Theater an der Wien: Hans Heiling

August 18, 2015 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Saisonstart mit Anne Frank und einem Erdgeist

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Das Theater an der Wien startet mit der romantischen Oper „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner in die neue, seine zehnte, Opernsaison. Premiere ist am 13. September. Intendant Roland Geyer selbst inszeniert, Constantin Trinks dirigiert. Michael Nagy singt den Hans Heiling, Katerina Tretyakova seine Braut Anna, Angela Denoke ist die Königin. Mit dem ORF Radio Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor.

Hans Heiling möchte der vereinnahmenden Liebe seiner Mutter entkommen und zieht in ein Dorf, wo er sich in Anna verliebt. Für sie ist er bereit, sein Leben völlig zu ändern. Annas Mutter ist von Heilings teuren Geschenken angetan und ermutigt ihre Tochter, den Fremden zu heiraten. Allerdings fühlt sich die junge Frau in Gegenwart des geheimnisvollen und besitzergreifenden Mannes nicht wohl. Sie hat noch einen anderen Verehrer: den feschen Konrad. Heiling beansprucht seine Braut stets für sich. Er scheut die Gesellschaft der Dorfgemeinschaft und will nicht, dass Anna auf einem Fest tanzt. Heilings Mutter sucht Anna auf, enthüllt das wahre Wesen ihres Verlobten – er ist ein Erdgeist aus der Unterwelt – und bedroht sie, damit sie von der geplanten Heirat lasse. Anna löst die Verlobung und wendet sich Konrad zu. Heiling entbrennt voll Eifersucht, stellt Konrad und sticht ihn im Streit nieder. Danach lassen ihn seine inneren Stimmen über seine Tat zweifeln. Er wird darüber fast wahnsinnig …

Im Juli 1831 erhielt Heinrich Marschner ein anonymes Libretto zugesandt. Diesen „Hans Heiling“ betitelten Text, der auf einer böhmischen Sage basiert, fand Marschner sofort inspirierend und forschte nach dem Autor: es war Eduard Devrient, Bariton an der Berliner Oper. Binnen eines Jahres war die Komposition fertig, im Mai 1833 kam sie mit grossem Erfolg zur Uraufführung in Berlin – Devrient verkörperte die Titelfigur. Marschner war bereits durch seine Opern „Der Vampyr“ (1828) und „Der Templer und die Jüdin“ (1829) bekannt, „Hans Heiling“ vertiefte sein Ansehen als Nachfolger von Carl Maria von Weber. Das romantische Sagenthema gab Marschner Gelegenheit zu strukturellen Experimenten, er verwendete konventionelle und völlig neue Formen nebeneinander. Einem durchkomponierten Vorspiel folgt die Ouvertüre, in der eigentlichen Oper sind die Nummern teils durch Dialoge, teils durch Rezitative miteinander verbunden. Die musikalische Ausleuchtung von Heilings komplizierter Psyche zwischen Sehnsucht nach Liebe, Eifersucht, Wut und Traurigkeit ist richtungsweisend: Wagner verfolgt diese Ideen mit seinem „Der fliegende Holländer“ weiter.

Saisoneröffnung an der Wien ist am 10. September mit dem Konzert „Das Tagebuch der Anne Frank“. Grigori Frids Monooper wird Strawinskis Suite „L’Histoire du Soldat“ vorangestellt. Es spielen die Wiener Virtuosen unter der Leitung von Leo Hussain.

www.theater-wien.at

Wien, 18. 8. 2015

Kunsthalle Krems: Meisterwerke der Sammlung Klüser

März 7, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert © Sammlung Klüser, München, 2014 Bild: Mario Gastinger

Auguste Rodin: Tänzerin, undatiert
© Sammlung Klüser, München, 2014
Bild: Mario Gastinger

Ab 16. März zeigt die Kunsthalle Krems unter dem Titel „Zurück in die Zukunft. Von Tiepolo bis Warhol“ Meisterwerke aus der Sammlung Klüser. Der Ausstellungstitel steht sinnbildlich für die Genese der Sammlung Klüser: Ursprünglich eine Kollektion zeitgenössischen Kunst mit einer zunehmenden Anzahl an Werken der klassischen Moderne, erweiterte sich die Perspektive der Sammlung seit den 1990er-Jahren auch auf Zeichnungen der Renaissance bis zur Romantik. Die Zusammenschau der Arbeiten eröffnet so ein eindrückliches Panorama der Zeichenkunst, das den Brückenschlag zwischen historischen und aktuellen Werken sucht.

Herausragende Meister der Spätrenaissance und des Barocks von Parmigianino oder Giovanni Battista Tiepolo, über Anthonys van Dyck und Rembrandt Harmenszoon van Rijn bis zu Jean-Honoré Fragonard bilden den Ausgangspunkt der Schau. Von dort spannt sich der Bogen zu deutschen und französischen Werken des 19. Jahrhunderts. Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge sowie Carl Gustav Carus sind ebenso darunter wie Eugène Delacroix, Théodore Géricault oder Victor-Marie Hugo. Die Klassische Moderne wird unter anderem vertreten von den Künstlern Paul Cézanne, Henri Matisse, Constantin Brancusi und Alberto Giacometti. Der Kunst nach 1945 wird mit bedeutenden Werkblöcken von Joseph Beuys, Blinky Palermo sowie Andy Warhol ein besonderer Schwerpunkt eingeräumt. Zeichnungen von Cy Twombly sowie Tony Cragg, Olaf Metzel und Jorinde Voigt bilden den Übergang zur jüngsten Gegenwart.

Immer schon war die Zeichnung seismographisches Medium, um Grundkonstruktionen der Gesellschaft in den Spuren der gesetzten Linien freizulegen. Im Laufe der Jahrhunderte ebenso wie im Gang durch die Ausstellung enthüllt sie sich als intime Form der Weltdeutung, als Experimentierfeld für Ideen ebenso wie als Medium der Transformation, das Sichtbares wie Nichtsichtbares, Konstrukt wie Realität auf Papier zu bannen vermag. Bereits die Künstler der frühen Neuzeit schätzten an der Zeichnung die Möglichkeit, das Denken mit dem Arbeitsprozess kurzzuschließen und so die direkte Überführung von Ideen in Sichtbarkeit zu vollziehen. Noch Joseph Beuys sprach von ihr als „Verlängerung des Gedankens“. Einer auf Papier festgehaltenen „Ideensammlung“ gleich, bieten die rund 250 Arbeiten aus der deutschen Privatsammlung von Bernd und Verena Klüser außergewöhnliche Einblicke in die Zeichenkunst vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Unmittelbarkeit und Spontaneität machen die Faszination der Zeichnung aus. Wie kein anderes Medium ermöglicht sie es, individuelle Bildfindungen zu erproben und künstlerische Ideen in oft experimentellen Zugängen umzusetzen.

www.kunsthalle.at

Wien, 7. 3. 2014

Chroniken der Unterwelt – City of Bones

August 28, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Jonathan Rhys Meyers als Leinwandbösewicht

Mächtiger Bösewicht: Valentine Morgenstern (Jonathan Rhys Meyers).  Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Mächtiger Bösewicht: Valentine Morgenstern (Jonathan Rhys Meyers).
Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Am 29. August startet in den heimischen Kinos die Fantasy-Saga „Chroniken der Unterwelt – City of Bones“, ein Mix aus Action, spektakulären Spezialeffekten und je einer guten Portion Romantik und Humor. Der Film basiert auf dem ersten Buch der gleichnamigen, weltweit erfolgreichen Abenteuerreihe der Bestsellerautorin Cassandra Clare. Erzählt wird die Geschichte von Clary (Lily Collins), die entdeckt, dass sie einer viele Generationen alten Gruppe von Schattenjägern angehört, einem Geheimbund von Halbengel-Kriegern, die dafür kämpfen, unsere Welt vor Dämonen zu bewahren. Nach dem rätselhaften Verschwinden ihrer Mutter schließt sich das Mädchen einer Gruppe von Schattenjägern an, die ihr das New York einer Parallelwelt zeigen – voll mit Dämonen, Zauberern, Werwölfen, Vampiren und anderen tödlichen Kreaturen. Gemeinsam mit den Schattenjägern Jace (Jamie Campbell Bower), Alec (Kevin Zegers) und Isabelle (Jemima West) macht sich Clary auf die Suche nach ihrer Mutter. Außerdem müssen die vier verhindern, dass der finstere Valentine Morgenstern  (Jonathan Rhys Meyers) in den Besitz des mächtigen Kelchs der Engel gelangt … In einer Gastrolle  ist Elyas M’Barek („Türkisch für Anfänger“) zu sehen.

Schriftstellerin Clare begann im Jahr 2003 mit dem Verfassen ihrer Reihe von Young-Adult-Romanen, die auf Anhieb auf den Bestsellerlisten von New York Times, USA Today, Wall Street Journal und Publishers Weekly landeten. „Ich war immer schon ein großer Fan von Fantasy und epischen Geschichten über Gut und Böse“, sagt sie. „Ich wollte eine Coming-of-Age-Geschichte mit einem Mädchen im Mittelpunkt erzählen, weil ich das noch nicht allzu oft gesehen hatte. Und ich beschloss, New York als Kulisse zu wählen, weil ich gerade in die Stadt gezogen war und mich in ihre wunderbare und unglaubliche Geschichte verliebt hatte.“ Vier Jahre später wurde „Chroniken der Unterwelt – City of Bones“ veröffentlicht und entwickelte sich in Windeseile zum weltweiten Verkaufsschlager. In der Folge entstanden fünf weitere Romane der Chroniken der Unterwelt-Saga mit Clary Fray und ihren Schattenjäger-Kameraden sowie drei weitere mehrteilige Serien, die ebenfalls in Clares erdachter Schattenwelt angesiedelt sind: „The Bane Chronicles“, „The Infernal Devices“ und „The Dark Artifices“. Die Bücher wurden in 36 Sprachen übersetzt und haben sich weltweit 22 Millionen Mal verkauft.

In der Chroniken der Unterwelt-Romanserie befindet sich in der uns bekannten Welt noch eine weitere, eine versteckte Welt, die von magischen Wesen bevölkert wird, die sich in einem fortwährenden Kampf zwischen Gut und Böse befinden. Man kennt sie als die Schattenwelt: Sie beinhaltet Geheimnisse, die tausend Jahre zurückreichen in eine Zeit, als die Erde drohte, von Dunkelheit verschlungen zu werden. Zehn Jahrhunderte sind vergangen, seitdem die Pest durch Europa wütete und endlose Heilige Kriege den Nahen Osten in die Knie zwangen. Cassandra Clares sorgfältig geplottete Mythologie besagt, dass hinter diesen Ereignissen dämonische Kräfte stecken, die damals versuchten, die Menschheit zu zerstören und die Weltmacht zu übernehmen. Weil er befürchtete, dass das Böse über das Gute triumphieren könnte, griff der Engel Raziel zu drastischen Maßnahmen. Er vermischte sein Blut in einem geheimnisvollen Kristallkelch mit Menschenblut. Jeder, der von diesem Kelch der Engel trank, wurde Teil einer Rasse von Hybriden, halb Mensch, halb Engel, die man als Nephilim kennt – oder als Schattenjäger. Diese einzigartigen Wesen, ausgestattet mit übernatürlich großen Kräften und magischen Fähigkeiten, beschützen die menschliche Welt seither vor Übergriffen der Dämonen. Die Schlacht wird noch heute in der Schattenwelt ausgetragen, obwohl normale Menschen ihr gesamtes Leben führen, ohne je von deren Existenz zu erfahren.

Jonathan Rhys Meyers spielt Bösewicht Valentine Morgenstern. „Valentine ist kein geifernder Superbösewicht oder unglaublich verwerflicher Strippenzieher“, sagt Produzent Robert Kulzer. „Seine Gefahr geht von seinem Charme aus. Er steht für all das, was die Schattenjäger nicht sein sollten. Und doch hat er alle möglichen Leute dazu gebracht, ihm auf dem Weg in die Finsternis zu folgen.“ Valentines Verbleib bleibt für den größten Teil des Films ein Geheimnis, aber seine finstere Präsenz trägt viel zur Atmosphäre bei. „Die Erwähnung seines Namens reicht aus, um den Leuten kalte Schauer den Rücken herunter laufen zu lassen. „Als Clary herauszufinden versucht, was mit ihrer Mutter geschehen ist, fällt sein Name immer wieder. Damit wird effektiv die Bühne bereitet für den Moment, an dem er wirklich in die Handlung eingreift.“ Cassandra Clare sagt, dass Rhys Meyers’ grüblerische Intelligenz ihn zum idealen Valentine macht. „Ich habe Jonathans Arbeit geliebt, als ich ihn erstmals in „Velvet Goldmine“  (1998) gesehen habe“, erklärt die Schriftstellerin. „Er verleiht Valentine eine Art von bösartiger Vernunft. Obwohl man weiß, dass die Worte, die aus seinem Mund kommen, im Wesentlichen unmoralisch sind, will man doch einer Meinung mit ihm sein. Eine ganze Reihe theoretisch guter Leute werden Teil seines Zirkels. Als ich erstmals online geposted habe, dass Jonathan Rhys Meyers unser Valentine sein würde, erhielt ich viele Antworten, in denen stand: ,Also ich würde Mitglied des Kreises werden, wenn er von ihm angeführt werden würde.’“

Rhys Meyers ist ein intensiver und erfindungsreicher Darsteller und überraschte seine Kollegen während des kompletten Drehs immer wieder. „Nachdem wir die erste Szene mit Valentine gedreht hatten, nahm Jamie Campbell Bower mich beiseite und gestand: ‚Ich habe ein bisschen Angst vor ihm’“, so Kulzer. „Und auch Lily kam zu mir und sagte: ,Er ist super, aber ich habe ein bisschen Angst vor ihm.’ Und ich antwortete ihnen: ‚So soll das ja auch sein!‘“

http://chronikenderunterwelt.de/

http://www.cityofbonesmovie.com/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FzbzWrNQuTw

Wien, 28. 8. 2013

„Alles inklusive“: Doris Dörrie verfilmt ihren Roman

August 22, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hannelore Elsner in der Hauptrolle

Hannelore Elsner, Nadja Uhl und Hinnerk Schönemann  Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor

Hannelore Elsner, Nadja Uhl und Hinnerk Schönemann
Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor

Doris Dörrie verfilmt ihren eigenen Roman „Alles inklusive“. Der Film erzählt vom Aufeinandertreffen einer Gruppe höchst unterschiedlicher Menschen, deren Leben durch ein schicksalhaftes Ereignis  in  der Vergangenheit verbunden sind. Eine melancholische  Komödie  über Mütter und Töchter, Liebeslust und -frust sowie die Unzulänglichkeiten bürgerlicher  und  alternativer  Lebensentwürfe.  Es   geht   um   die Absurditäten des modernen Reisens und unsere ewige Sehnsucht nach  dem Süden: Kann man das Glück buchen wie einen Urlaub – alles inklusive?  Auch das  Drehbuch  stammt natürlich aus der Feder von Dörrie.  In den Hauptrollen sind  Hannelore Elsner, Nadja Uhl und Hinnerk Schönemann zu sehen. Nach  dem  vielfach preisgekrönten Kinoerfolg „Kirschblüten – Hanami“ von 2008  ist dies die zweite Zusammenarbeit mit der  Schauspielerin  Hannelore Elsner. Weitere Rollen übernehmen Axel Prahl, Peter Striebeck,  Fabian Hinrichs, Juliane Köhler und Natalia Avelon.

Inhalt: Den albernen Vornamen verdankt  Apple  (Nadja Uhl)  ihrer Mutter Ingrid (Hannelore Elsner). Nie mehr will sie so chaotisch leben wie damals in ihrer Kindheit. In Spanien, in dem Zelt am Hippie-Strand von Torremolinos, 1967, als Apples Mutter eine wilde Affäre  mit  Karl hatte. Jetzt, dreißig Jahre später, erlebt die  Singlefrau  Apple  ein Liebesdesaster nach dem anderen und fühlt sich einzig und  allein  von ihrem Hund  verstanden.  Und  die  ehemalige  barbusige  Strandkönigin Ingrid, mit über sechzig immer noch rebellischer Freigeist, kehrt  nun nach mehr als drei Jahrzehnten als All-inclusive-Touristin zurück nach Torremolinos: Der Hippie-Strand existiert nicht mehr  und  vor  lauter Hotelbunkern, billiger Animation und  feiernden  Abiturienten  erkennt sie das ehemalige Fischerdorf kaum wieder. Die Begegnungen  mit  einem Bootsflüchtling (Elton Prince) und dem Transvestiten Tim –  bzw.  Tina (Hinnerk Schönemann) – zwingen Ingrid, sich  mit  ihrer  Vergangenheit auseinanderzusetzen. Als auch Apple  in  Spanien  eintrifft,  um  ihre Mutter zu besuchen, erlebt sie eine Überraschung. Kinostart: Anfang März 2014.

ZUR PERSON: Die  renommierte  Filmemacherin  und Autorin Doris Dörrie zählt  seit mehr als 30 Jahren zu den wichtigsten  RegisseurInnen im deutschsprachigen Raum und hat Kritiker-  und  Publikumserfolge  wie  die  Komödien  „Männer“ (1985)    und    „Keiner    liebt    mich“    (1994)     sowie     das melancholisch-lebensfrohe Roadmovie  „Kirschblüten  –  Hanami“  (2008) inszeniert.  Zu  ihren  jüngsten  Kinoarbeiten  zählen  der  mit   dem Bayerischen Filmpreis 2012 ausgezeichnete  Liebesfilm  „Glück“  (2012) und die Komödie „Die Friseuse“ (2010). Zusätzlich zu ihrer  Filmarbeit veröffentlicht Doris Dörrie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher.

www.constantinfilm.at

Wien, 22. 8. 2013

Da geht noch was

August 13, 2013 in Film

Henry Hübchen nervt Florian David Fitz

Conrad (Florian David Fitz) gibt seinem Vater Carl (Henry Hübchen) Nachhilfe im Wäsche waschen  Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Conrad (Florian David Fitz) gibt seinem Vater Carl (Henry Hübchen) Nachhilfe im Wäsche waschen
Bild: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH

Nach dem preisgekrönten und erfolgreichen Kinofilm „Vincent will meer“ startet am Mitte September mit „Da geht noch was“ die neue Komödie von Olga Film. Die Produzenten Viola Jäger und Harry Kügler beweisen mit dem Kinodebüt von Holger Haase einmal mehr ihr sicheres Gespür für talentierten Nachwuchs und tragisch komische Geschichten. „Da geht noch was“  ist ein liebevolles Plädoyer an Alle, die sich insgeheim wünschen, die liebe Verwandtschaft manchmal auf den Mond schießen zu können. Florian David Fitz (der auch das Drehbuch mitbearbeitete) und Henry Hübchen brillieren als kauziges Vater-Sohn-Gespann. In weiteren Rollen überzeugen Marius Haas als pubertierender Enkel, Leslie Malton als Helene und Thekla Reuten in der Rolle der Tamara.

Inhalt: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen und deshalb beschränkt Conrad (Florian David Fitz) die Besuche bei seinen Eltern auf ein absolutes Minimum. Conrad ist der Prototyp des erfolgreichen Businessmannes. Für seinen Kindheitstraum vom perfekten Familienglück gibt er 150 Prozent: Das Eigenheim für Frau und Sohn vor Postkartenidylle ist bereits zum Greifen nah, als er plötzlich ahnt, das Wesentliche – seine Familie – längst aus den Augen verloren zu habenSein Vater Carl (Henry Hübchen) ist ein mürrischer alter Knochen, der kein gutes Haar an seinem Sohn oder dessen Frau Tamara (Thekla Reuten) lässt, während Enkel Jonas (Marius Haas) die Besuche ganz pragmatisch sieht: Seine gute Laune lässt er sich von Papa bezahlen. Carl hat die Mentalität eines Silberrücken-Gorillas. Er hält selten mit seiner Meinung hinter dem Berg. Der Gewerkschaftsboss a.D. setzt für gewöhnlich seinen Willen durch, er hat sein Leben der Gewerkschaft gewidmet und darauf ist er stolz. Für die Bedürfnisse seiner Familie hat er wenig Verständnis. Doch der Dickschädel hat einen weichen Kern unter der harten Schale. Seine Frau Helene liebt er sehr – auch wenn er das natürlich niemals zeigen würde. Beim diesjährigen Geburtstagstreffen überrascht Mutter Helene (Leslie Malton) allerdings mit Neuigkeiten. Sie hat Carl nach 40 Jahren Ehe verlassen und bittet Conrad um einen Gefallen: einen Botengang ins Elternhaus – mit ungeahnten Folgen. Denn dort versinkt Carl nicht nur in leeren Bierdosen, sondern auch in jeder Menge Selbstmitleid. Als Carl dann noch in den leeren Pool stürzt und sich dabei verletzt, müssen Conrad und Jonas notgedrungen in Conrads altem Jugendzimmer campieren. Drei Generationen unter einem Dach: Alptraum oder die Chance für einen Neuanfang?

Interview mit Florian David Fitz (Conrad)

 Was hat Sie an der Story  interessiert?

Familie ist für uns alle ein Thema. Jeder hat sich schon einmal eine andere Familie gewünscht oder eine andere Familie „erträumt“. Aber man hat die Eltern oder die Kinder, die man eben hat! Damit muss man umgehen. Deshalb finde ich das Thema Familie so spannend.

Beschreiben Sie Ihre Figur Conrad.

Conrad trifft das Herz meiner Generation auf eine sehr charakteristische Weise. Wenn man kritisch sein möchte, dann ist er ein sehr äußerlicher Typ. Conrad hat sich immer in eine Werbewelt weggeträumt, in eine perfekte Welt. Um gegen die Leere in sich anzukämpfen, weil er gespürt hat, dass es nicht so läuft wie es eben laufen sollte. Er dachte, seine Sehnsucht wird in Äußerlichkeiten befriedigt und diesen jagt er besessen nach. Er möchte es sich und den Anderen beweisen. Im Verlauf des Filmes bemerkt er, dass er den falschen Dingen hinterher läuft.

 Probleme, die mit Vater und Sohn unter einem Dach zu Tage gefördert werden…

Conrad hat Probleme, von denen er gar nicht wusste, dass er sie hat. Dieses Haus ist ein Kessel, in dem drei Menschen eingesperrt werden, die nichts miteinander zu tun haben wollen. Und natürlich fängt das an zu gären und dann wird es spannend. Conrad beginnt sich mit Themen zu beschäftigen, die vorher kein Problem für ihn darstellten. Zum Beispiel seine Ehe: Als der Plan, gemeinsam einen wunderbaren Urlaub zu verbringen ins Wasser fällt und seine Frau alleine in Goa sitzt, muss er sie jeden Tag am Telefon erneut vertrösten bis sie schließlich ausflippt und zurückkommt. In der Zwischenzeit hat Conrad aber neue Erfahrungen gemacht und stellt plötzlich alles in Frage. Alles was er sich aufgebaut hat, zerfällt auf einmal.

Welche Art von Beziehung haben Conrad und Tamara geführt?

Die funktionierte so gut, weil beide Karrieristen sind und auf ein großes Ziel hinarbeiteten. Geld ist kein Problem mehr, aber die Beziehung hat sich totgelaufen, sie sind in ihrem eigenen Aspik erstarrt. Conrad ist sehr stark geprägt von seinem Nicht-Verhältnis zu seinem Vater, der einen Gewerkschaftshintergrund hat und ein überzeugter Antikapitalist ist. Deswegen möchte sich Conrad alles selbst erarbeiten. Tamara hat ähnliche Motive. Die beiden arbeiten sich hoch, kaufen schöne Dinge, das Kind kommt auf die beste Schule und erhält die beste Betreuung. Das Haus, das sie bauen, ist meines Erachtens das Symbol für ihre Beziehung. Es ist das Ziel, auf das Conrad immer hingearbeitet hat: Das perfekte Haus, in einer perfekten Landschaft, vom perfekten Architekten. Wenn das fertig ist, wollen sie das Kind aus dem privaten Internat holen und endlich eine Familie sein. Das ist natürlich eine vollkommene Illusion. Conrad bemerkt im Laufe des Filmes, dass das Kind jetzt schon seit sechs Jahren auf dem Internat ist und dieses Provisorium schon ewig dauert. Er bemerkt, dass sein Leben ein Provisorium ist und dass man aufhören muss, diese Pläne zu machen.

Was passiert mit den  drei Generationen unter einem Dach?

Es fängt damit an, dass da drei Menschen sind, die nicht zusammen sein wollen und durch einen Unfall aneinander gebunden werden. Wir treffen den Vater Carl, der immer eine Autoritätsfigur war und allen alles diktiert hat, zu einem Zeitpunk, als er von seiner Frau verlassen wurde. Der Grund ist ihm ein Rätsel und er ignoriert es. Als er einen Unfall hat, wird Conrad gezwungen, bei ihm zu bleiben und sich mit seinem Vater auseinanderzusetzen. Anfangs haben die Beiden sich überhaupt nichts zu sagen, Conrad versucht, ihn mit Essen zu versorgen und dann schnellstmöglich wieder zu verschwinden. Er beginnt, das Leben seines Vaters neu zu organisieren – was dieser natürlich gar nicht möchte. Je mehr sich die Beiden auseinandersetzen, desto mehr Spaß finden sie daran sich zu kabbeln und zu streiten.

Und dann gibt es noch das Problem mit der jüngsten Generation…

Darauf hatte ich mich total gefreut, weil ich zum ersten Mal im Film einen Sohn habe. Das ist schön, weil alle Beziehungen sich gegenseitig spiegeln. Der Alte zum Mittleren und wiederum zum Jüngsten. Und als der Großvater plötzlich mit dem Enkel kann, fragt sich der Sohn, warum er diesen Zuspruch nie von seinem Vater bekommen hat. Diese drei Generationen-Situation eröffnet spannende Perspektiven.

Was erzählt der Film über das Erwachsen werden?

Meine Definition von erwachsen sein ist, anzufangen, ein bisschen ruhiger zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Einen Schritt weiter zu sehen und auch für Andere mitzudenken. In der Phase zwischen zwanzig und dreißig möchte man sein Leben organisieren und ist ganz stark auf seine eigenen Prioritäten fixiert. Es wird keine Glocke läuten und dir sagen, dass du jetzt erwachsen bist. Es ist ein fließender Prozess. Ich bin fast vierzig, das heißt also, ich kann mich nicht mehr darauf zurückziehen, dass ich noch nicht erwachsen bin…

Interview mit Henry Hübchen (Carl)

Was sagt der Titel des Films aus?

 Da geht noch was – selbst bei dem älteren Paar, Carl und Helene. Sie haben zwar nicht mehr so viel Zeit ein erfülltes Leben gemeinsam zu organisieren, aber selbst bei den Beiden geht noch was. Die gleiche Frage stellt sich übrigens bei dem Yuppi-Paar, die Probleme mit sich selbst, der Welt und den eigenen Wertebezügen, die man nicht teilen muss, haben. Mit etwa 35 Jahren haben Conrad und Tamara noch viel mehr Zeit. Und dann gibt es den 13-Jährigen Jonas, der noch alles vor sich hat und von Anfang an alles richtig machen könnte. Was er natürlich nicht machen wird, aber die Chance besteht. Der Film erzählt davon, dass, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt und es auch zulässt, miteinander produktiv auszukommen, eine Erfüllung erfährt.

Steckt Carl in einer Krise?

Carl ist nicht in einer Krise, nee, der ist gar nicht in einer Krise! Wenn man so lange liiert ist wie Carl und Helene, einen erwachsenen Jungen mit eigener Familie hat und um die 60 Jahre ist – wenn dann die Frau auf die Idee kommt sich zu trennen, weil es so nicht weitergehen kann… Und das dann auch tut. Meistens sind es ja die Frauen, die die Initiative übernehmen und das dann auch durchführen. Carl wundert sich nur, dass Helene das wirklich macht, was sie wahrscheinlich oftmals angedroht hat. Der kommt gar nicht auf die Idee, dass das wirklich eine endgültige Trennung ist. Nach dem Motto „die soll sich mal selbst verwirklichen, mal sehen wie lange das dauert. Und wenn sie fertig ist, dann kommt sie wieder an.“

Was ist das Problem von Carl und Conrad?

Der Sohn Conrad ist ein seltsamer Typ, der immer alles organisieren muss. Alles muss sich nach ihm richten. Er denkt, er muss das Haus seiner Eltern wieder in Ordnung bringen und vor allen Dingen den Vater ins Lot bringen. Dabei mischt er sich in Dinge ein, die ihn eigentlich nichts angehen, Sohn hin oder her. Carl ist ein typischer Gewerkschafter. Er interessiert sich für Weltpolitik, sieht Fußball und ist traurig, dass er so eine Pfeife als Sohn hat.

Wie finden die zerstrittenen Parteien wieder zueinander?

Über Jonas, den Enkel, der auf einmal Leben in die Bude bringt. Dem Carl etwas beibringen kann, der auf einmal auch zuhört. Über die neue Beziehung zu seinem Enkel bekommt Carl auch wieder einen Draht zu seinem Sohn. Denn Conrad erkennt, dass er seinem eigenen Sohn gegenüber – ähnlich wie er damals seinen Vater erlebt hat – ein Rabenvater ist. Jonas wurde abgeschoben in ein Internat, weil die Eltern viel arbeiten müssen um sich große Häuser und dicke Autos leisten zu können. Deshalb kommt das Kind zu kurz – ein Vorwurf, den Conrad immer seinem Vater gemacht hat und der nun gar nicht mitbekommt, dass er sich auf eine andere Weise genau so seinem Sohn gegenüber verhält.

 Welche Botschaft vermittelt der Film?

Dass man nicht erst mit sechzig darüber nachdenken sollte, wie man eigentlich miteinander lebt. Der Titel  sagt es aus: es geht immer noch etwas, es ist immer Zeit, kurz inne zu halten und über das Leben und den Umgang miteinander zu reflektieren. Selbst wenn man das fünfzig Jahre lang versäumt hat und das in den letzten zwei Jahren noch hinbekommt, dann geht da noch was!

www.constantin-film.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Hbg69unPhrA

Von Michaela Mottinger

Wien, 13. 8. 2013