Neue Oper Wien: Death in Venice

Oktober 10, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Memento mori beim Strand-Dance-Battle

Alexander Kaimbacher als Gustav von Aschenbach, Ray Chenez als Apollo ad personam und Andreas Jankowitsch als mephistophelischer Dionysos. Bild: © Armin Bardel

„The Most Beautiful Boy in the World“, so der Titel des Dokumentarfilms, den Kristina Lindström und Kristian Petri just dieses Jahr beim Sundance Festival vorstellten, ein Biopic über den weiland Visconti-Auserwählten Björn Andrésen für die Rolle des Tadzio – dieser Rolle wird Rafael Lesage 50 Jahre später nicht mehr gerecht. Ein Glück. Der Sohn eines Tänzerpaars, der zunächst im Performing Center Austria HipHop-Klassen nahm, bevor er mit der Compagnie Diversity Queens und dem Studio Indeed Unique einige Preise gewann

(www.youtube.com/watch?v=KUSnQTYuIBc), ist längst kein schüchterner „Bub“ mehr. Sondern ein selbstbewusster junger Mann, der seinen Tadzio dementsprechend performt. Kraftstrotzend, arrogant, ein wenig aggressiv auch, sich seiner aufkeimenden Virilität und deren Wirkung auf dem ihm verfallenen, verfallenden Aschenbach bewusst. Mit dem er nonverbal sein homoerotisches Spielchen zu treiben scheint, sich sogar ein Buch des – heute würde man sagen – Bestsellerautors signieren lässt, ein Blick, ein lässig vom perfekten Body gestreiftes Handtuch, ein Beinah-Kuss. Als ob sich die morbide Schönheit Venedigs in ihm spiegeln würde …

Die Neue Oper Wien brachte im MuseumsQuartier Benjamin Brittens „Death in Venice“ zur dunkel-wuchtigen Premiere. Mit Intendant Walter Kobéra als Dirigent des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, in einer Inszenierung von Christoph Zauner, Bühne und Kostüme von Christof Cremer, womit das eine Dreigestirn der Aufführung genannt wäre. Eine Trinität, die Brittens Thomas-Mann-Vertonung als Aschenbachs albtraumhafte Gedankenreise, anders gesagt: mit dem vielgestaltigen Andreas Jankowitsch und dem Wiener Kammerchor als Totentanz anlegt.

Brittens letzte ist sozusagen eine „Große Kammeroper“, für die Kobéra eine charismatische Klangwelt, einen emotionalen Sturm aus 49 Musikerinnen und Musikern, davon fünf am Schlagwerk plus ein Paukist, zu entfesseln, jedoch in den intimen Momenten von Aschenbachs Innenschau zu bändigen versteht. In Brittens Kompositionsthriller mit Sog Richtung letalem Finale, dirigiert Kobéra Aschenbachs Gefangenschaft im Gefühlschaos, dessen Leidenschaft, Verwirrung und Verlust der Würde gleich einem fortwährenden Subtext.

Kaimbacher und Chenez als Lookalike-Apollo. Bild: © Armin Bardel

Rafael Lesage adoleszenter Tadio. Bild: © Armin Bardel

Countertenor Ray Chenez als Apollo. Bild: © Armin Bardel

Um diesen „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“-Zweikampf zwischen Ratio und Passio Gestalt zu verleihen, gesellt Regisseur Zauner Andreas Jankowitsch als Geck, Gondoliere, Hotelier, Coiffeur und Dionysos Countertenor Ray Chenez als Apollo bei – er optisch ein jüngeres Alter Ego des alternden Literaten, dem er in Permanenz und mit Drohgebärde die Schreibmaschine auf den Knien platziert. Zu alldem, der feinziselierten Charakterführung Kobéras wie Zauners, ihrer Achtsamkeit auf Gesten und den durchdachten Details, hat Cremer ein Setting erdacht, ein Labyrinth aus Venedigs Brücken und Badestegen, schmale Grate, auf denen es die Balance zu halten gibt, inmitten eines Meers aus Sand ist gleich Asche, umringt von den rostigen Wänden eines Schiffsbauchs, als hätte Aschenbach die „Esmeralda“ nie verlassen.

Derart als Memento mori, oder: eine Morbidezza nicht der Malerei, sondern der Morschheit der Moral, entspinnt sich ein Licht- und Schattenspiel. Fabelhaft Andreas Jankowitsch, der vom Gondoliere-Charon an Aschenbachs diabolischer Gegenspieler ist, der sich im Chor zu einem „Mein Name ist Legion!“ steigert. Diese Gesellschaft am Lido gehüllt ins Graublau der Serenissima-Tauben und umringt von grotesk-grausamen Gauklern und Schreckgespenstern wie Catalina Paz als Erdbeerverkäuferin oder Elisabeth Kirchner als Bettlerin im Namen ihrer verhungernden Kinder.

Die Cholera, Seuche das Bühnenthema 2021, sie klopft schon an die Tore der Lagunenstadt. Die Seemöwen die anfangs durchs Video segelten, sind längst deren wurmartigem Erreger gewichen, unter den Stegen wabern tödliche Dämpfe – die Cholera, sie ist gelb. Symbolik und Farbantagonismen als Metaphern für einen drangsalierten Geist, sie sind bei Zauner und Cremer großgeschrieben. Doch noch steht die Schlacht zwischen dem apollinischem und dem dionysischen Prinzip an, und an dieser Stelle gilt es endlich zu sagen:

Dies ist der Abend des Alexander Kaimbacher, der als Gustav von Aschenbach drei Stunden lang sängerisch höchstpräzise und schauspielerisch höchstpräsent mal mit metalischem, mal fragilem Timbre alles gibt. Sich in der Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschneiderten Rolle entäußert, entleibt, sich von Zweifel über Verzweiflung zu Selbstzerfleischung aller darstellerischen Schranken entledigt, die Kalvarienberg-Stationen der Figur durchwandert, durchleidet, ein Faust auf der Suche nach und in ständiger Begegnung mit seinem Mephisto-Jankowitsch – selten ward psychische Zerrissenheit so nobel über die Rampe gebracht.

Wr. Kammerchor als Matrosen. Bild: © Armin Bardel

Lesage und Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Die Straßensänger. Bild: © Armin Bardel

Und überall der schöne Jüngling. Bild © Armin Bardel

Fulminant! Kaimbacher mit Jankowitsch und Chenez das andere Dreigestirn der Aufführung, wenn die Götter um den Sterblichen ringen, dessen Bedenken ob seiner „ungesunden“ Begierde austricksen, wobei es – in dieser Interpretation wenig überraschend – der ewig strahlende Delpher sein wird, der seinem Schützling in den Schritt greift, eine orgasmische Petite-Mort-Szene, Aschenbach bald so kreidebleich wie des Dionysos‘ geisterhafte Gefolgschaft …

Viel gibt es bei dieser Arbeit der Neuen Oper Wien zu interpretieren und zu überlegen, etliche Einfälle gilt es noch zu würdigen. Etwa das Kräftemessen von „Tadzio“ Rafael Lesage und seinem besten Freund Jaschu aka der Latino-Wiener Luis Rivera Arias, das als Dance-Battle am Lido-Strand ausgetragen wird, als Trainerin und Trainer die Tänzerin Leonie Wahl (www.mottingers-meinung.at/?p=36197) und Tänzer Ardan Hussain, die Choreografie für Brittens konzertante Zwischenspiele, ein Sonnenbad, ein Wasserballmatch, ein Flanieren auf der Promenade, das Champagnisieren angesichts der Katastrophe: Saskia Hölbling.

Oder Kaimbacher-Aschenbachs Besuch bei Coiffeur-Jankowitsch, dessen schwarzer Frisiermantel sich mittels zweier Chormitglieder zur Tracht eines Pestdoktors, ja, zu einer bewegten Version von Rodins Höllentor steigert. Zum Schluss zieht der junge Apoll-Aschenbach gegen Tadzio eine Pistole, das stumme Objekt der Begierde, meint der vorherige, muss zur Beendigung der Qualen des derzeitigen Aschenbach weg … zu spät fürs Entkommen des Abyssos‘ und ergo keinesfalls mehr dazu. Außer einem: So steht’s im Libretto nicht. Und einem Bravissimo sowie der Empfehlung, sich diese bemerkenswerte Produktion anzuschauen.

neueoperwien.at          Video: www.youtube.com/watch?v=zAZIsnvhM-k

  1. 10. 2021

Volksoper: Meine Schwester und ich

April 7, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Charme, Schuh und Millionen

Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, hat ein Auge auf ihren Bibliothekar Dr. Roger Fleuriot geworfen: Lisa Habermann und Lukas Perman. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerade als man dachte, mehr geht nicht, ging’s erst richtig los. Mit Tempo, Temperament und Tollheit, nach der Pause im zweiten Akt, was daran liegen mag, dass nun die beiden Hits zu hören sind, „Ich lade Sie ein, Fräulein“ und „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“, definitiv aber mit Herbert Steinböck zu tun hat, der als glückloser Schuhhändler Filosel ein kabarettistisches Kabinettstück liefert. Und mit Johanna Arrouas, die als seine von einer Karriere als Revuegirl träumende Angestellte Irma wohl die beste Leistung des Abends bietet.

An der Volksoper hatte in der Regie von Direktor Robert Meyer Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“ Premiere, beinah muss man sagen, eine Neuentdeckung, ist die musikalische Klipp-Klapp-Komödie doch nicht nur erstmals am Haus zu sehen, sondern liegt die letzte Wiener Inszenierung mehr als vier Jahrzehnte zurück. Zur Zeit der Uraufführung 1930 war das Werk ein Riesenerfolg, was es nun – siehe Schlussapplaus – auch an der Volksoper zu werden verspricht, mit dem der Komponist gleichsam das Genre der Kammeroperette erfand. Ein feines Spiel im intimen Rahmen, kleines Orchester, weder Chor noch Ballett – wobei Robert Meyer und Dirigent Guido Mancusi diese Vorgabe auf ganz wunderbare Weise verwässern.

Im Gerichtssaal fängt es an. Das angedachte Traumpaar Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, und der Musikwissenschaftler Dr. Roger Fleuriot begehren die Scheidung. Doch der Richter will erst die Geschichte der beiden hören, bevor er ein Urteil spricht. Und so findet sich die Justiz rückversetzt in der Pariser Bibliothek der Prinzessin wieder, wo Roger beauftragt ist, den Bestand neu zu ordnen. Längst hat die millionenschwere Dolly ein Auge auf den mittellosen Akademiker geworfen, aber der scheut die Standesunterschiede und hält an seinen Vorstellungen von einer „schicklichen Ordnung“ fest. Als Roger nach Nancy abreist, um dort eine Professur an der Universität anzutreten, erfindet Dolly in Panik eine Schwester, der er ein Päckchen mitbringen soll.

Lukas Perman mit dem fabelhaften Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schuhhändler Filosel und Kunde Monsieur Camembert bemühen sich eifrig um Dolly: Herbert Steinböck, Lisa Habermann und Georg Wacks. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Eine beim Vater in Ungnade gefallene, nunmehrige Schuhverkäuferin, die Dolly selbstverständlich bis aufs Haar gleicht. Als Roger auf die in Geneviève verwandelte Dolly trifft, verliebt er sich im Moment, muss er dem vermutet einfachen Mädel gegenüber doch keine Minderwertigkeitskomplexe haben. In Filosels Laden kommt aber auch, schäumend vor Eifersucht, Dollys ungarischer Verehrer Graf Lacy de Nagyfaludi an – wie praktisch vom Plot, dass Dolly ihn Irma zuführen kann, deren Feuer der Magyar sofort erliegt. Die Paare finden sich, Champagner und Geld fließen, doch ist längst nicht alles Gold, was glänzt – und so erscheint erneut das Gericht, um eine Entscheidung über Dollys und Rogers Ehe zu treffen …

Meyer hat ein Ensemble versammelt, das punkto Gesang, Schauspiel und Tanz kaum Wünsche offen lässt, das sich mit Verve ins verrückte Treiben wirft, und dabei niemals die Komödiantik Richtung Klamauk überdreht. Ausstatter Christof Cremer stellt erst einen eleganten Art-déco-Salon auf die Bühne, später ein pastelliges Schuhgeschäft, alles atmet 1930er-Jahre, auch die ebenfalls in der Farbskala Rosé bis Magenta gehaltenen Kostüme. In diesem Setting brillieren die Darsteller, die freilich den von Benatzky verlangten „Singschauspielern“ stimmlich meist weit überlegen sind. Hausgast Lukas Perman, derzeit auch am Raimund Theater in „I Am From Austria“ zu sehen, überzeugt mit seinem Charme und seinem angenehmen Kavaliertenor, interpretiert eine Walzermelodie wunderschön Wienerisch, und meistert mit Witz die Wandlung Rogers vom tollpatschigen Gelehrten zum liebestrunkenen Draufgänger.

Lisa Habermann ist eine bemerkenswert quirlige Dolly/Geneviève, die wiewohl ohne Standesdünkel, sehr wohl weiß, wie man unter Einsatz von Geld seinen Kopf durchsetzt. Julia Koci legt ihre Gesellschafterin Henriette als kokettes Geschöpf an. Guido Mancusi führt das Orchester von Slowfox über Tango bis Shimmy zur Hochform, Andrea Heil hat dafür schwungvolle Choreografien ausgearbeitet, doch Benatzky wäre nicht Benatzky, hätte er nicht mit Augenzwinkern die Kollegen der Zunft aufs Korn genommen. So finden sich in „Meine Schwester und ich“ nicht nur parodistisch-opernhafte Passagen wie Irmas „Aber Filosel …“, sondern wird auch die große Silberne Operette persifliert, vor allem die damals beliebte Ungarntümelei – in der Figur des Lacy-bácsi.

Schuhverkäuferin Irma schockiert Filosel mit ihren Revuegirl-Allüren: Herbert Steinböck und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Doch der heißblütige Graf Lacy de Nagyfaludi verfällt ihr sofort: Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss gestaltet das heißblütige Blaublut großkariert und mit dezentem Akzent, und hat mit Lisa Habermann und „Um ein bisschen Liebe dreht sich das Leben“ und Johanna Arrouas und „Ach, wie süß ist die Liebe“ zwei der hervorragendsten Auftritte der Aufführung. Gemeinsam mit Herbert Steinböck als atemlos-schusseligem Filosel entzündet sich ein Feuerwerk an guter Laune. Alles an diesem Abend ist, um im Französischen zu bleiben, super sympathique. Nicolaus Hagg wird vom Gerichtspräsidenten zu Dollys treuem Faktotum Charly, Georg Wacks ist als Monsieur Camembert ein Kunde, den man ungern – nomen est omen – Fußbekleidung anprobieren lässt.

Bleibt, die vier Damen und vier Herren des Jugendchors zu erwähnen, um deren kleine Rollen als Beisitzer, Bedienstete, Revuetänzer das Benatzky-Personal aufgepeppt wurde, und deren Namen sträflicherweise nicht auf dem Programmzettel ausgewiesen sind. Wenn sich so der Nachwuchs des Hauses präsentiert, braucht man sich um die künstlerische Zukunft der Volksoper keine Sorgen zu machen. Bravo!

Leading Team und Darsteller im Gespräch; www.youtube.com/watch?v=F5_WXlFaruw  www.youtube.com/watch?v=DpToLeKwei8        www.volksoper.at

  1. 4. 2019

Volksoper: Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit

Juni 13, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hohepriester des Glamrock

Drew Sarich als Antonio Vivaldi und Morten Frank Larsen als Kardinal Ruffo mit dem Jugendchor der Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist schwer, etwas zu schreiben, wenn ringsum alles ständig in frenetischen Jubel ausbricht. Aber ehrlich, „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“, das ist, als wäre die Wallgasse explodiert, und große Brocken davon hätten die Währinger Straße applaniert. Die Neuerfindung BaRock-Oper ist nicht einmal ein One-Hit-Wonder, einfach, weil nicht einer drin ist. Christian Kolonovits hat einen wabernden Soundteppich komponiert.

Achtziger-Jahre-Glamrock-Bombast, aus dem ab und zu ein Stückl Vivaldi hervorlugt. Die vier Jahreszeiten, meist der – Achtung, doch ein Ohrwurm – Frühling, weil der ja aus Werbung und Fahrstühlen bestens bekannt. Dazu hat Angelika Messner ein Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Libretto verfasst. Es ist ein Glück, dass es in Brocken oft edle Einschlüsse gibt, und als ein solcher entstieg Drew Sarich der musikalischen Tonnenlast und brachte die Volksoper zum Funkeln.

Die Handlung von „Vivaldi“ ist nicht nur ein Mix aus Fakt und Fiktion, sondern gleichsam die Skript gewordene Matrjoschka-Puppe: Es gibt nicht eine Klammer, sondern zwei. Eine venezianische Girl Group kommt nach Wien, wo Vivaldi 1741 gestorben ist, um die Partitur zur mysteriösen „Fünfen Jahreszeit“ zu suchen. Stattdessen findet sich ein Tagebuch von Paolina Girò, Vivaldis Haushälterin und Schwester seiner Muse und großen Liebe Annina. Die Mädchen lesen – und treffen auf einen gealterten Vivaldi, der Goldoni seine Lebensgeschichte erzählt, damit der daraus ein Theaterstück macht. Wirklich war Goldoni zwei Mal Librettist für Vivaldi – und beide Male ging’s nicht ohne Reibereien ab.

Vivaldis Lebensbericht beginnt bei seinen Jahren als Wunderknabe, Priesterweihe, Leitung des Mädchenorchesters des Ospedale della Pietà, die Girò-Schwestern, Ruhm, Hochmut, Fall – weil seine Musik im Laufe der Jahre aus der Mode kam, Rom, Demütigung, Wien in Hoffnung auf den Kaiser, der stirbt erst, dann Vivaldi. Goldoni ist dem Geschehen zu diesem Zeitpunkt bereits irgendwie abhanden gekommen. Aber die Mädchen! Haben erkannt! „Die fünfte Jahreszeit“ sind … na? na? – genau! Dass sich das Ganze allem Anschein nach bierernst nimmt, macht die Sache nicht besser, eine tatsächlich witzige Szene von halbnackten römischen Kardinalen in der Sauna (in der sich „heiß“ sehr günstig auf „Schweiß“ reimt) wirkt dadurch wie ein Fremdkörper.

Rebecca Nelsen (Annina Girò), Drew Sarich (Antonio Vivaldi). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Pfeifer (Carlo Goldoni / Kaiser), Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Rebecca Nelsen (Annina Girò), Julia Koci (Toni / Paolina Girò), Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der historisch belegte Umstand, dass da ein geweihter Priester jahrelang eine ménage à trois lebte, wird als Reibefläche verschenkt. Ebenso die – nicht belegten – pädophilen Neigungen von Vivaldis Mentor Kardinal Ruffo. Auch der in Rom verlangte Sangeswettstreit Koloratursopran vs Kastrat wird nicht ausgereizt. Seufz. Mehr Steilvorlagen hat der Stoff nicht. Vivaldis Leben, lucky him, ist ungefähr so konfliktbelastet wie eine gutbelegte Quattro Stagioni. Um das wenige, das da ist zu unterstreichen, stürzt sich die Regie auf greifbare Stereotype:

Drew Sarich steigt direkt aus dem Totenkopf-Tank-Top in die Soutane. Huch, welch ein Rebel! Christoph Cremers weitere Kostüme schwelgen in grellen Pink-Gelb-Kombinationen von Minirock und Krinoline, dazu schrille Falco/Amadeus-Perücken.

Wer’s tatsächlich rausreißt, sind die Darsteller. Drew Sarich ist ein sexy Priester-Punk, der sich, wenn recht gehört, bis zum Hohen H emporschraubt. Sein spitzbübischer Charme, mit dem er den Prete Rosso ausstattet, sein Bühnencharisma sind wie immer unübertroffen. Boris Pfeifer brilliert als pfiffiger Goldoni, ein Spielmacher, der über die Bühne turnt – und in Ermangelung des echten, die Persiflage eines Kaisers gibt. Rebecca Nelson und Julia Koci sind schön stimmgewaltig als Annina und Paolina, Koci rockt als Toni auch noch als Teil der Girl Group.

Der Mädchenchor der Volksoper ist musikalisch hinreißend und teenagerzickig sympathisch. Und Countertenor Thomas Lichtenecker als Paradiesvogel-Kastrat Cafarelli holt einen im Wortsinn aus dem Sitz. Schade, dass er nur einen Song hat. Morton Frank Larsen ist als Kardinal Ruffo der sinistre Bösewicht des Stücks, allerdings erscheint die Partie für ihn ein wenig zu tief.

Der vielleicht schönste Auftritt in „Vivaldi“ ist der von Annina beim Vorsingen. Da kommt sie „verkleidet“ als große Diva, bis Vivaldi ihr sagt, sie solle die Perücke runterräumen und aus dem Fummel steigen: „Du musst dich von allen Klischees befreien!“ Was soll man sagen? Annina hat’s getan …

www.volksoper.at

Wien, 13. 6. 2017