Schauspielhaus Graz/ORF III-Stream: jedermann (stirbt)

April 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlagerschulzen am Würstelstand

Die Tafel des reichen Mannes hier als Tresen einer Imbissbude: Nico Link, Katrija Lehmann, Fredrik Jan Hofmann, Raphael Muff. Lukas Walcher und Evamaria Salcher. Bild: © Lex Karelly

ORF III zeigte gestern im Rahmen der Reihe „Wir spielen für Österreich“ Ferdinand Schmalz‘ zeitgenössisches, grandios wortwitziges Gaukler-Spiel über die Gier und andere Todsünden: „jedermann (stirbt)“ aus dem Schauspielhaus Graz. Die Inszenierung von Daniel Foerster, nominiert für den Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarkts 2020, ist noch sechs Tage in der ORF-Mediathek abzurufen. Schrill, schräg, exaltiert und exzentrisch, so präsentiert sich hier die Tischgesellschaft

des reichen Mannes, anderes als in der schwarzgoldenen Uraufführung von Stefan Bachmann am Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28390), ein Video macht den Anfang, als hätt‘ der Herrgott die Sache immer schon auf dem (Bild)-Schirm gehabt. Aus den Garderoben, der Kantine, dem Regieraum eilt sie herbei, die High Society, der Hochfinanzhai hat zur Gartenparty geladen – die Ausstatterinnen Miriam Haas und Lydia Huller haben ihm dafür statt Weltbühne eine Imbissbude aufgestellt.

Schmalz hat seinen Hofmannsthal studiert, bevor er dessen Werk über- und ergo fortschrieb. Derart ist ein Zeitgeist-Zerrspiegel entstanden, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht, sondern vielmehr die akuten Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Dafür hat Schmalz die Figuren neu gruppiert – zur Buhlschaft-Tod, zum armen Nachbar Gott, zu den Werken-Charity, die gleichzeitig der Mammon ist, ganz erschöpft von den vielen Charity-Veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern …

… und dennoch kein Spendenfluss ohne seitenblickendes Fressen und Saufen und Steuervorteile … wobei oder weshalb der Obolus derzeit lieber an gemeinnützige Vereine, vornehmlich solche ohne jegliche im Ibiza-Ausschuss nachzuweisende Verbindung zur einen oder anderen Partei, entrichtet wird … Katrija Lehmann – auch fabelhaft in „Zitronen Zitronen Zitronen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45582, nächster Stream-Termin am 29. April) und „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44995, VR-Brille nun österreichweit zu bestellen) – Katrija Lehmann hat als Charity einen Oscar-reifen Melodram-Auftritt, bevor sie ermattet in Jedermann Raffael Muffs Arme sinkt.

Der arme Nachbar Gott: Henriette Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Raphael Muff als Jedermann in der Neonlichtdämmerung. Bild: © Lex Karelly

Lukas Walcher, Katrija Lehmann und Raphael Muff. Bild: © Lex Karelly

Und apropos, arm: In Jedermanns blitzeblank-weißem Paradies, im Dorado des obszönen Lifestyles sind Krethi und Plethi nicht willkommen. Heißt im speziellen Fall, der arme Nachbar-Gott (ist weiblich): Henriette Blumenau mit Perlenbart, die zwar ihren alttestamentarischen Senft zu Jedermanns bevorstehendem Ableben gibt, ansonsten aber mit der Würzpaste ausgiebig besudelt wird. Die diesbezügliche Squeeze-Flasche ist rasch zur Hand, weil: Imbissbude. „Swallow“ steht in Neonschrift über dem Kiosk, Schlucks!, Schlucks runter! Das Friss-oder-stirb gilt denen vorm Zaun, dort wo’s brodelt, wo es Krieg und Kriegsopfer geben soll.

Doch das kriegt er, der’s mit der Wirtschaft-Treibende, der Börsentitan, der sich die Erde als Investment Untertan macht, der eitle Hedgefonds-Hero, nur sehr peripher mit. Zu sehr umgarnt ihn Buhlschaft-Tod, Lukas Walcher als Schwarze Witwe im kleinen Schwarzen, als unheimliche, androgyne Erscheinung die Sensation des Abends. Lasziv lockend, macht er Jedermann glauben, er sei der siebte Sohn des siebten Sohnes, während er in Wahrheit schon den Herzkasperl-Griff à la Domplatz trainiert. Welch eine Performance, die nur so vor Gift trieft.

Auch Raphael Muff spielt grandios als Jedermann, der Kapitalismusgewinnler ein Großkotz, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen, und dennoch zeigt Muff auch sympathische Seiten, kann in stillen Momenten Empathie erweckten. Prätentiös, prahlsüchtig, proletenhaft, am Ende des Tages aber verängstigt und klein, gestaltet Muff im Wortsinn einen jedermann, wie ihn sich Salzburg kaum besser wünschen kann, der Spekulant, der sich punkto Lebenszeit verspekuliert hat, und nun fürchtet, was alle fürchten: alleine gehen zu müssen. In einem Gnadenbild gewährt ihm Göttin Blumenau deshalb eine Pietà.

Foersters Inszenierung schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, und spickt mit Verve die sprachgewaltigen, poetischen Verse mit einem flotten Liedchen hie und da. Schlagerschnulzen am Würstelstand, sozusagen. Höhepunkt: eine Ode an den Fleischkonsum, Musik: Jan Preißler, wen kümmert schon die Klimabilanz solang die eigene stimmt? Wie schön, dass neben Sarkasmus auch der Schenkelklopf-Humor zu seinem Recht kommt.

Das Opferlamm ist auserkoren: Blumenau, Muff, Walcher, Lehmann, Link, Hofmann und Salcher. Bild: © Lex Karelly

Schenkelklopfen mit dickem und dünnem Vetter: Frederik Jan Hofmann, Raphael Muff und Nico Link. Bild: © Lex Karelly

Link als Jedermanns Mutter, Jedermann rechtet mit Gott um sein Überleben: Muff und Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Im Wortsinn ein Totentanz: Wenn Link, Muff, Blumenau, Walcher und Salcher tanzen, ist’s ein „Thriller“. Bild: © Lex Karelly

Diesen besorgen vor allem Frederik Jan Hofmann und Nico Link als dicker und dünner Vetter, zwei Volksverdreher, äh: Vertreter in Badehosen, die Schulden für eine Politkampagne angehäuft haben, erst schmeicheln, sich gar demütigen und hündisch züchtigen lassen, aber die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl Jedermanns Konzerne übernehmen werden. Link übernimmt mit geflochtenem Haarkranz und im Trachtendirndl auch den Part von Jedermanns bigott-ländlich-sittlicher Mutter, Lehmann lässt als Mammon die Jedermann-Marionette an ihren Fäden zappeln. Evamaria Salcher will als Jedermanns Frau, man möcht‘ sie für den Glauben halten, dessen Sünden jedenfalls nicht ausbaden.

„jedermann (stirbt)“ vom Grazer Schauspielhaus schillert in allen Farben der Gegenwart, überzeugt durch ein fabelhaftes Ensemble, hervorragende Regieeinfälle und zombieösen Michael-Jackson-Thriller-Totentanz. Daniel Foerster hat aus Ferdinand Schmalz‘ Vorlage ein absurdes Theater, ja, ein Grand Guignol gemacht, samt Kasperl, Gretel, Krokodil jenseits aller Gendergrenzen. Doch bei all dem – siehe Würstelstand – blunznfetten Champagnisieren schreit die gesellschaftspolitische Brisanz laut auf: die Finanzoligarchie ist eine vielköpfige Hydra, sie zu bezwingen eine Herkules-Aufgabe.

„die eigentliche lehr, / die wir aus diesem spiele ziehen können, / ist, dass einer hier geopfert wird, / um unsere gemeinschaft rein zu waschen“, heißt es bei Schmalz, und ein Schelm, wer da ans Tagesaktuelle denkt. „Für all die lebenden Toten, für all die toten Lebenden“, sagt Buhlschaft Walcher singe man jetzt. Auf Deutsch, die ersteren in Europa, die zweiteren hinterm Festungswall. „Wir sind die Welt, wir sind die Kinder, wir haben den besseren Tag, also fangt an zu geben …“ Wahre Worte, die niemand leugnen kann.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O6SDIlBXUyM           schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com           tvthek.orf.at

  1. 4. 2021

Academy Awards Streaming: The Trial of the Chicago 7

März 30, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Aaron Sorkins Gerichtsthriller warten sechs Oscars

Die Angeklagten und ihre Bürgerrechtsanwälte: Yahya Abdul-Mateen II, Ben Shenkman, Mark Rylance, Eddie Redmayne und Alex Sharp. Bild: © Netflix 2020

Zu den unzähligen Auszeichnungen – 48 Preise und 183 Nominierungen, die Aaron Sorkins starbesetzter Film über den Skandal-Prozess gegen Anti-Vietnamkrieg-Aktivisten im Jahr 1968 schon erhielt, könnten sich am 25. April auch einige Academy Awards 2021 gesellen. Die Netflix-Produktion „The Trial of the Chicago 7“ ist in den Oscar-Kategorien Bester Film, Sacha Baron Cohen als Bester Nebendarsteller, Aaron Sorkin für das Beste

Originaldrehbuch, Phedon Papamichael Jr. für die Beste Kamera, Daniel Pemberton und Celeste Waite für den Besten Filmsong „Hear My Voice“ und Alan Baumgarten für den Besten Schnitt nominiert. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen Oktober:

Ein Schauprozess mit Analogien zum Heute

Dieses Moment von Show stellt sich nicht nur ein, weil Sacha Baron Cohen als Abbie Hoffman parallel zur Handlung in einem Club den Stand-up-Comedian gibt. Von Anfang an spüren die Angeklagten, dass sie als Staatsfeinde vor Gericht stehen, und dass das Ganze eine Farce ist, ein Schauprozess. „Dies ist die Oscarverleihung der Protestkultur. Welch eine Ehre, nominiert zu sein!“, sagt Abbie Hoffman sarkastisch, Sacha Baron Cohen, der tatsächlich für den des Besten Nebendarstellers nominiert ist.

Das Jahr ist 1969, das Verfahren „The Trial of the Chicago 7“, Filmemacher Aaron Sorkins auf Netflix zu streamender Rekonstruktionsthriller einer True Story, der in doppeltem Sinne die Verfassung der Vereinigten Staaten aufs Korn nimmt, wenn hier zwei Ideale der USA aufeinanderprallen. „The whole World is watching!“, skandieren die Sympathisanten vor dem Gerichtsgebäude – und wirklich, es fühlt sich an, als sei seit diesen Iden des März kein einziger Tag vergangen. Insbesondere mit Blick auf die Spezialbehandlung des Afroamerikaners Bobby Seale, der wegen „anhaltender Renitenz“ gefesselt, geknebelt und gedemütigt im Gerichtssaal sitzen muss. [Ein an George Floyd gemahnendes Bild weißer Gewalt, das unerträglich ist …]

Die Law-and-Order-Fraktion, die eben erst Präsident Nixon im Weißen Haus installierte und nun politischen Rückenwind spürt, will also den Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen den Garaus machen. Deshalb soll dies Exempel statuiert werden, an acht Leitfiguren einer immer stärker werdenden Gegenkultur; vom Friedensbewegten bis zum Militanten, die Staatsanwälte fordern lange Freiheitsstrafen – zur Abschreckung einer ungekannt aufmüpfigen Jugend. Mit den unterschiedlichsten Beweggründen, aber einem gemeinsamen Ziel, begaben sich Ende August 1968 acht Männer nach Chicago, dies die in Kreuzverhör-Rückblenden erzählte Vorgeschichte, um an Kundgebungen gegen den Vietnamkrieg teilzunehmen:

Tom Hayden und Rennie Davis als Mitglieder der „Students for a Democratic Society“; die Pazifisten Dave Dellinger und Lee Weiner vom Nationalen Mobilisierungskomitee zur Beendigung des Krieges in Vietnam; die Hippies Abbie Hoffman und Jerry Rubin als Gründer der Youth International Party aka Yippies; Antikriegsaktivist John Froines, er wie Weiner des Richters Manövriermasse im Prozess und die beiden als einzige freigesprochen. Und schließlich Black-Panther-Boss Bobby Seale, angesichts der vielen ermordeten Bannerträger des friedlichen Wandels durchaus zu Gewalt bereit, und vom Filmtitel nicht unter die sieben gezählt, weil er von Beginn an eine eigene Anhörung anstrebte.

Sacha Baron Cohen, Oscar-nominiert als Abbie Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Michael Keaton als Ex-Justizminister Ramsey Clark. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne als moderater Tom Hayden. Bild: © Netflix 2020

Diese amerikanische Linke rief nun zum „Festival of Life“ im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park auf, es sollte musiziert und gemeinsam protestiert, Plakate gemalt, Einberufungsbefehle und BHs verbrannt werden, „ein Rockkonzert mit Unzucht“, wie Abbie verkündet, doch die Polizei reagierte mit militärischer Aufrüstung und einer Ausgangssperre. Es gab Straßenschlachten, fünf Tage und fünf Nächte lang einen Krawall, bei dem hunderte Menschen durch Tränengas und von den Polizisten eingesetzten Schlagstöcken zum Teil schwer verletzt wurden, welch Szenen, in denen Nationalgardisten entsichern und durchladen – und jetzt soll der willkürlich zusammengewürfelten Aktivistentruppe ein Verschwörungsplan nachgewiesen werden, den es nie gab.

Ein Prozess in den USA ist immer ein Schau-, eine Performance für die Jury, die Geschworenen, die meinungsmachenden Medien und weitere Öffentlichkeit, deshalb funktioniert’s auch als Film wunderbar. Sorkin konnte sich weitgehend auf die Prozessprotokolle stützen, sie bieten Komik, Zynismus, Absurdität und sogar ausreichend waschechte Schurkerei für ein Script, die Straßenschlachtszenen sind mit original Dokumaterial von der die Einberufung bestimmenden Geburtstagslotterie, Soldaten, Napalm, Särgen, Martin Luther King, dem Attentat auf Robert Kennedy und Ähnlichem überschnitten.

In Aaron Sorkins zweiter Regiearbeit nach „Molly’s Game“ – aus seiner Feder stammen unter anderem „Eine Frage der Ehre“, „Charlie Wilson’s War“ oder „The Social Network“ – brilliert ein handverlesener Cast. Allen voran Sacha Baron Cohen als Yippie Abbie Hoffman, dieser berühmt und berüchtigt geworden mit dem Versuch, das Pentagon durch die Kraft kollektiver Meditation in die Luft zu heben, hier ein dauerbekiffter Exzentriker.

Ein Spaßvogel mit flotten Sprüchen und hochphilosophischem Nonsens, der Clown im Politzirkus, der sein Auftreten vor Gericht als Party-Gig nutzt und jede Möglichkeit, das Verfahren mit albernen Bemerkungen zu diskreditieren. Doch kaum sitzt der Anarcho im Zeugenstand erweist er sich als belesener, besonnener Intellektueller, der in der Sache Abe Lincoln und Jesus Christus zitiert – und mit seinem staubtrockenen Humor den sleeken Teflonmann und Staatsanwalt Richard Schultz aus der Reserve lockt.

Sacha Baron Cohen, Danny Flaherty , Eddie Redmayne, Jeremy Strong und Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Mark Rylance, Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Jeremy Strong. Bild: © Netflix 2020

Die „Black Panther“ Yahya Abdul-Mateen II und Kelvin Harrison Jr. mit Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch, Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Kulturrevolutionär Cohen zur Seite steht Jeremy Strong als Anti-Vietnam-Apologet und Molotowcocktail-Spezialist Jerry Ruben, Cohen in diesem Spiel der Leinwandstars ein Primus inter Pares, ihm gegenüber der von Eddie Redmayne verkörperte Tom Hayden, Typ properer Schwiegermutterschwarm, Hayden, der auf dem Protestmarsch den Weg durch die behördlichen Instanzen zu gehen versucht hat, doch dem die Dinge – siehe den vom Polizeiprügel hart am Kopf getroffenen, blutüberströmten Mitstreiter Rennie Davis aka Darsteller Alex Sharp – aufs Brutalste entgleiten.

Wie sich Tom und Abbie, der Realo und der Fundi, im Laufe der Prozesstage buchstäblich zusammenraufen müssen, wie sie erkennen, dass die Strategien des anderen zu einer progressiven Protestpolitik doch nicht so verpeilt sind, wie sie einander schätzen lernen – das scheint der Appell Sorkins an die heute so zersplitterte Linke zu sein. In den USA und andernorts. John Carroll Lynch gestaltet David Dellinger als biederen Vater einer amerikanischen Vorzeigefamilie. Der älteste der Runde, Lynch nennt die Rolle „Pfadfinder-Rover“, ist Kriegsdienstverweigerer seit dem Zweiten Weltkrieg und predigt Gewaltlosigkeit, bis ihm auf der Anklagebank als erstem der Geduldsfaden reißt.

Noah Robbins und Daniel Flaherty sind als die wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind gekommenen Lee Weiner und John Froines zu sehen, zwei profillose Mitakteure, die sich im Prozess der Großen bald den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles!“ aneignen. Großartig agiert auch Yahya Abdul-Mateen II als Black-Panther-Anführer Bobby Seale, der sich im Kampf um seine Rechte trotz aller Strafmaßnahmen nicht einschüchtern und mundtot machen lässt. Der Chef der Chicagoer Black-Panther-Partei Fred Hampton, gespielt von Kelvin Harrison Jr., wird mitten im Prozess bei einem vorgeblichen Festnahmeversuch einer Polizei-Eliteeinheit in seiner Wohnung im Schlaf erschossen.

Michael Keaton hat einen großartigen Gastauftritt als demokratischer Ex-Justizminister und Star-Zeuge im Gerichtsscharmützel, Ramsey Clark, der im Kreuzverhör die Schuld für die Vorkommnisse ganz klar bei der Polizei sieht – doch da der Richter die Geschworenen des Saales verwiesen hat, bleibt seine Aussage ungehört.

Joseph Gordon-Levitt als Staatsanwalt Richard Schultz. Bild: © Netflix 2020

Die Original-7. Bild: © Netflix 2020

Frank Langella als Hardliner-Richter Julius Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Als dieser, als bis zur Lachhaftigkeit von der eigenen Autorität besessener Richter Julius Hoffman, beeindruckt Grandseigneur Frank Langella. Sein Richter ein verwirrter, verbohrter, voreingenommener Grumpy Old Man, der Namen vergisst und Tathergänge verwechselt, der seine Verachtung für die Angeklagten und seine Abscheu vor dem schwarzen unter ihnen gar nicht verbergen will, jede Gesichtsregung Langellas verweist darauf, der ganze Kreuzverhöre aus dem Protokoll streichen – das hat schon Witz, wenn der ganze Saal noch vor Seiner Ehren im Chor „Abgelehnt!“ skandiert – und Jury-Mitgliedern via Staatsanwaltschaft gefälschte Drohbriefe zukommen lässt.

Die sind im „Bad Cop/Good Cop“-Wechsel J. C. MacKenzie als Tom Foran und Joseph Gordon-Levitt als Richard Schultz, und sehr viel von Sorkins eigener Agenda steckt wohl in der Figur dieses jungen Staatsanwalts, der die Aufrührer von Amts wegen zwar verfolgen muss, doch heimlich mit ihnen sympathisiert.

Der Charakter Schultz‘ symbolisiert, dass kein Justizsystem der Welt final korrupt ist, sondern dass selbst schlimmste Fehlentscheidungen irgendwann korrigiert werden. Sorkin glaubt an die Gewaltentrennung von Legislative, Exekutive und Judikative, das hat er auch in seiner TV-Serie „The West Wing“ bewiesen, und die US-Filmkritik liebt ihn dafür – und der echte Schultz, der dank des Films zu etlichen Interview-Ehren kam, erweist sich in den Gesprächen als ebenso aufrecht und integer wie sein Bildschirm-Alter-Ego.

Auf der Seite der Guten stehen außerdem Sir Mark Rylance und Ben Shenkman als die von ihnen so fulminant wie furios gespielten Bürgerrechtsanwälte William Kunstler und Leonard Weinglass. Rylance agiert als kämpferisch-verkniffener Kunstler, der seine Verwunderung über das halbsenile, nichtsdestotrotz stur paternalistische Verhalten des Richters nicht verhehlen kann, besonders prägnant. Unter den etlichen Detectives, Gesetzeshütern in Zivil, die die Gruppe infiltrierten, zählt als -hüterin auch Caitlin FitzGerald als Agent Daphne O’Connor, die Jerry Ruben in sich verliebt macht und ihm das Herz bricht.

Auf dem Weg zur …: Jeremy Strong, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

… Polizeiblockade: Alex Sharp, Jeremy Strong, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Die Ausschreitungen im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park enden für die Demonstranten blutig. Bild: © Netflix 2020

„The whole World is watching!“: Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen gehen ins Gerichtsgebäude. Bild: © Netflix 2020

Und apropos, Herz: Es ist jenes der gegenwärtigen Finsternis, auf das „The Trial of the Chicago 7“ zielt und trifft. Sorkin, ein Veteran auf dem Gebiet des linksliberalen Politik-Entertainments, lässt bitterböse Satire auf engagierten Antikriegsfilm treffen; dessen Aussage ist gleich einem Paradebeispiel für Zivilcourage und zivilen Ungehorsam und dafür, wie wichtig es wäre, von beidem mehr zu haben.

Sorkin erzählt anhand wahrer Begebenheiten von einem zerrissenen Land, in dem sich Links und Rechts zähnefletschend gegenüberstehen, Rassismus zum Alltag gehört und Gewalt in der Luft liegt. Das alles setzt er zum Mosaik einer Gesellschaft zusammen, die auch im Spiegel der historischen Ereignisse nicht zwangsläufig nur die amerikanische sein muss. Sorkin zeigt einen Staat, in dem die Staatsgewalt nicht länger vom Volke ausgeht, zeigt die Fragilität des Rechtswesens und der Justiz, zeigt, wie verwundbar Demokratie ist, wenn die Politik den Rechtsstaat unterwandert.

Sei’s, dass eine Regierung Razzien bei Behörden einschränkt, heißt: per Änderung der Strafprozessordnung die Beschlagnahmung von Unterlagen durch die Justiz nur noch im Ausnahmefall ermöglichen will. Sei’s, dass Politiker mit Hetzreden bei Demonstrationen scharf machen, die längst von der rechten Szene unterwandert sind, während die Polizei die linke-autonome einkesselt. Fünfzig Jahre Fortschritt und kein Unterschied …

„The Trial of the Chicago 7“ ist unterhaltsames und politisch engagiertes Ensemblekino am Puls der Zeit, mit einem prominenten Cast, der sich des ungeniert parteiischen Drehbuchs des Regisseurs mit Verve und aus Überzeugung annimmt. Am Ende verliest Eddie Redmayne als Tom Hayden die von Rennie Davies täglich aufgelisteten Namen der während der Prozessdauer gefallenen US-Soldaten. 4752 sind es. Ein Teil der Menschen im Gerichtssaal steht auf zu einer letzten Ehrenbezeugung, auch Richard Schultz, andere verlassen empört den Raum. Der Rest ist Geschichte …

www.netflix.com           Trailer: www.youtube.com/watch?v=02ecSUe8VMA

30. 3. 2021

Bank Austria Kunstforum Wien: Daniel Spoerri

März 23, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eat Art oder Die Tafelbilder der Konsumgesellschaft

Daniel Spoerri; Restaurant de la City Galerie,1965. Bischofberger Collection, Männedorf-Zurich, Switzerland. © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021. Bild: © Mercan Sümbültepe

Das Bank Austria Kunstforum Wien präsentiert in seiner Frühjahrsausstellung „Daniel Spoerri“ ab 24. März das Werk eines Künstlers, der in seinen zentralen Themen bis heute die einen täglich umgebende Dingwelt und das Essen als sozialen Akt verhandelt. Damit ist in Wien erstmals seit mehr als 30 Jahren eine umfassende Retrospektive zu Daniel Spoerri in jener Stadt zu sehen, in der der Künstler seit 2007 lebt.

Die Ausstellung versammelt 100 Schlüsselwerke Daniel Spoerris aus 43 öffentlichen und privaten Sammlungen und ermöglicht durch reiches Archivmaterial zusätzliche Einblicke in das Leben und Wirken dieses Universalkünstlers. Als Erfinder des „Fallenbildes“ oder „Tableau piège“ hat sich Spoerri in die Kunstgeschichte eingeschrieben: Er fixiert vorgefundene Situationen und kippt sie von der Waagerechten in die Senkrechte.

In dieser Untersuchung des Alltäglichen und der damit einhergehenden Verankerung von Gebrauchsgegenständen in der Sphäre der Kunst stellt Spoerri – unter anderem anknüpfend an das Objektverständnis Marcel Duchamps und dessen Konzeption des Readymade – Wahrnehmungskonventionen radikal auf die Probe.

Die retrospektive Schau im Bank Austria Kunstforum präsentiert das sieben Dekaden umspannende Werk des in nahezu allen Medien tätigen Künstlers und begeisterten Sammlers in seiner Kohärenz ebenso wie in seiner Vielfalt: Einer losen Chronologie folgend, veranschaulicht die Ausstellung anhand von thematischen Schwerpunkten, dass Spoerris transmediale Praxis weit vor der Erfindung des „Fallenbildes“ einsetzt und sich bis heute kontinuierlich weiterentwickelt. Seine Anfänge als professioneller Tänzer, die Arbeit am Theater, sowie die Auseinandersetzung mit Konkreter Poesie, die in der Gründung der Zeitschrift „material“ mündet, fließen in die von ihm initiierte „Edition MAT – Multiplication d‘art transformable“ ein. Darin stellt Spoerri das originale Kunstwerk durch Multiplikation in Frage, und er greift das Motiv der Bewegung mit seinem Fokus auf kinetische Kunst auf.

Daniel Spoerri: Objekt II des Zyklus Objets de magie à la noix, 1966/1967. © Daniel Spoerri und Bildrecht, Wien 2021. Bild: © Museum Morsbroich, Leverkusen

Daniel Spoerri: Chambre No 13, 1998. Fondazione Il Giardino di Daniel Spoerri. © Daniel Spoerri und Bildrecht, Wien 2021. Bild: © Susanne Neumann

Daniel Spoerri: Tableau piège, 1970/1971. Kunstpalast, Düsseldorf. © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021. Bild: © Kunstpalast-ARTOTHEK

Daniel Spoerri: Fluxus Pegasus, 1987. Courtesy of Archivio Conz, Berlin. ©Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021. Bild: Giorgia Palmisano

Die Ausstellung verdeutlicht, wie Spoerri das Konzept des „Fallenbildes“ immer wieder erweitert, ob als literarisches „Fallenbild“ in dem Künstlerbuch „Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls“, in den inszenierten „Faux Tableaux pièges“, oder in den das Prinzip des Portraits erweiternden „Künstlerpaletten“. Der Zufall ist auch in den Objektbildern der Serien „Détrompe l’oeil“ und „Trésor des pauvres“ bestimmend. Hier lässt Spoerri Gegenstände einander begegnen und kreiert aus diesen ungewöhnlichen Kombinationen neue Bedeutungszusammenhänge. Das Prinzip dieser Assemblagen entwickelt Spoerri mithilfe des Bronzegusses weiter – hier verschmelzen die einzelnen Teile zu einer materiellen Einheit. Die Ausstellung zeigt mit „Santo Grappa“ Spoerris erste Bronze und damit den Beginn einer bis heute dauernden Auseinandersetzung mit diesem transformativen Material.

Auf der griechischen Insel Symi, wo fernab der Überflussgesellschaft die „Zimtzauberkonserven“ genannten Assemblagen aus Übriggebliebenem und Abfällen entstehen, sucht Spoerri Abstand von den „Fallenbildern“ und der damit einhergehenden Etablierung am Kunstmarkt. Dort setzt auch seine systematische Auseinandersetzung mit dem Essen und Kochen ein, die in der späteren Gründung des Restaurant Spoerri in Düsseldorf mündet, wo Spoerri auch die Kunstrichtung „Eat Art“ begründet. Aus Lebensmitteln wie Brot, Lebkuchen oder Schokolade entstehen Kunstwerke, eine künstlerische Untersuchung von „Ewigkeitswert, Verdaulichkeit,
Veränderungen der Kunst, Kunst als Konsumgut.“

Daniel Spoerri: Tableau piège – Sevilla Serie Nr. 16, 1991. Museum of Contemp. Art in Krakow MOCAK. © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021. Bild: MOCAK Collection, R. Sosin

Ausstellungsrundgang im Bank Austria Kunstforum: Daniel Spoerri im Gespräch mit Kunstforum-Direktorin Ingried Brugger. Bild: © leisure / Christian Jobst

Daniel Spoerri: # 26 Flohmarkt Wien, April 2016. © Daniel Spoerri und Bildrecht, Wien 2021. Bild: © the artist and Galerie Krinzinger

Daniel Spoerri: Se laisser manger la laine sur le dos, 1965. Bischofberger Collection, Männedorf-Zurich, Switzerland. © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021

Spoerris „Collections/Sammlungen“, in denen er die Evolution von Alltagsgegenständen wie Sparschälern oder Brillen untersucht, zeigt die Ausstellung ebenso, wie auch seine recherchebasierten Projekte, die neue Formen des Ausstellens im Zuge der „Musées sentimentaux“ erproben. Den Abschluss bildet eine multimediale Präsentation von „Il Giardino di Daniel Spoerri“ – Spoerris Künstlergarten in Seggiano in der Toskana, in dem neben eigenen Bronzen auch Arbeiten seiner Künstlerfreundinnen und -freunde, wie etwa Eva Aeppli, Meret Oppenheim, Niki de Saint Phalle oder Jean Tinguely zu sehen sind.

www.kunstforumwien.at           Daniel Spoerri im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=YN-NjVuqVjA

23. 3. 2021

Landestheater NÖ online / Luk Perceval & NTGent: Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex

März 12, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Front- und Fluchtbriefe auf dem Billardtisch

Vabanquespiel auf dem Billardtisch: Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys, Oscar Van Rompay und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Mit dem Verlesen eines Artikels einer neuen rechtsradikalen französischsprachigen Zeitung, der vor den neuen rechten Schlagwörtern nur so strotzt, großer Austausch, Kulturmarxismus vs. christliche Werte, die Linke unterstützt den Islam, um mit der Frustration der Minderheiten die westliche Zivilisation zu zerstören …, legt Luk Perceval den Finger in eine Wunde, die längst noch nicht vernarbt ist. Nationalsozialismus in Belgien, darüber weiß man hierzulande wenig. Belgien war neutral, doch griffen im Mai 1940 die nazideutschen

Truppen an; nach der campagne des 18 jours ergab sich die belgische Armee bedingungslos. In „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“ beschäftigt sich Perceval nun mit der Kollaboration seiner Landsleute mit den Nationalsozialisten und damit gleichsam mit dem bis heute schwelenden Konflikt der Wallonen mit den Flamen.

„Yellow“ ist der zweite Teil von Percevals nach den Farben der belgischen Nationalflagge benannten Trilogie, Teil eins „Black“ befasst sich mit den Kolonialverbrechen Belgiens im Kongo, Teil drei „Red“ wird von den aus Brüssel stammenden IS-Attentätern handeln. Und weil der flämische Regisseur die Koproduktion des NTGent mit dem Landestheater Niederösterreich nicht vor leeren Sitzreihen streamen wollte, hat er sein Theaterprojekt in einen Film verwandelt, zu sehen noch bis Sonntagabend und wieder ab 19. März auf www.landestheater.net oder www.ntgent.be/en. Gesprochen wird flämisch, französisch, deutsch und englisch; mit deutschen Untertiteln.

Zwei alte Männer also, der eine sitzt an einem Billardtisch mit abgesägten Beinen und studiert Fotos, Briefe, verlesen, gelesen wird viel in dieser Produktion, der andere hinter ihm sagt etwas, unhörbar, seine Stimme geht im melancholischen Yellow Waltz von Sam Gysel unter, die Kamera von Daniel Demoustier ist hart daran, die Gesichter zu rammen. „Jef? Jef?”, stammelt der Mann am Tisch, Peter Seynaeve als dessen Vater Staf, gleich wird er mit sich überschlagender Stimme Parolen deklamieren, das Bild wird schwarzweiß, man ist in den 1940ern – bei jenen Flamen, die sich als Deutsche sehen, als Teil der „germanischen Rasse”.

Nach dem Text von Autor Peter van Kraaij verfolgt Perceval das Schicksal der von Hitlers Reden entflammten flämischen Familie Goemmaere. „Der Führer lässt Flandern wieder an der Geschichte teilnehmen”, ist man überzeugt. Wallonen gegen Flamen, das hat was von Kain und Abel, die Französischsprachigen werden seit Jahrhunderten, genauer seit 1302 als ein bäuerliches Infantrieheer einer französischen Ritterarmee gegenüberstand, als Unterdrücker betrachtet. Jetzt ist der Glaube an Gott und das Tausendjährige Reich geweckt. Staf hat Sohn Jef mit der Flämischen Legion, Freiwilligen der Waffen-SS, in den Kampf gegen die Sowjets geschickt. Staf selbst ist Mitglied der Dietse Militia des Rechtsnationalisten Jef François, Tochter Mie bei den Dietse Meisjesscharen und Priester-Onkel Laurens ein fanatischer Faschist.

Einzig Stafs Bruder Hubert hält sich von der Hurra-Stimmung fürs NS-Regime fern, eine Hurra-Stimmung, eine Kriegsbegeisterung, die im Laufe der kommenden zwei Stunden mehr und mehr zu Kadavergehorsam wird, geschildert dies alles ohne moralische Gehässigkeit, das „Heil!” auf dem Heldenplatz kam den Menschen um nichts weniger enthusiastisch über die Lippen als hier den Flamen, alldieweil sich Mutter Marije, Chris Thys, um ihren Sohn, der qua einer Andeutung auch Huberts sein dürfte, die Augen ausweint.

Seynaeve, Van Rompay, Wildemeersch, Kelz und Thys, vorne: Luk Perceval. Bild: © Maria Shulga

Strammer „Deutscher Gruß“: Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz und Valéry Warnotte. Bild: © Fred Debrock

Seynaeve, Van Rompay, vorne: Wildemeersch und Kelz, Warnotte und Thys. Bild: © Maria Shulga

Perceval lässt die Kamera seinen Schauspielerinnen und Schauspielern die meiste Zeit eng auf den Leib rücken, arbeitet mit Close-ups und Intercuts; mit allen ästhetischen Mitteln will Perceval, dass sich sein Film von der für nach Corona geprobten Bühnenfassung unterscheidet; ein sphärischer Soundtrack wabert durch den Genter Theaterraum, der Billardtisch ist bald eine zweite Spielebene; die Fahnen, die wehen, sind weiß wie die der ethischen Kapitulation, die Rekapitulation einer historischen Desillusionierung – im emblemlosen Flaggenwald geht’s so zackig zu, „Deutscher Gruß” und deutsche Disziplin, dass diesbezüglich keine Fragen offenbleiben.

Fast schon wähnt man den Regisseur in satirischer Distanz zu seinen Figuren; wie in einem abstrakten Leo erscheinen Valéry Warnotte als Léon Degrelle, Gründer der faschisten Bewegung Rex – siehe Stücktitel – und Aktiver in der Wallonischen Legion, Warnotte als Demagoge und Phrasendrescher der Inszenierung, und als Österreich-Import Obersturmbannführer Otto Skorzeny, dem der Mythos der Mussolini-Befreiung zu einiger Berühmtheit verhalf. An diesen real existiert habenden Charakteren dokumentiert Perceval scheint’s die absurde Groteske von Geschichte.

Die beiden Alt-Nazis, so viel zum „Fangen spielen”, werden einander später im Spa, nicht Belgien, sondern mit Bademantel und Wellnesscocktail in Spanien und in Farbe begegnen. Der nunmehrige „José de Ramirez Reina” und der Firmenvertreter für Nivea und die Voest haben sich vom gefallenen „Führer” unter Francos Fittiche gerettet, um dem Diktator beim Machterhalt zu helfen und in Skorzenys Fall – „Ich will doch nicht enden wie Eichmann!” – Waffengeschäfte mit dem Mossad zu machen. Eine Episode, unglaublich, doch historisch belegt, die zu den besten des Films gehört; die Freunde überbieten sich in Hitler-Anekdoten: „He was such a nice guy!”

Doch noch ist es nicht so weit. Philip Leonhard Kelz, Ensemblemitglied des Landestheaters, agiert, agitiert sich als Otto Skorzeny in den Mittelpunkt des Geschehens. Mit dem Laurens von Oscar Van Rompay übt er ein Burschenschafter-Duell, das ins Homoerotische entgleitet, bei einem lasziven Tänzchen wird er sich an die Mie von Lien Wildemeersch schmiegen, Kelz ganz Stimmungsmacher, Spielmacher, geschmeidig wie die Schlange der Versuchung – er, der offensichtlich weiß, was gewesen sein wird, und seine Schilderungen in Vergangenheitsform setzt.

Wenn er als „überzeugter Europäer” von „sozialer Gerechtigkeit” spricht, werden die Floskeln aus der falschen Ecke zeitgemäß. In diesem vielschichtigen Spiel, in dem sich keiner schont, fügt sich Kelz mit seiner starken, in schönster Verschmitztheit das Österreichertum ausstellenden Performance nahtlos ins Genter Ensemble ein. Der Flamen-Clan saugt Skorzenys Heilsversprechen gierig auf, der Kamerazoom zeigt die Gesichter erwartungsvoll, stolz, euphorisch, Marijes unter Tränen – und hassverzerrt wie die Fratzen in Hieronimus Boschs „Christus trägt das Kreuz”, das im Museum für Schöne Künste in Gent hängt.

Vor allem Lien Wildemeersch als Mie schafft es, dass man auf deren blindwütige Gläubigkeit zunehmend zornig wird, und Oscar Van Rompays Laurens mit seinen vor religiöser Extase aufgerissenen Augen. Der Russlandfeldzug, er ist ein Heiliger Krieg, die Soldaten Kreuzritter für „unsere Zivilisation”. „Flandern frei! Und für Belgien nix!” wird skandiert. Bis das nationalistische Narrentreiben und sein schwärmerischer Rassismus von ersten Frontberichten gestört werden.

Chris Thys, Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Maria Shulga

Oscar Van Rompay, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Gleich Eva und der Schlange der Versuchung: Philip Leonhard Kelz und Lien Wildemeersch. Bild: © Maria Shulga

Van Rompay, Seynaeve, Warnotte, Thys, Shulga und Wildemeersch. Bild: © Fred Debrock

Die Briefe also. Sie kommen von Jef, dem stillen Bücherwurm, der nach Stafs Willen im Schützengraben zum Mann geschmiedet werden soll, und Aloysius, der Mie von den Meisjesscharen als Korrespondenz-Kamerad zugeteilt wird, eine Nahebeziehung in Worten, die von Kelz und Wildemeersch mit Körpernähe und Mut zur Initimität als elegische Liebesfantasie ausgelebt wird. Jefs Post spricht eine andere Sprache, weit und breit kein flämischer Offizier und die Flamen von der Herrenrasse auf Französisch angebrüllt; Grausamkeiten, Gräueltaten und die Abstumpfung dagegen kriegen beim Lautlesen eine seltsame Intensität – eine Poesie des Schreckens.

Briefe kommen auch von Bert Luppes’ Hubert. Der hat die geflohene Wiener Jüdin Channa, Maria Shulga, versteckt, wird entdeckt und entkommt mit ihr nach Antwerpen. Gleich Skorzeny erzählt auch Channa Vergangenes, das charmante, leichtlebige Wien, das sich nicht er- sondern hingegeben hat, ihr Verlobter, dessen Mutter sie anflehte ihn freizugeben, damit er nicht in die Fänge der Gestapo gerät, Hubert in seinen Schreiben von Zerstörung, Hunger und der Polizei, die „für eine neue Aufgabe” ausgebildet wird. Channa wird deportiert werden, „nach Osten, Jef hinterher”, kommentiert Hubert zynisch.

Da hat Familie Goemmaere ihre Verblendung längst erkannt. Schnee fällt auf Front und Familiengeheimnisse, ein unbekannter Fronturlauber bringt Nachricht von dort – und der Wahnsinn greift um sich. „Yellow”, dieser bedächtige, andächtige Film, dessen Melancholie eben noch in Lethargie kippte, wird von Geschrei und Sirenengeheul zerschnitten. Kelz kiert konsonatenknatternd im Hitler-Ton, Mie, als Krankenschwester im Lazarett, schnappt angesichts der vielen Versehrten allmählich über.

Szene um Szene montiert Luk Perceval zu seiner Collage, diese teils pathetisch, teils bizarr, immer leidenschaftlich, mit stilisierter Action und den Mitteln des Körpertheaters, didaktisch – Prädikat: wertvoll. Seine filmisch extrem präsenten, expressiv agierenden Darstellerinnnen und Darsteller schultern mit Verve das Paradoxon ein Chor monologierender Stimmen zu sein. Ihr Spiel ist im besten Sinne der Bedeutung sinnlich.

Zum Schlussakkord gehört Hubert, der nach dem Krieg Wien besucht, Museum rein, Museum raus, und raus zum Zentralfriedhof, dem jüdischen Teil. Dutzende Grabstätten, aber sehr viel freie Fläche. Ein Symbol. Hier sei von jüdischen Familien Land gekauft worden für Gräber, die es nun nicht mehr gibt, meint Hubert. Zum Schlussakkord gehört Laurens im Gefängnis. „Geduld”, sagt er. „Geduld, meine Seele, die Saat keimt noch nicht.”

Zu streamen bis Sonntagabend und wieder am 19. März ab 20 Uhr für 48 Stunden. Nach Wahl mit deutschen Untertiteln. Tickets: 12 €. In Gent hofft man die Produktion noch im Mai live zeigen zu können. Vorstellungen im Landestheater Niederösterreich sind für Herbst 2021 geplant.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=pOC9NaqoKYA           vimeo.com/519872206           Interview mit Dramaturgin Margit Niederhuber: www.youtube.com/watch?v=D-aHuHj_VpI            Dreharbeiten: vimeo.com/516221812           vimeo.com/519039163           www.landestheater.net           www.ntgent.be/en          www.lukperceval.info

  1. 3. 2021

Gärtnerplatztheater Live-Stream: Viktoria und ihr Husar

Januar 18, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Reinprecht, Prohaska, Lesiak und Ellers

Viktoria und ihr Husar: Ensemble und Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Bild: © Christian POGO Zach

Am 23. Jänner, 19 Uhr,  wird die Operette „Viktoria und ihr Husar“ in der Inszenierung von Staatsintendant Josef E. Köpplinger als Live-Stream aus dem Münchner Gärtnerplatztheater zu sehen sein. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz wird dirigiert von Tobias Engeli, in den Hauptrollen sind die Gastsolisten Daniel Prohaska und Alexandra Reinprecht zu erleben.

Der Live-Stream der Spielzeitpremiere ist kostenfrei auf der Website des Theaters www.gaertnerplatztheater.de abrufbar. Zum Inhalt: Der ungarische Husarenrittmeister Stefan Koltay befindet sich nach dem Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft und wartet auf seine Hinrichtung. Doch es gelingt ihm die Flucht, und über Japan will er zurück in seine Heimat und zu seiner Geliebten Viktoria gelangen. Viktoria, die Koltay tot glaubt, ist mittlerweile jedoch die Gattin des amerikanischen Gesandten Cunlight, mit dem sie in Tokio lebt. Dort trifft das einstige Liebespaar wieder aufeinander …

Als am 21. Februar 1930 die Uraufführung von „Viktoria und ihr Husar“ am Hauptstädtischen Operettentheater Budapest über die Bühne ging, war die große Operettenära bereits vergangen, Revue-Theater und Kinofilm hatten sich das Unterhaltungsmonopol gesichert. Mit einer gekonnten Synthese zwischen Exotismus, ungarischem Kolorit, teils filmischer Dramaturgie und amerikanischen Jazz-Klängen gelang es Paul Abraham und seinen Librettisten Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, die Gattung neu zu beleben.

Peter Lesiak und Susanne Seimel. Bild: © Christian POGO Zach

Josef Ellers und Katja Reichert. Bild: © Christian POGO Zach

Alexandra Reinprecht und Daniel Prohaska. Bild: © Christian POGO Zach

Mit Daniel Prohaska als Stefan Koltay und Alexandra Reinprecht als Viktoria sind als wienbekannte Solistinnen und Solisten zu sehen: Peter Lesiak als Graf Ferry, Josef Ellers als Janczy, Gunther Gillian als Leutnant Petroff und Erwin Windegger als Cunlight.

 www.gaertnerplatztheater.de

18. 1. 2021