Michael Fassbender ist „Macbeth“

Oktober 27, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Soldat mit posttraumatischer Belastungsstörung

Michael Fassbender und Marion Cotillard Bild: Studiocanal/Allstar

Michael Fassbender und Marion Cotillard
Bild: Studiocanal/The Weinstein Company

Sie leben ja tatsächlich eine Albtraumehe, Lord und Lady Macbeth, aber Michael Fassbender und Marion Cotillard sind als solche ein Traumpaar. Der australische Regisseur Justin Kurzel, der mit dem Serienmord-Thriller „Snowtown“ bekannter wurde und vor seiner Kinokarriere Bühnenbildner am Theater war, machte sich daran, Shakespeares schottisches Stück zu verfilmen.

Nach Adaptionen des archaischen Dramas durch Leinwandgenies wie Orson Welles, Akira Kurasawa und Roman Polanski ein gewagtes Unterfangen und doch eine Übung, die gelungen ist. Kurzels „Macbeth“, ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen, ist der Film zur Zeit. „Shakespeare für die Game-of-Thrones-Generation“, schreiben Kollegen. Und als ausgewiesener GoT-Fan mag man das bestätigen. Die Produktion ist blutig-bildgewaltig, so rau wie die Landschaft, in der sie, und die Charaktere, mit denen sie spielt. Mit Akribie in der vom britischen Barden vorgegebenen Unzeit verhaftet und doch an einem Heute angedockt, in der gnadenlose Kriege Flüchtlingsströme vor sich her treiben.

In fahlen, fast farblosen Szenarien zeigt Kurzel drastisch und direkt, was der Dramatiker wortgewaltig schildert: Was der Krieg mit Menschen macht. Der Filmemacher traut sich eine moderne Erklärung für die plötzliche Wandlung vom treuen Vasallen zum mordlüsternen Tyrannen zu – der neue Macbeth leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ausgelöst hat die soldatische Krise die grausame Schlacht gegen Rebellenführer Macdonald. Das apokalyptische Gemetzel, aus dem Macbeth und sein Gefährte Banquo nur dank ihrer Kühnheit siegreich hervorgehen, ist wegen der nahe am Bodenmatsch angebrachten Kameras in seiner ganzen Brutalität zu erleben: Im kargen Hochland, umhüllt von Kälte und Nebel, gehen kindergesichtige Soldaten auf einander los, stechen und hauen und sterben. Brüllend und wimmernd. In slow motion. Und damit nicht genug, der Heerführer hat mit seiner Frau auch einen privaten Schmerz zu bewältigen. Wie um ein für alle mal die Frage nach ihrer Kinderlosigkeit zu erklären, betrauern die Macbeths zu Beginn des Films den Tod ihres einzigen Erben. Macbeth legt ihm Steine in die Augenhöhlen, bevor man ihn in der öden Landschaft verbrennt. Als ob sie die innerliche Leere nun antreiben würde, beschließen sie ob dieses Schicksalsschlags das Schicksal beim Schopf zu packen, die Weissagung der Hexen anzunehmen und die ruchlosen Taten umzusetzen.

Kurzel hat Shakespeare zwar textlich reduziert, doch bleibt er beim Vers. In der unbedingt sehenswerten englischen Fassung klingen die Worte dennoch ungeschliffen hingeraunt. Vorgetragen werden sie von einem erstklassigen Ensemble. Der charismatische Michael Fassbender hat sich Macbeth anverwandelt. Er spielt mit dem gedämpften Furor eines Leidenden, changiert zwischen introvertierter Verletztheit und der erschreckend plötzlich ausbrechenden Wut eines Mörders. Die größere schauspielerische Sensation ist allerdings Marion Cotillard, die die Zuschauer tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt. Ihre Lady wandelt, wie man sie kennt, fiebrig und schon vom Wahn gezeichnet dem Ende entgegen. Doch ihr mal verwegener, mal verwehter Blick sagt der Kamera mehr, als Sätze es könnten. Fassbender und Cotillard spielen ohne große Theatergeste, sondern mit einem beinah zwanghaften Hang zur Intimität. Dieser „Macbeth“ ist tatsächlich ein Kinofilm, nicht abgefilmte Bühne. „Das war etwas, das ich wirklich machen wollte” sagte Michael Fassbender im Interview über seine Rolle. “Das Wichtigste für mich war, dass es ein Film wird, den auch 15- oder 16-Jährige sehen wollen. Bei vielen steht Macbeth auf dem Lehrplan. Wenn man Shakespeare Wort für Wort interpretiert, schwant einem nichts Gutes. Das sorgt für eine mentale Sperre. Vielleicht reißt diese Version Jugendliche mit.”

Ganz ehrlich? Nicht nur die.

www.macbeth-film.de

Wien, 27. 10. 2015

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015

Zwei Tage, eine Nacht

November 3, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dardenne-Brüder im Gespräch

Bild: Alamode Filmverleih

Marion Cotillard  Bild:

Marion Cotillard
Bild:

Seit 31. Oktober läuft in den heimischen Kinos der neuesten Film der Dardenne-Brüder „Zwei Tage, eine Nacht“.

Zwei Tage und eine Nacht, in denen für Sandra (Marion Cotillard) alles auf dem Spiel steht: Achtundvierzig Stunden hat sie Zeit, um ihre Arbeitskollegen zu überreden, auf ihre begehrten Bonuszahlungen zu verzichten, damit sie selbst ihren Job behalten kann … Cotillard spielt Sandra mit einer wunderbaren Zurückgenommenheit. Doch fast noch toller ist es, wie die Dardennes Sandras Figur nutzen, um nicht nur die Emanzipationsgeschichte einer Frau von ihrer Krankheit zu erzählen, sondern mit jedem ihrer Besuche bei einem Kollegen eine dramatische Miniatur schaffen. Die befristete Stelle, die bei einem für den Betrieb unbequemen Votum nicht verlängert wird; die Ausbildung der Kinder, die teuer zu Buche schlägt – jede Tür, die sich Sandra öffnet, bietet einen Einblick in die alltäglichen Nöte von Menschen in der unteren Mittelschicht. Und wenn Sandra eine Tür verschlossen bleibt, dann erzählt das mindestens genau soviel über Freundschaft und Zusammenhalt in Zeiten des Neoliberalismus. Knapper und treffender als Jean-Pierre und Luc Dardenne kann man die wirtschaftliche Krise kaum aufs Menschliche herunterbrechen. Seit drei Jahrzehnten drehen die belgischen Filmemacher vor allem Sozialdramen und haben dabei dieses Genre mit dem hässlichen grauen Etikett gründlich erneuert. Sie zeigen nicht nur, wie die Welt um uns herum ist: alltäglich, traurig, manchmal richtig schlimm und dann wieder unerwartet wunderschön. Sie hängen auch mit der Kamera an ihren Protagonisten und folgen jeder scheinbar noch so nichtige Bewegung. Dabei ist jedes Detail so durchdacht, bis das Ergebnis völlig selbstverständlich wirkt und dennoch überwältigende Wirkung hat. Souverän, schnörkellos und spannend wie üblich erzählen die Regie-Brüder ihre Geschichte. Mit Marion Cotillard haben sie eine oscarreife Darstellerin. Sehenswert!

Interview mit Jean-Pierre und Luc Dardenne

Welchen Umständen verdankt sich das Filmprojekt „Zwei Tage, eine Nacht“?
Luc Dardenne: Der Hintergrund ist natürlich die soziale und ökonomische Krise, in der sich Europa gegenwärtig befindet. Wir hatten schon seit mehreren Jahren an einen Film gedacht, in dem sich ein Mensch damit konfrontiert sieht, dass er mit Zustimmung der Mehrheit seiner Arbeitskollegen entlassen werden soll. So richtig nahm das Projekt aber erst Gestalt an, als wir eine klarere Vorstellung von den beiden Hauptfiguren hatten, dem Ehepaar Sandra und Manu, die trotz widriger Umstände zueinanderhalten.
Jean-Pierre Dardenne: Wir wollten eine Figur darstellen, die ausgeschlossen wird, weil man sie für schwach und nicht tüchtig genug hält. Der Film soll ein Loblied auf diese „Untüchtige“ sein, die durch den Kampf, den sie Seite an Seite mit ihrem Mann führt, neue Kraft und neuen Mut schöpft. Sandras Kollegen haben für einen Personalabbau und folglich für ihre Entlassung gestimmt, um sich so die Auszahlung einer Prämie zu sichern.
.
Sind Ihnen in der Arbeitswelt des Öfteren solche Fälle zu Ohren gekommen?
Jean-Pierre: Ja, mehrmals, auch wenn die Umstände natürlich nie exakt die gleichen waren. In der Arbeitswelt stößt man täglich, sei es in Belgien oder anderswo, auf zahlreiche Fälle, die deutlich machen, dass Leistungsfähigkeit zu einer wahren Obsession geworden ist. Die Beschäftigten werden dabei häufig in einen brutalen Konkurrenzkampf gezwungen. Manu ermuntert Sandra, ein Wochenende lang all ihre Arbeitskollegen aufzusuchen, um diese dazu zu überreden, ihr Votum zu überdenken und so ihre Wiedereinstellung zu ermöglichen. Er spielt also eine ganz entscheidende Rolle … Manu verkörpert ein wenig den typischen Gewerkschaftler, gleichzeitig ist er für Sandra aber auch so etwas wie ein „Coach“. Es gelingt ihm, sie davon zu überzeugen, dass es immer noch eine Chance gibt und dass sie es durchaus schaffen kann, ihre Kollegen zu einem Meinungsumschwung zu bewegen.
Luc: Sandra sollte keinesfalls als Opfer erscheinen, das die Kollegen, die gegen sie gestimmt haben, anprangert und ihnen die Schuld zuweist: Es geht hier nicht um den Kampf eines armen Mädchens gegen die Bösewichte!
.
Sie fällen keinerlei Urteil über die einzelnen Filmfiguren.
Luc: Die Arbeiter inbefinden sich in einer Situation, die durch permanenten Konkurrenzdruck und Rivalität gekennzeichnet ist. Es kann daher nicht die Rede davon sein, dass auf der einen Seite die Guten und auf der anderen die Bösen stünden. Es ist überhaupt nicht unsere Art, so die Welt zu sehen.
Jean-Pierre: Ein Film ist schließlich kein Gericht! Sandras Kollegen haben alle ihre guten Gründe, um mit Ja oder mit Nein zu stimmen. Denn eines ist sicher: Die Prämie stellt für keinen von ihnen einen Luxus dar, auf den sie leicht verzichten könnten. Sie brauchen alle dieses Geld, sei es um ihre Miete oder sonstige Rechnungen bezahlen zu können. Sandra versteht das umso besser, da sie ja selbst mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Mit ihrem Mann und ihren Kindern kann sich Sandra immerhin auf eine Familie stützen, die zusammenhält.
.

Das war nicht immer so in Ihren Filmen ..
Luc: Gerade aus ihrer Ehe schöpft Sandra all ihren Mut. Manu liebt seine Frau von ganzem Herzen. Er kämpft gegen ihre Depressionen an und hilft ihr dabei, ihre Angst zu überwinden. Am Anfang des Films glaubt Manu ja mehr an Sandra als diese an sich selbst.
Jean-Pierre: Selbst ihre Kinder unterstützen sie in ihrem Kampf. So helfen sie ihren Eltern etwa dabei, die Adressen der Kollegen herauszubekommen…

.
Warum kommt es den Arbeitskollegen nicht in den Sinn, in Streik zu treten oder sich auf andere Weise dem erpresserischen Deal zu widersetzen, der ihnen von ihrem Chef angeboten wurde?
Jean-Pierre:
Wir haben uns ganz bewusst für ein kleines Unternehmen entschieden, in dem die Zahl der Angestellten nicht ausreicht, um sich gewerkschaftlich zu organisieren. Wäre es uns darum gegangen, die Geschichte eines Kampfs gegen einen klar definierten Feind zu erzählen, so wäre es ein ganz anderer Film geworden. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass das Ausbleiben einer kollektiven Reaktion, eines offenen Widerstands gegen die perfide Abstimmungsalternative auch den generellen Mangel an Solidarität in unserer Zeit offenbart.
.
Wie lange haben Sie am Drehbuch gearbeitet, um es letztlich zu diesem Ergebnis zu führen?
Jean-Pierre:  Wir haben schon seit rund zehn Jahren immer wieder über dieses Projekt geredet, hatten also genug Zeit, um uns darauf vorzubereiten.
Luc: Das Schreiben als solches ging recht flott vonstatten. Im Oktober 2012 fingen wir damit an, uns mit der Gliederung des Skripts zu befassen, und im März 2013 war es bereits fertig. Wir wollten, dass sich die ganze Handlung innerhalb einer recht kurzen Zeitspanne abspielt, wie es ja auch der Titel verlauten lässt.
Jean-Pierre: Die Idee war, dass die durch einen so engen zeitlichen Rahmen bedingte Eile den Rhythmus des Films bestimmen sollte.
Luc: Wir lernten Marion Cotillard kennen, als wir „Der Geschmack von Rost und Knochen“ von Jacques Audiard koproduzierten, der teilweise in Belgien gedreht wurde. Schon bei der ersten Begegnung – sie verließ gerade den Aufzug und trug ihr Baby auf den Armen – waren wir ihr ganz und gar verfallen. Als wir danach im Auto nach Lüttich zurückfuhren, taten wir nichts anderes als über sie zu reden, ihr Gesicht, ihren Blick…

Jean-Pierre: Eine so bekannte Darstellerin zu engagieren bedeutete für uns natürlich eine zusätzliche Herausforderung. Marion Cotillard erwies sich jedoch als geschickt genug, um sich für diesen Film einen neuen Körper und ein neues Gesicht zu erfinden. Luc: Es war ihr völlig fremd, ihre Arbeit als Schauspielerin in den Vordergrund zu stellen. Nichts von dem, was sie vor der Kamera gezeigt hat, trug die Züge einer Selbstinszenierung oder einer Demonstration ihres Könnens. Wir arbeiteten in einem Klima wechselseitigen Vertrauens zusammen, das es uns leicht machte, alle Möglichkeiten auszuloten.

.
Wien, 3. 11. 2014