Werk X-Petersplatz: Ein Staatenloser

Oktober 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Warnruf vor der verwesenden Freiheit

Eine Installation aus Stoffbahnen symbolisiert die Repression im Iran: Alireza Daryanavard. Bild: © Alexander Gotter

Die Szene wird sich am Schluss wiederholen: Ein grelles Verhörlicht in verstörender Dunkelheit, eine Befehlsstimme bellt aus dem Off – Name? Land? Der geblendete Mann taumelt, reißt die Arme hilflos hoch, bemüht sich um Antwort, und muss erfahren, dass die nie gut genug sein kann. „Ein Staatenloser“ heißt der Theatermonolog, mit dem Schauspieler und Regisseur Alireza Daryanavard seine Biografie nun auf der Bühne zeigt.

Ein Abend, der so eindrücklich wie bedrückend ist, intim und intensiv und irritierend, dass es einem den Atem raubt. Daryanavards Text führt von seinen künstlerischen Anfängen im Iran, seinem Untergrundtheater und dessen Arbeit gegen die Unterdrückung durchs repressive Regime, bis zur Flucht Richtung Demokratie. Nach Österreich, das sich allerdings nicht als das ersehnte Friedens- und Freiheitsparadies entpuppt, sondern als rechtsregierter Staat voll behördlicher Stolpersteine und dem Schubladendenken einer „alternativen“ Theaterszene, die zwar gern Flüchtlingsdramen mit leibhaftig Geflüchteten zeigt, ansonsten für diese aber keine Verwendung hat.

Zur Live-Musik von Klaus Karlbauer, ein ohrenbetäubendes Hauchen, Stöhnen und Aufschrei in einem, setzt Daryanavard seinen erbebenden Körper in Szene. Verrenkt und verdreht sich, und zeigt so physische und psychische Qualen, schminkt zwischendurch sein Gesicht weiß, ein tragischer Komödiant, der sich eines „Whitefacing“ bedienen will, um sich anzupassen. Was natürlich nicht funktioniert. Einmal, als er in Farsi deklamiert, glaubt man den Gesten zu entnehmen, dies sei sein persönliches Sein-oder-Nichtsein. Doch an keiner Stelle seiner Erzählung gibt sich Daryanavard, der zum von ihm Dargestellten stets Distanz wahrt, als Projektionsfläche für Flüchtlingsbilder her. Er stellt vielmehr die Frage, „wer ist ein Geflüchteter und wer wird ein Geflüchteter“. Kaum einer im Publikum kann jemals ermessen, was der Mann auf der Spielfläche erlebt hat …

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Schon in der Schule ist Alireza Daryanavard auffällig geworden, wird von den Lehrern wegen Ungläubigkeit aus den Klassenzimmern verbannt, kauft Bücher, „denen man vertrauen kann“, über Philosophie und Kunst auf dem Schwarzmarkt, sinniert über das diktatorische Lügengespinst Iran, „dieses kapitalistisch-korrupte System, das sich hinter Gott versteckt“. „Ein braver Mensch“, sagt man ihm, „denkt nicht, sondern ist dankbar.“ Auch das wird probiert und funktioniert nicht. Zu viele Festgenommene, Verschleppte, Vergewaltigte, Gefolterte. So viele Tote durch Staatsterror.

„Als der Präsident sagte, wir sind ein freies Land, wäre ich vor Lachen fast gestorben“, sagt Daryanavard. Da war er noch TV-Serienstar und Radiomoderator. Und sprach zu laut über die Situation der illegalen Afghanen, geschätzte 2.5 Millionen sind im Iran, und nicht nur Europa bekämpft sein „Flüchtlingsproblem“ mit Asylverweigerung und Abschiebungen, über geflüchtete Akademiker und „volksverräterische“ Frauenrechtlerinnen. Die Folge: ein nicht ausgesprochenes Arbeitsverbot, eines Tages von Freunden die SMS-Botschaft: Geh!

Während Daryanavard das erzählt, errichtet er eine Installation aus gespannten Stoffbahnen. In diesen verhängt und verheddert er sich immer stärker. Fantastisch, wie so einfach, so eindringlich Flucht gezeigt wird. Stoffe, erklärt Daryanavard, hätte auch sein Untergrundtheater als Bühnenbild verwendet, „weil sie sich leicht in einem Rucksack transportieren lassen“.

Schließlich also Österreich, und es ist erschreckend, wie dessen Selbstbild, dessen Flagge-Zeigen mit rotweißroten Lichteffekten, der Überprüfung durch den Intellektuellen nicht standhält. Im Hintergrund läuft sein Videotagebuch, Reden kommen vom Band, H.C. Strache über „Asylchaos und kein Ende“, Harald Vilimsky, wie er Viktor Orbán den „Helden Europas“ nennt, und andere Inländerfreunde. Da geht „der Ausländer“, „der Asylbetrüger“, schlimmstenfalls „der Terrorist“, längst schwanger mit den Schlagzeilen der Gratiszeitungen. Wird mit ihnen ausgestopft und von innen heraus erdrückt von deren Politparolen. Und wieder Vernehmung, und wieder Kommandoton, und wieder brav sein sollen. „Ein Staatenloser“ ist man dieser Tage schnell. Sogar, wenn man Österreicher zu sein glaubte.

Erdrückt von den Politparolen der österreichischen Gratisblätter. Bild: © Alexander Gotter

Alireza Daryanavards Asylantrag wurde mittlerweile positiv bestätigt. „Heimat ist nur ein Wort“, sagt er. Und dann, spätestens dann, die Gänsehaut. Der Warnruf von einem, der es wissen muss, zwischen Hier und Dort, Zensur und Selbstzensur, zwischen Fürchten und Hoffen und Warten. Der Warnruf vor der langsam verwesenden Freiheit im Land. Stimmen, wie die von Alireza Daryanavard, sind dazu angetan, Stimmungen zu verändern. Es lohnt sich, ihnen zuzuhören. Noch ist das möglich.

Spieltermine bis 13. März 2019, u. a. in der Brunnenpassage und im Dschungel Wien.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYn4-wUTFMY

www.alireza-daryanavard.com                   werk-x.at

  1. 10. 2018

Wiener Festwochen: Traiskirchen. Das Musical

Juni 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Solidarität mit der Schildkröte

Der Mensch braucht mehr als nur das Notwendigste: Die „High Heels Phantasma“-Szene. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Eine der schönsten Szenen nennt sich „High Heels Phantasma“. Da bittet eine deutlich Bessersituierte zur Manolo-Blahniks-Verteilung, weil der Mensch, vor allem die Frau, braucht mehr als nur das Notwendigste. Und während die linksgedrehten NGO-Damen mit den Hilfscontainer-T-Shirts protestieren: „Der Stöckelschuh ist die Burka des Westens!“, greifen die Flüchtlinge zu und tanzen in ihren Neueroberungen.

Und die Bessersituierte erzählt, im KZ hätte sie sich jeden Tag die Lippen rot gemalt. Mit Ziegelsteinen oder ihrem Blut. Als ein Zeichen, dass sie nicht das Tier ist, zu dem man sie machen wollte. Der Mensch braucht Kultur – und da gehört Schminke dazu. Dies Phantasma ist nicht so fantastisch. Etwas Ähnliches hat es sich im Sommer 2015 tatsächlich zugetragen. Recht erinnert, hat sogar das Fernsehen darüber berichtet. Nun ist die Bühnenfassung davon zu sehen: „Traiskirchen. Das Musical“. Im Volkstheater Wien. Die Theatermacher Tina Leisch und Bernhard Dechant, bekannt als „Die Schweigende Mehrheit“ und für ihre von Identitären gestürmte Aufführung von „Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene“ im AudiMax, haben aus den Ereignissen von vor zwei Jahren eine abgedrehte Musikrevue gemacht, haben es tatsächlich geschafft, das Surreale dieser Tage ins Skurrile zu überhöhen – und aus einem tonnenschweren Thema einen (über weite Strecken) leichtfüßigen Abend zu gestalten.

Dazu bedienen sie sich aller Mittel der leichten Muse. Gesang, Tanz, Klamauk; Traumsequenzen sind Slapstick in Zeitlupe, die Dialoge sind irr/witzig, denn immer wieder bricht die Handlung, um doch festzuhalten, dass vieles, was da passiert ist, lächerlich, aber nicht zum Lachen ist. Die Musik stammt unter anderem von Texta, Eva „Gustav“ Jantschitsch, Bauchklang, Imre Lichtenberger Bozoki, dem musikalischen Leiter der Aufführung, Jelena Popržan, Sakina Teyna, Mona Matbou Riahi oder Leonardo Croatto. Der „Hauptdarsteller“, der rote Faden, ist das Lager Traiskirchen. Wie in den guten, alten 1980er-Jahre-Musicals, in denen ein Protagonist nach dem anderen vortritt, um seine Geschichte zu erzählen, so ungefähr funktioniert es auch hier.

Der Bösewicht ist Journalist: Dariush Onghaie spielt und singt den Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Das Krähengericht (hi.) muss über einen Fall von Folter entscheiden: Shureen Shab-Par spielt die Kurdin, die glaubt ihren Peiniger erkannt zu haben. Bild: Verena Schäffer

Dazwischen gibt es verbindend Komisches, Running Gags wie etwa Moussa Thiaw als Moses, der statt seinen ORS-Pflichten nachzukommen, lieber mit seinem Schatzi telefoniert, drei Love Storys über alle Grenzen hinweg, und hinreißende, mitreißende Ensembleszenen. Dreiviertel der Darsteller sind diesmal Profis, 30 Menschen aus 19 Herkunftsländern, ausgebildete Sänger, Tänzer, Schauspieler … Sie alle kennen Traiskirchen von innen, manche waren schon vor Jahren als Kinder dort, andere erst kürzlich. Geschont wird in dieser Inszenierung niemand. Weder die Traditionalisten noch die Willkommensrassisten, weder die Islamisten noch die selbstverliebten Weltverbesserer.

„Traiskirchen. Das Musical“ zeigt einmal mehr, dass sich am meisten hasst, was sich am ähnlichsten ist. Im „Parolenbattle“ versucht jede Partei die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, die hasten hin und her – und finden sich am Ende bei Geiz ist geil. Beim Integrationsshopping sozusagen. Die zum Spendenselbstopfer hochstilisierte Zivilgesellschaft muss sich genauso persiflieren lassen wie die überforderte Politik, ein Dschihadist (gespielt von Jihad Al-Khatib), der Medikamente, die er braucht, auf religiöse Reinheit prüft, wird ebenso durch den Kakao gezogen, wie der letzte Christ (Amin Khawary stellt ihn dar), der versucht mit Hardrock auf seine Kirche aufmerksam zu machen.

Der Schlepper vom Dienst (verkörpert von Khalid Mobaid) spricht nicht nur wie Jesus beim Letzten Abendmahl, er lässt sich anschließend auch kreuzigen. Gern ist er der alleinig Schuldige, solange seine Kasse stimmt. Uwe Dreysel rennt als ORS-Josef von hie nach da, um zu helfen, aber ach, seine Bemühungen wollen und wollen nicht fruchten. Am Höhepunkt des Trubels wieder Bruch, wieder (Alb)traumsequenz: Das Krähengericht tritt zusammen, weil eine Kurdin (gespielt von Shureen Shab-Par) glaubt, in einem anderen Lagerbewohner ihren einstigen Folterer erkannt zu haben. Doch der hat einen philippinischen Pass – ORS-Moses ist rat- und hilflos …

Stefan Bergmann singt und spielt einen Traiskirchner, der Welcome-Blumen pflanzt, aber alsbald auf Rache sinnt. Bild: Alexi Pelekanos/Volkstheater

Die ORS-Männer sind überfordert: Moussa Thiaw als Chef Moses (am Apparat natürlich Schatzi) und Farzad Ibrahimi als David, die Pfeife. Bild: Verena Schäffer

Während der Peiniger nicht identifiziert werden kann, ist es mit anderen Dramatis personæ ganz leicht. Hanna Binder ist großartig als Betreuungsstellendirektor Stabhüttel, dessen einzige Sorge und Solidarität der aus ihrem Lebensraum Teich verschwundenen Schildkröte (dargestellt von Kung-Fu-Meister Haidar Ali Mohammadi) gilt – „Die haben sicher die Ausländer gefressen!“ – nein, es wird sich herausstellen, sie ist nach Schweden weiter emigriert. Auf alle Sorgen weiß er nur einen Satz: „Des is mei Lager.“ Für Khalid Mobaid haben Lichtenberger Bozoki und Richard Schuberth den „Mikl-Leitner-Blues“ geschrieben, eine sehr sexy vorgestrippte Nummer, in der die Bühneninnenministerin beklagt, wie es ist, „to be the eternal booman, the most misunderstood woman – since Richard Nixon and President Truman.“ Eine Weltklassenummer, in der natürlich der Weltklassesatz fallen muss: „So viele Menschen – so wenig Klopapier.“

Dariush Onghaie darf der Bösewicht des Stücks sein, ein Journalist, genannt der Troublemaker, die Krone der Schöpfung. Seine Message ist klar: Egal, was er schreibt, „ihr glaubt mir eh alles“. Zwei gute/schlechte Typen sind auch Stefan Bergmann als Traiskirchner, der Welcome-Blumen für die Refugees pflanzt, aber sofort nach Rache ruft, als versehentlich eines der Pflänzchen zertreten wird. Bernhard Dechant gibt den am Bühnenrand herumlungernden und auf seine Chance wartenden Quotensandler, auf den sich die Österreicher immer dann besinnen, wenn ihnen der einheimische Obdachlose lieber ist, als der ausländische – in solch schwachen Momenten, und nur in solchen Momenten wird er dann gehegt und gepflegt.

Drum hasst sich am meisten, was sich am ähnlichsten ist: Die rechten Weltanschauungen des „Orient“ und des „Okzident“ prallen aufeinander. Bild: Verena Schäffer

Futurelove Sibanda schließlich ist Tanzfans ohnedies längst kein Unbekannter mehr. Der vielseitige Solo-Performer ist seit 2009 in zahlreichen Produktionen als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu sehen gewesen – in „Traiskirchen. Das Musical“ spielt er einen Amnesty-International-Mitarbeiter, der aufgrund seiner Hautfarbe von der Hilfsarmada freilich für einen Flüchtling gehalten wird.

Die geballte Professionalität der Produktion zeigt einmal mehr, welch Potenzial da ist, wenn man über Grenzen hinausgeht. Sie ist ein Feel-Good-Feel-Free-Abend, und die Spielfreude der Akteurinnen und Akteure mehr als ansteckend. Dass Leisch/Dechant manchmal Richtung Erklärstück entgleiten, ist den beiden inne, und wahrscheinlich tatsächlich kann man’s manchen nicht oft genug sagen. Die Standing (hier eigentlich: Moving) Ovations am Ende aber galten den allesamt sehenswerten Performances. Und waren endlich eine Gelegenheit gemeinsam zu tanzen und zu feiern.

INFO: ORF2 bringt am 11. Juni um 13.30 Uhr in „Heimat, fremde Heimat“ einen Bericht von der Premiere. Nach den Wiener Festwochen gibt es Spieltermine in Niederösterreich.

Tina Leisch und Bernhard Dechant im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=24999

www.schweigendemehrheit.at

www.festwochen.at

Wien, 10. 6. 2017