Werk X: Unterwerfung

Februar 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Abend für intellektuelle Feiglinge

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François Bild: © Chloe Potter

Christian Dolezal als Uni-Präsident Robert Rediger, Marc Fischer als Literaturprofessor François. Bild: © Chloe Potter

Wenn Robert Rediger gegen Ende meint, der Islam hätte die Senkung der Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate bewirkt, fällt einem „Salafistes“ ein. In der Filmdokumentation von François Margolin und Lemine Ould M. Salem sagt ein Dschihadist im Wortlaut diesen Satz. Allah und die Scharīʿa wenden alles zum Guten. Der Film ist im Frankreich dieser Tage höchst umstritten. Weil er abbildet, informiert, aber nicht kommentiert. Welch ein Vorwurf an eine journalistische Arbeit.

Den Hintergrund der Werk-X-Bühne bestimmt die Houellebecq-Karikatur vom Charlie Hebdo-Titelblatt: 2022 mache ich Ramadan. Das war am 7. Jänner 2015. Da erschien sein Roman „Unterwerfung“ und das Terrorkommando in der Redaktion des Satiremagazins. Houellebecq war daraufhin in Frankreich höchst umstritten. Man warf ihm vor, dass er das kommentiert, Frankreich und der Islam. Ein Autor, der mit seiner Fiktion das Zeitgeschehen überlagert, welch ein Vorwurf an einen Schriftsteller.

Die Handlung von „Unterwerfung“ ereignet sich im Jahr 2022 in Frankreich. Ein charismatischer muslimischer Politiker, Mohamed Ben Abbès, schart immer mehr Wähler um sich. Die sozialistische Partei geht ein Bündnis mit den Konservativen und Ben Abbès ein, um den Aufstieg des rechten Front National zu verhindern. Ben Abbès wird Staatspräsident, ändert die laizistische Verfassung und führt die Theokratie, die Scharīʿa und das Patriarchat ein. Das alles wird geschildert vor einem universitären Hintergrund. Die Sorbonne wird eine Islamisten-Uni und ein Literaturwissenschaftler gerät in die Mühlen der Weltgeschichte.

Ali M. Abdullah hat eine szenische Einrichtung des kontroversiellen Textes vorgenommen. Das ist ein wichtiger, ein mutiger Schritt im derzeit überhitzten Polit-Klima, in dem sich sogar künstlerische und journalistische Auseinandersetzungen selbstzensurisch verunmöglichen. Es geht vielerorts nur noch um entweder verbale Entgleisung oder die ideologische Exkommunikation. Abdullah aber hat Houellebecq als späten Nachfahren von Molière erkannt und er lässt ihn in seiner Spezialdisziplin brillieren: der Vorführung von Heuchelei und Opportunismus. Die Bühnenfassung von Abdullah und Hannah Lioba Egenolf trifft den Ton. So zwischen ausgenüchtertem Spott und beiläufigem Zynismus. Abdullah zeigt Houellebecqs Gedankenexperiment nicht als Zerrbild, sondern unter dem Vergrößerungsglas. Er haut dem derzeitigen gehirnweichen Herumgelabere eine Groteske um den Kopf. Das ist komisch. Dadurch lässt sich das in Buchform hysterisch diskutierte Werk als Theaterereignis zurückgelehnter betrachten.

„Unterwerfung“ ist kein Abend für intellektuelle Feiglinge. Er überprüft Europa auf seinen reaktionären Gehalt. Er erkennt die Tragikomödie in Europas derzeitiger Verfassung. Er führt sozusagen die auf und die vor der Bühne vor. Führt nicht vor, wer „die“, sondern wie „wir“ sind. Selbstreflexive Hedonisten, linksdrehende Globalisierungssachverständige, Toleranzrassisten mit Armer-Schwarzer-Muslim-Attitüde, atheistische Gottsucher und Foucault’sche Humanisten. Opinion Leader vs Quotenmeinungsmacher. Und die Kampfzone weitet sich aus. Abdullah setzt seine Figuren in dieses Magnetfeld. Und los geht’s mit Kulturimperialismustalk und Youporn, Geilheit und Konsum, die Dialoge durchbrochen durch die monologische Prosa, diese Reflexion immer wieder durch Konfrontation.

Die Ureinwohner Europas sind: Der fabelhafte Marc Fischer als Huysmans-Verehrer François. Der Literaturprofessor hat sich den Dekadenzdichter einverleibt, und wie Fischer in seiner Lust am Leid schwelgt, ist großartig. Sein François changiert zwischen Eigenliebe und Weltekel, er gebraucht Sex zur Selbstbehauptung. Er ist ein pseudomachistischer Möchtegern, die Art hirnwixerischer Elfenbeinturmhocker, die 1933 dachte, dass das Jahr 1941 sie nicht tangieren kann. Das François umringende Gruppensystem beweist sich in Houellebecqs Versuchsanordnung als wertekatalogisch austauschbar. Dennis Cubic ist ein sleeker Kollege Steve, der aus der identitären Bewegung, also jenem rechtsextremen Milieu, dem der Front National zu weichgespült ist, die Karrierekurve kratzt. Christian Dolezal ist als Universitätspräsident Robert Rediger ein satanischer Verführer zum Islamismus. Er argumentiert mit quengeligem Trivial-Nietzscheanismus und längst abgegriffener Zivilisationskritik. Er sieht sich als Vertreter alter Werte, Gott, Familie, Vaterland; die „Führer“-Figur hat halt gewechselt. Dolezal spielt gekonnt den Unsympath. Arthur Werner ist als Staatspolizist Alain Tanneur auf der Suche nach Schuldigen.

In den Mittelpunkt stellt Abdullah François‘ Beziehung zu Frauen. Hanna Binder erscheint als Hop-on-Hop-off-Geliebte Myriam und als Uni-Kollegin Marie-Françoise Tanneur. Eigentlich als Frau an sich. Sie wird nach Israel auswandern; aus ihrer Karriere an den Kochtopf zurückgedrängt werden; zum Schluß verschleiert, eine Gesichts- und Namenlose, dastehen. Wo der Konservativismus aus seinen Gräbern steigt, ist die Gleichberechtigung stets die Verliererin. Ein Chor, Studierende des diverCITYLAB, kommentiert das Geschehen und die Wahlergebnisse. Abdullah projiziert für sein Vor-mir-die-Sintflut-Szenario gefakte Bürgerkriegsszenen und Bilder von stattgefundenen Demonstrationen in Paris und Wien, er lässt mit Live-Kamera arbeiten und einen VW-Fluchtwagen durchs Werk X fahren. Seine Inszenierung ist kein Erklär-, sondern ein Durchrüttelstück.

Schnell kann der westlich aufgeklärte Mann der Polygamie und dem Tschador etwas abgewinnen. Und der Salonantisemitismus ist bald ganz der alte. Wie hellsichtig-houellebecqisch das ist, wie latest news: Gemäßigte Politikerinnen und Politiker werden zunehmend isoliert und gehen in Panik fragwürdige Allianzen ein, während die, die im System nichts zu erwarten haben, unerschrocken auf dessen Zerstörung hinarbeiten. Die „Lügenpresse“ schreibt nichts, was den faschistischen Schreihälsen Argumente liefern könnte, begeht damit aber Informationspflichtverletzung.  Wie dünn der Firnis der Vernunft ist, beweist sich täglich. In „Unterwerfung“ hat Europa keine Wahl zwischen rechtspopulistisch oder islamistisch. Das ist doch zum Lachen. Würden die, die jetzt Hakenkreuzfahnen und das Schwarze Banner schwenken, sich mit „Unterwerfung“ befassen, man könnte ihnen Theodor Däubler zitieren: „Der Feind ist unsre eigne Frage als Gestalt. Und er wird uns, wir ihn zum selben Ende hetzen.“

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17545

werk-x.at

Wien, 19. 2. 2016

Werk X: Ali M. Abdullah im Gespräch

Februar 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert Michel Houellebecqs „Unterwerfung“

Christian Dolezal, Hanna Binder, Marc Fischer, Dennis Cubic und Arthur Werner Bild: © Yasmina Haddad

Christian Dolezal, Hanna Binder, Marc Fischer, Dennis Cubic und Arthur Werner
Bild: © Yasmina Haddad

Vor dem Hintergrund derzeitiger Islamdebatten inszeniert Ali M. Abdullah im Werk X Michel Houellebecqs „Unterwerfung“. Rechte Populisten sind europaweit auf dem Vormarsch und schüren mit faschistoiden Unwörtern wie „Überfremdung“ diffuse Ängste vor dem angeblich drohenden Verlust der kulturellen Identität. Houellebecqs Roman greift diese Phantasmen nicht nur auf, er spinnt sie weiter.

Aus der Perspektive des desillusioniert-gelangweilten Pariser Literaturwissenschaftlers François erzählt er von der Machtübernahme eines muslimischen Präsidenten im Frankreich des Jahres 2022. Es kommt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, bis sich die westliche Gesellschaft schließlich erstaunlich schnell mit einer europäisch-spießbürgerlichen Version des Islamismus abfindet. Houellebecq greift mit „Unterwerfung“ ein weiteres Mal lustvoll das korrumpierte bürgerliche Subjekt an, das von Machtstreben und Konsum besessen ist, während es unverdrossen die Werte der Aufklärung vor sich herträgt. Das Buch wurde in Frankreich zum Skandal, nicht zuletzt, weil am Erscheinungstag des Romans der Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ verübt worden ist, das Houellebecq sein Titelbild gewidmet hatte. Im Werk X spielen Hanna Binder, Dennis Cubic, Christian Dolezal, Marc Fischer und Arthur Werner. Premiere ist am 18. Februar. Ali M. Abdullah im Gespräch:

MM: Bevor ich nach Meidling gekommen bin, habe ich noch ein Posting „An die Patrioten Europas“ über den Islam gelesen: „Wir müssen die Pest ausrotten, bevor sie uns ausrottet.“ Da möchte man instinktiv zurückschreiben, weiß aber, dass man auf jemanden treffen würde, der keinen Argumenten zugänglich ist. Was hätten Sie getan?

Ali M. Abdullah: Ich halte mich in den unsozialen Medien zurück, denn egal, was man repliziert, es dient deren Sache nur noch mehr. Es ist besser, auf diese Hasspostings gar nicht einzugehen, denn dann folgt Antwort auf Antwort, ein bewusstes Missverstehen, dass sich immer mehr aufschaukelt. Diskussionen muss man suchen, aber anderswo.

MM: Am Theater, wie ich annehme. Nur, ausgehend vom Werk X, inwieweit ist es möglich, damit Menschen zu erreichen, die nicht ohnedies einer Meinung sind? Man hat doch als Haus ein gewisses Konsenspublikum. Wie kann man Köpfe öffnen, wie kann man Botschaften transportieren?

Abdullah: Es ist das größte Problem und die größte Illusion zu glauben, man könne mit Theater etwas bewegen. Man muss davon ausgehen, dass bei uns nur Gesinnungsgenossen sitzen. Mein Lieblingswitz diesbezüglich ist, man müsste eine Vorstellung von uns mal im Josefstadt-Abo spielen, dann würde es richtig pfeffern, aber so … seien wir ehrlich, haben wir unser linkes Publikum drinnen, Leute, die mit einer speziellen Meinung zu uns kommen und mit uns mitdenken. Aber in „Unterwerfung“ geht es erstmals auch um deren Versagen. Da bin ich auf die Reaktionen gespannt.

MM: 2022 ist in sechs Jahren, also wenn man so will, in einer Legislaturperiode. Michel Houellebecq entwirft je nach Blickwinkel die Utopie oder Dystopie, es gebe dann in Frankreich einen muslimischen Staatschef. Wie weit ist dieses Szenario tatsächlich weg?

Abdullah: Das habe ich mich beim ersten Lesen auch gefragt, aber dann erkannt, es ist die falsche Frage. Houellebecq hält in „Unterwerfung“ zu allererst fest, dass unser abendländisches Gesellschaftsmodell zum Scheitern verurteilt ist. Das begründet er mit verschiedenen Argumenten in mehreren Romanen, das führt er uns vor, da kennt er sich aus. Sein eigenes Versagen als Mitglied der Gesellschaft nimmt er da gar nicht aus. Also entwirft er ein Gedankenexperiment für Frankreich: Die nächste Wahl könnte der Front National gewinnen oder Vertreter des gemäßigten Islam. Ob’s nun die werden oder die, ist letzten Endes dasselbe Horrorszenario.

MM: Er malt sozusagen beiderlei Ängste als Teufel an die Wand. Dieses Spiel mit Religionen, dass Houellebecq spielt, meint er damit auch den Neid des Christentums auf den Islam, als eine Religion, die noch stärker im Glauben verankert ist?

Abdullah: Er führt eine Hauptfigur, den Pariser Literaturwissenschaftler François, vor, der anfangs zum Katholizismus zurückfinden möchte, aber es nicht schafft. Er geht sogar ins Kloster, aber auch dort fällt ihm nur Nietzsche ein. Dann kommt er mit dem Islam in Berührung und er wird vor die Frage gestellt: Weiterarbeiten an einer Top-Uni in Top-Position, aber weiterleben mit den Geboten Allahs. Der Islam ist in seiner Tradition viel kompakter und unkritischer, er ist bis heute viel stärker mit seinen Regeln verbunden, das macht es für Gläubige einfacher, seine Vorschriften umzusetzen. Da kann der Katholizismus schon neidisch sein, der von seinen Gläubigen von allen Seiten kritisch unter die Lupe genommen wird. Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, denn Houellebecq beschreibt auf der ganzen Bandbreite, die Themen, mit denen man sich punkto Islam beschäftigen kann. Von Burka bis Polygamie als Reizworte, um damit satirisch zu spielen. Es ist schade, dass die Rezeption des Romans direkt verbunden ist mit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“. Wäre das nicht passiert, hätte man ihn ganz anders gelesen. Die Hauptfigur sagt an einer Stelle: „Ich bin politisch wie ein Handtuch.“ Ich denke, das ist das Credo von Houellebecq. Er möchte, dass die Leute sich mit Politik beschäftigen, damit, was ihr Leben letztlich bestimmt. Denn wenn sie es nicht tun, werden sie bestimmt.

MM: Beim Erscheinen des Romans wurde Houellebecq in Frankreich Islamophobie vorgeworfen, Karin Beier hat kürzlich „Unterwerfung“ mit Edgar Selge in Hamburg gemacht, da stand im Feuilleton: „Islamkritik eignet sich nicht als Theaterstoff“. Darum geht’s aber gar nicht. Es geht Houellebecq nicht um „die“, sondern um „uns“. Wie wollen Sie diesem Missverständnis vorbeugen?

Abdullah: Man wird immer missverstanden. Die Menschen, die das missverstehen wollen, werden einen Weg dazu finden. Das muss man riskieren, sonst braucht man gewisse Stoffe gar nicht aufzugreifen. Ich habe vor mehr als zwanzig Jahren ein Stück über Neonazis gemacht, dazu habe ich Herrn Küssel interviewt, und in der ersten Reihe sind die Nazis gesessen und haben Juhu geschrien. Man wird mitunter von der falschen Seite vereinnahmt. Obwohl Houellebecq in einem Interview gesagt hat: Der, der mich vereinnahmen will, ist noch nicht geboren. Marine Le Pen könnte „Unterwerfung“ zu ihrer neuen Bibel erklären …

MM: Hollande hat sich gleich distanziert.

Abdullah: Er hat ungefähr gesagt: Das ist nicht unser Frankreich, aber ich muss das Buch erst lesen. Naja, er wird als ziemliche Dumpfbacke dargestellt. Houellebecq versucht jedenfalls keine Lösungen anzubieten, er schaut kritisch auf das Hier und Jetzt. Mehr kann man als Theatermacher auch nicht tun. Die Zeit der Lehrstücke ist vorbei. „Wie müssen die Flüchtlingsobergrenze abschaffen“ ist kein Theaterabend, sondern die Aussendung einer politischen Interessensgemeinschaft. Am Theater muss man komplexer arbeiten, das wollen wir und hoffen, dass die Zuschauer mit uns mitgehen.

MM: In „Unterwerfung“ steht mit einem Wort alles. Was haben Sie daraus gefiltert? Welche Geschichte aus diesem Konvolut an Themen wollen Sie erzählen?

Abdullah: Der Roman ist reichhaltig, weil er sehr detailliert diese Versuchsanordnung beschreibt. Insgesamt gesehen ist das Thema aber sehr klein. Man kann es reduzieren auf: Ein Atheist versucht zu sich zu finden, weil er fühlt, dass ihm sein Leben entgleitet. Wir begeben uns auf seine Fährte und beobachten, wie er im politischen Karussell bloß mitfährt, bis er beginnt einen Anker zu suchen. Der wird ihm vom Islam angeboten. Ob er ihn nimmt, wird nicht beschrieben. Houellebecq beschreibt keine islamische Figur, die werden nur aus der Ferne gesehen, er beschreibt, wie wir mit dem Islam umgehen.

MM: Houellebecq hat in manchen Interviews die Frage aufgeworfen, ob ein Leben ohne Religion überhaupt möglich ist.

Abdullah: Und das hat mich sehr befremdet. Aber ich denke, er meint, dass der Mensch die Religion, oder besser den Glauben braucht als eine Art Wertekatalog fürs Zusammenleben. Wie eine Art Ethiküberbau. Das Wertesystem des abendländischen Europas ist christlich geprägt und könnte sich demnächst ändern. Kann ich mir vorstellen. Ich bin kein Visionär, aber der Islam wird sicher Einfluss nehmen auf das allgemeine Denken und Handeln.

MM: Wird dieser vielschichtige François von einem oder mehreren Schauspielern gespielt werden?

Abdullah: Von einem. Nach dem Attentat von Paris im November habe ich noch einmal ganz neu über das Werk und eine mögliche Inszenierung nachgedacht. Es stand nie zur Debatte, es nicht mehr zu machen, sondern nur wie es zu machen ist in dieser islamophoben Welle, in der sich Europa derzeit befindet. Das Stück wurde plötzlich so real, dass man als Theatermacher sagen muss, es ist bitte nicht real, es ist ein satirischer Kommentar.

MM: Satire ist das entscheidende Wort.

Abdullah: Ich hoffe, dass unsere Arbeit als solche gesehen wird, und die Leute in diesem Sinne auch lachen.

MM: Bei Houellebecq kommt wörtlich der Begriff Lügenpresse vor. In genau der Bedeutung, mit der man jetzt wieder konfrontiert ist. Machen Sie Lügentheater?

Abdullah: Das gefällt mir sehr gut! Wir machen natürlich Lügentheater, denn alles, was auf der Bühne stattfindet, ist ja nicht echt. Genauso wie nicht echt ist, was Sie schreiben. Houellebecq beobachtet sehr genau, wann wer was sagt oder schreibt. So einen Kritiker würde ich mir hierzulande wünschen. Houellebecq macht sich Feinde in allen Lagern. Er teilt aus, aber er kann auch einstecken. Das ist eine seltene Gabe.

MM: Wir reden so gerne über Frankreich, aber Sie machen Ihr Stück in Österreich und werden mutmaßlich für Kontroversen sorgen. Wie beurteilen Sie die Islamdebatte hierzulande?

Abdullah: Jeder hat eine Meinung, keiner kennt sich aus? Wir haben nur Halbinformationen, wir wissen nicht, was wirklich abgeht.

MM: Ihr Name etikettiert Sie als Auskenner.

Abdullah: Sagt aber nichts über meinen Glauben aus. Mein Vater ist aus Bombay in Indien, muslimisch, natürlich mit diesem Namen. Ich bin in der Tradition geboren, aber nicht religiös erzogen worden, sondern ganz im Gegenteil sehr laizistisch-aufgeklärt, ohne Religion. Dazu bekenne ich mich auch. Mein Regieprofessor hat mir zwar geraten, ich sollte meinen Namen ändern, denn von einem Regisseur, der so heißt, will man sicher nicht Goethes „Faust I“ inszeniert bekommen, ich hab’s aber nicht gemacht, wie man weiß. Wenn also jemand, der Abdullah heißt, in Österreich „Unterwerfung“ macht, kommt es vielleicht zum Tabori-Effekt. Ihm war ja jede Art von jüdischem Witz erlaubt, und vielleicht darf ich so islamophobe Figuren auf die Bühne stellen ohne, dass man sich denkt Oha. Vielleicht ist die Fiktion besser zu erkennen, wenn neben ihr mein Name steht. Die Realität sieht sowieso immer anders aus. Wir haben im Werk X ein paar syrischen Flüchtlingen Wohnungen zur Verfügung gestellt, das ist unsere Art der Unterstützung in der humanen Katastrophe, die wir erleben. Mit diesen Menschen gibt es keine Probleme. Wir helfen ihnen, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Was sie damit machen, ist aber ihre Sache.

MM: Wenn ich ein Bemühen um ein Miteinander unterstelle, wie kann man dieses Gefühl mit „Unterwerfung“ im Zuschauer erzeugen?

Abdullah: Indem sich jeder einzelne überlegen muss, ob er das gut findet, was da auf der Bühne abgeht. Es ist schon so, dass man sich die vorgeführten Gedanken durch den Kopf gehen lassen darf. Wir haben doch einmal Auszüge aus Anders Breiviks „Manifest“ als szenische Lesung gemacht und dann gerade von den Aufgeklärten Anrufe bekommen, welche Dreckskunst wir da unterstützen. Da müsste man noch einmal ganz scharf nachdenken. Und so kann’s uns diesmal passieren, dass die Kritiker schreiben: Das Werk X sagt, die Muslime übernehmen die Macht. Das wird dann sicher eine hitzige Debatte.

MM: Wird die Aufklärung des „Abendlands“ überschätzt?

Abdullah: Ich glaube, sie interessiert niemanden mehr. Über die sind wir schon hinweg, die nervt uns nur noch. Die nächste Generation denkt nicht mehr so, die wurde in dieses System reingeboren und aus. Dass Aufklärung ein Prozess ist, der immer wieder neu gestartet werden muss, sehen die nicht.

MM: Mit „Unterwerfung“ hat das Werk X wieder einmal die theatrale Spürnase am Boden. Wie gelingt Ihnen das, die Themen zur Zeit immer zur rechten Zeit aufzugreifen?

Abdullah: Wir machen nicht viele Aufführungen, fünf Eigenproduktionen pro Spielzeit, die müssen aber thematisch sitzen. Wir reden lange, wir lassen uns Zeit, wir bereiten länger vor, länger als an einem Stadttheater möglich wäre. Unsere Qualität ist, dass wir aus Stoffen selber etwas entstehen lassen. Da haben wir eine lange Expertise, weil wir das seit Jahren machen, und wenn Sie sagen, dass wir dabei die Nase vorne haben, dann nehme ich das gerne als Kompliment an.

werk-x.at

Wien, 12. 2. 2016

Werk X: Räuber – das leben stiehlt auch nur vom tod (Schrei Schiller Schrei)

November 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Diesbezüglich ein paar Fragen

Ist Friedrich Schiller nicht gut genug? Zu wenig Sex Gewalt & Rock’n’Roll? Kann man einem heutigen Publikum Sturm-und-Drang-Texte nicht mehr zumuten? Hebt sich denn keine Kraft im Drang? Wieviel Übersteigerung verträgt ein sich inszenierendes Ego? Ist’s so, dass der auf Ewigkeiten hofft, der hier zu kurz gekommen ist? Warum Furcht statt Ehrfurcht vor der Sprache? Was Wunder, dass ringsum lall und LOL ist? Warum zum Schneckengang verderben, was Adlerflug geworden wäre? Wie originell ist verhaltensoriginell? Kann man für Geistes Stärke halten, was doch am Ende nur Verzweiflung ist? Warum gibt diesen Herbst jeder sein Theatermanifest ab, statt einfach Theater zu spielen?

Blankziehen, echt jetzt? Du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?

Wie nennt man in Österreich eine Veranstaltung, wo vorne einer plärrt, in der Erwartungshaltung, die ihm zuhören werden sein Geplärre abnicken? War Frontaltheater nicht schon alt, als ich noch jung war? Heute schon einen Menschen gefressen? Wie progressiv ist Pisse? Ist es wie beim Kind, das sich vor Mutti stellt und Olla, Olla, Olla! sagt, nicht weiß, was das sein soll, aber schon das es mit einem Pfui-Gack-Wort provoziert? Blut! war mein erster Gedanke, Blut! mein letzter? Schütt‘, Hermann, schütt‘ – Hermann? Warum liest keiner mehr ein Buch? Warum liest keiner mehr ein Stück? Ist das ein Hase, Franz?

Gehörte gegenseitiges Blutdruck messen zum Probenprozess? Habt ihr’s auch so gern, wenn’s brennt? Wie spät? Fort Schritt? Heim, Mann? Sind Lust und Spiel-Trieb abgeschafft? Hat denn keiner mehr einen Schwanz, dass alle ihr Hirn wichsen? Lernt noch jemand sprechen? Meinet ihr, die Harmonie der Welt werde durch diesen gottlosen Mißlaut gewinnen? Bemüht ihr euch oder seid ihr bemüht? Was kann eine gut stehende Schaubühne eigentlich wirken? Im Zweitberuf Messias? Europahymne, hä? Duldet mutig, Millionen? Kennt ihr Kurt Sowinetz? Was denkt sich Gott, wenn er Jürgen Gosch zu sich holt? Bist du eine Sau, und wenn ja, eine ziemliche? Sagt man nicht, es gebe eine bessere Welt, wo die Traurigen sich freuen, und die Liebenden sich wiedererkennen? Ist da jemand? Wie spät? Wer wird einmal meine Pension zahlen? Den Schwur vergessen? Was, willst du ewig leben? „Was tun?“, spricht Zeus.

Es ist leichter morden, als lebendig machen. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie werde dir an deinem Leben abgezogen. Ihr seht, ich kann auch witzig sein; aber mein Witz ist Skorpionstich.

Susanne Gschwendtner, Dennis Cubic, Wojo van Brouwer, Hanna Binder, Daniel Wagner Bild: © Yasmina Haddad

Susanne Gschwendtner, Dennis Cubic, Wojo van Brouwer, Hanna Binder, Daniel Wagner
Bild: © Yasmina Haddad

Werk X: Räuber – das leben stiehlt auch nur vom tod (Schrei Schiller Schrei). Inszenierung: Pedro Martins Beja. Mit: Susanne Gschwendtner, Dennis Cubic, Wojo van Brouwer, Hanna Binder und Daniel Wagner.

werk-x.at

Wien, 6. 11. 2015

Werk X: Seelenkalt

November 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großartige Schauspieler sind schwer zu finden

Leinwand: Daniel Wagner, Constanze Passin, Imre Lichtenberger Bozoki, Christian Dolezal;  unten: Imre Lichtenberger Bozoki, Christian Dolezal, Tim Breyvogel Bild: Yasmina Haddad

Leinwand: Daniel Wagner, Constanze Passin, Imre Lichtenberger Bozoki, Christian Dolezal;
unten: Imre Lichtenberger Bozoki, Christian Dolezal, Tim Breyvogel
Bild: Yasmina Haddad

Es gibt an diesem mehr als dreistündigen Abend zwei beglückende Momente. Der eine ist, wie Tim Breyvogel als „Ich-Erzähler“, als Moskauer Finanzdirektor, in der St. Petersburger Dependance des französischen Lebensmittelkonzerns, für den beide arbeiten, den Verantwortlichen Christian Dolezal zur Schnecke macht. Weil Schmiergelder auf Idiotenweise fließen – ergo der Untergebene, der lieber „einen Happen essen gehen wollte“, statt in die Bücher Einsicht nehmen zu lassen, endgültig Sklave seines Herrn wird: „Ich reiß‘ dir die Gedärme raus, wenn in Moskau …“ Der andere ist, wenn Daniel Wagner erklärt, dass während die Generation 1970 noch auf zwei Jahrzehnte Sozialismus bauen konnte und die Generation 1990 auf Glasnost hoffte, der heutigen nur noch „Zar“ Wladimir Wladimirowitsch geblieben ist. All das kommt über die Rampe. Schnörkellos, ohne Schnickschnack … Und es gibt noch etwas Außergewöhnliches: Ein Ensemble, das nicht nur (bis auf Breyvogel alle in mehreren Rollen) hervorragend schau-, sondern auch Instrumente spielt – als Bühnenrockband nach der Musik von Imre Lichtenberger Bozoki. Das Werk X brachte Sergej Minajews Debütroman „Seelenkalt“ („Duchless“, eine Wortneuschöpfung aus Russisch und Englisch für „geistlos“) zur Uraufführung. Das in Russland bei seiner Ersterscheinung 2007 heftig diskutierte Werk  – und, potz, da war das augenscheinlich noch was. Ein Bestseller – wurde von Regisseur Ali M. Abdullah und Hannah Lioba Egenolf für die Bühne bearbeitet.

Minajew hat mittlerweile einen Buchverlag und bringt Beigbeder und Houellebecq heraus. Jubel, Yuppies! In „Seelenkalt“ taucht der Ex-Luxusweinimporteur ergo in die Welt ein, die er kennt: hochbezahlte, scheinbeschäftigte Manager, zugedröhnte Nüttchen (alle: Constanze Passin mit wechselnden Perücken), die einen Sponsor, und arme Intellektuelle, die eine Ersatzbefriedigung suchen. Der Roman entwirft eine archetypische Betriebsgeschichte, nur geht’s statt um Alk um Konserven. Daraus entsteht die Schwanzlutschkette: Mitarbeiter – mittleres Management – Oberboss – Aktionäre – Kunden. Die haben den größten und, huch, das wird sogar an die Wand geschmiert. Na, simma da im Schnellbahnhof, oder was? Dazwischen, weil Eh-nicht-Hackln auch fad ist, treibt man sich in Nobelnachtklubs herum. Bei deren Stammgästen haben Drogen und Diäten die Körper und Gehirne ausgedörrt. Mitten unter Prada und Brioni gähnt sich die Leere einen weg. Und man sich selbst mittlerweile auch. Weil mehr kommt da nicht. Minajew, als Erbe Pelewins und Sorokins kurz gehypt, ohne je deren intellektuelle Distanz und Ironie zu erreichen, bleibt bei der Konsum-Fata-Morgana. Ein kapitalismuskritischer Rundumschlag. Nichts „Exotisches“ für Menschen, die russische Gäste beispielsweise schon einmal in Kitzbühel bemerken durften.

Natürlich gibt’s einen Clou. Das heißt: zwei. Inhaltlich, dass der Ich-Erzähler und sein Freund (Dennis Cubis) von einem angeblichen Klubneugründer abgezockt werden. Gesamtheitlich: Abdullahs innovative Inszenierung. Der hat nämlich nicht nur die Bühne dreigeteilt, sondern auch eine darüber schwebende, genau so große Leinwand; auf der Bühne sieht man oft bis meist gar nichts, dafür alles oben – und das ist schon spannend zu erleben, wie so ein neues Theater auch als Kino funktionieren kann. Intensiv sind übrigens die Aufnahmen aus der Künstlergarderobe in der Pause. So gibt es etwa irgendwo hinter einer Bühnenwand ein Häusl, also eine Toilette, in der durch die Unterhose (interessanter Vorgang!) gekotet wird, den Durchfall zeigt dann die Leinwand oben in Großaufnahme. Gefickt und Muschis geschleckt wird auch immer durch Slips. Mundruczó war gestern und Ljod ist längst geschmolzen. Erregung findet nicht statt in dieser zynischen, bös- und abartigen Welt, dafür ein Pimmel Riot – also statt Pussy, ein vermummter männlicher „Widerständler“. Wogegen? Wurscht. Das ist schon sehr provokant-bieder gemacht. Eine gelungene Leistung. Gar nicht zu sprechen, von dem hingeworfenen Umgang mit den Worten KZ (Job: Arbeit macht frei!), Holocaust (Kündigung) und Heil Hitler! Minajew, der Wortverkrasser, hat Recht, man muss nicht immer im eigenen Gulag herumstirln. Bravo, Ali. M. Abdullah für den Mut, das so darzubieten. Und Bravo an Breyvogel, Dolezal und Wagner, von denen man gern mehr gesehen hätte. Bis die letzte Line um 23 Uhr gezogen war.

Irgendwann sagt Tim Breyvogel (pardon, wenn es ein anderer war, es war zwischendurch ein bissl kuddelmuddelig): „Und dann nennt man das ganze Kunst. Und ihr fresst die Scheiße.“ Und er teilt Wodka aus. Nehmen Sie sich ein paar Gramm. Nach Meidling, nach Meidling!

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Wien, 14. 11. 2014