James Baldwin: Nach der Flut das Feuer

März 3, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wer mich für einen Nigger hält, hat das wohl nötig“

Dies also ist endlich das Werk, das James Baldwin zur weltweiten Ikone antirassistischer Bewegungen machte, jenes Buch, auf das alle späteren zum Thema zurückzuführen sind. Zehn Jahre war der Autor alt, als er zum ersten Mal Opfer weißer Polizeigewalt wurde, drei Jahrzehnte später, 1963, erschütterte er mit „Nach der Flut das Feuer“ die amerikanische Selbstwahrnehmung in ihren Grundfesten. Der Titel des Essaybands entstammt der Strophe eines Sklavenlieds, God gave Noah the rainbow sign, No more water, the fire next time!, und mit kraftvoller, präziser Sprache seziert Baldwin darin, was es bedeutet, in den USA mit schwarzer Hautfarbe geboren zu sein.

Baldwins Essays seien wie Brandbomben in Trump-Land, vermeldet Der Spiegel, und es ist kein Wunder, dass diese wichtige Stimme des 1960er-Civil Rights Movement dieser Tage auch im deutschsprachigen Raum ein Revival erlebt. Zu Zeiten von Hass und Hetze gegen geglaubt „Andersseiende“, zu Zeiten, da sich die Abwesenheit von Empathie erschreckend ausdehnt, zu Zeiten der Polittermini freiwillige Nachtruhe, Sicherungshaft und Ausreisezentren.

Bei dtv macht man sich um Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ (dessen Kinoadaption durch Barry Jenkins ab 8. März zu sehen ist, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32324) sind bereits erschienen, für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung. Im Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ beleuchtet Regisseur Raoul Peck Baldwins Leben (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378).

Wenn Baldwin schreibt, so ist das stets politisch scharf und vehement poetisch. „Nach der Flut das Feuer“ beginnt mit einem Brief an seinen Neffen, Anlass ist der 100. Jahrestag der Sklavenbefreiung, in dem er diesen dazu aufruft, sich gegen die de facto vorhandene Segregation zu stemmen – Schwarze sind der ständigen Angst ausgesetzt, von der Polizei willkürlich verhaftet und misshandelt zu werden, in den Südstaaten wird nach wie vor gelyncht -, und führt zu seiner frustrierenden Erkenntnis über die fehlende Solidarität weißer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Da passiert gerade der Marsch auf Washington, wo Martin Luther King seine berühmte Rede „I Have A Dream“ hält, da ist auch Malcolm X noch nicht ermordet. Da kommt es zum in die Geschichte eingegangenen Baldwin-Kennedy-Meeting – der Kennedy ist in diesem Fall der damalige Justizminister Robert F.

Baldwin macht sichtbar, was verschleiert oder verharmlost wird, die Tragweite von Unterdrückung, Ausgrenzung und Elend, er lässt ein „Du übertreibst“ seiner weißen Freunde nicht gelten. „Weiße müssen sich darüber klar werden, wozu sie den Nigger überhaupt erfunden haben, denn ich bin kein Nigger. Ich bin ein Mensch, aber wer mich für einen Nigger hält, hat das anscheinend nötig“, analysiert er treffend und fügt hinzu: „Hautfarbe ist keine menschliche oder persönliche Realität; sie ist eine politische Realität.“

Voller Zuneigung und kämpferischer Zuversicht will Baldwin seinen Neffen auf das Erwachsenwerden vorbereiten. So nüchtern der Schriftsteller die Verhältnisse bloßlegt, etwa, wenn er davor warnt, die Eigenbewertung nach dem Wertebild der Weißen zu orientieren, so ermutigend ist sein Brief. Auch zum Konzept der Integration hat der Autor eine klarsichtige Meinung, ist sie für ihn doch nur ein weiteres weißes Machtinstrument, das auf der Überzeugung basiert, Schwarze müssten sich nach deren Vorstellungen verhalten. Baldwin enttarnt Worte, Begriffe, Redewendungen als das rhetorische Gerüst des Rassismus: „Wer andere erniedrigt, erniedrigt sich selbst.“

Malcolm X. Bild: pixabay.com

Robert Kennedy. Bild: pixabay.com

Martin Luther King. Bild: pixabay.com

Im zweiten Essay berichtet Baldwin von seiner Jugend. Vom „Kniff“, der ihn vor der Straße rettete, die Religion nämlich, von der Popularität, die ihm seine Berufung zum Laienprediger brachte, schließlich von der Begegnung mit den Black Muslims – und einer Abkehr von jeglichem institutionalisierten Glauben. Von den Auseinandersetzungen mit seinem Stiefvater, einem Baptistenprediger, der von der Panik besessen war, „dass das Kind, indem es die Anmaßungen der weißen Welt infrage stellt, den Weg der Verdammnis einschlägt“. Von der Erkenntnis, dass er, da er die Klischees singen, tanzen oder boxen zu können, nicht erfülle, wohl ein Schreibender werden müsse.

Wie fatal nach Heute es klingt, wenn er notiert, die US-Polizei sei „völlig unvorbereitet … auf alles, was sich nicht mit einem Schlagstock, der Faust oder einem Schießeisen regeln lässt.“ Oder: „Manchmal denke ich verzweifelt, dass Amerikaner jede politische Rede unterschiedslos schlucken.“ Oder: „Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen.“

Am Ende hält James Baldwin in „Nach der Flut das Feuer“ ein Plädoyer dafür, diese Welt gemeinsam zu gestalten. Sein Buch, formuliert Jana Pareigis in ihrem Vorwort, sei „Ausdruck eines radikalen Humanismus“. Allerdings auch Ausdruck der Überzeugung, dass es für die Umsetzung gleicher Rechte für alle, Freiheit und Menschenwürde grundlegender Strukturänderungen in Politik und Gesellschaft bedürfe. Wenn die Weißen gelernt hätten, sich selbst und einander zu akzeptieren, vielleicht sogar zu lieben, schreibt Baldwin, dann „gibt es kein ,Negro problem‘ mehr, das wird dann nämlich nicht mehr gebraucht.“

Über den Autor: James Baldwin, 1924 in New York geboren, war und ist vieles: ein verehrter, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und eine Ikone der Gleichberechtigung aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Herkunftsmilieus. Baldwin starb 1987 in Südfrankreich, aber sein Bann ist ungebrochen bis heute. Zuletzt erschien bei dtv die Neuübersetzung seines Romans „Beale Street Blues“.

dtv Literatur, James Baldwin: „Nach der Flut das Feuer“, Essays, 128 Seiten. Mit einem Vorwort von Jana Pareigis. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow.

www.dtv.de/special-james-baldwin/tappingintobaldwin/c-1722

  1. 3. 2019

Lentos Kunstmuseum: Lassnig – Rainer. Das Frühwerk

Februar 1, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Werden zweier großer Künstlerpersönlichkeiten

Ein Leben lang verbunden: Maria Lassnig und Arnulf Rainer während einer Ausstellungseröffnung in Wien, 1999. Bild: Heimo Rosanelli

Maria Lassnig und Arnulf Rainer zählen zu den erfolgreichsten Künstlern Österreichs. Lassnig würde heuer ihr 100. Lebensjahr begehen, Rainer feiert im Dezember seinen 90. Geburtstag. Die beiden lernten einander 1948 in Klagenfurt kennen. Ihre gemeinsam verbrachten Jahre prägten ihr künstlerisches Werk grundlegend. Die Ausstellung „Lassnig – Rainer. Das Frühwerk“ im Lentos Kunstmuseum Linz zeigt ab 1. Februar etwa 120 Werke aus den Jahren von 1948 bis 1960.

In dieser Zeit werden die Weichen für das Kunstschaffen von Maria Lassnig und Arnulf Rainer gestellt. Die verschiedenen Stilrichtungen, die sie in kurzer Zeit durchliefen, lassen sich grob mit den Begriffen Surrealismus, Informel und geometrische Abstraktion umreißen. 1945 flüchtet Arnulf Rainer vor den russischen Besatzungssoldaten aus Baden auf einem Fahrrad nach Kärnten zu Verwandten. Im Jahr 1947 besucht er eine Ausstellung in Klagenfurt, in der er Lassnigs heftig diskutiertes Gemälde „Akt Guttenbrunner“ sieht. Im April 1948 kommt es zu einem ersten Treffen mit Lassnig in ihrem Atelier in Klagenfurt. Der Beginn einer Beziehung mit der ein intensiver künstlerischer und intellektueller Austausch verbunden war . Maria Lassnig hatte, als sie Arnulf Rainer kennenlernte, bereits ihr Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste absolviert. Ihr Atelier am Heiligengeistplatz war Treffpunkt von Künstlern und Literaten wie Arnold Clementschitsch, Michael Guttenbrunner, Max Hölzer oder Arnold Wande.

Maria Lassnig: Porträt Arnulf Rainer, 1948-1949. © Maria Lassnig Stiftung

Arnulf Rainer: Selbstbildnis in den Februartagen, 1948. Courtesy Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs, © Atelier Arnulf Rainer

In ihren frühen Zeichnungen suchte Lassnig bereits nach einer Möglichkeit, die Wahrnehmungen ihres Körpers unmittelbar darzustellen. Sie erachtete ihn als eine Realität, die mehr in ihrem Besitz war als ihre Außenwelt. Ab 1947 entstanden erste „Körpergefühlszeichnungen“, die sie „Introspektive Erlebnisse“ nannte. Arnulf Rainer arbeitete in den späten 1940er-Jahren an surrealistischen Porträts und Unterwasserszenarien. 1950 kam es zur Gründung eines Künstlerkollektivs, der sogenannten „Hundgruppe“. Sie zählte neben Lassnig und Rainer Arik Brauer, Ernst Fuchs, Wolfgang Kudrnofsky, Peppino Wieternik, Anton Krejcar und Maria Luise Löblich als Mitglieder. Die beteiligten Künstler und Künstlerinnen fanden den Art Club und seine kleinbürgerliche Bohemien-Szene als zu traditionell. Die Eröffnung ihrer einzigen Ausstellung im März 1951 wurde zum Skandal, da Arnulf Rainer das Publikum beschimpfte. Mit diesem provokanten Auftritt nahm er den Wiener Aktionismus vorweg.

Mit Lichtpausen von surrealistischen Zeichnungen reisen Lassnig undRainer 1951 nach Paris. Sie treffen sich unter anderem mit dem Kopf der Surrealistengruppe André Breton und mit dem Schriftsteller Paul Celan. In Paris konnten sie mehr über automatistische Bildtechniken erfahren. Maria Lassnig war in Paris vor allem von Yves Tanguys „Knochenmonumenten“ beeindruckt. Arnulf Rainer lernte über Paul Celan die für sein künstlerisches Schaffen bedeutsame „Lehre vom Zerfall“ von E. M. Cioran kennen. Während einer weiteren Parisreise entdeckten sie die Ausstellung „Véhémences confrontées“ in der Galerie La Dragonne. Die dort ausgestellten Kunstwerke von Jackson Pollock, Willem de Kooning, Jean-Paul Riopelle, Georges Mathieu, Sam Francis, Mark Tobey, Camille Bryen und Hans Hartung waren bereits der abstrakt-informellen Kunstrichtung zuzuordnen und beeindruckten Lassnig und Rainer nachhaltig.

Nach Paris arbeitete Lassnig an informellen Monotypien und nannte ihre Werke „Amorphe Automatik“, „Meditationen“ und „Stumme Formen“. Rainer malte zunächst abstrakte Gemälde, die er „Mikrostrukturen“ und „Atomisationen“ nannte. Sein theoretischer Text „Malerei, um die Malerei zu verlassen“ beschreibt einen Weg der permanenten Reduktion, eine radikale Loslösung von überkommenen Traditionen. Daraus resultieren seine „Blindzeichnungen“, „Zentralisationen“, „Vertikalgestaltungen“ und „Auslöschungen“. Ab 1954 entstandene Überzeichnungen und Übermalungen waren eine Folge davon. Rainer und Lassnig kuratierten 1951 eine Ausstellung im Künstlerhaus Klagenfurt. In einem Manifest zu dieser Ausstellung fordert Lassnig: „Fort mit den ästhetischen Farbassoziationen“ und „Freiheit, die sich der Mensch, der Künstler wählt“. An dieser Ausstellung nehmen auch Friedrich Aduatz, Wolfgang Hollegha, Johanna Schidlo, Johann Fruhmann und Hans Bischoffshausen teil.

Maria Lassnig: Guttenbrunner als Akt / Aktstudie M. G., 1946. © Maria Lassnig Stiftung

Arnulf Rainer: Rainer – Lassnig – Übermalung, (Fotografien: 1949, Übermalung: ca. 2004). © Atelier Arnulf Rainer

In den folgenden Jahren gestalten Lassnig und Rainer „Flächenteilungen“ und „Proportionen“. Darin loten beide Künstler die Möglichkeiten geometrischer Kompositionen aus. Arnulf Rainer lernt in dieser Zeit den Wiener Domprediger Otto Mauer kennen, der seine Kunst ab 1955 in seiner Galerie St. Stephan, später nächst St. Stephan, unterstützt. Angeregt durch Bildhauer Fritz Wotruba, kehrt Maria Lassnig schrittweise zur Figuration zurück.

Aus ihren Körpergefühlsaquarellen entwickelt Lassnig nach und nach tachistische Körpergefühlsbilder. Für Lassnig sind die Wiener Jahre  schwierige Jahre, in denen sie besonders unter fehlender gesellschaftlicher Anerkennung leidet – erst 1960 wird sie ihre erste Einzelausstellung bei Otto Mauer erhalten. Rainer verlässt 1953 Wien und zieht nach Gainfarn bei Bad Vöslau. Damit ist das Ende des intensiven Austauschs mit Maria Lassnig vorgezeichnet. Lassnigs nächstes großes Abenteuer ist ihre Übersiedlung nach Paris, wo sie von 1961 bis 1968 lebt.

Von Arnulf Rainer gab es stets Bestrebungen gemeinsam auszustellen: „Ich habe Maria in den letzten Jahren nur noch gelegentlich gesehen. Ich bin zu ihren Ausstellungseröffnungen gegangen. Ich habe sie auch eingeladen, mit mir im Badener Rainer Museum auszustellen … Es hat leider nicht mehr geklappt.“

www.lentos.at

1. 2. 2019

Michael Köhlmeier: Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle

Dezember 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die politischen Reden des großen Erzählers

„Mir wäre lieber gewesen, man hätte mich nicht gefragt, ob ich hier sprechen will“, sagte Michael Köhlmeier am 4. Mai 2018 in der Wiener Hofburg. Nur etwas mehr als sechs Minuten sprach er, doch seine Rede hallte durchs ganze Land. Eindringlich wandte sich der große Erzähler gegen eine nicht nur in Österreich, sondern weltweit immer salonfähiger werdende Staatsführung der Ablehnung und der Ausgrenzung.

Im bei dtv erschienenen Band „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“ sind nun erstmals Köhlmeiers gesammelte Reden nachzulesen. Unerschrockene Kommentare zur Politik dieser Tage, in der Sinnverdrehungen durch „alternative Fakten“ hoffähig geworden sind, wortmächtige Appelle, sich der so entstehenden Wortverzerrungen bewusst zu bleiben und sich zu empören – über den schleichenden Verfall jeglicher Debattenkultur. Neben dem vor gerechtem Zorn glühenden Hofburg-Auftritt sind im Buch unter anderem eine Rede zur Einweihung eines Mahnmals zur Erinnerung an die Bücherverbrennung 1938, die ORF-Rede 2017, an jenem Neujahrstag, als es keinen Bundespräsidenten gab, und eine zur zehnjährigen EU-Mitgliedschaft Österreichs enthalten.

Als keinen besonders wachen Bürger, „wankelmütig, urteilsunsicher, voller Zweifel, allerorts mit der eigenen Uninformiertheit und Ungebildetheit konfrontiert, schwankend zwischen schmachtender Mediengläubigkeit und anarchistischer Garnichtsgläubigkeit“, bezeichnet sich Köhlmeier. Eine Aussage, die sich spätestens dann ad absurdum fühlt, wenn dem Bürger Köhlmeier, wieder einmal der Geduldsfaden reißt. Wenn Politiker ihre „Sorge“ um den Antisemitismus dazu missbrauchen, Rassismus gegen Muslime zu schüren, wenn der Europagedanke zum Witz degradiert, wenn Demokratie zum Recht der Mehrheit über Minderheiten pervertiert wird.

Fordert jemand Köhlmeier auf, eine politische Rede zu halten, so Hanno Loewy in seinem fabelhaften Nachwort, erzählt er von seinen Begegnungen mit Menschen, oder vom Schmerz darüber, dass ihm solche nicht gelungen sind, erzählt von seiner Großmutter, die ihn in die Welt der Märchen eingeführt hat, von seiner Mutter, dieser unermüdlichen Krankheitsbekämpferin im Rollstuhl. Doch dann kann es ihm passieren, dass seine Trauer über jene, die ihre Geschichte nicht leben konnten, weil sie von der Politik ausgelöscht oder zum Spielball zynischer Ressentiments gemacht wurden, in Wut umschlägt. In eine Wut, der es gilt, die Würde des Menschen zu verteidigen. Das ist mehr politisches Programm, als manche Parteien sich ausdenken können.

Köhlmeier schärft die Sinne seiner Zuhörer, nun Leser, für den Missbrauch von Sprache durch politische Parolen, und für die Aufmüpfigkeit, sich dem Populismus zu widersetzen. Er zitiert Roberto Benigni und Leonard Cohen und Giorgio Agamben und Bertolt Brecht. Er sagt: „Ich nehme unseren Innenminister ernst. Er hat alle Tassen im Schrank; sie sind nur anders angeordnet als meine Tassen, aber geordnet sind sie.“ Er denkt laut darüber nach, was es bedeutet, Flüchtlinge „konzentriert an einem Ort zu halten“, über den Hochmut gegen jene, die sich gefälligst hintanstellen sollen, wenn vor ihnen die Schalter geschlossen, die Mittelmeergrenzen abgeschottet werden, es ihnen „ungemütlich gemacht“ wird.

Er philosophiert beinah prophetisch über die, die „den Namen George Soros als Klick verwenden zu Verschwörungstheorien in der unseligen Tradition der Protokolle der Weisen von Zion“. „Sichthaltige Gerüchte“, sagt Köhlmeier, dieser Terminus werde schon bald seinen Weg in die Wörterbücher finden. Und er kommt zu dem Schluss: „Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung.“ Unbedingt nachlesenswert!

Über den Autor: Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard am Bodensee geboren und lebt heute in Hohenems in Vorarlberg. Er studierte Germanistik und Politologie in Marburg sowie Mathematik und Philosophie in Gießen und Frankfurt. Michael Köhlmeier schreibt Romane, Erzählungen, Hörspiele und Lieder und trat sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Rauriser Literaturpreis, den Johann-Peter-Hebel-Preis, den Manès-Sperber-Preis, den Anton-Wildgans-Preis und den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. Im Herbst 2018 erschien sein neuer großer Roman „Bruder und Schwester Lenobel“.

dtv Literatur, Michael Köhlmeier: „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle. Reden gegen das Vergessen“, politische Reden, 96 Seiten. Mit einem Nachwort von Hanno Loewy.

www.dtv.de

  1. 12. 2018

Jüdisches Museum Wien: Das Auge Brasiliens. Kurt Klagsbrunn

Dezember 4, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Floridsdorfer auf der Flucht nach Rio

Kurt Klagsbrunn: Akrobatik am Strand, Copacabana, 1946. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Das Jüdische Museum Wien präsentiert zum 100. Geburtstag von Kurt Klagsbrunn ab 5. Dezember eine Auswahl seiner Fotografien aus dem brasilianischen Exil.

Seine Bilder vom Leben der Cariocas auf den Straßen Rios und am Strand von Copacabana, der exklusiven Events der Eliten, der Promis und bedeutender Ereignisse wie der Fußball- weltmeisterschaft 1950 oder der Entstehung der neuen Hauptstadt Brasília, lassen den Betrachter in das Brasilien der 1940er- bis 1970er-Jahre eintauchen und bedeuten für Wien eine Entdeckung.

Der Fotograf Kurt Klagsbrunn, geboren 1918 in Wien, hielt von 1939 bis in die 1970er-Jahre das moderne Leben Brasiliens fest. Er fotografierte die Partys der Wohlhabenden ebenso wie die Vergnügungen der kleinen Leute. Seine Modelle waren Prominente wie Orson Welles oder Evita Perón, aber auch Brautstrauß werfende Frischvermählte, Schuhputzer auf den Boulevards oder verträumte Kaffeegenießer. Dabei wollte der Sohn eines Floridsdorfer Kohlenhändlers und Fußballfunktionärs eigentlich Arzt werden, musste jedoch nach der Flucht aus Österreich 1938 den Beruf wechseln, um sich im Exil eine neue Existenz aufzubauen.

Er wählte das Hobby seiner Jugend und stieg rasch vom Autodidakten zum Pionier der Gesellschaftsfotografie auf. 2005 starb Kurt Klagsbrunn in Rio de Janeiro. Sein Neffe Victor Klagsbrunn betreut seither den Nachlass mit mehr als 250.000 Negativen. 2017 schenkte er dem Jüdischen Museum Wien einen Teilnachlass mit Briefen, Notizen, Fotos und anderen Erinnerungen an das Leben der Familie Klagsbrunn in Floridsdorf und ihrer Flucht nach Rio.

Die Ausstellung „Das Auge Brasiliens. Kurt Klagsbrunn“ präsentiert diese Schenkung sowie eine Auswahl seiner Werke aus dem brasilianischen Exil. Die Geschichte der Familie Klagsbrunn steht stellvertretend für das Schicksal tausender Wiener Jüdinnen und Juden, die im Zuge des wirtschaftlichen, kulturellen und akademischen Aufbruchs der Residenzstadt im späten 19. Jahrhundert aus Galizien in die boomende Metropole Wien strömten, in der Hoffnung, sich hier ein besseres Leben aufbauen zu können. Was für ein paar Jahrzehnte auch gelang, bis die Nationalsozialisten dem ein brutales Ende setzten.

Kurt Klagsbrunn: Vor dem Kino, Cinelândia, Rio de Janeiro,1946. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Kurt Klagsbrunn: Laut Kurt war die Giraffe eines der beliebtesten Kostüme im Jahr 1949. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Im Alter von zwanzig Jahren wurde der Wiener Jude Kurt Klagsbrunn im März 1938 aus seinem studentischen Leben an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien gerissen. Glücklicherweise gelang der Familie Klagsbrunn die Flucht und Kurt, der in Wien unter anderen Umständen vermutlich eine medizinische Karriere vor sich gehabt hätte, fand in Brasilien eine neue Heimat und avancierte dort zu einem der bekanntesten Fotografen des Landes. Bekannt wurde die Geschichte der Familie Klagsbrunn durch den Schriftsteller Erich Hackl, der durch eine zufällige Bekanntschaft mit Victor Klagsbrunn darauf aufmerksam wurde und ihr mit einer Erzählung in dem Band „Drei tränenlose Geschichten“ ein literarisches Denkmal setzte.

Kurt Klagsbrunn: Blick auf Rio de Janeiro, vermutlich aus der Christus-Statue in Corcovado, 1948. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Der Teilnachlass von Kurt Klagsbrunn, den sein Neffe Victor Klagsbrunn dem Jüdischen Museum Wien überließ, enthält neben vielen Fotos auch eine große Anzahl an Archivalien: Briefe, Korrespondenzkarten, Notizen, ein Skizzenbuch, Ausweise und andere amtliche Dokumente sowie handschriftliche Listen von den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bis in die 1980er.

Der größte Teil der Schenkung stammt aber aus den 1930er-Jahren und dokumentiert das Leben von Kurt, seines um fünf Jahre älteren Bruders Karl Peter, genannt Peter, und ihrer Eltern Friederike und Leopold Klagsbrunn in Wien sowie die Flucht der Familie 1938/39 über Rotterdam, London und Lissabon nach Rio de Janeiro. Darüber hinaus enthält der Teilnachlass auch noch biografische Dokumentationen zu vielen weiteren Mitgliedern der umfangreichen Verwandtschaft.

www.jmw.at

4. 12. 2018

Womit haben wir das verdient?

Dezember 2, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Kiffen lieber Kopftuch tragen

Mutter Wanda hilft mäßig begeistert beim Burkini-Kaufen: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher und Duygu Arslan. Bild: © Mona Film

„Geht die Nina als Gespenst?“, fragt unschuldig der kleine Bruder, als er seine Schwester zum ersten Mal mit Hijab sieht. Die 16-Jährige ist nämlich zum Islam konvertiert, nennt sich nun Fatima – und hat das Kiffen zugunsten ihres Kopftuchs aufgegeben. Eltern im Schockzustand. Und während der Vater wenigstens versucht, ein wenig Verständnis aufzubringen, ist die Mutter ausschließlich schäumend vor Wut.

Wofür und wogegen – Frauenrechte/Adventkranz – hatte man in StudentInnentagen nicht alles protestiert, und nun das. „Kannst du nicht einfach katholisch werden?“, herrscht die Mutter die Tochter an: „Das wäre für mich schon schlimm genug!“ Solcherart ist der Humor in Eva Spreitzhofers Komödie „Womit haben wir das verdient?“, die am Freitag in die Kinos kommt – frech und sophisticated und so, dass alle Seiten ihr Fett abkriegen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at nannte die Regisseurin und Drehbuchautorin „Monsieur Claude und seine Töchter“ als Genre-Vorbild, und tatsächlich ist ihr diese Art, gesellschaftspolitisch brisante Themen mit einer verspielten Leichtigkeit zu nehmen, perfekt gelungen. Spreitzhofer stellt Weltanschauungen auf den Prüfstand, eine vermeintliche Weltoffenheit, die beim ersten Windhauch in sich zusammenbricht, ebenso, wie eine vermutete Radikalisierung, ohne jemals einen publikumserzieherischen Zeigefinger zu erheben.

Im Mittelpunkt der Irrungen und Verwirrungen steht Burgtheaterschauspielerin Caroline Peters als Ninas Mutter Wanda, erfolgreiche Chirurgin, Feministin, Atheistin und Matriarchin einer Patchworkfamilie. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina, Simon Schwarz Vater Harald. Auch sonst ist der Film mit Hilde Dalik, Alev Irmak, Pia Hierzegger, David Oberkogler, Mehmet Ali Salman oder Johannes Zeiler hochkarätig besetzt. Die Peters überzeugt und unterhält in ihrer Rolle auf ganzer Linie. Wie sie sich auf Erkenntnissuche begibt, ist einfach zu komisch.

Nina/Fatima wird von ihrem Stiefbruder mit einem Würstchen erwischt …: Chantal Zitzenbacher und Angelo Konzett. Bild: © Mona Film

… und wieder rettet Wanda die Situation: Caroline Peters und Chantal Zitzenbacher. Bild: © Mona Film

Ebenso, wie die Meinungen, die sie zu ihrem Problem einzuholen vermag. Vom Schuldirektor, der von Ninas Hijab begeistert ist, Motto: soll doch jeder auf dem Kopf tragen, was er will, Baseballkappen im Klassenzimmer aber verbietet. Über Wandas muslimischen Chirurgenkollegen, der ihr bescheidet: „Der Islam ist voll hipster geworden“. Über ihren Freund, der meint: „Wir schauen uns eine IS-Doku an und dann hat sich das“. Bis zum Imam, der weiß: „Dass Menschen deppert sind, hat mit Allah nichts zu tun“.

Bis zum Burkini lässt Spreitzhofer nichts aus, das irgend für öffentliche Debatten sorgt, doch nichts gerät ihr dabei schwarzweiß, immer stellt sie die auf allen beteiligten Seiten zu findende Bigotterie und Hypokrisie aus. Und während sich Nina/Fatima auf Youtube anschaut, was alles haram ist – Gummibärchen und Fahrradfahren, findet Wanda, um nichts weniger spießig und starrsinnig als ihre „Opponenten“, ausgerechnet in der Mutter von Ninas bester Freundin, Hanife, eine Verbündete.

Auch die ist alles andere als begeistert von der plötzlichen Religiosität der Mädchen. Eva Spreitzhofer ist mit „Womit haben wir das verdient?“ eine feine Satire gelungen, die auf feinfühlige Weise die Bruchstellen, Widersprüche und Grenzen von „Multi-Kulti“ ausleuchtet, und dabei durchaus spaßig ins Schwarze trifft. Großartig, wie eine Figur, die eben noch auf der einen Seite stand, sich gleich darauf argumentativ auf der genau anderen befindet. Dass Spreitzhofer ein, zwei Mal übers Ziel hinausschießt – Wandas Adoptivtochter stammt aus dem Vietnam, und ist somit eine, die sich ihr Andersaussehen nicht ausgesucht hat, der Sohn des Imams muss schwul sein -, dafür entschädigen Einfälle wie dieser:

Die Eltern verkleiden sich für Ninas vermutete Zwangverheiratung: David Oberkogler, Simon Schwarz und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Als Wanda und Harald überzeugt sind, ihre Tochter solle in der Moschee in eine Zwangsehe gedrängt werden, wollen sie das undercover, heißt: mit Tschador verkleidet, verhindern – und geraten prompt in eine Polizeikontrolle. Und weil sie umständlich die Umstände erklären, und der Beamte keine Ahnung hat, wie er mit dem vollverschleierten Ehepaar umgehen soll, ist sein Angebot schließlich: „Wann’s anfoch auf a Gschnas gangerten, tat‘ ma uns alle leichter.“

Am Ende verschiebt Eva Spreitzhofer bei ihrem Feel-Good-Movie noch einmal Grenzen. Zu viel sei nicht verraten, nur, dass die Filmemacherin die Frauensolidarität über alle Konflikte stellt, ebenso wie gegenseitiges Verständnis und ständige Verständigung. Und auch für Mutter Wanda bietet sich eine Lösung – nämlich einfach dies zu sein: Mutter. Die schönste Szene ist, Wanda findet Nina, wie sie auf dem Boden kauernd verzweifelt Bußgebete spricht. Sie konnte dem Würstl im Eiskasten nicht widerstehen. Da nimmt Caroline Peters Chantal Zitzenbacher einfach in den Arm, und ihr das Stückchen Schweinefleisch ab – und steckt es sich selber in den Mund.

Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30758

www.womithabenwirdasverdient.at

  1. 11. 2018