Academy Awards Streaming: The Midnight Sky

April 12, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

George Clooneys Oscar-nominierte Klimadystopie

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Zu Unrecht von den diversen Jurys übergangen darf sich George Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“ fühlen. Zwar gab’s bisher von den Golden Globes bis zu den BAFTA Awards 48 Nominierungen, aber nur drei Auszeichnungen: Bei den Satellite Awards 2020 der International Press Academy ging der Preis für die Beste Filmmusik an Alexandre Desplat, die Visual Effects Society bedachte

„The Midnight Sky“ bei den VES Awards 2021 mit den Auszeichnungen für die Besten visuellen Effekte in einem Realfilm und Raumschiff „Aether“ für das Beste Modell in einem Real- oder Animationsfilm. Und auch punkto Academy Awards war nur eine Nominierung für die Besten visuellen Effekte drin. Weil diese Trophäen-Flaute für den verrätselten Sci-Fi-Film nicht okay ist, hier noch einmal die Filmkritik vom Jänner 2021:

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“ ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines im Jänner auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will.

Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44003

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

12. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Neues aus der Welt

April 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paul Greengrass‘ Western ist nominiert für vier Oscars

Captain Jefferson Kyle Kidd will Johanna zu ihren Verwandten bringen: Tom Hanks und Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Zwar in keiner der Hauptkategorien, aber immerhin in vieren ist Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel nominiert. Am 25. April, bei den Academy Awards 2021, könnte es punkto Beste Kamera für Dariusz Wolski, Bestes Szenenbild für David Crank und Elizabeth Keenan, Beste Filmmusik für James Newton Howard und Bester Schnitt für Oliver Tarney und Team „and the Oscar goes to“ heißen. Hier noch mal die Filmkritik vom Februar 2021:

Die Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle verkünden

Eine Kinopremiere blieb Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ Corona-bedingt versagt, und so kam Netflix die Ehre zu, die Produktion der Universal Studios ins Programm zu nehmen. Oscar-Preisträger Tom Hanks und Helena Zengel, die bereits in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt mit ihrer schauspielerischen Stärke beeindruckte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792), fahren als Sezessionskriegsveteran und Waisenmädchen durch tief gespaltene Vereinigte Staaten.

Ein Western als Gegenwartskritik. Diesbezüglich angesprochen auf „Lügenpresse“ und Fake News, auf #BlackLivesMatter und Verschwörungstheorien, Stickwort: Mauer zu Mexiko, sagte ein schmunzelnder Greengrass zu deadline.com, er hätte den Roman von Paulette Jiles gelesen und seine „Wünschelrute“ habe eben reagiert. In seinem epischen Werk der wenigen Worte schickt er Tom Hank als ehemaligen Südstaaten-Helden auf ein Himmelfahrtskommando; dies das Bild, das dieses Roadmovie bestimmt:

Mitten im Post-Bürgerkriegs-Purgatorium steht Jefferson Kyle Kidd im Wortsinn mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem volltrunkenen Lynchmob verrohter Büffelschlächter, Mexikaner-Mörder, Schwarzen-Killer und Indianer-Hasser. In den Augen der Männer kocht heiß die durch das Unionsheer erlittene Schmach, die Demütigung durch den Norden, als wär’s nicht schon fünf Jahre her und immer noch hat der Feind in der Heimat das Sagen, ein wahrer Hexersabbat, ein Teufelstanz ist in Erath County zugange.

Herr und Meister über dies gesetzlose Niemandsland ist ein diabolischer Uncle Sam namens Mr. Farley, Darsteller ist Thomas Frances Murphy, der seine „Familie“ mit eiserner Faust befehligt, und damit dies auch so bleibt Kidd und Johanna mit gezogener Waffe in seine Stadt bittet … Johanna? Ah ja! Zurück auf Anfang: Als gewesener Konföderierten-Captain Jefferson Kyle Kidd kutschiert Tom Hanks im Jahr 1870 kreuz und quer durch Texas, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Unterhaltsames, Wundersames, Grausames aus den aktuellen Zeitungen vorliest – im Schummerlicht der Gaslaterne und mit Vergrößerungsaugenglas fürs Kleingedruckte.

Er berichtet vom Eisenbahnbau, von tödlichen Epidemien und Abenteuern aus fernen Welten, für sein leseunkundiges Publikum meist hochdramatisch aufbereitet – und mit Cheers! und Boohs! und „Texas first!“ bedankt, letzterer ein Ruf, bei dem die Yankee-Soldaten am Eingang in Habtachstellung gehen. Kidd bringt den Bildungsfernen im Wilden Westen laut Titel „Neues aus der Welt“, Infotainment für einen Dime, Nachrichten von jenseits des Horizonts samt den „Federal News“, die hier keiner hören mag, die Forderung von Präsident Ulysses S. Grant, in Texas endlich die Sklaverei abzuschaffen, heißt: die Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ein Muss, damit die Region wieder Teil der Union und ein Bundesstaat werden kann.

Captain Kid und Johanna wehren sich … Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

… gegen Almays Männer: Michael Angelo Covino. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Leonberger: Neil Sandilands und Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschiedsschmerz: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da, eines Tages auf dem Weg, ein umgestürzter Wagen, ein erhängter Schwarzer, der wohl auf Beamte der Indianerbehörde hoffte, aber offensichtlich Gegnern der Sklavenbefreiung in die Hände fiel, an die Brust geheftet ein Zettel: „Texas sagt Nein! Das ist das Land der Weißen“, und ein blondes Mädchen, gekleidet wie eine Indianerin, die Kidds Fragen in schlechtem Deutsch oder perfektem Kiowa beantwortet.

Zikade nennt sich die Kleine, als die Helena Zengel den großen Tom Hanks ziemlich an die Wand spielt, und einem Schreiben entnimmt er, dass „Johanna Leonberger“, deren deutschstämmige Siedler-Eltern vor Jahren von den Kiowa abgeschlachtet und sie als Kleinkind vom Stamm entführt worden waren, zu Verwandten nach Castroville gebracht werden soll. Die Aufmerksamkeit des internationalen Filmbusiness‘ ist der Zwölfjährigen mit diesem Auftritt als Findelkind gewiss. Zengel schlüpft in die Rolle der doppelt verwaisten, denn nun haben die Weißen ihre Kiowa-Eltern getötet, der Sprachbarrieren wegen fast stummen Johanna wie diese in ihr Lederkleid.

In den Augen den wissenden Blick einer jahrhundertealten Weltenkenntnis, das Temperament, die Temperatur wechselnd von Verletzlichkeit zu Verzweiflung, von Sturheit zu Trotz zu einer stolzen Eiseskälte, mit der die junge Frau der First Nation die Errungenschaften der Neuen Nation ablehnt, Rüschenkleidchen, Essbesteck etc., derart ist Zengel die Sensation des Films. Greengrass braucht Johannes Story nicht in Flashbacks erzählen, er erzählt sie einzig und allein über Helena Zengels Gesicht.

Welch ein Sittenbild. Rebellen unterm Blood-Stained Banner auf Kriegspfad gegen die Washingtoner Gesetzeshüter – das Hinterland, durch das Kidd zieht, fühlt sich damals wie heute vom Kapitol verraten -, die Native Americans bis zur Grenze des Genozids verfolgt, eine Besatzungsarmee, der alles egal ist, solang der Eisenbahnbau voranschreitet, eine verheerte, verkehrte Welt – und zwischendrin Tom Hanks‘ Kidd, der wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt.

Denn niemand will die „Wilde“, keiner fühlt sich zuständig. Bei diesem selbstbestimmten, aufmüpfigen Kind endet die christliche Nächstenliebe. Kidd und Johanna, die keiner der sich hysterisch befehdenden Gruppen zugehören, mussten im Lone Star State zueinanderfinden, ihre Annäherung erfolgt in der Einsamkeit der weiten Prärie, womit „Neues aus der Welt“ alle Westernelemente hat, die’s braucht. Er lehrt sie „Zivilisation“, sie bringt ihm die Natur in ihrer Ganzheit und deren Schützenswürdigkeit nahe.

Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Hanks wirft sein komplettes Guter-Kerl-Sein in die Waagschale, wie ein Prediger verkündet Vorleser Kidd Greengrass‘ Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle: Nur wenn alle bereit sind, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, kann Frieden entstehen. Allein Humanität und Respekt vor allem Lebendigen – und das inkludiert Mutter Erde – machen aus den Schlacht- wieder Erntefelder. Schade, dass diverse FilmkritikerInnen diesen Gedanken alsbald als „totgeritten“ empfanden.

Greengrass bedient sich gleichnishafter Szenen: In Dallas, wo man erfährt, dass Witwer Kidd durchaus kein Heiliger ist, da er in Saloonbesitzerin Miss Gannett, Elizabeth Marvel, eine Bettgenossin hat, will ihm der Schurke Almay mit seinen Kumpanen, schön sinister: Michael Angelo Covino mit Clay James und Cash Lilley, Johanna für 50 Dollar abkaufen. Die Kunde von der verwaisten „Rothaut“ aus Wichita Falls hat bereits die Runde gemacht, die Männer wollen sich mit einem exotischen Spielzeug vergnügen, erst „die Blauen“ beenden die Schlägerei.

Dass Almay blutige Rache schwört, führt zu einer der wohldosierten Actionszenen im Film, ein Shootout, bei dem sich Johanna als erfahrene Kämpferin erweist. Die Bildmacht, mit der Kameramann Dariusz Wolski zu überwältigen weiß, ist überbordend. Vom Himmel her fängt er entgrenzende Panoramen ein, Landschaftsgemälde von einem Viehtrieb oder einem Planwagentreck, alle unterwegs dorthin, wo das Gras grüner sein soll. Wolski drückt sich im Halbdunkel an Türöffnungen mit freiem Blick auf Liebeslager vorbei, er rast mit einer sich überschlagenden Kutsche den Berg hinunter und duckt sich bei Schusswechseln hinter Felsen.

„Neues aus der Welt“ ist ein Kinostart von Herzen zu wünschen, auf der großen Leinwand wird das alles besser zur Geltung kommen: die Verfolgungsjagd durch die potenziellen Kidnapper Johannas, die Schießerei und die Prügelei. Das macht Tempo, bevor sich Raum und Zeit auf dem Marsch unter gleißender Sonne wieder zerdehnen. Wie ein Geistbild wirkt Johannas Gang ins Haus der Toten; Kidd und sie finden eine zerstörte Kiowa-Siedlung; Johanna entdeckt in Chaos und Gerümpel eine Strohpuppe und behält sie. Nur wer sich erinnert, kann nach vorne blicken, sagt sie im Kiowa-Englisch-Deutsch-Gemisch, das ihre gemeinsame Sprache mit Kidd wird.

Im beredten Schweigen finden sich Kidd und Kind. Nur einmal verlieren sie einander, in einem Sandsturm, der auf zauberische Art und Weise einen Indianerstamm auf dem Zug in die Reservate materialisiert, Schemen von zermürbten Gesichtern und zerlumpten Gestalten – und wieder verweht. Noch ein Geistbild, und kein stolzer Krieger, nirgendwo. Message kann Greengrass auch in der eingangs beschriebenen Farley-Szene. Der Clan-Chef will Kidd als Propagandist seiner zu Heldentaten stilisierten Gräueltaten missbrauchen.

Der Indianerbeamte als Opfer eines Lynchmob. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Im Wagentreck: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Metropole Dallas anno 1870. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Umzingelt von Mr. Farleys „Familie“. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Doch statt aus Farleys County-Postille vorzulesen, beginnt Kidd mit einer Parabel aus Pennsylvania. Dort hätten sich nach einem schweren Minenunglück einige wenige der lebendig Begrabenen aus der Tiefe ans Licht, in die Freiheit gekämpft, worauf die Kohlekumpel gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, ja, sogar eine Gewerkschaft gründeten! Was Wunder, dass Mr. Farley sich alsbald mit einem Aufstand in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Kurioser lässt sich das „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ kaum illustrieren.

Bleibt: Castroville, wo Kidd Johanna den seltsamen, bigotten Onkel und Tante Wilhelm und Anna Leonberger, Neil Sandilands und Winsome Brown, aushändigt [um ein Haar hätte man geschrieben: ausliefert]. Sie mögen das traumatisierte Kind, das Menschlichkeit und Wärme braucht, in seinem Wissensdrang befördern und ihm Bücher geben, empfiehlt Kidd. „Sie muss arbeiten“, befindet der Onkel, und da das nicht funktioniert und sie immer wieder wegläuft, wird Johanna wie ein Tier mit einem Strick an einen Pfosten gebunden. Zum Glück kommen Kidd, der seit Tagen unterwegs nach San Antonio ist, Zweifel, ob seine Entscheidung Johanna den Leonbergers zu überlassen richtig war. Die wilde Waise hat sein vom Krieg gebrochenes Herz kuriert …

Mit „Neues aus der Welt“ ist der Zuschauer, die Zuschauerin unterwegs in einer Welt der Weißen, und es wird an keiner Stelle so getan, als hätten die Vertriebenen oder eben noch Versklavten schon Anspruch auf einen Platz darin bekommen. Präsent sind sie dennoch, die Schuld steht verdrängt im Raum. Das Elend der vermeintlich Privilegierten allerdings auch. Nur schlimmste Verbrecher, wie Almay und Mr. Farley, sind von Grund auf böse, allen anderen gewährt Greengrass eine zweite Chance.

Trotz Zeitbezug vermeidet „Neues aus der Welt“ tagesaktuelle Predigten und lässt stattdessen lieber Tom Hanks seine ganze Gravitas in der ersten (!) Wildwest-Variante seines Good American ausspielen. „Ich verstehe euch ja“, sagt der vernunftbegabte Kidd zu seinen Zuhörern, „wir alle leiden“, doch es könne nicht länger um den Nord-Süd-Konflikt gehen, man müsse endlich eins werden. Dass Kidd nach 1865 auf der Verliererseite und nicht auf der der Gewinner steht, ist ein Kunstgriff von Autorin Jiles, den Hanks mit breitgekautem Texas-Idiom zu bedienen weiß.

Zu Helena Zengel entwickelt der Hollywood-Star eine natürlich wirkende distanzierte Nähe, die den Film mühelos über zwei Stunden trägt. Des alten weißen Mannes und des sich indigen fühlenden Mädchens vorsichtige, versöhnliche Annäherung und ihre stoisch-melancholische Heilsgeschichte ist genau der Western, den die Welt gerade braucht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs           www.youtube.com/watch?v=ZfrO7za1MBY           www.netflix.com

BUCHTIPP:

Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“: Die Bürgerkriegssoldaten Thomas McNulty und sein Geliebter John Cole adoptieren die Indianerwaise Winona – und finden in all dem Horror ein stilles Glück (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215); in der Fortsetzung leben sie glücklich auf einer Tabakfarm in Tennessee – doch alte Feinde lassen nicht lange auf sich warten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42818).

7. 4. 2021

David Schalko: Bad Regina

März 7, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ziagts dem Thomas Bernhard die Lederhos’n aus …

Ein Chinese. Eh klar. Erst klonen sie Hallstatt, jetzt kaufen sie gleich einen ganzen Ort. Bad Regina – und ein Schelm, wer da an Bad Gastein denkt, und zwar in der chronologischen Reihenfolge: majestätische Belle-Époque-Hotels am Alpenhang, Thermalquellen in den Hohen Tauern und illustre Gäste von Kaisern bis Krupps, Massenskitourismus, brutalistische Betonklötze, Leerstand, Stillstand …

Dies also die Echokammer, in die sich Fabulierkünstler David Schalko für seinen jüngsten Roman eingemietet hat. „Bad Regina“ ist ebenso ein Lost Place des pittoresken Verfalls, Schalkos Buch eine begnadet gnadenlose Satire auf das Ausverkaufhaus Österreich im Speziellen und des, mag man’s denn so lesen, ethischen Super-Sale Europas im Besonderen.

Zwischen Grand Hotel, Helenenbad und Casino sind noch 46 Seelen verblieben, ein sich selbst in Stasis gegossen habendes Wachsfigurenkabinett, ein Mikrokosmos des Österreichischen. Vom „Nazibrut“-Bürgermeister Zesch bis zur linkslinken Exkommunardin Selma, vom heimatselig kleingeistigen Größenwahn bis zum hart vom Inzest gestreiften Altadel.

Blätternder Putz, bröckelnder Stuck, vernagelte Fenster, vernagelte Köpfe. Zwar kommt der Verwesungsgeruch nur noch aus dem Kabinett von Oma Zesch und nicht mehr aus der Judendeportations-Vergangenheit, aber vom damals vertriebenen Schandor ist noch der Neffe übrig … Und mitten drin, um das Sittenbild zu komplettieren, „der arme Achmed“, der letzte von zehn aufgenommenen und bald wieder abgeschobenen Flüchtlingen, „vor drei Jahren war er als abstinenter und hoffnungsbegabter Syrer nach Bad Regina gekommen“, die restlichen 400 Buchseiten wird man ihn in der einen oder anderen Ecke herumlungern sehen, wo er sich langsam zu Tode säuft.

Wie ein Forscher im Biotop folgt nun Schalko seinem Protagonisten Antiheld Othmar, Biertourengeher zwischen dem um alte Eleganz ringenden Hotel Waldhaus vom Moschinger und der Luziwuzi-Bar vom Tschermak und dessen zänkischer Gattin Karin, benannt nach dem sein Schwulsein offen lebenden jüngsten Bruder Kaiser Franz Josephs – Othmar, immer mit Sehnsuchtsblick auf den Karlsstein zum „Kraken“, seinem im Bergstollen geführten „berühmtesten Klub der Alpen“. Bis aus der großen Party die klassische österreichische Provinzposse wurde.

Der Gottseibeiuns, der umgeht, heißt Chen. Ein Business-Chinese, undurchsichtig wie alle seiner Art, der Haus um Haus, Hof um Hof, Würde um Würde aufkauft, nur um diese dem Verfall anheimzugeben. „Niemand von den Verbliebenen kannte ihn. Niemand wusste, was er vorhatte. Aber alle nahmen sein Angebot an. Irgendwann stand er bei jedem vor der Tür.“ Othmar, wiewohl um nichts weniger desolat als die Kulisse, wird zum Detektiv in Sachen teuflischem Immobilienpakt.

Der morbide Charme der Geschichte, der makabre Dialogwitz, das Höllentempo, in dem zwischen Personen und Situationen gewechselt wird, lassen den grandiosen Drehbuchautor erkennen. Nicht einmal denkt man beim Lesen, das gehört verfilmt. Man kann sich an Schalkos Panoptikum nicht sattsehen: der Zesch-Sohn, der die Selma-Tochter liebt, der Polizist Schleining, der die transsexuelle Petzi/Petra/Peter verehrt, Moschingers in Gewaltfantasien schwelgender Teenager-Sprössling Max, der Ex-Häfnbruder-Priester Helge, der sich auf einem geheimen Rachefeldzug gegen Gott befindet. Was Wunder, legt man im Kopf schon eine Besetzungsliste an.

„Bad Regina“ ist ein Roman, in dem wahnsinnig viel passiert, ohne dass etwas passiert. Wortreich, aber tatenlos schaut man sich hier selbst beim Untergang zu. In der Begegnung Kapitalist vs. Kapitulist steigert sich der Aberwitz Runde um Runde, doch schildert Schalko die ohnmächtige Hilflosigkeit der Angezählten nicht ohne Herzblut. Die Charaktere geraten ihm durchaus zur tragischen Figur, nur dass sie Schalko mittels Situationskomik sofort wieder aus den Seilen holt.

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Als wär’s die Neuerfindung der literarischen Gattung parodistische Hommage fallen Thomas-Bernhard’sche Sätze. Dies Fan Moschinger zu danken, der auf eBay für 3000 Euro des Nestbeschmutzers Lederhose ersteigerte, und der, wenn diese tragend, wie eine krachlederne Werkausgabe klingt:

„Der Nationalsozialismus ist die Antwort des Deutschen auf den Vorwurf, ein Langeweiler zu sein. In Österreich hingegen kommt man als Nazi zur Welt. In Österreich ist jeder ein Nazi. Über acht Millionen Einzelfälle! Und jeder in den Hass verliebt.“ – „Wenn das Provinzielle wahnsinnig wird, heißt das Österreich!“ – „Österreich ist kein Land. Österreich ist eine Geisteskrankheit.“ – „Dem Österreicher fehlt ein Gen. Er hat kein Unrechtsbewusstsein. Für den Österreicher kann überhaupt nie die Unschuldsvermutung gelten. Man muss beim Österreicher immer davon ausgehen, dass er schuldig ist.“

Bei derartiger Erregung um die Auslöschung ist Eskalation vorprogrammiert. Die „Lügenpresse“ stürzt sich gleich Geiern auf den einstigen Kurort, und auch „die Hyänen des Landeshäuptlings umkreisten den Kadaver Bad Regina und fragten sich, warum für sie nichts abfiel“. Als Superlativ der Skurrilität – Achtung: Spoiler! – wird in einer Anrainer-Verschwörung Chen per auf Gemeindekosten angemieteten Reisebus entführt, im „Kraken“ will die auf einmal wie zusammengeschweißte Schicksalsgemeinschaft seine sinistren Pläne aus ihm herausquetschen.

Dabei enttarnt sich zumindest der Leserin, dem Leser, wer ein doppeltes Spiel spielt und wer sein eigenes Süppchen kocht. Fulminant, wie die Fäden, die die einen spinnen und an denen die anderen wie Marionetten baumeln, unter Tage zusammenlaufen. Doch längst ist zu vermuten, dass Chen nicht das Zeug zum Mephisto hat, sondern dass da noch jemand im Hintergrund wirken muss. Eine Person, auf die Schalko schon die ganze Zeit Hinweise geliefert hat. Das Ende ist dann friedrich-dürren-matt. Und ob Bad Regina seinem Mzungu entkommen kann, gilt es selber nachzulesen. „Bad Regina“ ist eine wilde Mischung aus Politsatire, Heimatroman und Krimistimmung nach dem Motto: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

„In Österreich ist alles vermodert“, bernhardet der Moschinger einmal. „Selbst der Humor. Der ja keiner ist. Selbst der vielgerühmte Humor ist nichts als Verdunkelung. In Österreich will nichts ans Licht, weil sich der Österreicher nur im Dunkeln als Riese wähnen kann. Der Österreicher hat zu allem ein schlampiges Verhältnis. Alles, was er tut, passiert, um etwas zu kaschieren. Im Gegensatz zum Deutschen, der versucht, alles richtig zu machen. Der Österreicher macht alles falsch. Und das mit allergrößter Lust. Deshalb braucht der Österreicher Humor und der Deutsche nicht.“

Über den Autor: David Schalko, geboren 1973 in Wien, lebt als Autor und Regisseur in Wien. Er begann mit 22 Jahren als Lyriker zu veröffentlichen. Bekannt wurde er mit revolutionären Fernsehformaten wie der „Sendung ohne Namen“. Seine Filme wie „Aufschneider“ mit Josef Hader und die Serien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ genießen Kultstatus und wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Im Frühjahr 2019 wurde seine Mini-Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ – ein Remake von Fritz Langs berühmtem Film – erstausgestrahlt, eben lief auf der Berlinale 2021 seine neue Serie „Ich und die anderen“. Schalkos letzter Roman „Schwere Knochen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) ist 2018 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und wurde in dramatisierter Form am Volkstheater Wien uraufgeführt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=40081).

Kiepenheuer & Witsch, David Schalko: „Bad Regina“, Roman, 400 Seiten.

www.kiwi-verlag.de

  1. 3. 2021

Streaming: Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“

Januar 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“

ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines kürzlich auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will. Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Nesterval: „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ als interaktive Live-Zom-Version

November 26, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Wahlgrotesken ist …

Astôn Matters als Patrizia Rot, Tochter der Goodbye-Kreisky-Gründerin Gertrud Nesterval (l.) mit den BedROTen und dem Analyseteam. Bild: © Alexandra Thompson

Da dies die Besprechung einer Nesterval-Produktion ist, die frohe Botschaft zuerst: Für die Performances bis 12. Dezember gibt es noch Tickets. Und derer sollte man sich gleich mehrere sichern, hat man doch bei der gestrigen Uraufführung gerade mal acht von 80 Szenen gesehen – wie man danach in der Zoom-Plauderei erfährt. Denn der Spezialtrupp für immersive Theaterformen nützt, wie beim mit dem Nestroy-#Corona-Spezialpreis ausgezeichneten „Kreisky-Test“

(Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39561), auch fürs zweite Lockdown-Abenteuer die Meeting-Plattform. Dessen Kenntnis ist keine Vorbedingung für „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“. Mit dem Mail zum Teilnahmelink erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer jenen zu einem Filmessay von Jonas Nesterval, ein Was-bisher-Geschah über seine buchstäblich vom Erdboden verschluckte Mutter Gertrud, plötzlich auftauchende Briefe, Pläne, Paranoia wegen diffuser Bedrohungen, ein in jeder Hinsicht fantastisches Projekt …

Kurz, die mittels Gertrud Nestervals Kreisky-Test auserwählten Bewohnerinnen und Bewohner eines sicheren und sozialdemokratischen Utopia, das heißt: deren letzte Überlebende, wurden dieser Tage bei Bauarbeiten am Karlsplatz ausgegraben. Mehr als 50 Jahre waren sie in der dem U-Bahn-Bau untergeschmuggelten Anlage insoliert, in dieser 200 Meter tief gelegenen Stadt unter der Stadt, nun, da sich der Nesterval-Fonds für die Findlinge verantwortlich fühlt, wurden sie in eine geheime „Arena“ gebracht.

Wo wenige Auserwählte, das Publikum in sechs Gruppen à  zwölf Personen, sie live und in Farbe beobachten dürfen, ja, müssen, gilt es doch in enger Zusammenarbeit mit dem Analyseteam über das weitere Schicksal der „psychisch wie physisch fragilen“, nunmehr von 50 Kameras „beschützten“ BedROTen zu entscheiden – und anschließend die Rechtmäßigkeit der Geschehnisse zu bestätigen. Da sträuben sich erstmals die Nackenhaare, in Arenen ist – siehe argentinische Militärjunta – schon eine Menge Böses passiert.

Die Bergung der Pflegerin Ludowika Weiß: Rita Brandneulinger. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Special Guest Eva Billisich als Analyse008_Daniela. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Die VersorgerInnen: Romy Hrubeš mit Martin Walanka und Johannes Scheutz. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Gertrud Nesterval mit dem Nestroy Corona-Spezialpreis: Astôn Matters. Bild: © Alexandra Thompson

Und dem Familienfonds für karitative Zwecke, gegründet, man erinnere sich, von Martha Nesterval als eine Art Wiedergutmachung für das Treiben der Sippschaft im Dritten Reich, nämlich der Herstellung von Waffen unter Einsatz von Zwangsarbeitern, ist ohnedies nur bedingt zu trauen. Aber schwupps, schon hat einen Analytikerin Alexandra, Spielerin Julia Fuchs, zur Nummer 606 der entsprechenden Kommission gekürt, und nicht ohne Stolz möchte man erwähnen, dass man von deren anderen Mitgliedern alsbald zur Sprecherin gewählt ward.

Wahl – das ist das Thema. Denn die Vorsitzende Maria Grün, dargestellt von Performerin Alexandra Thompson, die diese Funktion seit Gertruds Ableben im Jahre 1997 innehat, wirkt zunehmend vergesslich, verwirrt, rücktrittsreif. Befindet der Rat der Frauen, Männer haben nämlich in Gertruds Unterwelt nichts zu melden, der Rat, in den jeder Clan eine Vertreterin entsendet. Als da wären: Rot, die VerwalterInnen, Patrizia und Ehemann Theo, sowie die gemeinsamen Kinder Franka, Roberta und Maggo – Astôn Matters, Alkis Vlassakakis, Laura Hermann, Michaela Schmidlechner und Willy Mutzenpachner.

Grau, die Ideologinnen, die Schwestern Viktoria und Raffaela – Miriam Hie und Claudia Six. Weiß, die PflegerInnen-Geschwister Ludowika, Anna und Erich – Rita Brandneulinger, Chiara Seide und David Demofike. Schwarz, die VersorgerInnen, Petra und ihre Was-auch-immer Jannik und Julian – Romy Hrubeš, Martin Walanka und Johannes Scheutz. Die Koproduktion mit brut Wien wie stets angeleitet von Herrn Finnland und Frau Löfberg, und im Analyseteam Christopher Wurmdobler als Jonas Nesterval und Special Guest Eva Billisich.

Verantwortliche für Kunst und Kultur gibt es keine, KünstlerInnen wurden von Gertrud als nicht systemrelevant erachtet, „Kunst kann man machen, wenn die Arbeit vorbei ist“, befindet Patrizia Rot, und wiewohl man gebeten wurde, nicht zu spoilern, darf man verraten, dass sie der großen Vorkämpferin leibhaftige Tochter ist. Dieser (no na) wie aus dem Gesicht gerissen, und weder psychisch noch physisch fragil, sondern voll des süffisanten Anspruchsdenkens. Aufzug wie Aufmarsch sind militärisch, die Frauen starken Willens, die Männer unemanzipiert und rechtlos. Ein wenig gemahnt das Setting an die Siebzigerjahre-Serie „Star Maidens“ mit Pierre Brice über ein Alien-Matriarchat, in dem die Männer in „Die Abhängigen“ und „Die Unfreien“ aufgeteilt waren.

Vorsitzende Maria Grün und Truppe: Alexandra Thompson, Miriam Hie, Astôn Matters als Patrizia Rot (Mi.) und Chiara Seide. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Das folgende Macht-Spiel um die neue Führungsfrau ist spannender als es „Der Kreisky-Test“ war, wenn auch mit weniger Interaktion, da mit den BedROTen kein Kontakt aufzunehmen ist. So gilt es für die Kommission – bestehend aus stimmberechtigten Frauen, nicht stimmberechtigten Männern, vier ins Bild drän- genden Katzen, einem Hund mit Streichelbedarf, sechs Flaschen Wein, zwei Bier et al./kohol– zu beschließen:

Wem folgen, welchen Weg einschlagen, welcher davon ist ein Irr- oder Ab-? Wie in jedem guten Thriller ist frei nach Hitchcocks Lehre kein Hinweis null und nichtig. Die innerfamiliären Konflikte, ältliche Despotinnen, junge Revolutionärinnen, Papakinder, Geschwisterzwistigkeiten, heimliche Liebespaare, Verschwörerzellen, Fluchtwillige, Fortschrittsverweigerer, Zukunftspessimisten, ihnen allen sollte die Kommission genau zuhören, um zu einem Schluss zu gelangen. Und so robbt man durch politische Grabenkämpfe diverser „demokratisch legitimierter“ Leitfigurinnen, angesichts deren Sesselsägerei jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen heimischen Wahlgrotesken eh-schon-wissen ist.

Im digitalen Kämmerlein hat die Kommission schließlich die Chance, sich zu besprechen und ein Votum abzugeben – und siehe, was der/dem einen Sekte, ist der/dem anderen ein sozialistisches Paradies, jedoch: was ist eigentlich diese „lukrative und vielversprechende“ Idee, die der Nesterval Fonds für die Überlebenden anpreist? „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ ist ein sozialistischer Spaß, und am Ende so zynisch, wie es nicht einmal Walt Disney erfinden hätte können. Nach einem im Wortsinn geistreichen Schlussgag, gibt’s als Belohnung via E-Mail einen weiteren Geheimlink vom Feinsten.

Und statt des Nesterval-üblichen Zusammensitzens ein virtuelles Get-Together mit den anderen Kommissionen, den Back-ups und dem Analyseteam. Bei dem von jenen Gruppen, die einen anderen Weg als die eigene eingeschlagen haben, allerlei Wissenswertes über beispielsweise eine rituelle Waschung der Männer oder das Zusammentreffen der Gertrud-Nachkommen Jonas und Patrizia zu erfahren ist. So wurd’s mit Performance und Plauderei beinah 23 Uhr, bis man den Zoom-Raum endlich verließ. Mitte März soll ein Zusammenschnitt der besten Goodbye-Kreisky-Momente auf der Nesterval-Webseite folgen. Da hofft man natürlich, mit einem speziellen „Auftritt“ dabei zu sein. Freundschaft? Freundschaft!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=n9d0HrRlGeU           vimeo.com/456901428           brut-wien.at           www.nesterval.at

  1. 11. 2020