Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ernst ist das Leben

Juni 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dandys sind diesmal herr-liche Damen

Die Damenriege übt sich in Theatralik: Maresi Riegner, Elzemarieke de Vos, Karola Niederhuber, Maria Hofstätter, Marie-Christine Friedrich, Raphaela Möst, Miriam Fussenegger und Michou Friesz. Bild: Lalo Jodlbauer

So weiß wie die Bühne ist hier niemandes Weste, weshalb in Kostümen, die so schrill sind wie die Stimmung, ordentlich Komödienvollgas gegeben wird. Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf inszenierte Intendant Michael Sturminger Oscar Wildes „Ernst ist das Leben / Bunbury“ und setzte dabei weniger auf Subtilität und britisches Understatement, denn auf Tempo, Timing und Tohuwabohu. Ein Spaß, der vor allem nach der Pause voll aufgeht.

Sturminger spielt, gekonnt auch in Orientierung auf das Privatleben des berühmtesten Dandys der Welt, der vier Tage nach der Bunbury-Uraufführung seinen unglückseligen Prozess begann, mit den Geschlechterrollen. Sein Ensemble besteht ausschließlich aus Frauen, und da gibt es in der deutschsprachigen Fassung von Elfriede Jelinek nicht nur sprachliche, sondern auch sexuelle Zweideutigkeiten, wenn eine Frau, die einen Mann spielt, dessen bestem Freund Avancen macht, den ebenfalls eine Frau darstellt. Und so ist es ein Küssen und Knutschen zwischen Jack Worthing und Algernon Moncrieff, in deren Rollen Raphaela Möst und Elzemarieke de Vos schlüpfen, um zu zeigen, wie man Ennui in Exaltiertheit verwandelt.

So turnt die Truppe durch Irrungen und Wirrungen, Wortspiele und Intrigen. Mit der Jelinek’schen Feder werden Versprechen rasch zu Versprechern, Sturminger bespielt die Frivolität dieser Vorlage gekonnt, so entsteht eine spritzige, quirlige, überdrehte Aufführung, die die Exzellenz der Dekadenz feiert. Und schließlich in der unvermeidlichen Kuchenschlacht endet. Möst und de Vos erlauben sich den Scherz ihre Figuren bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei Sturminger generell ein doppeltes Spiel -, die beiden bleiben süffisant, auch wenn Algie sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. De Vos ist, man braucht es nicht zu erwähnen, die geborene Komödiantin. Eine Poserin in bester Wilde’scher Manier, eine Zynikerin und – der personifizierte Un-Ernst. Wie sie lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihr die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist erfordert.

Spiel mit den Geschlechtern: Elzemarieke de Vos und Raphaela Möst. Bild: Lalo Jodlbauer

Komödienvollgas bei der Kuchenschlacht: Maresi Riegner, Karola Niederhuber und Miriam Fussenegger. Bild: Lalo Jodlbauer

De Vos hat Perchtoldsdorf  bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der dortigen Upperclass, und davon finden sich im Publikum nicht wenige, ist sie Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke auch aufs Lügen. Möst ist ihr eine ebenbürtige Partnerin, ihre verschwitzte Verlegenheit weist eine aus, die wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen. Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Miriam Fussenegger und Maresi Riegner. Riegner gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Fusseneggers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern.

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Marie-Christine Friedrich als Gouvernante Miss Prism und die großartige Michou Friesz als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Maria Hofstätters Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s dann noch zu Tortenschlacht und Slapstick, da ist das Publikum längst bestens gelaunt und dankt mit langem Applaus. Schade, dass diese Premiere wetterbedingt im Neuen Burgsaal stattfinden musste, open air ist es sicher noch der doppelte Genuss.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2018

Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn

Mai 31, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel

Schmerzlich vermissen ein Mann und seine beiden kleinen Söhne die vor wenigen Tagen bei einem Unfall ums Leben gekommene Mutter. Nichts geht mehr in dieser zurückgebliebenen Familie. Bis endlich eine überdimensionale Krähe an der Tür läutet. „Ich gehe erst wieder, wenn ihr mich nicht mehr braucht“, verkündet das Tier und zieht in die Wohnung ein. So beginnt Max Porters unvergleichlicher Roman über einen ungebetenen Gast. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist das bewegendste, verwegendste, was einem dazu in die Hände fallen kann.

In poetischer Sprache und mit herzzerreißender Genauigkeit schreibt Porter über den Verlust eines nahen Menschen. „Allmählich war ich Experte für Verhalten im Trauerfall“, denkt Dad da beispielsweise. „Im Epizentrum zu sitzen erlaubt ein merkwürdig gesteigertes anthropologisches Bewusstsein für andere: die Überwältigten, die Unsensiblen, die Weg- und die Ewigbleiber …“ Dann geht’s ans Aufräumen: „Sie wird nichts mehr brauchen (Make-up, Kurkuma, Haarbürsten, Thesaurus) … Sie wird nichts mehr auskosten (Highsmith-Krimi, Erdnussbutte, Lippenbalsam).“ Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel.

Die Krähe – erzählt wird aus drei Perspektiven: ihrer, Dad, Jungs – bringt die Familie auf Vordermann. Schlichtet Streitereien, vernichtet Alkoholdepots, kümmert sich um den Haushalt, verscheucht ungebetene Gäste. Dass sie dabei lyrisch-grausame Töne anschlägt, auch derb-fluchend den Parasit Trauer verprügeln darf, ist durch einen Kunstgriff Porters zu verstehen. Sein Totemtier ist bei seinem persönlichen literarischen Fixstern Ted Hughes ausgeborgt. Die tricksterartige, mythologische Krähe ersann der britische Poet in den 1960er-Jahren für sein nie vollendetes Hauptwerk „Crow, ihr Gekrächze half dem Witwer der Schriftstellerin Sylvia Plath damals durch die Lebenskrise. Plath hatte Selbstmord begangen.

Wie sich „Crow“ in den Gedichten mit aller Brutalität als Tier und gleichzeitig Dämon darstellt, so heißt es bei Porter: „Bei Krähe gibt es ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Natur- und Kulturwesen, zwischen Aasfresser und Philosoph, Ganzheitsgott und schwarzem Fleck …“ Bald wird klar, dass Dad ein Ted-Hughes-Forscher ist und an einem wissenschaftlichen Buch über diesen arbeitet. In Porters dichter, prägnanter Sprache hat diese Wendung gar keine Chance ein selbstgefälliger literarischer Insider-Witz zu werden. Die Grenzen zwischen Fantasiewelt und realer fließen, auch das Schriftbild passt sich an:

„Kein Schlaf.

Scharfe Kanten.

Schlechter Atem.“

Und es gibt nur einen Wunsch: Wieder haben. Bitte wieder haben. „Nach-vorne-Schauen als Konzept ist für Deppen, denn jeder vernünftige Mensch weiß, dass Trauer ein Langzeitprojekt ist. Ich werde nichts überstürzen. Es bremse, beschleunige oder nehme niemand den Schmerz, den wir leiden.“ – „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist anders als alles, was man bisher gelesen hat.

Porter gelingt es meisterhaft Trauerklischees zu umschiffen, er setzt auf echten Schmerz, wo falsches Sentiment möglich gewesen wäre, und wiewohl er die Innenschau vor allem Dads nur andeutet, gelingen ihm Figuren aus Fleisch und Blut. Selbst die verstorbene Mutter gewinnt in den Erinnerungen Kontur. Am Ende wird der skurrile Schutzgeist Wort gehalten haben und die Familie wieder verlassen. Doch nicht ohne einen letzten Rat mit auf den Weg zu geben: „Seid brav und hört auf die Vögel.“

Über den Autor: Max Porter, 1981 geboren, studierte Kunstgeschichte und arbeitete jahrelang als unabhängiger Buchhändler, was ihm den Young Bookseller of the Year Award einbrachte. Seit 2012 ist er Lektor bei Granta Books. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist sein schriftstellerisches Debüt. Der Roman erhielt den International Dylan Thomas Prize und avancierte in Großbritannien zum Bestseller. Max Porter lebt mit seiner Familie in London.

Kein & Aber Pocket, Max Porter: „Trauer ist das Ding mit Federn“, Roman, 126 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Göritz, Matthias Götz, Uda Strätling.

keinundaber.ch

  1. 5. 2018

Belvedere: Klimt ist nicht das Ende

März 20, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kosmopolitische Netzwerke und neue Tendenzen

Maximilian Oppenheimer, Klingler-Quartett, 1917. Bild: © Belvedere Wien

Als Gustav Klimt, Egon Schiele, Koloman Moser und Otto Wagner 1918 sterben, gilt das als Ende einer Ära. Das Kunstgeschehen in den Ländern der Donaumonarchie hatte sich jedoch schon früher von deren Einflüssen gelöst und weiter entwickelt. Es blieb von politischen Umbrüchen nahezu unberührt und war geprägt vom Wunsch nach Aufbruch. Die Ausstellung „Klimt ist nicht das Ende. Aufbruch in Mitteleuropa“ ab 23. März im Unteren Belvedere beleuchtet Kontinuitäten, Brüche und Fortschritt im Kunstschaffen jener Epoche nach Klimt.

Die Position von Gustav Klimt als überragende Vaterfigur gilt für die jüngeren Künstler als erstrebenswert. Die Fokussierung auf Klimt und das Jahr 1918 überdeckt allerdings oftmals die künstlerischen Veränderungen, die schon zuvor eingesetzt hatten und sich nach dem Krieg weiter entfalten. Die Kunst im Europa der Zwischenkriegszeit ist vielfach geprägt von dem Wunsch internationaler Vernetzung abseits neuer politischer und ideologischer Grenzen. Es herrscht reger künstlerischer Austausch, aus dem heraus sich konstruktive, expressionistische und phantastische Tendenzen entfalten. Kosmopolitische Netzwerke von Künstlerinnen und Künstlern entstehen in der ehemaligen Donaumonarchie.

Oskar Kokoschka, Romana Kokoschka, die Mutter des Künstlers, 1917. Bild: © Belvedere Wien

Marie-Louise von Motesiczky, Selbstbildnis, 1926. Bild: © Belvedere, Wien

Große Bedeutung kommt dabei zunehmend Zeitschriften zu, über die sich die neuen Positionen verbreiten. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzte dieser Internationalisierung ein jähes Ende, und rückt das Verständnis der kulturellen Gemeinsamkeiten wieder in den Hintergrund. Die Ausstellung will die Parallelen dieser Zeit wieder sichtbar machen, und Kontinuität und Wandel in der Kunst der Donaumonarchie darstellen. Sie sehen Werke von etwa 80 Künstlerinnen und Künstlern, unter anderem Josef Capek, Friedl Dicker-Brandeis, Albin Egger-Lienz, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Koloman Moser, Antonin Prochaska, Egon Schiele oder Lajos Tihanyi.

www.belvedere.at

20. 3. 2018

Wiener Festwochen: Das Programm 2018

Februar 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Mechanismen des Angstmachens aufzeigen

Phobiarama. Bild: ©Willem Popelier

Das „Theater der Angst“ und das fragile Gebilde Demokratie stehen im thematischen Mittelpunkt der Wiener Festwochen 2018, deren Programm Intendant Thomas Zierhofer-Kin Donnerstag Vormittag im Museumsquartier präsentierte. Mit insgesamt 30 Produktionen, darunter vier Uraufführungen und zwei eigens für Wien adaptierten Neuversionen, will man ab 11. Mai „die Mechanismen des Angstmachens aufzeigen“ und erzählen, wie einfach gesellschaftliches Leben aus den Fugen bricht. „Ein erster Strang“, so Zierhofer-Kin, „befasst sich damit. Ein weiterer Themenkreis ist die Beschäftigung mit Kollektiv gegen Individuum beziehungsweise Subjekt und Masse.“ Den Auftakt der diesjährigen Festwochen bildet eine Produktion von Dries Verhoeven. Der niederländische Künstler bringt mit Phobiarama sein Theater der Angst nach Wien – als Geisterbahn, mitten ins Museumsquartier. Die performative Installation spielt mit der Lust am Erschaudern und führt dabei genau jene Strategien und Mechanismen vor, die einen täglich umgeben in einer Welt, in der die Kategorien Wahrheit und Lüge ebenso ins Wanken geraten wie die Demokratie an sich.

Weitere Programmhighlights:

Seinen ganz eigenen Blick auf den Beginn europäischer Theatergeschichte und die Geburtsstunde der Demokratie europäischen Verständnisses wirft der Shooting-Star des deutschen Theaters Ersan Mondtag in seiner Inszenierung der Orestie von Aischylos. Nach den Gräueln des Trojanischen Kriegs setzen sich blutrünstiges Morden, Rache, Vergeltung und Familienfehden fort. Dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten versucht Pallas Athene durch göttlichen Richterspruch. Doch wie verhalten sich die Göttinnen, Götter und Menschen, die in Mondtags Orestie als Mensch-Ratten-Hybride bislang ihren dunkelsten Trieben gefolgt sind?

Ebenfalls zurück in die Geschichte Griechenlands geht der Regisseur Ong Keng Sen, bekannt für seine interkulturelle Herangehensweise, wie für die Kunst, scheinbar Vertrautes neu auszuleuchten. In seiner musiktheatralischen Arbeit Trojan Women stellt er Helena ins Zentrum der Tragödie „Die Troerinnen“ von Euripides. Ausgehend von Jean-Paul Sartres Bearbeitung, einem starken Statement gegen Krieg und Kolonialismus, in der Helenas Außenseiterinnen-Rolle als Griechin und Europäerin in ihrer ethnischen Dimension beleuchtet wird, geht Ong Keng Sen noch einen Schritt weiter und macht sie zur Grenzgängerin zwischen den Geschlechtern. Auch formal changiert Ongs Inszenierung zwischen vielen Welten: Alte Formen koreanischer Oper treffen auf neue Theatersprachen und koreanischen Pop.

Perspektivwechsel und koloniale Praxis stehen auch in der ersten Bühnenarbeit des international renommierten ägyptischen Künstlers Wael Shawky im Zentrum. The Song of Roland: The Arabic Version erzählt das mittelalterliche, französische Heldenepos rund um die Kreuzzüge Karls des Großen gegen die islamischen Sarazenen. Die Brutalität und Mordlust verherrlichenden Verse werden hier nicht von Europäern, sondern von 20 Fidjeri-Sängern auf Arabisch vorgetragen; so eröffnet Shawky ein Vexierspiel mit vermeintlich historischen Gewissheiten und aktuellen Debatten über islamisch-arabische wie christlicheuropäische Weltbilder.

Kamp. Bild: ©Hermann Helle

The Walking Forest. Bild: © Aline Macedo

The 2nd Season. Bild: © Anja Beutler

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dunklen Kapiteln der Menschheitsgeschichte führt die niederländische Theatergruppe Hotel Modern mit der Live-Film-Performance Kamp bis in die jüngere Vergangenheit fort: Ohne Worte wird mit fingergroßen Figurinen in einem Miniaturmodell von Auschwitz der Alltag im Lagerkomplex dargestellt und mittels Mikrokameras auf eine Leinwand übertragen. 80 Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs wird die 13 Jahre alte Arbeit nun erstmals auch in Wien zu sehen sein.

Einen gesellschaftspolitisch utopischen Ansatz verfolgt die brasilianische Theater- und Filmemacherin Christiane Jatahy in ihrer multimedialen, sehr freien Adaption von Shakespeares „Macbeth“: The Walking Forest nimmt Einzelschicksale von Menschen zum Anlass, einen Appell an den Gemeinwillen von Gesellschaften zu richten, an die Kraft, gemeinsam Veränderungen bewirken zu können.

Eine ganz besondere Form musikalischen Protests gegen Systeme anhand von Fabeln hat der kanadische Musiker und Cartoon-Zeichner Josh „Socalled“ Dolgin mit der Fortsetzung seines international erfolgreichen Anarcho-Puppen-Musicals „The Season“ geschaffen. In The 2nd Season gelingt es ihm, zusammen mit Puppenspielern, Live-Musikern und dem James Brown-Kollegen Fred Wesley, die Form des Musicals zu einem klugen wie unterhaltsamen Musiktheater über ökologische Themen und Kapitalismuskritik umzudeuten.

In Tiefer Schweb von Christoph Marthaler versuchen die Mitglieder eines geheimen Fachgremiums so manch unbewältigbares Problem, wie eine schwimmende Insel mit Geflüchteten auf dem Bodensee, zu lösen. Der Großmeister abgründig anarchisch-komischer Theaterarbeiten zeigt in seiner Beamten-Revue, wie sich die Verantwortlichen, statt Probleme mit Offenheit, Intelligenz und menschlicher Haltung zu bewältigen, überfordert und ängstlich in eine Blase am tiefsten Punkt des Bodensees zurückziehen.

Eine ganz andere Gemeinschaft hat der international bekannte ungarische Regisseur und Filmemacher Kornél Mundruczó im Sommer 2014 auf der Flucht vor Krieg, Terror und Tod in Ungarn gefilmt. Entstanden sind zeitgeschichtlich wertvolle filmische Dokumente über eine Gruppe von Menschen in einer existenziellen Grenzsituation, über ihre Sehnsüchte wie Hoffnungslosigkeit. Um den stummen Bildern eine Stimme zu verleihen, wählt Mundruczó den wohl subjektivsten abendländischen Liederzyklus über Einsamkeit, Entfremdung, Flucht und Tod: Schuberts Winterreise in der komponierten Interpretation von Hans Zender.

Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides. Bild: © Judith Buss

Paul McCarthy: Film Still of CSSC DADDA VIENNA EDIT. Bild: Edmund Barr. Courtesy of Paul McCarthy and Hauser & Wirth

Susanne Kennedy, erstmals in Österreich zu sehen, inszeniert ihre auf Jeffrey Eugenides Roman und Sofia Coppolas Film basierende Arbeit Die Selbstmord-Schwestern / The Virgin Suicides als eine psychedelische Reise in den Tod. Mit radikaler Künstlichkeit, Entfremdung und Entsubjektivierung erzählt Kennedy die Geschichte des Freitods der Teenager-Schwestern anhand des Tibetanischen Totenbuches, begleitet vom LSD-Papst Timothy Leary, als Grenzerfahrungstrip.

Schließlich, als Ausblick auf ein Projekt, das die Wiener Festwochen 2019 zusammen mit dem legendären US-amerikanischen Künstler Paul McCarthy realisieren werden, wird mit CSSC/DADDA VIENNA EDIT eine exklusive Preview seines aktuellen Film-Projekts zu sehen sein: eine Abrechnung mit globalen faschistischen Tendenzen anhand einer radikalen Dekonstruktion von John Fords Western-Klassiker „Stagecoach“ aus dem Jahr 1939.

www.festwochen.at

15. 2. 2018

Albertina: Das Wiener Aquarell

Februar 9, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Virtuosen der Wasserfarbenmalerei

Moritz Michael Daffinger: Porträt Marie Daffinger, 1828. Privatbesitz

Leichtigkeit, Transparenz, Unmittelbarkeit und Strahlkraft der Farben sind besondere Qualitäten der Wiener Aquarellmalerei des 19. Jahrhunderts. Virtuose Stadtansichten und Landschaften, Porträts, Genrebilder und Blumenstücke ergeben den reichen Motivschatz, der mit künstlerischem Virtuosentum vorgetragen wird. Die Albertina zeigt nun ab 16. Februar in der Ausstellung „Das Wiener Aquarell“ einen Bilderreigen von mehr als 200 Werken aus den eigenen Sammlungen, bereichert durch wertvolle Leihgaben.

Den Höhepunkt erreicht die künstlerische Ausdrucksform der Aquarellmalerei, die so leicht wirkt und doch so schwer zu erzielen ist, im Biedermeier. Die wichtigsten Auftraggeber sind das Kaiserhaus und die Hocharistokratie, zunehmend aber auch das vermögende Bürgertum.

Jakob Alt, Matthäus Loder, Thomas Ender, Peter Fendi und Moritz Michael Daffinger zählen zu den bedeutendsten Künstlern dieser Zeit, später sind es Anton Romako und August von Pettenkofen. Sie alle aber überragt Rudolf von Alt, in dessen 45-jähriger Schaffenszeit die erlesensten Beispiele der Aquarellmalerei entstehen. Er behauptet sich mit seiner Kunst auch noch in der Welt der Wiener Ringstraße und der Secession. Seine Werke spannen so den weiten Bogen vom Biedermeier bis zur Kunst um 1900.

Peter Fendi: Die Prinzessinnen Elise und Fanny Liechtenstein mit ihrer Erzieherin, 1838. Albertina, Wien

Rudolf von Alt: Blick in die Alservorstadt, 1872. Albertina, Wien

Mit der Ausstellung „Das Wiener Aquarell“ sollen nun anhand besonders aussagekräftiger Werke die Entwicklung und die unterschiedlichen Anwendungsmethoden dieser Kunst veranschaulicht und der hohe Stellenwert belegt werden. Die Wahl des Titels liegt darin begründet, dass die meisten Künstler der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Blüte gelangten Wasserfarbenmalerei in Wien geboren wurden oder für ihre Ausbildung aus den Kronländern der Monarchie oder aus deutschen Fürstentümern in die Hauptstadt kamen:

Carl Schütz aus Laibach, Heinrich Friedrich Füger aus Heilbronn, Karl Postl aus Bechin in Böhmen, Jakob Alt aus Frankfurt am Main. Fast alle besuchten die Wiener Akademie oder waren dort lehrend tätig. In der kaiserlichen Residenzstadt fanden sie ihre Auftraggeber und die Möglichkeit der künstlerischen Entfaltung.

Die Schau ist in sechzehn Kapitel gegliedert: Übung mit Farbe, Wie Malerei, Heinrich Friedrich Füger, Ereignisbilder, Künstler im Dienst von Erzherzog Johann, Im Sonnenlicht, Rudolf von Alt und Wien, Das Wiener Genre, Moritz Michael Daffinger – Das Wiener Porträt und die Blumenmalerei, Künstler auf Reisen, Im Auftrag des Kaisers – die Guckkastenserie Kaiser Ferdinands I., Thomas Ender – Landschaft mit Bravour, Rudolf von Alt – Ein Beitrag zur Weltkunst, August von Pettenkofen, Anton Romanko sowie Rudolf von Alt – Ein Beitrag zur Weltkunst. Die Präsentation belegt einmal mehr, dass neben der englischen Aquarellkunst des 18. und 19. Jahrhunderts zu Recht alleine diejenige Wiens Weltgeltung erlangt hat.

www.albertina.at

9. 2. 2018