Burgtheater: Das Leben ein Traum

September 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Schutthalde der Geschichte

Franz Pätzold als Sigismund. Bild: Andreas Pohlmann

Kurz vor Schluss, da hat das Publikum bereits spöttisch über Clotalds „Geh‘ ins Kloster“-Rat an seine Tochter gelacht, mehr noch als die Herren-Menschen die Damen untereinander aufteilen – Astolf: Wenn Rosaura wirklich Clotalds Tochter ist, na gut, dann nehm‘ ich sie halt, Sigismund: Fein, dann kann sich die Estrella auch nicht beklagen, weil ich sie mit dem Besseren vermähle, nämlich mit mir -, kurz vor knapp also kommt Martin Kušej erst auf den Punkt.

Da nämlich verflicht er die barocken Verse mit Pasolinis Stück „Calderón“, genauer mit dessen dritten Teil, Rosaura träumt sich als Insassin eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers, zwar mit einer Revolutionsutopie, doch wie Schauspielerin Julia Riedler als geschändete, ungerächte, ins Ehebett ihres Übeltäters verkaufte Rosaura daliegt, da kollidiert der Lager-Monolog heftig mit dem pathetischen Gehabe davor. Und vor einem liegt die Institutionalisierung der Unmenschlichkeit. Das Erbe der Jetztzeit.

Ruhigen Gewissens hätte sich Kušej auf die Kraft des querdenkerischen Filmemachers und Publizisten verlassen können, der den Niedergang sozialer und politischer Strukturen in seinem Werk sezierte, einen darob entstehenden neuen Faschismus analysierte – und für sein Weltbild mit dem Leben büßte. Doch der Direktor setzt als erste Premiere der #Corona-Saison Pedro Calderón de la Barcas „Das Leben ein Traum“ an, mehr als drei lange Stunden von ihm selbst inszeniert, heißt: in der Kušej-typischen Ästhetik von Zappenduster bis Schwarzseherisch. Aber mit einem selten gebrauchten Händchen für feinklingigen Sarkasmus.

Das Bühnenbild von Annette Murschetz ist beeindruckend monumental, die Kostüme von Heide Kastler historisierend, die Musik von Bert Wrede irgendwo zwischen dem Kreischen von Vögeln, Industriemaschinen und Gefolterten. Da stehen sie nun, Calderóns Protagonisten, der polnische Hof, auf der Schutthalde der Geschichte, turnen den Koks-Berg im Kohlenkeller auf und ab, während von der Rampe oben immer mehr Briketts herabrieseln – das hat Schauwert, diese mitunter atemberaubende Akrobatik, auch wenn man sich fragt, warum sie das tun, und sich die Pausengespräche ums Was-will-uns-Kušej-eigentlich-sagen? drehen.

Norman Hacker und Franz Pätzold. Bild: Andreas Pohlmann

Franz Pätzold und Wolfram Rupperti. Bild: Andreas Pohlmann

Franz Pätzold und Julia Riedler. Bild: Andreas Pohlmann

Und es macht Mühe, aus diesem seltsam antiquierten Drama mit seinen verquasten Handlungssträngen das zu schälen, woran die Zuschauerin/der Zuschauer dieser Tage andocken kann. Der Ruf nach Freiheit, die Beschwörung des freien Willens, ja natürlich, doch dies ausgerechnet von dem, der sich, erst an der Macht, an deren Missbrauch delektieren wird – Fußnote: Man glaubt Franz Pätzolds Sigismund zum Glück die vom Himmel gefallene Katharsis samt Heilsbringerschaft in keinem Augenblick.

Was demnach? Basilius, König von Polen, hält seinen Sohn Sigismund seit dessen Geburt ob ungünstiger astrologischer Weissagungen zu ebendieser in einem Turm in der Wildnis gefangen. Bis er sich besinnt, und den Wildling an seine „rechtmäßige“ Position absoluter Macht katapultiert. Der Königssohn, entledigt der Ketten, kennt keine Schranken, wird Mörder, Wüstling, wieder eingekerkert, von Aufständischen befreit – und ist trara ein Guter. Nebenhandlung I: Astolf, Herzog von Moskau, spitzt auf Basilius-Nichte Estrella und den Thron; Nebenhandlung II: Rosaura, von Astolf ihrer Ehre beraubt, hat vor diesen zu töten, wird aber von Sigismunds Kerkermeister Clotald, der sich als ihr Vater enttarnt, ausgebremst. Dazwischen viel Narkotika und ein Sigismund, dem die Gesellschaft erzählt, mal diese, mal jene Realität wäre ein Traum.

Da liegt er, Sigismund, im Prosektur-weißen Verlies auf entsprechend blanker Liege, Franz Pätzold nackt, und philosophiert sich mit dem Schicksal hadernd in neonröhr-lichte Höhen. Ein malträtierter Geist in einem geschundenen Körper, Kušej wird dieses Ecce Homo später um eine gewittrige Christus-am-Kohlehaufen-Geste erweitern, damit ist was anzufangen, Pätzold wie immer brillant als menschliches Experiment, als vielleicht, man weiß es nicht, reine Seele, die durch Vaters Versuchsanordnung erst schmutzig wurde.

Roland Koch und Tim Werths. Bild: Andreas Pohlmann

Andrea Wenzl und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann

Julia Riedler und Andrea Wenzl. Bild: Andreas Pohlmann

In Zeiten, da die Objektifizierung von Menschen vielerorts wieder als politisches Propagandamittel eingesetzt wird, die Entmenschlichung anderer zum eigenen Machterhalt, und dies dem Stimmvolk vielerorts erfolgreich unter dem Signum einer „neuen Normalität“ angedreht wird, scheint Kušej mit Calderón deutlich machen zu wollen, wie man erschafft, was später zu fürchten ist. Kušej inszeniert das knallhart, die Szenen wie stets durch Blackouts zerstückelt, die eiskalte Politik, in der Pätzold vom Beherrschten zum Beherrscher, vom „Tier“ zum unterkühlt kalkulierenden Machthaber wird.

Im Programmheft bemüht das Burgtheater Thomas Hobbes‘ Theorien über den Souverän aus seinem „Leviathan“, die Abgabe des Selbstbestimmungsrechts ans Staatsoberhaupt, den Verzicht auf kontroverse öffentliche Debatten, auf Meinungsbildungsprozesse, auf die demokratische Abstimmung über die vielbemühten „Werte“. Das spröde dargebotene Schauspiel, Kušejs nüchterne Hinterfragung alternativer Wirklichkeiten ist ein Widerhall vom Wind, der draußen weht, ein jung-dynamischer und konsequent den Staat umbauender Landesführer, diesmal nicht hässliche, sondern „schreckliche Bilder“, ein „menschenunwürdiges System“.

Das Kalkül kommt daher mit Langsamkeit, zwar sind Mantel und Degen zur Hand, und für Roland Koch als mutmaßlich unfreiwillig kauziger Clotald eine (?) Augenklappe. Es wird gefochten und geblutet, Andrea Wenzl und Johannes Zirner als Estrella und Astolf tragen im Zweikampf etliche Blessuren davon, zwei Spiegelfechter sind sie, die weder Emotionen noch Motive für ihr Handeln erahnen lassen. Enervierend langsam lässt Kušej sein Ensemble die Sätze zerkauen, jedes Wort will hier im Intrigen-durchtränkten Politsumpf überlegt sein, und großartig ist, wie Johannes Zirner zwischen Estrella und Rosaura wegen des Medaillons in Bedrängnis gerät – ein teflonbeschichteter Lügner, gefangen im eigenen Gespinst.

Norman Hacker, Franz Pätzold, Andrea Wenzl, Roland Koch und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann

Es wurde an dieser Stelle schon bemängelt, dass Kušej mit Frauenfiguren wenig anzufangen weiß, dagegen erweist er sich diesmal beinah als Feminist. Die Wenzl und mehr noch Julia Riedler agieren kraftvoll als Estrella und Rosaura, zwei Frauen als Spielbälle im Männermatch, sie demaskieren die Definitionsgewalt der Männer darüber, was „normal“, was Fakt, was „wirklich“ ist. Allein mit Attitüde macht erstere klar, dass sie auf diese Gewalt mit Gegengewalt reagieren wird, bis die First Lady die Erste im Staate ist. Rosaura, und so steht’s nicht bei Calderón, entzieht sich der Opferrolle durch den Freitod …

Als Erfreulichkeit des Abends glänzt Tim Werths als Diener Clarin. Ein witzig katzbuckelnder Wendehals im Bemühen diesen aus der Schlinge zu befreien. Ein grandios doppelzüngiger „gracioso“, wiewohl der einzige unter allen, der sein Herz auf dieser trägt – was ihm die Lacher garantiert. Bleibt Norman Hacker als undurchsichtiger Basilius, teils verschrobener „Wissenschaftler“, wie er eingangs in Unterhose und Strümpfen auf die Bühne taumelt und sich nur unter Schwierigkeiten fertig bekleiden kann, teils zynischer Despot. Die erste Begegnung mit Sigismund fällt im Wortsinn von oben herab aus, wird aber – „Das Leben ein Traum“ – sofort mit einem weinerlichen, reuigen, Sigismunds Knie umklammernden Basilius wiederholt.

„Hilfe bringt vielleicht die Wahrheit“, sagt Norman Hacker. Dem ist bei diesem Deutungsversuch einer Arbeit über Deutungshoheit nichts hinzuzufügen. Am Ende tötet Basilius – auch das steht nicht bei Calderón – den Soldaten, Wolfram Rupperti, der Sigismund befreit hat, per Gurgelschnitt. Die kohlenschwarze Mördergrube und der Weiße-Westen-Palast überlappen zum anthrazitfarbenen, neuen Absolutismus des Sigismund. Man hat es kommen sehen, an der Macht sind die, die „recht tun“. Auf der Schutthalde ihrer eigenen Geschichte.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=cYWMDoF4ASM           www.burgtheater.at

  1. 9. 2020

Wiener Festwochen reframed: Versuch über das Sterben

September 11, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Boris Nikitin redet über den Tod seines Vaters

Bild: Donata Ettlin

Von der „Fähigkeit, sich öffentlich zu äußern, sich vor anderen körperlich oder verbal zu exponieren, sich sichtbar und angreifbar zu machen, sich zu outen, soziale und letztlich politische Teilhabe auszuüben und dabei die eigene alltägliche Angst, und sei es auch nur ein bisschen, zu überwinden“, schreibt der Basler Regisseur und Autor Boris Nikitin Anfang Juni im Standard. Im Getriebe um die Pandemie nennt er das Teilen von Verwundbarkeit die Grundlage aller Solidarität.

„Vulner-ability“ ist der Begriff, den Nikitin dafür geprägt hat: „Nur wenn die einen von sich erzählen, können andere sagen: So geht es mir auch.“ Sagt er. Und zeigt bei den Wiener Festwochen reframed – nach „24 Bilder pro Sekunde“ zu Beginn der Woche – nun sein Solo „Versuch über das Sterben“, beide Abende basierend auf einer schmerzlichen persönlichen Erfahrung, dem qualvollen Tod seines Vaters, der 2016 an der neurologischen Erkrankung ALS verstarb.

Unheilbarkeit, körperlicher Verfall bei klarem Bewusstsein, es ist Schreckliches, mit dem Nikitin sein Publikum, und dieses Teil einer Gesellschaft, die den Tod nicht mehr in ihre Mitte lässt, ja dessen Existenz so lange es irgend geht negiert, konfrontiert, die Versuchsanordnung minimalistisch, nur er, der Text, ein Sessel. Was „Versuch über das Sterben“ ausmacht, ist die Zärtlichkeit, die bescheidene und doch nachdrückliche Intimität, mit der Nikitin berührt. Nikitin nimmt einen mit in sein Nachdenken, derart gestaltet er seine biografische Bruchstelle zum existenzphilosophischen Essay.

Die Krankheit hat kurzen Prozess gemacht, von der Diagnose bis zum Tod dauerte es knapp ein Jahr. Früh schon äußert sich der Vater über einen assistierten Suizid, er sucht den „Exit“. Eine Aussage, die alles ändert. Nikitin verbindet des Vaters Outing mit seinem eigenen Coming-Out als schwuler Mann vor zwanzig Jahren.

Monat um Monat verschiebt der Vater die Einnahme des finalen Medikaments. Sein und Nichtsein zugleich. Erste Sätze von „Versuch über das Sterben“ entstanden, als sich Nikitin gerade mit dem „Hamlet“ beschäftigt. Ausgerechnet. Die Geschichte eines Sohnes, der um den Vater trauert. Nikitin entwirft sie als sehr eigenwillige Vision über Identität, Krankheit und Wirklichkeit. Seit „F wie Fälschung“ tut er das, Wirklichkeiten verhandeln, die der Mensch herstellt, weil er sie darstellt. Immer sind seine Arbeiten auch Porträts der Performerinnen und Performer, jetzt: Seitenwechsel. Nikitin verhandelt sich selbst.

Betont beiläufig macht er das. Betritt die Halle G im MQ, steuert sein einziges Requisit an, setzt sich, liest, sachlich: was der Vater nicht mehr konnte – essen, was er noch konnte – den Kopf drehen, sehr langsam, Nikitin zeigt es vor. Sterben, sagt Nikitin, ist das Letzte, was ein Körper alleine kann. Dann der Tod. Das erste Textblatt fällt. Mehr Inszenierung ist nicht. Zumindest nicht sichtbar. Doch ein Hamlet’scher Zorn auf die Krankheit, „die Angst vor sich selbst“, „die Konditionierung im Kopf“, heißt: wenn dem Gehirn das Verlernen misslingt, das Aufbegehren gegen gesellschaftlich verhängte Schamgrenzen, hängen im Raum. Nikitin teilt den Zuschauern das Unausgesprochene mit. Dies ist seine „Vulner-ability“.

„Versuch über das Sterben“ wird so zur Utopie, zum Versuch einer Verletzlichkeit, die kein Makel im Menschsein ist, sondern eine revolutionäre Fähigkeit. Grundlage der Empathie, sagt die Hirnforschung, ist die Selbstwahrnehmung. Je offener eine Person für ihre eigenen Emotionen ist, desto besser kann sie die Empfindungen anderer deuten und darauf reagieren. In Tagen, in denen Objektifizierung wieder vielerorts das Mittel der Wahl ist, ist Nikitin, Kind ukrainisch-slowakisch-französisch-jüdischer Einwanderer, jenen Zeitgenossen um Lichtjahre voraus.

www.festwochen.at

  1. 9. 2020

das weisse haus: Travel Apparatus

Juni 15, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Ferndestination der Wahl zum Selberscreenen

Lisa Großkopf & Lena Schwingshandl: alles meins, 2019, Filmstill

Muss man einen Ort physisch betreten, um ihn zu erleben? Als unmittelbare Reaktion auf die aktuellen Herausforderungen, bietet das weisse haus in seinen Ausstellungsräumlichkeiten den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit, mit dem Screening-Programm „Travel Apparatus“ an 34 Destinationen zu reisen, ohne die Stadt zu verlassen, von Ghana, Marokko, Thailand bis

hin zum Nordpol – jedes Land entspricht einer Videoarbeit. Doch nicht das touristische Erlebnis steht im Vordergrund, sondern das Nachdenken über die Folgen der globalen Erwärmung, das Erkennen sozialer Ungleichheit, die Konfrontation mit gesellschaftspolitischen Fragen und – bestenfalls – das Einnehmen einer anderen Perspektive gegenüber der Welt.

Jede und jeder kann den Inhalt der Reise selbst wählen und die Dauer des Auslandsaufenthalts individuell gestalten. Wohin soll’s gehen? Nach Spanien, wo private Pools durchschwommen werden. Nach Tuvalu, um die Dürre- und Überschwemmungsperioden zu erleben, von denen diese Gegend jährlich betroffen ist. Nach Ägypten, um die Pyramiden anhand ihrer Darstellung im Film neu zu entdecken. In den Iran, um den Alltag einer iranischen Familie kennenzulernen. Oder doch lieber an den Nordpol, um dort die einsamen Eislandschaften und den endlosen blauen Himmel zu genießen.

Enrique Ramírez: Un hombre que camina, 2014, Filmstill

Evy Jokhova: In this hot desert I miss the snow, 2018, Filmstill

„Travel Apparatus“ eröffnet eine Möglichkeit des Aufbruchs in einer Zeit, die das Reisen zur Unmöglichkeit erklärt hatte: für sich allein zur Destination der Wahl und ohne zu wissen, auf welchen künstlerischen Blick man sich dabei einlässt. Das Screening-Programm findet von 18. 6. bis 20. 8. jeden Donnerstag von 12 bis 21 Uhr statt –

mit Videoarbeiten von Yael Bartana, Ben Bigelow, Carolina Boettner, Viktor Brim, Danaya Chulphuthiphong, Rah Eleh, Flatform, Siegfried A. Fruhauf, Johannes Gierlinger, Lola González, Lisa Großkopf & Lena Schwingshandl, Ayesha Hameed & Hamedine Kane, Saman Hosseinpuor & Ako Zandkarimi, Invernomuto & Jim C. Nedd, Fermín Jiménez Landa, Evy Jokhova, Anna Frida Jónsdóttir, Karrabing Film Collective, Annja Krautgasser, Claudia Larcher, Katharina Anna Loidl, Johann Lurf, Maha Maamoun, Randa Maroufi, Lukas Marxt, METASITU, Suzannah Mirghani, Ryts Monet, Adrian Paci, Marlies Pöschl, Enrique Ramírez, Kamen Stoyanov, Lisa Truttmann & Marta Armengol Pujol, Guido van der Werve und Kay Walkowiak.

Katharina Anna Loidl: Out Of In Between, 2014, Filmstills

Und so funktioniert’s: 1. Anmelden Melden Sie sich beim Information-Desk an. 2. Platz nehmen Nehmen Sie im Wartezimmer Platz und blättern Sie im digitalen Katalog. 3. Auswählen Wählen Sie aus dem Angebot Ihr bevorzugtes Reiseziel aus und füllen Sie das Buchungsformular aus. 4. Einstimmen Während die Tour Operators die Buchung bearbeiten, werden Sie von Adrian Paci’s “Centro di permanenza temporanea” auf Ihre geplante Reise eingestimmt. 5. Einsteigen Nach einer kurzen Wartezeit werden Sie zum Screening geleitet. 6. Verreisen Nun kann Ihre Reise beginnen. Bon Voyage!

www.dasweissehaus.at

15. 6. 2020

SOHO in Ottakring online: Wie meinen?

Juni 4, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Festival zur Meinungsfreiheit und zum Ringen um sie

Hans a. Blast: Der Volksmund. Bild: © Hannes Stelzhammer

Auch „SOHO in Ottakring“ präsentiert sich dies Jahr #Corona-bedingt von 6. bis 20. Juni als Online-Festival. Der angedachte Themen- schwerpunkt „Wie meinen? Über Meinungsfreiheit und das Ringen um sie“ schien den Kuratorinnen und Kuratoren in der derzeitigen Lage umso dringlicher, und so wollen nun 14 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive ihre Arbeiten in Zusammenhang bringen „mit den vielen offenen Fragen, die über den Zustand der Demokratie gestellt werden müssen“.

Während des Festivalzeitraums wird auf der SOHO-Website www.sohoinottakring.at täglich eine neue Arbeit von maximal 30 Minuten zu sehen sein, alle Beiträge danach noch bis 5. Juli.

Highlights aus dem Programm:

穴 Cave (dt. Höhle)*. Video von Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung, online ab 7. Juni, 17 Uhr. Die Kernidee zu diesem Video entstand, als Delphine Hsini Mae 2018 im Rahmen einer Künstlerresidenz einen Kurzfilm gegen Gewalt an Frauen in Mexiko in einem verlassenen Haus drehte. Als Mae durch den Ort ging, spürte sie das verlassene, vergessene alte Haus wie einen vernachlässigten, alternden, weiblichen Körper. Der Raum eines Hauses ist wie die Sphäre eines Körpers. Die Videoarbeit beschreibt Lebensausdruck inmitten von Chaos und unausgesprochenerStille, wenn der Raum/ Körper alt und marginalisiert, vergessen oder vernachlässigt, ignoriert oder krank, physisch oder psychisch missbraucht ist.

Das Video hallt wie ein Gedicht, wie ein Brief, geschrieben über die Zehn-Jahre-danach und gerichtet an das zukünftige Selbst, das zukünftige Du. Delphine Hsini Mae lebt und arbeitet nach jahrelangen internationalen Arbeitsaufträgen wieder in Taiwan. Sie ist Performerin, Schriftstellerin, Dichterin, schamanistische Geist-Körper-Energiepraktikerin und kreative Pädagogin. Jia-ling Chung arbeitet im Bereich Film als Regisseurin, Kamerafrau, Dokumentarfilmerin und Cutterin.

Artefakte. Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Ausstellung von Martha-Cecilia Dietrich, online ab 8. Juni, 17 Uhr. Brotkrümel, Muscheln, Rinderknochen, Steine, Klopapier, Obstkerne, Kleiderfetzen, das sind die Materialien aus denen politische Häftlinge während des bewaffneten Konflikts in Peru von 1980 bis 2000 Objekte anfertigten. In der Einzelhaft kommunizierten sie mit ihren Liebsten anhand selbst gemachter Geschenke. Winzige Artefakte sprachen von großen Themen wie Hoffnung, Hingebung, Entschlossenheit, Liebe und Ausdauer. In der Isolation, wo Beschäftigung und Sprache verboten sind, symbolisieren persönliche Objekte politischen Widerstand, weil sie der menschlichen Existenz eine greifbare Form geben.

Der Ausdruck als politischer Akt macht alltägliche Dinge wie Broschen, Stofftiere, Karten, Figuren und Schmuck zu gefährlich Gegenständen, weil sie sich dem Regime widersetzen. Die Ausstellung „Von stummen Orten“ der Wiener Sozialanthropologin Martha-Cecilia Dietrich stellt Objekte und Geschichten von vier Frauen, die seit mehreren Jahrzehnten Gefangene in Limas Hochsicherheitsgefängnis von Santa Monica sind, in den Vordergrund und setzt sich mit kritischen Konzepten wie Stimme, Sichtbarkeit und Widerstand auseinander.

Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Dokumentation einer verleugneten Existenz. Fotografien von Mehmet Emir, online ab 9. Juni, 17 Uhr. Werner Finke, 1942 bis 2002, war ein Ethnologe, der über drei Jahrzehnte regelmäßig in die Türkei reiste und audiovisuelle Dokumentationen und ethnographische Sammlungen in den von Kurdinnen und Kurden bewohnten Regionen erstellte. Ab 1966 bis 2002 durchquerte er die ostanatolischen Provinzen und war fasziniert von den Bewohnern und der Bergwelt in dem türkischen Grenzgebiet zum Iran und Irak – eine Faszination, die ihn Jahr für Jahr wieder in das Gebiet führte.

Insbesondere seit der Gründung der türkischen Republik, als die Existenz der Kurden in den türkischen Gebieten verschwiegen und ihre Sprache verleugnet wurden, konnten ihr soziales Leben und ihre politischen Bestrebungen weder in einem nationalen noch in einem internationalen Kontext thematisiert werden. Trotzdem führte Finke die audiovisuellen Dokumentationen weiter. Diese Präsentation, zusammengestellt vom Fotokünstler, Kolumnist, Musiker und Sozialarbeiter Mehmet Emir, zeigt einzigartiges, noch unpubliziertes Material über das Leben der Viehzüchter auf den Sommerweiden in den frühen 1970er-Jahren. Mehmet Emir zum diesjährigen Themenschwerpunkt „Wie meinen?“: „Als Kurde und Migrant sage ich, hier in Österreich, noch schlimmer, in der Türkei findet meine Meinung keinen Platz!”

Sophie Utikal: Care und Coexisting. Bild: © Sophie Utikal

Delphine Hsini Mae und Jia-ling Chung: 穴 Cave (dt. Höhle)*. Bild: @ Delphine Hsini Mae

Mehmet Emir: Die kurdische Alm und das Auge des Ethnographen. Bild: © W. Finke/ Institut für Sozialantropologie

Martha-Cecilia Dietrich: Von stummen Orten: Objekte des Widerstands. Bild: ©Martha-Cecilia Dietrich

Care und Coexisting. Textilbilder von Sophie Utikal, online ab 11. Juni, 17 Uhr. Sophie Utikal benutzt das Material ihrer Kleidung, die negative Form ihres Körpers, um Situationen ihres Lebens, die sie geprägt haben, zu verändern. Damit möchte sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere Women of Color stärken, die Erfahrungen im Kampf gegen Unterdrückung teilen. Die Arbeit „Care” entstand für den Film „Die Sprache der Stimme“ von Franziska Kabisch und Laura Nitsch und zeigt auf, was es bedeutet, die Stimme zu verlieren und dennoch Strategien der Ermächtigung zu finden. „Coexisting” ist eine Vision für die Zukunft mit fiktiven Wesen, die auf die bereits zerstörte Erde kommen, um sie mit ihren Körpern neuerlich zu befruchten. Als Inspiration diente die Science-Fiction-Buchreihe „Liliths Brood“ von Ocativa Butler. Sophie Utikal, geborenin Tallahassee, USA, studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien in der Klasse von Ruby Sircar, Ashley Hans Scheirl und Gin Müller. Sie lebt in Berlin und Wien.

Meinungstauschzentrale – Ansichten einer Stadt. Partizipatives Projekt zur Sammlung und Erforschung des “Volksmundes” von und mit Hans a. Blast, vor dem Alten Kino im Sandleitenhof, Liebknechtgasse 32, Ottokring, ab 6. Juni, 16 bis 20 Uhr, online ab 13. Juni, 17 Uhr. Als Anlaufstelle stehen ein Ort und eine soziale Plastik als Ort der Zusammenkunft und Gallionsfigur bereit. Hier werden Meinung und Haltung „Aller“ ausgelotet: von Lebensentwürfen, Vorurteilen bis hin zu Graffitis, Kritik und Wut. Die „Meinungstauschzentrale“ sieht sich auch als Treffpunkt für kulturelle Verschiedenheit. Hans a. Blast arbeitet in den Bereichen Interdisziplinäre soziale Plastik, Fotografie, Skulptur, Text, Bühne, Wirt/Parasit-Synergien und Handwerk. Er lebt als Künstler in Wien.

To Look After a Stranger’s Urge. Video von Eliana Otta und Hansel Sato, online ab 18. Juni, 17 Uhr. Entstanden aus einem Workshop mit Studierenden der Akademie der Bildenden Künste Wien unter Leitung von Hansel Sato. Im Workshop wird untersucht, was sich heute wichtig anfühlt und wie man es ausdrücken kann: „Wie artikulieren wir, was wir gerne ändern würden und was unsere Empörung hervorruft? Wie verbalisieren wir einen sehr intimen Wunsch oder Traum, den wir nicht zu offenbaren wagen? Und vor allem, wie verhalten wir uns zu den Ideen oder Hoffnungen eines anderen auf Veränderung? Wie hören und nehmen wir Dringlichkeiten wahr, die nicht unsere eigenen sind? Können wir sie genau beachten? Könnten wir uns sogar für eine Weile um sie kümmern? Das wird ein Moment sein, in dem wir uns auf die Ausdrucksweise des anderen konzentrieren können, in dem wir uns um eine Forderung kümmern, die nicht unsere eigene ist; und zu beobachten, was passieren kann, wenn wir das tun, mit uns selbst und mit anderen.“

Die im Workshop erarbeiteten Werke werden im Rahmen von SOHOnline präsentiert. Eliana Otta und Hansel Sato sind beide aus Peru, sie multidisziplinäre Künstlerin, er bildender Künstler, Comiczeichner und Kulturvermittler.

Through the Textile. Video von Alfredo Ledesma Quintana, online ebenfalls ab b 19. Juni, 17 Uhr. In der Prä-Inka, Wari-Kultur zeugen Textilien und ihre Symbolik von ihrer Vision der Welt. Textilien fungieren als Kommunikationsmittel zwischen verschiedenen Gemeinschaften und Menschen. Sie sind ein Ausdruck der Gefühle / des Denkens über Natur und Umwelt, und sie führen zu einem kollektiven Ausdruck und kommu- nikativen Transfer. Textilien haben einen rituellen Charakter, wodurch das Bedürfnis gestillt wird, die Werte und das Wissen auf eine reine Art, wie sie in der Natur selbst existiert, auszudrücken und zu transzendieren. Mittels symbolischer Intervention mit andinen Textilien und ihrer Bedeutung möchte Alfredo Ledesma Quintana eine Reflektion und ein Hinterfragen des Verständnisses und der Wahrnehmungvon „Natur“ anregen.

Damit will er der Natur Raum geben, ihre eigene Sprache zu artikulieren und sich so auszudrücken, wie sie ist. Gleichzeitig sind die Stimmen der Bevölkerung des Valle de Tambo zu hören, die ihre landwirtschaftliche Lebensgrundlage gegen die Kupfergewinnung internationaler Großkonzerne verteidigen. Dadurch wird der konfliktreiche Charakter parallel existierender Wahrnehmungen und Bewertungen von Natur deutlich wird. Alfredo Ledesma Quintana ist peruanischer Künstler, der wie Otta und Sato in Wien lebt. Gemeinsam mit Imayna Caceres bilden sie eine Gruppe in Österreich lebender, peruanischer Künstlerinnen und Künstler, die gemeinsam an der Verdeutlichung sozialer und ökologischer Krisen arbeiten.

www.sohoinottakring.at

4. 6. 2020

Das Rote Wien im Waschsalon: Es lebe der Sport!

Mai 21, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ausstellungen zur Arbeiter-Olympiade und für Alpinisten

Zillenfahrt von Wörgl nach Wien © ASKÖ WAT Wien

Es hat sich irgendwo in den Seiten der Zeit verloren, jenes vom Vater schon zerlesene Zwischenkriegs-Kinderbuch über eine Lausbubenbande, die im Hinterhof „Olympische Spiele“ abhält, bei denen „das Nullerl“, Sohn des kriegsinvaliden und darob gemeindebau-gesellschaftlich randständigen Trafikanten, endlich zum gefeierten Sporthelden wird … Nun, da die Sommerspiele 2020 #Corona-bedingt auf nächstes

Jahr in Tokio verschoben sind, „Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof“ seine Pforten aber endlich wieder geöffnet hat, lässt man ebenda diese Tage mit zwei Sonderausstellungen wiederauferstehen. „2. Arbeiter-Olympiade in Wien. ,Neue Menschen‘ für eine ,neue Welt'“ nennt sich die eine, „Hand in Hand durch Berg und Land. 125 Jahre Naturfreunde“ die andere.

„Wir verzichten von vornherein auf alle Sensationen“ – Julius Deutsch

Arbeiter-Olympiade, Gewichtheber © ASKÖ WAT Wien

Im Umfeld der europäischen Arbeiterparteien entstehen Ende des 19. Jahrhunderts auch Turn- und Sportvereine, die sich bewusst vom „bürgerlichen“ Sport abgrenzen wollen. Nicht Rekordstreben und Kommerz sollen Ziel und Zweck der sportlichen Betätigung sein, sondern die körperliche Ertüchtigung von Männern und Frauen sowie die geistige und kulturelle Entwicklung der Arbeiterschaft – als Vorbereitung auf ein Leben in einer sozialistischen Gesellschaft.

Nach dem Ersten Weltkrieg sammeln sich 1919 die Arbeitersportvereine, die Arbeiterradfahrer und die Naturfreunde im Verband der Arbeiter- und Soldatensportvereine, der sich 1924 mit der Zentralstelle der österreichischen Arbeiterturnvereine zum Arbeiterbund für Sport und Körperkultur in Österreich, kurz ASKO, vereint. Gegen Ende der 1920er-Jahre zählt der ASKÖ bereits mehr als 200.000 Mitglieder. Da der österreichische Arbeiterbund für Sport und Körperkultur europaweit die höchsten Mitgliederzahlen aufweist und zudem das Rote Wien die besten Voraussetzungen für die Durchführung einer derartigen Veranstaltung mitbringt, wird die Austragung der 2. Arbeiter-Olympiade an Österreich vergeben.

Die Winterspiele finden im Februar 1931 in Mürzzuschlag und auf dem Semmering statt, die Sommerspiele vom 19. bis zum 26. Juli in Wien. Das anlässlich der Arbeiter-Olympiade neu errichtete Praterstadion mit Stadionbad wird wenige Tage vorher, am 11. Juli, feierlich eröffnet. Trotz Weltwirtschaftskrise nehmen an die 25.000 Sportlerinnen und Sportler aus 27 Nationen teil, darunter mit Hapoel Tel Aviv auch eine Delegation aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina. Insgesamt strömen 70.000 Menschen nach Wien. Bei dieser größten bis dahin in Wien abgehaltenen Sportveranstaltung werden 117 Bewerbe in 18 Sportarten ausgetragen.

Darunter Klassiker wie Fußball, Hand- und Faustball, aber auch Disziplinen, die den Arbeitersportlern bisher verschlossen waren, wie Tennis, Jiu-Jitsu und Paddeln oder damals populäre Sportarten wie Schleuderballwerfen oder Raffball. Der Waschsalon Karl-Marx-Hof zeigt neben Fotos, Festführern, Postkarten und Broschüren zur 2. Arbeiter-Olympiade aus den Beständen des Vereins für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung auch Objekte aus dem Archiv des ASKÖ WAT Wien. Außerdem gibt es auch altes dokumentarisches Filmmaterial aus den Beständen des Wiener Filmarchiv der Arbeiterbewegung und des Filmarchiv Austria zu sehen.

Arbeiter-Olympiade, Hürdenlauf © ASKÖ WAT Wien

Radsportclub „Triumpf“ Weißenfels, 1925 © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig / Sportmuseum

Alpinistengilde am Peilstein, 1920 © Archiv der Naturfreunde

Zdarsky Skigruppe, 1905 © Foto Wagner, Lilienfeld

Hand in Hand durch Berg und Land. Eine Sonderschau der Naturfreunde

Alles beginnt mit einer Anzeige in der Arbeiter-Zeitung im März 1895: „Naturfreunde werden zur Gründung einer touristischen Gruppe eingeladen, ihre Adresse unter ,Natur 2080′ einzusenden an die Exped.“ Aufgegeben hatten das Inserat der sozialdemokratische Pädagoge Georg Schmiedl und sein Wanderkollege Simon Katz. Unter den zahlreichen Antwortschreiben befindet sich auch jenes der Wohnungsnachbarn Alois Rohrauer, Feinmechaniker, und Karl Renner, Jura-Student.

1896 entwirft Renner das Emblem des neuen Vereins. Es vereint den Handschlag als sozialdemokratisches Symbol der Solidarität mit drei Alpenrosen. Auch der Wahlspruch ist schnell gefunden: „Hand in Hand durch Berg und Land“ – ein Ausdruck des politischen Kampfes um Freizeit und Erholung.

dasrotewien-waschsalon.at

21. 5. 2020