TheaterArche: Das Programm der Saison 2019/20

Juli 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Crowdfunding für „MAUER“ und „HiKiKoMoRi“

MAUER: Eszter Hollosi, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Jakub Kavin, Nagy Vilmos, Ivana Nikolic, Andrea Novacescu, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak und Ivana Veznikova. Bild: Jakub Kavin

Nach der fulminanten Eröffnungsproduktion „Anstoß – Ein Sportstück“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31865) im Jänner dieses Jahres hat sich das Team der TheaterArche für seine erste komplette Saison 2019/20 einiges vorgenommen. Geplant sind vier Eigenproduktionen, ein einwöchiges Festival und zahlreiche Gastspiele, wie zuletzt der gefeierte Čechov-Abend von Arturas Valudskis und seinem „Aggregat“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33317).

MAUER ist der Titel der ersten Eigenproduktion, die am 7. November – anlässlich des Falls der Berliner Mauer vor 30 Jahren – uraufgeführt wird. Jakub Kavin, künstlerischer Leiter der TheaterArche, hat die Textcollage nach einem Stück von Thyl Hanscho erdacht, und um autobiografische Berichte von Vaclav Havel, Schilderungen des Grenzsoldaten Jürgen Fuchs von der Grenze zwischen den USA und Mexiko, Erzählungen eines ehemaligen Auftragskillers, zahlreicher Flüchtender aus Lateinamerika sowie diversen anderen autobiografischen Erinnerungen ergänzt.

Proben zu MAUER: Regisseur Jakub Kavin mit Schauspieler Bernhardt Jammernegg. Bild: Jakub Kavin

Proben zu MAUER mit Andrea Novacescu und Maksymilian Suwiczak. Bild: Jakub Kavin

Wie stets wird die Inszenierung in kollektiver Forschungsarbeit entwickelt. Kavin: „Wir wollen die physischen wie psychologischen Mauern die Menschen umgeben, voneinander trennen, einsperren oder auch beschützen, untersuchen. Der Abend wird eine theatrale Reise rund um die Welt, vom ehemaligen Osteuropa, nach China, bis zur Mauer, die Donald Trump errichten möchte. Es geht also um Mauern einst und heute, in den Köpfen und in der Realität.“

Umgesetzt wird das Projekt von zehn Schauspielerinnen und Schauspielern, Eszter Hollosi, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Jakub Kavin, Nagy Vilmos, Ivana Nikolic, Andrea Novacescu, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak und Ivana Veznikova, in sechs Muttersprachen – Deutsch, Polnisch, Rumänisch, Serbisch, Tschechisch und Ungarisch. Die Musik kommt von Jammernegg, Jost und Suwiczak.

Für „MAUER“ läuft wieder ein Crowdfunding, wobei mehr als zwei Drittel bereits finanziert sind. Für die restlichen knapp 5000 Euro bleiben 37 Tage Zeit, um sich ein Premierenticket samt Sekt, ein Saison-Abo, eine Wohnzimmerlesung oder Schauspielunterricht zu gönnen – oder das Theater für einen Tag zu mieten.

Video: www.youtube.com/watch?v=fkG2C6GpWlE           Crowdfunding: wemakeit.com/projects/mauer

Nach der österreichischen Erstaufführung von NITTEL – BLINDE NACHT, einem Drama von Simon Kronberg über ein Pogrom in der Weihnachtszeit 1941, am 19. Dezember in der Regie von Christoph Prückner, folgt am 19. März als nächste Eigenproduktion HIKIKOMORI, ein Theaterstück nach einer Idee von Jakub Kavin, ein „schizophrener Monolog“, geschrieben im dialogisch-schriftstellerischen Ping Pong von Sophie Reyer und Thyl Hanscho, den Koloratursopranistin und Schauspielerin Manami Okazaki (www.manami-okazaki.com) mit Klavier und Saxophon als Spielpartner performen wird.

Regisseur Kavin: „Auf unserer Forschungsreise nach Japan haben wir versucht, uns möglichst tiefgreifend mit dem Phänomen Hikikomori auseinanderzusetzen. Es ist ein Begriff für junge Menschen, die nach Schulverweigerung oder Arbeitsunfähigkeit viele Jahre zu Hause bleiben, ein Syndrom, ein Tabu, eine Volkskrankheit, die in Japan jeder kennt. Laut einer Studie haben sich in Japan 700.000 Menschen, die im Durchschnitt 33 Jahre alt sind, auf diese Weise zurückgezogen. Das bedeutet, es gibt heute bereits 50-Jährige, die seit 35 Jahren zu Hause eingesperrt sind, sich von ihren 80-jährigen Eltern das Essen vor die Tür stellen lassen und nie aus ihrem Zimmer kommen …“

Manami Okazaki performt „HiKiKoMoRi“. Bild: Jakub Kavin

Manami Okazaki wird den Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen, Frustrationen, die diese Rückzugsbevölkerung plagen, mit ihrem Gesang, ihrer Sprache und ihren Instrumenten Ausdruck verleihen, wird vom überspannten Nichtstun zum unkoordinierten Alles-auf-einmal-Machen wechseln, vom Messi zum Putzteufel, von Mager- zu Fresssucht – bis die Absurditäten überhand nehmen …

Auch für diese Produktion, die im Mai kommenden Jahres nach Japan übersiedeln soll, läuft ein Crowdfunding – nur noch sechs Tage werden unter anderem Wohnzimmerkonzerte oder ein Geburtstagsständchen angeboten. Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=hXRz-mtt6UM           Crowdfunding: wemakeit.com/projects/hikikomori

Als vierte Eigenproduktion schließlich stehen im April/Mai entweder DIE SCHAMLOSEN – eine Textcollage von Nagy Vilmos mit Texten von Daniil Charms oder VERSUCHE EINES LEBENS – eine Stückentwicklung von Thyl Hanscho auf dem Programm. „Hier müssen wir noch aus produktionstechnischen Gründen, auf die finale Entscheidung warten, welches Stück schlussendlich im Frühjahr gespielt wird. Das andere Stück folgt dann im Herbst 2020“, so Kavin, der für den Jänner 2020, genauer: 13. bis 19., ein FESTIVAL DER VIELFALT verspricht: „Mit Tanztheater, diverser Musik, Clownerie und Kabarett bereiten wir eine bunte und internationale Woche vor. Dies Festival soll ein weiterer Schritt dazu sein, die TheaterArche als Haus für die vielfältige, spartenübergreifende Freie Wiener Szene zu etablieren“.

Womit die Sprache nun auf die Gastspiele kommt, von denen Kavin seinem Publikum vorerst drei ans Herz legen möchte: von 8. bis 12. Oktober „Blasted“ von Sarah Kane im englischen Original, eine Koproduktion Mental Eclipse Theatre House und Vienna Theatre Project, von 18. bis 20. Oktober „Yogur Piano“ von Gon Ramos aus Madrid und ergo auf Spanisch, und von 5. bis 8. Dezember das surreale Zirkustheater „Picknick For One“.

www.theaterarche.at

  1. 7. 2019

TheaterArche: Crowdfunding für ein Sportstück

Juni 3, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Herbst heißt es dann „Anstoß“

Performerin Cornelia Scheuer. Bild: Jakub Kavin

TheaterArche bittet einmal mehr zum Crowdfunding. Finanziert werden soll diesmal das Sportstück „Anstoß“, das im Herbst in Wien Premiere haben wird. Ab 12 Euro ist man dabei, für die es als Gegenleistung beispielsweise Yoga-Unterricht mit Schauspielerin Elisabeth Kofler, Personal Training mit Olympionikin Caroline Weber oder auch einen persönlichen Olympiasieg gibt.

„Anhand der zwei sportlichen Großereignisse im Jahr 2018 wollen wir die Faszination Sport hinterfragen: den olympischen Spielen und der Fußball-WM in Russland. Wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Auswirkungen dieser Ereignisse sollen sowohl global als auch lokal unter die Lupe genommen werden“, erklärt Regisseur Jakub Kavin das Projekt. „Teil des Ensembles wird eben Caroline Weber sein. Sie ist Schauspielerin. Ihr erster Beruf war der der Profisportlerin. Als 55-fache österreichische Staatsmeisterin in der rhythmischen Sportgymnastik sowie zweifache Olympiateilnehmerin wird sie im Rahmen der Stückentwicklungsarbeit eine wichtige Impulsgeberin für das gesamte Ensemble sein.“

„Anstoß“, verspricht er weiter, wird ein Stück mit einer gesunden Portion Selbstironie werden. Die Perversion und Faszination des Weltwirtschaftsmotors Profisport wird im kleinen Rahmen der Wiener Theaterszene künstlerisch aufbereitet. Kavin: „Scheitern ist Programm. Mut auch.“ Jeder Abend ein neues Wagnis. 90 Minuten lang.

Zum Crowdfunding: wemakeit.com/projects/anstoss

www.theaterarche.at

3. 6. 2018

Crowdfunding für „Das Floß der Medusa“

Juni 8, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die TheaterArche sucht Förderer für ihr nächstes Projekt

Théodore Géricault: Das Floß der Medusa (Le Radeau de la Méduse), 1819. Bild: Louvre

Die TheaterArche will mithilfe zukünftigen Publikums ihr wichtigstes Projekt für das Jahr 2018 auf die Beine stellen. Gespielt werden soll „Das Floß der Medusa“ nach dem Roman von Franzobel, und das Zauberwort dazu heißt: Crowdfunding. 15.000 Euro werden benötigt, wer gibt, bekommt im Gegenzug Vieles – von natürlich Eintrittskarten über Schauspielunterricht und Gesangstraining bis zu Originalzeichungen von Bianca Tschaikner.

Die bekannte Illustratorin wird beim „Floß der Medusa“ live mitzeichnen, den Kannibalismus, die Gewalt. Ihr Zeichnen wird projiziert und dadurch eine Art lebendiges, sich veränderndes Bühnenbild entstehen. Tschaikner ist es, die während der Aufführung den Bogen vom geschriebenen, gesprochenen Wort zu Théodore Géricault gemaltem Meisterwerk spannen wird.

Jakub Kavin, künstlerischer Leiter der TheaterArche, erklärt: „Unser Stück beleuchtet menschliche Abgründe und die gesellschaftliche Zerrissenheit im Rahmen einer Katastrophe. Wir begeben uns damit auf eine theatrale Forschungsreise: Wie verhält sich der Mensch, wenn er in eine aussichtslose Situation geworfen wird? Welche Überlebensmechanismen treten in Kraft? Wo sind die Grenzen menschlicher Zivilisation? Wann gewinnen niedere Triebe und der bloße Überlebensinstinkt die Oberhand? Das sind die Fragen, die unsere Inszenierung stellt.“

Bianca Tschaikner: Seemänner, 2017

Aktuelle Bezüge sind evident bei dieser geplanten Großproduktion. Dreißig Schauspieler, Tänzer, Performer und Musiker werden dabei mitwirken. „Alle Darstellerinnen und Darsteller sind während des gesamten Stücks auf der Bühne. Es gibt kein Entrinnen“, so Kavin.

Geplant ist die Premiere vor dem 1. Juli 2018. Angefragt dafür sind bereits mehrere größere Häuser wie das Volkstheater, das Schauspielhaus oder der Rabenhof. Und auch die Wiener Festwochen will Jakub Kavin noch kontaktieren. Der Franzobel-Roman ist bei Zsolnay erschienen, die Rechte für die Bühnenfassung liegen beim Thomas Sessler Verlag.

Zum Crowdfunding: wemakeit.com/projects/das-floss-der-medusa

www.theaterarche.at

Wien, 8. 6. 2017

Michael Schottenberg im Gespräch

September 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geld regiert die (Theater-)Welt

Bild: © Peter Korrak

Bild: © Peter Korrak

Am 10. Oktober hat am Volkstheater Kurt Weills/Bert Brechts „Die sieben Todsünden“ Premiere. Hausherr Michael Schottenberg inszeniert, Maria Bill spielt und singt mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter Milan Turković. Die letzte Zusammenarbeit des Erfolgsduos Kurt Weill und Bertolt Brecht, „Die sieben Todsünden“, entstand im französischen Exil und wurde 1933 in Paris am Théâtre des Champs-Elysées uraufgeführt. Durch die Plattenaufnahme mit Lotte Lenya, die 1956 erschien, wurde das Werk einem großen Publikum bekannt. Es schildert die Odyssee von Anna, die von ihrer Familie in die großen Städte geschickt wird, um für den Bau eines neuen Häuschens am Mississippi Geld zu verdienen. Sieben Stationen muss Anna durchwandern und ihre Haut zu Markte tragen. Die klassischen Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid sind dabei die Versuchungen kurzfristiger Bedürfnisse, deren Befriedigung aufgeschoben werden muss zum Zwecke des Profits. Brecht und Weill bringen die Moral des modernen Materialismus auf den Punkt: Sünden werden zu Tugenden, wo nichts mehr einen Wert hat, was keinen materiellen Wert hat. Weills unverwechselbarer Songstil versüßt die bittere Moral. Jeder Nummer liegt die Adaption einer populären Musikform wie z.B. Walzer, Foxtrott, Shimmy, Dixieland oder Tarantella zugrunde. Psychologisch genau charakterisiert seine Musik die handelnden Figuren. Ein Männerquartett stellt die Familie dar, die Rolle der Mutter wird dabei von einem Bass gesungen. Bibelversähnliche Ermahnungen wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und scheinheilige Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsere Kinder …“ unterstreichen die Verlogenheit der Sippe. Zum Schluss hat Anna zwar das Ziel, das kleine Haus in Lousiana, erreicht, doch ob damit auch das Glück erkauft wurde? Ein Gespräch mit Michael Schottenberg:

MM: Warum jetzt „Die sieben Todsünden“?

Michael Schottenberg: Wann, wenn nicht jetzt? Ich wollte immer schon mit einem bedeutenden Orchester eine große, ernsthafte Musikproduktion machen. Nun ist es auch eine Abschiedsproduktion für Maria Bill – ich versuche ja in meiner letzten Saison am Haus jedem meiner Lebensschauspieler noch schöne Rollen zu geben oder gute Ensemblestücke aufzuführen. Alle dürfen noch einmal glänzen. Außerdem ist die Kombination Bill/Brecht/Volkstheater schon eine eingeführte, es ist unsere vierte, nach „Mutter Courage, „Dreigroschenoper“ und „Arturo Ui“ www.mottingers-meinung.at/volkstheater-der-aufhaltsame-aufstieg-des-arturo-ui. Die Chance habe ich zum letzten Mal. Dann ist Brecht einer meiner Lieblingsautoren, weil er schon 1933 die Effekte der Globalisierung perfekt beschreibt. Mit Dirigent Milan Turkovic wollte ich schon lange etwas machen und eben mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien. Die haben begeistert ja gesagt, weil es auch ein wenig neben ihres Tagesgeschäftes ist. Vierzig Menschen musizieren auf der Bühne! Tolle Musiker! Wenn das keine Riesenherausforderung ist!

MM: Das Stück ist von Kurt Weill als Ballett mit Gesang angelegt. Es gibt zwei Protagonistinnen, zwei Annas, eine davon ist Tänzerin …

Schottenberg: Die haben wir uns geschenkt. Maria Bill spielt beide Annas. Das heißt: Sie ist die schüchterne, den Schmerz erduldende, die am Materialismus verzweifelnde Anna 2. Und die hat eine (singende) Anna 1 im Kopf, die ihr einflüstert: „Du musst, du musst, du musst … Geld machen“. Denn sie soll ja als Showgirl ein Haus für ihre Familie erwirtschaften. Die Familie singen vier wunderbare Opernsänger: Martin Mairinger, Wilhelm Spuller, Johannes Schwendinger und Ivaylo Guberov. Der Abend hat auch einen ersten Teil. Wir stellen den „Sieben Todsünden“ neun relativ unbekannte Lieder von Kurt Weill voraus, die er im Exil in Hollywood geschrieben hat: „Je ne t’aime pas“, „Speak Low“, „Nannas Lied“, „Youkali“ … Da geht’s um Liebe, Lust, beides aber auch als Ware, beides gemessen an ihrem Verkaufswert. Das korreliert perfekt mit dem zweiten Teil. Maria singt das in einer wunderschönen Couturierobe, bis sie das Kleid dann ablegt – Darunter hat sich das Mädchen Anna versteckt.

MM: Da könnte man eine Rückblende reininterpretieren: Der große Star, der sich an seine Anfänge erinnert. Vom Konzert zur Leidensgeschichte.

Schottenberg: Das ist gut, das zeigt auch das Innenleben dieser Diva. Der Reiz am Stoff ist ja die Unmoral: Jede Todsünde wird im Business zur Tugend. Sündigen ist eine Tugend. Wer sich nicht verkauft, ist dumm. Wer seinen Körper nicht zur Schau stellt, wird nie ins Himmelreich kommen. Brecht/Weill kehren das um. Ihre kleinbürgerliche Gesellschaft preist die Sünde als Tugend. Und auf der Strecke, so sagt uns Brecht wie in vielen anderen Stücken, bleibt der Mensch, der sich prostituiert. Die Welt ist ein Hurenhaus. Menschen verhärten sich, lassen den Nächsten fallen, die Zeit der Fische bricht an. Aber apropos: Ich habe keine naturalistischen Szenenbilder, nur ein paar Requisiten. In diesem Sinne ist der ganze Abend tatsächlich ein Konzert. Sehr maskenhaft, eine eigene Erzählform, die ich mir gegönnt habe.

MM: Ihre persönlichen Todsünden?

Schottenberg: Ich bin allen Genüssen verfallen und habe Mühe mich aufrecht zu halten, so verdorben bin ich innen drinnen. Ich bin verrucht.

MM: Aber nicht mehr verraucht 😉 Den Zigaretten haben Sie doch abgeschworen.

Schottenberg: Stimmt. EINE Tugend! Ein Glück!

MM: Das Spielzeitmotto lautet „Täuschungen der Fantasie“ …

Schottenberg: In diesen Rahmen passt das Ding sehr gut, weil ich vorführe, wie eine Fantasie geschaffen wird, nur, um sie wieder zu zerstören, um zu zeigen, was sich dahinter verbirgt. Es geht um Spielarten von Fantasie – und um die Realität der Bühne, der wir alle verfallen sind. Mit der Bühnenrealität kann ich Welten erschaffen, die Zeit anhalten. Und alle wissen, die oben tun nur so, aber ich lasse mich dennoch verführen. Der intelligente Zuschauer will nicht wissen, wie das geht, er lässt sich mitnehmen auf eine Reise und er lässt sich verzaubern. Der realistische Zuschauer will wissen, wo der Zauberer das Kaninchen verschwinden hat lassen. Realität ist genügend diesseits der Rampe, auf der Bühne möge eine andere Realität herrschen, eine magische.

MM: Von der Fantasie dennoch zur Realität: Sie haben eine Spendenkampagne ins Leben gerufen.

Schottenberg: Ja, denn das Gebäude verfällt. Wir kämpfen um Subventionen für die grundlegende Instandsetzung des Volkstheaters, nur selbstverständlich ist nichts. Wir sind ein Privattheater. Und da wir keine Großsponsoren haben, bitten wir unsere Zuschauer um einen Beitrag. Sie mögen sich bitte zu uns bekennen – und sie tun es. Allein am Tag der offenen Tür haben wir schon 7000 Euro eingenommen. Es läuft gut. Man konnte ab 350 Euro Patenschaften für Theatersessel kaufen.

MM: Und es geht weiter. Wie?

Schottenberg: Die BAWAG ist aufgesprungen, da kann man auf ein Treuhandkonto spenden. Die Aktion heißt www.es-geht.at. Man kann Taschen oder Hüte aus alten Werbefahnen kaufen. Und Honig vom Bienenvolk auf dem Dach des Volkstheaters www.volkstheater.at/home/extras/crowdfunding und, und, und. Oder man kann für einen Theaterabend für zehn Personen die Bürgermeisterloge mieten, mit privatem Kellner, der Champagner und Fingerfood serviert. An diesem Abend steht in Leuchtschrift der Name des Gefeierten über dem Haupteingang (mehr dazu unter info@volkstheater.at). Im Grunde genommen ist es eine Bewusstseinskampagne: Wir sind das Theater der Wiener. Und sind jetzt durch diese „schockierenden“ Plakate mit den augenlosen Gesichtern Talk of the Town geworden.

MM: Gestatten Sie die Frage: Warum tun Sie sich das in Ihrer letzten Saison noch an?

Schottenberg: Weil’s ums Volkstheater geht, das ich von Herzen liebe. Und weil es sich zum 125-Jahr-Jubiläum bestens geeignet hat. Da geht’s ja nicht um mich. Sondern um die nächsten 125 Jahre.

www.volkstheater.at

Wien, 30. 10. 2014