Theater zum Fürchten: Ab jetzt!

Februar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckschraube mutiert zur Männerfantasie

Gruselige Roboterfrau: Christina Saginth als „GOU 300 F“ und Anselm Lipgens als Synthesizer-Nerd Jerome. Bild: Bettina Frenzel

Der große Gag kommt nach der Pause. Da lässt Regisseur Marcus Ganser nämlich eine neue „GOU 300 F“ auftreten, Martina Dähne statt Christina Saginth, und wie böse ist das denn? Die Auswechselbarkeit der Frau so auszustellen, ihren Austausch von der Schreckschraube zur Männerfantasie – selbst wenn sie eine Maschine ist! Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt!“. Und es ist absolut der Abend von Saginth und Dähne.

Wiewohl über diesen ganz anderen Ayckbourn mitunter gesagt wird, er sei nicht sein bester, sollte man dies Urteil nach einer Inszenierung mit diesen beiden Schauspielerinnen zumindest überdenken. Erzählt wird aus der Zukunft. Fünfzehn Minuten fast forward gibt Ayckborn als Zeit an, die im Entstehungsjahr des Stücks, 1987, noch eine dystopische war, mit Internet-Nerds, die in No-Go-Areas auf Human-Voice-Synthesizern herumspielen, während draußen der Großstadtkrieg tobt. Einer, der sich so in seiner Computerhöhle verbarrikadiert hat, ist der Komponist Jerome. Der hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, samt Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für deren Besuch samt Sozialamtsmitarbeiter an einer heilen, neuen Familie. Mittels Leihschauspielerin Zoe, die er für die Rolle der Verlobten anmietet. Als Haushaltshilfe fungiert allerdings der Roboter „GOU 300 F“, und der hat nicht wenige, sondern gewaltige Macken.

Es folgt ein erstes Aufeinandertreffen der Königinnen dieser Komödie. Total derangiert taucht Martina Dähne als Zoe auf, die Straßengang „Töchter der Finsternis“ hat sie gerade angegriffen und ausgeraubt, aber so arm dran kann diese Zoe gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in plötzlichem Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Dähne diese Übung, aus einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Auftritt nun Christina Saginth als GOU, und das Publikum biegt sich schon bei ihrem Anblick vor Lachen, erscheint sie doch als gruselige Gouvernante mit knallroter Struwwelperücke, die ihrem Schöpfer, wenn schon nicht den Kopf wäscht, so immerhin permanent das Gesicht abwischt. So er die Schreckschraube nicht in den Standby-Modus schickt.

Jerome mietet sich eine Schauspielerin für die Rolle seiner Verlobten: Martina Dähne als Zoe und Anselm Lipgens, digital dabei: Andreas Steppan als Lupus. Bild: Bettina Frenzel

Tochter Geain ist neuerdings lieber ein Sohn, ein „Hurensohn“: Carina Thesak und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Nach der Pause mit neuer Maschine: Christina Saginth nun als Corinna, Wolfgang Lesky als Mervyn, Martina Dähne als „GOU“ und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Ist das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. Man prallt also aufeinander, und bald weiß man nicht mehr, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Ganser lässt sich ausnehmend viel Zeit, um das zu erzählen, und so dauert’s eine ziemliche Weile, bis die Gags zünden und die Sache in Schwung kommt. Was definitiv passiert, sobald Dähne zur GOU wird, von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert.

Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest zuerst. Den abgetakelten Kreativen im Hightechbunker gibt Anselm Lipgens mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so zynisch und vor allem Frauen gegenüber süffisant, dass man den Beziehungsgestörten gerade noch sympathisch finden kann. Wahrlich kein Daniel Düsentrieb, greift er dem von ihm geschaffenen Wesen gern einmal unter den Rock oder in die Bluse oder ins künstliche Gehirn, um die Verkabelungen zu überprüfen, und als es ihm nicht gelingt, Zoe nach seinem Willen zu gestalten, taucht die als Maschine wieder auf.

Was die gespenstische Frage aufwirft, zumal sich die Maschinenfrau bald als besserer Mensch entpuppt, ob hier eine GOU oder doch Zoe „überarbeitet“ wurde … Christina Saginth schlüpft derweil in die Rolle von Jeromes Ex-Frau Corinna, eine herzgebrochene frisch Geschiedene, die sich angesichts der Nanny-Fähigkeiten von dessen „Verlobter“ für eine Versagerin hält. Carina Thesak ist als Tochter Geain ein genderverwirrter Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, mit Punkfrisur und martialischem Outfit nunmehr Mitglied der Männerherrschafts- bewegung „Hurensöhne“, wird aber in Zoe/GOUs zarten Händen flugs wieder zur Sie.

Herrlich skurril auch Wolfgang Lesky als Mervyn vom Sozialamt, ein T.C.-Boyle-Lookalike, dem beim Anblick der sexy Männerfantasie Zoe/GOU die Schlabberzunge aus dem Mund fällt – die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Mannseins. Andreas Steppan, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss. Ein Umstand, dem übrigens niemand Beachtung schenkt.

GOU hat an Geain eine wunderbare Wandlung vollzogen: Carina Thesak und Martina Dähne. Bild: Bettina Frenzel

Jerome schraubt an den Schaltkreisen von GOU herum: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Was Ganser und sein Ensemble ab der Familienzusammenkunft vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen nun auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance, in der sie Geschlechterstereotype auf den Kopf stellen, mit Identitäten jonglieren und Mann-Frau-Klischees wie im Kaleidoskop drehen. Am Ende läuft GOU durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell rotiert von Minute zu Minute schneller, und Carina Thesaks Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat „Ab jetzt!“ genug Material zum Komponieren. Mit viel Witz und Gespür für schwarzen Humor hat Marcus Ganser dem Theater zum Fürchten einen anfangs etwas stockenden, später aber höchst vergnüglichen Abend beschert.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2019

Bronski & Grünberg: Pension Schöller

Dezember 13, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fest an den lockeren Schrauben gedreht

Philipp Klapproth am Ende seiner Kräfte: Claudius von Stolzmann, Gioia Osthoff, Benjamin Vanyek und Martina Dähne. Bild: © Andrea Peller

Es ist, ob legendärer Inszenierungen an den Kammerspielen, immer ein gewisses Wagnis in Wien „Pension Schöller“ zu zeigen. Der dort regieerfahrene Fabian Alder hat’s nun im Bronski & Grünberg getan, hat radikal viel gewagt – und alles gewonnen. In seiner Neufassung dockt das beinah 130 Jahre alte Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs geradezu demonstrativ an der Jetztzeit an.

Alder hat, ohne Irr- oder Sprachwitz des Originals zu beschädigen, die Charaktere weitergedacht und fortgeschrieben, hat fest an deren lockeren Schrauben gedreht, und schafft es, mitten im größten Spaß, ein hinterlistiges Statement zum Heute abzugeben. Die Welt anno 2018 – ein Narrenhaus.

Die Handlung ist bekannt. Privatier Philipp Klapproth will, weil er eine seiner Villen in ein Sanatorium für nervlich Angegriffene verwandeln möchte, in Wien eine Klapsmühle besuchen. Sein Neffe Alfred, der vorhat, ein chices Geschäft für sinnlos überteuerte Wohnaccessoires zu eröffnen, und dafür dessen finanzielle Unterstützung braucht, führt den Onkel zu einem Gesellschaftsabend in der Pension Schöller.

Was in Wahrheit nicht mehr als ein Zusammentreffen eines freilich exaltierten, aber keineswegs geisteskranken Künstlerkreises ist, ist für Klapproth pure Psychiatrie. Doch weil sich Klapproth immer mehr in seinen Begegnungen mit den vermeintlichen Insassen verstrickt, nehmen die Verwirrungen naturgemäß ihren Lauf. Um deren grelle Komik zu illustrieren, hat Kaja Dymnicki ein mit pinker Luftpolsterfolie überzogenes Bühnenbild erdacht, die Kostüme von Julia Edtmeier kontrastierend dazu in ihrer spießigen Kleinkariertheit. Darin gelingt dem Ensemble mit viel Spielfreude und hohem Tempo, zwischen Handgreiflichkeiten und Slapstick-Stürzen, großartiger Boulevard.

Martina Dähne gibt mit Verve die beherzte Pensionswirtin, die mit ihren „internationalen“ Soiréen das Ende der Demokratie in Europa abwenden will – vorausgesetzt die Subventionen dafür fließen. Benjamin Vanyek bezaubert in der Paraderolle als Schöllers schwuler Sohn und „logopädisch herausgeforderter“ Jungschauspieler mit Abscheu vor der strukturellen Ausbeutung am Theater. Hinreißend, wie er als Showhighlight „Oh mein Papa“ nispelt, und nogisch, dass er in Dominic Marcus Singers aufgeräumtem Alfred sein Liebesglück findet.

Ein verdächtiges Geschenk vom Globetrotter: Claudius von Stolzmann und David Oberkogler. Bild: © Andrea Peller

Die Postdramatikerin im Infight mit dem Major: Gioia Osthoff und Thomas Weissengruber, hinten: Martina Dähne, Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Hier findet zusammen, was zusammen gehört: Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Die Schauspieler schmieren und klamauken sich derart Vollgas durch ihre Rollen in dieser gegenüber dem 1890er-Stück noch  zugespitzten Farce, dass es eine Freude ist. Das „Kasperltheater“ mit dem die Kaffeehausszene beginnt, ist auch in Folge wörtlich zu nehmen. David Oberkogler spielt den Löwenbändiger Bernhardy, der hier hauptberuflich ein mittelschwer narzisstischer Auslandskorrespondent ist, immer bereit über seine zahlreichen Journalistenpreise zu schwadronieren oder eine „kritisch-unabhängige“ Frage zu platzieren.

Gioia Osthoff ist als Schriftstellerin, nun mit dem Namen „Weißgarnix“, zur feministischen Postdramatikerin avanciert, die ihr Umfeld mit ihren unverrückbaren Gender-Positionen nervt. Thomas Weissengruber ist – mit einem Riesenrepertoire an wutbürgerlicher Mimik – als cholerischer Major a. D. zu sehen, dessen Karriereende mit dem (tatsächlich Pilz’schen) Sager vom „Höschen aus Paris“ zu tun hat, und der daher in funktionierende Opposition gehen will. Solcherlei Bezüge stellt Fabian Alder mit Vorliebe her. Und nicht immer nur geht es dabei um politische Fettnäpfe, sondern im extremsten Fall um einen wieder gesellschaftsfähigen Faschismus.

Philipp Klapproth nämlich, von Claudius von Stolzmann lange Zeit ganz prima als Provinztropf angelegt, ist nämlich aus Chemnitz. Was nicht nur diverse Seitenhiebe zur aktuellen Lage hierzu- und im Nachbarlande zulässt, sondern auch eine Schlusspointe, in der sich das vorgeblich so harm- wie arglose Onkelchen als Drahtzieher einer Operation, genannt „Schöne braue Donau“, enttarnt. Was es damit auf sich hat, sollte man sich selber anschauen. Nur so viel: Zum Schluss heißt es nicht nur Komödienfeuer frei.

Auch in seiner dritten Saison erweist sich das Bronski & Grünberg mit dieser High-Speed-Aufführung als erste Adresse für absurden, bissigen Witz und scharfsinnigen Schabernack. Mit diesen Mitteln ist dem Wahnsinn dieser Tag wohl am besten beizukommen, sozusagen Lachen als Theater- und Lebenskonzept. Erst kürzlich ergab eine Studie der Medizinischen Universität Wien, dass, wer schwarzen Humor mag, einen höheren Intelligenzquotienten und ein niedrigeres Aggressionslevel als andere hat …

www.bronski-gruenberg.at

13. 12. 2018

Theater zum Fürchten: The Lyons

November 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine schrecklich nette Familie

Während Ben noch mit dem Krebs kämpft, plant Rita schon ihr Leben nach seinem Tod. Bild: Clemens Aap Lindenberg und Sylvia Eisenberger

Während Ben noch mit dem Krebs kämpft, schildert ihm Rita schon ihr Leben nach seinem Tod: Clemens Aap Lindenberg und Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Nicky Silvers Komödie „The Lyons“. Das Stück hat sich der erfolgreiche New Yorker Dramatiker buchstäblich aus der Seele gerissen, der Sohn einer jüdischen Mittelklassefamilie kennt das Milieu über das er schreibt, und wie er ist der einzige Sympathieträger weit und breit schwul.

So ist die stärkste, die wahrhaftigste Szene des Abends, die, als Curtis Lyons, der weit vom Stamm gefallene Apfel des Chaos-Clans, bei einer Wohnungsbesichtigung den Immobilienmakler Brian kennenlernt. Aus einem wie zufällig begonnen Flirt wird eine beinharte Szene über Selbstverleugung und Sexlügen – bis rohe Gewalt ausbricht. Randolf Destaller als Curtis und Eric Lingens als Brian spielen das überzeugend, und machen so klar, dass „The Lyons“ wohl eine der brutalsten Komödien ist, die es in den vergangenen Jahren vom Broadway hierzulande angeschwemmt hat.

Der Inhalt an sich ist alles andere, als der Stoff, aus dem das Lachen ist. Familienpatriarch Ben Lyons stirbt an Krebs. An seinem Krankenhausbett versammelt sich die Sippschaft, ungeduldig auf den Tod wartend, weil das eigene Leben schließlich weitergeht. Ehefrau Rita ist auf dem Sprung zum Neuanfang, bevor der „Alte“ ein Ende hat, sie sucht ungeniert nach einer eleganten Wohnzimmereinrichtung, und weil Ben das nicht positiv sehen kann, beginnt sie mit ihm die Niederlagen ihrer Ehe durchzuhecheln. Deren zwei größte sind die Kinder.

Rita denkt schon an die Renovierung des Wohnzimmers: Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Rita plant mit Tochter Lisa die Renovierung des Wohnzimmers: Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Sohn Curtis muss alle mit seiner Grünpflanze übertrumpfen: Randolf Destaller, Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Sohn Curtis kommt mit der denkbar größten Topfpflanze: Randolf Destaller, Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Curtis, der homosexuelle Sohn, ein erfolgloser Kurzgeschichtenautor und Mamas finanziell unterstützter Liebling, und Lisa, alleinerziehende, alkoholkranke Tochter des Hauses, Daddys schwer verstörter Darling, deren Dasein so durcheinander ist wie der Inhalt ihrer Handtasche. Die Gräben brechen auf, auf rücksichtslos folgt respektlos, immer wieder werden neue Allianzen gebildet. Alte Wunden werden aufgerissen, neue zugefügt, dazwischen ergeht man sich in den typischen Krankenhausthemen: das Essen, die Schwester, der Tropf.

Der Tonfall ist drastisch, das F-Wort im Deutschen halt nicht so universell gebräuchlich wie im Englischen, überhaupt hatscht die Übersetzung dem Original ein wenig hinterher. Dennoch ist jeder Satz ein Zynismus, die Dialoge schnell und die Luft schneidend wie ein Ping-Pong-Match. Inszeniert hat Hermann Molzer, es ist seine erste Arbeit für das Theater zum Fürchten, und er lässt das Ensemble von Anfang an Vollgas fahren. Sylvia Eisenberger ist eine exaltierte, überkandidelte Rita, Martina Dähne eine weinerlich hysterische Lisa. Zu geht es wie in „Eine schrecklich nette Familie“, und ja, sie geht einem allmählich auf die Nerven, diese große Aufgeregtheit auf der Bühne, die es unmöglich macht, den Text mit Lakonie und einem gewissen Understatement, einer gespielten Beiläufigkeit im Sprechen zu brechen.

Curtis trifft den Immobilienmakler Brian und fühlt sich zu ihm hingezogen: Randolf Destaller und Eric Lingens. Bild: Bettina Frenzel

Curtis trifft den Immobilienmakler Brian und fühlt sich zu ihm hingezogen: Randolf Destaller und Eric Lingens. Bild: Bettina Frenzel

Clemens Aap Lindenberg versteht es zum Glück, den sterbenden Ben mit mehr Nuancen auszustatten. Hinter seiner Unflätigkeit erkennt man die Angst vor dem Sterben, seine ordinären Schimpftiraden enttarnen sich als sein Bewältigungsmechanismus für das unvermeidlich Kommende. Und auch Eisenberger hat noch ihren Moment als jüdische Mame, wenn eine wutentbrannte Fürsorge-Attacke, die sie gegen ihre Kinder reitet, von diesen abgeschmettert, zu einem Akt der Emanzipation wird.

Am besten gelingt es Randolf Destaller seinen Charakter zu gestalten; sein Curtis ist genau so viel karikierte Komödienfigur, dass dahinter ein Mensch aufblitzt. Das mag auch daran liegen, dass Silver an ihm seine ganze Empathie austobt. Wie Curtis in der Krankenschwester, gespielt von Angelika Auer, schließlich eine Ersatzmutter findet, das geht doch unter die Haut. Aber so wird’s nicht bleiben. Familie, das bedeutet lebenslänglich, mit höchstens ein paar Stunden Freigang.

www.theaterzumfuerchten.at/

Wien, 30. 11. 2016

„Rote Nasen“ in der Scala

April 30, 2013 in Tipps

Das Theater zum Fürchten spielt Peter Barnes

Bild: Theater zum Fürchten

Bild: Theater zum Fürchten

Am 4. Mai hat in der Wiener Scala Peter Barnes‘ „Rote Nasen“ Premiere. Bruno Max‘ Theater zum Fürchten zeigt die Groteske. Deren Inhalt: 1348 – Die Pest erreicht Europa und tötet allein in Frankreich die Hälfte der Bevölkerung. Jede menschliche Ordnung und Obrigkeit zerfällt, die Menschen sind verängstigt, verroht , ohne Hoffnung und Hemmungen- da hat ein kleiner Priester namens Flute in Auxerre eine Erleuchtung: „Gott will Spaß!“ Also zieht er hinaus und gründet den Orden der „Roten Nasen“, der Blödiane Gottes, die den sterbenden Witze erzählen und Licht und Lachen in die Düsternis bringen. Er schart um sich eine Gemeinschaft von bereits Abgeschriebenen: blinde Jongleure, einbeinige Stepptänzer, stotternde Witzerzähler und eine lüsterne Ex-Nonne und macht die Welt ein wenig besser – als „Sieg der Hoffnung über die Erfahrung“. Doch als die Pest erlischt und die alte Ordnung wiederhergestellt wird, erklärt der Papst, dass nun kein Platz mehr ist für die Clowns Gottes. Ein wunderbares, breit episches Werk über die anarchistische Kraft des Lachens.

In der Regie von Bruno Max spielen Leopold Selinger, Randolf Destaller, Michael Reiter, „Emmi“ Martina Dähne, Ronnie Seboth, Christian Kainradl, Roger Murbach, Florian Lebek, Florian Graf, Jörg Stelling, Selina Ströbele, Christina Saginth, Tobias Ofenbauer, Tobias Eiselt, Robert Stuc, RRemi Brandner, Hans Steunzer und Daniela Streubel.

Zu sehen bis 25. Mai.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

www.theaterzumfuerchten.at/stadttheater-moedling.htm

www.theaterzumfuerchten.at/theater-im-bunker.htm

www.theaterzumfuerchten.at/bus.html

Von Michaela Mottinger

Wien, 30. 4. 2013

Ingeborg Bachmann schrieb eine Radio-Soap

März 1, 2013 in Bühne

Das Volkstheater spielt „Die Radiofamilie“

Im Herbst des Jahres 1951 betrat eine „kettenrauchende Meerfrau mit Engelhaar, die mehr flüsterte als sprach“ (so die Beschreibung eines US-Redakteurs) die Hörspielabteilung des amerikanischen Besatzungssenders Rot-Weiß-Rot in Wien. Ingeborg Bachmann heißt sie und sorgte von nun ab für zwei Jahre für das Unterhaltungsprogramm. Mit der Radiofamilie Floriani, der bekanntesten und beliebtesten Sendung der Nachkriegszeit. 14 Folgen von etwas, das man heute wohl Seifenoper nennen würde, entfleuchten ihrer Schreibmaschine. Das perfekte Sittenbild einer gutbürgerlichen Wiener Familie, die statt in der Floriani-, in der fiktiven Taubengasse wohnte. Hans Thimig, Vilma Degischer, Guido Wieland, Alfred Böhm verliehen den Figuren ihre Stimme. Walter Davy führte Regie.

Die liebe Familie.

Dass Bachmann, diese Dichterin des Schmerzes und der Einsamkeit, zwischen all dem Witzigsein Entnazifizierung, Kalten Krieg, Wiederaufbau verhandelte, dass sie subtil zu Liberalität und Demokratie erziehen wollte, interessierte weniger. Wer will beim Zuhören schon zwischen den Zeilen lesen? Vielleicht hat sie sich deshalb später von dieser Arbeit distanziert. 2011 brachte Suhrkamp „Die Radiofamilie“ als Buch heraus.

Die Radiofamilie von Ingeborg Bachmann

Wolf Dähne, Doris Weiner, Tania Golden, Herbert Prikopa, Günter Tolar
Bild: Lalo Jodlbauer

Nun will das Volkstheater in den Bezirken das Hörspiel auf die Bühne(n) stellen. Eine Uraufführung. Am 6. März. Regisseur Andy Hallwaxx hat aus den Texten eine Theaterfassung erarbeitet, die dem Goldenen Wiener Herzerl ausreichend Raum zum Schlagen geben will. Apropos, Herz: Das der Familie, den hochanständigen, pflichtbewussten Oberlandesgerichtsrat Hans, spielt Herbert Prikopa. Da denkt man ans Ö1-Kabarett „Guglhupf“ und an „Auch Spaß muss sein“. Und damit dieser nicht zu kurz kommt, stellt ihm Hallwaxx Günter Tolar als Bruder Guido zur Seite. Der war „ein bisserl“ Nazi, wie’s halt so war, wie’s auch Bachmanns Vater war, ist nun aber durchaus bereit, sich den neuen Zeiten anzupassen. Das muss sowieso auch Hans‘ Frau Vilma, dargestellt von Doris Weiner, Tochter eines Generals aus dem Ersten Weltkrieg und dementsprechend nicht ganz frei von Standesdünkel.

Günter Tolar gibt auch Guidos – also seine eigene Ehefrau: die Tante Liesl. Da könnten zwei Komödianten in drei Rollen ein lang in der Schublade schimmelndes Kleinod zum Kabinettstück machen. Ob die Fünfziger-Jahre-Story im 21. Jahrhundert noch von Belang ist, weiß man Mitte nächster Woche.

www.volkstheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 3. 2013