Werk X: Harald Posch im Gespräch über „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Februar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hetz-Maschinen gibt es in Österreich derzeit drei“

Die Boulevardpresse bedrängt Katharina Blum: Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Bild: © Alexander Gotter

Im Werk X stellt Harald Posch, gemeinsam mit Ali M. Abdullah künstlerischer Leiter des Hauses, Heinrich Bölls 1974 erschienene Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne. Der Text beschreibt, wie eine bisher unbescholtene Frau wegen eines One-Night-Stands mit einem mutmaßlichen Straftäter Opfer der menschenverachtenden Berichterstattung der Boulvardpresse wird – bis sie schließlich tatsächlich eine Wahnsinnstat begeht.

Poschs Inszenierung dieses „Pamphlets“, wie der Autor selbst es nannte, soll beleuchten, wie Sensationsjournalismus wirkt und wie die Wahrheit in der „Post-Truth“-Ära immer wieder unter die Räder gerät – auch, weil sie weder in den Medien noch in der Politik ernsthafte Verteidiger mehr hat. Es spielen Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Premiere ist am 21. Februar. Harald Posch im Gespräch:

MM: Die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat einen zweiten Titel, der lautet „Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“. Was hat Sie jetzt angesprochen, auf diesen Text zurückzugreifen?

Harald Posch: Böll beschreibt eine mediale Hysterisierung, einen Übergriff durch Boulevardmedien. Er macht das aufgrund eines Einzelschicksals, aber im Prinzip stand auch damals in den 1970er-Jahren, zu Beginn der RAF-Zeit in Deutschland, klare Meinungsmache dahinter, die politische Ziele verfolgt hat. Diesbezüglich ist die Parallele zur Gegenwart sofort da, nämlich so etwas wie eine gesellschaftliche Außenfeindbestimmung. So wie damals die Linke dazu benutzt wurde, viel mehr daraus zu machen, als tatsächlich da war, wird das heute – Stichwort Migrationsdebatte – gemacht. Und der Boulevard setzt sich da natürlich genüsslich drauf, um die Diskussion am Dampfen zu halten und voran zu treiben. Und in diesem Vakuum lässt sich gut Politik machen, da spaltet man die Gesellschaft schön und trifft im Hintergrund politische Entscheidungen, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Das hat mich an der „Katharina Blum“ sehr interessiert.

MM: Böll selbst ist sehr angegriffen worden, weil er einen Essay über Ulrike Meinhof geschrieben hat. Man hat ihm Sympathien für die RAF unterstellt. Die Zeitung, gegen die er sich gewandt hat, gibt es immer noch. Kann man gegen Medien überhaupt etwas bewirken?

Posch: Der Springer-Verlag, den er im Speziellen aufs Korn genommen hat, ist nach wie vor sehr mächtig, auch hierzulande. Aber das war ja einer der Gründe, warum Böll die „Katharina Blum“ geschrieben hat, damit er an die Öffentlichkeit gehen kann, der „Krieg“ ist dadurch ja sehr intensiv geworden. Böll war sehr erfolgreich, hat sechs Millionen Exemplare verkauft, worauf der Springer-Verlag in den eigenen Zeitungen die Bestseller-Listen nicht mehr veröffentlicht hat, da ist also viel in Bewegung geraten. Aber natürlich ist die Macht des Boulevards ungebrochen, und man weiß das auch. Der letzte, der versucht hat, dagegen oder nicht ganz im Einklang mit ihm zu marschieren, war der vergangene österreichische Bundeskanzler, der mit seinem Amt dafür gebüßt hat.

MM: Wobei man hierzulande das Gefühl hat, dass sich der Boulevard in zwei politische Lager spaltet: für Türkis-Blau und dagegen.

Posch: Das wäre fast etwas, das zu wünschen wäre, aber Boulevard arbeitet immer opportun, mit Sensationsjournalismus, mit Unwahrheiten, mit aufgeblasenen Nebensächlichkeiten vor allem, mit Gewaltdarstellung und Sexismus. Wenn dagegen was tun, dann so wie Katharina Blum auf die exakte Bedeutung jedes einzelnen Wortes Wert legen. Sie streitet in der Einvernahme mit der Polizei darüber, ob jemand zudringlich oder zärtlich wurde, weil Zudringlichkeit etwas nicht Einvernehmliches ist, Zärtlichkeit schon, et cetera. Immer wieder beharrt sie darauf, dass etwas nicht ausdifferenziert dargestellt ist.

MM: Das heißt, sie beharrt auf Sprachgenauigkeit.

Posch: Auf Darstellungsgenauigkeit, auf Fakten. Nicht so, wie Herr Gudenus unlängst gepostet hat, Migranten schleppten die Krätze ein. Es ist so unfassbar, in jedem anderen europäischen Land wäre er rücktrittsreif, bei uns tritt nicht einmal jemand in die Nähe eines Rücktritts. Oder Herbert Kickl, der sich hält, weil er der Rechtsintellektuelle, der Stratege in der Partei ist. Ohne ihn wäre die FPÖ nicht halb so weit, wie sie heute ist.

MM: Um den Text zum Kern zu bringen: Katharina Blum hat einen One-Night-Stand. Sie nimmt einen Mann mit, der sich im Nachhinein als zwielichtig zeigt. Wie ist das genau?

Posch: Genau, sie lernt jemanden kennen, ist aber in Wahrheit eine sehr auf sich selbst bedachte, in sich gekehrte Frau. Am nächsten Morgen stürmt die Polizei ihre Wohnung, sie sagt, sie weiß nicht, wohin der Mann gegangen ist, und man eröffnet ihr, dass er staatspolizeilich gesucht wird, weil man ihm ein zunächst ein nicht näher benanntes Verbrechen anhängt, und er sogar in Verdacht gerät, ein politisches Verbrechen geplant zu haben, Waffendiebstahl, Mord und so weiter. Alles im Rahmen der medial geschürten RAF-Hysterie. Blum wird einvernommen, man drängt sie immer mehr in die Ecke, weil man ihr nicht glaubt, dass sie den vorher wirklich nicht gekannt, mit ihm nichts Konspiratives aufgebaut hat, und plötzlich dringen die Informationen, die nur die Polizei haben sollte, an die Medien.

MM: Die was tun?

Posch: Die wiederum veröffentlichen, bauschen immer mehr Halbwahrheiten auf, skandalisieren sie als Person bis zum „Verbrecherflittchen“. Die Journalisten gehen zu Blums Mutter ins Krankenhaus, zu ihrem Arbeitgeber, holen sich von überall Informationen, alle in der Richtung, in die sie sie brauchen, veröffentlichen Fotos, wie man sie in der Früh abführt, wie man das klassisch kennt, bis sie so bedrängt wird, dass sie beschließt, den Journalisten, der die Geschehnisse hauptverantwortlich trägt, zu erschießen. Was sie auch tut, und das ist natürlich ein Skandal, weil Journalistenmord per se eine No-Go-Area und zu Recht ein totales Tabu ist. Da spielt Böll mit Moral auf zwei Seiten, deshalb ist der Untertitel „Wie Gewalt entsteht“ so wichtig. Aus Gewalt entsteht wieder Gewalt.

MM: Die Statistik besagt, 2018 sind 64 Journalisten und 13 Blogger ermordet worden.

Posch: Und diese Taten rücken in unmittelbare Nachbarschaft, siehe Slowakei, wo Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová erschossen wurden, den haben wir sogar im Stück drin, auch die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia …

MM: … Ján Kuciak, das muss man dazu sagen, der zuvor vom deswegen später zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet wurde.

Posch: Aufgrund seiner Korruptionsrecherchen und weil der der ganzen Regierung Mafia-Kontakte nachweisen konnte. Da ist, dass Fico gehen musste nicht viel, da hätte sich die ganze Regierung verabschieden müssen. Galizia war an den Panama Papers dran und hat Verbindungen zur maltesischen Regierung nachgewiesen. Das Interessante ist, ohne dass ich zu viel über die Premiere verraten möchte, dass alle diese Journalisten keine Boulevardjournalisten waren, sie standen alle nicht für eine rechte publizierende Seite. Das waren Aufklärungsjournalisten, seriöse Investigativjournalisten, und das ist unfassbar, das muss statistisch festgehalten werden.

MM: Sie nennen Ihre Inszenierung ein Stück aus der Post-Truth-Ära. Was meinen Sie damit?

Posch: Die Post-Truth-Ära ist angeblich erst mit Trump großgeworden, und bedeutet, dass die Politik medial bewusst mit der Unwahrheit arbeitet, um eine Gesellschaft restaurativ zurück zu entwickeln. Das hat viele reaktionäre Ausformungen, dazu kommen im Gegensatz zu Bölls Zeiten die sozialen Medien, und was da anvisiert passiert, siehe Cambridge Analytica, Bot-Armeen, ist kaum fassbar. So gesehen sollte, den Wahrheitsgehalt einer Meldung zu überprüfen, mittlerweile oberstes Gebot von jedermann und jederfrau sein, und wenn’s die letzte Facebook-Meldung ist, die man bekommt.

MM: Aber wie einfach ist das noch? Gerade von den sozialen Medien wird ja sehr richtig gesagt, dass sich jeder in seiner Blase bewegt. Wie kann ich da noch eine Meldung überprüfen?

Posch: Sucht man die Fake News, ist der Prozess sicher ein schwieriger. Wenn man aber jemand ist, der seriös informiert sein möchte, hat man doch die Möglichkeit, verschiedene Printmedien herzunehmen und zu schauen, kann das stimmen oder nicht. Man muss Quellen auf ihr Vertraulichkeit checken, wofür sich allerdings viele Leute leider die Zeit nicht nehmen.

MM: Das Phänomen ist älter als „Katharina Blum“. Hannah Arendt hat schon von den Wahrlügen gesprochen. Ist die einfache Botschaft tatsächlich immer die glaubhafte?

Posch: Ja, weil sie auch einfache Antworten oder Lösungen anbietet. Die Gesellschaft ist unglaublich komplex geworden, wir haben mit der Digitalisierung zu kämpfen, wir haben ökologisch zu kämpfen, haben mit einer wahnsinnigen Diversifizierung zu kämpfen. Das ist das Problem der linken Erzählung, dass es keine homogenen gesellschaftlichen Gruppen mehr gibt. Es gibt „die Arbeiterschaft“ nicht mehr – „das Volk“ hat es sowieso nie gegeben. Heute muss man jeden aus seiner individuellen Ecke abholen. Vieles wird den Leuten heute zu komplex, da greifen sie auf einfache Antworten zurück, und diese Vereinfachung ist natürlich politisch in jede Richtung brandgefährlich. Ein Thema, das wir auch in den Abend hineinschleifen ist, dass es am Ende gar keine Debatte um Links- und Rechtsschemata ist, was auch die Rechten gern ins Spiel bringen, indem sie die politische Mitte als links diffamieren, damit sie selber in die Mitte rutschen, doch das ist es nicht.

MM: Sondern?

Posch: Wir leben im Westen in einer neoliberalen Zeit. Dieser Neoliberalismus hat eine vollkommene Entgrenzung durchgesetzt, die keine sozialen Spielregeln in der Ökonomie mehr zulässt, was wahnsinnig viele Gruppen der Gesellschaft wirtschaftlich an den Rand gedrängt, eine neue Armut geschaffen hat, Menschen, die nicht mehr am Bildungs- oder am Gesundheitswesen partizipieren können. Und die werden nicht gehört, die haben keine politische Stimme. Und dann kommen die, die sagen: So wird’s funktionieren Leute, und denen wird geglaubt.

MM: Siehe der sogenannte Rust Belt in den USA, dessen Bewohner von den Ostküstenmedien immer nur als Hinterwäldler abgetan wurden, und der sehr stark Trump gewählt hat? Im Irrglauben, dass ein Superwirtschaftsboss ihre Stimmen vertreten wird?

Posch: Das ist das Schlimme an der Demagogie überhaupt, dass der Demagoge kein soziales Versprechen mehr abgibt. Er sagt, ich kann euch nicht versprechen, dass es euch besser gehen wird, wenn ihr mich wählt, dass wir dann genug für alle haben, aber wir werden dem anderen Hund den Knochen aus dem Maul reißen und wir werden ihn selbst fressen. Dass es dabei Kollateralschäden gibt, das wird immer sein, aber was da ist, das teilen wir uns unter einander, und die anderen bekommen nichts. Das ist so ein einfaches Bild, so schlüssig, und macht diesen großen Unterschied zwischen Demagogen und Demokraten, deshalb sind erstere nie, auch wenn sie sich nach dem National- das -Sozialistisch dazuschreiben, die Stimme des Volkes.

MM: Das Verbreiten von Fake News werfen heutzutage Politiker, die ihrerseits mit alternativen Fakten arbeiten, seriösen Medien vor. Warum funktioniert aus diesen Kreisen die Opferhaltung?

Posch: Weil die Leute, die sie vorgeben zu vertreten, tatsächlich Opfer sind. Nicht Opfer der seriösen Medien, sondern eben des neoliberalen Systems, das auf solche Leute pfeift, sie ausbeutet und wegschmeißt, wenn sie nicht mehr zu gebrauchen sind. Diese Menschen wissen und fühlen, was es heißt, Opfer zu sein, und wenn da einer hingeht und irgendeinen Schuldigen findet, das meinte ich vorhin mit Außenfeindbestimmung, einen der sagt, die Flüchtlinge sind schuld und die seriösen Medien sind schuld und die Linken sind schuld, dann wird das so angenommen. Wenn man einem weißen, 45-jährigen Arbeiter in Detroit sagt, er muss jetzt ein Binnen-I schreiben und seiner Homophobie abschwören, dann hat der deutlich ein paar andere Sorgen. Und dann kommt einer und sagt, diese Linken haben nichts anderes zu tun, als dich damit zu quälen, und zack, schon springt der an. Das ist der emotionale Brückenschlag.

MM: Wenn ich’s vorhin richtig verstanden habe, ziehen Sie Ihre Arbeit vom Jahr 1974 ins Heute herüber?

Posch: Natürlich, warum macht man „Katharina Blum“ sonst im Jahr 2019? Ich habe den Text radikaler gemacht, aber es sind ohnedies genug Parallelen da. Böll schreibt über „die ZEITUNG“ als Medienmaschine, aber er nennt die Springer-Verlags-Medien nie beim Namen. Von diesen „Hetz-Maschinen“ gibt es in Österreich aber derzeit gleich drei. Ich halte mich aber ganz streng an Bölls Pamphlet, wie er es genannt hat, und erzähle sehr schön pragmatisch seinen Plot nach. Es gibt ja sehr witzige Dialoge und sehr spaßige Figuren, wie zum Beispiel die Kriminalbeamten. Es wird also auch zum Lachen, die Darstellungsart wird allerdings à la Werk X sein, schräger, als man sich einen Böll vorstellt, hoffe ich. Und es sind einige aktuelle Texte eingearbeitet.

Die deutsche Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank spielt erstmals im Werk X. Bild: © Alexander Gotter

MM: Zum ersten Mal am Haus spielt Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank?

Posch: Ja, sie hat in Deutschland große Karriere gemacht, hat aber am Reinhardt-Seminar studiert und zwei Jahre lang am Volkstheater gespielt, woher sie unsere Dramaturgin Hannah Lioba Egenolf kennt. Jennifer Frank war Hannah ab und an hier besuchen, hat sich unser Theater angeschaut, und es stand immer im Raum, ob man sie nicht besetzen kann.

Und wenn ich eine Katharina Blum suche, greife ich natürlich so hoch ich kann, also freue ich mich sehr, dass das jetzt geklappt hat, es ist auch eine wunderschöne Zusammenarbeit.

MM: Zur Halbzeit der laufenden Saison gefragt: Wie läuft’s?

Posch: Gut, wir haben ein Repertoire aufgebaut, das ausgezeichnet besucht wird, „Homohalal“, auch „Erschlagt die Armen!“, das beim Publikum sehr gut funktioniert hat, da waren wir komplett ausverkauft, da haben Oliver Huether von der Josefstadt und Veronika Glatzner erstmals bei uns gespielt. Auch „Aufstand der Unschuldigen“ von Ali M. Abdullah läuft gut, und, was mich besonders freut, wir spielen im siebenten Jahr immer noch „Gegen die Wand“ mit Zeynep Buyrac und sind komplett voll, obwohl wir kein einziges Plakat aufgehängt haben. Ich kenne Leute, die sind da schon fünf Mal reingegangen. Jetzt kommt eben die „Katharina Blum“, und danach im Mai Falk Richters „Je suis Fassbinder“, eine österreichische Erstaufführung.

werk-x.at

18. 2. 2019

Vestibül des Burgtheaters: Beben

Januar 26, 2019 in Bühne

MICHAELA MOTTINGER

Die virtuelle Wahrnehmung von Wirklichkeit

Die Spieler und der Mann von Ulro: Marta Kizyma, Martin Vischer, Daniel Jesch und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die beiden gläsernen, in kaltem Licht leuchtenden Vitrinen erinnern an Museumsschaukästen. Eine Bühnenlösung von Thurid Peine, die fürs Vestibül des Burgtheaters in ihrer Schlichtheit nicht nur eine praktikable ist, sondern auch präzise veranschaulicht, was Regisseurin Anna Stiepani mit ihrer Inszenierung von Maria Milisavljevics Stimm- gewitterstück „Beben“ zeigen will: Ein Rühr‘-mich-nicht-an von Menschen, die sich selber hinter Scheiben weg- geschlossen haben.

Die Realität gegen reality tauschten – deutlich gemacht durch eine der Figuren, die kaum am Handeln der anderen teilnehmen kann, weil beim Gamen der nächste Level noch nicht erreicht wurde. Doch ganz so erklärlich macht es einem Milisavljevic, die mit ihrem dystopischen Text 2016 den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis gewann, denn auch wieder nicht. Nie nämlich ist völlig klar, ob die von ihr beschriebene Wahrnehmung von Wirklichkeit eine virtuelle oder eine physische betrifft. Ihre Geschöpfe, sie gibt sie an als „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind“, Stiepani hat sich für vier entschieden, stolpern durch einen medialen wie Social-Media-Overkill aus Katastrophenmeldungen und Kriegsberichten. Doch wie fern oder nah ist dieser Displaykosmos tatsächlich? Geschieht Gewalt vielleicht gleich draußen vor der Tür?

Gekleidet in Schwarz lassen die Schauspieler Daniel Jesch, Marta Kizyma, Valentin Postlmayr und Martin Vischer die von der Dramatikerin heraufbeschworene Apokalypse dröhnen, und die lässt wortwörtlich „Trompeten der Endzeit“ ertönen. Ihre von Stiepani auf die Darsteller aufgeteilte Sprechblasensprache, die Halbsätze sind eine assoziative Aneinanderreihung zum Thema Reizüberflutung durch allgegenwärtige Informationssintflut, kontrastiert Poesie und Banalität und Pathos, ist witzig und kitschig und zum Schluss sehr berührend. Und als sei’s damit nicht genug, zieht Milisavljevic eine Metaebene ein, einen aus William Blakes „The Book of Los“ entliehenen an der Kante von Ulro sitzenden Mann.

Eine sinistre Erscheinung in Gestalt von Daniel Jesch, der übers Gesagte schadenfroh spottet, kommentiert und manipuliert, da er mutmaßlich versucht, die Geschehnisse mittels deren Eskalation unter seine Kontrolle zu bringen. In Blakes mystisch-prophetischem Buch, in dem sein Protagonist Los im biblischen Sinn gefallene Wesen betrachtet, steht Ulro für eine Art Geisteswüste, für jene Dunkelheit, die sich Bahn bricht, wenn die (göttliche) Vision erloschen ist. Dies wissend öffnet sich ein neuer Blick auf Milisavljevics enigmatische, oft hermetisch anmutende Zeilen, wird die von ihr heraufbeschworene Gefährdung ihrer Smartphone-Daddler greifbar.

Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Marta Kizyma und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Deren Fluchtmanöver Richtung Onlineebene, es fällt der Satz „Er dachte, sein Sofa sei nicht Teil dieser Welt“, gelingen immer weniger, je mehr der Ulro-Mann seine Armeen in Stellung bringt. Da kann man noch so viele Lebenspunkte und Diamantschwerter gesammelt oder Selfies mit einer toten und darob von ihrem Kater angefressenen Nachbarin geschossen haben. Denn allmählich zeichnet sich im ständigen Wechsel der Perspektiven so etwas wie ein Erzählstrang ab, über einen Bewaffneten, der einen Buben erschießt, weil der ihm zu nahe kommt, ein Kind, das ein Buch für die Mutter so unter dem Shirt versteckte, dass es auf den Soldaten bedrohlich wirkte, eine Bombe hätte sein können.

Wie nun Stiepani Milisavljevics stimmiges Bild einer grundlos amüsierten bis sinnlos alarmierten, in beidem aber stets passiven Beobachtungsgesellschaft, in das die Regisseurin auch Zitate einer Kurz gedachten Tagespolitik verwoben hat, zu einer Geschichte über Schuld und Sühne und den Versuch eines Verzeihens dreht, das ist die Stelle, an der „Beben“ erschüttert. Vor allem Marta Kizymas Monolog der Mutter darüber, wie sie die erkaltete Stirn ihres Sohnes küsst und in seine toten Augen „all ihr Sein“ fließen lässt. Ob der Ego-Shooter am Ende zu Fleisch und Blut geworden ist, darf das Publikum unter sich ausmachen. Milisavljevic lässt mit ihrer wuchtigen Arbeit wie Stiepani mit ihrer nicht minder massiven Aufführung dem Spiel Raum für Interpretationen. Der Mann an der Kante von Ulro jedenfalls wird durch einen Bruderkuss besänftigt. Seltsam auf dem Nachhauseweg auf dem eigenen Handy nachzulesen, wie einander Erdoğan und Putin treffen.

www.burgtheater.at

  1. 1. 2019

Bronski & Grünberg: Tarzan – Affen unter sich

Januar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lange nicht mehr so gelacht

Wolfgang Türks, Bernhard Murg, Daniel Feik, Caroline Frank, Soffi Schweighofer und Tim Hüning. Bild: © Philinie Hofmann

Zwischen „Hu-Haa-Ha“ und „Heee Huhu Ha“ bestehen grundlegende Unterschiede. Die versteht zwar nur der vom Rest des Teams chronisch unterdrückte Dramaturg, dieser von den Diversen dazu noch ständig befragt, was genau er denn eigentlich mache – aber, herrje, ist das nicht immer so? Ja, die aktuelle Produktion im Bronski & Grünberg gewährt tiefe Einblicke in die Abgründe des Theaters, intimstes Insiderwissen wird da ungeniert ausgeplaudert, und dieser Blick hinter die Kulissen ist wahrlich keine Reklame für die Bühnenzunft. Ein Um- und Zustand, den die Zuschauer bei der Uraufführung von „Tarzan – Affen unter sich“ zum Zerkugeln fanden.

Tatsächlich lange nicht mehr so gelacht, und zwar im Fritz-Kortner’schen Sinne, sind einige Gags doch dermaßen Tiefflieger, dass, sagt einer „Stanislawski“ ein anderer „Gesundheit!“ antwortet. Schauspieler Wolfgang Türks hat die Komödie geschrieben, bester Boulevard, eine präzise Persiflage des Betriebs ist ihm mit ihr gelungen, und er hat auch den Part des Dramaturgen Stefan übernommen, kein Geringerer als Werner Sobotka die Regie. Der versteht sich bekanntermaßen auf Slapstick und Klamauk, und versteht es auch, Türks pointierte Dialoge auf den Punkt zu inszenieren.

Entsteht die Komik doch aus der Situation wie der Sprache. Die Figuren sind Meister im Aneinander-Vorbeireden, im Sich-gegenseitig-Missverstehen und im Einander-nicht-Zuhören. Und ganz nach dem Motto „What a life, what a cliché“ amüsante Abziehbilder der Wirklichkeit. Der Schauplatz von Türks Stück ist ein Theater in der Provinz. Dort wird gerade die kommende Premiere vorbereitet, eine weder Kosten noch Mühen scheuende Bühnenfassung der Legende des Herrn der Affen, blöd nur, dass der eigentliche Hauptdarsteller von der Liane geflogen und daher ausgefallen ist, und so muss sofort ein neuer Tarzan her. Der mittels Casting gefunden werden soll. Bereits bei der Kassa werden dem Publikum daher Zettel mit dem eingangs erwähnten Ha-Hu-He-Inhalt in die Hand gedrückt, doch, ein Glück, für einen selber bleibt’s bei der Statistenrolle, mal Gorilla, mal Kannibale, und auf fällt es, dass die Herren im Auditorium nicht nur besonders textsicher, sondern auch lautstark sind.

Bernhard Murg, Caroline Frank, Wolfgang Türks, Tim Hüning, Soffi Schweighofer und Daniel Feik. Bild: © Philinie Hofmann

Bernhard Murg, Caroline Frank, Wolfgang Türks, Tim Hüning, Soffi Schweighofer und Daniel Feik. Bild: © Philinie Hofmann

Der Rest ist Kabale und Liebe, die branchenübliche Missgunst und die obligaten Misstöne, Fanat- und Despotismus, ein bissl Koks und ein Kuriositätenkabinett, in dem die einen G’spritzte sind und die anderen dringend einen solchen brauchen. Die Aufgabenstellung für die sechs Schauspieler lautet ergo: Outrieren beim Schmieren, und das gelingt ihnen mit Verve. Während Wolfgang Türks als um seine Standesehre ringender, selbstverständlich schwuler Stefan keine diesbezüglich stereotype Geste auslässt, spielt Tim Hüning den mit großer Klappe ausgestatteten, ansonsten eher einfach gestrickten Regisseur Malte, in seinem überbordenden Selbstbewusstsein nur übertroffen vom wamperten Intendanten Walter, Bernhard Murg als selbstverliebt polternder Hausherr, dem Auslastung und die Aussicht auf den Posten des Kulturstadtrats über künstlerische Angelegenheiten gehen.

Caroline Frank gibt die Intendantensgattin Petra, im Gegensatz zum Emporkömmling-Ehemann Tochter einer Theaterdynastie, de facto völlig talentfrei, aber aufgrund ihres Status‘ und trotz in der Sache überzogenem Ablaufdatums für die Rolle der Jane vorgesehen. Soffi Schweighofer ist die manisch frauenbewegte Regieassistentin Sabine. Daniel Feik macht alle Tarzan-Kandidaten, vom Impro-Nerd über den Method Actor bis zum AMS-Abgesandten, von einfältig über aufbrausend bis intellektuell, schließlich den dauergechillten Fahrradkurier, der sich als Geschenk der Thalia erweisen wird. Und derweil die Technik mit Dschungelprojektionen und künstlichem Wasserfall kämpft, stellt sich heraus, dass ausgerechnet die auf emanzipiert gepolte Sabine ein Pantscherl mit Walter hat, was Petra nicht verborgen blieb, und Stefan mit Malte noch ein Hühnchen zu rupfen. Hat ihm der doch weiland seine Abschlussarbeit im Regiefach am Reinhardt Seminar verpatzt.

Dass sich Maltes Stargeklingel ob seines Berlin-Triumphs mit „The whole damn bloody Faust“ als Fake entpuppt, ist nicht Türks‘ und Sobotkas einzige Stichelei gegen’s Zeitgenössische. In Traumsequenzen dürfen sich die Figuren ihren „Tarzan“ ersinnen, da steht quasi Körperkraft gegen aufklärerischen Geist, und schon gibt es postkapitalistische, postfeministische, postkolonialistische, post-post… Positionen, eine Tarzanin, eine Sexbomben-Jane mit Marilyn-Solo, tanzen Darsteller*Innen in Tarnburkas und wilde Männer im Baströckchen. Dialekt tritt gegen Schönbrunner- tritt gegen Deutsch-Deutsch an, und die Schauspieler geben schamlos alles. „Tarzan – Affen unter sich“ ist eine weitere Perle auf dem Spielplan des „Bronski & Grünberg“. Wer Sinn für gepflegten Nonsense und Spaß am Vollgas-Spiel hat: nichts wie hin …

www.bronski-gruenberg.at

  1. 1. 2019

Wiener Wortstaetten im Werk X: Gegen die Freiheit

November 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas hässlichstes Antlitz

Ein Erhängter im Esszimmer überrascht die neue Mieterin: Burak Uzuncimen und Saskia Klar. Bild: © Joachim Kern

„Was hat er denn vor, will er denken?“, fragt der Arzt jene Ehefrau, die zu ihm gekommen ist, ihren Mann des zwanghaften Lesens anzuklagen. Essays, das sei das Schlimmste, konstatiert der Doktor, was Wunder also, dass beim Erkrankten das selbstständige Den-Verstand-Einsetzen ausgebrochen ist. Da dies als unheilbar gilt, bleibt nur eines: einen Scheiterhaufen zu errichten, auf dem kein Buch – sondern der Patient selbst verbrannt wird. Solcherart sind die Pointen, die jede der sieben surrealen Szenen aus Esteve Solers Text „Gegen die Freiheit“ beschließen.

Soler, Jahrgang 1976, derzeit einer der gefragtesten zeitgenössischen Film- und Theaterautoren, bekannt für starke szenische Setzungen und zugespitzte Dialoge, ist Katalane. Das macht seinen Stücktitel umso pikanter. Seit gestern ist „Gegen die Freiheit“, von Soler Teil eins einer „Revolutionstrilogie“ genannt, als deutschsprachige Erstaufführung der Wiener Wortstaetten im Werk X zu sehen. Das Autorentheaterprojekt hat diese Saison in der Meidlinger Spielstätte ein Arbeitsatelier bezogen, nun diese Koproduktion im Rahmen des EU-Projekts „Fabulamundi Playwriting Europe – Beyond Borders?“, bei der Hans Escher die Regie übernommen hat.

Von Luis Buñuel, sagt Soler, wäre sein Schreiben inspiriert, und tatsächlich geht einem dessen „Würgeengel“ im Kopf um, denn in seiner dramatischen Collage zeigt Soler weit mehr als eine dystopisch bibliophobe Gesellschaft. Er zeigt direkt auf Europas hässlichstes Antlitz, zeigt, wie Totalitarismus im Kleinen beginnt, bevor er groß wird, zeigt Machtmissbrauch und Ohnmachtsverhältnisse, und wie die verlorengegangene Fähigkeit zur Kommunikation im Politischen wie im Privaten genau jene Kräfte vorantreibt, die Europas Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden, Andersseienden den Kampf angesagt haben.

Wo eine Waffe ist, wird geschossen: Daniel Wagner, Heinz Weixelbraun und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Entnervter Priester tötet Bräutigam: Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun. Bild: © Joachim Kern

Solers Themen reichen von Gewalt durch Überwachung und/oder Waffen, Kapitalismuskritik samt einer an der Banken- und Immobilienblase, bis zum schändlichen Umgang mit Flüchtlingen, alles, was sozusagen europäische Abhängigkeitsbeziehungen dieser Tage ausmacht, und immer sind seine Stories unheilvoll, die Gefahr diffus, die Charaktere spooky. Dass sich das Premierenpublikum nichtsdestotrotz blendend amüsierte, liegt an Solers Talent für absurde Komik, doch immer kommt beim ehemaligen Schüler, nunmehr Lehrer an der Sala Beckett in Barcelona der Moment, wo bizarr in bitterböse kippt.

Die Schauspieler Elisabeth Findeis, Saskia Klar, Burak Uzuncimen, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun beweisen sehr viel Gespür für diesen Aberwitz, stellen Solers grelle – fast möchte man sagen – Sketche so griffig dar, wie’s verlangt wird, wechseln mit viel Lust am Obskuren von einer Rolle in die nächste. Von Hans Escher und Ausstatter Renato Uz ist ihnen dazu nur eine Art Tisch auf Rollen zur Hand gegeben, der im Laufe des Abends verschiedene Funktionen übernehmen wird, hinten eine Kleiderstange, auf der die wenigen Stücke hängen, die sie als eine neue Figur ausweisen.

Alex Petkov treibt am Schlagzeug das Spiel an, er gibt ein rasantes Tempo vor, erschafft mit Sticks und Besen ein Hochgeschwindigkeitsensemble, dessen nervös flirrendes Auftreten der perfekte Grundton für Solars Stück ist. Und so gestalten etwa Saskia Klar, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun eine Hochzeitsszene, in der die Braut beim „Bis dass der Tod euch scheidet“ nicht mitmachen will. Vor versammelter Festgesellschaft beginnt sie mit ihrem nun wohl nicht mehr Zukünftigen einen Streit über dessen prinzipiell erniedrigenden Sexpraktiken, bis der entnervte Pfarrer zur Pistole greift. Später wird Klar die verständnisvolle Frau eines Kinderschänders spielen, während Weixelbraun mit Elisabeth Findeis ein Ehepaar gibt, dass unterm Parkettboden im Ankleidezimmer nicht weniger als 700 Textilarbeiter eingeschlossen hält.

Der Sohn verhungert am Tisch der Mutter: Elisabeth Findeis und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Während die Ausgebeuteten um Frischluft ringen, die von den Stoffen aufsteigenden Dämpfe sind nämlich giftig, klagt sie, sie hätte nichts anzuziehen, lässt er seine Arbeitssklaven auf herablassend-väterliche Art wissen, er habe Verständnis für ihre Herdenkultur, aufgrund der sie ja auf engstem Raum zusammengepfercht sein wollten. Dann gehen Mann und Frau shoppen. Eine nicht näher definierte Miliz ist nicht nur in einem Haus, sondern auch in der Social-Media-Sucht gefangen, eine Mutter lässt ihren Sohn an ihrer reich gedeckten Tafel verhungern.

Jeder hat bei Soler Leichen im Keller, oder wahlweise im Esszimmer, wo Burak Uzuncimen als sich erhängt habender Selbstmörder einer Wohnungsbesichtigung eine neue Dimension verleiht. Esteve Solers groteske Geisterbahnfahrt durch die menschlichen Abgründe ist in Hans Eschers Inszenierung ein unterhaltsamer, überwältigender, erschütternder Abend geworden – mit vielen offen bleibenden Fragen, die, wenn schon nicht der Antworten, so doch der Analyse harren. Ein Europa auf dem Prüfstand zu beschreiben, dazu sind im Rahmen von „Fabulamundi – Playwriting Europe“ aus Österreich unter anderem auch Miroslava Svolikova, Gerhild Steinbuch, Thomas Köck und Bernhard Studlar eingeladen.

www.wortstaetten.at/          werk-x.at

  1. 11. 2018

Vestibül des Burgtheaters: Tropfen auf heiße Steine

November 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zunehmend bizarre Beziehungspersiflage

Alphamann Leopold Bluhm und seine so faszinierte wie eingeschüchterte Herde: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak als Vera, Christoph Radakovits als Franz Meister und Alina Fritsch als Anna Wolf. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Immer wieder ist das Vestibül des Burgtheaters ein Ort, an dem junge Theaterschaffende sich ausprobieren können. Nun tut dies Cornelius Edlefsen, seit 2016 Regieassistent am Haus, mit seiner Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Text „Tropfen auf heiße Steine“. Gerade 19 Jahre alt war das spätere Film-Enfant-Terrible, als er dieses, sein erstes Stück verfasste. Eine gewissermaßen Vorwegnahme seiner Lebens- und Werkthemen, Krisenbeziehungen, Bisexualität, Bürgerlichkeitsklischees.

Von ihm selbst allerdings nie auf die Bühne oder die Leinwand gebracht. Edlefsen entgeht klug der Versuchung, mittels Vorlage der Deutschen Nouvelle Vague nacheifern zu wollen. Wie Fassbinder einer kränkelnden (immer noch Nachkriegs-)Gesellschaft unbarmherzig unter den Nägeln brannte, so zeigt zwar auch Edlefsen die Mechanismen eines überkommenen, letztlich untoten Systems, an denen der einzelne nur scheitern kann. Doch Edlefsen überdreht Fassbinders Liebestragödie zur zunehmend bizarren Beziehungsfarce. Mit ausreichend Sinn für Satire lässt er die Ereignisse in der dem Meister eigenen Exzentrik explodieren, bewegt die Figuren zwischen dessen, von Fassbinder-Freunden so verbrieften, Lebenshunger und Todessehnsucht, macht aber an jeder Stelle seiner Arbeit deutlich, dass es ihm allein darum geht, auszustellen, wie Menschen ringen, geliebt zu werden.

Und so erzählt der einfühlsame Abend vom Versicherungsvertreter Leopold Bluhm, der den knapp 20-jährigen Franz Meister mit in seine Wohnung nimmt. Bald geht der ältere Mann auf Tuchfühlung, wird sexuell anzüglich, und der hübsche Junge, nicht ganz so naiv, wie er sich stellt, ergibt sich ihm. In vier Bildern treibt Fassbinder die Handlung voran. Im nächsten schon ist Franz ein einsamer Hausmann, der die ganze Woche nur auf die Rückkehr seines Geliebten von dessen Geschäftsreisen wartet. Wenn der Alleinverdiener kommt, ist er müde, mürrisch und mit allem unzufrieden. Statt Bettgeflüster gibt es nun Streitereien, Schnippisch-Sein und Kopfschmerzen, und als schließlich auch noch die Ex-Freundinnen Anna und Vera mit von der Partie sind, eskaliert die Situation …

Menschenmanipulator Leopold …: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak und Alina Fritsch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… wird für Franz bald zu viel: Christoph Radakovits und Stefanie Dvorak. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Daniel Jesch als Leopold Bluhm und Christoph Radakovits als Franz Meister zeigen eine begnadet gute Performance. Sensibel und zu Beginn der Beziehung so sinnlich, dass das Knistern zwischen den beiden Figuren zum Greifen ist, gestalten sie ihre Rollen. Wie Radakovits vom dem Jäger Jesch ausweichenden Jüngling zum Verliebten, dessen Gefühle Hochschaubahn fahren, zum Verzweifelten wird, das ist großes Kino. Mutmaßlich nie zuvor war Radakovits so eindringlich gut. Jesch wiederum wandelt seinen Leopold vom Verführer zum Manipulierer, zum Spielmacher sobald die Frauen dabei sind.

So, wie ihm alle verfallen, muss man an die einstigen, charismatischen Kommunengründer denken. Mit Verve arbeiten die beiden heraus, wie das Männerpaar in genau jene Beziehungsmuster kippt, denen es eigentlich entkommen wollte, Rituale, wie spießbürgerliches Gläserabwaschen vor dem Sex bestimmen den Alltag, Diskussionen drehen sich ums Rechthaben und Nichtsrechtmachenkönnen, das einander Zuwerfen von Zigarettenpäckchen wird von Mal zu Mal aggressiver. Man steckt plötzlich in einer typisch durchschnittlichen, gutbürgerlichen Ehehölle.

In der verläuft’s bei Fassbinder freilich tragigrotesk, hochkomisch und zutiefst betrübt, und Edlefsen hat dessen Stück texttreu inszeniert, hat mit Blick auf seine Schauspieler, nicht auf etwaigen Schnickschack, dessen Sprache pointiert und verdeutlicht. Von Jenny Schleif stammt dazu ein fulminantes Bühnenbild, eine metallene Gitterplattform, darunter ein Raum, durch den die Darsteller wie in Demutshaltung kriechen müssen und durch verschiedene Durchlässe auftauchen, hinten eine opake Plexiglaswand hinter der die Frauen zuerst wie Schaufensterpuppen stehen. Sie treten ins Geschehen, sobald bei Franz und Leopold Liebe und Leidenschaft schal und ausgelaugt sind, als die zerstörerische (Selbst-)zerfleischung des Franz beginnt. Alina Fritsch ist als seine Ex-Verlobte Anna Wolf zu sehen, die ihn zurückhaben will, und verbissen an etwas festhält, das nicht mehr existiert. Fritsch zurrt und zerrt und verzagt nie an Franz, bis …

Frauen, ausgestellt wie Schaufensterpuppen: Stefanie Dvorak und Alina Fritsch, vorne: Christoph Radakovits. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… Leopold auftaucht. Im Schlepptau sein gewesenes Love Interest Vera, mit der er rund um Franz nun ein perfides Machtspiel anfängt. Stefanie Dvorak spielt diese Vera mit Intensität, Unterwürfigkeit und dem ihr eigenen Hauch Hysterie. Am Ende wird Leopold die anderen um sich scharen, wie Fassbinder seinen berühmten Clan, wird kreuz und quer gevögelt, und im Werner Schwab’schen Sinne doch nicht geflogen worden sein.

Wird klar werden, dass Leopold seine Menschenopfer auf immer gleiche Weise fordert, und wird es eine Leiche geben. „Tropfen auf heiße Steine“ ist ein von allen Beteiligten mit Fingerspitzengefühl gestalteter, großartig gespielter Abend. Man wünscht ihm, was anderen Inszenierungen aus dem Vestibül schon gelungen ist, nämlich die alsbaldige Übersiedlung in einen größeren Spielraum des Burgtheaters.

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  1. 11. 2019