Theater in der Josefstadt: Der Boxer

Januar 30, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer die Wahl, Nein zu sagen

Gregor Bloéb (am Boden liegend), Peter Scholz, Raphael von Bargen Bild: Erich Reismann

Gregor Bloéb (am Boden liegend), Peter Scholz, Raphael von Bargen
Bild: Erich Reismann

Ehrlich? Es fällt schwer über den Abend etwas zu schreiben. Man ist so zwiegespalten, wie die Inszenierung von Stephanie Mohr, die – nicht nur durch die Pause – in zwei Hälften zerfällt. Die ausgezeichnete Regisseurin hat das jüngste Werk des wunderbaren Dramatikers Felix Mitterer im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht. Und dennoch fliegt im ersten Teil kein Funke ins Publikum. Mitterer erzählt wie immer eine Geschichte von höchster Wichtigkeit. Über den Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann, dem, weil Sinto, die Nazis den Meistertitel aberkennen. „Wegen undeutschen Boxens“. Das ab sofort Faustkampf heißt. Es folgen Zwangskastration, Zwangsscheidung von der „arischen“ Ehefrau, Fronteinsatz in Russland samt Verwundung, KZ, Schaukämpfe dort, Tod.

Ein Champion im freien Fall Richtung Lehmgrube. Ein Tänzer, dessen Leichtfüßigkeit Frauen rund um den wie Gegnern im Ring die Sinne raubt. Ein arroganter Charmanter, der sich seiner sportlichen Überlegenheit bewusst ist, die Nächte in Jazzclubs bei Champagner verbringt. So frech, dass er sogar als Parodie der „deutschen Eiche“ mit blonder Perücke den Kampfplatz betritt. Rukeli war berühmt dafür, über das oberste Seil in die Arena zu springen, nicht zwischendurch zu „kriechen“. Auf seiner Hose stand stolz „Gypsy“. Stephanie Mohr hat sich das „Drama“, das Theatralische, die Show, Glanz und Glamour des Boxsports nicht erschlossen. Damit beraubt sie Rukeli um eine von Mitterer durchaus vorgezeichnete Farbe seines Charakters. Sie hat den Boxring an den Nagel, heißt an die Wand gehängt. Lässt Sandsäcke runter, die im Gegenlicht wie Geister von Gehenkten hängen, später auch als Tote dienen werden – aber doch nur fürs Schattenboxen gut sind. Andererseits: Zeige einer, wie Boxen am Theater geschmeidig darzustellen sein soll. Um viel mehr schade ist es, dass dieser erste Teil der Geschichte bis inklusive Russlandfront, Besuche bei der Familie, die ihrerseits wieder vom Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle, Dr. Robert Ritter, untersucht wird, im Schnelldurchlauf verhandelt wird. Erst im zweiten Teil, im KZ, wird die Inszenierung so beklemmend dicht, so klaustrophobisch, so „echt“, wie man es von der Mohr erwartet. Ein Kammerspiel, in dem der Wolf von seinem Lieblingshäftling erwartet, sich in seinesgleichen zu verwandeln. In einer Mördergrube, in der der Menschlichste das Menschsein lässt. In diesen Momenten ist Mohrs Arbeit intensiv. Schmerzhaft. Und Gregor Bloéb ihr Schmerzensmann.

Bloéb wächst als Rukeli über sich hinaus, zeigt mehr Nuancen seines schauspielerischen Könnens, als vielleicht jemals zuvor. Ist ein liebendes, liebenswertes, lebenslustiges Mannsbild, dem all das genommen wird, bis er schreit, wie das Vieach, das man aus ihm gemacht hat. Raphael von Bargen ist ihm als Reinhard Wolf sowohl als Boxer als auch später als Lagerkommandant ein ebenbürtiger Gegner/Partner. Wie ein Schießhund hat er sich in seine Beute verbissen, einer, der sich hart antrainieren muss, was dem anderen anscheinend zufliegt. Und der eine eigene Geschichte mit der Lehmgrube hat. Dass ihn am Ende der Wahnsinn umzingelt, ist kein Wunder. Matthias Franz Stein ist Rukelis schmächtiger Bruder Stabeli, der von Auschwitz als Geisel in die Lehmgrube gebracht wird. Sein Leben für einen Boxkampf. Sein Leben für die Entfachung des Überlebenstriebs. Eindrücklich die Szene, in der Rukeli auf einen schon am Boden liegenden Sandsack-Gegner eindrischt, vom Bruder, der dabei aus dem Blechnapf frisst, angefeuert: Mach‘ ihn fertig! Zwei gegen einen, auf den dann der Todesschuss wartet. Friss oder stirb. Eine Glanzleistung legt Peter Scholz als Polizist Heinz Harms hin. Nie weiß man, was man von ihm halten soll. Scholz verkörpert den Typ Mitläufer wie eine Fallstudie. Verzweifelt, aber zweifelt nie an Befehlen. Hat bei aller Leutseligkeit schnell den Knüppel zur Hand. Singt „Komm, Zigan“ aus der „Gräfin Mariza“. Er überlebt. Natürlich. Sie überleben in der Regel.

Dominic Oley ist als Dr. Ritter der Teufel in Menschengestalt, ein freundlich lächelnder Herrscher über Leben und vor allem den Tod. Die Familie Trollmann besteht aus Elfriede Schüsseleder, die als Mutter die Zigeunerbaroninklischees zu tragen hat, während „Vater“ Michael König mit Gamshut sein Deutschtum unter Beweis stellen will. Der ehemalige Burgschauspieler ist ein Gewinn für die Josefstadt. Hilde Dalik spielt Rukelis Frau Olga, Ljubiša Lupo Grujčić seinen Bruder Carlo. Die Trollmanns berichten vom Unberichtbaren in den Worten von Ceija Stojka. Da ist Rukeli schon mehr Jenseits. Sie haben ihn erschlagen, weil er nicht mehr zuschlagen wollte. Keine Hinrichtungen nach von ihm gewonnenen Fights mehr wollte. Er lehrt etwas stets Gültiges: Man kann immer Nein sagen.

www.josefstadt.org

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=-RGlaSnb8Oo&feature=youtu.be

www.mottingers-meinung.at/felix-mitterer-und-stephanie-mohr-im-gespraech

BUCHTIPP: Felix Mitterer: Der Boxer, Theaterstück, 104 Seiten, Haymon Taschenbuch, mit einem Nachwort von Marie-Luise Ramos-Farina. Felix Mitterer erzählt Johann „Rukeli“ Trollmanns Lebens- und Leidensweg stellvertretend für den vieler Roma und Sinti, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Wien, 30. 1. 2015

Theater in der Josefstadt: C’est la vie – Eine Revue

September 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Peter Turrinis Herzbluttext mit viel Liebe dargebracht

Marcello De Nardo, Hilde Dalik, Thomas Mraz, Erich Schleyer, Wolfgang Schlögl, Susanna Wiegand Bild: Erich Reismann

Marcello De Nardo, Hilde Dalik, Thomas Mraz, Erich Schleyer, Wolfgang Schlögl, Susanna Wiegand
Bild: Erich Reismann

Da stand er also, der Turrini Peter auf der Josefstädter Bühne, ließ tosenden Applaus und ein Geburtstagsständchen des Publikums über sich hinwegfegen. Keiner kann so wie er dichterfürstisch verlegen über den Brillenrand lugen. Ja, huldigt mir, aber ein bissl peinlich ist es schon. Also werden Darsteller und Team flugs noch einmal herausgewunken, da kann man in der Menge untergehen. Dass Direktor Herbert Föttinger nicht in seiner üblichen Loge saß, lässt darauf schließen, dass er während der Uraufführung irgendwo hinten mit Autorenhandhaltung beschäftigt war. Jetzt sei doch endlich nimmer lampenfiebrig, du theatralischer Fieberkopf. Alle, alle lieben dich. Aber es ist wohl gerade das, das dich erschreckt …

Peter Turrini hat sich mit „C’est la vie – Eine Revue“ wieder einmal neu erfunden, nur um er selbst zu bleiben. Das ist ihm vergangene Saison schon gelungen www.mottingers-meinung.at/aus-liebe-am-theater-in-der-josefstadt/, und nicht unwitzig, hatte der Nestroypreisträger in seiner „Lebenswerk“-Rede doch über die Auswüchse seines Nachwuchs gelästert, niemand, der noch Dialoge schreiben kann, alles Textflächenablieferer, Regisseur bleib‘ bei deinen Leisten und führe mich in meiner Gesamtheit auf … Nun legt er knapp vor seinem 70. Geburtstag eine Art Bühnenbiografie vor. 94 Stellen, Sorten von Texten, Gedichten, Tagebuchstellen, Briefauszügen, Passagen aus Gesprächen. Ein Lebens-Lauf, von dem Lebensmensch Silke Hassler sagt: „Verfallen Sie nicht in den Irrtum, dem Dichter Peter Turrini alles über den Dichter Peter Turrini zu glauben.“ Ein so wahrer wie unwahrer Satz, weil hier ein Jedermanns Künstlerschicksal, haha, ein Übers-Theater-Text durch die Eckpfeiler von Turrinis Leben getragen wird. Manches so intim, dass es weh tut, übertüncht mit launiger Selbstverletzungsabwehr-Anekdotenhaftigkeit, Lachen, bis einen – das Wort ist vom Peter gelernt – die „Arschlöcherei“ des Lebens wieder einholt. So kommt er wunderbar poetisch von Kindheitswünschen zu Erwachsenenträumen, der dicke Kärntner Tischlerbub mit dem Katzlmacher-Vater, vom Abenteuer am Busen der Nachbarin ans Volkstheater, vom Kennenlernschock Lampersberg-Artmann-Bernhard in die Psychiatrie. Von „Rozznjogd“ über „Sauschlachten“ zur „Alpensaga“. Immer schön tragi- bis komisch. Ein Buch, bereits bei Amaltea erschienen www.amalthea.at, ein Muss, wieder und wieder und wieder darin zu versinken.

Nun aber mussten die Wortbrücken und Satzbauten auf die Bühne. Und hier gilt das Hurra! Regisseurin Stephanie Mohr, die die Versatzstücke als Pfand in ihre Hand nahm, Turrinis Herzbluttext in einen wärmenden Mantel der Liebe hüllte und daraus eine Aufführung zum Niederknien schuf. Allein das Bühnenbild von Miriam Busch: ein Zimmer, vollgestopft bis zum Plafond, einerseits in der Kleinhäuslernachkriegszeit stecken geblieben, mit Uralt-Fernsehapparat, Kirchenfenster, Madonna und Turrini-Büste mit Magritte-Melonen, ein Schauwert-Sammelsurium als sei’s von Alois Mosbacher, andererseits Turrinis niederösterreichische Niederlassung mit Aktenordnern wie in der Schreibwerkstatt überm Hof und dem Küchentisch, an dem Gäste, die Glück haben, mit Familienrezeptpasta bewirtet werden. Eine solche wird denn auch gekocht. Dazu gibt’s Live-Musik von Wolfgang Schlögl, der ebenso auch Mitspieler ist, wie Souffleuse Monika Steidl. Ein (Ab-?)lebensgedicht, eine lyrische Hinterbliebenenverfügung, einen morbiden Depressionsmoment des nach einer schweren Operation Rekonvaleszenten hat Mohr vom Schluss in die Mitte verlegt.

Wenn ihr ruft, ich soll doch bleiben / schmerzerfüllt sei euer Herz, /

ach, ich tanz mit wilden Sprüngen himmelwärts.

Sonst hat sie alles original ins Können ihrer One in Five (um Jim Morrison zu zitieren) übertragen. Hilde Dalik, Marcello De Nardo, Thomas Mraz, Erich Schleyer und Susanna Wiegand turnen von Eros zu Thanatos, von der Wiege bis zur Bahre, spielen, wo’s eigentlich nichts zu spielen gibt, mit erfreulichster Bühnenpräsenz; auch wenn sie gerade nicht am Wort sind, hat hier jeder was zu tun – Paradeiser würfeln, Schreibmaschine malträtieren, Schultaferln mit Pfui-Ausdrücken beschmieren. Das Fünfgewürz macht die Buchstabensuppe zum Gourmettheater. In schwarzen „Godot“-Anzügen und mit den Büsten-Melonen sind sie gleich und könnten ungleicher nicht sein. Schleyer, der wunderbare Erzähler, tut ein wenig auf Oberlehrer. De Nardo, dem die Geschichte aufgrund seiner eigenen am meisten und am nächsten liegt, und Mraz (nebenbei ein wahrer Dancing Star ;-)) agieren wie bei der Geburt getrennte Zwillingsturrinis. Susanna Wiegand lässt sich auch bei einer Onaniergeschichte vom Oberlehrer nicht unterbrechen, Hilde Dalik sprüht vor Freude und glänzt im Unglück. Sie alle haben sich den Text nicht angeeignet, nicht verinnerlicht, sie SIND der Text. Bravo! Dazu übt man sich im Kärntner Dialektsingen, trällert Ti Amo und intoniert das italienische Partisanenlied Bella Ciao.

Alles Leben und Sterben ist … Bühne. No One Here Gets Out Alive.

Zum Schluss wünscht sich Turrini von seiner Liebsten einen „geilen Strip“. Tschuldige, aber dazu ist jetzt keine Zeit. Die beiden schreiben nämlich gerade das Finanzverbrechenstück „Die Spekulantenkomödie“. Das wollen wir nächste Saison sehen!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DrJusIANmW0

TIPPS:

25. September: Lesung mit Herbert Föttinger und Peter Turrini: H.C. Artmann „how much, schatzi?“

www.josefstadt.org/programm/stuecke/action/show/stueck/how-much-schatzi.html

26. September: Österreichische Filmpremiere / Uraufführung: „Peter Turrini. Rückkehr an meinen Ausgangspunkt“. Ein Dokumentarfilm mit Peter Turrini von Ruth Rieser.  Titelgebender „Ausgangspunkt“ des Films über und mit Peter Turrini, der am Tag der Filmpremiere seinen 70. Geburtstag feiert, ist der Tonhof in Maria Saal. Hier führte in den 50er und 60er Jahren das Künstlerpaar Maja und Gerhard Lampersberg ein offenes Haus für „völlig unbekannte Kunst-Irre“, wie es Turrini im Laufe des Filmes einmal nennt – von Thomas Bernhard bis Christine Lavant u.v.a.m.  Für den 15jährigen Turrini war der Tonhof in seinem Kärntner Heimatort ein magischer Ort, sein „erstes Zuhause – Labor, Enklave, Wiege der österreichischen Nachkriegsliteratur“. Die Schauspielerin und Filmemacherin Ruth Rieser verkörperte bei der Uraufführung von Turrinis Tonhof-Stück „Bei Einbruch der Dunkelheit“ in Klagenfurt die Claire. In ihrem bildmächtigen, ruhigen Dokumentarfilm lässt sie den Dramatiker Turrini zu Wort kommen – nachdenklich, offenherzig, liebevoll. Ohne Ressentiment oder Voyeurismus wird im Gespräch behutsam dem Herzschlag des Tonhofes und seiner mittlerweile verstorbenen Hausherren nachgespürt. Dabei wird der heute 70-jährige Peter Turrini auch als aufmerksamer Freund der Jugend sichtbar, als einer mit feinem Sensorium für das Jetzt. Neben den Bildern des Ortes und des Hofes verdichten stimmungsvolle Lesungen im Tonhof-Stadl und in den nahezu unveränderten Zimmern des Hauses diesen Dokumentarfilm zu einem außergewöhnlich persönlichen Porträt Peter Turrinis.

Das Theater lädt ein: Gratis-Zählkarten/freie Platzwahl. Generelle Kartenausgabe ab 19. September.

www.josefstadt.org

Wien, 18. 9. 2014

10 Jahre Dschungel Wien: Die ganze Stadt ist Bühne

August 29, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Programm 2014/15  und ein Ausflug in die Seestadt

DSCHUNGEL WIEN 10 JAHRE_quer (c) Ina Hristova550.000 Zuschauer und 7.500 Veranstaltungen: Im Kulturangebot der Stadt Wien für junge Menschen ist der Dschungel Wien nach zehn erfolgreichen Jahren als Theaterhaus für junges Publikum eine fixe Größe im Herzen der Stadt, die nicht mehr wegzudenken ist. Dschungel Wien feiert seinen 10. Geburtstag mit einem außergewöhnlichen Saisonstart: die ganze Stadt wird zur Bühne! Von den barocken Dachböden des MuseumsQuartiers über die neue Begegnungszone Mariahilferstraße und das Wiener Landesgericht bis hin zum größten Stadtentwicklungsprojekt Wiens – der Seestadt Aspern. Dschungel Wien feiert sein Jubiläum in, und vor allem mit der ganzen Stadt.

Die „neuesten“ StadtbewohnerInnen Wiens begrüßt Dschungel Wien in der Seestadt Aspern am 6. September. Die größte Baustelle Österreichs und mittendrin das Theaterhaus für junges Publikum: Dschungel Wienn gastiert mit seiner mobilen dritten Bühne, dem Dschungel Bus, sowie 3 Produktionen, 3 kostenlosen Workshops und einem Konzert auf Wiens größter Kulturbaustelle. http://meine.seestadt.info/der-sommer-in-der-seestadt/

Mit „The Making of Österreich“ (ab 15 Jahren) werden die langen Raumfluchten des MQ Dachbodens erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Austrofred und Kollegium Kalksburg präsentieren ab 18. September eine musikalische Revue basierend auf dem weltbekannten Film „The Sound of Music“. Auch ein  geheimer Winkel des MuseumsQuartier wird zum Saisonstart zur Bühne: „Die eine im Park“ (ab 6 Jahren), ein Outdoor-Theater zum Thema Obdachlosigkeit, ist ab 19. September als Uraufführungsproduktion zu sehen.  Ende September wird der Dschungel Wien zum „GroßstadtDschungel“. Von 25. bis 28. September wird an 4 Tagen mit gratis Konzerten und Workshops, mit Performances, Videoinstallationen, Theater, Tanz und Musik das 10-jährige Jubiläum gefeiert. Die Veranstaltung bildet den Abschluss des MQ summer of sounds. Die Höfe rund um das Theaterhaus, das Theaterhaus selbst sowie die Mariahilferstraße werden Teil eines großen Ganzen. Die normalerweise verschlossenen hinter-, not- oder versteckten Ausgänge und Fenster des Dschungel Wien werden allesamt geöffnet. sie werden zu Schleusen, durch die es die BesucherInnen von Wiens erster Begegnungszone, der Mariahilferstraße, in ihr „städtisches Wohnzimmer“ zieht. Afrikanische Gruppen wie IYAsA sind seit 10 Jahren fixer Bestandteil des Programms. In Zusammenarbeit mit Theater- und Tanzgruppen aus Südafrika sowie der südafrikanischen Botschaft steht dieser Kontinent im Zentrum. Den Abschluss der 4-tägigen Feier bildet der große Familientag. Von früh bis spät findet ein Fest für die ganze Familie statt.

Josefstadt-Schauspielerin Hilde Dalik, auch bekannt aus Kinoerfolgen wie „Die Werkstürmer“ sowie Michael Ostrowski als Improvisations- und Textcoach, wagen sich mit „Romeo und Julia – freestyle“ (ab 14 Jahren), der zweiten Uraufführung der Saison, an ein besonderes Projekt: Jugendliche mit Fluchterfahrung im Alter von 16 bis 21 Jahren stehen gemeinsam mit professionellenSchauspielerInnen auf der Bühne. Im Zentrum stehen hierbei die ganz persönlichen Geschichten der jungen DarstellerInnen in Bezug auf die mit dem Stoff verbundenen Themen wie Liebe und Hass, Freundschaft und Feindschaft. Von Breakdance bis zu traditionellem Tanz, von afghanischen Volksweisen bis zu Pop, von Deutsch über Englisch bis hin zu Dari und Paschtu – sowohl Tanz als auch Gesang bzw. Sprache spielen ganz entscheidende Rollen in dieser Annäherung an den weltberühmten Theaterstoff. Premiere ist am 5. September.

Seit nunmehr 10 Jahren ist Dschungel Wien auch ein Tanzhaus für junges Publikum. Die Wichtigkeit des Mediums „Tanz“ wird gleich zu Beginn der neuen Spielzeit unterstrichen. Eröffnet wird die 11. Saison  am 4. September mit der Uraufführung der Tanztheaterproduktion „ich gegen mich“ (ab 12 Jahren). Steffi Jöris, Tänzerin des fixen KünstlerInnen-Teams, inszeniert, choreografiert und tanzt die Achterbahn der Emotionen eines Kindes auf dem Weg zum Erwachsenen. Ab sofort können Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 19 Jahren in 10 Clubs über den Zeitraum eines Schuljahres Tanz oder Theater ausprobieren, ihre Kreativität entfalten, aktiv künstlerische Erfahrungen sammeln und interessante Begegnungen erleben.

Schule schwänzen im Dschungel Wien: Um die Wichtigkeit kulturell-künstlerischer Bildung pointiert in den Fokus zu rücken, hat Dschungel Wien zum 10. Geburtstag die Initiative Bühne(n)frei gestartet. OberstufenschülerInnen einzelner Schulen können einmal im Semester während des Unterrichts ins Theater gehen. Wer während des Unterrichts Lust auf spannendes Theater hat, kann spontan für einen Sonderpreis eine Vorstellung im Dschungel Wien besuchen – allein oder zu zweit. Nach der Vorstellung gibt es eine offizielle Entschuldigung für die Schule.

www.dschungelwien.at

Wien, 29. 8. 2014

Theater in der Josefstadt: „Hochzeit auf Italienisch“

Oktober 4, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tempo, Tollheit und viel Temperament

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana) Bild: © Sepp Gallauer

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana), Siegfried Walther (Alfredo)
Bild: © Sepp Gallauer

Ach, jetzt noch Pesce all’Acquapazza oder eine Portion Involtini di carne di bufala mit Sformato di Zucchine, dazu ein ehrlicher Taurasi – und das Glück wäre perfekt. Für die Dolci haben Sandra Cervik und Herbert Föttinger ja ausreichend gesorgt. Er diesmal nicht in seiner Funktion als Josefstadt-Direktor, sondern in der Rolle des neapolitanischen Süßwarenfabrikanten Domenico Soriano. Sie, weil sie als „Filumena Marturano“ (so der eigentliche Titel der Theatertragikomödie von Eduardo De Filippo aus dem Jahr 1946) edelzartbitter zu Tränen rührt. „Hochzeit auf Italienisch“ – 1964 von Vittorio De Sica mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni verfilmt – hält das Künstlerehepaar nun auf der Bühne. Ein vorprogrammierter Publikumserfolg. Der Garant für ein volles Haus. Völlig zu Recht. Denn die Inszenierung vom hauptberuflichen Theater-der-Jugend-Chef Thomas Birkmeir ist entzückend. Unter anderem oder vor allem, weil er als Regisseur das Tragi- genauso ernst nimmt wie das -komische.

Der Inhalt: Vor 25 Jahren hat Domenico die Dirne Filumena kennengelernt und, der Stammkundenschaft überdrüssig, sie in sein Haus genommen. Die in mehrfacher Hinsicht wilde Ehe bringt’s mit sich, dass Filumena Domenicos demente Mutter pflegen, den Haushalt und bald auch die Geschäfte führen muss. Der feine Herr nämlich treibt sich lieber in der Weltgeschichte herum, um’s zu treiben. Doch nun plötzlich soll die Ex-Prostituierte weg. Domenico will seine blutjunge Sekretärin Diana heiraten. Filumena wird „sterbenskrank“, erzwingt auf dem Totenbett die Eheschließung – und feiert mit Ring am Finger und der Plünderung des Eiskastens fröhliche Auferstehung. Domenico schäumt. Will die sofortige Annullierung des Bundes. Doch Filumena hat noch ein Ass im Ärmel. Das heißt: Eigentlich drei. Söhne. Und einer davon ist Domenicos …

Herbert Föttinger passt die Figur des „Mimi“ Soriano wie eine zweite Haut. Jedes Klischee über italienische Männer sitzt. Changierend zwischen Muttersöhnchen (wunderbar, wie er sich mit einem Aufschrei auf ihren Sarg wirft oder später die „heilige“ Verstorbene auf Knien um Beistand gegen Filumena anfleht) und knallhartem Macho, elegant tänzelnd, weniger elegant keifend, mittelschwer hypochondrisch, ebenso hysterisch, ein Herrenschuhfetischist, ein Maulheld, aber ein anrührender. Nicht umsonst wird er von Filumena so heiß geliebt. Diese, das „alte, angestaubte Möbelstück“, spielt Sandra Cervik nach ihrer fulminanten „Sterbeszene“ mit beinah immer stoischer Ruhe – manchmal greift sie auch zum Küchenmesser. Ihre Filumena ist ernsthafter, ehrlicher, ehrbarer als der Rest der Gesellschaft. Eine, die aus der Gosse wollte, und im Leerlauf der Versprechungen endete. Zynisch kommentiert sie die von De Filippo festgeschriebene Sozialkritik, wenn sie das reiche, verzogene, ergraute Bürschen entspannt, die Hühnerhaxn in der Hand, filetiert. Sie hat den Spieß umgedreht – in einer Zeit, in der es noch keine DNA-Tests gab, aber das Blatt wird sich noch einmal wenden … Als sie sich ihren Söhnen erstmals als das präsentiert, was sie ist, ihnen dabei nicht ins Gesicht sehen kann, hat Cervik die stärkste Szene des Abends. Doch für den ganzen gilt, wie schön es ist zuzusehen, wie die Chemie zwischen ihr und Herbert Föttinger stimmt. Außerdem gefallen Filumenas „Mitverschwörer“ Marianne Nentwich als Haushälterin Rosalia, Siegfried Walther als vermeintlicher Mimi-Intimus Alfredo und Gideon Singer als desorientierter Priester. Hilde Dalik, wie immer eine Augenweide, lässt als „naive“ Schöne Diana schön durchblicken, welch bösartige Xanthippe sich hinter der bezaubernden Oberfläche verbirgt.

All diese Tollheiten hat Birkmeir mit Tempo und Temperament in Szene gesetzt. Inklusive Rückblenden über die ersten Augenblicke zwischen Domenico und Filumena. Für die flotte Umsetzung sorgt Christoph Schubiger mit seinem ruckzuck variablem Bühnenbild. Dazu gibt’s Musik von Peppino di Capri bis Rita Pavone. Che m’importa del Mondo (www.youtube.com/watch?v=NyLZiVR7p38)!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/sandra-cervik-und-herbert-foettinger-im-gespraech

BUCHTIPP: Mehr über das Neapel dieser Tage schildert Curzio Malaparte in seinem Roman „Die Haut“ (Erstausgabe 1949; neu erschienen im Zsolnay-Verlag): Als Verbindungsoffizier der Alliierten, die 1943 Neapel von den deutschen Besatzern befreiten, begleitet Malaparte die amerikanischen Truppen auf ihren Wegen durch die Stadt. Er wird zum Zeugen einer beispiellosen Verrohung unter der neapolitanischen Bevölkerung, die nur eines kennt: die eigene Haut zu retten. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Entstehen schockiert dieser Roman noch immer. Vom Vatikan auf den Index gesetzt, machte „Die Haut“ ihren Verfasser weltberühmt.

Wien, 4. 10. 2013

Sandra Cervik und Herbert Föttinger im Gespräch

Oktober 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hochzeit auf Italienisch“ im Theater in der Josefstadt

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano) Bild: © Sepp Gallauer

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano)
Bild: © Sepp Gallauer

Den Film von Vittorio De Sica kennt wohl jeder. 1964. „Hochzeit auf Italienisch“. Sophia Loren und Marcello Mastroianni im lustvollen Infight. Denn: Nach fünfundzwanzig Jahren wilder Ehe mit der ehemaligen Prostituierten Filumena will der wohlhabende Domenico plötzlich nichts mehr von ihr wissen: der Grund heißt Diana und ist blutjung. Die verschmähte Geliebte täuscht daraufhin vor, „todkrank“ zu sein, um den Treulosen zu einer raschen Eheschließung zu nötigen. Doch der Betrug fliegt auf, ein Anwalt erklärt die Ehe für null und nichtig. Nun muss Filumena zu härteren Mitteln greifen: Sie konfrontiert Domenico mit ihren drei Söhnen, die sie bis dato verheimlicht hatte. Einer davon, behauptet sie, sei sogar sein eigener. Nur welcher?

Am Theater in der Josefstadt hat am 3. Oktober „das Original“ Premiere: Eduardo De Filippos Theaterstück „Filumena Marturano“, bei dessen Uraufführung 1946 in Neapel er selbst Regie führte. Theater-der-Jugend-Intendant Thomas Birkmeir inszeniert das Josefstadt-Traumpaar Sandra Cervik und Hausherr Herbert Föttinger. Ein Gespräch.

MM: Ich orte am Haus eine gewisse Italianità. Sie haben gerne Peter Turrinis Goldini-Bearbeitungen auf den Spielplan gesetzt, nun folgt die Wiederentdeckung von Eduardo De Filippo …

Herbert Föttinger: „Diener zweier Herren“ und „Campiello“ hatten mehr mit Turrini zu tun, als mit Goldoni. Das ist sehr italienisch, wildes italienisches Straßentheater, das stimmt. Bei „Filumena Marturano“ ist es was anderes. Eduardo De Filippo ist keine Straßentheater-Italianità. Er selbst hat sein Stück 1946 uraufgeführt. Es ist ein sozialkritisches Stück, hat mit einem existenziellen Geschlechterkampf zu tun …

Sandra Cervik: … der allerdings auch mit Temperament ausgetragen wird …

Föttinger: aber nicht mit diesen Spaghetti-Klischees. „Hochzeit auf Italienisch – Filumena Marturano“ ist ein allgemeingültiges Stück. In Italien hat es ja einen Siegeszug angetreten, der noch nicht vorbei ist. Nur bei uns wird De Filippo kaum mehr gespielt. Ich mag dieses Stück, seit ich es kenne. Sandra Cervik und ich haben vor 13 Jahren Max Frischs „Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie“ in Thomas Birkmeirs Regie miteinander gespielt. Und er sagte damals schon: „Ihr solltet ,Hochzeit auf Italienisch’ zusammen machen.“ Das geisterte mir immer im Kopf herum – und nun war die Zeit reif: Ich bin, wie im Stück vorgesehen, 52 Jahre alt, Sandra 48 …

Cervik: Noch nicht!

Föttinger: Thomas Birkmeir hatte Zeit, die Inszenierung zu übernehmen. Es ist also alles ideal. Es hat sich, glaube ich, gelohnt, seit 2000 darauf zu warten.

 MM: Man kennt die Verfilmung von Vittorio De Sica aus dem Jahr 1964 mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. De Sica wurde damals von der italienischen Presse sehr gescholten, er hätte sich damit endgültig in seichtes Gewässer begeben. Zwischen der Loren und Mastroianni fliegen Fetzen und Spaghetti. Wie kann man gegen diese Bilder in den Köpfen des Publikums anspielen?

Föttinger: Zum Teil gar nicht. Und ich spiele auch ein wenig mit meiner Mastroianni-Attitude, die mir ja schon Emmy Werner bescheinigt hat. Ich habe mir, wie Sie sehen, sogar ein Bärtchen wachsen lassen. Aber wir spielen nicht den Film, sondern das Stück. Da gibt es eine komödiantische Fassade, hinter der die Tragödie hindurchscheint.

MM: Das wird vor allem für Sie, Frau Cervik, eine Gratwanderung werden.

Cervik: Absolut richtig. Der Humor liegt nicht auf der Seite der Filumena; in den Momenten, in denen sie glaubt, auf der Siegerstraße zu sein, bereitet ihr das zwar Vergnügen, aber sonst hat diese Figur durchaus archaische, medeenhafte Züge. Sie sammelt ihre drei Kinder ein, die sie bei fremden Familien untergebracht hatte, um Domenico zu sagen, einer wäre sein Sohn – aber welcher? Das ist alles nicht komisch. Der Monolog, in dem sie ihren Söhnen erklärt, warum sie ist, was sie ist, ist nicht einfach. Ich mag das aber sehr gerne, es muss nicht alles nur moll oder Dur sein. Keine Komödie ohne Tragödie, keine Tragödie ohne Komödie. Die Komik liegt aber eindeutig bei der Männerfigur.

Föttinger: Und in der Auseinandersetzung der beiden. Mit all der Verrücktheit und Hingabe, die dieser Mann, Domenico, braucht, um etwas für und aus seinem Leben zu lernen.

 MM: Wie legen Sie den Domenico an? Als Macho, als Schlitzohr, als Muttersöhnchen?

Föttinger: Er ist ein oberflächlicher, verantwortungsloser Nichtstuer. Ein verzogenes, wohlhabendes Söhnchen, der in dieser Beziehung zu Filumena Verantwortungsgefühl lernen muss. Das macht er dann aber schon auf eine besondere Art und Weise, die in Italien 1946 wahrscheinlich noch wichtiger war, als heute: Indem er alle drei Söhne als seine annimmt. Das ist ein großer, schöner Schritt.

Cervik: Apropos, Sozialkritik: Das ist ja von De Filippo nicht zufällig so geschrieben, dass er der Reiche ist und sie die Prostituierte. Die Figur Filumena bringt von Anfang an viel mehr Tiefe mit. Domenico, weil er nie ein Problem hatte, um nichts kämpfen musste, ihm alles in den Schoß gefallen ist, ist ganz anders drauf, als sie. Deshalb liebt sie ihn auch: Weil er etwas in ihr zum Klingen bringen. Filumena heißt auch Power of Love. Sie hat sich in diesen Mann verguckt, sie kann nicht lassen von ihm. Er ist ja kein böser Mensch, er soll nur weg von seiner Oberflächlichkeit, verstehen, was sie meint und will.

 MM: Das Stück ist ein Spiel um Täuschungen, Enttäuschungen. Da kann man auf große Gesten setzen, fuchteln, streiten … Wie unterscheidet sich da das Paar Filumena/Domenico vom Paar Föttinger/Cervik?

Cervik: Wir fuchteln privat weniger (sie lacht).

Föttinger: Also, ich fuchtle gern!

Cervik: Im Ernst jetzt: Wir streiten, obwohl wir beide temperamentvolle Menschen sind, wenig und wenn eher sachlich. Wir sind nicht die Plärrer und Schreier. Die schlimmste Strafe für ihn ist ohnedies mein Schweigen.

Föttinger: Grauenhaft! Die grausamste Art von Liebesentzug. Weiterstreiten, diskutieren ja, aber bitte nicht schweigen. Natürlich geben wir unseren Beruf nicht daheim vor der Haustüre ab, aber wer tut das schon? Wenn du etwas mit Leidenschaft machst, wirst du es auch nach Hause tragen – und ich finde das nicht einen Moment schlecht, sondern gut so!

Cervik: Auch ich kann das Theater nicht einfach „abstellen“. Aber es gibt das Andere, unseren Sohn. Da ist ganz was anderes Thema, die Schule zum Beispiel. Grundsätzlich kann ich meine aktuelle Bühnenrolle daheim nicht in ein Winkerl stellen, egal ob ich mit Herbert Föttinger oder einem anderen Bühnenpartner spiele.

Föttinger: Ich denke mir manchmal, das Ärgste in einer Beziehung muss sein, wenn sich der andere so gar nicht für das interessiert, was man tut. Das stelle ich mir sehr unfein vor.

MM: Sie sind die Dreifaltigkeit des Hauses: Intendant, Schauspieler, Regisseur.

Föttinger: Und noch geht sich das ganz gut aus. Der Umbau der Kammerspiele ist in der Zielgeraden, das macht mich sehr stolz. Es war nicht so anstrengend, wie der Umbau der Josefstadt. Was das Bauliche betrifft, bin ich sozusagen fertig. Und ohne, dass die künstlerische Arbeit je zu kurz kam.

MM: Wie kann man so einem Mann hinterher hecheln?

Cervik: Unter uns: Das muss ich nicht. Weil ab und zu „fällt“ er ja doch um und dann stehe ich da, um den erschöpften Gatten liebend in die Arme zu nehmen. Es gibt eben Dinge, die wir gemeinsam machen können, Dinge, die nur meins sind, Dinge, für die er allein verantwortlich ist … und da waren die neuen Kammerspiele eben ein intensiv-beglückendes Meisterstück.

 MM: Nun wurde vorher schon erwähnt, Thomas Birkmeir hat Sie zu diesem Projekt ein wenig „angestiftet“. Was sind seine Qualitäten als Regisseur?

Föttinger: Er kann mit dem Stoff was anfangen, also war für mich nur logisch, dass er ihn auch umsetzt. Ich freue mich sehr, dass er nach 13 Jahren wieder an der Josefstadt arbeitet. Er ist für Sandra und mich ein Gegenüber. Das ist unglaublich wichtig.

Cervik: Und Thomas ist ein sehr genauer Zuschauer. Er sieht Kleinigkeiten, kann sie auch formulieren. Er ist genau im Detail. Er lässt dich als Schauspieler machen, nimmt das auf und bringt es in eine gute Form.

MM: Wie sollen die Zuschauer nach dem Abend empfinden? Beschwingt oder betropetzt?

Cervik: Gute Frage.

Föttinger: Mit einem guten Gefühl. Wenn zwei Menschen sich nach 25 Jahren so zusammenraufen, sage ich, es ist toll, wenn man jenseits der 50 noch was lernen kann. Und wenn das einsetzen würde, dass eine Frau einen Mann dazu bewegen kann, sich umzukrempeln, neu zu denken, dann gibt uns das doch Hoffnung.

Cervik: Eine leise melancholisch-positive Hoffnung.

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Trailer: www.youtube.com/watch?v=KIhc5IpgVhM&feature=player_embedded#t=1

Wien, 2. 10. 2013