Schauspielhaus Wien: Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)

November 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hinterlassenschaft ist auch ein Wort für Scheiße

Sophia Löffler und der Chor. Bild: © Matthias Heschl

Thomas Köck ist wieder zu Hause. Künstlerisch zumindest ist das im Schauspielhaus Wien, wo die Diskurstexte des oberösterreichischen Dramatikers aufs perfekteste für die Bühne umgesetzt werden. Diesmal hat Köck erstmals selbst Hand an sein Stück gelegt, gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach zeichnet er auch für die Regie von „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ verantwortlich, das am Donnerstagabend in der Porzellangasse zur Uraufführung gebracht wurde.

Köck, ein Meister im Verfassen von poetisch-bedeutungsvoll raunenden Satzkaskaden, befasst sich diesmal mit dem Komplex Schulden/Erben. Ein überreifes Feld, um seine liebsten Problematiken zu beackern, und so mäandern des Autors Gedanken auch diesmal von Weltpolitik zu Weltfinanzkrise zu Weltklimakatastrophe und anderen De-facto-Pleiten wie Donald Trump. Heißt zu dem, was eine gewesene und eine jetzige Generation der zukünftigen mit ins Leben geben werden, eine Hinterlassenschaft aus Miseren und Konflikten, all die Scheiße also, die diese aber nicht länger hin- und annehmen will.

„kann aber nicht sein dass wir uns die hände nicht / schmutzig machen wollen es / wird nicht ohne hässliche bilder gehen es / es wird nicht ohne hässliche bilder gehen kurz / hätt ich was falsches gesagt / kurz / hätt ich mich verplappert / kurz“, steht dazu an einer Stelle über einen feschen, gegelten Sunnyboy, einem „alten Blutbad“ entstiegen, ein Strahlemann als Wiedergänger …

Wohl weil Misere zu Miserere führt, hat Köck seinen Text als Kantate angelegt, als Werk für Solistin und einen Chor. Erstere ist Sophia Löffler in ihrer ersten Rolle nach der Babypause. Die Musik stammt von Bach („Klagt, Kinder, klagt“ natürlich), reicht von Chinawoman, Alive She Died und Roy Orbison bis William Basinski und Max Richter. Köck hat sich für „Die Zukunft reicht uns nicht …“ eine eigene Zeitform erfunden, eine Art „Plusquamfutur“, in der Überlegung, die Sprache verlaufe nicht linear, sondern könne sich wie der Raum krümmen, und ergo alles immer gleichzeitig sein.

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Und so ist Löfflers Figur zunächst eine gewesene alte Frau, eine Seherin, Kassandra (später ein zukünftig reicher Erbe in New York), die wahrsagt, was gewesen sein wird werden. Mit ihr, eigentlich gegen sie, spielt ein 14-köpfiger Chor aus Jugendlichen, und die da gekommen sein werden, wollen sich nicht mehr von Sachlage, Schicksal und „Erbschuld“ verschaukeln lassen. Sie fordern Sophia Löffler, sie animieren sie zum Zwietracht säen. Es wird zum Konflikt gekommen sein müssen.

Jach und Köck lassen das alles auf weißer Bühne verhandeln, Leichensäcke liegen herum, ein Plastikvogel fliegt und stürzt ab, und eine Drohne, die stürzt nicht ab, mehr brauchen die beiden nicht an Ausstattung. Die schlanke Optik tut Köcks Text gut, sie unterstreicht ihn an den aussagestarken Stellen. Bemerkenswert ist, wie präsent der Chor im Geschehen ist, junge Menschen, Mona Abdel Baky, Nils Arztmann, Hanna Donald, Nathan Eckert, Magdalena Frauenberger, Alexander Gerlini, Ljubica Jaksic, Daniel Kisielow, Anna Kubiak, Rhea Kurzemann, Cordula Rieger, Karoline Sachslehner, Gemma Vanuzzi und Juri Zanger, die von der Musik, vom Tanz kommen, nur teilweise Theater-, etliche gar keine Bühnenerfahrung hatten. Mit kalkweißen Gesichtern und Glitzerleggings sind sie wie eine Legion von Verlorenen, eigentlich vermutete man sie in den Säcken, doch mit ihrem langsamen Auftritt ist klar, da kommt was auf uns zu. Präpotenz, Stolz, Provokation steht auf den blutig ernsten Mienen.

Bild: © Matthias Heschl

„ich scrolle gelangweilt durch / schneemangel waldsterben überhitzung desertifikation scrolle / mich erschöpft durch verbrannte erde / scheißhaus übermüllung wohin das auge reicht scrolle / durch plastikinseln in kontinentalem ausmaß scrolle / … durch sinkende rettungsboote scrolle / durch frisch gezogene außengrenzen mythologischen ausmaßes …“, skandieren sie, vier von ihnen, mit den Schriftzügen „Game over“, „No specials“, „Bad liar“ und „Eure Party ist Scheiße“ auf den Rücken ihrer Bomberjacken, stechen dabei aus der Masse heraus. Mit dem Chor entwickelt die Aufführung im doppelten Wortsinn eine ungeheure Wucht.

Noch schmeicheln sie, sehen in der Seherin Schutz und Schirm, eine Mutter, die diese nie hat sein wollen. Kassandra mutiert zu „Ivanka Kassandra on the 68th floor“, beide Seiten spekulieren über Mutter/Vater/Elternmord. Wurde ihr bisher zugesetzt, greift nun sie an. Beschuldigt den Klage-Chor, als die privilegierteste, überfüttertste aller Generationen nur zu schreien und zu jammern, „du mittelstandschor was hast du denn für zukunftssorgen?“. Pickt schließlich einen heraus, „der den halben kuchen ganz alleine kriegt“. So genüsslich humorvoll dieser Hakenschlag, so hart die darin liegende Realität. Laut aktueller Oxfam-Studie besitzen acht Milliardäre mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Es steht derzeit 426 Milliarden US$ zu 409 Milliarden.

Und schon ist auf der Bühne Krieg. Blut wird fließen – sehr effektvoll vom Balkon herunter. In der letzten halben Stunde gewinnt die Inszenierung von Jach und Köck rasant an Fahrt. Und mit ihr vieles von dem, das ohnedies so klar scheint, an neuaufgeladener Bedeutung. Man fühlt sich gemeint und gemein, der eigene ökologische Fußabdruck sich plötzlich wie der eines Riesen an. So macht man das, macht Texte, wie diesen, fürs Theater unverzichtbar. Im Epilog auf seinen Abgesang bietet Köck übrigens einen Ausweg, eine Art Lösung an. „THE FUTURE IS FEMALE“ lautet sein letzter Satz. Wie schön. Dann darf sie aber nicht die May machen.

Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27173

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=8K_Yz8_feIU

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2017

Lou Andreas-Salomé

September 8, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frau, die über Nietzsche die Peitsche schwang

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

„Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann.“ Mit diesem Satz nahm Lou Andreas-Salomé Verehrern den Wind aus den Segeln. Deren hatte die Schöne viele. Paul Rée, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Gerhart Hauptmann gehörten dazu, später sogar Sigmund Freud. Rilke widmete ihr Gedicht um Gedicht, Wedekind nannte angeblich sein Werk „Lulu“ nach ihr, mit Rée und Nietzsche ging sie kurzfristig eine geistige ménage à trois ein, geistig, weil sich Lou Andreas-Salomé der Körperlichkeit entzog.

Eine selbst auferlegte Askese, war sie doch überzeugt davon, nur der Zölibat schaffe ihr als Frau den nötigen Freiraum, in den Armen eines Mannes aber würde sie sich selbst zum Hausmütterchen degradieren … Es entstand das berühmte Dreierfoto, die Denker vor ihren Karren gespannt, sie mit der Peitsche in der Hand, und man fragt sich, ob in dieser Szene Nietzsches späterer Ausspruch vom Lederriemen und dem Weibe begründet liegt. Der sexuell abgewiesene, der über die Angebetete erst formulierte „Lou ist scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe“, nannte sie dann nämlich die „dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit ihren falschen Brüsten“. Männer! Und unter ihnen so viele Hysteriker, es verwundert nicht, dass Freud folgen musste.

Lou Andreas-Salomé war Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, geboren 1861 in St. Petersburg, gestorben 1937 in Göttingen, war sie eine der gelehrtesten und wissenschaftlich produktivsten Frauen ihrer Generation. Die Berliner Autorin und Regisseurin Cordula Kablitz-Post holt in ihrem Spielfilmdebüt „Lou Andreas-Salomé“, das ab 9. September im Kino zu sehen ist, dieses bewegte Leben aus der Vergessenheit. Entstanden ist ein faszinierendes Frauenporträt, das mit leisem Humor den Weg einer starrköpfigen Streiterin für mehr Rechte, für, wie sie es nannte, mehr „Raum für die Entwicklung der Frau“ nachgeht. Andreas-Salomé lebte die Emanzipation, wiewohl sie es stets weit von sich wies, eine, wie man heute sagen würde, Feministin zu sein.

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit "Mutter" Petra Morzé. Bild: Polyfilm

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit „Mutter“ Petra Morzé. Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als "Ernst Pfeiffer". Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als Ernst Pfeiffer. Bild: Polyfilm

Das Biopic ist bis in kleinste Rollen exzellent besetzt, mit dabei viele Burgtheaterschauspieler, Petra Morzé und Peter Simonischek spielen die Eltern Salomé, Philipp Hauß den Paul Rée. Merab Ninidze brilliert als Friedrich Carl Andreas, der Orientalist, der sich endlich als einziger auf eine sexlose Ehe mit Lou einließ, in seiner Not aber eine lebenslange Zweitliebe mit der Haushälterin einging. Alexander Scheer ist als Nietzsche augenrollend bedrohlicher und ergo skurriler wie Paulus Manker als Almas Kokoschka, Julius Feldmeier als Rilke ein weinerliches Bündel Mensch.

Man muss es sagen, der feinnervige Lyriker verliert in diesem Film deutlich an Boden, so raunzert ist das Bild, das Kablitz-Post von ihm entwirft. Lou Andreas-Salomé hatte ein Händchen dafür, Elegiebürscherln um sich zu sammeln, geknickte Männlichkeiten aufzurichten und künstlerische Karrieren in Schwung zu bringen. Sie war Inspiration, Muse, später auch Mäzenin. Doch so stark und bei messerscharfen Verstand, wie sie war, wirken die Herren der Schöpfung rund um sie wie schwache Männlein.

Diesen Eindruck verdichtet freilich die Darstellung von Katharina Lorenz und Nicole Heesters. Kablitz-Post hat die Figur der Andreas-Salomé in verschiedenen Lebensaltern auf die beiden formidablen Schauspielerinnen aufgeteilt, erstere gestaltet sie angespannt wie eine Feder, zweitere altersweise und ein wenig verschmitzt, die Lorenz ist von strenger Schönheit, die Heesters in überragender Spiellaune. Liv Lisa Fries spielt Andreas-Salomé als 16-Jährige, der Film bewegt sich zwischen den drei Zeiten hin und her, erzählt nicht chronologisch, sondern springt in den Ereignissen als wären’s die Erinnerungen der älteren an ihre gewesenen Ichs. Dies auch ein inhaltlicher Kniff der Filmemacherin, denn so kann sie friktionsfrei die später geschönte Biografie Andreas-Salomés mit anderen, ihr widersprechenden Quellen verknüpfen.

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Ein Gutteil der Dokumente stammt aus dem Archiv von Ernst Pfeiffer, im Film verkörpert ihn Matthias Lier, Andreas-Salomés letzter Psychotherapiepatient und späterer Nachlassverwalter. Der rettete maßgebliche Teile ihres Werks vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Denn im Dritten Reich war man höchst erbost über diese Frau, die sich in den „jüdischen“ Disziplinen des Denkens übte. Und so beginnt der Film denn auch mit einer Bücherverbrennung …

„Lou Andreas-Salomé“ ist ein filmisches Beispiel dafür, dass ein Widerspruchsgeist zu sein und ein Freigeist sein zu wollen zu allererst des Geistes bedingt. Andreas-Salomé hatte alles davon, und im Übermaß. Sie war eine Kämpferin gegen Konventionen, dass sie für das Wegsperren ihrer Gefühle aber auch einen hohen Preis bezahlte, dass sie die nie versiegende Sehnsucht nach einem eigenen Kind schließlich zu einer ganz besonderen Tat verleitet hat, wird der Film am Ende erklären.

Er schließt mit einem Zitat, das die großartige Heesters vorträgt: „Die Welt, sie wird dich schlecht begaben. Glaube mir’s. Sofern du willst ein Leben haben, raube dir’s.“

 

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0qyQgSsi920

Wien, 8. 9. 2016