Burgtheater online: Wiener Stimmung Folge #1

Mai 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“

Wiener Stimmung Folge #1: Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“. Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Wien im Frühjahr 2020 ist eine Stadt im Ausnahmezustand, die politischen Entscheidungs- träger souverän, ihre Umfragewerte auf historischem Hoch. Niemand hat es kommen sehen, niemand war darauf vorbereitet, aber die „Österreicherinnen und Österreicher“ – und laut Kurz‘ Arbeit sonst niemand! – leisten alle brav ihren Beitrag. In dieser historischen Situation hat das Burgtheater österreichische und in

Österreich lebende Autorinnen und Autoren eingeladen, kurze Monologe für das Ensemble in Quarantäne zu schreiben. Derart ist aus der Isolation ein Netz aus Geschichten entstanden, ein Stimmungsbild, ein fingierter Stadtplan, ein Bewegungsmuster, ein Parallel-Wien aus Ansichten, Bekenntnissen und Verlautbarungen, die nun jeweils donnerstags und samstags um 18 Uhr auf www.burgtheater.at/wiener-stimmung online gehen.

Den Uraufführungsreigen gestartet hat Norman Hacker mit dem von Franzobel verfassten Text „Die Säuberung“, und großartig ist, was man in der Regie von Mechthild Harnischmacher, Videoart von Sophie Lux, zu sehen bekommt. Den Hacker als Home-Hackler, sozusagen unrasiert und fern der Heimat-Bühne, wie er halbnackt (weil: die Untergürtel-Hälfte sieht man nicht) in den Spiegel spricht. Und mit einer/m imaginären [?] PartnerIn.

Das hat was von Krapp’s Last #Corona-Tape mit einem Hauch Herr Karl, zweiteres soweit es das Wechseln vom Wienerischen zum Hochsprach-Firnis betrifft und selbstverständlich das Vernadertum. Hat zwar nicht er, doch immerhin sein unsichtbarer Raumteiler fürs Anzeigen von Mundschutzsündern den Orden Pandemiebekämpfer 1. Klasse verliehen bekommen. Weshalb die Franzobel-Figur ihn oder sie nun auch vom Fenster weg kommandiert, weil man will schließlich selber auch, ned woa …

Jahreszahl, Tages- oder Nachtzeit, Krisendauer, nichts genaues weiß man nicht, die -stimmung ist so, als ob’s schon lange währe. „Die Säuberung“ ist ein schwarzweißer Endzeitmonolog im Desinfektionsvollbad, eine typisch Franzobel’sche Farce, hinterfotzig und – siehe doppelsinnigem Titel – mit heimtückischem Ende, und Norman Hacker versteht sich in Großaufnahme famos aufs Fotzn-Ziehen, während man vom Gesagten eine feste kriegt. So gesamtgesellschaftlich betrachtet, denn Hacker belässt es nicht beim Lamentieren über Fressattacken, Kiloexplosion und Apfelstrudelsucht.

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Zunehmend ist er vom Wahnsinn angepeckt. Der Zusammenhang Ausgangssperre/Alkoholkonsum ist evident. Einen genial paranoid klaustrophoben Charakter hat Franzobel da erdacht, „Glaubst lebt noch wer?“, fragt er ängstlich, weil, wenn nicht, wem soll er dann die Hauspatschen als Pendlerpauschale in Rechnung stellen? „Manchmal träume ich, außer dem Paketzusteller sind alle tot, und die Pressekonferenzen Aufzeichnungen.“ Ein Glück, heißt der Erreger #Corona, wie majestätisch das klingt, und immer heftiger infiziert sich Franzobels Protagonist mit jenem Virus namens autoritärer Maßnahmenstaat.

Mit zwei Streichhölzern, gerade noch zum Entfernen des Schlafgrinds genutzt, zeigt Hacker einen eben gesichteten Verstoß gegen’s social distancing, dieses bereits fixer Kandidat für die Wahl zum Unwort des Jahres, soooo nah, echauffiert sich Hacker, sind sie sich gestanden. Wo man weiß, dass heutzutag‘ jeder eine biologische Waffe ist! Oder doch alles nur ein perfides soziologisches Experiment? Zeit ist’s für „Die Säuberung“! Unbedingt ansehen. „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist beim dritten Mal lesen eh schon fad. Schreibt Franzobel, sagt Hacker: „Und wir haben ernsthaft geglaubt, wir dürfen noch einmal hinaus …“

Wiener Stimmung – so geht es weiter:

Folge #2 folgt schon heute, Kathrin Röggla: „Klare Kante“ mit Sarah Viktoria Frick – die dieses Jahr mit dem Österreichischen Kunstpreis für Literatur ausgezeichnete Autorin hat einen Text über die komischen Untiefen der Kommunikation in #Corona-Zeiten verfasst. Man trifft sich zu einer Zoom-Konferenz, doch da ist nur ein Ticken zu hören und ein Schatten zu sehen: www.youtube.com/watch?v=RsYcLgnXVIQ. Folge #3 gibt es ab 7. Mai, Mikael Torfason: „Apfelstrudel“ mit Elma Stefanía Áugústdóttir – der dank Ehefrau Elma in Wien lebende Autor und Dramatiker hat einen Monolog für eine junge Mutter mit zwei Kindern geschrieben, gespielt in der heimischen Küche mit den beiden zwei und zwölf Jahre alten Töchtern Ída und Ísolde.

Weitere Episoden mit Texten von Fahim Amir, Dimitré Dinev, Teresa Dopler, Paulus Hochgatterer, Eva Jantschitsch, Doris Knecht, Thomas Köck, Angela Lehner, Barbi Marković, Thomas Perle, Peter Rosei, David Schalko, Magdalena Schrefel, Gerhild Steinbuch, Marlene Streeruwitz, Miroslava Svolikova, Daniel Wisser und Ivna Žic werden auf der Webseite angekündigt.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/watch?v=uL4cfINwqMk

Buchrezension – Franzobel: „Rechtswalzer“: www.mottingers-meinung.at/?p=32483

  1. 5. 2020

Volkstheater online: Schwere Knochen

Mai 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein prächtig brecht’scher Grand Guignol

Der Notwehr-Krutzler probt den legendären Halsstich: Thomas Frank, „Dostal“ Matthias Luckey und „Podgorsky“ Andreas Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Schwere Knochen“ von Alexander Charim nach dem Roman von David Schalko (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) dran ­– heute noch bis 18 Uhr und wieder am 8. Mai kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at.

„Es gibt die Geschichte des Tages und die der Nacht. Die eine steht in den Büchern. Die andere erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand“, sagen die Stimmen auf dem Jenseits. Und über dem sich nun erhebenden Leichenhaufen beginnt Thomas Frank die seine zu schildern, heißt: die von Ferdinand Krutzler. Dem Notwehrspezialisten, dem Chef der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: auszurauben – doch bis es soweit ist, wird er erst einmal aus „Krutzlermutter“ Birgit Stögers Bauch geboren.

Unter Jammern und Wehklagen und erschrockenem Aufjohlen – ein Riesenbaby, ein schaiches noch dazu, das aber seinerzeit zum Wiener Unterweltkönig werden wird. In Schlaglichtszenen beleuchtet Regisseur Alexander Charim dieses Avancement, wer grad nicht spielt, wird als Erzähler eingesetzt, das ganze Ensemble großartig als David-Schalko-Charaktere, allen voran Isabella Knöll als die Musch und Thomas Frank als Krutzler, denen ihre Rollen wie angegossen passen. Muss ein Stück Arbeit für Anita Augustin gewesen sein, diesen konsequent in indirekter Rede verfassten Text bühnentauglich zu machen.

Und siehe da, die Übung ist gelungen, lebhaft wiederaufersteht es auf dem Bildschirm (und zwar im zur MQ-Halle-E-Weite jetzt zuschauerfreundlichen Closeup), dieses brutale Milieu, das gemeine Menschen macht, Schalkos unfeinster Jargon und dessen zynische Distanz zur schmerz- und schuldbehafteten Vergangenheitsverdrängung auf gut Österreichisch bestens getroffen, das Goldene Wienerherz samt dazugehöriger Goschn. Vom Heldenplatz 1938 geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow. Sechs Schauspieler und drei Schauspielerinnen gestalten insgesamt 57 Figuren, wobei Protagonist Frank sich als einziger auf eine konzentrieren kann.

Thomas Frank und „Greenham“ Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als „Dr. Harlacher“, Frank und „Honzo“ Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Krutzlers erster Auftragsmord: Thomas Frank und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er, als Typus allein körperlich ideal für Krutzlers „Schwere Knochen“, gibt mit Verve diesen pragmatischen Verbrecher, unmoralisch, unnahbar, unantastbar, oft gepudert, nie geküsst – und wer seinen Kamelhaarmantel åntatscht, braucht sich nicht wundern, wenn er hamdraht wird. Odraht ist hingegen die Viererbande, Krutzlers diebisches Transportunternehmen, Peter Fasching als stotternder Fritz „Der Bleiche“ Wessely, Lukas Watzl als Hurenkind Karl „Der Zauberer“ Sikora und Sebastian Pass als Fleischersohn „Der Praschak“, von dem sich die Knöll wie ein Schwein abstechen lässt.

Unter der Vielzahl der Rollen sind in jeder Hinsicht unmenschliche: Fasching gibt auch den ominösen Dr. Harlacher, Pass dessen Affenweibchen Honzo und den zum Schmuggelgenie „Greenham“ mutierenden Juden Grünbaum, Watzl einfach hinreißend die blondgelockte Krüppelhure Gisela. Matthias Luckey wird aufs Absonderliche abonniert, Musch-Sohn Herwig und SS-Obersturmbannführer Dostal, dessen Uniform Ausstatter Ivan Bazak ins Kostüm eines Horrorclowns verwandelt hat. Weiß geschminkt und mit roter Nase tollt die Herrenrasse durchs KZ, dort nämlich landet die Spedition, als sie sich vom Hundertertrick auf Leerräumen der Nazihuber’schen Liegenschaft verlegt.

Erst Dachau, dann Mauthausen, wo der Krutzler nicht nur die Bekanntschaft von eben Grünbaum/Greenham, sondern auch die vom politischen Gefangenen Alfred Podgorsky macht, ein Erzkommunist, der im Nachkriegswien allerdings Polizeichef wird, weshalb man sich in alter Verbundenheit eine-Hand-wäscht-die-andere-treu bleibt. Andreas Patton spielt ihn – neben dem die Spedition in Zeitlupe umkreisenden Geldscheißerfranz und surreal als nationalsozialistischer Papagei Ahab, und wenn es an diesem Abend etwas zum Ausstallieren gibt, dann dass er im Vergleich zur prallvollen Buchvorlage zu wenig Podgorsky enthält – Podgorsky, Schalkos rote Eminenz, der seine Finger in jedem Intrigenspiel hat.

Der „Geist der Lagerstraße“, „genaugenommen ist das spätere Österreich damals im KZ entstanden“, formuliert Schalko, spukt bei Alexander Charim nur kurz vorbei, wiewohl er es versteht Schalkos sardonisch kolportierte Gangstasaga mit ihrem kuriosen Shoah-Sketch durch seine Zirkuszerrbilder zu verschärfen. Unterstützt von Thomas Frank, der im Moment, als der zum Leibwächter-Kapo ernannte Krutzler dem Dostal seinen legendären Halsstich verpasst, mehr Emotionen zeigt als im Bett mit der Musch – Franks Krutzler, der politisch korrekt lagerierte Racheengel. Im Lager freilich werden die rohen Gesellen zu Ganoven-Diamanten geschliffen, die ihr blutiges Handwerk bei den Meistern gelernt haben.

„Greenham“ Sebastian Pass und Birgit Stöger als KZ-Kapo „Der Zehner“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hausparty für Hilter: Knöll, Sommerfeld, Luckey, Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Matthias Luckey als SS-Obersturmbannführer Dostal. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der bedrohlich rasselnde Kettenglieder-Schnürlvorhang fällt, in den leerem Raum lässt Ivan Bazak nun diverse Interieurs rollen, die Schauplätze mal rotseidenes Puff, mal rosarote Aida, mit einer einzigartigen Mischung aus Pathos und Proletentum wird der Kalte Krieg zum Überkochen gebracht, die Anmutung insgesamt, als würde man Bert Brecht im Grand Guignol aufführen. Ein mit drei Stunden Spieldauer durchaus episch zu nennendes Wurschtltheater, in dem das Krokodil den Kasperl frisst – von wegen, den kaun kana daschlogn: Der Bodycount ist beträchtlich – sechzehn, davon drei Tiere, kommen auf unnatürliche Weise ums Leben. Notwehr, halt.

„Schwere Knochen“ auf Charim’isch ist beides – eine gfeanzte Sozialfarce voll skurrilen Spaß‘, in der zur Heiligen-Panier-Anbetung ein derber Oaschloch-, Fut-und-Geh‘-Scheißn-Spruch geführt wird, durchbrochen durch stimmig-groteske Grausamkeiten wie in der circensischen Mauthausen-Episode oder die Entmenschlichungs-Metaphern durch Schwein, Affe und Lisa-Maria Sommerfeld als sowjetischem Kampfhund. Im Wortsinn unheimlich wandlungsfähig sind die Darsteller.

Birgit Stöger von der politisch beweglichen Krutzlermutter über den KZ-Kapo-Clown „Der Zehner“ bis zur anlassigen Unternehmergattin die Lassnig, mit der der Wessely ein selbstmörderisches Pantscherl pflegt, Lisa-Maria Sommerfeld als „leichtes Mädchen“ Sikoramutter, Praschak-Gattin und Bissgurn Gusti oder Spionin Milady – und über allem Puffmutter Musch, Isabella Knöll, ganz das „Wüdviech“ als das der Krutzler sie benamst, ehrfurchtgebietend ordinär, ihre Krutzlerliebe eine Nahkampfdisziplin, Knölls Zusammenprallen mit Frank intensiv, elektrisch aufgeladen, immer am Rande des Raufhandels.

Im Würgen macht er ihr einen Heiratsantrag: „I bring di um!“, dann „Heirate mich!“, und am Ende seufzt sie ihm ins Grab nach: „Warst kein Guter. Trotzdem hab ich dich geliebt, irgendwie.“ Dass an anderer Stelle bemängelt wurde, die Inszenierung befeuere Schalkos Stereotypen-Schreibe, von den Geschlechterklischees bis zum geldgierigen Gschamster-Diener-Jud‘, naja – honi soit …, genauso gut könnte man sagen, Sebastian Pass spielt den Grünbaum als Nestroy’schen Subaltern-Ungustl. Und wer sich übers „Redfacing“ bei Nazihubers Karl-May-Festspielen aufregt, hat keine Siebzigerjahre-Kindheit beim Rote-Falken-Fasching erlebt.

Lukas Watzl als blondgelockte Krüppelhure Gisela. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zuhälterin Musch mit Sohn Herwig: Isabella Knöll und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Lisa-Maria Sommerfeld als „professionelle“ Sikoramutter. Bild; © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Politik ist bei Schalko/Charim was Beiläufiges, wie’s im Leben der meisten so ist, räsonieren, xenophobieren, rechts wählen, so einfach funktioniert das hierzulande, verkümmerte Seelen, versteinerte Herzen, und Charim präsentiert im Jeder-gegen-Jeden lediglich die üblichen Überlebens- und anderen Treibe, die Sehn- und die weiteren Süchte. Was zweiteres betrifft, Filmisches inklusive, Milady und der Sikora vergnügen sich in der Kaisersuite des Hotel Orient, bei der Winnetou-Orgie vom Nazihuber besudelt der Krutzler ein imperiales Ambiente mit dessen Halsschlagadernblut.

Erst als die Spedition die Erdberger Demarkationslinien aufhebt, Nebel, Schießerei, die Atmosphäre Dritter-Mann-grau, und der Krutzler schreit: „Wien gehört mir!“, ist Schluss mit lustig. Die Tragi- an der -komödie: Gerade jetzt, da in Auflösung begriffen, präsentierte sich das Volkstheater stärker denn je. „Schwere Knochen“ ist das beste Beispiel dafür, geschmeidig inszeniert, jede Szene wie am Ende der Aida-Showdown eine mit Hintersinn, so dass es einem beim Lachen doch kalt über den Rücken läuft.

Alexander Charim karikiert, was bereits Verspottung war – die Mechanismen von Ermächtigung, ein Räderwerk der Gewalt, Existenz auf Kosten anderer, und dass das alles im ideologiedurchtränken wie ideologiefreien Raum gleichermaßen in Gang gesetzt werden kann. „Vermutlich ist etwas ein Mensch, wenn man es behandelt wie einen Menschen“, sagt Schalkos Krutzler. Dreht sich um und tut genau das nicht.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=9HF1PLbIvT4           www.volkstheater.at

  1. 4. 2020

Der Online-Spielplan bis Mitte Mai:

30. April: Der gute Mensch von Sezuan, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, 1. Mai: Alles Walzer, alles brennt, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477, 2. und Mai: Die rote Zora und ihre Bande, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39484, 4. Mai: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28509, 6. Mai: Nathan der Weise, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24591, 9. Mai: Wer hat meinen Vater umgebracht, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36159, 10. Mai: Wien ohne Wiener, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26649, 12. Mai: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36527, 14. Mai: Medea, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23620 und 15. Mai: Stella, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810.

Volkstheater online: König Ottokars Glück und Ende

April 27, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zweisprachiger Stream mit anschließendem Live-Chat

Zusammenstoß zweier Machtmenschen: Karel Dobrý als Ottokar und Lukas Holzhausen als Rudolf von Habsburg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ab 29. April, 18 Uhr, bietet www.nachtkritik.de für 24 Stunden die Volkstheater-Produktion „König Ottokars Glück und Ende“ zum kostenlosen Stream an – und zwar in deutscher und tschechischer Sprache. Die Zuschauerinnen und Zuschauer streamen gemeinsam, denn gezeigt wird eine Aufzeichung der Inszenierung von Dušan David Pařízek beim Prager Theaterfestival. Diese ist auf Deutsch nun erstmals im Netz zu sehen; im Anschluss ab 20 Uhr gibt es einen englisch-

sprachigen Live-Chat mit nachtkritik-Redakteur Christian Rakow als Host, dem Schauspielerpaar Anja Herden und Lukas Holzhausen, sie in der Rolle der Kunigunde von Massowien zu erleben, er als Rudolf I., Dramaturg Roland Koberg und Regisseur Pařízek. Beiträge in tschechischer und deutscher Sprache sind möglich.

Pařízek war in der Volkstheater-Saison 2018/2019 der erste tschechische Regisseur, der das österreichische Nationaldrama in Szene setzte. Zum ersten Mal wurde das vermeintlich böhmenfeindliche Stück dafür ins Tschechische übersetzt, die Vorstellungen wurden übertitelt. So konnte die Inszenierung ihre explosive Kraft an beiden Hauptschauplätzen an Moldau und Donau entfalten. Das Wiener Publikum sah sich als Opportunisten, als „leichtbeweglich Volk“ gespiegelt und ihren ersten Führer – schon er ein Meister der inszenierten Bescheidenheit – als „Ausländer“ enttarnt. Die Prager Zuschauer feierten beim Gastspiel im Ständetheater ihren fallenden Helden Primislaus Ottokar, dargestellt von einem tatsächlichen Hero des tschechischen Theaters – Karel Dobrý.

Kritik: Grillparzer als grausame Groteske

Ein Glück, gibt’s die Übertitel. Im Dickicht der Akzente und Dialekte ist nämlich nicht einmal die Hälfte dessen verständlich, was auf der Bühne gesprochen wird. Mag sein, dass Dušan David Pařízek dem Publikum so seine Message mitgeben will: Was Politiker herumtönen, versteht ohnedies kein normaler Mensch … Premiere von „König Ottokars Glück und Ende“ am Volkstheater. Im Bühne-Interview betonte der interviewscheue, tschechische Regisseur, er werde in seiner Lesart des obrigkeitshörig-xenophoben Stücks, von dem es bis dato keine Übersetzung ins Tschechische gab, „den Schwarzen Peter wieder den Österreichern zurückgeben“. Nun, zumindest hat er ihnen den Narrenhut aufgesetzt, denn so neu ist die Interpretation des Böhmen-Königs als tragischem Helden und des Habsburgers als gewieftem Schlitzohr nun auch wieder nicht.

Definitiv anders ist, dass Pařízek auf krause Wortgefechte setzt, auf Szenen von absurder Komik, manchmal hart am Slapstick, und nicht zuletzt wegen der lächerlichen Papierkrönchen denkt man mehr an Paradeinsze- nierungen von „König Ubu“, als an ein Werk des ehrenwerten k.k. Finanzbeamten. Getreu dem Motto „Fürchtet die Posse, nicht das Pathos!“, hat Pařízek zweiteres zugunsten ersterer verblasen, Grillparzers Trauerspiel wird bei ihm zur zunehmend grausamen Groteske; es wird mehr gelacht als bei den Pradlern, das muss man mögen, und an dieser Stelle wird es das. Grillparzer-Puristen packt indes mutmaßlich das nackte Grauen.

Karel Dobrý hoch zu Ross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rainer Galke als Margarethe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anja Herden als Kunigunde. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Pařízek hat das Personal auf sieben Darsteller gestrichen, und verwendet als Bühnenbildner wieder sein Lieblingsmaterial rohes, unbehandeltes Holz. Böhmen, eine Bretterbude, die am Ende in sich zusammenkracht. Die Kostüme von Kamila Polívková bewegen sich zwischen Proll-Buxe und Gangsta-Hoodie, jeweils versehen mit passendem Logo für die Hood. Heißt: Roter Löwe hie, weißer da, und Seyfried Merenberg muss natürlich einen Steirerwappensweater tragen. Dies gleichsam macht den größten Teil von Pařízeks Konzept aus – eine herkunftsgetreue Besetzung. Der tschechische Theater- und Filmstar Karel Dobrý spielt den Ottokar, der Schweizer Lukas Holzhausen Rudolf von Habsburg, Thomas Frank, immerhin lange Mitglied am Grazer Schauspielhaus, den steirischen Ritter Merenberg.

Rainer Galke darf als Margarethe von Österreich, Wiener Bürgermeister und Nürnberger Burggraf in fremden Sprachgefilden wildern, und Anja Herden erprobt sich als Kunigunde, Enkelin des Ungarn-Königs, am „Ungoorrisch“. So weit, so ja eh, ein Versuch, Přemysls und später Habsburgs Vielvölkerverlies zu versinnbildlichen. Tatsächlich macht deren Gleichheit im Machtrausch, Gegensätzlichkeit im Streben danach, den Abend aus. Dobrýs Ottokar kommt zu Pferd auf die Bühne, ein Souverän, der die Gesellschaft seines Schimmels der der Gattin – Rainer Galke ganz Diva, mit kleiner Krone und riesigem Hermelin, schwankend zwischen Resignation und Ressentiments – vorzieht. Mit einem tschechischen „Ahoj!“ grüßt Ottokar gönnerhaft die Anwesenden, was Holzhausens Habsburg mit einem Schwyzerdütschen „Hoi!“ beantwortet – und schon geht das Geplänkel über den korrekten Wortgebrauch los. Dass sich Ottokars „Ad Honorem Jesu“ am Ende in ein deutsches „Heil!“ verwandeln wird, bringt Pařízeks Intention bei dieser Arbeit auf den Punkt.

Dobrý ist zweifellos ein Charismatiker, der seine polternde Performance über die Rampe direkt ins Publikum trägt, als wolle sich sein Ottokar dort des Gehorsams seiner Untertanen versichern. Dieser Ottokar ist so jähzornig wie stolz, so leidenschaftlich wie geradlinig, eine Majestät, ein Alphatier, schließlich starr vor Demütigung. Diese wird ihm Rudolf zufügen, den Holzhausen, szenisch sicher wie stets, als ehrgeizigen Realpolitiker anlegt. Im Unterschied zum aufbrausenden Ottokar ist er mit den Verbündeten verbindlich, gibt mitunter hinterlistig fast den Tölpel vor, wenn er dem Hof seine Sprechweise aufzwingt, sich mittels Souffleur am Bühnendeutsch übt, und alle nötigt, ihn kumpelhaft „Ruedi“ zu nennen. Ein gefährlicher Mann, von Anfang an. Der sich zum Schluss die Schlachterschürze umbindet, bevor er Ottokar ein Blutbad anrichtet.

Thomas Frank ist per Sweater und Stimmübung  als steirischer Ritter Merenberg gekennzeichnet. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rudolf in der Schlachterschürze: Karel Dobrý als Ottokar und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch bis dahin muss sich Ottokar noch vom schwäbelnden Burggrafen Zollern ankeppeln lassen, während Rudolf vom Wiener Bürgermeister Paltram Vatzo mit allen Ehren empfangen wird. Rainer Galke spielt beide mit höchster Hingabe, singt nicht nur Operette und Heurigenlieder, sondern auch Falco, und geht sogar schwimmen, wonach er sein an die Badehose genähtes Riesengemächt auswringt. Als Vasallen gefallen Thomas Frank als naiver Berserker Merenberg – und Wasser speiender Springbrunnen.

Und Peter Fasching, als Zawisch von Rosenberg Oberintrigant und E-Zitherspieler. Gábor Biedermann bleibt als stets einlenkender Kanzler Braun von Olmütz diesmal unter seinen Möglichkeiten, dafür spielt Anja Herden als Kunigunde alle ihr zur Verfügung stehenden aus, wenn sie heimwehkrank und in temperamentvoller Verzweiflung ihre Sätze mit „Bei uns in Ungarn …“ beginnt. Einfach alles auf der „ähresten“ Silbe betonen, erklärt sie Kunigundes Idiom.

So ist Pařízeks Zweieinviertel-Stunden-Aufführung zumindest kurzweilig zu nennen, mit Kalkül ist vom weltpolitisch Bedeutsamen der

Begründung einer Dynastie, die bis ins 20. Jahrhundert hinein in Europa herrschte, nicht viel übriggeblieben, womit Pařízek seinen Standpunkt der Lächerlichmachung der – Zitat – „Suche nach einem Führer, der uns alle wach küsst“ klarmacht. Wie vieles wurde auch der alte Horneck gestrichen, die Österreich-Rede tragen Frank und Fasching als Rockpoem vor. Sie wissen: „Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die anderen reden … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=31195

www.volkstheater.at           www.theater.cz/de           www.nachtkritik.de

27. 4. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Volksoper: Der Zigeunerbaron

März 1, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Strudelteig aus Temesvár

Eine Wandertruppe spielt die Moritat vom Zigeunerbaron: Kristiane Kaiser, Lucian Krasznec, Boris Eder, Martina Mikelić und Kurt Rydl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Tatsächlich, Regisseur Peter Lund hat alle vorab getätigten Ansagen eingehalten. „Der Zigeunerbaron“, den er gestern an der Volksoper zur Premiere brachte, ist eine bis ins Detail durchdachte Auseinander- setzung mit rassistischem Klischeekitsch, martialischem Hurrapatriotismus und sogar dem k.k. Kolonialismus. Sein Studium der Novelle „Sáffi“ von Mór Jókai sowie Lunds historisches Interesse an den Johann-Strauß’schen Bezugspunkten sind deutlich miterleb- und nachvollziehbar.

Zeitgeschichte und Zeitgeist sind ebenfalls berücksichtigt, subtile Korrekturen an der einen oder anderen Stelle machen vieles drastischer, dramatischer, dramaturgisch ausgefeilter. Dem Zsupán wird, wie’s bei Jókai mit Sáffis „Hexen“-Mutter ja geschieht und wie es die Völkermordstrategie der NS-Vernichtungsmaschinerie war, der Halbsatz in den Mund gelegt, man solle alle Zigeuner verbrennen. Czipra und Saffi sprechen miteinander auf Romani, was ob des männlichen Nichtverstehens Absprachen zwischen den beiden Frauen möglich macht. Mirabella ist nicht die lang verschollene Carnero-Gattin, sondern Zsupáns Langzeitpantscherl.

Ottokar folglich der in höchst dubioser Situation gezeugte Sohn eines türkischen Paschas, dies wiederum eine Ohrfeige für die xenophobe Arsena. Im Wilde-Ehe-Duett wird der Dompfaff zur Spottdrossel. Die fliegt anfangs Laterna-magica-animiert durch die Ouvertüre, ein sinister dreinblickender Sinti-und-Roma-Chor singt mittendrein sein „Habet acht vor den Kindern der Nacht!“, über die abbruchreife Apsis/Schlossruine von Bühnenbildnerin Ulrike Reinhard ziehen Schattenspiel-Türken und Prinz-Eugen-Silhouette, Belagerung, Befreiung von Wien.

Der Doppeladler verformt sich zu zwei Todeskrähen, das fahrende Volk wird zur Wandertheatertruppe. Als deren Impresario kündet Boris Eder an, ein Stück über eines gewissen Zigeunerbarons Schicksal aufführen zu wollen, bevor er seine Tragöden samt ihren Rollen vorstellt. Einen „Kniff“ nennt Lund im Programmheftinterview diesen Thespiskarren, der „das Moritatenhafte der Handlung“ transportieren soll, und apropos: geleierte Melodie, moralische Belehrung, Lund ist letztlich so sehr mit P.C.-Sein beschäftigt, dass er auf die Operette vergisst.

Liebespaar I: Rydl und Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebespaar II: Krasznec und Kaiser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebespaar III: Anita Götz,  David Sitka. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er hat das Rot-Gelb-Grün des Banat zu Grauschattierungen entfärbt, buchstäblich und sinnbildlich, die heitere Melancholie des Schnitzer-Librettos in ein bleiern schweres Melodram verwandelt, und wirklich schlimm ist: Alfred Eschwé, sonst steter Garant für schwungvolles Operettendirigat, wirkt wie von der Temesvárer Elegie entmutigt. Statt beschwingtem Walzer und feurigem Csárdás klingt’s, als wäre das Orchester picken geblieben, nein, pardon, falscher Strudelteig, besser passt das Wienerische Bonmot vom sich ziehenden zur Aufführung.

An dieser Stelle nun den satirischen Text einer 1885-Karikatur über des Komponisten Opernhaushoffnungen für sein Werk wiederzugeben, ist selbstverständlich ein schlechter Scherz – Strauß und eine Waage in einem Fesselballon über Wien, unten Schnitzer und Jókai vor der Staatsoper, sagt er eine zu anderen: „Vor lauter Hin- und Her-Balancieren ist der Waag‘ schon ganz schlecht. Jetzt bin ich nur neugierig, auf welcher Seite wir durchfallen werden …“

Aber leicht macht es einem Kostümbildnerin Daria Kornysheva mit ihrem Stilblütenstrauß aus Modern Gipsy, Lumpenfashion und schwarzem Leder nicht, dazu – Achtung: Uraufführungsdatum – Spätbiedermeierfolklore und das Buffo-Paar mummenverschanzt als verschmockte gagerlgelbe Knallchargen. Nicht nur muss Anita Götz als Arsena dazu in Schweinsklauen-Schuhe mündende ferkelrosa Strümpfe tragen, und der Chor in der Zsupán’schen Fleischfabrik Rüssel, selbst eine Ansonsten-Auskenner-Befragung konnte das Geheimnis nicht lüften, warum die Saffi in ein Herrennachthemd verdammt wurde.

Unter all den Schweineschnauzen gibt Kurt Rydl als blutig geschürzter Borstentierzüchter ein spätes Operettendebüt, sein Kálmán Zsupán dabei weniger Bauer als Wurst- und Speckerzeuger, ein landräuberischer Gutsherr, dessen gierigen Opportunismus Rydl routiniert herausarbeitet. Doch bleibt auch sein Charakter, was das Komödiantische betrifft und trotz Rydls Rampensau-Bemühungen zu Zsupáns Gesülze, ein getragen vortragender Spätzünder.

Die unfreiwillige Braut: Lucian Krasznec, Anita Götz, Kurt Rydl, Boris Eder und Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Begeisterung für den Krieg: Marco Di Sapia als Graf Homonay und Kurt Rydl (re.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Schrecken des Krieges: Lucian Krasznec, Marco Di Sapia und David Sitka (M.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wer zuletzt lacht …  das ist die famose Martina Mikelić als Czipra. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lucian Krasznec, übrigens im rumänischen Banat geboren, ist ein sympathischer Sándor Bárinkay mit angenehmem Tenor. Als seine Saffi ist Kristiane Kaiser mit dessen sicheren Höhen mitunter überfordert, Kaiser kann auch – verständlicherweise, siehe Kostüm – kaum berühren. Immerhin, so sagte der Sitznachbar, muss sie sich weder vor noch nach der Hochzeitsnacht umziehen. Regula Rosins Mirabella hat im Böse-Gouvernanten-Look ihre Momente, wenn sie den säumigen Zsupán zum Ringetauschen zwingen will. Und da’s bereits um schrill geht: Anita Götz‘ Arsena toppt diesbezüglich alles.

Marco Di Sapia holt aus seinem Kurzauftritt als Graf Homonay, hier ein sehr stimmiger Husaren-Haudrauf mit Skelettpferd, was geht. Und um beim Erfreulichen zu bleiben, da ist David Sitka als in ständiger Angst vor der eigenen Courage lebender Ottokar zu nennen, Boris Eder, der als verklemmter, sexbefreiter, korrupter Sittenkommissär die ihm laut Regie verbleibenden Register zieht, sein Conte Carnero fast eine Nestroy-Figur – und vor allem Martina Mikelić als Czipra. Ihr ominös okkultes Erscheinen macht sie – pah, Baron! – zur Zigeunerkönigin, zur Spielmacherin, die beim sichtlichen Handlese-Schwindel einzig ihre Sache verfolgt und den feschen und mit ihrer Hilfe bald reichen Bárinkay von Saffi bis zum Schatz manipuliert. Dieser samt einer Art Stephanskrone einer, der den der Nibelungen zu Tand degradiert.

Doppelt passt hier, dass Czipra dem Conte nichts wahrsagt, weil sie’s erstens nicht kann und der zweitens mit einem Eheweib nichts anzufangen wüsste. Es kommen die Soldatenwerber, in einem großartigen Bild der Krieg und dessen Untote-kriechen-aus-einem-unterirdischen-Mordskarussell-Ende. Womit man wieder am Anfang landet, nämlich bei den Brettln, die Theaterkarren bedeuten, wo Impresario Eder Ottokar und Bárinkay unter die vielen gefallenen Helden zählt. Die Bühnenzuschauer buhen, nur Feigling Zsupán hat es „Von des Tajo Strand“ nach Hause geschafft, so etwas will das Publikum nicht sehen.

Also zieht Eder den Vorhang auf zum Happy End. Es fügt sich, was zusammengehört, die als Paschatochter enttarnte Saffi schwebt in Maria-Theresia-Aufmachung unters jubelnde Volk. „Heiraten! Vivat!“ Zu einer derart ausbremsten Operette war der Schlussapplaus dennoch entsprechend schaumgebremst.

Einführung: www.youtube.com/watch?v=E2jQKhn4PMs           www.youtube.com/watch?v=A6IrtLPpXvI             Kurt Rydl und Lucian Krasznec im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=hsE7kmqnSyc                                Peter Lund und Alfred Eschwé im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=H6tUNKAACjM             Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=A75D7yD6Hmw             www.volksoper.at

1. 3. 2020