Wiener Festwochen: Das Programm 2018

Februar 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Mechanismen des Angstmachens aufzeigen

Phobiarama. Bild: ©Willem Popelier

Das „Theater der Angst“ und das fragile Gebilde Demokratie stehen im thematischen Mittelpunkt der Wiener Festwochen 2018, deren Programm Intendant Thomas Zierhofer-Kin Donnerstag Vormittag im Museumsquartier präsentierte. Mit insgesamt 30 Produktionen, darunter vier Uraufführungen und zwei eigens für Wien adaptierten Neuversionen, will man ab 11. Mai „die Mechanismen des Angstmachens aufzeigen“ und erzählen, wie einfach gesellschaftliches Leben aus den Fugen bricht. „Ein erster Strang“, so Zierhofer-Kin, „befasst sich damit. Ein weiterer Themenkreis ist die Beschäftigung mit Kollektiv gegen Individuum beziehungsweise Subjekt und Masse.“ Den Auftakt der diesjährigen Festwochen bildet eine Produktion von Dries Verhoeven. Der niederländische Künstler bringt mit Phobiarama sein Theater der Angst nach Wien – als Geisterbahn, mitten ins Museumsquartier. Die performative Installation spielt mit der Lust am Erschaudern und führt dabei genau jene Strategien und Mechanismen vor, die einen täglich umgeben in einer Welt, in der die Kategorien Wahrheit und Lüge ebenso ins Wanken geraten wie die Demokratie an sich.

Weitere Programmhighlights:

Seinen ganz eigenen Blick auf den Beginn europäischer Theatergeschichte und die Geburtsstunde der Demokratie europäischen Verständnisses wirft der Shooting-Star des deutschen Theaters Ersan Mondtag in seiner Inszenierung der Orestie von Aischylos. Nach den Gräueln des Trojanischen Kriegs setzen sich blutrünstiges Morden, Rache, Vergeltung und Familienfehden fort. Dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten versucht Pallas Athene durch göttlichen Richterspruch. Doch wie verhalten sich die Göttinnen, Götter und Menschen, die in Mondtags Orestie als Mensch-Ratten-Hybride bislang ihren dunkelsten Trieben gefolgt sind?

Ebenfalls zurück in die Geschichte Griechenlands geht der Regisseur Ong Keng Sen, bekannt für seine interkulturelle Herangehensweise, wie für die Kunst, scheinbar Vertrautes neu auszuleuchten. In seiner musiktheatralischen Arbeit Trojan Women stellt er Helena ins Zentrum der Tragödie „Die Troerinnen“ von Euripides. Ausgehend von Jean-Paul Sartres Bearbeitung, einem starken Statement gegen Krieg und Kolonialismus, in der Helenas Außenseiterinnen-Rolle als Griechin und Europäerin in ihrer ethnischen Dimension beleuchtet wird, geht Ong Keng Sen noch einen Schritt weiter und macht sie zur Grenzgängerin zwischen den Geschlechtern. Auch formal changiert Ongs Inszenierung zwischen vielen Welten: Alte Formen koreanischer Oper treffen auf neue Theatersprachen und koreanischen Pop.

Perspektivwechsel und koloniale Praxis stehen auch in der ersten Bühnenarbeit des international renommierten ägyptischen Künstlers Wael Shawky im Zentrum. The Song of Roland: The Arabic Version erzählt das mittelalterliche, französische Heldenepos rund um die Kreuzzüge Karls des Großen gegen die islamischen Sarazenen. Die Brutalität und Mordlust verherrlichenden Verse werden hier nicht von Europäern, sondern von 20 Fidjeri-Sängern auf Arabisch vorgetragen; so eröffnet Shawky ein Vexierspiel mit vermeintlich historischen Gewissheiten und aktuellen Debatten über islamisch-arabische wie christlicheuropäische Weltbilder.

Kamp. Bild: ©Hermann Helle

The Walking Forest. Bild: © Aline Macedo

The 2nd Season. Bild: © Anja Beutler

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dunklen Kapiteln der Menschheitsgeschichte führt die niederländische Theatergruppe Hotel Modern mit der Live-Film-Performance Kamp bis in die jüngere Vergangenheit fort: Ohne Worte wird mit fingergroßen Figurinen in einem Miniaturmodell von Auschwitz der Alltag im Lagerkomplex dargestellt und mittels Mikrokameras auf eine Leinwand übertragen. 80 Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs wird die 13 Jahre alte Arbeit nun erstmals auch in Wien zu sehen sein.

Einen gesellschaftspolitisch utopischen Ansatz verfolgt die brasilianische Theater- und Filmemacherin Christiane Jatahy in ihrer multimedialen, sehr freien Adaption von Shakespeares „Macbeth“: The Walking Forest nimmt Einzelschicksale von Menschen zum Anlass, einen Appell an den Gemeinwillen von Gesellschaften zu richten, an die Kraft, gemeinsam Veränderungen bewirken zu können.

Eine ganz besondere Form musikalischen Protests gegen Systeme anhand von Fabeln hat der kanadische Musiker und Cartoon-Zeichner Josh „Socalled“ Dolgin mit der Fortsetzung seines international erfolgreichen Anarcho-Puppen-Musicals „The Season“ geschaffen. In The 2nd Season gelingt es ihm, zusammen mit Puppenspielern, Live-Musikern und dem James Brown-Kollegen Fred Wesley, die Form des Musicals zu einem klugen wie unterhaltsamen Musiktheater über ökologische Themen und Kapitalismuskritik umzudeuten.

In Tiefer Schweb von Christoph Marthaler versuchen die Mitglieder eines geheimen Fachgremiums so manch unbewältigbares Problem, wie eine schwimmende Insel mit Geflüchteten auf dem Bodensee, zu lösen. Der Großmeister abgründig anarchisch-komischer Theaterarbeiten zeigt in seiner Beamten-Revue, wie sich die Verantwortlichen, statt Probleme mit Offenheit, Intelligenz und menschlicher Haltung zu bewältigen, überfordert und ängstlich in eine Blase am tiefsten Punkt des Bodensees zurückziehen.

Eine ganz andere Gemeinschaft hat der international bekannte ungarische Regisseur und Filmemacher Kornél Mundruczó im Sommer 2014 auf der Flucht vor Krieg, Terror und Tod in Ungarn gefilmt. Entstanden sind zeitgeschichtlich wertvolle filmische Dokumente über eine Gruppe von Menschen in einer existenziellen Grenzsituation, über ihre Sehnsüchte wie Hoffnungslosigkeit. Um den stummen Bildern eine Stimme zu verleihen, wählt Mundruczó den wohl subjektivsten abendländischen Liederzyklus über Einsamkeit, Entfremdung, Flucht und Tod: Schuberts Winterreise in der komponierten Interpretation von Hans Zender.

Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides. Bild: © Judith Buss

Paul McCarthy: Film Still of CSSC DADDA VIENNA EDIT. Bild: Edmund Barr. Courtesy of Paul McCarthy and Hauser & Wirth

Susanne Kennedy, erstmals in Österreich zu sehen, inszeniert ihre auf Jeffrey Eugenides Roman und Sofia Coppolas Film basierende Arbeit Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides als eine psychedelische Reise in den Tod. Mit radikaler Künstlichkeit, Entfremdung und Entsubjektivierung erzählt Kennedy die Geschichte des Freitods der Teenager-Schwestern anhand des Tibetanischen Totenbuches, begleitet vom LSD-Papst Timothy Leary, als Grenzerfahrungstrip.

Schließlich, als Ausblick auf ein Projekt, das die Wiener Festwochen 2019 zusammen mit dem legendären US-amerikanischen Künstler Paul McCarthy realisieren werden, wird mit CSSC/DADDA VIENNA EDIT eine exklusive Preview seines aktuellen Film-Projekts zu sehen sein: eine Abrechnung mit globalen faschistischen Tendenzen anhand einer radikalen Dekonstruktion von John Fords Western-Klassiker „Stagecoach“ aus dem Jahr 1939.

www.festwochen.at

15. 2. 2018

Albertina: Das Wiener Aquarell

Februar 9, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Virtuosen der Wasserfarbenmalerei

Moritz Michael Daffinger: Porträt Marie Daffinger, 1828. Privatbesitz

Leichtigkeit, Transparenz, Unmittelbarkeit und Strahlkraft der Farben sind besondere Qualitäten der Wiener Aquarellmalerei des 19. Jahrhunderts. Virtuose Stadtansichten und Landschaften, Porträts, Genrebilder und Blumenstücke ergeben den reichen Motivschatz, der mit künstlerischem Virtuosentum vorgetragen wird. Die Albertina zeigt nun ab 16. Februar in der Ausstellung „Das Wiener Aquarell“ einen Bilderreigen von mehr als 200 Werken aus den eigenen Sammlungen, bereichert durch wertvolle Leihgaben.

Den Höhepunkt erreicht die künstlerische Ausdrucksform der Aquarellmalerei, die so leicht wirkt und doch so schwer zu erzielen ist, im Biedermeier. Die wichtigsten Auftraggeber sind das Kaiserhaus und die Hocharistokratie, zunehmend aber auch das vermögende Bürgertum.

Jakob Alt, Matthäus Loder, Thomas Ender, Peter Fendi und Moritz Michael Daffinger zählen zu den bedeutendsten Künstlern dieser Zeit, später sind es Anton Romako und August von Pettenkofen. Sie alle aber überragt Rudolf von Alt, in dessen 45-jähriger Schaffenszeit die erlesensten Beispiele der Aquarellmalerei entstehen. Er behauptet sich mit seiner Kunst auch noch in der Welt der Wiener Ringstraße und der Secession. Seine Werke spannen so den weiten Bogen vom Biedermeier bis zur Kunst um 1900.

Peter Fendi: Die Prinzessinnen Elise und Fanny Liechtenstein mit ihrer Erzieherin, 1838. Albertina, Wien

Rudolf von Alt: Blick in die Alservorstadt, 1872. Albertina, Wien

Mit der Ausstellung „Das Wiener Aquarell“ sollen nun anhand besonders aussagekräftiger Werke die Entwicklung und die unterschiedlichen Anwendungsmethoden dieser Kunst veranschaulicht und der hohe Stellenwert belegt werden. Die Wahl des Titels liegt darin begründet, dass die meisten Künstler der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Blüte gelangten Wasserfarbenmalerei in Wien geboren wurden oder für ihre Ausbildung aus den Kronländern der Monarchie oder aus deutschen Fürstentümern in die Hauptstadt kamen:

Carl Schütz aus Laibach, Heinrich Friedrich Füger aus Heilbronn, Karl Postl aus Bechin in Böhmen, Jakob Alt aus Frankfurt am Main. Fast alle besuchten die Wiener Akademie oder waren dort lehrend tätig. In der kaiserlichen Residenzstadt fanden sie ihre Auftraggeber und die Möglichkeit der künstlerischen Entfaltung.

Die Schau ist in sechzehn Kapitel gegliedert: Übung mit Farbe, Wie Malerei, Heinrich Friedrich Füger, Ereignisbilder, Künstler im Dienst von Erzherzog Johann, Im Sonnenlicht, Rudolf von Alt und Wien, Das Wiener Genre, Moritz Michael Daffinger – Das Wiener Porträt und die Blumenmalerei, Künstler auf Reisen, Im Auftrag des Kaisers – die Guckkastenserie Kaiser Ferdinands I., Thomas Ender – Landschaft mit Bravour, Rudolf von Alt – Ein Beitrag zur Weltkunst, August von Pettenkofen, Anton Romanko sowie Rudolf von Alt – Ein Beitrag zur Weltkunst. Die Präsentation belegt einmal mehr, dass neben der englischen Aquarellkunst des 18. und 19. Jahrhunderts zu Recht alleine diejenige Wiens Weltgeltung erlangt hat.

www.albertina.at

9. 2. 2018

MUSA: Josef Mikl. Das satirische Werk

Januar 29, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Pointierte Darstellungen der Wiener Kunstszene

Josef Mikl: Letzte Reise des Wunderpferdes (auch Zauberpferd genannt), 1951 © Wien Museum

Ab 1. Februar zeigt das MUSA Wien die Schau „Josef Mikl. Das satirische Werk“. Im Zentrum der Ausstellung über den österreichischen Maler steht ein einzigartiger Bestand von Skizzenbüchern, Textblättern, Episkopbildern und Heften, der durch eine Schenkung von Brigitte Bruckner-Mikl an das Wien Museum MUSA kam. In pointierten Darstellungen und bissigen Satiren reagierte Mikl auf seine Zeitgenossen und die Kunstszene dieser Zeit.

Es entstanden abenteuerliche Geschichten wie etwa in den Skizzenheften „Wunderpferd“ und „Kulturtagung in Worpswede“. Mit seiner wohl bekanntesten Figur, der Journalistenfresserin Hawranek, schaffte er sich ein Ventil gegenüber Kritik: „Vor vielen Jahren, als die Erde noch flach was, zerbiss die Hawranek schon Zeitungen und Redakteure.“ Wie wichtig ihm sein satirisches Werk schließlich war, beweisen seine sieben Publikationen, die er ab den 1960er-Jahren – großteils im Selbstverlag – veröffentlichte. Mit der Schenkung werden nun auch Skizzenbücher und -hefte präsentiert, die bisher der Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieben. Einige der Arbeiten sind in sich geschlossene Bild-Text-Kombinationen, andere wiederum beinhalten oft nur wenige Seiten umfassende Gedanken. Dank der nun erfolgten Aufarbeitung erweist sich sein satirisches Werk noch viel umfangreicher als ursprünglich an genommen.

Josef Mikl: Kulturtagung in Worpswede, 1951, © Wien Museum

Der Künstler trennte diese Gesellschaftssatire von seinem malerischen Werk, das mit den Decken- und Wandbildern im Großen Redoutensaal der Wiener Hofburg nach dem Brand von 1992 einen Höhepunkt erreichte.

Durch den in dieser Ausstellung gelegten Fokus auf das satirische Werk werden Mikls Persönlichkeit, seine Sicht auf Zeitgenossen und die Kulturszene näher beleuchtet. Zur Ausstellung erscheint eine erstmals die gesamte Werkgruppe umfassende Publikation mit Beiträgen wichtiger Wegbegleiter und Experten, wie beispielsweise Peter Baum, Otto Breicha, Fritz Koreny, Teddy Podgorski, Drago Prelog, Oliver Rathkolb, Artur Rosenauer, Hanno Rauterberg oder Rudolf Schönwald.

29. 1. 2018

Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018

Das Leuchten der Erinnerung

Dezember 30, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Helen Mirren und Donald Sutherland in einem berührenden Roadmovie

Donald Sutherland und Hellen Mirren. Bild: © Filmladen Filmverleih

Roadmovie. Das ist ein Genre, das mit Rebellion, der Sehnsucht nach Freiheit und der Suche nach einem Weg zu sich selbst gleichzusetzen ist. Und um nichts anderes geht es in Paolo Virzìs erstem englischsprachigen Film „Das Leuchten der Erinnerung“, der ab 4. Jänner in den heimischen Kinos zu sehen ist.

Der italienische Regisseur hat den gleichnamigen Roman von Michael Zadoorian mit Helen Mirren und Donald Sutherland in den Hauptrollen großartig für die Leinwand adaptiert. Erzählt wird die Geschichte einer großen Liebe, eine Tragikomödie mit melancholischer Baseline unter ausreichend Situationskomik.

Ella und John nämlich wollen dem Schicksal ein letztes Schnippchen schlagen, sie, unheilbar an Krebs erkrankt, er mit seiner fortschreitenden Demenz ringend. So machen sich die beiden mit ihrem alten Wohnmobil, dem Leisure Seeker, auf, um sich noch einmal aneinander zu erfreuen, sich zu erinnern – und Hemingways Wohnhaus in Key West zu besuchen. Sutherland und Mirren spielen dieses Paar, das zwischen Liebe und den dabei üblichen Differenzen hin- und herpendelt, berührend und sehr glaubhaft. Ihre Darstellung ist mit einem Wort bestechend und bietet Emotion pur.

So dauert’s eine Zeit, bis sich das Drama entspinnt. Sutherland gibt den John verschmitzt-verwirrt, als Schöngeist und Luftikus, der über Hemingway und James Joyce philosophieren kann, mit Janis Joplin mitsingt, aber vergessen hat, dass er auf die Toilette sollte. Stur und beharrlich wie ein Kind reagiert er auf Mirrens Ella, die ihn immer dann streng bevormundet, wenn er ihr zu entgleitet droht. „Ich bin so glücklich, wenn du wieder bei mir bist“, sagt sie, die freundliche Quasselstrippe, über seine lichten Momente, falls es ihr einmal mehr gelungen ist, sein Gedächtnis zu wecken. Mirren gibt ihrer Ella aber auch eine gute Portion Aggressivität und Frustriertheit mit auf den Weg.

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Wie sich’s für ein Roadmovie gehört, stolpern die beiden in allerlei skurrile Situationen. Sie setzen sich gegen einen Überfall erfolgreich zur Wehr, er vergißt sie an der Tankstelle, sie rast auf dem Motorrad hinterher, die beiden landen mitten in einer Trump-Wahlkundgebung … als Demokraten … John besteht eifersüchtig darauf, Ellas erste Liebe zu besuchen, mittlerweile ein alter Zausel in einem Seniorenwohnheim. Und dann verrät er sein großes Lebensgeheimnis, sie horcht ihn aus, er plaudert.

Ob dies alles zum Happy End führt, liegt im Auge des Betrachters. Klar ist, dass Mirren und Sutherland ihrem Paar eine wunderbar tröstliche Strahlkraft verleihen. Sie machen es, dass man mit Tränen in den Augen lächeln kann. „Das Leuchten der Erinnerung“ ist ganz großes, absolut sehenswertes Schauspielerkino.

www.dasleuchtendererinnerung.de

  1. 12. 2017