Houchang Allahyari: Goli Jan. Ich darf kein Mädchen sein

September 8, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Neuer Spielfilm und Retrospektive zum 80. Geburtstag

Fatima Amiri als Goli Jan. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Nach seinen Dokumentarfilmen „Rote Rüben in Teheran“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727) und „Die Liebenden von Balutschistan“ kehrte Houchang Allahyari in den Iran zurück, um einen Spielfilm zu drehen, dem es an Aktualität wahrlich nicht mangelt. Geschildert wird die Geschichte von Goli Jan, einer jungen Frau, die – nachdem ihr Vater von den Taliban ermordet wurde und ihr Onkel sie an einen alten Mann zwangsverheiraten will –

gemeinsam mit dem Fahrradboten Jawad aus Afghanistan in den Iran flieht und sich als Junge verkleiden muss, um nicht aufzufallen. Stets in Angst vor der Rache des mächtigen Onkels, begegnen die beiden neben verschlagenen auch hilfsbereiten Zeitgenossen, die sie bei sich aufnehmen und ihnen die Chance für einen Neuanfang eröffnen. Der Film, der am 9. September im Metro Kinokulturhaus Premiere hat, ist eine mit sparsamen Mitteln hergestellte, aber umso persönlichere Auseinandersetzung mit den Themen weibliche Selbstbestimmung, männliche Dominanz, Solidarität, grenzübergreifende Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, mit einem Wort: ein echter Allahyari, und dies zu Zeiten da „Afghanistan“ vielen ein Reizwort ist.

Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit mit Allahyari-Sohn Tom Dariusz und der künstlerischen Leiterin des diverCITYLAB Asli Kişlal (www.divercitylab.at). Begleitet wird die Premiere von einer Retrospektive zum 80. Geburtstag von Houchang Allahyari. Und so beginnt die Story. Mit einer beklemmenden Stille über Ruinen, voller Staub über brachliegendem Land, und kein Lebensraum nirgendwo. Flüchtende Kinder, allesamt männlich, springen auf einen Pickup, von den – vor den jüngsten Entwicklungen – geschätzt drei Millionen illegaler afghanischer Flüchtlinge im Iran sind zahlreiche unbegleitete zwischen zehn und achtzehn Jahren. Lieferant Jawad fährt mit dem Fahrrad durch ein Geisterdorf, „keiner weiß noch, wer gegen wen kämpft“, sagt er, und sieht Goli Jans Vater Gashem mit den beiden Dorfcapos im Streit um die Wasserrechte für die Felder.

Die sind an der Macht. Ich habe mich arrangiert, um zu überleben“, wird ihn sein älterer, wohlhabender Bruder später schelten, doch da wird schon Gashems Leichnam nach Hause getragen. Die Dorfobersten, an denen Allahyari die brutale Willkürherrschaft der Taliban festmacht, deren Tyrannisieren der eigenen Leute, sind wieder dabei Jungen „einzusammeln“. Auch Jawad steht auf ihrer Liste, der schmiedet Pläne für die Flucht in den Iran. Der vor Begierde sabbernde Onkel will Gashems Witwe „aus Mitleid“ heiraten, „wenn ihr arbeiten geht, bringt ihr Schande über mich“, und auch Goli Jan an den Ehemann bringen.

Der betagte Bräutigam hat schließlich schon bezahlt, er reist an. Mit einem Schaf, ein paar Plastikblumen und seiner ersten Frau zur Begutachtung der alsbald zweiten. Es ist die Szene, in der Goli Jan mit dem Brennstoff, mit dem sie Feuer unterm Teekessel machen soll, sich selbst entzünden will, der ihre Mutter bewegt, das Mädchen Jawad anzuvertrauen. Verkleidet als „Cousin Assad“, verstaut im Kofferraum eines Schleppers.

„Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten. Flüchtlinge aus Afghanistan haben sie mir bei den Dreharbeiten von meinem Dokumentarfilm ,Rote Rüben in Teheran‘ erzählt“, erklärt Houchang Allahyari im Gespräch. Seine Protagonistinnen und Protagonisten hat der Filmemacher vor Ort gecastet: „Es sind alles Laien, außer der Darstellerin der Mutter von Goli Jan, Halimeh Nassim Amiri. Sie ist Radiosprecherin in einem afghanischen Sender in Iran, hat großes Interesse an Film und Kunst, und zeigte von Anfang an Verständnis für das Projekt. Ihre Tochter Fatima übernahm die Rolle von Goli Jan, obwohl das für afghanische Frauen verboten ist, und durch sie und ihre Mutter habe ich den Darsteller von Jawad, Nemat Amiri, gefunden.“

Derart entstand ein großartig empathischer, eindringlicher Film, Allahyaris erster im Iran gedrehter Spielfilm, freilich ohne offizielle Erlaubnis, doch mit Hilfe von Regisseur Babak Behdad, der sich um Drehgenehmigungen „für sich selber“ kümmerte und das Drehbuch in einen stimmigen afghanischen Dialekt übersetzte, und Allahyaris wie stets warmherziger Blick aufs Ensemble wird diesmal noch durch dessen Authentizität aufgewertet.

Halimeh Nassim Amiri (re.) . Bild: © Allahyari Filmproduktion

Mutter und Tochter. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Mit Nemat Amiri als Jawad. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Nemat Amiri und Fatima Amiri. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Allahyari: „Es gab zwar ein fertiges Drehbuch, aber ich habe es an Fatima und Nemat angeglichen. Wir mussten auch darauf Rücksicht nehmen, dass Fatima während der Dreharbeiten der Schule nicht fernbleiben konnte. Sie legt großen Wert auf Bildung, Nemat weniger. ,Wenn du schon keine Bücher liest, dann schau Fernsehen, damit du etwas lernst‘, hat sie zu ihm gesagt. Der Satz ist nun im Film. Es ist sehr viel von ihr eingeflossen, vor allem der Mut und die Kraft, mit denen sie sich Schwierigkeiten stellt.“

Über weite Strecken ist „Goli Jan“ ein Roadmovie. In langen, langsamen Einstellungen hält der in seiner Heimat hochgehandelte Kameramann Reza Teymouri die karge Landschaft fest, Einöde und Einheimische, Gesichter, in die sich ihr Schicksal eingegraben hat, ohne jemals in die Lokalkolorit-Falle zu tappen. Und je näher Goli Jan und Jawad Richtung Teheran kommen, umso mehr bangt man um eine Love Story zwischen den beiden (Spoiler: Man wird nicht enttäuscht werden und doch Houchang Allahyari das Ende seines Films niemals verzeihen).

Die Betreiberin einer Pension, auch dieser Kurzauftritt ein scharf gezeichneter Charakter, verdient sich ein Zubrot als Schmugglerin von Illegalen in die Hauptstadt, wo Jawad und „Assad“ Arbeit am Bau finden. Anrührend ist das, wie Gentleman Jawad die ihm Schutzbefohlene vorm gemeinsamen Waschen mit anderen Arbeitern rettet. „Es duschen immer zwei Mann, um Wasser zu sparen“, bescheidet ihm der anlassige Landsmann Vahid, der die Scharade längst durchschaut hat. In ihrer Not wendet sich Goli Jan an die Frau des Bauunternehmers, Neda Urudji und Mehdi Urudji als die guten Menschen von Teheran, die ihr einen Job als Hausmädchen gibt und sie für die Schule anmeldet.

Es kommt der Moment, da Jawad beinah schon den Arm um Goli Jan legt, sie prahlt mit ihrem Englischunterricht, er sagt den einzigen Satz, den er kann: I love you. Doch Vahid hat die jungen Liebenden an den tobenden Onkel verraten – und der rückt samt Gefolge an … Denkt man, mit welch großen Gesten und Tränendrück-Gefühlen an ein solches Thema herangegangen hätte werden können, beeindruckt Allahyaris Schlichtheit umso mehr. Reza Teymouri hat durchgehend mit Handkamera gearbeitet und „unbewegte Einstellungen nur mit einem Polster stabilisiert“, so Allahyari. „Goli Jan“ ist sein sanfter Appell, mitsammen daran mitzuwirken, dass Happy Endings möglich sind.

Doch apropos: Houchang Allahyari leistet sich einen Cameo-Auftritt als mehr oder minder er selbst, der in einem von Mehdis Häusern eine Wohnung bezieht. Als Goli Jan und Jawad als Putztrupp erscheinen und den Herrn Doktor nach dem Paradies Österreich fragen, kann der ihnen nur bedingt Hoffnungen machen. Wenn der Filmemacher über Rassismus, Ressentiments gegenüber Flüchtlingen, Ausländerfeindlichkeit und sein eigenes „Fremd-Sein“ referiert, ist das wie eine verbale Ohrfeige für die heimischen Verhältnisse (Allahyaris anderer Sohn Kurosch ist Obmann des Vereins Purple Sheep: www.purplesheep.at). Dennoch wird sich das Paar von der strapaziösen und gefährlichen Reise nicht abhalten lassen, wie zum Schluss ein Telefonat in Wien beweist …

„Goli Jan – Ich darf kein Mädchen sein“ ist dazu angetan, die via Medien gefilterten Nachrichten neu zu bewerten und den Begriff „Afghanistan“ neu zu denken. Nicht nur die radikalen Islamisten, ein gesuchter Terrorist als Innenminister, ein ehemaliger Guantanamo-Häftling als Chef des Geheimdienstes und die Scharia machen dieses Land aus, sondern auch die Zehntausenden, die stillschweigend leiden und dulden, weil Widerstand ohne Hilfe von außen zwecklos ist. Es sind Frauen, Männer, Alte und Kinder, die – um Shakespeare zu bemühen – wie wir bluten, wenn man sie sticht. Höchste Hochachtung vor den Frauen, die dieser Tage unter Lebensgefahr in Kabul für ihre Rechte demonstrieren!

Abschlussfrage an Houchang Allahyari: Wird „Goli-Jan – Ich darf kein Mädchen sein“ auch im Iran im Kino laufen?Nein, das ist in diesen Zeiten nicht möglich, da vor allem die Schauspielerinnen sehr gefährdet wären. Sie könnten von ihrer Familie verstoßen, sogar ermordet werden, da sie in ihren Augen Schande über sie bringen.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ij802VaOyU4          www.filmarchiv.at

Retrospektive

Anlässlich des Kinostarts von „Goli Jan“ und des 80. Geburtstags von Houchang Allahyari präsentiert das Filmarchiv Austria eine Auswahl seiner Arbeiten. Im Metro Kinokulturhaus wird eine umfangreiche Retrospektive parallel zum Kinostart von „Goli Jan“ anlaufen. Sie beginnt am 16.9. um 19 Uhr mit „Der letzte Tanz“ in Anwesenheit von Houchang Allahyari. Preview „Seven Stories about Love“ am Sa, 18.9. um 19 Uhr, anschließend um 21 Uhr noch „Rote Rüben in Teheran“ in Anwesenheit von Houchang Allahyari.

Geboren in Absurdistan, A 1999. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Die verrückte Welt der Ute Bock, A 2010. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Rote Rüben in Teheran, A 2016. Houchang Allahyari (M.) Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion

I love Vienna, A 1991. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Fleischwolf + Der mit dem gelben Pullover (17.9., 18 Uhr + 30.9., 19 Uhr)
Rote Rüben in Teheran (18.9., 21 Uhr + 24.9., 18 Uhr), Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727

I love Vienna (19.9., 19 Uhr + 26.9., 19 Uhr)
Höhenangst (19.9., 21 Uhr + 28.9., 18 Uhr)
Geboren in Absurdistan (20.9., 19 Uhr + 5.10., 20 Uhr)
Die verrückte Welt der Ute Bock (20.9., 21 Uhr + 7.10., 18 Uhr), Interview mit Houchang Allahyari: www.mottingers-meinung.at/?p=31182

Das persische Krokodil + I like to be in America + The Mozart Minute (22.9., 18 Uhr + 4.10., 20 Uhr)
Pasolini inszeniert seinen Tod + Die Wahrheit + Trotz alldem (29.9., 19 Uhr + 13.10., 18 Uhr)
Der Gast (24.9., 19 Uhr + 1.10., 21 Uhr)
Rocco (23.9., 19 Uhr)
Robert Tarantino (27.9., 19 Uhr), Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5512

Mehr Infos: www.mottingers-meinung.at/?p=44455           www.filmarchiv.at

  1. 9. 2021

Academy Awards Streaming: Neues aus der Welt

April 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paul Greengrass‘ Western ist nominiert für vier Oscars

Captain Jefferson Kyle Kidd will Johanna zu ihren Verwandten bringen: Tom Hanks und Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Zwar in keiner der Hauptkategorien, aber immerhin in vieren ist Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel nominiert. Am 25. April, bei den Academy Awards 2021, könnte es punkto Beste Kamera für Dariusz Wolski, Bestes Szenenbild für David Crank und Elizabeth Keenan, Beste Filmmusik für James Newton Howard und Bester Schnitt für Oliver Tarney und Team „and the Oscar goes to“ heißen. Hier noch mal die Filmkritik vom Februar 2021:

Die Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle verkünden

Eine Kinopremiere blieb Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ Corona-bedingt versagt, und so kam Netflix die Ehre zu, die Produktion der Universal Studios ins Programm zu nehmen. Oscar-Preisträger Tom Hanks und Helena Zengel, die bereits in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt mit ihrer schauspielerischen Stärke beeindruckte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792), fahren als Sezessionskriegsveteran und Waisenmädchen durch tief gespaltene Vereinigte Staaten.

Ein Western als Gegenwartskritik. Diesbezüglich angesprochen auf „Lügenpresse“ und Fake News, auf #BlackLivesMatter und Verschwörungstheorien, Stickwort: Mauer zu Mexiko, sagte ein schmunzelnder Greengrass zu deadline.com, er hätte den Roman von Paulette Jiles gelesen und seine „Wünschelrute“ habe eben reagiert. In seinem epischen Werk der wenigen Worte schickt er Tom Hank als ehemaligen Südstaaten-Helden auf ein Himmelfahrtskommando; dies das Bild, das dieses Roadmovie bestimmt:

Mitten im Post-Bürgerkriegs-Purgatorium steht Jefferson Kyle Kidd im Wortsinn mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem volltrunkenen Lynchmob verrohter Büffelschlächter, Mexikaner-Mörder, Schwarzen-Killer und Indianer-Hasser. In den Augen der Männer kocht heiß die durch das Unionsheer erlittene Schmach, die Demütigung durch den Norden, als wär’s nicht schon fünf Jahre her und immer noch hat der Feind in der Heimat das Sagen, ein wahrer Hexersabbat, ein Teufelstanz ist in Erath County zugange.

Herr und Meister über dies gesetzlose Niemandsland ist ein diabolischer Uncle Sam namens Mr. Farley, Darsteller ist Thomas Frances Murphy, der seine „Familie“ mit eiserner Faust befehligt, und damit dies auch so bleibt Kidd und Johanna mit gezogener Waffe in seine Stadt bittet … Johanna? Ah ja! Zurück auf Anfang: Als gewesener Konföderierten-Captain Jefferson Kyle Kidd kutschiert Tom Hanks im Jahr 1870 kreuz und quer durch Texas, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Unterhaltsames, Wundersames, Grausames aus den aktuellen Zeitungen vorliest – im Schummerlicht der Gaslaterne und mit Vergrößerungsaugenglas fürs Kleingedruckte.

Er berichtet vom Eisenbahnbau, von tödlichen Epidemien und Abenteuern aus fernen Welten, für sein leseunkundiges Publikum meist hochdramatisch aufbereitet – und mit Cheers! und Boohs! und „Texas first!“ bedankt, letzterer ein Ruf, bei dem die Yankee-Soldaten am Eingang in Habtachstellung gehen. Kidd bringt den Bildungsfernen im Wilden Westen laut Titel „Neues aus der Welt“, Infotainment für einen Dime, Nachrichten von jenseits des Horizonts samt den „Federal News“, die hier keiner hören mag, die Forderung von Präsident Ulysses S. Grant, in Texas endlich die Sklaverei abzuschaffen, heißt: die Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ein Muss, damit die Region wieder Teil der Union und ein Bundesstaat werden kann.

Captain Kid und Johanna wehren sich … Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

… gegen Almays Männer: Michael Angelo Covino. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Leonberger: Neil Sandilands und Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschiedsschmerz: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da, eines Tages auf dem Weg, ein umgestürzter Wagen, ein erhängter Schwarzer, der wohl auf Beamte der Indianerbehörde hoffte, aber offensichtlich Gegnern der Sklavenbefreiung in die Hände fiel, an die Brust geheftet ein Zettel: „Texas sagt Nein! Das ist das Land der Weißen“, und ein blondes Mädchen, gekleidet wie eine Indianerin, die Kidds Fragen in schlechtem Deutsch oder perfektem Kiowa beantwortet.

Zikade nennt sich die Kleine, als die Helena Zengel den großen Tom Hanks ziemlich an die Wand spielt, und einem Schreiben entnimmt er, dass „Johanna Leonberger“, deren deutschstämmige Siedler-Eltern vor Jahren von den Kiowa abgeschlachtet und sie als Kleinkind vom Stamm entführt worden waren, zu Verwandten nach Castroville gebracht werden soll. Die Aufmerksamkeit des internationalen Filmbusiness‘ ist der Zwölfjährigen mit diesem Auftritt als Findelkind gewiss. Zengel schlüpft in die Rolle der doppelt verwaisten, denn nun haben die Weißen ihre Kiowa-Eltern getötet, der Sprachbarrieren wegen fast stummen Johanna wie diese in ihr Lederkleid.

In den Augen den wissenden Blick einer jahrhundertealten Weltenkenntnis, das Temperament, die Temperatur wechselnd von Verletzlichkeit zu Verzweiflung, von Sturheit zu Trotz zu einer stolzen Eiseskälte, mit der die junge Frau der First Nation die Errungenschaften der Neuen Nation ablehnt, Rüschenkleidchen, Essbesteck etc., derart ist Zengel die Sensation des Films. Greengrass braucht Johannes Story nicht in Flashbacks erzählen, er erzählt sie einzig und allein über Helena Zengels Gesicht.

Welch ein Sittenbild. Rebellen unterm Blood-Stained Banner auf Kriegspfad gegen die Washingtoner Gesetzeshüter – das Hinterland, durch das Kidd zieht, fühlt sich damals wie heute vom Kapitol verraten -, die Native Americans bis zur Grenze des Genozids verfolgt, eine Besatzungsarmee, der alles egal ist, solang der Eisenbahnbau voranschreitet, eine verheerte, verkehrte Welt – und zwischendrin Tom Hanks‘ Kidd, der wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt.

Denn niemand will die „Wilde“, keiner fühlt sich zuständig. Bei diesem selbstbestimmten, aufmüpfigen Kind endet die christliche Nächstenliebe. Kidd und Johanna, die keiner der sich hysterisch befehdenden Gruppen zugehören, mussten im Lone Star State zueinanderfinden, ihre Annäherung erfolgt in der Einsamkeit der weiten Prärie, womit „Neues aus der Welt“ alle Westernelemente hat, die’s braucht. Er lehrt sie „Zivilisation“, sie bringt ihm die Natur in ihrer Ganzheit und deren Schützenswürdigkeit nahe.

Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Hanks wirft sein komplettes Guter-Kerl-Sein in die Waagschale, wie ein Prediger verkündet Vorleser Kidd Greengrass‘ Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle: Nur wenn alle bereit sind, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, kann Frieden entstehen. Allein Humanität und Respekt vor allem Lebendigen – und das inkludiert Mutter Erde – machen aus den Schlacht- wieder Erntefelder. Schade, dass diverse FilmkritikerInnen diesen Gedanken alsbald als „totgeritten“ empfanden.

Greengrass bedient sich gleichnishafter Szenen: In Dallas, wo man erfährt, dass Witwer Kidd durchaus kein Heiliger ist, da er in Saloonbesitzerin Miss Gannett, Elizabeth Marvel, eine Bettgenossin hat, will ihm der Schurke Almay mit seinen Kumpanen, schön sinister: Michael Angelo Covino mit Clay James und Cash Lilley, Johanna für 50 Dollar abkaufen. Die Kunde von der verwaisten „Rothaut“ aus Wichita Falls hat bereits die Runde gemacht, die Männer wollen sich mit einem exotischen Spielzeug vergnügen, erst „die Blauen“ beenden die Schlägerei.

Dass Almay blutige Rache schwört, führt zu einer der wohldosierten Actionszenen im Film, ein Shootout, bei dem sich Johanna als erfahrene Kämpferin erweist. Die Bildmacht, mit der Kameramann Dariusz Wolski zu überwältigen weiß, ist überbordend. Vom Himmel her fängt er entgrenzende Panoramen ein, Landschaftsgemälde von einem Viehtrieb oder einem Planwagentreck, alle unterwegs dorthin, wo das Gras grüner sein soll. Wolski drückt sich im Halbdunkel an Türöffnungen mit freiem Blick auf Liebeslager vorbei, er rast mit einer sich überschlagenden Kutsche den Berg hinunter und duckt sich bei Schusswechseln hinter Felsen.

„Neues aus der Welt“ ist ein Kinostart von Herzen zu wünschen, auf der großen Leinwand wird das alles besser zur Geltung kommen: die Verfolgungsjagd durch die potenziellen Kidnapper Johannas, die Schießerei und die Prügelei. Das macht Tempo, bevor sich Raum und Zeit auf dem Marsch unter gleißender Sonne wieder zerdehnen. Wie ein Geistbild wirkt Johannas Gang ins Haus der Toten; Kidd und sie finden eine zerstörte Kiowa-Siedlung; Johanna entdeckt in Chaos und Gerümpel eine Strohpuppe und behält sie. Nur wer sich erinnert, kann nach vorne blicken, sagt sie im Kiowa-Englisch-Deutsch-Gemisch, das ihre gemeinsame Sprache mit Kidd wird.

Im beredten Schweigen finden sich Kidd und Kind. Nur einmal verlieren sie einander, in einem Sandsturm, der auf zauberische Art und Weise einen Indianerstamm auf dem Zug in die Reservate materialisiert, Schemen von zermürbten Gesichtern und zerlumpten Gestalten – und wieder verweht. Noch ein Geistbild, und kein stolzer Krieger, nirgendwo. Message kann Greengrass auch in der eingangs beschriebenen Farley-Szene. Der Clan-Chef will Kidd als Propagandist seiner zu Heldentaten stilisierten Gräueltaten missbrauchen.

Der Indianerbeamte als Opfer eines Lynchmob. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Im Wagentreck: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Metropole Dallas anno 1870. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Umzingelt von Mr. Farleys „Familie“. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Doch statt aus Farleys County-Postille vorzulesen, beginnt Kidd mit einer Parabel aus Pennsylvania. Dort hätten sich nach einem schweren Minenunglück einige wenige der lebendig Begrabenen aus der Tiefe ans Licht, in die Freiheit gekämpft, worauf die Kohlekumpel gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, ja, sogar eine Gewerkschaft gründeten! Was Wunder, dass Mr. Farley sich alsbald mit einem Aufstand in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Kurioser lässt sich das „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ kaum illustrieren.

Bleibt: Castroville, wo Kidd Johanna den seltsamen, bigotten Onkel und Tante Wilhelm und Anna Leonberger, Neil Sandilands und Winsome Brown, aushändigt [um ein Haar hätte man geschrieben: ausliefert]. Sie mögen das traumatisierte Kind, das Menschlichkeit und Wärme braucht, in seinem Wissensdrang befördern und ihm Bücher geben, empfiehlt Kidd. „Sie muss arbeiten“, befindet der Onkel, und da das nicht funktioniert und sie immer wieder wegläuft, wird Johanna wie ein Tier mit einem Strick an einen Pfosten gebunden. Zum Glück kommen Kidd, der seit Tagen unterwegs nach San Antonio ist, Zweifel, ob seine Entscheidung Johanna den Leonbergers zu überlassen richtig war. Die wilde Waise hat sein vom Krieg gebrochenes Herz kuriert …

Mit „Neues aus der Welt“ ist der Zuschauer, die Zuschauerin unterwegs in einer Welt der Weißen, und es wird an keiner Stelle so getan, als hätten die Vertriebenen oder eben noch Versklavten schon Anspruch auf einen Platz darin bekommen. Präsent sind sie dennoch, die Schuld steht verdrängt im Raum. Das Elend der vermeintlich Privilegierten allerdings auch. Nur schlimmste Verbrecher, wie Almay und Mr. Farley, sind von Grund auf böse, allen anderen gewährt Greengrass eine zweite Chance.

Trotz Zeitbezug vermeidet „Neues aus der Welt“ tagesaktuelle Predigten und lässt stattdessen lieber Tom Hanks seine ganze Gravitas in der ersten (!) Wildwest-Variante seines Good American ausspielen. „Ich verstehe euch ja“, sagt der vernunftbegabte Kidd zu seinen Zuhörern, „wir alle leiden“, doch es könne nicht länger um den Nord-Süd-Konflikt gehen, man müsse endlich eins werden. Dass Kidd nach 1865 auf der Verliererseite und nicht auf der der Gewinner steht, ist ein Kunstgriff von Autorin Jiles, den Hanks mit breitgekautem Texas-Idiom zu bedienen weiß.

Zu Helena Zengel entwickelt der Hollywood-Star eine natürlich wirkende distanzierte Nähe, die den Film mühelos über zwei Stunden trägt. Des alten weißen Mannes und des sich indigen fühlenden Mädchens vorsichtige, versöhnliche Annäherung und ihre stoisch-melancholische Heilsgeschichte ist genau der Western, den die Welt gerade braucht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs           www.youtube.com/watch?v=ZfrO7za1MBY           www.netflix.com

BUCHTIPP:

Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“: Die Bürgerkriegssoldaten Thomas McNulty und sein Geliebter John Cole adoptieren die Indianerwaise Winona – und finden in all dem Horror ein stilles Glück (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215); in der Fortsetzung leben sie glücklich auf einer Tabakfarm in Tennessee – doch alte Feinde lassen nicht lange auf sich warten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42818).

7. 4. 2021

Wiener Festwochen: Látszatélet / Scheinleben

Mai 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kornél Mundruczós hyperrealistisches Meisterwerk

Szilveszter trifft auf Jónás: Zsombor Jéger und Dáriusz Kozma. Bild: Marcell Rév

In der Wohnung der Mütter trifft Szilveszter auf Jónás: Zsombor Jéger (re.), Dáriusz Kozma und ein Samuraischwert auf dem Tisch. Bild: Marcell Rév

Kornél Mundruczó und sein Proton Theatre aus Budapest sind wieder Gast der Wiener Festwochen; im Museums- quartier brachten sie ihre jüngste Arbeit „Látszatélet/ Scheinleben“ zur Uraufführung. Vorstellungen gibt es bis 24. Mai, Karten auch noch, und dies ist eine absolute Empfehlung. Mundruczós Kinobühnenschau weist ihn einmal mehr als meisterlichen sowohl Theater- als auch Filmregisseur aus, doch ist diese Inszenierung stiller, subtiler als andere, die das Publikum von ihm kennt.

Was der Wirkung keinen Abbruch tut, im Gegenteil. In einen Kubus hat Bühnenbildner Márton Ágh eine verwahrloste Wohnung, eine hyperrealistisch abgehauste Puppenstube hineingebaut, ein Zimmerküchekabinett auf engstem Raum. Der Kubus ist beweglich, er wird sich einmal um die eigene Achse drehen, dies die stärkste, eindrücklichste, gewalttätigste Szene des Abends, und eine ohne Schauspieler, Tisch und Sessel und Sofakissen, Wäscheständer und Waschmaschine fliegen durch die Luft. Das angesammelte Leben eines Menschen verwandelt sich in einen Schutthaufen, durch eine Wendung der Geschichte. Was mehr lässt sich sagen über eine gesellschaftliche Schieflage, über Umstürze, die eine Existenz ins Chaos werfen? Mehr „politisches Statement“ geht nicht.

Cigànykerék heißt Purzelbaum, und Mundruczó erzählt über die ungarischen Cigán, die Minderheit der Roma, völkisches Feindbild nicht erst seit dem Aufstehen der Jobbik Partei. Einen ihrer Politiker, Péter Jakab, lässt Mundruczó sogar im von Kata Wéber verfassten Text vorkommen. In einem Interview mit dem Landser sprach sich Jakab, 2014 Oberbürgermeisterkandidat in der Industriestadt Miskolc, für die Auflösung des dortigen „Zigeunerghettos“ aus. Frau Lőrinc Ruszó, eine der Protagonistinnen in „Látszatélet“ soll zwangsdelogiert und umgesiedelt werden, dies und die Erinnerung an frühere Tage, an die Zeit der Zwangswaschungen, rauben ihr die Luft, ihr wird übel, die Rettung gerufen. Die Frau am Funk sagt lapidar: „In diese Siedlung fahren keine Krankentransporte. Wenn wir in Fällen wie dem auch noch helfen, würde das ungarische Volk untergehen.“

Die große Schauspielerin Lili Monori verleiht sich an die Figur Lőrinc Ruszó, zwanzig Minuten ist ihr Gesicht zu Beginn überlebensgroß auf einer Leinwand zu sehen. Wie sie mit dem Mietzinseintreiber (großartig: Roland Rába als fleischgewordenes, letztlich allzumenschliches Inkassobüro) um ihr Hab und Gut verhandelt, wütend ist und weinerlich und wie sie schließlich, als sich der Stoff hebt, doch weg muss! Ihr Mann ist tot, ihr Sohn hat sie verlassen. Sein Schicksal, ein Kampf um Identität und Zugehörigkeit, wird sich in Zuspielungen erklären, bis auch er aus dem Film in die Bühnenwirklichkeit tritt. Die Wohnung wird wieder vergeben, diesmal an Annamária Láng als junge Veronika, die ihr Kind verleugnet, um überhaupt einziehen zu dürfen. Kindersegen sei das große Druckmittel der Minderheiten, meint nämlich der Vermieter. Doch sie holt ihren Buben nach, und in einer letzten Szene stehen sich der blondgeborene Jónás und der blond gefärbte Szilveszter gegenüber, in einem Reminiszenzmix aus „Poltergeist“ und „Shining“, teilweise projiziert auf Sprühnebel, der eine wie die albtraumhaft ältere Ausgabe des anderen. Jónás wird dystopisch-mutmaßlich noch dorthin kommen, wo Szilveszter schon ist, und ein Samuraischwert wird zwischen ihnen liegen …

Die mittellose Veronika in ihrer neuen Behausung: Annamária Láng. Bild: Marcell Rév

Für diese abgehauste Behausung verleugnet die mittellose Veronika sogar ihren Sohn: Annamária Láng. Bild: Marcell Rév

Der Mieteneintreiber ist auch nur ein Mensch: Roland Rába. Bild: Marcell Rév

Der Mieteneintreiber ist auch nur ein Mensch: Roland Rába als fleischgewordenes Inkassobüro. Bild: Marcell Rév

Nur eine Handvoll Charaktere und nur 100 Minuten braucht Mundruczó, um dieses Szenario zu entwerfen, dass er freilich vom ungarischen ins universellere hebt. Die Themen Gentrifizierung und Gewalt an Frauen, Rechtsradikalismus und Rassismus werden stringent anhand zweier Familiengeschicke abgehandelt, ohne dass die Handlung ins Uferlose zerfasert. Mundruczó zeigt auf, er erklärt nicht, er muss nichts durchdeklinieren, um seine Anordnung der Macht- und Ohnmachtsverhältnissen verständlich zu machen.

Er kann den Finger in die Wunde einer zynischen, entsolidarisierten Gesellschaft legen, ohne oberlehrerhaft mit ihm zu fuchteln. Er stellt ein ganzes System bloß, indem er es bloß ausstellt. Das mitunter in kleinsten Details: Auf einem Plattencover etwa steht „1928“, das ist das Jahr, in dem Ungarn die  „Registrierung der Wanderzigeuner“ einführte, bei gleichzeitigen Razzien in mehreren Komitaten, und Österreich die „Zigeunerkartothek“, die kriminalpolizeiliche und „rassenkundliche“ Erfassung der Roma, eine praktische Vorbereitung der später folgenden nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

„Látszatélet“ fußt auf einer wahren Begebenheit. Im Mai 2005 wurde in Budapest ein junger Rom mit einem Samuraischwert attackiert und schwer verletzt. Die Medien berichteten ausführlich über dieses rassistisch motivierte Gewaltverbrechen, Menschenrechtsorganisationen organisierten Demonstrationen gegen Rechts. Die Polizei aber fand den Täter, und er war ebenfalls ein Rom. Mit hellerer Hautfarbe geboren, als seine Geschwister, nunmehr Mitglied einer traditionalistischen, rechtsextremen Gruppierung. Wie weit muss der Selbsthass gehen, damit man einen anderen so sehr hassen muss? Im Stück/Film lässt Mundruczó seinen von Zsombor Jéger dargestellten Szilveszter in Bleichmittel baden. Doch das Scheinleben löst sich auf. Und die Kluft klafft immer weiter auseinander.

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 23. 5. 2016