Az W – Hans Hollein ausgepackt: Das Haas-Haus

Juni 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Einblicke ins „Eckhaus der Nation“

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985-1990, Baustelle 1989. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Margherita Spiluttini

Als „Eckhaus der Nation“ bezeichnet, erregte das Haas-Haus vis-à-vis dem Stephansdom wie selten ein Gebäude bereits vor seiner Errichtung die Gemüter. Anlässlich des 85. Geburtstages von Hans Hollein öffnet das Architekturzentrum Wien am 12. Juni sein Archiv und gewähren einen Blick hinter die Kulissen, in die Entstehung seines wohl bekanntesten Wiener Gebäudes. Ursprünglich als Umbaustudie beauftragt, wurde der kostengünstigere Neubau 1990 fertiggestellt.

Im vierten SammlungsLab des Az W machen vielfältige Modelle und Zeichnungen die Genese des Projektes nachvollziehbar, von städtebaulichen Überlegungen zum Umfeld über ausführliche Studien zu Fassade und Atrium bis hin zu Schriftzug und Farbe des Bauzauns. Die Fülle des erhaltenen Materials gibt Einblick in den Arbeitsprozess im Atelier Hollein. Herangehensweisen, Verworfenes, Alternativen, Bezüge und Metaphern werden in einer noch nie gezeigten Tiefe offengelegt. Medienberichte erinnern an teils heftig geführte Debatten. Unter Beibehaltung der äußeren Erscheinung kam es 2002 zum Rückbau des fünfgeschossigen Atriums. Seit 2012 steht das Haas-Haus unter Denkmalschutz.

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985–1990, Baustelle. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Friedrich Achleitner

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985–1990, Blick vom Stephansdom. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Friedrich Achleitner

Zur Eröffnung der Schau gibt es die Podiumsdiskussion „Die Causa Haas-Haus“ zu Fragen wie: Was kann und darf moderne Architektur im historischen Zentrum? Welche Auswirkungen hatte das Haas-Haus auf die ihm folgenden Neubauten in der Innenstadt? Am 5. Juli findet die Exkursion „Designed by Hans Hollein“ statt, ein Stadtspaziergang, der fünf Jahrzehnte von Holleins architektonischem Schaffen nachvollziehen lässt. Der Rundgang führt vom prägnanten Aluminiumportal des ehemaligen „Kerzengeschäft Retti“ vorbei an den Läden des Juweliers Schullin zum Haas-Haus und weiter zur Tabak Trafik , zur Boutique Christa Metek und schließt mit dem Eingangsbereich der Albertina ab.

Der 2016 durch die Republik Österreich erworbene und durch das MAK übernommene umfangreiche Teilnachlass wurde in Form einer Dauerleihgabe an das Az W übergeben. Seitdem liegt das „Archiv Hans Hollein, Az W und MAK, Wien“ dem Architekturzentrum Wien zur wissenschaftlichen Aufarbeitung vor. Die Komplexität des Ausstellungsmaterials macht die Bedeutung von Vor- und Nachlässen für ein tieferes Verständnis von Baukultur sichtbar.

www.azw.at

Wien, 11. 6. 2019

Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

www.volkstheater.at

15. 5. 2019

TheaterArche – Aggregat Valudskis: Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald

Mai 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pistolen auf Fliegen schießen

Der Bär: Martin Bermoser als Smírnow, Markus Kofler als greiser Diener Luká und Sonja Romei als Gutsbesitzerswitwe Jeléna Popówa. Bild: © Daniel Wolf

Čechov-Kenner Arturas Valudskis beglückt das Wiener Publikum nach seiner bejubelten „Kirschgarten“-Interpretation im TAG mit einer neuen Produktion aus Werken des russischen Literaturtitanen. „Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald“ nennt sich der Abend, den der litauische Theatermacher mit seinem Aggregat Valudskis in der TheaterArche zeigt – und schon in diesem Titel klingt die Liebe an.

Ebenso, wie der Versuch, ob ihrer der Einsamkeit zu entrinnen, einem selbstgewählten Seelensibirien, und so lange ist der in der Sowjetunion politisch verfolgt gewesene Regisseur schon in Österreich, dass er selbstverständlich Vornamensvetter Schnitzler parat hat. Auch die Taiga ist ein weites Land …

Es geht also um Herzensangelegenheiten und darum, wie leicht ein solches sich erwärmen und aufblühen oder beschädigt und gebrochen werden kann. Bei seiner hochpoetischen Überprüfung der menschlichsten aller menschlichen Regungen führt Valudskis die Zuschauer von himmelhoch jauchzend zu im Wortsinn zu Tode betrübt. Er entführt in die Welt der Čechov’schen Gutsbesitzer, verknüpft deren aus Untätigkeit entstandene Unlust am Leben mit einer Satire über Standesdünkel, lässt dessen Untergangsgesellschaft aushalten, hoffen und vor allem harren. Jede Geste, jedes Gefühl, jedes scheiternde Gespräch dabei in Valudskis‘ spezieller Weise, eine Bühne zu bespielen, pointiert auf den Punkt gebracht. Und ohne auf Pointen zu vergessen.

Die letzte Mohikanerin: Martin Bermoser als Dokukin, Markus Kofler als Dossifej und Sonja Romei als Olimpiada. Bild: © Aggregat Valudskis

Der Heiratsantrag: Sonja Romei als Natalja, Martin Bermoser als Gutsherr Tschubukow und Markus Kofler als Lomow. Bild: © Aggregat Valudskis

Mit seinen Schauspielern Sonja Romei, Markus Kofler und Martin Bermoser macht Valudskis das, was Čechov sein unter Tränen Lachen nannte, zum ungetrübten Tränenlachen. Dies zumindest für Zeitgenossen, die sich auf ein sarkastisches Augenzwinkern verstehen. Für „Liebirien“ hat sich das Aggregat die Einakter „Der Heiratsantrag“ und „Der Bär“ und die Kurzgeschichten „Die letzte Mohikanerin“ und „Der Familienvater“ hergenommen, hat daraus Schlüsselszenen auf die Essenz reduziert. Der Nachbar, der bei der Gutsbesitzerswitwe die Schulden vom verstorbenen Mann eintreiben will, und sich in einem Duell wiederfindet.

Der Junggeselle, der wegen eines Streits um den besseren Jagdhund sein Herz nicht verschenkt, sondern einem Herzinfarkt erliegt. Die kratzbürstige Hausherrin, die vom Gatten gerade darum geliebt wird. Ein Suppenvorfall, der in Heulen und Zähneknirschen endet. Nicht jede Miniatur schließt gemäß dem Erfinder mit einem sich glücklich in die Arme fallen, mit Hintersinn nimmt Valudskis nämlich die Überhitzung, die Exaltiertheit der Čechov’schen Charaktere aufs Korn, und lässt sie, im Sinne der Kanonen und der Spatzen, mit Pistolen auf Fliegen schießen. Markus Kofler richtet in der Art jede Menge Kollateralschäden an. Er ist diesmal für die verhuschten, scheuen, vorsichtigen Figuren zuständig.

Den greisen Diener Luká, den dauergescholtenen Dossifej, den auf seinen Freiersfüßen zusammenbrechenden Lomow. Und wie er das macht, wie er Valudskis‘ schwarzes Theater, „Armes Theater“, mit seiner Körperpräsenz erfühlt und erfüllt, ist ganz große Klasse. Er schwankt in Gesten der Hilflosigkeit, ringt mit einer entgleisenden Mimik, das Reißen von Papier, der Stift auf einem Blatt, versetzen ihn in Zuckungen, Tischbeine können gar nicht anders, als ihn mit sich ziehen – aber ein Augenrollen hinter der Nickelbrille und alles ist wieder im Lot. Mit weiß geschminkten Gesichtern deutet das Aggregat Valudskis immer auch das Clowneske seiner Arbeiten an. Die vier Hintergrundtüren in der TheaterArche eignen sich darüber hinaus hervorragend für ein russisches Klipp-Klapp.

Der Bär: Jeléna Popówa will mit allen Mitteln ein Bildnis ihres verstorbenen Mannes sehen: Martin Bermoser, Markus Kofler und Sonja Romei. Bild: © Daniel Wolf

Martin Bermoser ist als Schuldeneintreiber Smírnow zwar ein grobschlächtiger Kerl, doch wohl noch nie hat einer stoischer an „Wadenkrämpfen vor Wut“ gelitten. Als Vater der angedachten Braut, Tschubukow, stellt er sehr schön dessen selbstgefällige Art zur Schau, wenn seinen Segen und Champagner auch angesichts des bereits Hingestreckten kredenzt. Dass die Frau im Inneren ein Krokodil ist, so Čechovs Kosenamen für Olga Knipper, präsentiert Sonja Romei überaus pikant.

Wie ihre Rollen, die Jeléna Popowa, die Olimpiada Jegorowna Chlykina, die Natalja Tschubukowa zusehends aus der Rolle fallen, vom vornehmen Madämchen zur zänkischen Xanthippe werden, ist zu komisch. Vieler Worte bedürfen die drei Darsteller bei all diesen Irrungen und Wirrungen nicht, Valudskis filtert auch aus der Sprache das Wesentliche. Macht sein Stück zur Filigranarbeit, die Figuren feingezeichnet, selbst ihr Schweigen greifbar.

Derart entsteht das magischste, das letzte Dramolett: Aus „Der Familienvater“ hat Valudskis lediglich den Abschnitt entliehen, in dem eben jener Stepan Stepanytsch Shilin die Qualität der Suppe bemängelt. Was die Hausfrau verschüchtert und das Söhnchen zum Weinen bringt. Bermoser als Shilin, Romei und Kofler spielen das als Knietheater, wie Kinntheater, nur eben mit nackter Kniescheibe statt Unterkiefer, das Hemd oder den Rock um diese gebunden. Klar, dass sich die Gelenke Grausamstes antun, bis eines in der Schüssel ertränkt wird. Großer Beifall für diese außergewöhnliche Aufführung, in der überbordende Fantasie und künstlerisches Vermögen alles sind. Nur 70 Minuten dauert dieses Kleinod, und das ist, war sich das Publikum nach der Premiere einig, zu kurz.

Video: www.youtube.com/watch?v=IQ4vDIybTUQ&t=278s

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis-1646800055587123           www.theaterarche.at

TIPP: Ab 24. Mai gibt es im TAG wieder Vorstellungen von Arturas Valudskis‘ gefeierter Produktion „Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31734)

  1. 5. 2019

Karikaturmuseum Krems – Tex Rubinowitz

Mai 13, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Momentaufnahmen einer sonderbaren Welt

Tex Rubinowitz: Du hast es vermasselt, 2019

Ab 18. Mai zeigt das Karikaturmuseum Krems die Ausstellung „Tex Rubinowitz: Caricature brute – Das Gegenteil von schön gezeichnet“. Zu sehen sind sechs politische Kommentare gezeichnet für den Falter, zwölf Cartoons, die mit eigenartigen Protagonisten und besonders groteskem Humor immer aufs Neue überraschen, sowie 20 Wilbur-Comic-Strips. Mit seinen unmittelbaren und absurden Zeichnungen zählt Tex Rubinowitz zu den wichtigsten Vertretern der sogenannten „Caricature brute“ – einem starken Gegensatz zu virtuos angelegten und sorgfältig ausgearbeiteten Arbeiten von Manfred Deix. Das Beiwort brute stammt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie roh, trocken, unbearbeitet oder ungeschliffen. Dies beschreibt die Arbeit von Tex Rubinowitz recht präzise.

Tex Rubinowitz: Wilbur, Nr. 32 A, o.D. © Tex Rubinowitz

Seine Zeichnungen sind schnell und skizzenhaft angelegt. Dargestellt werden bizarre, abwegige Szenen, Momentaufnahmen einer sonderbaren Welt. Seine Bildsprache ist zum Teil unerwartet, oft unverständlich, aber auch literarisch, und er arbeitet mit Wortspielen und Worterfindungen. Eine besondere Beigabe zur Schau sind drei Porträts der Serie „Nullpunkter“. Porträts von Musikerinnen und Musikern und beispielhaften Teilnehmern am Eurovision Song Contest, vielmehr Ikonen des Scheiterns, deren Darbietung die Jury mit keinem einzigen Punkt honorierte. Dies stellt einen weiteren unkonventionellen künstlerischen Beitrag des genialen Cartoonisten, Schriftstellers und Bachmann-Preisträgers dar.

www.karikaturmuseum.at

13. 5. 2019

Luigi Toscano: Gegen das Vergessen

Mai 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Fotoinstallation macht Station in Wien

Bild: Peter Lechner/HBF

Luigi Toscanos Ausstellung „Gegen das Vergessen“ macht derzeit Station entlang des Burgrings in Wien. Die Installation des deutsch-italienischen Fotografen und Filmemachers umfasst knapp hundert großformatige, etwa zwei Meter hohe Porträtfotos von Überlebenden der NS-Verfolgung, die heute in Österreich, den USA, Deutschland, der Ukraine, Israel, Russland und Weißrussland leben. Die Bilder sind vor dem Heldenplatz zu sehen.

Mehr als 300 NS-Überlebende hat Luigi Toscano in den vergangenen fünf Jahren für sein Projekt getroffen und fotografiert: „Sie sind die Gesichter und Stimmen der Erinnerungskultur. Die Menschen, die ich abbilden durfte, haben mich dazu ermutigt, ihre Porträts mit ihren Geschichten in die Welt zu tragen. ,Gegen das Vergessen‘ fordert jede einzelne und jeden einzelnen auf, alles dafür zu tun, dass Menschen nie wieder solche Verbrechen an anderen Menschen begehen.“ Die mittlerweile 96-jährige US-Amerikanerin und Auschwitz-Überlebende Susan Cernyak-Spatz, die in Wien geboren wurde, gab Luigi Toscano 2014 ein Zitat mit auf den Weg, das ,Gegen das Vergessen‘ bis heute prägt: „Wenn wir die Vergangenheit vergessen, sind wir verdammt, sie zu wiederholen.“

Die Ausstellung am Burgring zeigt zahlreiche Porträts von Menschen mit österreichischen Wurzeln. So wurde etwa Viktor Klein im Februar 2018 von Luigi Toscano in Israel porträtiert, nun war er als Ehrengast bei der Eröffnung anwesend. ,Gegen das Vergessen‘ ist als Ausstellung im öffentlichen Raum konzipiert. Ob Parks, öffentliche Plätze oder Häuserfassaden – Luigi Toscano möchte eine offen zugängliche Präsentation der Bilder für alle. Informationstafeln, ein Katalog, eine App und ein Dokumentarfilm ergänzen die Schau.

Bundespräsident Alexander van der Bellen bei der Ausstellungseröffnung. Bild: Peter Lechner/HBF

Viktor Klein kam am Arm von VdB-Ehefrau Doris Schmidauer als Ehrengast nach Wien, re.: Luigi Toscano. Bild: Peter Lechner/HBF

Erstmals wurde „Gegen das Vergessen“ im Herbst 2015 in Mannheim gezeigt. Im September 2016 war die Ausstellung zum Staatsakt des Gedenkens an die Massaker von Babyn Jar in Kiew eingeladen. Es folgten vier weitere Stationen in der Ukraine und zwei in Berlin. 2018 kam die Installation in die USA. Im Januar war sie zum Internationalen Holocaust-Gedenktag bei den Vereinten Nationen in New York zu Gast. Im April wurde sie in Washington D.C. am Lincoln Memorial Reflecting Pool gezeigt, im Oktober in Boston. Derzeit ist „Gegen das Vergessen“ zeitgleich in Wien und in San Francisco zu sehen. Und Luigi Toscano plant mit seinem Team weitere Stationen weltweit, unter anderem in Mainz, Chicago, Seattle und Pittsburgh. Die Schau in Wien ist eine gemeinsame Initiative mit dem Psychosozialen Zentrum ESRA, das Menschen, die durch Verfolgung, Folter, Migration, Misshandlung, Katastrophen oder andere schwerwiegende Ereignisse traumatisiert wurden, umfassende professionelle Hilfe bietet.

gegen-das-vergessen.gdv-2015.de           luigi-toscano.de           www.esra.at

11. 5. 2019