Rabenhof: Andreas Vitásek: Grünmandl oder Das Verschwinden des Komikers

Dezember 7, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Politisch ist er kein Trottel

Bild: © Udo Leitner

Andreas Vitásek verbeugt sich vor dem großen Otto Grünmandl. Dies der Inhalt des aktuellen Abends des Wiener Kabarettisten. Zusatztitel: Das Verschwinden des Komikers. Und tatsächlich begibt sich der eine leise und nachdenklich in die Rolle des anderen, dessen Humor er vor 35 Jahren für sich entdeckt hat. Der Wunsch, Grünmandl zu spielen, sagt Vitásek in Interviews, entstand früh. Aber erst mit 60 fühlte er sich dazu in der Lage.

Dass dieser Abend kein schenkelklopfender Brüller ist, ist klar. Vitásek lädt ein, eine feinsinnige Reise durch den Kosmos Grünmandl zu machen, dessen Kreuz- und Querdenken, dessen skurrile Wortspielereien inklusive. Es ist beeindruckend, wie hier ein Kollege Platz machen kann, um seinem Idol Vorrang zu geben. Es ist beeindruckend, wie umfangreich und vielfältig sich der Nachlass dieses Tiroler Ausnahmekünstlers in der Vitásek’schen Interpretation darstellt.

Dem absurden Theater verbunden, galt Grünmandls Aufmerksamkeit stets dem zuweilen in den Wahnsinn abgleitenden österreichischen Alltag. Darunter verstand er auch das Politische, das er in der Regel ins Groteske überdrehte. Man kann nicht behaupten, dass Grünmandls Kabarett für den Mainstream gedacht war. Da stand ein Mann auf der Bühne, der im zeitlosen Anzug und Seitenscheitel-Frisur ziemlich bieder aussah. Sein korrektes Auftreten stand jedoch im Widerspruch zu seinem Wirken auf der Bühne. Da wurden im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückte Ideen geboren, ein einmalig intelligenter Nonsense. Bis sich die Pointe entwickelt, dauert’s. Grünmandls Slow-Comedy nannte das einmal ein Kollege. Auch diesem Willen zur Entschleunigung trägt Vitásek Rechnung.

Bild: © Udo Leitner

Bild: © Udo Leitner

Auf allzu Bekanntes verzichtet er bei der Auswahl der Texte. Ausschnitte aus Grünmandls Bühnenprogrammen wie „Ich heiße nicht Oblomow“ verbinden sich mit Texten aus der Spätphase und weniger bekannten Gedichten zu einem Porträt. Entstanden ist eine Werk- und Lebenscollage durch alle Schaffensperioden, erzählt aus der Sicht eines in die Jahre gekommenen Komödianten. Volksschauspieler trifft Volksdarsteller. Vitásek  lobt die Vorteile des „Durchschnittssalter“, erläutert beim Fußbad den Unterschied zwischen Saufen und Ersaufen, sagt „Schau ich mir die Schwarzen an, seh ich rot, schau ich mir die Roten an, wird mir schwarz vor Augen“ („Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn‘ ich mich aus“), deklamiert „Ich bin ein wilder Papagei“, hält als Alpenländisches Inspektoren-Inspektorat einen Vortrag über künstliche Gebisse oder ruft zum „Futeralbewusstsein als neues Lebensgefühl“ auf …

Vieles klingt, wie gestern fürs Heute erfunden. Als quasi Zugabe gibt es: „Höret, was Erfahrung spricht: Hier ist’s so wie anderswo. Nichts Genaues weiß man nicht, dieses aber ebenso.“ Ein abgründig-humoristisches Bühnenerlebnis, versehen mit der unverwechselbaren Vitásek-Handschrift. Eine Wiederentdeckung. Weil Vitásek nichts imitiert, sondern sich alles zu eigen gemacht hat. Der Meister selbst kommt einmal zu Wort. Eine späte Aufnahme, die Stimme schon brüchig. Das passt zur melancholischen Baseline des Abends. Dafür darf zum Schluss das „Alpenländische Interview“ zum tragischen Alpinunfall des Wellensittichs Hansi natürlich nicht fehlen.

www.vitasek.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 12. 2017

Jüdisches Museum Wien: Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden

Dezember 4, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fruchtbarer Boden für eine Arbeiterbewegung

Parlament. Bild: Slg. Erich Klein

Ab 6. Dezember zeigt das Jüdische Museum Wien die Ausstellung „Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden“. „Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot“. Für diese Devise begeisterten sich auch viele Juden. In Russland erhofften sie sich einen Bruch mit dem jahrhundertealten Antisemitismus des Zarenreichs. Die Strahlkraft der Revolution ging weit über die russischen Grenzen hinaus.

Weltweit und auch in Österreich begannen Juden für die Gleichstellung aller Menschen zu kämpfen. Sie alle träumten vom Paradies auf Erden. Dabei entstanden enge Beziehungen zwischen österreichischen und russischen Marxisten. Oft waren es jüdische Kommunisten, die zwischen diesen beiden Welten vermittelten. Diese Verbindungen auf diplomatischer, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene bilden den Ausgangspunkt für die Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse beider Länder. Beginnend mit dem Exil Leo Trotzkis in Wien noch vor der Oktoberrevolution und endend mit dem Zerfall der Sowjetunion.

Viele bedeutende Vertreter der Arbeiterbewegung waren keine Juden. Ebenso waren die meisten Juden keine Revolutionäre, Sozialisten oder Kommunisten. Und dennoch trugen Juden und Jüdinnen, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, überproportional zur Entwicklung des Sozialismus bei. Dies zeigt sich bereits an den Gründerfiguren der Bewegung: Karl Marx, Moses Hess, Ferdinand Lassalle, Viktor Adler, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki wurden zu Ikonen der internationalen Arbeiterbewegung. Ihre jüdische Herkunft wurde von den meisten nur am Rande thematisiert. Antisemitismus war für sie ein Symptom des Kapitalismus und würde in einer klassenlosen Gesellschaft nicht mehr existieren. Mit dem Untergang des Kapitalismus würden auch Juden sich völlig assimilieren.

Heimkehrerplakat. Bild: DÖW

Filmplakat „Jüdisches Glück“. Bild: Neboltai Collection!

Auf besonders fruchtbaren Boden stieß die revolutionäre Arbeiterbewegung in Osteuropa. Im zaristischen Russland lebten mehr als fünf Millionen Juden in den westlichen Provinzen. Ihr Leben war von ökonomischem Elend, restriktiven Gesetzen und Pogromen bestimmt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts organisierten sich politisch aktive Juden in den verschiedenen Teilen und Fraktionen der Arbeiterbewegung. Vom zaristischen Regime wurden Revolutionäre verfolgt, verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung verschickt. Einige flüchteten über die österreichisch-russische Grenze in den Westen. Neben Zürich, Paris und Berlin war Wien ein wichtiger Zufluchtsort.

Einer der prominentesten politischen Flüchtlinge war Leo Trotzki, der sich mit kurzen Unterbrechungen von 1907 bis 1914 in der Kaiserstadt aufhielt. In Zusammenarbeit mit Adolf Joffe gab er in Wien die Prawda in russischer Sprache heraus, die über die galizische Grenze oder das Schwarze Meer nach Russland geschmuggelt wurde, um so die Revolution in Russland vorzubereiten. Im Café Central traf er mit den führenden Vertretern der österreichischen Sozialdemokratie zusammen: Otto Bauer, Max Adler und Karl Renner. Als er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Wien überstürzt verlassen musste, war es Viktor Adler, der ihm 300 Kronen für die Flucht aus Österreich lieh. Zurück in Wien blieben Trotzkis Bibliothek und sein umfangreiches Archiv. Er selbst flüchtete mit seiner Familie über die Schweiz, Frankreich und Spanien in die USA. Nach dem Sturz des Zarenregimes kehrte er im Mai 1917 nach Russland zurück, um gemeinsam mit Lenin die Revolution zu vollenden.

Weltkampftag der Kommunisten. Bild: ÖNB

Als „10 Tage, die die Welt erschütterten“, nach dem Roman des amerikanischen Journalisten John Reed, ging die Oktoberrevolution in die Weltgeschichte ein. Die ganze Welt blickte auf Russland. Die Idee einer gerechten Welt erweckte vielerorts große Erwartungen. Der bewusste Bruch Sowjetrusslands mit dem Antisemitismus des Zarenreichs weckte bei vielen Juden und Jüdinnen enorme Hoffnungen. Vor allem die junge Generation engagierte sich für den neuen Staat.

Von Beginn an nahmen jüdische Genossinnen und Genossen wichtige Positionen in der KPÖ ein, andere leisteten Parteiarbeit im Hintergrund. Manche wie Malke Schorr fanden über die zionistische Arbeiterbewegung Poale Zion den Weg zur kommunistischen Partei. Sie wurde zur Leiterin der Österreichischen Roten Hilfe, die politische Flüchtlinge und deren Angehörige unterstützte. Auch die in der Bukowina geborene Prive Friedjung schloss sich zunächst der Poale Zion an, bevor sie Mitglied der kommunistischen Partei wurde. Religion spielte im Leben der jüdischen Kommunisten meist keine Rolle. Viele besiegelten dies mit dem Austritt aus der Israelitischen Kultusgemeinde. Manche wie Bruno Frei, die aus traditionellen jüdischen Familien stammten, blieben dem Judentum trotz kommunistischer Gesinnung ihr ganzes Leben lang treu.

In den 1930er-Jahren verschärfte sich in der Sowjetunion das gesellschaftliche und politische Klima. Rund um Stalin entwickelte sich ein Personenkult, der groteske Ausmaße annahm. Zahlreiche Sowjetbürger gerieten in die Fänge des Sicherheitsdienstes NKWD, weil sie sich vor der Oktoberrevolution in anderen Parteien organisiert hatten, weil sie Kontakte ins Ausland unterhielten oder weil sie im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Besonders gefährdet waren Personen, die im Verdacht standen, Trotzkisten zu sein. Zwar war die stalinistische Kampagne gegen „Abweichler“, „Andersdenkende“, reale und vermeintliche politische Gegner nicht von einer expliziten antisemitischen Propaganda begleitet. Doch waren viele sowjetische Juden vor 1917 im Bund oder in anderen jüdischen Arbeiterbewegungen engagiert gewesen, etliche hatten familiäre Beziehungen ins Ausland. Allein aus diesen Gründen fielen sie häufig den Repressionen zum Opfer.

Poale Zion-Fahne. Copyright: Yad Tabenkin. Bild: Sebastian Gansrigler

Mit dem Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion wurden alle Kräfte für die Verteidigung des Landes mobilisiert und daher auch aus taktischen Gründen die politischen Repressionen zum Teil zurückgefahren. Die bedeutendsten sowjetischen Künstler und Schriftsteller, unter ihnen viele Juden wie El Lissitzky, Boris Jefimow, Alexander Labas, Ossip Brik, Ilja Ehrenburg und Samuil Marschak, stellten sich in den Dienst der sowjetischen Kriegspropaganda.

Während die polnischen Juden ihre Heimat nicht freiwillig verließen, sondern aus ihren Ämtern entlassen und verjagt wurden, entschieden sich einige sowjetische Juden bewusst für die Auswanderung. Diese Möglichkeit stand ihnen als einziger nationalen Gruppe offen, ein Privileg, das gleichzeitig auch zum Makel wurde. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Erziehung ohne Bindung an Religion und nationale Herkunft machten sich viele Anfang der 1970er-Jahre auf die Suche nach ihrer verlorenen jüdischen Kultur und Tradition …

www.jmw.at

4. 12. 2017

Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank

Oktober 6, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus „Kitty“ wird ein Graphic Diary

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Marc Chagall schon illustrierte eine limitierte Ausgabe ihres Tagebuchs. Zeitnäher, nämlich 1995, brachte das japanische Madhouse Animation-Studio einen Zeichentrickfilm heraus; von Ernie Colón und Sid Jacobson erschien 2010 eine Comic-Fassung. Es ist nicht so, dass es zu Anne Franks weltberühmten Aufzeichnungen, in 70 Sprachen übersetzt und mehr als 30 Millionen Mal verkauft, keine Bilder gibt.

Nun also versuchen sich Ari Folman und David Polonsky am Stoff. Eindrucksvoll haben die beiden 2008 bewiesen, wie man eine schwierige Materie in Zeichnungen umsetzen, erklären und an ein großes Publikum bringen kann. „Waltz with Bashir“ heißt ihr Oscar-nominierter animierter Dokumentarfilm (www.waltz-with-bashir.de), dem ein Buch folgte, und in dem Folmans traumatischer Einsatz als israelischer Soldat im Ersten Libanonkrieg 1982 thematisiert wird.

Dem „Tagebuch der Anne Frank“ nähern sich der Texter und der Illustrator sozusagen auf Zehenspitzen. Behutsam haben sie sich in die Vorstellungswelt der 13-Jährigen vorgetastet; in einem Nachwort erklärt Folman, wie die Umsetzung der Einträge als Graphic Diary überhaupt möglich war. „Ich hatte große Bedenken“ schreibt er über sein Unterfangen, aus Annes Texten für sein Ansinnen passende auszuwählen und diese auch noch zu verdichten, damit ein lesbarer Buchumfang entstehen konnte. Bei gleichzeitigem selbstauferlegtem Arbeitsauftrag, dem Werk so treu wie möglich zu bleiben. Die Übung ist, lässt sich sagen, gelungen.

Folman und Polonsky lassen keinen Punkt aus, der Anne berührt hat. Und das sind neben der Angst und dem Hunger durchaus die üblichen Teenagersorgen: der Konkurrenzkampf mit Schwester Margot, der Liebeskummer wegen Peter van Daan, ihre Zimmerschlacht mit Zahnarzt Albert Dussel, der Ärger des Trotzkopfs über Zurechtweisung ob ihres als aufsässig empfundenen Benehmens. Menschen in einer extremen Ausnahmesituation werden den Ansprüchen eines Backfischs natürlich nicht gerecht …

Anne erlaubt Anne keine lästerliche Bemerkung über ihre Liebe zu Peter. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

In einem Tagalbtraum sieht sie ihre Schwester Margot im Viehwaggon. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Anne philosophiert über das intime Aussehen von Männern und Frauen, und über Frauenrechte. Annes Phasen der Depression und der Verzweiflung sind in Fantasieszenen festgehalten. Eine der eindrücklichsten zeigt Anne als Munchs „Der Schrei“ und als Klimts „Goldene Adele“ – als Beispiel, wie sie sich fühlt und wie sie viel lieber sein möchte. An anderer Stelle marschieren schwarz-graue Nazi-Kohorten, färben sich schaurige Seiten-Tableaus blutrot – oder sieht Anne ihre Schwester in einem Tagalbtraum unterwegs im Viehwaggon.

Den kühnsten Kniff wagt Folman, wenn er Tagebucheintragungen zu fiktionalen Dialogen dramatisiert. „Lass mich doch einfach in Ruhe – ich bin ja sowieso ein hoffnungsloser Fall“, schreit Anne ihre Mutter an. Die erwidert: „Nicht in diesem Ton, Fräulein!“ Und als die van Daans einen Ehestreit haben, bemerkt Vater Frank trocken: „Hol mal schnell einer den Verbandskasten!“

So mancher dergestalt entstandene verbale Schlagabtausch bringt Heiterkeit ins Buch, während besonders prägnante Einträge ungekürzt übernommen sind. „Ach“, schreibt Anne, „ich werde ja so vernünftig! Alles muss hier mit Vernunft geschehen, lernen, zuhören, Mund halten, helfen, lieb sein, nachgeben, und was weiß ich noch alles! Ich habe Angst, dass ich meinen Vorrat an Vernunft, der ohnedies nicht besonders groß ist, viel zu schnell verbrauche und für die Nachkriegszeit nichts mehr übrig behalte.“ Und später: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Welt für uns je wieder normal wird.“

Nicht nur mit Worten, auch über die Bilder arbeiten Folman und Polonsky Anne Franks scharfsinnige Analyse ihres Ist-Zustands, ihr hohes Maß an Selbstreflexion und Mitgefühl, ihren Galgenhumor und ihren manchmal neunmalklugen Sarkasmus heraus.

„Ich fand es unfassbar“, schreibt Folman im Nachwort, „dass eine Dreizehnjährige imstande gewesen war, einen so reifen, poetischen, lyrischen Blick auf die Welt um sie herum zu werfen …“ David Polonskys Zeichnungen sind klar, manchmal kleinteilig, manchmal erstrecken sie sich über eine ganze Doppelseite. Es ist eine in Sepiatönen gehaltene Umgebung, die er erschaffen hat, Farben,  selbst Schattierungen verwendet er nur sparsam. Graphische Erzählstrategien verfolgt er gar nicht, Polonsky ist im besten Sinne ein Illustrator des Textes.

„Kitty“ nennt Anne Frank ihr Tagebuch. Sie bekommt es am 12. Juni 1942 zum Geburtstag geschenkt. Da ist die Familie schon aus Frankfurt nach Amsterdam geflohen. Das in rotweißen Stoff gebundene Notizheftlein mit dem kleinen Schloss an der Vorderseite wird Ersatz für die Freundin, die sie nicht finden, wird zu „jemand“, dem sie sich rückhaltlos anvertrauen kann. Noch am Geburtstag beginnt sie in niederländischer Sprache ihre Eintragungen. Das Graphic Diary endet mit Annes letztem am 1. August 1944, drei Tage vor ihrer Verhaftung. „Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird“, schreibt sie. „Ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird …“

Anne Frank starb 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus, ihr Todesdatum muss zwischen Ende Februar und Anfang März liegen. Am 12. April wurde das Lager von britischen Truppen befreit. Von den acht Untergetauchten im Hinterhaus an der Prinsengracht überlebte nur Otto Frank den Holocaust.

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Über die Autoren:
Anne Frank, am 12. Juni 1929 als Kind jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren, flüchtete 1933 mit ihren Eltern nach Amsterdam. Nachdem die deutsche Wehrmacht 1940 die Niederlande überfiel und besetzte, 1942 außerdem Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung in Kraft traten, versteckte sich die Familie Frank in einem Hinterhaus an der Prinsengracht. Die Familie und ihre Mitbewohner wurden im August 1944 verraten und nach Auschwitz verschleppt. Anne Frank und ihre Schwester Margot starben infolge von Entkräftung und Typhus im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr genauer Todestag ist nicht bekannt.

Ari Folman ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Er wurde 1962 als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender in Haifa geboren. Als israelischer Soldat erlebte er 1982 den Ersten Libanonkrieg mit. Über die teils autobiographischen Erlebnisse drehte er 2008 den animierten Dokumentarfilm „Waltz with Bashir“, der als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde, den Europäischen Filmpreis und den César erhielt.

David Polonsky, geboren 1973 in Kiew, ist ein preisgekrönter Illustrator und Comiczeichner. Weltbekannt wurde er durch seine Zeichnungen für den Animationsfilm „Waltz with Bashir“ und die gleichnamige Graphic Novel. Er unterrichtet an Israels angesehener Kunstakademie Bezalel in Jerusalem.

S. Fischer Verlage, Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: „Das Tagebuch der Anne Frank“, Graphic Diary, 160 Seiten. Übersetzt aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler und aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel

www.fischerverlage.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=wpcM0b7WDTk&feature=youtu.be

  1. 10. 2017

Volkstheater/Bezirke: Das Haus am See

Oktober 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Raue Schale, batzweicher Kern

Ein Bühnentraumpaar: Doris Weiner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Ich halte nur Ausschau nach etwas Interessantem, während ich drauf warte, dass ich wieder dran bin.“ Sagt Norman über Gespräche, die er (nicht) führt. Das ist so seine Art, die spöttisch-sarkastische, quasi seine Tarnung. Denn man weiß ja, wie’s so ist bei Männern – raue Schale, batzweicher Kern.

Das Volkstheater tourt zum Saisonauftakt mit einer super sympathischen Produktion durch die Bezirke: „Das Haus am See“ von Ernst Thompson, und wer glaubt, sich an einen Oscar-prämierten Film erinnern zu können, den einzigen den Jane und Henry Fonda jemals miteinander gedreht haben (außerdem Henry Fondas letzter), Katherine Hepburn als weiterer Star mit dabei, der liegt ganz richtig.

Fürs Volkstheater sind nun Doris Weiner, Michael Abendroth und Steffi Krautz in deren Rollen geschlüpft, Weiner und Abendroth, die schon vergangene Saison bei „Halbe Wahrheiten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) gezeigt haben, wie gut sie als Bühnenpaar harmonieren. Die Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken feiert mit dieser Premiere auch noch ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum am Haus.

Inszeniert hat Ingo Berk, der sein Ensemble mit leichter, aber bestimmter Hand durch das Stück führt. Die Pointen sitzen, das Tempo und das Timing stimmen – und gemeinsam hat man aus den Figuren fein ziseliert Charaktere geschaffen. Ethel und Norman verbringen also ihren 48. Sommer am goldenen See, die immer gleiche Urlaubsdestination mit alljährlich denselben Freizeitvergnügungen, was in Normans Fall bedeutet: angeln, angeln, angeln … Dies Jahr soll außerdem sein 80. Geburtstag gefeiert werden, weshalb sich nach acht Jahren Absenz Tochter Chelsea angekündigt hat. Ihr Verhältnis zum Vater ist nicht friktionsfrei. Doch Chelsea will ihren Eltern ihren neuen Lebenspartner Bill vorstellen. Man reist an – mit Bills Sohn Billy im Schlepptau. Und der Teenager wird Normans Welt ziemlich auf den Kopf stellen …

Tochter Chelsea kommt nach acht Jahren Absenz wieder an den See: Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bald wird er zum vielgeliebten Stiefenkel avancieren: Florian Appelius mit Doris Weiner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Abend lebt vom so witzigen wie gewitzten verbalen Schlagabtausch zwischen Ethel und Norman. Sie nennt ihn „morbide“, er lacht sie aus, weil sie darauf besteht „in mittlerem Alter“ zu sein. „Du bist ein altes Muttchen“, korrigiert er sie, doch Ethel lässt sich von Normans bärbeißiger Art nicht die gute Laune nehmen. Weiner und Abendroth spielen das auf höchstem humoristischen Niveau, ihr Einander-Necken sozusagen extradry. Weiners Ethel wirkt immer so, als würde sie innerlich ein Liedchen über selektive Wahrnehmung trällern, während der Ehemann vor sich hin brummelt – natürlich hat Abendroth mit Normans unmöglichem Benehmen die meisten Lacher auf seiner Seite.

Dabei hängt über den Ferien eine dunkle Wolke: Norman verliert zunehmend sein Gedächtnis, auch hat er Herzprobleme, eine Tatsache, die selbst beim Publikum für einen kurzen Herzaussetzer sorgen wird. Abendroth zeigt sich in diesen Momenten als der große Charakterdarsteller, der er ist, wenn er etwa mit verstörtem Gesichtsausdruck vom aufgetragenen Beerensammeln zurückkommt, weil er den Weg durch den Wald nicht mehr gefunden hat.

Zu diesem Zyklus aus Vergessen-haben und Sich-wieder-erinnern-Können gehört wohl eine Wampanoag-Squaw, die die Umbauten in dem von Damian Hitz mit viel Liebe fürs Detail erdachten Bühnenbild – das Innere eines putzigen Häuschens mit Wohnbereich und Essplatz und zu erahnendem Aufgang in den ersten Stock – besorgt. Die eigentlichen Einwohner, vertrieben als aus ihrer Heimat „New England“ wurde …

Postbote Charlie macht sich immer noch Hoffnungen auf Chelsea: Doris Weiner und Dominik Warta. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Deren neuer Lover Bill übt sich als Paradeschwiegersohn: Michael Abendroth und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Abendroth stattet seinen Norman mit einer trotzig vorgeschobenen Unterlippe aus, als wolle er, da auf seine Endlichkeit zurückgeworfen, eine Verlängerung seiner Existenz fordern. Das geht freilich nicht ohne zynischen Kommentar ab, in diesem Falle lässt Norman wissen, dass er nur noch Kurzgeschichten lese, weil er sich mehr sowieso nicht merken kann und sich mehr vielleicht ohnedies nicht ausgeht. Weiners Ethel macht, was derlei Frauen in solchen Situationen tun: die eigene Angst hinunter schlucken und sich nichts anmerken lassen. Inszeniert sich Norman als Problemfall, so mimt sie seinen Puffer zur Welt.

In dieses Szenario platzt lautstark die Tochter. Steffi Krautz ist eine großartige Chelsea. Auch sie Typ raue Schale, weicher Kern. Lustig und bestens aufgelegt schlüpft sie bei der Fliegentür herein, doch ist durch Krautz‘ prägnantes Spiel die Befangenheit beim Wiedersehen beinah zum Greifen nahe. Das Tackling mit dem Vater geht denn auch sofort los, nie konnte sie seinen Ansprüchen auch nur irgend genügen, auch wenn die Mutter als Schiedsrichterin zu intervenieren versucht.

Während man sich in familiären Zweikämpfen fetzt, übt Günther Wiederschwinger als Bill der zukünftige Paradeschwiegersohn zu sein. Dominik Warta ist als Postbote Charlie ein gutmütiger Einfaltspinsel, der sich, war er doch etliche Sommer lang Chelseas Jugendschwarm, immer noch Chancen ausrechnet.

Und dann ist da noch Billy. Und dann rücken Chelsea und Bill mit ihrem Anliegen heraus. Sie wollen Billy für den Rest der Ferien bei Ethel und Norman lassen, um in Europa die traute Zweisamkeit zu üben. So geschieht’s – und der Junge wird für Norman zum wahren Jungbrunnen. Florian Appelius macht aus Billy einen sich obercool gebenden 16-Jährigen, aber wie er dasteht, wie bestellt und nicht abgeholt, in Normans und Ethels Holzhausrustikalität, das ist schon sehr fein und nuanciert gespielt. Bald wird sich Norman „voll fett“ in Jugendsprech üben und Billy seine Liebe zum Angeln entdecken …

„Das Haus am See“ ist das elegante Beispiel eines aus dem englischsprachigen Raum kommenden well-made play. Die Aufführung besticht dank Ingo Berks Regie bei aller Komödiantik durch große Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit – und vor allem durch den Charme des Darsteller-Sextett, das die Wärme und Zuneigung, die diese komplizierte Familie letztendlich doch zusammenhält, jede Sekunde spüren lässt. Ein gelungener Auftakt für die Bezirke-Tournee 2017/18, ein Abend, auf den man sich freuen kann.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

Thomas Stipsits: Das Glück hat einen Vogel

September 28, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

26 Geschichten von der Gunst des Schicksals

„Ungefähr zur selben Zeit …“ So beginnt jede der Kurzgeschichten, die Thomas Stipsits für sein erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“ aufgeschrieben hat. Der Kabarettist und Schauspieler wagt sich als Autor auf neues Terrain, sagt er, doch ist es kein ihm völlig unbekanntes. Denn ein Geschichtenerzähler, das ist Stipsits auch in seinen Bühnenprogrammen; die Figuren seiner im Großen und Ganzen Mittelstandsstorys kennt er also gut – er spielt sie ja auch. Und so kommen einem die Charaktere im Buch durchaus vertraut vor. Es sind Stipsits Humor und sein großes Herz, der aus ihnen und mittels derer er über sie spricht, die die Verwandtschaft herstellen.

Die Geschichten handeln vom Glück. Nicht von dem, das der Wiener „a Masn“ nennt, sondern vom Glücksgefühl, vom Glücklichsein und – ganz wichtig – vom Schokoglück. Stipsits schreibt über die Gunst des Schicksals. Sie widerfährt 26 Menschen, von A wie Andreas bis Z wie Zita, die beiden gleichsam eine Klammer fürs Buch. Der Augustin-Verkäufer und die Upper-Class-Tussi waren in der gleichen Schulklasse.

Nun ist er völlig abgesandelt und sie reich verheiratet. „Das Schicksal schlug aus wie ein panisches Pferd. Die große Sehnsucht nach einem guten Leben, Reichtum und endlosem Vergnügen gepaart mit Phlegma hatte in Andreas Lebensgeschichte tiefe Wunden hinterlassen“, schreibt Stipsits. Der im Übrigen alle seine Figuren liebt. Er wünscht ihnen nur das beste, was anderes würde er mutmaßlich gar nicht aushalten, und so gibt es für Zita Läuterung im noblen Dirndlladen und für Andreas ein Happy End. Sipsits erfindet für seine Geschöpfe vielfältige, ideenreiche Settings, manche der Momentaufnahmen sind flott und fröhlich, manche melancholisch, manche lassen sich Zeit, bis sie ihr Geheimnis preisgeben, die eine oder andere verweigert sich dem ganz, Stipsits Sprache dabei stets präzise und prägnant in der Beschreibung.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Wer den Autor vom Kabarett kennt, wird einige seiner Lieblingsthemen und -dinge wiederfinden. Thujen kommen natürlich vor, Karpathos kommt vor, Stinatz ist selbstverständlich ein Schauplatz, wo im Wirtshaus die „Färbel“-Abende stattfinden, und der Wirt bei diesem Kartenspiel während des angeblichen Vortrags kroatischer Volkslieder betrügt: „Es versteht sich von selbst, dass er keine kroatischen Weisen sang, sondern eher Chansons mit dem Inhalt: ,Der hat a Herz-As, der hat a Pik-Sieben …‘ Für diese Leistungen verrechnete er seinen Stinatzer Kartenkomplizen stolze 25 Prozent der Einnahmen.“ Es gibt wie in „Triest“ einige jener Sätze, denen es keine Beachtung zu schenken gilt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Wir haben damals nichts gehabt. Wenn du nicht aufisst, scheint morgen nicht die Sonne … Und eine Hommage an die Mistkübler der MA48, diese „Helden der Kehrrichterei“, die dank ihres Koloniatruppen-Matras „ignorieren, ignorieren, ignorieren“ hysterisch hupende Autofahrer – na, eben – ignorieren können.

Alle seine Geschichten seien im Kern wirklich wahr, ob selbst erlebt oder erzählt bekommen, so Stipsits. Und so kann man bei ihm nachlesen, wie man unliebsame Einladungen möglichst elegant ausschlägt, wie ein Durchschnittstyp sich ein Megaweib sichert, auch wenn die keines ist, was es bedeutet, wenn man im Haus gegenüber drei Mal den selben Mord mitansehen muss, und wie man sich verhalten sollte, wenn die Seitensprung-Konkurrenz kein anderer als ER ist.

Bild: pixabay.com

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Stipsits kramt anstandslos auch im Privaten. Christian verfährt sich auf dem Weg zum Nova-Rock-Soundcheck und begegnet einer jungen, geheimnisvollen Frau. Emil hat noch eine Besprechung mit dem Big Boss, bevor er seinen neuen Job antritt; seine neuen „Bediensteten“ werden eine derzeit noch schreiende blonde Frau und ein nervös auf und ab tigernder Mann sein. Katharina kämpft mit einer Diät und ihrem Schokoaufstrichgusto, während sie die „Ich schau, ob ich zugenommen habe“-Hose im Schrank beäugt. Eine solche hat man selber auch. Sie hängt neben dem „Jö, ich habe abgenommen“-Rock, dieser ein Fake, weil mit Gummizugbund … Unter M ist Stipsits nicht Manuel, sondern Michael eingefallen, ein Kabarettkollege, der nach einem Auftritt in der ausverkauften Stadthalle die lieblos angerichtete Wurstplatte im Backstage-Bereich bejammert, diese ein bekanntes Kleinkünstlertrauma, bevor er im Pub seines Vertrauens eine hochnäsige Burgschauspielerin zur Schnecke macht. Nia würde man drauf kommen, wer da gemeint ist. Hansi Hinterseer erscheint als er selbst, und ist so herzlich wie in echt.

Zu guter Letzt erst das I, das Ich. Dazu nicht Alexander von Biczos „Vogerl“-Zitat, sondern die Nöstlinger: „Glück ist was für Augenblicke“. So kann man bei dieser Lektüre von Geschichte zu Geschichte, von Augenblick zu Augenblick glücklich sein. Thomas Stipsits hat ein Buch geschrieben, das einem im vor der Tür stehenden Herbst die Seele wärmen wird.

Über den Autor:
Thomas Stipsits, 1983 in Leoben geboren, schrieb bereits in der Schule Lieder und kleine Sketche. 2000 erhielt er den Kärntner Kleinkunstpreis. 2004, gemeinsam mit Klaus Eckel, Pepi Hopf und Martin Kosch den Österreichischen Kabarettförderpreis. Sein Programm „Griechenland“ feierte Anfang 2006 Premiere, aktuell tritt er zusammen mit Manuel Rubey und seinem Bruder Christian mit dem Programm „Gott & Söhne“ auf. Er ist in zahlreichen Fernsehproduktionen („Braunschlag“, „Tatort“, „Vorstadtweiber“) und Kinofilmen (aktuell: „Baumschlager“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26085) zu sehen und tritt regelmäßig in „Was gibt es Neues?“ auf. Zusammen mit seiner Frau Katharina Straßer gestaltete er im ORF die Comedy-Serie „Gemischtes Doppel“. Die beiden haben einen gemeinsamen Sohn, Emil. Als Musiker tritt er mit Ulli Bäer und Willi Gansterer mit der Danzer-Hommage „Von Danzer bis Stinatz“ auf.

Ueberreuter Sachbuch, Thomas Stipsits: „Das Glück hat einen Vogel“, Kurzgeschichten, 160 Seiten.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.stipsits.com

  1. 9. 2017