CopStories-Star Kristina Bangert spielt Operette

Juni 16, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Im weißen Rössl“ in Langenlois

Kristina Bangert und Boris Eder als resche Rössl-Wirtin und Oberkellner Leopold. Bild: © Schlossfestspiele Langenlois, Kurt-Michael Westermann

Kristina Bangert und Boris Eder als resche Rössl-Wirtin und Oberkellner Leopold. Bild: © Schlossfestspiele Langenlois, Kurt-Michael Westermann

Als durchsetzungsstarke Vorgesetzte kennt sie das Publikum bereits, ist Kristina Bangert doch in der ORF-Serie „CopStories“ als strenge Chefinspektorin Helga Rauper zu sehen. Im Sommer zeigt sie nun, dass sie außer spielen auch singen kann. Bangert tauscht die Uniform gegen das Dirndl und wird bei den Schlossfestspielen Langenlois zur reschen Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber. Ihr Leopold ist Boris Eder, der zuletzt an der Volksoper im „Bettelstudent“ das Publikum begeisterte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19470).

Außerdem zu sehen sind Melanie Wurzer als höhere Tochter Ottilie, Daniela Lehner als lispelndes Klärchen, André Bauer als Berliner Rechtsanwalt Dr. Siedler, Johannes Seilern als brummiger Fabrikant Wilhelm Giesecke oder Harald Baumgartner als der schöne Sigismund. Regie führt Michael Scheidl, der als Prof. Dr. Hinzelmann auch selbst auf der Bühne stehen wird; es dirigiert Intendant Andreas Stoehr. Premiere ist am 21. Juli.

www.schlossfestspiele.at

Wien, 16. 6. 2016

Claudia Kottal im Gespräch

November 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin gern die Super-Tschuschin“

Claudia Kottal: "Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen" Bild: Bettina Frenzel

Claudia Kottal: „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“
Bild: Bettina Frenzel

Auf ORFeins ist sie jeden Dienstag als Kripo-Beamtin Leila Mikulov in „CopStories“ zu sehen, doch gerade ist Drehpause und so macht Claudia Kottal Theater. Am 10. November hat im KosmosTheater „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“ Premiere. In der deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks des Australiers Robert Hewett spielt sie sieben Rollen, sieben Menschen, die einander verraten, verlassen, lieben, vermissen. Denn Chrissie, blond, wird in einem Einkaufszentrum von einer Rothaarigen brutal attackiert, Rhonda, rothaarig, ist mit Graham verheiratet, Lynette, brünett, hat Graham mit einer Blonden gesehen, und alle Frauen haben ihre eigene Wahrheit dazu. Regie führt Christine Wipplinger. Claudia Kottal gründet außerdem gerade einen Theaterverein: „Migrationshintergrund am Arsch“. Warum der so heißt und, dass sie Mitwirkende für „Kottals Kapelle“ sucht, erklärt sie im Gespräch:

MM: Sie spielen am KosmosTheater „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“. Wie sind Sie zu diesem Stück gekommen?

Claudia Kottal: Ich kenne Regisseurin Christine Wipplinger schon seit Jahren, wir haben immer wieder gesagt, wir müssten was miteinander machen, aber es kam nie dazu. Christine hat einen Bruder, der in Australien lebt, und da ist sie wohl auf den Text des Autors Robert Hewitt gestoßen. Der hatte gar nie vor, dass er übersetzt wird, und wollte ihn außerdem nicht für ein so kleines Haus wie das KosmosTheater. In Australien wird sein Stück nämlich in 800-Leute-Häusern gespielt. Aber jetzt ist er ganz glücklich und kommt sogar auf eigene Kosten zur Premiere. Für mich ist das eine Riesenherausforderung, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ein Ein-Personen-Stück spiele. Ich bin schon sehr aufgeregt.

MM: Das kann man sich vorstellen. Den meisten Schauspielerinnen und Schauspielern graust schon vor einem Monolog, Sie gestalten sieben.

Kottal: Der Beruf ist ja eigentlich miteinander spielen, mit einem Bühnenpartner. Ich hasse sogar die Monologe, wenn ich wo vorspreche. Und nun das!

MM: Sieben Gestalten, sieben Ausdrucksweisen, sieben Sprachen – wie sehr stehen Sie schon am Rande der Schizophrenie?

Kottal (sie lacht)Ja. Ich versuche alles zu überblicken. Ich bin zum Glück sehr gesund, aber ich verstehe, wenn Leute in unserm Job ein bisschen verrückt werden. Im Prinzip erzählen sieben verschiedene Figuren einen Unfallhergang. Ich sage das zumindest so.

MM: Ich hätte gerne, dass sich die sieben am Ende als eine entpuppen und, dass der Unfall ein Mord ist.

Kottal: Ich sage nichts mehr. Ich möchte doch nicht die Spannung ermorden. Wir lassen das eine oder andere offen, ja? Für mich ist es jedenfalls sehr spannend von so vielen verschiedenen Blickwinkeln auf eine Situation zu schauen.

MM: Entwickelt man beim Proben eine Vorliebe für eine Figur? Ich frage mich oft, wie Menschen gegen sich selber Schach spielen können ohne parteiisch für eine Farbe zu sein, jetzt frage ich, wie spielt man mit sich selbst Theater?

Kottal: Ich spiele ja mit dem Publikum, nicht mit mir selber. Beim Lesen hatte ich tatsächlich eine Lieblingsfigur, sogar zwei, aber mittlerweile sind sie’s nicht mehr. Ich hatte auch eine, die ich gehasst habe, weil ich ihre Motive nicht verstand, aber jetzt mittlerweile finde ich’s gut, dass es so viele gibt, weil ich mich abwechseln kann.

MM: Eine Frauenfrage: Wenn man sich mit den unterschiedlichsten Perücken und Haarfarben sieht, kommt man da privat auch auf eine Idee?

Kottal: Nein, um Gottes Willen. Ich wollte einmal blond sein, das hat überhaupt nicht geklappt. Das war hier gelb, dort orange. Am nächsten Tag habe ich zurückgefärbt.

MM: Theater war Ihre erste Liebe, bevor Sie mit Film und Fernsehen bekannt geworden sind. Wie kam’s zu dieser Liebe?

Kottal: Kann ich gar nicht sagen, ich wollte das immer schon machen. Aber ich war mir lange nicht sicher, ob es das Richtige für mich ist, weil ich ein sehr schüchterner Mensch bin. Ich habe schon Schultheater gespielt, ich war so ein Kind, das kenne ich auch von Freunden, das alles rausgehaut hat, dann mit 16 in der Pubertät habe ich mir gesagt: Claudia, das kannst du nicht, mach’ das ja nicht. Und dann habe ich doch am Konservatorium Wien studiert. Aber ich habe lange gebraucht, um mich freizuspielen. Die vier Jahre Studium und die ersten vier Jahre im Beruf hat mir das Spielen überhaupt keinen Spaß gemacht. Ich fand mich nicht gut, und die Leute fanden mich auch nicht gut, das war ein bisschen schwierig.

MM: Sie sind aber zäh, wenn Sie trotzdem drangeblieben sind.

Kottal: Weil ich wusste, das ich das kann. Aber ich habe mich so lange nicht getraut. Ich war total verklemmt. Ich habe mir gesagt: Claudia, lass’ es. Warum was machen, was keinen Spaß macht, noch dazu, wo man am Theater kein Geld verdient? Dann habe ich mit Hans Escher bei den Wiener Wortstätten gearbeitet, „Das Stück“ hat das geheißen, da habe ich eine serbische Nutte gespielt, und der hat mir ins Gewissen geredet. Am Anfang war es furchtbar, aber dann habe ich mit Akzent gespielt – und es ging plötzlich. Mit Akzent habe ich mich getraut.

MM: Die serbische Nutte und die montenegrinische Kommissarin sind das Figuren, die Ihnen passieren? Das biber hat geschrieben, Sie seien eine „Super-Tschuschin“.

Kottal: Ja sicher, wenn die das schreiben sowieso. Ich habe kein Problem damit, ich bin gern die Super-Tschuschin. Der Beruf ist auf eine gewisse Weise äußerlich, Fernsehen noch viel mehr. Und ich kann halt sehr gut mit Sprachen und Akzenten. Ich habe allerdings keine jugoslawischen Wurzeln, sondern bin mütterlicherseits halbe Polin. Womit ich tatsächlich ein Problem habe, ist, dass sich Drehen und Theaterspielen so schwer vereinbaren lassen. Ich mache beides gern.

MM: Gedreht wird offenbar gerade nicht, weil Sie einen heißen Theaterherbst haben. Außer dem KosmosTheater sind Sie auch noch am Volkstheater als Salerl in Nestroys „Zu ebener Erde und im ersten Stock“.

Kottal: Und in der Wiederaufnahme der „Proletenpassion 2015 ff.“ im Werk X (eben erst ausgezeichnet mit dem Nestroy-Preis in der Kategorie „Beste Off-Produktion“, Anm., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13411). Ja, es stimmt, wir haben „CopStories“, Staffel vier gedreht, jetzt ist Pause, also mache ich andere Sachen. Heute war erste Bühnenprobe im Volkstheater. Das ist schon was, das große Haus, der große Raum – diesbezüglich bin ich ein bisschen Anfängerin, was für mich immer schwierig ist, wieder Anfängerin zu sein. Aber die Kollegen sind alle nett und Regisseurin Susanne Lietzow sowieso, ich fühle mich also sehr gut aufgehoben. Und Anfang April mache ich dann noch „Das Spiel: Die Möwe“ mit Arturas Valudskis im TAG, da spiele ich die Mascha. Darauf freue ich mich schon sehr, weil Valudskis eine ganz besondere Art hat, Theater zu machen. Ich habe schon einige Produktionen von ihm gesehen, aber wir kennen einander noch nicht wirklich.

MM: War’s das?

Kottal: Eigentlich nicht. Soll ich noch was sagen?

MM: Bitte.

Kottal: Ich gründe gerade einen Theaterverein, der heißt „Migrationshintergrund am Arsch“. Wir machen im OFF-Theater ein Stück von István Örkény, „Familie Tót“, das ist eine Farce über einen Offizier im Zweiten Weltkrieg, der auf Urlaub zu seiner Familie ins Dorf heimfährt. Und die Familie will alles für ihn tun, damit er den Krieg gesund übersteht. Es ist wahnwitzig lustig, aber auch sehr tragisch. Regie führt der Musiker Imre Lichtenberger-Bozoki, es spielen nur Frauen, auch die Männerrollen, also ich spiele einen Mann. Mit dabei sind Julia Schranz, Suse Lichtenberger, Anna Kramer und Constanze Passin. Das Stück ist in Ungarn sehr bekannt, der Stoff ist auch ein Filmklassiker, nur in Österreich wurde es noch nie gespielt. Das ist eben das, was wir mit dem Verein tun wollen: Ich kenne so viele tolle Stücke aus Osteuropa und will noch mehr entdecken, meine Tante ist auch Schauspielerin in Polen, die will ich nach Österreich holen. Ich spreche polnisch, Imre serbisch und ungarisch, da sind wir punkto übersetzen schon ganz gut aufgestellt.

MM: Sie machen es sich gern ein bisschen schwer, oder? Sie sagen beim Theater verdient man nichts. Und kaum verdienen Sie beim Fernsehen was, pulvern Sie es in einen Theaterverein.

Kottal: Jahaha. Na ja, wie’s halt kommt. Im Sommer drehe ich hoffentlich wieder. Wir sind aber dankenswerter Weise auch vom Kulturamt der Stadt Wien subventioniert.

MM: Sie haben über sich einmal geschrieben „Jeder Muskel meines Körpers verspannt sich, wenn er beim gegenüber ein ,Du musst’ entschlüsselt. Also müssen Sie aus eigenem Antrieb?

Kottal: Klingt wie ein Problem mit Vorgesetzten, oder? Das ist der Vorteil, wenn man frei und überall zu Gast ist oder eigene Projekte macht. Dass man allein entscheiden kann, ist aber auch eine Utopie, es gibt immer einen, der einem sagt, wo’s langgeht. Früher wollte ich immer in einem fixen Ensemble sein, dort hat man ein soziales Auffangnetz, wenn was schiefgehen würde. Darüber mache ich mir schon Sorgen, keine schlaflosen Nächte, aber ich mache mir Gedanken, wie’s laufen soll, wenn es einmal nicht mehr läuft. Aber mittlerweile sage ich nichts mehr zu, was ich nicht wirklich machen will.

MM: Und mit „Migrationshintergrund am Arsch“ wollen Sie uns was sagen?

Kottal: Das ist ein Begriff, den so viele Leute hassen. Ich ja gar nicht. Ich kenne Leute, die sich aufregen, wenn sie gefragt werden, woher sie kommen; ich finde, das ist keine Beleidigung, ich finde die Vielfalt schön. Für mich soll der Name sagen, wir beschäftigen uns mit Theater aus dem Ausland, das aber eigentlich nicht aus dem Ausland ist, weil wir alle aus dem Ausland, also Migranten, sind. Falls ich das so erklären kann … Als nächstes habe ich ein serbisches, dann ein polnisches Stück im Kopf. Irgendwo muss man sich positionieren, und das ist die Position, mit der ich am besten leben kann.

MM: Zu dieser Position gehört auch, nach Traiskirchen zu fahren?

Kottal: Wir haben einfach nur Spenden vorbeigebracht. Das war Kleidung, die wir sowieso der Caritas geben wollten. Aber dann haben wir gesehen, wie viele dort frieren, also sind wir noch einmal losgefahren und haben noch mehr gebracht. Wir waren auch am Westbahnhof, weil ich gern mehr machen wollte. Die Leute in der Theaterszene sind ja sehr aktiv, und auch die „Cops“ haben einen Bus besorgt, mit dem warme Sachen hingebracht wurden. Es ist ein Wahnsinn, was da gerade in der Welt passiert …

MM: Gibt’s eigentlich schon so was wie den Kottal-Effekt? Dass die Leute, die Sie aus dem Fernsehen kennen, ins Theater Kottal-Schauen kommen?

Kottal: Das werden wir hier im KosmosTheater ja jetzt sehen. Es gab schon mit der „Laura Rudas“ in den „Staatskünstlern“ so einen Medienhype, da habe ich mir immer gesagt: Gewöhn’ dich nicht daran, gewöhn dich nicht daran … So viel mehr Rollen habe ich deswegen auch nicht bekommen, also mal sehen, wie es weitergeht. Wenn ich lese, dass eine Kollegin das oder das macht, denke ich mir, Jössas, und ich mache nichts, wenn ich nichts zu tun habe. Weil man Angst hat, die ist einfach mit dabei.

MM: Ein positives Ende? Ich mag nicht fragen, ob Sie mit Ihrem Hund polnisch sprechen und wie es Ihnen mit der Zahnlücke geht.

Kottal: Zu erstem: Ja. Zum zweiten: Meine erste Agentin wollte, dass ich sie entfernen lasse, aber ich weiß gar nicht, ob das geht, und bin mittlerweile froh, dass ich sie habe. Positiv: Eine Band wär’ cool. Ich mache gerne Musik, ich singe, und suche Musiker für eine Band. Ich habe schon einmal einen Aufruf gemacht, und niemand hat sich gemeldet.

MM: Na, dann wiederholen wir das doch!

Kottal: Ja, also bitte melden für „Kottals Kapelle“. Das hat der Wiener damals geschrieben.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=g7Cud_uN1CQ

www.claudiakottal.com

www.kosmostheater.at

Wien, 6. 11. 2015

Christian Dolezal im Gespräch

Oktober 30, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen“

Christian Dolezal Bild; Céline Nieszawer

Christian Dolezal
Bild: Céline Nieszawer

Am 30. Oktober spielt er im Rabenhof Theater die Wiederaufnahme von „Das bin doch ich“. Die Figur „Thomas Glavinic“ aus dem autobiographisch inspirierten Erfolgsroman von Thomas Glavinic muss sich mit allerhand Neurosen und Alltagssorgen herumschlagen und versucht dabei alle großen und kleinen Probleme des Lebens so gut es geht zu meistern. Ein Dasein zwischen Paranoia, Hypochondrie und lähmenden Gesprächen, das Christian Dolezal im Alleingang als Tour de Force performt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7539). Es gibt noch Karten für diese sehenswerte Produktion! Der Schauspieler steht diesen Herbst außerdem im Volkstheater in „Fasching“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14584) und an der Volksoper in „Der Mann von La Mancha“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15433) auf der Bühne. Christian Dolezal im Gespräch über die flauschige Seele der Adele Neuhauser, die Anbetung der Smashing Pumpkins und das Leisten von Erster Hilfe auf dem Westbahnhof:

MM: Man hat das Gefühl, egal in welches Wiener Theater man derzeit geht, man stolpert über Sie. Sie sind ein großer Ensemblespieler, aber offenbar kein Ensembletier.

Christian Dolezal: Na, hoffentlich ist der Sturz nicht schmerzhaft, wenn man über mich stolpert. Ich war in einem Ensemble mit Ende 20, Anfang 30, in Innsbruck. Das möchte ich jetzt nicht mehr machen, weil ich Verschiedenes ausprobieren will, mitunter auch Dinge, die ich mir selbst überlege, so wie ich es in den vergangenen Jahren am Rabenhof durfte. Immer nur an einem Theater sein, ist bei weitem nicht so reizvoll als wenn man frei ist. Da kann man auch wählen, das gefällt mir schon besser. Ich kenne außerdem viele Leute, die viele Jahre in einem Ensemble waren – und mit Intendantenwechsel war dann Ende der Fahnenstange, dem beuge ich vor.

MM: Wenn man aber so von Haus zu Haus tingelt, falls ich das so sagen darf, …

Dolezal: Das ist ein treffendes Wort, tingeln …

MM: … wie ist es dann mit dem Aufsteigen zum Publikumsliebling? Bleibt man so nicht der ewige Geheimtipp?

Dolezal: Es fühlt sich ein bisschen so an, ja. Aber, wenn man es aufwiegt … es ist ja nicht mein innigstes Ziel Publikumsliebling zu werden, sondern Projekte zu machen, die mich interessieren. Das ist das Allerwichtigste. Ja, da ist was wahres dran, „der ewige Geheimtipp“, vielleicht bin ich das. Es ist eine ein bissel schlechte Position, man muss sich abrackern, man rackert sich ab. Ich komme mir vor, wie ein Schauspielarbeiter. Ich plane gerade ein Projekt für den Rabenhof für nächstes Jahr, das ist anstrengende Arbeit, selber was auf die Beine zu stellen, die anderen von der Idee zu überzeugen, die Leute an einen Tisch zu bekommen. Fix in einem Ensemble werden einem die Rollen angedient, das ist schon einfacher, aber es ist halt so, dass mich das Einfache nicht interessiert. Wenn ich es mir recht überlege, ich kann mich auch nicht erinnern, wann mir das letzte Mal jemand angeboten hat, fest in ein Ensemble zu kommen, andererseits habe ich auch immer gehofft, dass mich nie wer fragt. Ich will ja niemanden durch eine Absage beleidigen.

MM: Sind Sie prinzipiell unbequem, so dass Theaterdirektoren sagen: Den hol‘ ich mir, dann ist er in einem Jahr Ensemblesprecher, dann geht er mir nur noch auf den Sack. Oder …

Dolezal (er lacht): Also erstens würde ich nie Ensemblesprecher, zweitens müssen Sie das die Intendanten fragen. Ich finde, ich bin ein ganz Lieber. Sehr verträglich. Ich habe den Verdacht, dass ich ein guter Mensch bin. Ich agiere sehr oft nicht zu meinen Gunsten und gegen meinen Vorteil. Es kommen auch selten Kollegen zu mir, um sich unangenehm über andere auszulassen. Vielleicht spricht das für mich: Wenn’s irgendwelche Querelen oder Intrigen gibt, bin ich der letzte, der das mitkriegt. Eigentlich müsste ich sehr beliebt sein, denn ich habe über mich noch nie etwas Schlechtes gehört. Aber das kann wohl nicht stimmen, also überreiß‘ ich es vermutlich nicht.

MM: Reden wir über die Rollen, in denen man Sie zurzeit sehen kann. Vom „Thomas Glavinic“ in „Das bin doch ich“ bis zum  Lujo Warhejtl in „Fasching“, vom Staatsanwalt Hofmeister in den ORF-„CopStories“ bis zum Dr. Carrasco in „Der Mann von La Mancha“, Sie spielen in der Regel die kontroversiellen Charaktere, also: die Ungustln. Lieber ein guter Böser als ein schlechter Guter?

Dolezal: Welche gute Figur in der Weltliteratur ist schon interessant? Da müsst‘ ich lange nachdenken. Ist der Hamlet eine symphatische Figur? Dieser unentschlossene Zauderer, der so grob mit der Ophelia umgeht? Würde ich nicht sagen. Oder eine meiner Traumrollen, die ich bisher noch nicht spielen durfte, der Anatol von Schnitzler: Den hat zwar irgendwie jeder gern, er ist auch sehr unterhaltsam, aber wenn ich den Anatol spielen würde, würde ich zeigen, dass das ein einsamer, verzweifelter Sehnsüchtler ist, der sehr auf sich zurückgeworfen nicht viel mit sich anfangen kann. Eine tragische Figur. Aber Sie haben von Ungustln gesprochen, das ist der Anatol sicher nicht. Und auch nicht die Figur Glavinic. Ich kann den nachvollziehen. Er berührt mich auch. Und er ist sehr lustig. Er nimmt Situationen, in denen wir alle genervt reagieren würden, halt intensiver wahr als ein Durchschnittsmensch, und reagiert daher heftiger. Er ist nicht unsympathisch, sondern hyperneurotisch. Naja. Warum spiele ich so viele Ungustln? Vielleicht schaue ich so aus? Ich kann mich erinnern, mit Mitte 20 war ich ein wirklich fescher, sympathischer Kerl. Mein engster Freund sagt, er glaubt, ich spiele im Fernsehen nicht die sympathischen Leute, weil ich eine zu große Nase habe.

MM: Wenn Sie nicht wegen der Nase besetzt werden, nach welchen Kriterien suchen Sie Projekte und Rollen aus?

Dolezal: Das hat sich geändert. Früher waren die Kriterien „was und wo“, jetzt ist das Kriterium „mit wem“. Wer sind die Menschen, mit denen ich arbeiten werde, interessieren mich diese Menschen, möchte ich mit ihnen Lebenszeit verbringen? Es gibt ein paar, da weiß ich, dass ich mit ihnen nicht mehr arbeite, weil es nicht freudvoll war. Aber es gibt sehr viele sehr beglückende Begegnungen. Im Volkstheater, bei „Fasching“, war das Aufregende einmal etwas mit Adele Neuhauser zu machen, weil mich diese flauschige Seele berührt. Ich kannte sie vorher nicht, und mich hat interessiert, wie sie auf mich und ich auf sie reagiere. Es wurde genau so, wie ich es erwartet habe: Sie rührt mich auf der Bühne und sie rührt mich privat. Ein ganz hinreißender Mensch. Die Volksoper ist für mich alle paar Jahre wieder einmal ein Glücksbringer. Ich habe dort schon „Anatevka“ gemacht, jetzt den „Mann von La Mancha“, das sind zauberhafte Aufführungen. Ich schaue dem Robert Meyer zu und freue mich jedesmal. Er ist ein Könner alter Schule, er hat so einen Old-School-Stil beim Spielen, und das auf höchstem Niveau. Ich schaue ihm einfach gerne zu.

MM: Das Rabenhof Theater nimmt „Das bin doch ich“ nach längerer Pause wieder auf, da hat sich zwischenzeitlich mit Ihnen doch auch etwas getan, werden Sie die Rolle anders spielen, als man es schon gesehen hat?

Dolezal: Ich will vorgefertigte Betonungen, das „Eingeübte“, nicht wieder so machen, wie ich es schon gemacht habe. Ich will diese Sätze und Gedanken neu denken und neu begreifen, und tatsächlich fällt mir auf, dass ich, je älter ich werde, vieles beiläufiger sage und weniger betont spreche. Was für mich ein Zeichen ist, dass ich die Sätze jetzt in Wirklichkeit noch besser begreife. Je mehr man etwas begreift, desto weniger betont man es. Je mehr man etwas tatsächlich empfindet, umso weniger betont man es. Ich zumindest …

MM: Man weiß einiges über den Gitarristen Dolezal und die Rolling-Stones-Kassette vom Vater und die Gründung der Sofa Surfers, was ist mit dem Schauspieler sein? Sie haben an der Schauspielschule des Volkstheaters, als das Haus noch eine hatte, gelernt, was war Ihre Initialzündung für diesen Beruf?

Dolezal: Am Anfang wird man Schauspieler aus einer narzisstischen Störung heraus und, weil man attraktiv für Frauen sein will. Ich kann jemanden, der sagt, er will Schauspieler sein, weil er Schiller und Kleist liebt, gar nicht ernst nehmen. Man hat eine narzisstische Störung!

MM: Die haben Gitarristen aber auch.

Dolezal: Nein. Eitelkeit, ja. Eitelkeit ist ein künstlerischer Ausdruck. Aber, wenn man als Sechsjähriger zum ersten Mal die Rolling Stones hört, so eine Greatest-Hits-Raubkopie von einem Standl in San Marino, und einen das in der Sekunde komplett verändert und man weiß, man muss etwas machen mit dem, was man nicht erklären kann, weil es so geil ist, dann ist das Liebe fürs Leben. Ich habe als Sechsjähriger gesagt, ich werde einmal ein Mick Jagger und wurde eine Bonsai-Ausführung davon.

MM: Und was wollten Sie als Schauspieler werden? Oskar Werner?

Dolezal: Meine Vorbilder waren Louis de Funès, Adriano Celentano, weil ich mir gedacht habe, so eine elegante Machosau muss ich sein, Romy Schneider und Marlon Brando. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt, da ich beschloss Schauspieler zu werden, so viele Jahre mit Bands in Proberäumen verbracht, dass ich ohne umgehängte Gitarre, nur mit meinen Gliedmaßen in einem leeren Raum stehen wollte. Deshalb gefallen mir auch diese Monologe, wie „Spiel im Morgengrauen“ oder „Das bin doch ich“, deshalb achte ich auch darauf, möglichst keine Requisiten zu haben: nur der Schauspieler und das Publikum – diese Situation gefällt mir am allerbesten.

MM: Eine Eigendefinition?

Dolezal: Keine Ahnung. Je älter ich werde, umso weniger weiß ich, wer ich bin. Ich bin alles. So wie jeder Mensch alles ist, außer die dummen. Lustig und traurig und manchmal kompliziert und, wie meine Freunde sagen, der mit dem guten Schmäh.

MM: Und gesellschaftspolitisch engagiert. Sie haben für die Flüchtlinge in der Votivkirche ein Benefizkonzert gegeben, man trifft Sie regelmäßig auf dem Westbahnhof …

Dolezal: Das Konzert war super. Ich habe mit dem Schlagzeuger der Sofa Surfers, Michael Holzgruber, und einem Bassisten The Smashing Pumpkins gecovert. The Smashing Pumpkins sind eine Band, die ich anbete. Ich bin kein Fan, ich bete sie an, diese Worte sind bewusst gewählt. Und da einmal auf einer Bühne zu stehen und deren Songs zu spielen, das war eine große Sache. Da waren 20-, 25-Jährige drinnen, die The Smashing Pumpkins gar nicht mehr kennen. Die sagten zu mir: Woh, du kannst super Songs schreiben. Und ich dachte: Leider nicht, sonst würde ich nicht im Volkstheater und im Rabenhof spielen. Ich schreibe schon, aber ohne echtes Genie, also keine „einfachen“ Riffs, wie die Stones, sondern verzichtbare … Was den Westbahnhof betrifft: Da leiste ich Erste Hilfe. Wenn jemand neben mir im Wasser ersäuft, rette ich ihn auch und diskutiere nicht herum über Religion oder Politik. Es kann jeder, wenn er glaubt, dass das gescheit ist, die FPÖ wählen, aber auf seinem fetten Arsch zu Hause sitzen und nicht zu helfen, das ist obszön. Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen.

MM: Ist das Ihre politische Botschaft?

Dolezal: Über Politik diskutiere ich nicht, darüber mache ich mir alleine Gedanken. Aber das Jahr 2015 wird uns lange in Erinnerung bleiben, und ich möchte mich einmal, wenn ich älter bin, nicht genieren für dieses Jahr. Jetzt wird’s prekär, jetzt kommt der Winter. Den Menschen ist saukalt und sie sind erschöpft. Die haben gesehen, solche habe ich selber kennen gelernt, wie ihren kleinen Kindern ins Gesicht geschossen wurde, wie eine Bombe ihren Kindern die Beine weggerissen hat, da gibt es diese Diskussionssituation mehr, diese Menschen rennen um ihre Existenz. Dass die EU derart keine Lösungen findet, ist blamabel.

MM: Hätten Sie eine Lösung oder zumindest einen Plan?

Dolezal: Ich bin kein Politiker, ich habe keinen Plan. Die Politiker, die viel Geld verdienen, haben sich Pläne zu überlegen und diese sofort umzusetzen. Ich leiste Erste Hilfe, das ist meine Pflicht als Mensch und Staatsbürger. Ich bin am Westbahnhof und reiche den Flüchtlingen etwas Warmes zum Essen und warme Kleidung, damit sie nicht sterben vor meinen Augen. Ich habe auch gespendet, ich verdiene nicht so viel, und das Geld, das ich dafür hergebe, spür‘ ich schon. Die Staaten sollten auch endlich ihrer Pflicht nachkommen und die Menschen aufnehmen. Mir würde das gefallen, wenn mehr Syrer in Österreich blieben, das wäre eine unbedingt nötige Auffrischung unserer Kultur. Ob diese vielen, neuen Menschen, die in unsere Länder strömen Fluch oder Segen sind, das hängt nur von uns ab, wie wir mit der Situation umgehen. In den letzten Jahren ist mit dem Thema Integration nicht besonders gut umgegangen worden, denn es gibt Parallelgesellschaften, es gibt Leute, die schon seit Jahrzehnten hier wohnen und keinen deutschsprachigen Satz herausbringen, da müsste die Politik schon ein bisschen fixer werden.

MM: Eine abschließende Frage über: Zukunftsaussichten?

Dolezal: Jetzt einmal abends spielen und die Tage im Museum verbringen. Ich schaue mir gern Bilder an. Ich bin so froh, gerade einmal nichts anderes machen zu müssen. Ich gehe in die Albertina, ich habe eine Jahreskarte, da könnte ich die ganze Woche drin verbringen. Also, wer herausfinden möchte, wie ich bin, weil Sie vorher gefragt haben, wie ich bin, dem kann ich zumindest sagen, wo ich bin: vorm „Schrei“ von Munch. Dort kann man mich gerne treffen und ansprechen.

MM (lacht).

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Wien, 30. 10. 2015