Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Februar 20, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Waisenbub begleitet drei Bayern durch Indien

„Sie sahen aus, wie drei Versionen desselben Mannes. Der jüngste von ihnen trug einen Hut mit breiter Krempe und hatte abstehende, spitze Ohren wie eine Fledermaus. Er war nicht viel älter als ich. Seinen Blick kann ich nicht anders beschreiben als nach innen gekehrt. Seine etwas reifere Ausführung, der mittlere Mann, ließ den Blick dagegen lustig umherstreifen und blähte seine fetten Backen beim Atmen. Der älteste wiederum kultivierte ein Haarbüschel auf seiner Oberlippe, das wie ein nervöses Tierchen zappelte, wenn er redete. Und er redete viel!“

Mit diesen Worten beschreibt das Waisenkind Bartholomäus die Brüder Robert, Adolph und Hermann Schlagintweit beim ersten Ansehen. Bartholomäus ist „mindestens zwölf Jahre alt“, und spricht beinah ebenso viele Sprachen. Es ist Bombay im Jahr 1854, der Bub der Protagonist von Christopher Kloebles Roman „Das Museum der Welt“, der morgen in die Buchläden kommt, und das titelgebende Museum seine Sammlung „bemerkenswerter Objekte“ – blasenfreies Eis, der Geschmack der Nacktheit, die Bildermaschine, heißt: das Heft,

Robert, Hermann und Adolph Schlagintweit. Urheberrechte: Archiv des Deutschen Alpenvereins, München. Gebrüder Schlagintweit: FOP 1 FF 627

in dem er all die fest- oder nicht festzumachenden Dinge festhält, die ihm auf seiner Reise durch Indien begegnen. Denn Bartholomäus wird die bayerischen Forscher auf ihrer Expedition durch den Subkontinent begleiten. Als Dolmetscher, das haben die Jesuiten, in deren Obhut er bis jetzt war, so beschlossen. Vater Fuchs, ebenfalls aus Bayern, hat den Deal mit seinen Landsmännern eingefädelt, doch nun ist Bartholomäus‘ Deutsch- lehrer, sein einziger Vertrauter wie vom Erdboden verschluckt. Vater Holbein, sadistischer Spezialist für Stockhiebe, hat das Sagen im „Glashaus“, wie die Bombayiten Sankt Helena wegen der vielen Fenster nennen, also ist dessen bevorzugter Prügelknabe nicht böse, das Weite suchen zu können …

Von 1854 bis 1857, kurz vor Ausbruch des ersten indischen Unabhängigkeitskrieges, reisten die Schlagintweits, und Kloeble hat sich beim Schreiben eng an ihrer tatsächlichen Tour orientiert, durch Indien und Hochasien. Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt beauftragte die britische East India Company die Brüder mit der umfassenden Kartierung und Dokumentierung ihres Hoheitsgebiets, denn der sogar Gesetze erlassende, eine eigene Soldateska unterhaltende Konzern herrschte über weite Teile des Subkontinents wie eine Staatsmacht, einem Auftrag, dem die Schlagintweits mit einer breiten Palette an Untersuchungen nachkamen.

Robert Schlagintweit: Group of Hindu Women. Sudracaste from Bengal. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 34, Bayerische Staatsbibliothek

Robert Schlagintweit: Rajaram, Rajput, 34 years. Audh, Native Officer. The sword in the right hand is called Talvar. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 4, Bayerische Staatsbibliothek

Sie drangen in bis dahin unentdeckte Gebiete vor, den Himalaya, das Karakorum, das Kuenluen, sammelten an die 40.000 Objekte, von Pflanzensamen und Tierhäuten bis Gebetsfahnen und tibetischen Drucken. Sie verfassten tausende Seiten von Notizen, fertigten hunderte Skizzen, Aquarelle und Platinotypien, viele davon heute im Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek (www.bsb-muenchen.de) und des Deutschen Alpenvereins (www.alpenverein.de) – und nach Art der Toten- von allerdings lebenden „Eingeborenen“ abgenommene Gesichts- masken, die sie nach den damals gängigen Rassentheorien der „People of India“ in vier Hauttönen bemalten.

Mitten im „Great Game“, Rudyard Kiplings Begriff für die zentralasiatischen Konflikte an der Demarkationslinie des chinesischen, russischen und britischen Reichs, sollen sie nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Spione geforscht haben. Adolph, der im Gegensatz zu den die Schiffspassage wählenden Hermann und Robert die Heimreise per Landweg durch diesen politischen Brandherd antrat, wurde in die revolutionären Umwälzungen in der Grenzregion verwickelt und in Kashgar wegen dieser Spionagevorwürfe enthauptet. Eine Hinrichtung, bei der auch Bartholomäus gegen Ende des Buches zugegen ist.

Kloeble, überzeugt davon, dass sein Ich-Erzähler so fiktiv nicht sein kann, nützt die Figur für einen Kunstkniff. Er lässt den Bediensteten der Forscher die Spielregeln umdrehen, indem er die Herren Wissenschaftler zu seinen Untersuchungsgegenständen macht. Er beobachtet sie, analysiert sie, hinterfragt ihr Handeln und ihre Absichten. „Bartholomäus lässt uns erleben, wie es gewesen sein muss, wenn fremde weiße Männer plötzlich in dein Leben platzen, dich zum Sprechen ihrer Sprache zwingen, alles in deiner Heimat so benennen, wie es ihnen beliebt, und all das immer mit der Haltung, dass du ihnen in jeder Hinsicht unterlegen bist und sie die Spitze der Evolution sind“, sagt Kloeble im Interview.

Diese hochaktuelle, da bis in die Gegenwart Nachwehen zeitigende Kritik am Aufblühen Europas durch die Unterwerfung und Plünderung seiner Kolonien führt als roter Faden durch „Das Museum der Welt“. „Die Vickys“, so nennt Bartholomäus die Briten, es ist seine Abkürzung für viktorianisch, „hatten das Land vernachlässigt, um Profit zu machen, und so mordete der Hunger Abertausende Indier.“ An anderer Stelle ist der Heranwachsende ein durchaus humorbegabter, still-satirischer Betrachter der Betrachter sowie deren Sitten und Gebräuche. „Leider ist im Durchschnitt nur jeder vierte Bayer angenehm“, notiert er über die drei Brüder.

Robert Schlagintweit: Maadhab Doss, Writer – Kaste of the Kalkutta Bengal (Detail). Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 21, Bayerische Staatsbibliothek

Robert, Adolph und Hermann Schlagintweit. Urheberrechte: Archiv des Deutschen Alpenvereins, München. Gebrüder Schlagintweit: FOP 1 FF 627 und FOP 1 FN 190

Über Hermann, er „war der unbarmherzige König des Redens. Auf den Bazars flohen selbst Banias und Jains vor uns, weil er sie kaum zu Wort kommen ließ“, und über dessen Fluch auf die britische Bürokratie, die die Karawane wieder einmal ausbremst: „Was ein Zwirn ist, weiß ich, und Himme bedeutet wahrscheinlich Himmel – aber was ist ein O-asch?“ Eine Vokabel, die sich der Abenteurer-Azubi flugs einverleibt und zunehmend routiniert gebraucht. Andere, Hindi-, Marathi-, Punjabi-, Bengali-Worte, hätten der Übersetzung und Erläuterung bedurft. Man merkt dem Roman an der Detailverliebtheit der farbenprächtigen Schilderungen an, dass sein Autor in Indien im Gegensatz zum Leser zu Hause ist – und wie bei mehr als 500 Seiten Umfang noch ein Glossar fordern?

Nicht nur der schweigsame, sich meist unters schwarze Tuch seiner Kamera verkriechende Robert, nicht nur die in permanenter Streitpose aufgestellten Hermann und Adolph haben Bartholomäus‘ Aufmerksamkeit. Mit spürbarer Zuneigung entwirft Kloeble auch die anderen Charaktere im Train. Die Köchin Smitaben aus Gujarat, von allen Maasi/Tante genannt, eine stattliche, nicht auf den Mund gefallene Person, die Mutter der Kompanie, vor der sogar die Schlagintweits Habt-Acht stehen. Der Punjabi Devinder, der vom faulen Klostergärtner zum nicht minder arbeitsscheuen Lastenträger zum strammen Kriegsdiener wird. Der Parsi Hormazd, Herr über Zahlen und die Buchhaltung der Schlagintweits, dessen exotisch anmutender Glaube an die Lehre des Zoroastrismus verwundert. Der als Präparator eingestellte, indo-portugiesische Mr. Monteiro, der gutmütige, wenn auch glutäugige, Khansaman/Butler Mani Singh, ein Sikh, der Makadam genannte Hüter der Kamele, schließlich der seltsame Brahmane und Arzt Dr. Harkishem und Eleazar, der Sinistre, ein Bania mit jüdischem Namen.

„Wir sind eine Gruppe aus Firengi, Sikhs, Moslems, Hindus, die unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Sprachen sprechen und zu unterschiedlichen Göttern beten. Ich würde uns auch nicht trauen“, sagt Bartholomäus, alldieweil er zu „Adolphji“ doch eine besondere Beziehung aufbaut, den Firengi, der nicht gekommen ist, um Indien Ordnung zu bringen, sondern mit dem es so ist, als ob er schon immer hier gewesen wäre, der Bartholomäus auf seinem Pferd mitreiten lässt, dem er beim abendlichen Aquarellieren die Fackel hält – und mit dem er durch ein Guckloch die Gopis/eigentlich: Kuhhirtinnen, mit denen allerdings Gott Krishna eine orpheusische Begebenheit erlebt, eines Maharadschas bestaunt.

Derart durchwandert man mit den Augen Bartholomäus‘ Indien, sieht die „schöne Vicky“ Calcutta mit ihrem Tram Car, hört seinen Gedankendisput mit dem Generalgouverneur James Broun-Ramsay, wenn der herrenmenschlich-überheblich seinen „bescheidenen Geniestreich“, die Doctrine of Lapse, lobt, die es der Company erlaubt, bei Bedarf jeden Staat eines „verbündeten“ indischen Fürsten zu annektieren, geht mit ihm auf Bälle und ins Gefängnis, wo Häftlinge von den Wärtern unter Schlägen zur Gesichtsmaskenprozedur gezwungen werden, entrinnt den Thugs und ihrer blutigen Göttin Kali, gelangt bis an den Himalaya, in die Unendlichkeit von Eiseskälte und Entbehrungen und lässt sich darob mit ihm von Göttin Nanda Devi die Sinne rauben.

Robert Schlagintweit: Sumsan, Musalman, 42 years, Agra (Musalman Fakir) He is a leper. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 58, Bayerische Staatsbibliothek

Robert Schlagintweit: Group of Kulis. Northern Bengal. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 31, Bayerische Staatsbibliothek

 

Nicht nur Bartholomäus entwickelt sich, auch sein Coming-of-Age-Roman. Er wird vom historischen mehr und mehr zum politischen, denn man nähert sich nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich dem sogenannten Sepoyaufstand. „Ich bin jemand, der alles dafür tun würde, damit Indien wieder frei ist“, sagt einer der Expeditionsteilnehmer zu Bartholomäus, und dann tut sich eine ganze Gruppe Widerstandskämpfer aus allen Kasten um ihn auf. Die Papierpatronen des Enfield-Gewehres werden geschmuggelt, nach einem hartnäckigen Gerücht mit einer Mischung aus Rindertalg und Schweineschmalz behandelt, und daher weder für hinduistische noch muslimische Armeemitglieder abzufeuern.

Bartholomäus soll die Schlagintweits ausspionieren, sonst werde Smitaben ermordet – und bald gibt es im Train erste mysteriöse Todesfälle. Und am Schlimmsten: Bartholomäus erkennt die Wahrheit hinter Vater Fuchs‘ Verschwinden. Kloeble entwirft eine Gemeinschaft jenseits von ganz gut und komplett böse, er zeichnet seine Figuren in bemerkenswerter Vielschichtigkeit, Rollenspieler die meisten, die ihr Ich erst nach und nach offenbaren – und am 20. Oktober 1857 wird’s der jüngste Rebell sein, der dies tut …

Den Schlagintweits war bei ihren britischen Auftraggebern kein Ruhm beschert. Das Londoner Wissenschaftsjournal Athenaeum formulierte süffisant über die „Inanspruchnahme“ englischer Erkenntnisse durch Deutsche: „Die preußischen [sic!] Gentlemen, so erfahren wir, haben Tibet erschlossen und sind nun dabei, Indien in Europa bekannt zu machen. Wir in England dachten, dass wir ein bisschen über Indien gewusst und etwas dafür getan hätten, seine physischen und geografischen Merkmale bekannt zu machen. Aber anscheinend unterlagen wir, so scheint es nun, merkwürdigen Trugbildern …“

Über den Autor: Christopher Kloeble wuchs in Oberbayern auf und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, unter anderem den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung für das beste Romandebüt 2008, „Unter Einzelgängern“, und für das Drehbuch zu „Inklusion“ den ABU-Prize für das beste TV-Drama. Er war Gastprofessor in Cambridge, Großbritannien, sowie an diversen Universitäten in den USA, zuletzt am Dartmouth College. 2012 veröffentlichte er den vielbeachteten Roman „Meistens alles sehr schnell“, der auch in Israel und den USA erschien. Derzeit arbeitet er an der Verfilmung. Kloeble lebt in Berlin und Delhi, da seine Frau in Neu-Dehli aufgewachsen ist.

dtv, Christopher Kloeble: „Das Museum der Welt“, Roman, 528 Seiten.

Christopher Kloeble liest aus „Das Museum der Welt“: www.youtube.com/watch?v=UIkcKf7vicE

www.dtv.de           www.christopherkloeble.de

Die Platinotypien von Robert Schlagintweit, aus: Schlagintweitiana IV.2, wurden vom Nachlassreferat der Bayerischen Staatsbibliothek, München www.bsb-muenchen.de, die Porträts der Gebrüder Schlagintweit vom Archiv des Deutschen Alpenvereins, München www.alpenverein.de zur Veröffentlichung auf mottingers-meinung.at freigegeben.

  1. 2. 2020

museum gugging: oswald tschirtner.! das ganze beruht auf gleichgewicht

Februar 12, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 100. Geburtstag die bisher größte Personalie

Portraitfoto Oswald Tschirtner, 1993. Bild: Martin Vukovits

Nach Ausstellungen zu August Walla und Johann Hauser zeigt das museum gugging unter dem Titel „oswald tschirtner.! das ganze beruht auf gleichgewicht“ ab 13. Februar seine dritte große Personale. Die 260 Werke spannen den Bogen von Klein- zu Großformaten und spiegeln Schaffensperioden und Facetten eines der erfolgreichsten Gugginger Künstler wieder. Am 24. Mai – dem 100. Geburtstag von Oswald Tschirtner – ist ein großes Fest geplant. „Tschirtners Weg zum Künstler war nicht vorgezeichnet. Gleichzeitig war er bis ins hohe Alter in der Lage, Neues zu entwickeln“, sagt Johann Feilacher, künstlerischer Leiter und Kurator der Ausstellung. „Darüber hinaus ist kaum ein Künstler mit Gugging so verbunden: In französischer Kriegsgefangen- schaft im Zweiten Weltkrieg psychisch erkrankt, lebte er fünf Jahrzehnte hier, davon mehr als zwei Jahrzehnte im Haus der Künstler, wo ich ihn betreuen durfte.“

O. Tschirtner: Moses und der brennende Dornbusch, 1971, Sammlung Hannah Rieger. Privatstiftung – Künstler aus Gugging

Oswald Tschirtner: Gott und Mensch, 1971, Sammlung Helmut Zambo. Privatstiftung – Künstler aus Gugging

Oswald Tschirtner: Herz, 1998. Privatstiftung Künstler aus Gugging

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Mit seinem geschlechtslosen Kopffüßler lehrt uns Oswald Tschirtner die Konzentration auf das Wesentliche und zeigte zugleich, wie er sich fühlte“, so Feilacher. „Er zeichnete immer auf Aufforderung und erledigte den Auftrag möglichst schnell. Seine Religiosität – er wollte eigentlich Priester werden – gab ihm Halt. Der Ausstellungstitel ‚das ganze beruht auf gleichgewicht‘ ist der Titel von zwei Zeichnungen. Auf der einen Seite war es ihm nicht wichtig, was andere Menschen über ihn und seine Kunst dachten. Auf der anderen Seite war der Frieden mit seiner Umwelt sein höchstes Ziel.“

Oswald Tschirtner beim Bemalen der Südfassade, 1983. Bild: Johann Feilacher

Oswald Tschirtner und David Bowie, 1994. Haus der Künstler

Oswald Tschirtner vor seinen Kopffüßlern. Bild: Martin Vukovits

Zahlreiche Veranstaltungen begleiten die Sonderschau. So ist etwa ebenfalls ab 13. Februar in der galerie gugging „… weiblich mächtig – männlich zart … misleidys castillo pedroso & oswald tschirtner“ zu sehen, wo sich das Werk Tschirtners der jungen zeitgenössischen kubanischen Art-Brut-Künstlerin – Misleidys Castillo Pedroso erschafft eine Art private Mythologie aus einer isolierten Position – auf sich beinahe ergänzende Weise gegenüberstellt. Die beiden Künstler trennen 65 Jahre, viele tausend Flugkilometer sowie ihre ganz eigenwillige künstlerische Formensprache und doch sind sie auf ganz besondere Art und Weise miteinander verbunden.

www.museumgugging.at

12. 2. 2020

Burgtheater: „Tosca“ mit Birgit Minichmayr abgesagt

Februar 6, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stattdessen inszeniert Martin Kušej „Das Interview“

Birgit Minichmayr. Bild: © Katarina Šoškić

Wegen künstlerischer Differenzen muss die geplante Inszenierung „Tosca“ in der Regie von Kornél Mundruczó abgesagt werden. Anstelle dieser Premiere wird das Burgtheater am 23. Februar im Akademietheater eine Neuinszenierung von „Das Interview“ nach Theo van Goghs Film in der Regie von Martin Kušej präsentieren. Es spielen Birgit Minichmayr und Oliver Nägele.

Kušej inszeniert diesen Text zum zweiten Mal, wiederum mit Birgit Minichmayr als Katja. Seit ihrer ersten Beschäftigung mit dem Thema vor mehr als zehn Jahren, diese 2009 als Gastspiel des Zürcher Neumarkt-Theaters am Schauspielhaus Wien mit Sebastian Blomberg als Pierre zu sehen (Rezension der NZZ: www.nzz.ch/der_kuschelteppich_als_minenfeld-1.4074619), sei das Vertrauen in die Bilder, die öffentlich produziert werden, weiter erodiert. „Zeit für eine Wiederbegegnung mit diesem brisanten Stück“, so das Burgtheater in seiner Aussendung.

www.burgtheater.at

6. 2. 2020

Kosmos Theater: Das Werk

Januar 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung

Keine Panik vor der Titanic: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov als Persiflage eines literarischen Quartetts. Bild: Bettina Frenzel

Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im Kosmos Theater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im Kosmos Theater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard, die zuletzt am Haus mit ihrer Inszenierung der „Sprengkörperballade“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32624) überzeugte, schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt.

Wojo van Brouwer, Alice Peterhans und Veronika Glatzner. Bild: Bettina Frenzel

Lukas David Schmidt. Bild: Bettina Frenzel

Veronika Glatzner, Alice Peterhans und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Die Mythos-Mäklerin wird derart selbst zu einem solchen, das Werk im doppelten Wortsinn zerkaut, verdaut, defäktiert, interpretiert wird, bis der Arzt kommt, denn eine Autorin, die ihre Gedanken nicht deklariert, muss sich mit dem Deuteln der anderen, oder wie’s hier gesagt wird: dem rezensentischen Dekonstruieren, abfinden. Prachtvoll ist diese Farce über blaugedroschene Werkforscherfragen, köstlich, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler Binnen-I-ronisch formulieren, beim Rezitieren pathetisch paraphrasieren, über die Übersetzung von Accident – Zufall/Unfall? – philosophieren. Zwischen den Zuschreibungen „Seismografin“ oder „Columba des Zeitgeists“ wird selbstverständlich der Selbstdarstellung gefrönt. Jeder der Diskutanten hatte schon seinen Jelinek-Moment, aus weiter Ferne und in der Furcht, die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin nur ja nicht zu stören, beim Zeitunglesen im Railjet oder beim Shoppen in der Münchner Maximilianstraße.

„Wie billig“, bemerkt dann einer übers teure Pflaster. „Es weiß doch wirklich jeder, dass Frau Jelinek dort eine Wohnung hat.“ Alice Peterhans zetert, sie empfinde Jelinek eigentlich als Lesetortur, als schmerzhaftes „Bohren in den Schneidezähnen meiner Wahrnehmung“. Gemeinsam mit Veronika Glatzner, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov wirft sie sich gehörig in Pose, alle vier als literarisches Quartett wahrhaft und in allen Nuancen akademischer Eitelkeit höchst amüsant. Von Elisabeth Weiß mit Club-2-Garderobe und Goiserern ausgestattet, wird über ein Österreich, das als Idee besser denn als Ausführung ist, kluggescheißert, soll Turnschuh-telefonisch eine Musikgruppe namens „Die Ur-Krainer“ um ein Jelinek-Statement gebeten werden.

Und mittendrin Lukas David Schmidt als Getränkekellner, der offenbar als einziger „Das Werk“, dies Denk-mal! der Wissenschaftsjargon-Jongleure, auswendig hersagen kann. Videokünstlerin Annalena Fröhlich macht die Sprachbilder visuell greifbar. Mit einem metaphorisch zu erklimmenden Worteisgebirge, ein garstig-karstiges Konterkarieren der Tourismushochburg Alpenland, an dem vorbei Fröhlich ab und an Monty-Phyton-like einen Riesenluxusliner schickt – der aber ohne Panik vor der Titanic elegant entlang der Spieler gleitet, zu einem – ebenfalls von Fröhlich – Soundtrack von Schlager bis Katastrophenfilm.

Illustre Runde rauchender Literaturkritiker: Lukas David Schmidt, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Nach knapp der Hälfte ist der Abend jelinekisch vom Feinsten. Längst hat man’s aufgegeben sinnerfassend zuzuhören, und beobachtet lieber, wie die, die’s beruflich können müssen, mit dem Abend umgehen. Nach Jelinek-Perücken und -Puppen hat Bossard nun mit deren Werk Betrachter die humoreske Metaschraube noch stärker angezogen. „Warum, Martin Heidegger, warum so schwierig?“, darf einer der Protagonisten den Insidergag jammern.

Und plötzlich wird man’s gewahr, das Ziehen in den Zähnen, die gnadenlose Grausamkeit der Gleichnisse, der Spaß hat mit dem Heimatbegriff-Usurpator die Kurve zum Schrecklichen gekratzt. Zitat Jelinek: „Der faschistische Philosoph Heidegger [hat] sozusagen das Eigene gegen das Fremde abgrenzen und bewahren wollen. […] Heidegger ist der, der davon spricht, dass diese Heimat denen gehört, die sie besitzen …“ Das Panorama wird brüchig, im Hintergrund stürzen Schlote in sich zusammen, im Monströsen entpuppt sich die Poesie und umgekehrt. Publikum und Bühnenpersonal sind da bereits vom Sog der Sprache verschluckt worden. „Das Werk“ im Kosmos – der mit Bravour geführte Beweis, wie groß eine Produktion im kleinen Rahmen sein kann!

kosmostheater.at           www.elfriedejelinek.com

  1. 1. 2020

Philipp Hochmair in „Glück gehabt“

Dezember 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine verhängnisvolle Austro-Affäre

Ein Horror von einer Komödie: Philipp Hochmair splattert sich als von Pech und leblosen Körpern verfolgter Artur durch „Glück gehabt“. Bild: © Prisma Film

Polykrates, das war nach Herodot, später Schiller jener Tyrann von Samos, der sein Glück bis zu seinem Verderben herausforderte, gemäß der Formel Hybris weckt den Wankelmut der Tyche und führt einen schnurstracks in die Arme der Nemesis. „Das Polykrates-Syndrom“ nannte Autor Antonio Fian sein 2014 veröffentlichtes Buch, einen Splatterroman zur Weihnachtszeit. In welchem der antike Herrscher allerdings eher als eine Art moderne Zivilisationskrankheit auftritt.

Fians Antiheld Artur ist ein Fettnäpfchentreter, dessen forcierte Suche nach … die vermehrte Produktion von Unglück nach sich zieht. Regisseur Peter Payer hat sich des Stoffs als seiner nun vierten Literaturverfilmung nach Albert Drach, Christine Nöstlinger und Ödön von Horváth angenommen. „Glück gehabt“ läuft ab Freitag in den Kinos, eine bizarre Horrorkomödie über eine verhängnisvolle Austro-Affäre, mit Philipp Hochmair als vom Pech verfolgten Artur. Und, um dies gleich vorwegzunehmen, Payer hat Fians lakonischen Plauderton ziemlich platt gemacht, weshalb, was auf Papier fantastisch, auf der Leinwand nur bedingt funktioniert. Den Witz der Vorlage am meisten erfassen Arturs Karikaturen, etwa wenn die sexy Lady im Trenchcoat statt des stolzen Löwinnenkopfes plötzlich einen scharfzahnigen Haifischschädel trägt.

Die sexy Lady, das ist Julia Roy als Alice, die tatsächlich wie ein Raubtier in das Leben des talentierten, aber ehrgeizlosen Comic-Zeichners, ergo Copyshop-Angestellten einfällt. Und apropos, Artur liegt bereits mit Alice im Bett, als ihm plötzlich einfällt, dass er ja verheiratet ist. Mit Rita, gespielt von Larissa Fuchs, eine über die Jahre mit zunehmender Routine geerdete Ehe, sie Gymnasialprofessorin mit Sprung auf einen Direktorinnenposten, aber Artur für Schauspielexzentriker Hochmair in Payers Drehbuch-Interpretation ein zu simpler, zu wenig vielschichtiger Charakter, der All Time Loser, der sich selber Feigling nennt, und dem im Zweifelsfall ein kühles Blondes ist gleich Bier lieber ist als eine heiße Rothaarige.

Gemma Tauben schießen am Balkon: Barbara Petritsch spielt Arturs schreckschraubige Mutter. Bild: © Prisma Film

Das tote Arschloch muss weg: Robert Stadlober mit Julia Roy als Alice und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Ehefrau trifft auf die Geliebte: Larissa Fuchs als Rita, Julia Roy und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Freundin platzt ins Säge-Werk: Claudia Kottal als Sylvia, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Prisma Film

Die Schöne jedenfalls entpuppt sich bald als Biest, schon steht Artur vor der Leiche ihres Ex-Lebensgefährten, Robert Stadlober als in Buch wie Film als „Arschloch“ betitelter, und den gilt es nun wegzuschaffen, ausgerechnet auf der schneeverweht-rutschigen Höhenstraße – die Szene ein Kabinettstück von Hochmair, Arturs persönliches „Immer Ärger mit Arschloch“, dazu Zitat Alice: „Wenn du so fickst, wie du autofährst …“ Payer liebt unter seinen Szenen vor allem die über die Skurrilitäten des Alltags. Artur hat nicht nur mit Frau und Geliebter zu kämpfen, sondern als dritte im Weiberbunde mit seiner schreckschraubigen Mutter, Barbara Petritsch, die auf dem Balkon ihrer Seniorenheimwohnung mit dem Wassergewehr auf Tauben schießt.

Claudia Kottal ist als Ritas immer zur Unzeit auftauchende Freundin Sylvia zu sehen, Raimund Wallisch als Arturs Billardpartner Richard, um das Namedropping abzuschließen, bevor das Kammerspiel gruselig wird. Lucas Rifaat wird als Arturs Nachhilfeschüler von Alices Nacktheit aus dem Konzept gebracht, als Rita mitten im Blowjob anruft, gibt Artur sein Stöhnen als Schnupfen aus. „Inhalier‘ noch vor dem Schlafengehen“, sagt die Treusorgende zur falschen Person. Böses Mädchen, braver Bub, noch rätselt Artur bezüglich der Eichhörnchenstellung, aber da überrascht ihn Alice mit der freudigen Kunde …

Langsam, zu langsam greift der Gedanke Raum, dass das Leben immer lebensgefährlich ist. Immer mehr ergreift Alice von Artur Besitz, wenn das Glück ein Vogerl ist, dann in Arturs Falle ein Kuckuck, schleicht sich die nunmehrige Albtraumfrau doch bei seiner Mutter ein, bei seinem besten Freund, sogar bei seiner Frau. Die allerdings erkennt den Verrat, und zack, zweite Leiche. Also muss zur Beseitigung wieder Artur ran, Methode: Badewanne, Elektromesser, Axt, eine morbid-makabre 180-Grad-Profirollwende im seichten Dahinplätschern, und Hochmair zwischen Sägen und Speiben endlich in seinem Element.

Gruppenfoto der Lebenden mit den Untoten: Julia Roy, Robert Stadlober, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Jan Frankl/Prisma Film

Nebenan im Wohnzimmer, wo der Christbaum steht, läuft währenddessen Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt. Aber während Antonio Fian auf diesen Seiten Bret Easton Ellis schlägt, reicht Peter Payer nicht an Mary Harron heran. „Arschloch“ Robert Stadlober steht von den Toten auf, und kommentiert wichtigtuerisch-wiedergängerisch die ins Endlose gedehnte Tranchieraktion, und der Seltsamkeiten nicht genug, berichtet Mutter Petritsch von Diebstahl, Erbschleicherei, Mord und Totschlag im Heim, und zack, die dritte Leiche.

Das alles hätte sehr, sehr komisch sein können, der Einfach-Gestrickte, der durch die Doppelbödigkeit seiner Umwelt fällt, wie der liebe Augustin in die Pestgrube, und letztlich im Wortsinn mit einem blauen Auge davonkommt. Fians mit Pointen durchsetzte Prosa ist dafür das genau richtige Fundament aus intelligentem schwarzem Humor und irritierend schlechtem Geschmack. Aber ach …, „Glück gehabt“ – der Film hängt mit seinem Protagonisten in den Seilen, und wie dieser schreit „Ich bin nicht bequem, ich bin einfach nur entspannt“, so wollte man sich’s mit dieser Adaption wohl auch machen. Kein Untergang des Abendlandes, auch wenn Torbergs Tante Jolesch in ebendiesem sagt: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“

 

www.glueckgehabt-film.at

  1. 12. 2019