Craig Thompson: Habibi

Juni 22, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine grafische Odyssee durch Islam und Christentum

Bild: Reproduktiv Verlag

Bild: Reprodukt Verlag

Vor einer fantastischen Kulisse aus orientalischen Wüstenlandschaften, märchenhaften Harems und der allgegenwärtigen Kluft zwischen „Erster“ und „Dritter Welt“ erzählt „Habibi“ die Geschichte von Dodola und Zam, zwei Kinder, die der Zufall eint, das Schicksal auseinanderreißt und deren tiefe Liebe zueinander allen Widrigkeiten zum Trotz überdauert. Sieben Jahre arbeitete Craig Thompson an „Habibi“ („Habib“, arabisch: „Geliebte/r“, zusammen mit dem besitzanzeigenden „mein“ ergibt sich „Habibi“).

Seine grafische Reise führt den Leser in die Welt des Islam – sowohl der Vergangenheit wie auch der Gegenwart. Wasser und die Zahl Neun begleiten die Liebesgeschichte von Dodola und dem viel jüngeren Zam auf ihrem Weg durch neun Kapitel und mehr als 670 Seiten. Gleich zu Beginn wird die neunjährige Dodola von ihren Eltern an einen Schreiber verkauft, der Manuskripte, darunter den Koran, kopiert. Von ihrem wesentlich älteren Ehemann wird sie in die Kunst der arabischen Schriftzeichen eingeführt.

Jeder Strich, jedes Zeichen gewinnt an Bedeutung: Beginnend mit der Eröffnungsformel jeder Koran-Sure – mit Ausnahme der Neunten –, der Basmala („Im Namen Gottes des Barmherzigen und Gnädigen“), fängt auch Dodolas Zeichenlehre an. Daraus wird die Geschichte selbst. Thompson verliert sich aber nicht in der Kalligraphie, sondern lässt die Basmala zu einem Teil der Geschichte werden, indem er sie durch Dodola später als Schutzformel an Zam weitergeben lässt. Nachdem ihr Mann ermordet wird, flieht das Mädchen in die Wüste und findet den dreijährigen Jungen auf einem alten Boot auf einem Meer aus Sand, wo sie zusammen leben und heranwachsen. Zam entdeckt die lebensnotwendige Wasserquelle, wie überhaupt Wasser eine wesentliche Rolle in der Geschichte spielt. Es ist Leben (Geburt) und bringt Tod (Ertrinken), ist Anfang und Ende.

Thompson führt Dodolas und Zams Abenteuer zu einem Strom zusammen, der ständig zu versickern droht. Doch immer wenn eine Episode endet, beginnt der Fluss der Erzählung an anderer Stelle von Neuem. Es entsteht eine grafische Odyssee durch den Orient und eine Synthese verschiedener Glaubenssysteme. Für den Zeichner und Autor sind Islam und Christentum gleichberechtigt. Er zeigt, dass beide Religionen gleichermaßen Hoffnung spenden: Wie Dodola und Zam, stellt Thompson Ismael (Islam, Sure 37.102) und Isaak (Christentum, Genesis 22.7) gemeinsam dar. Stellvertretend für die beiden Religionen pilgern sie von unterschiedlichen Ecken der Comicseite einer Opferstätte entgegen, an der Stammvater Abraham darauf wartet, einen der Söhne zu opfern. Immer wieder verzweigen sich Prophezeiungen, biblische Erzählungen und Handlung, ergänzen sich und sorgen dafür, dass die Geschichte niemals endet. Beide Religionen haben gemeinsame Wurzeln, beide sollen verbinden, nicht trennen. Ein Plädoyer für die Menschlichkeit, die mehr und mehr abhanden kommt. Denn die politische Realität im 21. Jahrhundert sieht leider anders aus – in der arabischen und in der christlichen Welt.

Bild: Reproduktiv Verlag

Bild: Reprodukt Verlag

Bild: Reproduktiv Verlag

Bild: Reprodukt Verlag

„Habibi“ hat auch viel mit den Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ gemeinsam. Sowohl die mächtigen Djinnis, als auch bezaubernde Haremsdamen und finstere Wächter finden sich in beiden wieder. Am Ende der arabischen Nächte hat Scheherazade ihrem König drei Kinder geboren und ihr Leben gerettet. Dodola gibt mit ihren Geschichten Zam Hoffnung, nimmt ihm die Angst. Sie erzählt von Adam und Eva und ihrer Vertreibung aus dem Paradies, Noah und der Sintflut, König Salomon, Mohameds Reise in die sieben Himmel. Thompson arbeitet dazu mit Rückblenden, Zeitsprüngen, Traumsequenzen, Parabeln ohne das gemeinsame Erbe von Islam und Christentum aus den Augen zu verlieren.

„Habibi“ endet in der Gegenwart, in einem modernen, verschmutzen Land, Wanatolien, in dem korrupte Machthaber, gierige Geschäftsleute und Umweltverschmutzer das Sagen haben. Ein riesiger Staudamm soll den Fluss zähmen, den Menschen, oder zumindest einigen von ihnen, Wohlstand und Reichtum bringen. Eine Welt in der Dodola und Zam keinen Platz haben (wollen) und das Weite suchen. Mit ihnen ein kleines Mädchen, das sie von einem Menschenhändler freikaufen. Ein ähnliches Schicksal wie Zams, viele Jahre zuvor. So schließt sich der Kreis und beginnt wieder von Neuem. Eine Ode an die Magie des Geschichtenerzählens.

Über den Autor:
Craig Thompson wurde 1975 in Traverse City, Michigan, USA, geboren und wuchs in einer christlichen Familie in einer Kleinstadt in Wisconsin auf. Schon mit seinem ersten längeren Comic „Mach’s gut, Chunky Rice“ gewann er 1999 den Harvey Award als „Bestes neues Talent“. In den folgenden vier Jahren arbeitete er an „Blankets“, einem 600 Seiten starken, autobiografischen Comic-Roman, in dem Thompson offen über das Heranwachsen in seiner fundamental-christlichen Familie berichtet und von seiner ersten großen Liebe erzählt. Für „Blankets” wurde er 2004 mit drei der wichtigsten US-Comicpreisen ausgezeichnet (Harvey-, Eisner-, und Ignatz-Award) und das gleich in mehreren Kategorien. Mit „Blankets“ gelang es Craig Thompson auch international und über die Grenzen der Comicszene hinaus, Bekanntheit zu erlangen. 2011 erschien mit „Habibi“ sein nächstes Erfolgswerk. 2015 folgte Thompsons aktuellste Graphic Novel „Weltraumkrümel“, ein buntes kosmisches Abenteuer, das sich zum ersten Mal an eine Leserschaft jeden Alters wendet. Craig Thompson war lange Zeit in Portland, Oregon tätig. Er lebt und arbeitet nun in Los Angeles.

Reprodukt Verlag, Craig Thompson: „Habibi“, Graphic Novel, 672 Seiten, 4. Auflage. Aus dem Amerikanischen von Stefan Prehn.

www.reprodukt.com

Wien, 22. 6. 2016

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015

Dallas Buyers Club

Februar 6, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie schön wäre es, wenn dieser Film nicht wichtig wäre

Jared Leto, Matthew McConaughey Bild: Ascot Elite

Jared Leto, Matthew McConaughey
Bild: Ascot Elite

Da müssen Sie durch, das müssen Sie hier noch einmal lesen: Dass Matthew McConaughey für seine Rolle 25 Kilo, Jared Leto 15 abgenommen hat. Dass nach dem Golden Globe nun auch der Oscar winkt. Die roten Teppiche rotieren, die TV-Kameras kollabieren. „Dallas Buyers Club“ ist die Filmsensation der Saison. Wie schön wäre es, wenn dieser Film nicht wichtig wäre. Aber er ist es in Zeiten steigender HIV-Infizierungen. Sein Bemühen um Aufklärung ist denn auch das edelste Motiv, dass man dem kanadischen Regisseur Jean-Marc Vallée nachsagen kann. Mehr als zwanzig Jahre nach „Philadelphia“ berichtet Hollywood wieder über das wichtige Thema AIDS. Ein Verdienst von Drehbuchautor Craig Borten, der zwei Jahrzehnte um die Umsetzung des Projekts gerungen hat. „Dallas Buyers Club“ erzählt eine true story, die von Ron Woodroof nämlich, den Borton 1992 knapp vor dessen Tod getroffen und drei Tage lang interviewt hat.

Der Texaner, Elektriker und Rodeoreiter, Prolo und Macho, Frauenflachleger, erhielt Mitte der 80er-Jahre die tödliche Diagnose. Weil sich ein echter Homophober aber nicht damit abfinden kann, an der „Schwulenseuche“ zu krepieren, machte er sich auf die Suche nach alternativen Heilmitteln und fand eines in Mexiko. Das er in den USA, weil nicht zugelassen, nicht verkaufen durfte. Also gründete er einen Klub, dessen Mitglieder das Medikament nach Einzahlung eines Mitgliedsbeitrags beziehen konnten. Dies ist der spannendste Aspekt des Films: Wie einer eine Gesetzeslücke ausnützte, der Verhinderungstaktik der US-Zulassungsbehörde die Stirn bot und etlichen Mitleidenden zu einer Lebensverlängerung verhalf. In kurzen Aufblitzern zeigt Vallée auch die Gleichgültigkeit der Pharmaindustrie, die Angst der Ärzte gegenüber den Patienten. Hier hat „Dallas Buyers Club“ seine stärksten Momente.

Ansonsten wird kaum ein Klischee ausgelassen. Von Anfang an ist klar, dass man über den unsympathisch-cholerischen Ron noch Tränen vergießen wird, dass da einer vom Zero zum Hero aufsteigt, dass seine Zweckbekanntschaft Rayon genau die mit dem Herzen ist, die Menschen, die Anderssein als Krankheit betrachten, zum Umdenken veranlasst. An Überraschungen gibt es wenig, ist das Ende der Geschichte ja bekannt. Vallée wusste an welches Publikum er sich richtet und hat die Dinge entsprechend hergerichtet. Dass das Ganze keine politisch korrekte Oscar-Schielerei ist, sondern mit trotziger Rotzigkeit daher kommt, ist das Verdienst von McConaughey. Der ehemalige sexiest man alive, berühmt für Surfer-Fotos, abonniert auf romantische Komödien, zeigte schon als böser Börsenmakler in Martin Scorseses „Wolf of Wall Street“ was Sache ist. Nun ist der 44-Jährige auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Mit einer Tour-de-Force-Performance macht er den Überlebenskampf seines Aids-Aktivisten beinah greifbar. Er ist bis zuletzt ein Rebell gegen Krankheit und Sterben. Ebenso gelungen ist die Leistung von Jared Leto. Der Frontmann von Thirty Seconds to Mars spielt den Transsexuellen Rayon mit atemberaubend morbiden Charisma. Eine fragile Figur ohne Dragqueen-Feder im Arsch. Dass mit dieser darstellerischen Authentizität so manche inhaltliche Echtheitsklippe umschifft wird, muss einem egal sein. Das ist Hollywood. Und das ist ein sehenswerter Film.

www.dallasbuyersclub.de

www.focusfeatures.com/dallas_buyers_club

Trailer: www.youtube.com/watch?v=cC6mv0KhOBY

Wien, 6. 2. 2014

James Bond Nr. 24

August 14, 2013 in Film

 Sam Mendes führt NICHT Regie

3054248165_3827a2dfdd„Bond 24“ ist der Arbeitstitel des neuesten 007-Abenteuers. „Devil May Care“ soll der nächste Martini-Mix jedenfalls definitiv nicht heißen.  Die gute Nachricht: Nach dem Reinfall „Skyfall“ wird Sam Mendes nicht wieder im Regiestuhl sitzen. Theaterverpflichtungen würden ihn aufhalten. Aufatmen! Die  Produzenten  Michael  G.  Wilson  und   Barbara   Broccoli suchen nun fieberhaft nach Ersatz. Der norwegische Filmemacher Morten Tyldum soll im Gespräch sein. Der Einsatz von Daniel Craig ist jedenfalls sicher. Alles andere, pst, Geheimsache! Insidern zufolge soll Penelope Cruz das Bondgirl, Helen Mirren die Bösewichtin sein. Es gibt auch auch Gerüchte, sie würde die neue M. Alles sehr mysteriös. Der  Film soll in Großbritannien am 23. Oktober 2015 in die Kinos kommen.
www.007.com/bond-24-news/

www.mottingers-meinung.at/die-gurke-des-jahres-2013-geht-an-skyfall/

14. 8. 2013

Von Rudolf Mottinger