Wiener Festwochen: Соларис / Solaris

Juni 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie ein Tarkowski-Film ohne Tarkowski

Bild: Daniel Zholdak

Ein toter Riesenvogel macht noch kein Solaris. Hinten: Kalina Tripkova als Mädchen Rheya. Bild: Daniel Zholdak

Andriy Zholdak hat als Produktion des Mazedonischen Nationaltheaters Skopje und der Wiener Festwochen „Solaris“ nach Motiven von Stanisław Lem inszeniert. Und er setzt dabei Form vor Inhalt. Er entwirft einen cinemascopischen Albtraum, allerdings ohne dessen zugegeben bestechende Bilder schlüssig umzusetzen.

Das Ganze wirkt wie ein Tarkowski-Film ohne Tarkowski, denn was beim übrigens mit Zholdak über drei Ecken verwandten Sowjetregisseur zum assoziativen, suggestiven Strom aufbraust, ist hier nur ein Rinnsal, das im Laufe des Abends mehr und mehr in Bedeutungslosigkeit versickert. Oder anders gesagt: Ein toter Riesenvogel macht noch kein Solaris. Zholdaks Arbeit ist ein manieristisches, pseudo-enigmatisches Machwerk, dem es nicht gelingt, die Existenz eines tieferen Geheimnisses auch nur erahnen zu lassen. Und das war sicher nicht das Motiv des großen Science-Fiction-Philosophen Lem.

Nun mag die Negation der Narration derzeit ja eine Theatermode sein, bei der Premiere im Museumsquartier dauerte diese Erscheinung mit fast vier Stunden – eine halbe wurde überzogen – jedenfalls zu lang. Zholdak setzt auf eine enervierende Entschleunigung und damit auch die Gesetze der Physik außer Kraft. Bei ihm ist Zeit nicht mehr relativ, sondern objektiv für immer vernichtet. Seine Inszenierung hat wohl eine hypnotische Wirkung, allerdings im Sinne eines Mittels gegen Schlafstörungen. Für noch kommendes Publikum reicht es völlig, zwischen 21 und 22 Uhr einen Blick auf die Aufführung zu werfen, da sind die schönsten Entwürfe von Bühnenbildnerin Monika Pormale, man kennt sie von ihren Arbeiten mit Alvis Hermanis, und Videokonzeptionist Daniel Zholdak zu sehen. Den Rest können sie sich, nein: müssen sie sich angesichts Zholdaks verquastem Papperlapapp sogar denken. Und das noch nicht das Schlimmste. Das ist nämlich der aus der Feder des Regisseurs geronnene Text. Zwar werden in der Inszenierung zum Glück nur wenig Worte verloren, die sind aber ebendieses, plump und platt bis zum Fremdschämen.

Dejan Lilić, gleichsam Mazedoniens Antwort auf Georg Clooney, gestaltet die Figur des Kris Kelvin in erster Linie dadurch, dass er bedeutungsschwer und unheilschwanger über die Bühne stampft. Überhaupt sind die Soundeffekte überlaut, zugeschlagene Türen und rotierende Ventilatoren dröhnen in den Ohren, Schritte klingen einmal wie Donnerhall, einmal, wie wenn jemand über Erdäpfelchips läuft. Um Gimmicks ist Zholdak nicht verlegen, warum aber Aleksandar Mihajlovski als Snaut und Aleksandar Gjorgjieski als Sartorius im Darth-Vader-Tonfall sprechen müssen, erschließt sich nicht. Oder vielleicht doch. Kris Kelvin hat’s nämlich nicht leicht. In seinem sechzehnmonatigen Reiseschlaf zur Raumstation, diese Episode nimmt die ersten eineinhalb Stunden in Anspruch, muss er von illegalen Autorennen bis zur Unzucht mit der Zofe nicht nur alles herbeifantasieren, an dem Sigmund Freud seine Freud‘ gehabt hätte, er durchlebt auch seine sämtlichen Traumata ab Kindheit, vom Vater bis zur Frau. Weil deren Selbstmord allein nicht reicht, muss auch noch ein ausgewachsener Elternkomplex her.

Bild: Daniel Zholdak

Eineinhalb Stunden Reiseschlaf: Dejan Lilic als Kris Kelvin und dessen jüngeres Ich Dario Eftimovski. Bild: Daniel Zholdak

Bild: Daniel Zholdak

Ein Bild wie aus Andrej Tarkowskis Solaris-Film: Dejan Lilic und Darja Rizova. Bild: Daniel Zholdak

Über weite Strecken und in vielen Szenen muss man Selbsttherapie vermuten. Gerade weil Solaris Seele und Selbsterkenntnis ist, fragt sich, was man dahinter erahnen soll, wenn die nunmehr Rheya genannte Harey ihren Mann nicht als Frau, sondern als kleines Mädchen verfolgt? Bei der Diminutivierung der Weiblichkeit von Darja Rizova bleibt es nicht, auch Kris Kelvin wird die ganze Zeit über von seinem inneren Kind begleitet, außerdem von einem bis zur Selbstaufgabe schrammelnden intergalaktischen Gitarrero. Und während man noch von Über-Ich zu Es taumelt, zwischen Livekamera und Fertigfilm schwankt, erscheint Gibarian als Hans Holbeins „Der Leichnam Christi im Grabe“. Und man weiß ja, was Dostojewski darüber sagte.

Entsprechend folgt nach der Pause, nun noch eine Stunde und der Zuschauerraum mittlerweile gut geleert, die moralphilosophische Coda in der elterlichen Holzhütte unter Zitierung Alfred Schnittkes. Man interpretiert, Kris Kelvin konnte sein Existenz-Dickicht gar nicht so ohne Weiteres Richtung unendlicher Weiten verlassen. Mutmaßlich weil das alles wirklich harte Hirnnüsse zum Knacken sind, ist bei den Darstellern reihum eine Handnussknackerzange im Dauereinsatz.

Ja, das alles lässt einen schon sprachlos zurück. Das mag zwar im Sinne der Aufführung sein, aber: Kann man die Menschheit bitte endlich vor Theatermachern bewahren, die einen bis zur Belanglosigkeit amputierten Stückstumpf auf die Bühne schleifen und dort den toten Torso stolz als Totem ihrer Genialität aufstellen, und alle sagen Oh! und Ah!, weil, wer blöd sagt, ist ätschibätsch kein Bildungsbürger? Bitte!

www.festwochen.at

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Wien, 11. 6. 2016

Wiener Festwochen: Идеальный муж / Ein idealer Gatte

Mai 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Populist liebt populären Popstar

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Eine Männerliebe fürs Leben: Igor Mirkurbanow als Lord und Alexej Krawtschenko als Minister Robert Ternow. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Als zur Mitte des Abends Schauspieler Sergej Tschonischwili unter Szenenapplaus als Dorian Gray auftritt und jede Ähnlichkeit mit dem amtierenden russischen Präsidenten natürlich ein Zufall sein muss, erklärt sich, warum gewisse Kräfte in Moskau versucht haben, diese Aufführung vom Spielplan zu verbannen. Nicht nur lässt er sein Bildnis von einer Figur namens „der letzte russische Intellektuelle“ malen.

Er schließt auch einen faustischen Pakt mit der Kirche, um es an seiner Stelle hässlich und alt werden zu lassen, und stülpt sich schließlich die Zarenkrone auf den Kopf. Tschonischwilis Fanpublikum tobt vor Lachen, es singt auch die angestimmten Schlagersongs und Volkslieder mit, oder johlt, wenn sich eine Protagonistin als Laura Palmer ausgibt. Der Gag entschlüsselt sich unser einem erst via Wladimir Kaminers Blog: Gorbatschow sah so gerne „Twin Peaks“ – vermutlich wegen des Nebels, der über der Geschichte wabert …

Schauspielchefin Marina Davydova beschert den diesjährigen Wiener Festwochen die Theatersensation der Saison: Sie lud Konstantin Bogomolov und das Tschechow Künstlertheater Moskau ins Museumsquartier, damit sie ihre Version von „Ein idealer Gatte“ zeigen. Bogomolov hat Oscar Wildes Text adaptiert, die betuchte britische Upperclass zur neureichen russischen Elite gemacht, und die demaskiert der Regisseur nun unter Zuhilfenahme von sehr viel Komödianten-Make-up. Wobei die Inszenierung nicht so skurril-spaßig ist, wie man es von deutschsprachigen des Stoffs kennt, vielmehr schwebt über allem die Schwere der russischen Seele, ein Hauch Moskauer Melancholie. Bogomolov legt eine Arbeit vor, die das Innerste nach außen kehrt, heißt in diesem Fall: Links auf Rechts dreht, da bleibt keine Paillette und keine Epaulette an ihrem Platz, da werden Scheinheiligkeit und Verlogenheit eines Systems und seiner Profiteure ausgestellt, politische wie religiöse Orthodoxie veralbert, dass es nur so kracht. „Ein idealer Gatte“-reloaded ist eine satirisch-trashige Enzyklopädie des modernen Russland, freilich, es dürfen sich auch anderswo neoliberalistische Antidemokraten angesprochen fühlen.

Und so ist es nur konsequent, dass die Dorian-Gray-Episode ähnlich Dostojewskis „Großinquisitor“ einen separaten zweiten Akt darstellt, geht es doch im Rundherum um dessen „Heftklammern“, ein Begriff, der, so lehrt der Programmzettel, im Putin’schen Neusprech jene High Society zusammenfasst, die sein Polit-Projekt zusammen- und die gemeinsamen Werte, Ideen und Überzeugungen hochhält. Bogomolov hat sein Publikum über ein soziales Netzwerk an der Entstehung des Stückes beteiligt, im Mittelpunkt der Handlung steht der für die Gummiproduktion des Landes zuständige Minister Robert Ternow, dessen Frau Gertruda selbstverständlich die wichtigste Gummiproduzentin des Landes ist, damit die Aufträge ja schön in der Familie bleiben. Robert, der diesbezüglich ideale Gatte, liebt aber fremd, und zwar den Schlagersänger Lord. Dem Populisten und dem populären Popstar muss eine Missis Cheavely in die Quere kommen, nur will sie diesmal groß ins Gummigeschäft einsteigen und den Vertrag dazu vom Minister mittels Sexvideo erpressen. Einen Mayble gibt es auch, Lord adoptiert den Jüngling aus einem von Frömmlern in Popengewändern betriebenen Waisenhaus, das offensichtlich ein Einkaufscenter für Pädophile ist.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Dorian Gray und ein Medienbildnis: Sergej Tschonischwili. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Da ist die Welt noch in Ordnung: Der Minister planscht in der Badewanne. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Für die russischen Theatergeher soll das alles üppig und neu gewesen sein. Gewohnt, hehre Texte auf hohem Niveau vorgetragen zu bekommen, und wie zu erwarten konnte sich Bogomolov eine kurze Persiflage auf dortige Theatergepflogenheiten nicht verkneifen, besah man in Moskau das intrigante Treiben um die Männerliebe erst mit einer gewissen Schreckstarre. Dabei dominiert für hierzulande fast Dezenz. „Stellen Sie sich das vor!“, befiehlt ein Insert an der Stelle, an der die Bühnenfiguren entsetzt das Video betrachten. Später lässt Lord Ternow einen Thermophor, auch genannt Bettwärmer, aufblasen, bis er platzt. Welch ein Bild! Und davon gibt es an diesem Abend etliche. Das Ensemble agiert auf höchstem Niveau. Allen voran Igor Mirkurbanow als Lord, der von Anfang an die Halle mit heißen Rhythmen rockt. Er gibt den Entertainer, den Großsprecher und Phrasendrescher von Kremls Gnaden, um gleich darauf in harte, zynische Selbstkritik zu verfallen, um gleich darauf ein zarter Liebender zu sein, der für das Glück des Geliebten sein eigenes opfert. Eine Stimme wie ein Reibeisen, eine Seele weich wie Paskha. Mirkurbanow ist wie ein Nowosibirsker Bill Nighy mit einem schwarzen Schwung Keith Richards um die Augen.

Seinen seit 15 Jahren geheimgehaltenen Gatten spielt Alexej Krawtschenko als nach außen hin sleekes Schlitzohr. Des Ministers Leidenschaft gehört außer Lord antiken Statuen und Schnee, davon weht es jede Menge die Nasen hoch, in Moskau sind die Winter kalt, lässt ein Lied wissen, und Gertrudas Geld. „Obwohl mein Glied manchmal abgleitet, gehört mein Herz meiner Frau“, versucht er Missis Cheavelys Enthüllungsandrohung kleinzureden. Wie man ihn aber dann via „Fernsehzuspielung“ dicke, bittere Tränen weinen sieht, als er seinen Mann und die Intrigantin am Traualtar erblickt, die Cheavely verlangt von Lord die Ehe im Gegenzug für die Aufgabe ihrer Pläne, das ist so anrührend, das geht so ans Herz, dass man beinah vergißt, dass hier keiner ein Guter und niemand bemitleidenswert und das alles ein Nonsense mit sehr viel Hintersinn ist. Darja Moros gestaltet die Gertruda als herrische, herrlich geldgeile Bissgurn, die ihre „kleinen usbekischen Sklaven“ scheucht und bei Einlangen von Geld auf ihrem Konto von Orgasmen geschüttelt wird. Damit ihr Finanzklimax kein Ende findet, muss der Minister an Ort und Stelle bleiben, und so stellt sie als vermutetes Pantscherl Missis Cheavely zur Rede. Ein köstlicher Schlagabtausch mit der unterkühlt agierenden Marina Sudina.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Missis Cheavely erpresst von Lord die Ehe, der leidet still: Igor Mirkurbanow mit Marina Sudina. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Garniert ist das Ganze mit großartigem Personal, etwa Pawel Tschinarew als Ferrari fahrenden Mayble, Alexander Semtschew als vaterlandstreuen Vater Lords, Maxim Matweew als diabolischen Priester, und Pawel Waschtschilin als schwulen Modeschöpfer. Der ist irgendwie auch Andrej Prosorow. Denn wie um zu verorten, dass der Ennui des Establishments, dessen Nichtstuer, Nichtsnutze und Tunichtgute kein neuzeitliches und bei weitem kein Insel-Phänomen sind, verknüpft Bogomolov Oscar Wilde mit dem russischen Bildungskanon. Puschkin wird bemüht, Turgenew und, wie könnte es anders sein?, Godfather Tschechow. Dessen „Drei Schwestern“ sitzen, in den Originalsätzen ihre Untätigkeit und ihre Sehnsucht nach einem arbeitsamen Leben gejammernd, in einer schicken Bar, tippen in Displays und lassen sich zwischendurch von Männern abschleppen. Und weil, wo Theatergiganten unter sich sind, Shakespeare keinesfalls fehlen darf, wird „Romeo und Julia“ zitiert.

Aber da ist alles schon zu Ende, Lord hat sich aus Liebeskummer erschossen, und auch der Minister greift zur Waffe, neben dem Leichnam des Vorausgegangenen die letzten Worte des Veroneser Adelsspross‘ rezitierend. Über den gläsernen Sarg der beiden fällt die russische Flagge. Kurze Kranzniederlegung. Aus. Jubel und Applaus. Das Publikum dankte ausgiebig für den gelungenen, fast vierstündigen Abend. Bogomolov hat eine Inszenierung gezeigt, die im besten Wilde’schen Sinne als witty zu bezeichnen ist – witzig, geistreich, originell. Er fordert auf zu mehr Aufmerksamkeit und weiterem Nachdenken, was gesellschaftspolitische Phänomene und ihre Auswüchse betrifft. Er macht es den Zuschauern nicht leicht, er verlangt ihre Mitarbeit, das zeigten schon die Pausengespräche, und das ist gut so. „Ein idealer Gatte“ ist eine perfekte Produktion. Mit allem Drum und allem Dran. Und als Zugabe gab’s, wie schön,  Wiens russische Gemeinde, die sich gar nicht genug über die Insiderjokes amüsieren konnte. Was einen selbst, siehe Kaminer, auch noch zum Nachforschen anregte.

Video – ein Premierenbericht des russischen Fernsehens: https://www.youtube.com/watch?v=iZD5ajqQDJs

www.festwochen.at

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Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 25. 5. 2016