, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater Phönix: Leonce und Lena

Projekttheater: Foxfinder

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl
Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Susanne Lietzow ist zurzeit in Oberösterreich und in Vorarlberg als Regisseurin zugange. Am Linzer Theater Phönix bringt sie am 10. September Georg Büchners virtuoses Spiel „Leonce und Lena“ auf die Bühne. Sein 1836 verfasstes einziges Lustspiel ist ein absurd-romantisches Märchen, eine bitterböse Satire über die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit. Eine Persiflage auf die Weltfremdheit und Dekadenz eines elitären Standes, der es sich leisten kann, sich Langeweile zum Problem zu machen, während das Volk schuften muss, um zu überleben. Das Theater Phönix sieht in Büchners Kritik an der Ausbeutung des Menschen durch den Staat und das Feudalsystem durchaus Parallelen zu den Zuständen unserer Zeit. Es gehe um eine „No-Way-Out-Generation, die sich in einer ausweglosen Situation befindet“, so die Regisseurin. Das Stück habe „sowohl eine romantische als auch eine politische Seite in einer einzigartigen Sprache, die direkt unter die Haut geht.“

Julia Jelinek, die gleichzeitig in den österreichischen Kinos im Film „Der Blunzenkönig“ an der Seite von Karl Merkatz zu sehen ist, wird die Prinzessin Lena verkörpern, die vor der arrangierten Ehe mit Prinz Leonce flüchtet und sich inkognito dennoch in ihn verliebt. Phönix-Stammspieler David Fuchs wird den Prinzen Leonce spielen. Außerdem zu sehen: Rebecca Döltl, Tänzer und Choreograf Daniel Feik, neu im Phönix-Team: Markus Hamele, Klaus Huhle („Ihm laufe ich schon seit vier Jahren nach!“, sagt Lietzow), Sebastian Pass und Felix Rank. „Leonce und Lena“ spielt diesmal auf Kunsteis – und das Schauspielteam auf Eislaufschuhen. Dafür gab es Unterricht vom Linzer Eiskunstlaufverein.

Am 17. September folgt am Projekttheater Susanne Lietzows Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder – Zeit der Füchse“. In ihrem preisgekrönten Stück zeichnet die britische Autorin eine raffiniert-groteske Parabel auf den Überwachungsstaat. Eine aberwitzige Ausgangssituation, überzeichnete Figuren und pointierte Stakkato-Dialoge machen „Foxfinder“ zu einem Stück wie gemacht für das Ensemble des Projekttheaters. Den Menschen geht es schlecht. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Missernte sorgen für Unmut und Verzweiflung in einer ländlichen Gegend irgendwo in England. Ein Feindbild muss her. Der Fuchs. Er verseucht die Bauernhöfe, beeinflusst das Wetter, manipuliert Träume und Verstand und tötet unschuldige Kinder – predigt der staatliche beauftragte „Foxfinder“ William Bloor, gespielt von Rafael Schuchter. Er platzt in die Welt des Ehepaars Samuel (Marc Fischer) und Judith Covey (Martina Spitzer) und der Nachbarin Sarah (Maria Hofstätter). Das Ehepaar Covey, geschockt vom plötzlichen Tod des Sohnes und verzweifelt wegen der schlechten Ernte, wird zur Zielscheibe des Foxfinders. Gespielt wird am magischen Ort der Johanniterkirche Feldkirch.

Im Februar/März 2016 kommt die Produktion als Gastspiel ins Theater Nestroyhof Hamakom.

www.theater-phoenix.at

www.projekttheater.at

Wien, 8. 9. 2015