Vestibül des Burgtheaters: Tropfen auf heiße Steine

November 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zunehmend bizarre Beziehungspersiflage

Alphamann Leopold Bluhm und seine so faszinierte wie eingeschüchterte Herde: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak als Vera, Christoph Radakovits als Franz Meister und Alina Fritsch als Anna Wolf. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Immer wieder ist das Vestibül des Burgtheaters ein Ort, an dem junge Theaterschaffende sich ausprobieren können. Nun tut dies Cornelius Edlefsen, seit 2016 Regieassistent am Haus, mit seiner Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Text „Tropfen auf heiße Steine“. Gerade 19 Jahre alt war das spätere Film-Enfant-Terrible, als er dieses, sein erstes Stück verfasste. Eine gewissermaßen Vorwegnahme seiner Lebens- und Werkthemen, Krisenbeziehungen, Bisexualität, Bürgerlichkeitsklischees.

Von ihm selbst allerdings nie auf die Bühne oder die Leinwand gebracht. Edlefsen entgeht klug der Versuchung, mittels Vorlage der Deutschen Nouvelle Vague nacheifern zu wollen. Wie Fassbinder einer kränkelnden (immer noch Nachkriegs-)Gesellschaft unbarmherzig unter den Nägeln brannte, so zeigt zwar auch Edlefsen die Mechanismen eines überkommenen, letztlich untoten Systems, an denen der einzelne nur scheitern kann. Doch Edlefsen überdreht Fassbinders Liebestragödie zur zunehmend bizarren Beziehungsfarce. Mit ausreichend Sinn für Satire lässt er die Ereignisse in der dem Meister eigenen Exzentrik explodieren, bewegt die Figuren zwischen dessen, von Fassbinder-Freunden so verbrieften, Lebenshunger und Todessehnsucht, macht aber an jeder Stelle seiner Arbeit deutlich, dass es ihm allein darum geht, auszustellen, wie Menschen ringen, geliebt zu werden.

Und so erzählt der einfühlsame Abend vom Versicherungsvertreter Leopold Bluhm, der den knapp 20-jährigen Franz Meister mit in seine Wohnung nimmt. Bald geht der ältere Mann auf Tuchfühlung, wird sexuell anzüglich, und der hübsche Junge, nicht ganz so naiv, wie er sich stellt, ergibt sich ihm. In vier Bildern treibt Fassbinder die Handlung voran. Im nächsten schon ist Franz ein einsamer Hausmann, der die ganze Woche nur auf die Rückkehr seines Geliebten von dessen Geschäftsreisen wartet. Wenn der Alleinverdiener kommt, ist er müde, mürrisch und mit allem unzufrieden. Statt Bettgeflüster gibt es nun Streitereien, Schnippisch-Sein und Kopfschmerzen, und als schließlich auch noch die Ex-Freundinnen Anna und Vera mit von der Partie sind, eskaliert die Situation …

Menschenmanipulator Leopold …: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak und Alina Fritsch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… wird für Franz bald zu viel: Christoph Radakovits und Stefanie Dvorak. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Daniel Jesch als Leopold Bluhm und Christoph Radakovits als Franz Meister zeigen eine begnadet gute Performance. Sensibel und zu Beginn der Beziehung so sinnlich, dass das Knistern zwischen den beiden Figuren zum Greifen ist, gestalten sie ihre Rollen. Wie Radakovits vom dem Jäger Jesch ausweichenden Jüngling zum Verliebten, dessen Gefühle Hochschaubahn fahren, zum Verzweifelten wird, das ist großes Kino. Mutmaßlich nie zuvor war Radakovits so eindringlich gut. Jesch wiederum wandelt seinen Leopold vom Verführer zum Manipulierer, zum Spielmacher sobald die Frauen dabei sind.

So, wie ihm alle verfallen, muss man an die einstigen, charismatischen Kommunengründer denken. Mit Verve arbeiten die beiden heraus, wie das Männerpaar in genau jene Beziehungsmuster kippt, denen es eigentlich entkommen wollte, Rituale, wie spießbürgerliches Gläserabwaschen vor dem Sex bestimmen den Alltag, Diskussionen drehen sich ums Rechthaben und Nichtsrechtmachenkönnen, das einander Zuwerfen von Zigarettenpäckchen wird von Mal zu Mal aggressiver. Man steckt plötzlich in einer typisch durchschnittlichen, gutbürgerlichen Ehehölle.

In der verläuft’s bei Fassbinder freilich tragigrotesk, hochkomisch und zutiefst betrübt, und Edlefsen hat dessen Stück texttreu inszeniert, hat mit Blick auf seine Schauspieler, nicht auf etwaigen Schnickschack, dessen Sprache pointiert und verdeutlicht. Von Jenny Schleif stammt dazu ein fulminantes Bühnenbild, eine metallene Gitterplattform, darunter ein Raum, durch den die Darsteller wie in Demutshaltung kriechen müssen und durch verschiedene Durchlässe auftauchen, hinten eine opake Plexiglaswand hinter der die Frauen zuerst wie Schaufensterpuppen stehen. Sie treten ins Geschehen, sobald bei Franz und Leopold Liebe und Leidenschaft schal und ausgelaugt sind, als die zerstörerische (Selbst-)zerfleischung des Franz beginnt. Alina Fritsch ist als seine Ex-Verlobte Anna Wolf zu sehen, die ihn zurückhaben will, und verbissen an etwas festhält, das nicht mehr existiert. Fritsch zurrt und zerrt und verzagt nie an Franz, bis …

Frauen, ausgestellt wie Schaufensterpuppen: Stefanie Dvorak und Alina Fritsch, vorne: Christoph Radakovits. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… Leopold auftaucht. Im Schlepptau sein gewesenes Love Interest Vera, mit der er rund um Franz nun ein perfides Machtspiel anfängt. Stefanie Dvorak spielt diese Vera mit Intensität, Unterwürfigkeit und dem ihr eigenen Hauch Hysterie. Am Ende wird Leopold die anderen um sich scharen, wie Fassbinder seinen berühmten Clan, wird kreuz und quer gevögelt, und im Werner Schwab’schen Sinne doch nicht geflogen worden sein.

Wird klar werden, dass Leopold seine Menschenopfer auf immer gleiche Weise fordert, und wird es eine Leiche geben. „Tropfen auf heiße Steine“ ist ein von allen Beteiligten mit Fingerspitzengefühl gestalteter, großartig gespielter Abend. Man wünscht ihm, was anderen Inszenierungen aus dem Vestibül schon gelungen ist, nämlich die alsbaldige Übersiedlung in einen größeren Spielraum des Burgtheaters.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2019

Die neue Buhlschaft: Miriam Fussenegger im Gespräch

Juni 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin kompromissbereit, aber auch sehr stur“

Miriam Fussenegger. Bild: © Salzburger Festspiele / katsey

Miriam Fussenegger ist die neue Salzburger Buhlschaft. Bild: © Salzburger Festspiele / katsey

Am 23. Juli hat bei den Salzburger Festspielen eine neue Buhlschaft Premiere: Miriam Fussenegger übernimmt die größte kleine Rolle der Welt. Die 25-jährige Linzerin tritt damit die Nachfolge von Brigitte Hobmeier an, die seit 2013 drei Festspielsommer lang die Geliebte des reichen Mannes auf dem Domplatz verkörperte. „Jedermann“-Darsteller Cornelius Obonya bleibt der Inszenierung von Julian Crouch und Brian Mertes bis auf Weiteres treu.

Fussenegger, Berufswunsch: Rockstar an der E-Gitarre, bevor sie Absolventin des Max-Reinhardt-Seminars wurde, ist bei den Festspielen bereits bekannt: Vergangenes Jahr spielte sie die Lucy Brown in „Mackie Messer – Eine Salzburger Dreigroschenoper“. Vor der Kamera stand sie unter anderem für den Landkrimi „Der Tote am Teich“ und im Historienfilm „Maximilian“.

Sie habe, so Fussenegger, nicht sofort zugesagt, als ihr die Rolle der Buhlschaft angeboten worden sei. „Im ersten Moment war ich geschockt, geschmeichelt, aufgeregt und ziemlich perplex – alles auf einmal. Und mir war klar: das muss ich erst einmal sickern lassen“, sagt sie. „Ich wollte mir erst einmal darüber klar werden, ob ich mich dieser Verantwortung überhaupt gewachsen fühle. Ich bin eine Grüblerin. Ich will nicht vollkommen blauäugig in eine Sache hineingehen. Wenn man allerdings diese Gedanken ein bisschen zur Seite schiebt, bleibt eine große Freude über das Angebot. Ich könnte hüpfen und schreien. Es ist ein Abenteuer und eine Herausforderung, der ich mich gerne stellen will.“

An ihrer Interpretation der Buhlschaft, meint Fussenegger, werde man etwas „Kindliches“ erkennen, „einen Lolita-Beigeschmack, wenn man so will. Ich verkörpere ein anderes Frauenbild und bin auf einem anderen Erfahrungsstand. Man muss das Ganze noch etwas ausloten, aber ich denke vielleicht könnte meine Buhlschaft etwas unbedarfter und purer sein. Ich finde es wirklich toll von Sven-Eric Bechtolf, dass er jemanden auf diese Rolle besetzt, der so jung und unbekannt ist wie ich. Das ist verwegen und ich hoffe, der Mut zum Risiko wird belohnt“.

Cornelius Obonya habe sie auch schon kennengelernt, freut sich Fussenegger, „und er ist unglaublich nett und entspannt. Es beruhigt mich, einen so sympathischen Jedermann an meiner Seite zu wissen. Ich hatte mich bereits mit ihm getroffen, um ein paar Textzeilen auszuprobieren und zu sehen, ob die Chemie zwischen uns stimmt. Er ist mir sofort auf Augenhöhe begegnet und es hat wunderbar gepasst“. Dass sie in eine bereits seit Jahren existierende Inszenierung einsteigt, bereitet der Schauspielerin kein Kopfzerbrechen: „Natürlich gibt es schon fertige Strukturen, aber ich habe den Ehrgeiz, diese Strukturen mit meinem eigenen Esprit zu füllen. Ich bin durchaus kompromissbereit … aber auch stur!“

Cornelius Obonya (Jedermann), Ensemble. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Cornelius Obonya brilliert auch weiterhin als Jedermann. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Christoph Franken (Teufel), Ensemble. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Aber natürlich hat der Teufel seine Finger im Spiel: Christoph Franken. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Das Regieteam des „Jedermann“ kennt Fussenegger bereits aus der „Dreigroschenoper“-Produktion. Nun freut sie sich auf den Domplatz, dessen Stimmung sie im Vorjahr aus Zuschauerin selbst erfahren hat: „In dem Moment, in dem die Jedermann-Rufe von überallher kommen und die Glocken läuten, hatte ich solche Gänsehaut. Es ist als würde sich die Stadt gegen den Jedermann verschwören. In diesem Moment habe ich verstanden, warum der Jedermann über so viele Jahrzehnte so erfolgreich ist“. Für die kommenden drei Saisonen nun einmal mit ihr …

Das Programm der Salzburger Festspiele 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=15877

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburger Festspiele: “Jedermann”

Wien, 24. 6. 2016

21er Haus: Die Sprache der Dinge & Cornelius Kolig

Juni 7, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Paradies aus Plexiglas und Polyester

Robert F. Hammerstiel, Made by Nature- Made in China, 2004-2006. Bild: © Belvedere, Wien

Robert F. Hammerstiel, Made by Nature- Made in China, 2004-2006. Bild: © Belvedere, Wien

Cornelius Kolig, Ohne Titel, 1972. Bild: © Belvedere, Wien

Cornelius Kolig, Ohne Titel, 1972. Bild: © Belvedere, Wien

Das 21er Haus zeigt ab 10. Juni zwei Ausstellungen: „Die Sprache der Dinge. Materialgeschichten aus der Sammlung“ mit Arbeiten unter anderem von Franz West, Herbert Brandl, Gelatin, Gerhard Richter, Robert F. Hammerstiel, Heimo Zobernig, Anselm Kiefer, Brigitte Kowanz, Daniel Spoerri, Erwin Wurm und Franz von Zülow. Die Ausstellung mit Werken aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst und der Artothek des Bundes stellt den Umgang mit Materie, Material und Materialitäten in den Fokus.

Seit den 1960er-Jahren sind sie gleichermaßen Ausgangspunkt und Inhalt künstlerischer Produktion. Standen etwa in der Minimal Art die spezifischen Eigenschaften des jeweiligen Materials selbst im Vordergrund, zeugen aktuelle Auseinandersetzungen das Spannungsverhältnis zwischen Materialität und Immaterialität im Zeitalter der Digitalisierung. Die Schau stellt beide Positionen im Vergleich nebeneinander.

Außerdem zu sehen ist „Cornelius Kolig: Organisches“. Der 1942 in Vorderberg in Kärnten geborene Maler, Bildhauer, Installations- und Objektkünstler ist durch seine kompromisslosen Arbeiten bekannt geworden, die um den menschlichen Körper und die Psyche, Sexualität und Tod, Obsessionen und Tabus kreisen. In den 1960er- und 1970er-Jahren experimentierte er mit neu entwickelten Werkstoffen wie Plexiglas und Polyester und schuf in erster Linie Skulpturen, die der technoiden Ästhetik der Zeit verpflichtet waren.

1980 begann er mit der Errichtung seines Lebens- und Gesamtkunstwerks: einer Architekturanlage in Vorderberg an der Gail namens „Das Paradies“. Die Präsentation bietet Einblicke in unterschiedliche Werkgruppen seines umfangreichen künstlerischen Schaffens.

www.21erhaus.at

Wien, 7. 6. 2016

Altes Geld

November 3, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Frei von der Leber weg? Es war fad.

Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner Bild: ORF/Superfilm

Ein finsterer Geselle als Lichtblick: Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner
Bild: ORF/Superfilm

Im anschließenden Kulturmontag kam ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner das Wort Überhöhung über die zugespitzten Lippen. Ja, wenn’s denn so … Wochenbeginn war’s und „Altes Geld“ war und bin ich böse, weil mir das Herzerl nicht übergegangen ist? Frei von der Leber weg: Es war fad.

Nun ist es natürlich ein guter Schmäh, vor der Fernsehausstrahlung die DVDs rauszubringen, die freilich Platin holen, weil die Leute schneller sein wollen als der Küniglberg sein kann, und David Schalko kaufen, wenn David Schalko draufsteht. Nun ist es der noch viel bessere Schmäh, auf stattgefundenen Flimmit-VoD-Erfolgen rumzureiten, also quasi im Öffentlich-Rechtlichen einen aufgewärmten Schas zu trommeln, den sich die letzten, also ich, die’s noch nicht gesehen haben, anschauen, weil die Zuschauer ob des bisherigen Hypes David Schalko sehen wollen, wo David Schalko drin ist. Die Leber galt, nur so nebenbei, den alten Griechen als Sitz des Lebens; heute gilt als verstorben, wer hirntot ist. Man spricht dann auch von „coma dépassé“, einem irreversiblen Koma.

Apropos, „Altes Geld“. Das ist sehr langsam und ziemlich leise. Vermutlich, weil der Zynismus selten schnell und nie laut ist. Bis sich was entwickelt, und es entwickelt sich kaum was, und das in Nichtlustig, weil bei keinem Tempo auch keine, so sie vorhanden gewesen wären, Pointen zünden können, kann man getrost drei Mal Limonade holen und vier Mal Lulu gehen. Oder je nach Blase umgekehrt. Die Lücke der dafür privat zuständigen, beim ORF fehlenden Werbepausen ist somit praktisch gefüllt. Es gibt viele Stehsätze. „Es gibt keine Pazifisten, nur Menschen ohne Waffen“. „Ich will nicht deinen Tod, ich wünschte es hätte dich nie gegeben“. „Humanismus ist, was übrigbleibt, wenn Effizienz weg fällt“. Vastehst, Oida? Pampf! Irgendwo kränzelte einer den Lorbeer „Altes Geld“ sei der heimische Denver-Clan, und wiewohl der schon eine Fernsehflatulenz, ich komm‘ einfach nicht von heißer Luft und Wind machen los – bitte um Verzeihung, war, ist „Altes Geld“ doch eher Rosamunde-Pilcher-Dynasty. Fallon und Jeff verlassen die Party und gehen mit der Kippe in den Garten an der Klippe. Fallon beginnt den Joint zu rauchen.  Jeff: „Das ist ja Stoff, Fallon.“ Fallon:“Da hast du recht.“ Jeff: „Was ist, wenn uns jemand sieht?“ Fallon:“Keine Sorge, ich habe genug, das reicht für alle.“ So viel zu Serien – high – light.

Zurück zu „Geld. Macht. Liebe.“ Das topbesetzte Schauspielerensemble agiert als die typischen Stereo-Typen. Udo Kier, sprachlos hinter Sonnenbrillen, teilt sich den einen irren Blick brüderlich mit Robert Palfrader, der als Psychopath auftritt. Ebenso überraschend der Einsatz von Nicholas Ofczarek als Arsch vom Dienst und von Thomas Stipsits als Hoperdatsch. Herbert Föttinger ist ein versoffener, süffisanter Bürgermeister, Simon Schwarz ein geschmeidiger Grüner. Immerhin zukunftsvisionärrisch sah Schalko das Gesundheitsressort schon wie Nieren wandern. Es kann aber statt Verkehr auch Bildung werden. Johannes Krisch, Florian Teichtmeister, Cornelius Obonya und Ursula Strauss spielen außerdem mit. Michael Maertens gibt einen Dr. Seltsam. „Hier bringt sich erstaunlicherweise niemand um“ ist ein Serienzitat. Sunnyi Melles spielt die upperclassig Unterkühlte und Nora von Waldstätten kann punkto Gesichtsfarbe sogar noch blasser sein als sie.

Nur Manuel Rubey erfindet sich mit blonder Perücke beißend neu, als Apfel, der dann doch nicht so weit vom Stamm gefallen ist, ein raubtiergefährlich Schimmernder unter aalglatter Oberfläche; er ist auf den ersten Licht-Blick nur an der Stimme identifizierbar. Ah ja, Dr. Seltsam: Worum geht’s? Der Kier hat Geld und braucht eine neue Leber und wird sein Vermögen dem vererben, der ihm eine bringt. Der Kier ist Nazi-Bub mit Führerfahrzeug im Fuhrpark und jüdischer Schwester am Telefon, sein Vater passender Weise mit Gas, für den Entweichler kann ich aber nix, reich geworden. Außerdem gibt’s Ost-Ganoven, Afrika und Analverkehr und eine Kampfszene in Peckinpah-Zeitlupe. Untertourig fast voll aufs Pedal steigen soll angeblich Sprit sparen.

Was gefällt, außer dem Dark-Duck-Club und seinem Codesatz „Hedy Lamarr ist eine geile Sau“, ist dieses Wien und Umgebung ohne Wiedererkennungswert, dieses nirgendwo überall in seinen kalten Farben, das seine Schattenspiele auf den Gesichtern aufführt, die unkonventionellen Kameraperspektiven, die schiefen Winkel und die schrägen Einstellungen. Es kann nur besser werden. Wöchentliche Ausstrahlung heißt ja, dass man sich an alles gewöhnt. Nach den ersten beiden Folgen gilt für das als „auf eine krude Art lustvoll“ angepriesene, aber noch: Eh, für die Masochisten unter den Serientätern.

Zum Nachjammern: tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-1-Folge-Buschtrommeln/10892981

tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-2-Folge-Alpha/10893003

Wien, 3. 11. 2015

Mono Verlag: Der unbekannte Soldat

Mai 20, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wer nicht für den Frieden arbeitet,

der arbeitet gegen ihn“

9783902727527Der unbekannte Soldat ist eine Hommage an Bertha von Suttner, die erste Botschafterin des Pazifismus, lange bevor er eine greifbare Theorie einer Welt ohne Waffen war und lange bevor diese Welt in Trümmer fiel. Unterlegt und eingerahmt von musikalischen Interventionen, versammelt der Audioteil wichtige  Texte der Suttner, vorgelesen von Angehörigen des österreichischen Bundesheeres, Cornelius Obonya und Stefano Bernadin.

Im Textteil werden wichtige historische und theoretische Hintergründe sowie biografische Details der Suttner erzählt, zu lesen in ausführlichen Interviews mit der Ethnologin Maria Enichlmair und dem Historiker Georg Hamann, der Friedens- und Konfliktforscherin Susanne Jalka, dem österreichischen  Spitzendiplomaten Wolfgang Petritsch und dem Chefredakteur des Nachrichtenmagazins profil, Herbert Lackner.

Inmitten des Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren ist dieses Buch an erster Stelle eine Verbeugung vor dem Lebenswerk Bertha von Suttners. Herausgeber/Konzept: Stefan Frankenberger.

www.monoverlag.at

Wien, 20. 5. 2014