Wiener Festwochen: Sopro

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus dem Dunkel ins Rampenlicht

Souffleuse Christina Vidal erzählt ihre Theatergeschichten. Bild: © Filipe Ferreira

Dem Publikum bescheren sie unvergessliche Momente, die Souffleusen und Souffleure in der „Gassn“ oder ersten Reihe. Wunderbar die Beflissene, deren Einsagen bei Bernhards „Der Schein trügt“ am Burgtheater alle im Saal verstanden hatten – nur Martin Schwab nicht, der sich mit einem ebenso gut hörbaren „Wie bitte?“ an sie wandte. Gelungen der Zuflüsterer, der Rainer Galke bei „Alte Meister“ am Volkstheater mit dem Burgenländischen vertraut machen wollte:

„schware kindheid ghobt.“ – „Was?“ – „schware kindheid ghobt.“ – „Was?“. An der Josefstadt wisperte die Stimme aus der Tiefe einmal so laut, dass Hausherr Herbert Föttinger nichts blieb, als ihren Satz mit einem finalen „Genau!“ zu parieren. Das ist charmant und unterhält und sorgt für ein Lächeln, das Wissen, dass die Schauspielgötter auch nicht unfehlbar sind und mitunter Hilfe aus der Unterwelt benötigen. Der portugiesische Dramatiker und Regisseur Tiago Rodrigues, Leiter des Lissabonner Teatro Nacional D. Maria II, würdigt seine Souffleuse nun mit dem Stück „Sopro“, zu Deutsch: Hauch. Seit 39 Jahren ist Cristina Vidal am Haus tätig und machte anfangs kein Hehl daraus, dass sie den „innovativen Einfall“ des Chefs, ihre Anekdoten zu einem Text zu montieren, für eine Schnapsidee hielt.

Nun steht sie auf der Bühne des Theaters an der Wien, eine kleine, grauhaarige Frau, ganz in Schwarz gekleidet, doch nicht allein mit ihren Erinnerungen, sondern umgeben von einem fünfköpfigen Ensemble, dem sie – naja: souffliert. Heißt: Sie arrangiert die Schauspieler Szene für Szene so, wie sie’s braucht, und befördert in deren Ohren, was sie gesagt haben will, und siehe, beim Nachsprechen verwandeln sich die Darsteller die jeweiligen Situationen an: Maschas Schmerz, als Werschinin abreist, der Streit zwischen Antigone und Ismene, Harpagons Paranoia … Derart beschwört Vidal den Bühnenzauber, erzählt aus ihrem Leben, wie eine Tante sie mit dem Theatervirus infizierte, erzählt auch von der Liebe einer Intendantin zum arroganten „Jungen Helden“, weiß Geschichte um Geschichte, was alles schiefgehen und wie man’s retten kann.

Die Spielsituationen werden ins Ohr geflüstert. Bild: © Filipe Ferreira

Bild: © Christophe Raynaud de Lage

Die im Dunkel tritt ins Rampenlicht, und wie selbstverständlich werden die Akteure Beatriz Brás, Carla Bolito, Isabel Abreu, Marco Mendonça und Romeu Costa durch Vidals „Hauch“ zu immer neuen Figuren entwickelt, und es ist pure Magie, wie man als Zuschauer selbst bald mit diesem rauen, melodischen Portugiesisch mitzuatmen beginnt, als wär’s das Einfachste auf der Welt, während Vidal ein ganzes Gefühlsspektrum von lebensweise bis humorvoll bespielt. Tiago Rodrigues knüpft die Rückschau seiner Souffleuse an keinen linearen Handlungsfaden, er lässt sie ihren Stimmungen folgen. Wichtigster Sinn des ganzen Abends ist ihm der ewig gültige Glaube an den Wert von Drama, Theater, Literatur.

„Wir brauchen einen Ort, wo wir uns den Mysterien widmen können“, sagt der Direktor im Stück. „Wir brauchen diese Stunden, in denen wir unerwartete Verbindungen herstellen zwischen dem, was schon war, auf der Suche nach dem, was noch fehlt.“ Rodrigues erweist sich als großer Liebender, und wer es ihm gleichtun kann, für den ist dieser Theaterabend ein einziges Glück. Am Ende offenbart Cristina Vidal, warum sie sich auf dessen Experiment doch noch eingelassen hat. Der jüngste Intendant, den das Teatro National Dona Maria II je hatte, ist am gleichen Tag geboren, an dem sie zum ersten Mal dort als Souffleuse gearbeitet hat – das machte Cristina in positivem Sinne abergläubisch.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=51&v=VSTKhKAV-8E

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  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Le Metope del Partenone

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kehrgerät beseitigt den Tod

Leiche Nummer eins in der Kunstblutlacke. Bild: © Guido Mencari, Paris

Auf das Leben folgt der Tod, nach „La vita nuova“ also „Le Metope del Partenone“, beides Arbeiten des italienischen Regisseurs und Festwochen-Stammgasts Romeo Castellucci, die er mit seiner Kompagnie Socìetas dies Jahr in den Gösserhallen zeigt. War erstere eine Art Messias-Suche durch eine mysteriöse Bruderschaft, Propheten eines Aufbruchs, eines Neuanfangs, so geht es nun um letzte Momente und ums Sterben. Und das ziemlich drastisch.

Sechs Mal wird auf verschiedene Weise verschieden, der Zuschauer, ganz klein in dem riesigen Spielort, zum genauen Hinsehen auf das Grauen gezwungen. Als wär’s die Strafe für jeden, der jemals schaulustig an einer Unfallstelle stand. Ein Taumeln, ein Keuchen, ein Umkippen. Schon legt sich eine junge Frau auf den nackten Boden, wird von sachkundigen Weißgewandeten, wie’s davor auch die Bruderschaft war, mit Kunstblut aufs Leichendasein vorbereitet. Eintrifft mit ohrenbetäubendem Signalhorn und Blaulicht der Einsatzwagen des Roten Kreuz. Die Rettungskräfte sind tatsächliche, sie bemühen sich um die Verunfallten. Hilfe, wo es keine mehr gibt, das ereignet sich sozusagen ununterbrochen, laut Weltstatistik sterben täglich an die 150.000 Menschen, mehr an ihrem Lebensstil, heißt: Genuss von Alkohol und Tabak, als durch Kriege.

Castellucci führt das mit seinem wie stets klang- und bildgewaltigem Werk vor, dessen Titel sich auf die Reliefs im Tempel der Pallas Athene auf der Akropolis bezieht, die mythische Kampfszenen zwischen Göttern, Giganten, Kentauren und Griechen darstellen. Von ihm streng choreografiert kommt unweigerlich der Exitus. Die Ursachen dafür sind Säure, die ein Gesicht verätzt, Verbrennungen, mal wird ein Bein abgetrennt, mal quellen Gedärme aus einem Leib. Einen Mann im Anzug durchschüttelt offenbar ein Herzinfarkt, inmitten seiner Urinlacke muss er auch noch die als Schmach ertragen. Schmerz, Entstellung, gellende Hilferufe an der Grenze des Erträglichen, schließlich Ohnmacht, den Schauspielern Silvia Costa, Dirk Glodde, Zoe Hutmacher, Liliana Kosarenko, Maximilian Reichert und Sergio Scarlatella bleiben nicht viel Mittel, als Mimik und Gestik entgleisen zu lassen.

Echte Rettungskräfte im gefakten Einsatz. Bild: © Guido Mencari, Paris

Siehe, sagt Castellucci, so schnell wird man zum Opfer zum Objekt. Denn von Fall zu Fall stellt sich der Herzmonitor auf Flatline, ein Tuch wird den Entschlafenen geworfen, Stille setzt ein, und bei manchen ist man froh, dass endlich eine Ruh‘ ist. Was aber nicht so bleibt, lösen sich die Leichen doch aus ihrer Starre und schreiten als höchst würdevolle Untote durch den Raum. Zu den Wiederauferstehungen werden rätselhafte Sätze von Claudia Castellucci an die Wände projiziert:

„Ich bin allein, aber unter vielen“ oder „Ich bin nie gewesen, aber im Werden begriffen“, „Ich habe keinen Körper, aber du kannst mich sehen“, was eindeutig – und Castellucci würde diesen Konflikt mutmaßlich gar nicht abstreiten – mehr nach Römisch-Katholisch als nach Antik-Griechisch klingt. Mehr Erkenntnisgewinn hat Castellucci diesmal nicht zu bieten. Seine 2015 in Basel erstaufgeführte Performance wird nicht zu einem der von ihm sonst so empathisch angelegten Elementarereignisse. Das „Erlebnis“ Tod, das dem Unabwendbaren Ausgeliefert-Sein verfängt nicht beim Betrachter, daran zu erkennen, dass das Publikum den finalen Zuckungen der Darsteller meist mit abwehrend verschränkten Armen gegenübersteht. Überforderung statt Einfühlung, und keine Katharsis nirgendwo. Am Schluss: eine Kehrmaschine. Kommt und fegt die falschen Körpersäfte weg …

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  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: The Scarlet Letter

Mai 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Penis im Kampf mit dem Puritanismus

Bild: © Bruno Simao

„Mein Körper ist mein Protest gegen die Gesellschaft“, zitieren die Wiener Festwochen die spanische Theatermacherin Angélica Liddell. Die Meisterin der Extremkörperperformances macht nach 2013 erneut Station im MuseumsQuartier, wo sie ihre Interpretation von Nathaniel Hawthornes 1850er-Roman „The Scarlet Letter“ zeigt. Zur Erinnerung, das ist jener Buchstabe A, der im puritanischen Neuengland der Ehebrecherin Hester Prynn an die Brust genäht wird.

Weil sie den Vater ihres in Schande gezeugten Kindes nicht nennen will – es ist, weiß der Leser bald, der Dorfpfarrer Dimmesdale, zwischen dem und Hesters Ehemann sich ein Zweikampf mittels Psychofolter, Versündigungsgedanken und Selbstkasteiung entspinnt. Traditionelle, heißt: patriarchale Strukturen als Gefüge von Gefahr und Gewalt vorzuführen, Familienbande, aus denen es, da sozial determiniert, kein Entrinnen zu geben scheint, sind ein immer wiederkehrendes Motiv in Liddells Arbeit. Dass sie dabei auf Schockwirkung durch Selbstverletzung setzt, mal griff sie zu Rasierklingen, mal ließ sie sich die Füße einbetonieren, um gängige Konventionen als „Klotz am Bein“ zu enttarnen, ist ebenso Teil ihrer Aktionen.

Für ihre Begriffe beinah harmlos wirkt daher ihre nunmehrige Auseinandersetzung mit Scheinmoral, Spießbürgerlichkeit und der aus beidem entstehenden Beschränkung der sexuellen Freiheit. Denn auch, wenn der Programmzettel vor eventuell „unangenehmen Szenen“ warnt, so ist eine Bühne voll kleiderloser Männerkörper durchaus gut auszuhalten. Vor allem, da Liddell sie in hochästhetischen Bildern arrangiert hat. Unnötig zu sagen, dass darob der Premierenjubel groß war. Liddell hinterfragt in ihrer jüngsten Inszenierung nicht nur die femi- nistische Wagenburgmentalität und deren dauernde Correctness-Debatte – El País nannte sie deshalb eine „Scharfschützin gegen #MeToo“. Sie erweitert Hawthornes scharlachroten Buchstaben vom A für Adultery/Ehe- bruch zum Zeichen für Art. Es ist die Kunst selbst, die sich hier gegen Fesseln wehrt, die man ihr anlegen will.

Bild: © Bruno Simao

Inmitten blutglühender Tableaux tritt sie gegen die Zumutungen einer durchrationalisierten, sich selbst knebelnden Gegenwart an, der Abend ein Aufschrei des Gefühls gegen die Vernunft, der Emotion gegen die Ratio. Wobei, nicht ganz, bewaffnet sich Liddell doch mit den Aussprüchen eines Jean-Paul Sartre oder post- strukturalistischer Denker wie Jacques Derrida und Michel Foucault. Von denen ersterer übrigens einen Essay über die Scham verfasste, die er fühle, wenn seine Katze ihn nackt im Badezimmer beobachte, während zweiterer sich im de Sade’schen Sinn mit dem „Gebrauch der Lüste“ beschäftigte.

Ins Zentrum ihrer Passionsgeschichte stellt sich die Performerin selbst, als Schmerzensfrau, erst in sittlich-schwarzer Robe, später mit wund gepeitschtem Rücken, die sie umringenden Männer nur bedeckt mit Karfreitagskutten, dann völlig entblößt. Acht sind es, die in sportlichen Spontanausbrüchen schreiend Tische stemmen oder sich zu kryptischen Figuren formen. Leidet sie wütend, wüten sie leidend, mehr Lust sich zu erklären hat Liddell nicht, in ihre Freie Assoziation über Begierde und Aufbegehren lässt sich interpretieren, was der philosophische Überbau hergibt: Der Penis im Kampf mit dem Puritanismus.

Ein Glück, hat Liddell auch Humor. So lässt sie einmal ein entlarvend misogynes Lamento übers Altwerden als Frau los, nachdem dem liebestollen A die Befriedigung vom Oktett verwehrt wurde, lässt ein Kyrie eleison gegen den O-Zone-HitDragostea din tei“ erklingen oder zu Lullys Hofmusik die Herren eine phallische Parade für den Sonnenkönig abhalten. Mit ihrem A meint Liddell auch Arthur, so der Vorname des Kindsvaters Dimmesdale, er folgt ihr rot vermummt und stumm, bis er stirbt. Mit A meint sie Artaud, in die Nähe von dessen Theater der Grausamkeit das ihre immer wieder gerückt wird. Und schließlich meint sie „Amor als Sieger“. Caravaggios Gemälde vom dunkel geflügelten Jüngling ist Liddells Schlussbild. Auch er ist – nackt.

Video: www.youtube.com/watch?v=ynMNEJDuVuA           www.festwochen.at

  1. 5. 2019

Wiener Festwochen: Città del Vaticano

Mai 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Freie Assoziation mit Falk Richter

Bild: © Matthias Heschl

Gabriel da Costa, Vassilissa Reznikoff und Christian Wagner. Bild: © Matthias Heschl

Den Moment des Abends hat ganz am Ende Performer Gabriel da Costa, der beschlossen hat mit seinem Lebenspartner und seiner Immer-noch-Lebensgefährtin die Elternschaft zu dritt zu wagen. Er liest seinen Brief an den ungeborenen Sohn vor. In dem wünscht er ihm ein Leben in einem Europa ohne Grenzen. Da Costa meint das so buchstäblich wie metaphorisch. Ob das möglich sein kann, man weiß es nicht.

Schon davor gibt es diese starke Szene, die sieben Darsteller und ihr Bild der Tochter Agenors, ein Bild vergangener Kriege und untergegangener Terrorregime, eine Sequenz über Verfolgung, Folter und darüber, dass auch von hier einmal Flüchtlinge in eine bessere Welt wollten. Und schon wird wieder Position geprobt. Vassilissa Reznikoff ist ein Mädchen, das ohne Panikattacken vor Anschlägen in einem Café sitzen will, während der junge Mann – Johannes Frick – aus der Banlieue findet, reiche Innenstadtbewohner würden zu Recht in die Luft fliegen. Ein AfD-Fan holt sich auf Frauke Petry einen runter, eine Action, bei der Christian Wagner alles Heil in seine rechte Hand legt. Und schließlich Steffen Link. Er sagt etwas zu Österreich. Natürlich ist der Wahlsonntag ein Thema. Hierzulande sind die Hofers ja bekanntlich berühmte Freiheitskämpfer.

Davon hätte man gerne mehr gesehen. Als Diskurs einer gut ausgebildeten, angeblich emanzipierten, sich selbst aber bis zur Ohnmacht reflektierenden Generation. Ihre gegenwärtige Orientierungslosigkeit. Ihr „Können oder Nichtkönnen“ mit einem Kontinent, den sie allmählich zu gestalten beginnen sollten. Ihre Vorstellung von Zukunft und wie ihnen der Weg dorthin zu bereiten ist. Aber! Falk Richter hat beschlossen etwas über die „Città del Vaticano“ zu erzählen. Wobei der Titel genauso Ettikettenschwindel ist, wie der Umstand, dass sich seine Inszenierung im Rahmen der Wiener Festwochen eine Uraufführung nennt. Nach zwei Arbeitsphasen bei der Biennale di Venezia 2015 bezeichnen Richter und sein Choreograf Nir de Volff ihr Projekt am Schauspielhaus nämlich als „öffentlichen work in progress“ – womit es sich anscheinend jeder Kritik zu entziehen sucht, weil: bitte! noch nicht fertig.

Der Schein trügt nicht. Was hätte das nicht alles werden können. Eine Auseinandersetzung mit einem Zeitsymptom, das lieber Angst schüren als Antworten suchen will. Eine Hinterfragung eines Wertekatalogs, den sogar Angela Merkel auf ihrer Webseite bemüht, wenn es um „die“ und „uns“ geht. Man darf annehmen, dass der historische Jesus so ausgesehen hat, wie die Männer vor denen wir uns im Flugzeug fürchten, sagt Link, und dies dazu der bezeichnendste Satz. Die Auseinandersetzung mit der Kirche und ihrem die ihr zugehörigen Gesellschaften bestimmenden Kanon bleibt in der Untiefe stecken. Stattdessen die einer Freikirche geschuldeten Pubertätstraumata und Kerzlschluckeranekdoten, teilweise höchst amüsant, ja das Publikum lacht laut, aber, Travnicek … Eindeutig fehlt diesem polyglotten Seelenstriptease die rotweißrote Farbe, das Brachialbarock-Katholische. Wir leiden, aber lustvoller und mit weniger Larmoyanz. Das erste Wunder Jesu ist die Wandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana, und daran halten wir uns fest in Ewigkeit Amen. Punsch im Bauch & Rausch-Goldengel an den Christbäumen.

Bild: © Matthias Heschl

Choreografie von Nir de Volff. Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Vassilissa Reznikoff und Steffen Link, Telmo Branco und Gabriel da Costa. Bild: © Matthias Heschl

So aber moderiert Tatjana Pessoa die Eh-schon-wissen-Anklagen gegen den Vatikan. Von Knabenmissbrauch bis kirchlicher Geldwäsche. In konzentrischen Kreisen – ups, das ist ja das Schauspielhaus-Logo – widerkäut die Truppe more of the same. Freie Assoziation mit Falk Richter! An manchen Stellen so intolerant wie jene, denen man den Vorwurf daraus strickt. Und unter Missachtung der Tatsache, dass der neue Firmenchef ohnedies versucht, Licht in all die Dunkel zu tragen, während der Angegiftete in Castel Gandolfo vor sich hin vergreist. Die Jungschargruppe formiert sich zum Diskussionskränzchen über „Schwule in Frauenkleidern“. Die Homophobie der Kirche ist im Schwerpunkt der Aufführung, bezüglich der Diskriminierung der Frau bleibt einem da nur ein: Heiliger Sebastian, bitt‘ für uns! Der postdramatische Protest, an manchen Stellen so nervös, dass man der Performance ein Frankie-goes-to-Hollywood „Relax“ wünscht, schrammt schon die Grenze zur Peinlichkeit, weil: stell‘ dir vor du willst erregen, aber die Zuschauer schert das einen feuchten … In Wien also kein Anzeichen von „FEAR“; dass der Abend trotzdem rüberkommt, ist die Leistung eines Ensembles, das mit seiner überbordenden Spielfreude wie unter Strom steht.

Die Suche nach Identität, mit der sich Richter in seinen Arbeiten sonst vorrangig beschäftigt, muss diesmal aber wegen Erfolgslosigkeit abgeblasen werden. Sie bleibt hier nur ein kindlicher Versuch, der ins Nichts verpufft. Tatsächlich schmerzhaft intensiv sind an diesem Abend nur die von Nir de Volff choreografierten Tanzszenen, ganz ausgezeichnet ausgeführt, mit den Schauspielhaus-Ensemblemitgliedern Reznikoff und Link als vollintegrierte Partner. Frick und Wagner überzeugen ihrerseits in zwei sehr sarkastischen Karikaturen als Schauspieler, Telmo Branco präsentiert sich als wunderbarer Tänzer. Das Schönste an „Città del Vaticano“ ist es, dieser multidisziplinär agierende Truppe bei der Arbeit zuzusehen. Die Akteure charakterisieren in vieler Hinsicht genau diese Grenzüberschreitung, die ein neues Europa ausmachen sollte. Was den Rest betrifft, kann man mit dem guten Gewissen aus der Vorstellung gehen, immerhin 25 Euro für die gesehene Gruppentherapie im Opferstock hinterlassen zu haben.

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Wien, 22. 5. 2016