Schauspielhaus Graz via VR-Brille: Der Nestroy-Preis-Gewinner „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“

November 22, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Virtuelles Theater, das direkt ins Haus geliefert wird

Mitten in der Postapokalypse trifft der Anthropologe auf eine Frau, die er „Kreuzberg“ nennt: Nico Link und Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Bei der gestrigen Nestroy-Preis-Verleihung mit dem Corona-Spezialpreis ausgezeichnet, kann die mit einer 360-Grad-Kamera produzierte Virtual-Reality-Inszenierung des Schauspielhaus Graz jetzt wieder via VR-Brille mit dem auf ihr gespeicherten Film bei  www.vr-firstrow.com österreich- und deutschlandweit bestellt werden (Infos unten). Gleiches gilt auch für die Kafka-Erzählung „Der Bau“, Regie von Elena Bakirova, mit Florian Köhler als Protagonisten.

VR-Schulpaket

Neu ist ein Angebot, das sich an Schulen wendet: Sowohl „Krasnojarsk“ als auch „Der Bau“ sind ab morgen für Schulen in ganz Österreich als Paket zu vergünstigten Preisen bei Vertriebspartner Firstrow buchbar: die VR-Brillen werden dabei per Post direkt in die Schule zugestellt. Die beiden Produktionen sind in Paketen von jeweils 20, 25 oder 30 VR-Brillen buchbar. Die Preise belaufen sich dabei auf 12,90 € pro Brille (zzgl. Versandgebühr). Das Lieferdatum immer donnerstags ist frei wählbar, das erstmögliche Datum ist der 2. Dezember. Die Brillen stehen den Lehrpersonen ab dem Lieferdatum eine Woche zur Verfügung. Weitere Infos dazu auf der Website von Schauspielhaus Aktiv: www.schauspielhaus-graz.com/schauspiel-aktiv. Hier noch mal die Rezension vom März:

Österreich endzeitlich: Katrija Lehmann und Nico Link in der Weizklamm. Bild: © Johanna Lamprecht

Der zweite Anthropologe: Frieder Langenberger als Bösewicht. Bild: © Johanna Lamprecht

Der Beobachter wird beobachtet: Frieder Langenberger beim Dreh. Bild: © Johanna Lamprecht

Am Lagerfeuer der Postapokalypse

Es hat bis zur Nestroy-Preis-Jury bereits die Runde gemacht, wie in jeder Bedeutung des Wortes fantastisch die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist. Nun ist es generell erfreulich, mit welch innovativen Ideen Theaterschaffende auf die Corona-Kulturkrise reagieren, mit welcher Verve sie sich in intermediale Welten werfen, doch etwas wie „Krasnojarsk“ hat man noch nie gesehen. Es ist ein Erlebnis, dass jeder und jedem anempfohlen ist! Mittels VR-Brille und Controller, beides einfacher zu handhaben, als die Beschreibung auf den ersten Blick vermuten lässt, erwacht man in der sibirischen Steppe aka Neusiedlersee, gedreht wurde auch im Freilichtmuseum Vorau und in der Weizklamm, einem spooky Lost Place mit ehemaligem Kalkwerk samt Fassspundfabrik, und das erste, das man sieht, ist möglicherweise ein Sonnenuntergang am Horizont.

Möglicherweise, denn beim von Regisseur Tom Feichtinger und Bildgestalter Markus Zizenbacher ausgeklügelten Projekt, entscheidet die Blickrichtung, wen und was man sieht. Der Film läuft rund um einen, im Falle eines Wasserturms und einer Großstadtsequenz sogar über einem. „Krasnojarsk“ des norwegischen Dramatikers Johan Harstad ist dafür wie geschaffen, dieser dystopische Einakter aus Monologen und Berichten, dessen Verfasser die Theater explizit dazu ermutigt, damit zu machen, was immer sie wollen.

Das Sitzmöbel der Wahl ist also ein Drehstuhl, und am besten ist die zu sehende Rundumrealität mit dieser Rückblende oder Traumfantasie zu erklären: Ennuyierte Ehefrau und Mann, der diese längst über hat, sitzen im Heute am gläsernen Esstisch, eine Drehung, man sieht Designercouch, Flat-TV, Terrasse, der Mann, ein Historiker, des Schweigens im trauten Heim überdrüssig, imaginiert eine liebevolle Mittelalter-Gattin, eine Drehung, man sieht sie am hölzernen Esstisch Brot schneiden, eine Schar Kinder rumtoben, das Feuer im Herd, eine Drehung – und von vorn die aktuelle Tristesse.

Zuerst aber folgt man den Spuren des Anthropologen, den Nico Link darstellt. Man begleitet ihn und sein Handwägelchen voller Wasserkanister, Solarpanel und RFID-Transponder. Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes, schildert er, hat die gesamte Erdoberfläche vernichtet, nur eine Handvoll Menschen dürfte überlebt haben. Eine kleine Gruppe etwa in Krasnojarsk, von wo aus man den Wissenschaftler mitten ins Nirgendwo geschickt hat, um Zeichen von Leben und nach Relikten der untergegangenen Zivilisation zu suchen. Doch 4655 ist der Code, den er täglich funkt: kein Fund von Wert. Von Schwarzweiß wird’s komplett schwarz in der Brille, Bildausfall?, nein, Nico Link hat sich weiterbewegt, heißt: weiter drehen und drehen, um nur ja nichts zu verpassen. Schon sitzt man mit Link am Lagerfeuer der Postapokalypse.

Schauspieler und Steppe und See lösen sich im Nichts auf, als würden sie verwehen, dies Gemahnen an Vergänglichkeit und Auslöschung die wehmütig-melancholische Grundstimmung des Films. Gearbeitet wird mit Überblendungen, Zeitebenen überlappen, was ist wahr?, was war?, suggestive Bilder, Szenen von sinnlicher Schönheit entstehen. Der Duft des Grases, später die abgestandene Luft in aufgelassenen Nutzgebäuden reichen bis an die Nase heran.

Da, ein neuer Exkurs, Freunde, die die Erste-Weltkriegsschlacht an der Somme nachspielen – mit echter Munition, um Ex-Freundinnen um die Ecke zu bringen, blutrot glühende Explosionen rechts von, ein Liebespaar im Rosenblätterbett hinter einem, die Frauen siegen … die Figuren überlebensgroß, zum Greifen nah, und – schwöre! – ein-, zweimal gehen sie durch einen hindurch.

Der Drehort in der Steiermark, ein ehemaliges Kalkwerk samt Fassspundfabrik. Bild: © Johanna Lamprecht

Kreuzbergs kostbare Koffer werden aus dem Wasser gefischt: Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Keine Angst vor nassen Füßen hat Katrija Lehmann beim Dreh mit Markus Zizenbacher. Bild: © Johanna Lamprecht

Bildgestalter Markus Zizenbacher und Regisseur Tom Feichtinger mit VR-Brille. Bild: © Johanna Lamprecht

Sie, denn der Anthropologe trifft eines Tages auf eine Frau, die zwei Koffer mit kostbarsten Artefakten mit sich trägt, Handschriften, Briefe und Lebensbeichten, und somit „eindeutige Beweise, dass die Menschen auf den verschwundenen Kontinenten nicht nur gelebt hatten, sondern auch, dass ihre Leben bedeutsam gewesen waren, voller Siege, Sorgen und Verluste, unwiderruflicher Niederlagen“. In einem Anfall von Berlin-Nostalgie nennt er sie „Kreuzberg“, und ihre Spielerin Katrija Lehmann wird bald die sein, der die Sympathien der Betrachterin, des Betrachters gehören – nicht zuletzt, weil sie einen immer wieder direkt anspricht, und mit einem ihre Besorgnis, ihre Belustigung über den komischen Kauz, dem sie in die Hände gefallen ist, teilt.

So gelangt man über Fluss und verlassene Häuser, eine Küche, Kinderspielzeug, bemerkenswert, wie liebevoll detailreich die Sets von Tanja Kramberger ausgestattet wurden!, zu einer Scheune, die sich mitunter aber auch als alte Industrieanlage materialisiert. Atmosphärisch enorm dicht ist das alles. Ein Plattenspieler wird gefunden – dies der Mensch: Musik und Schrift, ein Tänzchen wird gewagt – Sounddesign und 3D-Audio Mix von Elisabeth Frauscher, die Briefe werden gelesen, ein Kuss … und mehr …

Doch kann der Verliebteste nicht seiner Retroromantik frönen, wenn es dem bösen Zweiten Anthropologen nicht gefällt. Der erste, der gerade dabei ist, sich hausherrlich einzurichten, glaubte sich von Krasnojarsk vergessen, da taucht sinister wie ein SS-Offizier Schauspieler Frieder Langenberger auf, mit einer Schar von Schergen. Ein grausamer Gegner, ausgesandt von der Organisation „Neustart“, der es auf den Inhalt der Koffer abgesehen hat und die erkrankte Kreuzberg darob foltert und verstümmelt, während Anthropologe Nummer eins mit den Hartschalensammlungen schnöde das Weite sucht. Wasser flutet das nun zu sehende Theater und überflutet einen selbst, in einer letzten Anrede verrät Kreuzberg das Geheimnis ihrer Briefe …

Fazit: Der Faszination von „Krasnojarsk“ kann man sich nicht entziehen. Die deutschsprachige Erstaufführung ist großes Heimbrillenkino, das Immersionserlebnis schlechthin. Enigmatisch, elegisch, exzeptionell. Visuell kühn, versponnen poetisch, verstörend. Das Stück von Johan Harstads, wiewohl in einer Zeit nach unserer Zeit angesiedelt, ist eines der Stunde. Eine Reflexion über Gemeinschaft und Gesellschaft, erzählt es von Vereinsamung und Verlorensein, aber auch von der Bedeutung, die das Geschichtenerzählen für das Leben und das Weiterleben besitzt. Es fragt nach dem Wert von Kultur und deren Wichtigkeit zum Fortbestehen der Menschheit, ja, der Menschlichkeit – und stellt gleichzeitig deren Begehren und Verlangen und Sehnsüchte aus.

Die Produktion beweist, dass der Theater-Lockdown auch die Chance ist, neue spannende Wege auszuprobieren und auszufeilen – und mit den fabelhaft agierenden Nico Link, Katrija Lehmann und Frieder Langenberger, denen das aberwitzige Kunststück gelingt, die 360° an die Wand zu spielen, dass – Technik hin oder her – das Herz jeder Art von Aufführung sowieso stets die Schauspielerinnen und Schauspieler sind und sein werden. Zum Schluss ein Hoffnungsschimmer auf einem Schimmel: Zu Pferd ist das Mittelalter vielleicht näher als gedacht …

Infos zur VR-Brille für Privatpersonen

Die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist nun österreich- und deutschlandweit bei der VR-Plattform Firstrow erhältlich. Unter www.vr-firstrow.com kann die Aufführung ab sofort bestellt werden. Diese wird im Anschluss auf einer VR-Brille an die Heimadresse geschickt. Nach zwei Tagen Mietdauer wird die VR-Brille einfach wieder zurückgesendet. Die VR-Erfahrung kostet 18,90 € zzgl. Versandgebühren. Ab morgen gilt für Grazerinnen und Grazer wieder, dass die VR-Brillen (mit „Krasnojarsk“ oder der zweiten 360°-Inszenierung „Der Bau“) innerhalb des Grazer Stadtgebietes per Fahrradkurier zugestellt werden. Diese Versandoption kann man hier buchen: shop.ticketteer.com/SchauspielhausGraz. Oder direkt über die Seite des Schauspielhauses

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3KO3BTylhjw           www.schauspielhaus-graz.com            Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44995

„Krasnojarsk“ international

Auch über eine internationale Anerkennung für „Krasnojarsk“ kann sich das Schauspielhaus Graz freuen: Die Inszenierung wurde zum australischen Melbourne Lift-Off Film Festival 2021 eingeladen. Die Filme der Festivalauswahl sind ab 22. November ein Monat lang via Vimeo On Demand einem globalen Publikum zugänglich. Dabei können in erster Instanz das Publikum und danach eine Fachjury „Krasnojarsk“ für einen Preis vorschlagen. Die Gewinnerfilme der weltweit 11 Lift-Off Festivals werden anschließend Rahmen des jährlich live stattfindenden Lift-Off Festivals in den Pinewood Studios England gezeigt werden, wo die Season Awards des Lift-Off Global Network verliehen werden. liftoff.network/melbourne-lift-off-film-festival

22. 11. 2021

Ivan Ivanji: Corona in Buchenwald

März 21, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Decamerone der KZ-Überlebenden

„Sind zwölf sehr alte ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald im April des Jahres 2020 nach Weimar gekommen …“ Liest man ihn als subversiven Kommentar zur Skurrilität des und den Kampf ums Dasein, so beginnt Ivan Ivanjis aktuell bei Picus erschienener Roman „Corona in Buchenwald“ wie ein jüdischer Witz. Zum 75. Jahrestag der Befreiung wollte dies Dutzend Überlebende, genannt die „Buchenwaldianer“ wie der spanische Schriftsteller Jorge Semprún vorgeschlagen hatte, die letzten Zeitzeugen allesamt rund um die neunzig Jahre alt, aus aller Welt nach Weimar kommen – doch wurde der Festakt abgesagt.

Von einer Pandemie lassen sich die betagten Herren freilich nicht aufhalten, man will den Gedenktag unbedingt begehen, den toten Kameraden ein mutmaßlich letztes Mal die Ehre erweisen, und so reisen sie an: Chemielaborant Franco Miculleti aus den USA, Schriftsteller Sascha Mihályi-Mihajlović aus Serbien, Sportlehrer Jorgos Vargas aus Griechenland, Diplomingenieur Leon-Leo Gutmann aus Israel, Botschafter Philippe Pharoux aus Frankreich, Journalist Hugo Braun-Barna aus Ungarn, Slawistik-Professor Viktor Weisz aus Tschechien, Gastwirt Michael Jung aus

Deutschland, Schriftsteller Rodrigo Rosales Rosales aus Spanien, Kaufmann Stefan Seliger aus den Niederlanden, Polizist Nils Jensen aus Dänemark und Obert Igor Iwatschew aus Russland. Versteht sich, die Berufe sind natürlich die gewesenen. Als Begleitung stellen sich Ehefrauen, Schwieger- und Enkelkinder ein; Rodrigos Freund Raphael wird sich als sein Lebensgefährte erweisen. Ivanji lässt sich Zeit, sein Szenario zu entwerfen, auch wenn er seine Charaktere mit zwei, drei kurzen Strichen skizziert – hager, Hängebacken, gemütlich, militärisch, exakter Haarschnitt, eleganter Anzug …

Man wird im Hotel Elephant einquartiert, wo sich schon im Juli 1926 ein gewisser „Adolf Hitler, Schriftsteller“ in das Gästebuch eintrug, später die Suite 100 speziell für ihn eingerichtet wurde, und er sich – auf dem Balkon Reden schwingend – feiern ließ. Heute reflektiert eine Ausstellung in der Beletage diese „Führer“-Besuche. Amerikanische Soldaten schließlich trieben nach der nazideutschen Kapitulation die Bürger aus Weimar den Ettersberg hinauf, „um die verhungerten Leichen zu sehen. Seht her, das habt ihr gemacht. Ihr! Oder zumindest zugeschaut habt ihr. Bestenfalls weggeschaut“, denkt Igor.

Bei der Annäherung der 3. US-Armee übernahmen am 11. April 1945 die Häftlinge die Leitung des Lagers von der abziehenden SS, nahmen 125 der Bewacher fest, öffneten die Tore und hissten die weiße Fahne. Bereits Tage zuvor hatten viele Häftlinge durch Boykott und Sabotage ihre von den Nationalsozialisten so genannte Evakuierung verhindert und die US-Armee per Funk zu Hilfe gerufen … Nun also wieder einquartiert. In Weimar. Und sofort in Quarantäne, da einer der Buchenwaldianer positiv auf das Virus getestet ward.

Mit Gewehren bewaffnete Häftlinge nehmen wenige Stunden nach der Befreiung des Lagers SS-Männer gefangen. Bild: Paul Bodot, 11. April 1945. Association Française Buchenwald-Dora, Paris. Quelle: KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Zwei amerikanische Soldaten vor einem Anhänger mit Leichen im Innenhof des Krematoriums. Im Hintergrund ein befreiter Häftling. Bild: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Corona, dazu fällt Sascha – man merkt, er schält sich als Protagonist heraus – maximal die Schröter ein, Schauspielerin und Sängerin Corona Schröter, Goethe-Protegé und 1779 dessen erste Iphigenie in einer Laienaufführung auf der Ettersburg auf dem Ettersberg – „so nah am Konzentrationslager“. Mit dem Dichterfürsten höchstselbst als Orestes und Herzog Karl August als Pylades. Eine Ménage a trois über die Goethe notierte: „Noch kann ich nicht von der Schröter weg. Ein edles Geschöpf in seiner Art“, während der Herzog dem Freund anvertraute: „Ich bin seit 24 Stunden nicht bei Sinnen, das heißt bei zu vielen Sinnen.“

Man lernt einander kennen, Igor erkennt Sascha, der Genosse war’s, der ins Außen-, ins Zwangsarbeitslager Langenstein-Zwieberge gestohlene Kaninchen brachte, „das erste gebratene Fleisch seit …“, und Sascha, der nicht vorhat, sich die Zeit zu vertreiben, „im Gegenteil, ich will sie festhalten, um sie für etwas zu nutzen“, unterbreitet den anderen seine Idee, gleich der Gesellschaft in Boccaccios „Decamerone“ allabendlich zum Geschichtenerzählen zusammenzukommen. Dies geschieht, erst per Laptop, dann in der Hotelbibliothek.

Autor Ivan Ivanji, 1929 als Sohn einer jüdischen Ärztefamilie im Banat geboren und vom NS-Regime in die Konzentrationslager Auschwitz

und Buchenwald deportiert, war beinah alles, was seine Figuren sind, Lehrer, Journalist, Lektor, Theaterdirektor, Diplomat und Dolmetscher – von Tito. Seit der Pension ist der in Wien und Belgrad lebende Ivanji bekennender „Skribomane“. Pro Jahr ein Roman, möchte man sagen, meist einer, der die eigene Seelenlandschaft miterkundet, die Altherrenriege, die er jetzt um sich versammelt, sind unschwer als Alter Egos zu erkennen, von jedem ein bisschen ergibt ein ganzes Bild, doch am meisten von seinem Schöpfer hat der Serbe Sascha.

Liebevoll und detailverliebt beschreibt Ivanji die Atmosphäre des Veteranentreffens, das Champagnisieren auf Kosten der Stadt Weimar, die verdrängten Ängste vom Eingesperrtsein, die hochkochen, die geselligen Runden, das wissenschaftlich so genannte Konzentrationslagersyndrom der nächsten Generation, die beflissene Betreuung durch die deutschen Offiziellen. Hier schöpft er zweifellos aus eigener Erfahrung.

Die folgenden zwölf Geschichten sind eine Mischung aus Augenzeugenberichten aus dem KZ, Anekdoten des späteren Lebens und Episoden aus den Lieblingsthemen des Autors, der römischen und der biblischen Geschichte: Rodrigo, der jüngste Held des Spanischen Bürgerkriegs, erhebt Ovid zum Begründer der Exilliteratur, Stefan Seliger erinnert sich an seinem Moment mit Anne Frank, bei Viktor Weisz wird’s mit Rabbi Löw und dem Golem mystisch. Welche politischen, großindustriellen Hände Hitler geformt haben? Oder den „Wer Jude ist, bestimme ich!“-Göring? Was bedeutet in Prag HHhH? – Himmlers Hirn heißt Heydrich … und es ist ein teuflisches Gehirn!

US-Soldaten vor dem Lagertor. Vorne: Munitionskisten der SS. Bild: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Vier jugendliche Häftlinge mit freiem Oberkörper vor einem der Steinblocks. Bild: Alfred Stüber, Mitte Mai 1945. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Befreite Häftlinge des Kleinen Lagers im Gespräch mit US-Soldaten. Bild: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Der Zeuge Jehovas Michael Jung, gefoltert für seinen Glauben, Peitschenhiebe, Hunger, Steine schleppen, hält Jesus‘ Bergpredigt: „Es gibt Gutes und Böses auf dieser Welt. Ihr seid kluge Leute, ihr nennt das Dualismus. Ich bin nicht gescheit. Ich bin fröhlich. Vielleicht bin doch auch ich gemeint, wenn den geistig Armen das Himmelreich versprochen worden ist.“

Pazifist Leo Gutmann gesteht unter Tränen, dass sich seine Enkelin Judith dem Mossad, sein Enkel Raphael der Militärpolizei in Jerusalem angeschlossen hätten: „Als ich ihn fragte, ob er größere Angst habe, getötet zu werden oder einen unschuldigen Araber zu ermorden, hat er die moralische Tragweite der Frage überhaupt nicht verstanden.“ Mal feinsinnig, mal brutal, mal tragisch, mal komisch, setzen sich die zwölf Abende zum zeithistorischen Mosaik, zum Europa-Puzzle zusammen. Buchenwald – ein Schicksal, dass hier Bankiers- sprösslinge mit Gassenjungen teilen, Juden, Christen, Atheisten, Widerstandskämpfer, Partisanen, Genossen.

Igor, 16 Jahre alter Zwangsarbeiter im KZ-„Kommando Junkers“, lässt sich aus über deutsche Kraftausdrücke: „Schweinehund. Habe ich nie begriffen. Die dumme Zusammensetzung von zwei verachteten Tieren in ein Wort soll als Schimpfwort gelten?“ [Tatsächlich meint der Begriff eine besondere Art Jagdhund, Anm.], und schildert in knappen Sätzen die Selbstbefreiung: „Das Tor ist halb offen. Nirgendwo SS! Seltsam, wir fielen in keinen Freudentaumel. Das Lagerleben hatte uns gelehrt, vorsichtig zu sein. Sind wir frei? Und was machen wir? Was ist das Gebot der Stunde?“ Man weiß es: Kaninchen stehlen …

Am 16. April mussten mehr als 1.000 Weimarer Bürger – laut Befehl von General Patton vorrangig Mitglieder der NSDAP – das befreite Lager besichtigen. Bild: Walter Chichersky, U.S. Signal Corps, 16. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Das erste veröffentlichte Buchenwald-Foto: Im Hof des Krematoriums konfrontierten die US-Soldaten die Weimarer mit den dort vorgefundenen Leichen. Bild: Walter Chichersky, U.S. Signal Corps, 16. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Sascha erzählt von den beiden Hans Günters, dem „lächelnden Henker“ von Theresienstadt, und dem Poeten Hanusch, der sein Leben mit Liebesgedichten fürs Fräulein des Lagerkapos und die eigenen Verdienste preisenden Versepen für so manchen SSler verlängerte. Sein Lohn: Brot und Margarine. Vieles, das man nicht gewusst hat, erfährt man so. Dass Lagerkommandant Koch für Reichsjägermeister Göring einen kleinen Zoo eingerichtet hatte, Paviane, Bären, ein Freigehege für Hirsche, ein Falkenhof im altgermanischen Stil, die Tiere „auf Rechnung der für die Häftlinge vorgesehenen Nahrungsmittel gefüttert.“ Ein KZ-Kuriosum. Nicht nur an dieser Stelle des Romans möchte man weiter recherchieren, mehr wissen.

Eines der schwärzesten KZ-Kapitel ist einem hingegen bekannt, die Lagerbordelle, auf die Philippe Pharoux‘ Frau und ehemals Tänzerin Dominique die Aufmerksamkeit lenkt, nach Buchenwald wurden zum Zwecke sechzehn Ravensbrückerinnen geholt, und auch die Todesmärsche Richtung Österreich, von denen der Ungar Braun-Barna berichtet. Er war dabei, bei der Erschießung des Dichters Miklós Radnóti im Dorf Abda. Der Gedenkstein dort wurde 2011 geschändet. Jorgos Vargas‘ Los als Boxer, im Mittelbau Dora mit Salamo Arouch und Jacko Razon, „wie die Gladiatorenkämpfe, wer gewonnen hat, bekam ein anständiges Nachtmahl, wer verlor, wurde gleich ermordet“,

hat einem erstmals Felix Mitterer in seinem Theaterstück „Der Boxer“ über den Sinto Johann „Rukeli“ Trollmann nähergebracht (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13581). Als Nils Jensen, er im dänischen Widerstand ein kleines Licht, auf dessen Sternstunde nach der Okkupation zu sprechen kommt, „dass sich siebentausendsiebenhundertzweiundvierzig dänische Juden übers Meer nach Schweden retten konnten, weil die Polizei und die Küstenwache weggeschaut haben“, schlägt der große Humanist und Philanthrop Ivanji via Sascha die Brücke zur Gegenwart. Wie die Weimaraner nicht sehen wollten, sagt er, so wollen wir nicht sehen, dass Menschen, Kinder!, im Mittelmeer elend ersaufen, an Grenzen geschunden werden, in Lagern verkommen, die vertrieben wurden, um ihr Leben rennen, fliehend aus Höllen und Paradiese suchend.

Ivanji wirbt um Sympathie und Mitgefühl. „Ihr Leiden“, den Satz legt er Sascha in den Mund, „ist aktuell, also wichtiger als das unsere, das schon vor fünfundsiebzig Jahren zu Ende gegangen ist.“ Er warnt vorm um sich greifenden Antisemitismus und den Neonazi-Bewegungen, nennt jeden Menschen schützenswert, Roma, Sinti, Palästinenser, Flüchtlinge …, er fürchtet um die Idee der parlamentarischen Demokratie, und sich vor Tagen, in denen es „keine unmittelbare Erinnerung, kein direktes Zeugnis, kein lebendiges Gedächtnis“ mehr geben wird.

„Corona in Buchenwald“ ist ein Friedensbuch, wie’s im Schwur von Buchenwald heißt: „Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Schlusswort Sascha beim doch noch stattfindenden Besuch der Gedänkstätte: „Ich bitte alle, die mich hören, inständig, schenken Sie Ihre Empathie denjenigen, die heute verfolgt werden. Sagen Sie nicht, das sind andere Umstände, andere Lager, andere Gründe, unlogische, unrealistische, suchen Sie keine Begründungen zur Seite zu schauen, mit den Achseln zu zucken, das Leid nicht zur Kenntnis zu nehmen. Es lebe das Leben!“ … Die Stille, die nun eintrat, war sehr laut.

Über den Autor: Ivan Ivanji, 1929 im Banat geboren, war unter anderem Lehrer in Belgrad, Journalist, Dolmetscher Titos, Theaterdirektor und Botschaftsrat in Bonn. Er schreibt Romane, Essays, Erzäh­lungen und Hörspiele. Ende April 1944 wurde Ivanji als Jude verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Von dort kam er im Juni 1944 nach Buchenwald und im Februar 1945 nach Langenstein-Zwieberge. Bevor Ivanji im September 1945 nach Jugoslawien zurückkehrte, hatte er in einem Sammellager erste Kontakte zu Anhängern Titos.

Ivanji tritt für eine pluralistische und offene Kulturpolitik ein, und kritisierte etwa 1956 den sowjetischen Einmarsch in Ungarn. 1975 nahm er als Dolmetscher an der KSZE-Gründungskonferenz in Helsinki teil, 1979 an der Gipfelkonferenz der Blockfreien in Havanna. Bis 1988 war Ivanji Generalsekretär des Schriftstellerverbandes Jugoslawiens. Er lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in Wien und Belgrad. Im Picus Verlag erschienen zahlreiche Romane, darunter „Der Aschen­mensch von Buchenwald“, „Geister aus einer kleinen Stadt“, „Buchstaben von Feuer“, die Neuauflage seines großen Erfolgs „Schattenspringen“, „Mein schönes Leben in der Hölle“, seine Familiensaga „Schlussstrich“ und zuletzt 2020 „Hineini. Quelle z.T. www.buchenwald.de

Picus Verlag, Ivan Ivanji: „Corona in Buchenwald“, Roman, 256 Seiten.

www.picus.at           Ivan Ivanji über die Befreiung Buchenwalds: www.youtube.com/watch?v=wMZDlhgorbc

  1. 3. 2021

Buch- und Hörbuch – Michael Mittermeier: Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken

November 22, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Tausche Witze gegen Antikörper

„Once Upon A Time In Corona. Ich sitze im Zug nach Leipzig und schaue aus dem Fenster. Am Tisch gegenüber sitzt ein Mann mit Maske, der seit zehn Minuten telefoniert. Business-Kaspar mit Schalldämpfer. Endlich hört er auf. Stille. Er verzieht sein Gesicht, holt Luft – Mnhm! -, es sieht aus, als müsste er gleich niesen. Sein Kopf bebt, der ganze Oberkörper, plötzlich reißt er sich die Maske vom Gesicht – Hatschi! Aus den Nasenflügeln pfeift noch ein leises ,Aerosole Mio‘, ich schaue ihn sehr ernst an, und er sagt nur: ,Wenn ich die Maske nicht abgenommen hätte, dann wär‘ jetzt alles da drin.‘ Äh? Ja, das ist der Clou dabei. Er zuckt nur mit den Schultern: ,Ich glaube, ich hatte es schon.‘“

Obwohl die ab 26. November in Österreich geplante Auftrittsserie seiner Programme „#13“ und „Zwischenwelten“ #Covid19-bedingt abgesagt werden musste, brauchen die Fans auf ihren Michl nicht zu verzichten, hat Michael Mittermeier doch dieser Tage seine jüngste Satire „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“ sowohl als Buch wie auch als Hörbuch veröffentlicht. Zweiteres ein spezielles Gustostückerl, da von ihm selbst gelesen. Der Stadionrocker unter den Kabarettisten ist kein Typ fürs Stillsitzen, nach 34 Jahren als Stand-up-Comedian – unmöglich.

Und so ist er nach Lockdown eins in Autokinos aufgetreten, heißt: ist dort vor Spiellust in Improvisationen explodiert. Er hätte einfach darüber „gelabert, was war“, sagt er im Interview, und das schließlich zwischen zwei Buchdeckel beziehungsweise auf CD gepresst: „Es geht also um mein Leben während dieser ganzen Lockdown-Ausgangsbeschränkungs-Pandemiezeit, was ist alles passiert, welche Gedanken hatte man, was hat man im Fernsehen geschaut. Ich konzentriere mich aber auf die lustigen, schrägen Seiten. Tausche Witze gegen Antikörper!“ Auftrittsverbot? Ein Albtraum für Komiker – die Pointen müssen raus! Und so führt Michael Mittermeier das Publikum mit Schlagfertigkeit und der ihm eigenen Unverfrorenheit durch den seltsamen neuen Alltag.

Er erzählt wahre und saulustige Geschichten aus den Zeiten der familiären Corona-Dreisamkeit: Vom Homeschooling-Alarm und warum seine vorpubertierende Tochter nicht mehr will, dass er bei den Mathehausaufgaben hilft, vom Sparkassenbesuch mit Maske und weshalb es kein gutes Zeichen ist, wenn der Postbote nicht mehr klingelt. Mittermeier macht sich lustig über die „Corona-Macarena“, den Ellbogengruß, den er nur aus Filmen mit Bruce Willis kennt, und der dort „zur abrupten Beendigung eines Gesprächs dient, inklusive Auswechslung der oberen Zahnreihe“. Stets, kritisiert er, haben wir uns über die Ellbogengesellschaft mokiert – und jetzt stellen wir sie pantomimisch dar?

Die Krise stellt ebendiese vor neue Fragen – und Mittermeier beantwortet sie mit Maske, aber ohne Blatt vorm Mund: Ist es für Prominente vorteilhaft, mit Maske einkaufen zu gehen? Soll man kurz nach Mittag schon den Feierabend-Wein trinken? Es geht um Gangster-Virologen und Superhelden – „Wo sind die eigentlich, ha? Die haben uns alle am Arsch g’lassen!“, und um Michls hypochondrische Anwandlungen nach einem Südtiroler Schiurlaub – in den „Gondeln des Todes, in denen der Aerosol-Sepp alle angegriffen hat“, danach das „greislige“ Stäbchen in der Nase und die Erkenntnis: „Vielleicht hätt‘ ich doch mehr koksen sollen, dann würde ich jetzt nix spüren.“ Dabei ist die Ansteckungsgefahr bei nichts so hoch wie beim Lachen.

„Ohne Corona-Humor, ohne von Draußen-Draufschauen und Spaß-Machen über den ganzen Scheiß geht man drauf“, sagt Mittermeier, nennt als seine Lieblingsmenschen die singenden Italiener auf ihren Balkonen, und zitiert Werner Finck: Wer lachen kann, dort wo er hätte heulen können, bekommt wieder Lust am Leben. „Leute zum Lachen zu bringen, ist nach Corona-Regeln mein triftiger Grund, das Haus zu verlassen“, erklärt er. Mit Buch und Hörbuch kann man nun getrost daheim bleiben. Denn beide liefern genügend humoristische Antikörper, um sogar noch den nächsten Lockdown locker zu überstehen.

Bild: © Olaf Heine

Über den Autor: Geboren 1966, hat mit seinen Soloprogrammen „Zapped“, „Back to Life“, „Paranoid“, „Safari“, „Achtung, Baby!“, „Blackout“, „Wild“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17273) und „Lucky Punch“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28588) Millionen Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz begeistert. Seit vielen Jahren spielt er seine englischsprachigen Programme erfolgreich in Großbritannien, Südafrika, Kanada, Russland, den USA und vielen anderen Ländern. Für seine Arbeit wurde er mit unzähligen Preisen ausgezeichnet – sechs Mal erhielt er allein den Deutschen Comedypreis. Sein Buch „Achtung, Baby!“ stand monatelang auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Kiepenheuer & Witsch Verlag, Michael Mittermeier: „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“, Satireband, 128 Seiten. www.kiwi-verlag.de

Argon Hörbuch Verlag, Michael Mittermeier: „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“, Autorenlesung, MP3-CD, 163 Minuten. www.argon-verlag.de

www.mittermeier.de           Interview: https://www.youtube.com/watch?v=BbE3cKnvOqU          Autorenlesung: https://www.youtube.com/watch?v=LyAJbPmFhus

Neue Live-Termine: agentur.hoanzl.at/veranstaltungen/michael-mittermeier/michael-mittermeier

  1. 11. 2020