Academy Awards Streaming: Ma Rainey’s Black Bottom

April 3, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Afroamerika-Drama ist nominiert für fünf Oscars

Ein Star im Rampenlicht: Viola Davis als Ma Rainey. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Zu den unzähligen Auszeichnungen – 57 Preise und 198 Nominierungen, die das Blues-Drama „Ma Rainey’s Black Bottom“ mit Viola Davis in der Titel- und „Black Panther“ Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle bereits erhielt, könnten sich am 25. April auch einige Academy Awards 2021 gesellen. Die Netflix-Produktion ist in den Oscar-Kategorien Bester Hauptdarsteller für Chadwick Boseman, Beste Haupt- darstellerin für Viola Davis,

Karen O’Hara und Team für das Beste Szenenbild, Ann Roth für das Beste Kostümdesign sowie Sergio Lopez-Rivera und Team für Bestes Make-up und beste Frisuren nominiert. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen Dezember:

Viola Davis und Chadwick Boseman haben den Blues

Macht ist eine eisgekühlte Coca-Cola, und die „Mutter des Blues“ wird keinen einzigen ihrer urgewaltigen Töne singen, wenn ihr nicht sofort eine Flasche des süßen Softdrinks beschafft wird. Da bleibt sie hart, das meint sie bitterernst. Die Weißen, Manager Irvin und der Studioboss Mel Sturdyvant, können froh sein, dass sie nach beträchtlicher Verspätung überhaupt erschienen ist!

Noch führt sie das Zepter. „All they want is my voice“, weiß sie. Nach der Aufzeichnung, wenn ihre Songs Sturdyvant gehören, ist ihre Herrschaft vorbei. Dann ist selbst Ma Rainey keine glänzende Königin mehr, sondern bloß eine schwitzende Frau in den Wechseljahren. Eine schwarze Frau. Also quasi ein Nichts. Oder wie Ma sagt, „eine Hure, über die sich die Herren drübergerollt haben.“

Schon die erste Szene des Films lässt einem den Atem stocken. Peach State Georgia in den späten 1920er-Jahren: Zwei junge Schwarze hetzen nachts durch einen dunklen Wald, Taschenlampen leuchten, Hunde bellen, ein Lynchmob, der „entlaufenen“ auf den Fersen ist? – nein, gottlob, die beiden wollten nur rechtzeitig zu einer von Ma’s Tent Shows kommen. Dann die Southside von Chicago. Schwarze sind hier im Norden Shoe Shine Boys und Zimmermädchen, die Segregation hat die USA fest im Griff. Und dann ist da der Star: Ma Rainey begeistert das afroamerikanische wie das weiße Publikum.

Zusammen mit ihrer Band will sie eine neue Best-of-Platte aufnehmen, doch schon vor Beginn der Session kommt es zu Spannungen. Nicht nur zwischen Ma, Irvin und Sturdyvant. Sondern auch mit Bandmitglied Levee, einem hochtalentierten, temperamentvollen jungen Mann, der sich mit seinen eigenen Jazzkompositionen einen Namen machen und, da er den sich allmählich ändernden Musikgeschmack wahrnimmt, Ma’s Songs seinen Rhythmus aufzwingen will. Die Battle heißt Kornett vs. Timbre, und das Publikum muss nicht schockiert sein, wenn einer den anderen „Nigga“ nennt. Das nur von Schwarzen zu verwendende N-Wort ist in der Musikszene eine freundschaftliche Anrede, bis heute, bis zum HipHop …

„Ma Rainey’s Black Bottom“ basiert auf dem gleichnamigen, von der echten, 1886 in Georgia geborenen Bluessängerin inspirierten Bühnenstück von Pulitzer-Preisträger August Wilson. Theater- und Filmregisseur George C. Wolfe hat das Kammerspiel für Netflix Originals inszeniert, kein Geringerer als Denzel Washington war der Produzent. Entstanden ist kein Biopic, sondern die in dieser Momentaufnahme festgehaltene Geschichte der Schwarzen in den USA, eine Story über Rassentrennung, Diskriminierung und Schlechterstellung aufgrund der Hautfarbe – die modernen Schlagworte sind „struktureller Rassismus“ und „sozioökonomische Disparität“, also kaum Karrierechancen, weniger Einkommen, weniger Bildung, geringere Lebenserwartung, George Floyd …

Taylour Paige als Ma’s Geliebte Dussie Mae. Bild: David Lee – © NETFLIX 2020

Viola Davis als Ma Rainey. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Chadwick Boseman als Levee Green. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Zwischen Rampenlicht und der Rumpelkammer, die sich Aufnahmeraum schimpft, brilliert Oscar-Preisträgerin Viola Davis als selbstbewusste Musiklegende. Wie sich ihre Ma furchtlos und furios gegen die Vorurteile einer rassistischen Gesellschaft stellt, grandios bei einem von ihr verursachten Autounfall, heißt: eigentlich saß ihr Neffe Slyvester am Steuer, nachdem sie jenem Polizisten, der ernsthaft bezweifelt, dass die Edelkarosse die ihre ist, die Stirn bietet, da kann die Davis famos aufspielen. Und doch zeigt sie die Autorität von Ma Rainey mit einem ständig spürbaren Bewusstsein um deren prekäre Position.

Man sieht ihr an der Nasenspitze die Genugtuung an, die Aufnahmen sanktionsfrei zu „sabotieren“, also nach ihrem Takt dirigieren zu können, aber unter der verlaufenen Schminke auch die brodelnde Wut – und die Erschöpfung, die es bedeutet, sich immer behaupten und immer kämpfen zu müssen. Davis‘ Ma ist eine hantige Mutter, an Angry Black Woman, eine unangenehme, ungeniert bisexuelle  – herrlich wie sie Arm in Arm mit ihrer Geliebten Dussie Mae und dem für ihren Lover gehaltenen Sylvester zum Schrecken der Tea-Time-Society die Hoteltreppe hinunterstolziert – und unabhängige Frau, und eine solche wird bekanntlich auch anno 2021 als gefährlich erachtet.

Trotz der furiosen Viola Davis aber wird „Ma Rainey’s Black Bottom“ wohl als schauspielerischer Triumph eines anderen erinnert werden. Die Rolle des provokant-lässigen Levee ist die letzte des im August 2020 verstorbenen „Black Panther“ Chadwick Boseman, und mit Wehmut sieht man diese beeindruckende Leistung, Levee, ein Südstaaten-Junge, der hinter seiner hochfahrenden Art einen tief vergrabenen Schmerz aus der Vergangenheit verbirgt. Nicht nur, weil er ihr mit seinen Impro-Solis regelmäßig das Rampenlicht stiehlt, oder weil er ein Auge auf Dussie Mae geworfen hat – welche eine Frage: „Can I introduce my red rooster to your brown hen?“, kann Ma Levee nicht leiden, sondern auch, weil er ihr punkto Arroganz, Talent und Egozentrik ein ebenbürtiger Gegner ist.

Boseman agiert neben Davis ganz anders, denn als besonnener Wakanda-König T’Challa; sein Levee ist drahtig, hippelig, von Ehrgeiz getrieben. Hinter der Blues-Legende Rücken hat er Sturdyvant weniger wehmütige, tanzbare Arrangements ihrer traditionellen Songs und auch ein paar eigene gegeben, jetzt hofft er vom Studioboss als Komponist und Arrangeur anerkannt zu werden. Doch wird er zum Opfer einer Frühform der „Cultural Appropriation“: Sturdyvant kauft ihm seinen „Jelly Roll“-Jazz für fünf Dollar ab, und lässt ihn ohne Levees Kenntnis von einer weißen Combo für ein weißes Publikum auf Platte pressen – Levees rebellischer Subkultur-Sound klingt plötzlich nach gutem, altem Gassenhauer, Sturdyvant wird damit ordentlich Geld scheffeln. Dies der große Unterschied: „Levee has the big mouth, but Ma the big walk!“ Ihm fehlt ihr realistischer Blick auf die Zustände.

Die Enttäuschung darum, Levees Gefühlstonleiter generell, spielt Boseman wie unterm Druck eines explodierenden Wah-Wah-Dämpfers, sein Gesicht in seiner Mimik so beredt wie die pointierten Dialoge im Drehbuch von Ruben Santiago-Hudson. Im Laufe der 90 Minuten enthüllt sich Levees Trauma: Er sah als Kind die Vergewaltigung der Mutter durch mehrere weiße Gutsbesitzer, und wurde dabei selbst schwer verletzt, der Vater auf seinem Rachefeldzug aufgegriffen, aufgehängt und bei lebendigem Leib verbrannt. „Ich kann ,Ja, Sir!‘, Danke, Sir!‘ sagen, im Wissen, dass meine Zeit kommen wird“, bescheidet er dem Rest der Anwesenden.

Levee stiehlt Ma die Show: Chadwick Boseman und Viola Davis. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Viola Davis, Taylour Paige und Dusan Brown als Ma’s Neffe Sylvester. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Leeve’s Antichrist-Pose: Boseman mit Glynn Turman, Michael Potts und Colman Domingo. Bild: David Lee – © NETFLIX 2020

Levee spricht über die Vergewaltigung seiner Mutter: Boseman (re.), Domingo und Turman. Bild: David Lee – © NETFLIX 2020

Als da wären Colman Domingo als tiefreligiöser Cutler, Glynn Turman als Polit-Philosoph Toledo und Michael Potts als schweigsamer Slow Drag, die Kollegen an Posaune, Piano und Bass, die auf Ma angewiesen, ergo gewissenhafte Begleiter sind, doch Ma’s und Levees emotionale Eruptionen mit fortschreitender Stunde nur noch mit Mühe ertragen. Nicht so Ma’s gelangweilte Geliebte, Taylor Paige als laszive Dussie Mae, die sich alsbald mit Levee im Probenkeller vergnügt. Oder Dusan Brown als Ma’s stotternder Neffe Sylvester, den sie unbedingt als Ansager engagiert sehen will. Jonny Coyne ist als ungeduldiger, von Ma’s Sonderprivilegien genervter Sturdyvant zu sehen. Und ein Kabinettstück liefert Jeremy Shamos als um Ma scharwenzelnder Irvin, dem’s mit Bravour gelingt bei eigener devoter Körperhaltung sein Gegenüber zu demütigen.

Auf Bosemans berührenden Mutter-Monolog folgt ein weiterer grandioser, eine Anklage gegen Gott, der Schwarze hassen muss, da er kein Leid verhindert und jede Ungerechtigkeit unterstützt. Man spürt in diesen Worten, die im Film zu Handgreiflichkeiten mit Cutler führen, beinah Bosemans persönliche Dringlichkeit. Die Figur des Levee ist von Regisseur George C. Wolfe in allerlei endzeitliche Symbole gebettet, sei’s, dass Levee in Antichrist-Pose auf einem Bänkchen an seiner Partitur feilt, sei’s, dass er, endlich von Ma gefeuert, die geheimnisvoll verschlossene Tür im Probenraum aufbricht, um in einem winzigen, ausweglosen Innenhof zu landen. Vier weitere Mauern, in Österreich heißt so etwas Lichthof, doch ein solches will auf Levee nicht scheinen.

Es kommt zur Eskalation, Levee hat ein Messer in der Hand, er wird damit töten. Und schuld dran ist, noch ein Sinnbild und ein immer wiederkehrendes Motiv, Levees vom noch nicht einmal erhaltenen Salär gekauftes Paar gelbe Schuhe. Sein ganzer Stolz und sein Untergang, eine Kennzeichnung seines Charakters von verspielt bis verbittert, die Farbe Gelb im Volksglauben gleichgesetzt mit einem hellen Verstand, aber auch mit Neid, in der frühen Liturgie des Christentums mit Tod und Verderben, von ihrer Bedeutung in Sternform gar nicht erst zu reden.

„Ma Rainey’s Black Bottom“ ist abseits der großartigen Musik ein schmerzliches Zeitdokument über die Situation der afroamerikanischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten – damals wie jetzt, ein Jahrhundert weiter und wenig Verbesserung. Nicht zuletzt dank der enormen Produktivität der Streamingportale gibt es eine stetig steigende Präsenz afroamerikanischer Themen und Schauspieler auf den Bildschirmen, und mit Produktionen wie dieser zeigt sich, dass zumindest in Kunst und Kultur Rassismus oder Xenophobie keine Chance haben.

Im Gedächtnis bleiben wird dieser Film auch als Vermächtnis von – nomen est omen – „Black Panther“ Chadwick Boseman, er durch diese Rolle zur afrofuturistischen Ikone geworden, hier ein zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung changierender Mann, der die Kraft der Musik ebenso feiert, wie er sich gegen das von ihr verursachte Leiden stemmt, und der voll Leidenschaft gegen die Fesseln, die bewussten wie die unbewussten, in diesem stickigen, klaustrophobischen Setting kämpft, als gäb’s kein Morgen.

Ob Chadwick Boseman posthum zu Oscar-Ehren kommen wird, wer weiß? Mit ihm sind Favorit Gary Oldman für „Mank“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45151), Anthony Hopkins für „The Father“, Riz Ahmed für „Sound of Metal“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45178) und Steven Yeun für „Minari“ nominiert. Verdient hätte den Goldjungen jeder, und wie für die anderen Filme gilt: „Ma Rainey’s Black Bottom“ ist eine Empfehlung. Oder wie Colman „Cutler“ Domingo sagt: A-one, a-two, a-you know what to do …

Trailer/engl.: www.youtube.com/watch?v=ord7gP151vk             www.youtube.com/watch?v=wAY2oAm2rv4           www.netflix.com           Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=43672

3. 4. 2021

Beale Street

März 7, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Liebesfilm als Statement gegen Rassismus

Tish (KiKi Layne) und Fonny (Stephan James) sind verliebt, doch der junge Bildhauer muss bald ins Gefängnis. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Nicht allüberall war Freude darüber, dass die so genannte Antirassismus-Komödie „Green Book“ den Oscar für den besten Film bekam, ungeteilt war hingegen jene für Regina King, die als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde – nachdem sie für ihre Rolle als Sharon Rivers bereits bei den Golden Globes und den Independent Spirit Awards zur Preisträgerin auserkoren worden war. „Beale Street“ heißt der Film, in dem sie spielt, ab 8. März im Kino.

Und, nachdem sich Regisseur Barry Jenkins 2016 mit „Moonlight“ von Null auf 100 als starke, schwarze Leinwandstimme etablierte, dessen aktuelle Adaption eines Romans der von der „Black Lives Matter“-Bewegung  der Vergessenheit entrissenen Schriftstellerikone James Baldwin. Baldwins Roman „If Beale Street Could Talk“ erschien im Jahr 1974. Darin schildert er die Geschichte des jungen Liebespaares Tish und Fonny aus Harlem, deren Glück grenzenlos scheint, bis Fonny der Vergewaltigung einer Frau aus Puerto Rico beschuldigt wird. Eine Tat, die der 22-jährige Bildhauer nicht begangen haben kann, weil er zu der Zeit gar nicht vor Ort war – doch Hauptsache, Polizei und Staatsanwaltschaft können einen Schuldigen präsentieren. Umso einfacher, wenn der schwarzer Hautfarbe ist. Als Fonny ins Gefängnis kommt, das vermeintliche Opfer ist längst nach Hause geflüchtet, stellt Tish fest, dass sie schwanger ist. So macht sich Tishs Mutter Sharon auf nach Puerto Rico, um die Fonny anklagende Frau zu suchen.

Tish gibt als Erzählerin den Ton vor, ihre Off-Kommentare passen sich gefühlvoll der subjektiven Prosa der literarischen Vorlage an. Die Atmosphäre ist der Blues, Original-Schwarzweiß-Bilder eines Gordon Parks oder Jack Garofalo aus dem Harlem der 1970er-Jahre kontrastieren mit den Filmaufnahmen, wobei die Kamera von James Laxton die bis zur Kindheit zurückreichenden Rückblenden in helleres Licht taucht, während er über die Gegenwart dunkle Schatten legt. Dies Hin und Her funktioniert perfekt, wenn Tish sich korrigiert oder etwas verdeutlichen möchte, etwas, das sie zuvor vergessen hatte, zu erwähnen.

Tishs Eltern tanzen in Vorfreude aufs Enkelkind: Sharon (Oscar-Preisträgerin Regina King) und Joseph (Colman Domingo). Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Sharon (Regina King) fliegt nach Costa Rica, um das Vergewaltigungsopfer zu suchen und um eine neue Aussage zu bitten. Bild: © Tatum Mangus Annapurna Pictures

Barry Jenkins hat einen bedächtigen Film geschaffen, James Laxton die radikale Schönheit und die überbordende Musikalität Baldwins in hypnotische Bilder übertragen. Wie der Roman im Rhythmus an ein komplexes Jazzarrangement erinnert, so ist auch der Film subtil, eindringlich, konzentriert. Und ganz ohne gängige Empörungsmuster bedienen zu müssen, gibt Jenkins ein kraftvolles Bekenntnis gegen staatliche Willkür ab. Die Themen Rassenhass und Diskriminierung sind allgegenwärtig, auch in Nebenfiguren wie Daniel, der zwei Jahre wegen Autodiebstahls einsitzen muss, obwohl er nachweislich nicht fahren kann.

Dass diese Übung romantische Love Story vs gewaltbestimmte Realität gelingt, ist nicht nur dem Respekt des Regisseurs vor James Baldwin, sondern in hohem Maße den Darstellern zu danken. Vor allem KiKi Layne als Tish und Regina King als Sharon verleihen ihren Figuren jenseits jedes Abgleitens in den Pathos eine Integrität, einen stillen Stolz, eine Würde, die einen anrührt. Wenn die Mutter erahnt, was ihr die Tochter sagen will, nämlich, dass sie Fonnys Kind erwartet, genügen den beiden Blicken, um den Betrachter wissen zu lassen, dass sich hier keine Familienkatastrophe, sondern die Freude über ein großes Glück anbahnt.

Wenn Tish von ihrem Job als Parfüm-Mädchen in einem Nobelkaufhaus berichtet, sie sprüht sich den gewünschten Duft auf die Hand, weiße Männer schnüffeln daran, dann ist ihr wohl klar, dass man sie hier als Quotenschwarze angestellt hat. Doch Baldwin, und mit ihm Barry Jenkins, zeigen auch immer wieder Weiße mit Zivilcourage. Dave Franco als jüdischer Hausbesitzer Levy, der als einziger weit und breit bereit ist, an Schwarze zu vermieten. Finn Wittrock als Fonnys Rechtsanwalt Hayward, der den Fall erst gelangweilt übernimmt, bis er, entsetzt über das Fehlen jeglicher Gerechtigkeit, sich geradezu hinein verbeißt. Doris McCarthy als Besitzerin eines kleinen, italienischen Lebensmittelgeschäfts, die Fonny vor einer gefährlichen Rauferei bewahrt.

Fulminante schauspielerische Leistungen zeigen auch Colman Domingo als Tishs Vater, Michael Beach als Fonnys Vater – und selbstverständlich Stephan James als Fonny. Wie er leise verzweifelt die Zerstörung eines Mannes hinter Gittern zeigt, ist beklemmend gut gemacht, im Gesicht die Spuren von Schlägen, Jenkins auch in diesen Sequenzen so fein- wie scharfsinnig, denn darüber zu sprechen, erlauben sich die Protagonisten nicht.

Am Set – Levy will Tish und Fonny ein Loft vermieten: Dave Franco, Stephen James, Regisseur Barry Jenkins und KiKi Layne. Bild: © Tatum Mangus/Annapurna Pictures

James Baldwin liebte das Kino. Und John Wayne. „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“ Dieses Zitat stammt aus Raoul Pecks Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25378), der als Ergänzung zu „Beale Street“ sehr zu empfehlen ist. Zeigt Peck doch den kämpferischen Autor, dessen klarsichtige Gesellschaftsanalysen seine Gegner regelmäßig verstummen ließen.

Zeigt den Vorkämpfer der 1970er-Bürgerrechtsbewegung, der seine Homosexualität erstaunlich offen lebte, und wegen beider „Vergehen“ ins Visier des FBI geriet. Bei dtv macht man sich um Baldwin-Neuübersetzungen samt aktueller Begleittexte verdient, die Romane „Von dieser Welt“ und „Beale Street Blues“ sind bereits erschienen, ebenso der Essayband „Nach der Flut das Feuer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32270), für 2020 ist „Giovanni’s Room“ in Planung, ein Buch, in dem Baldwin in unverschlüsselter Deutlichkeit einen schwulen Hauptcharakter etabliert.

Während Raoul Peck seiner Doku aktuelle Fakten beifügt, Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, Ferguson, Baltimore, Charleston …, bleibt dieses Mittel der Fiktion natürlich verwehrt. Und dennoch versteht es auch Barry Jenkins, klarzustellen, woher der Wind immer noch weht. Wenn er als weißer Sturm die Schicksale derer in Trümmer legt, deren einziges Verbrechen es ist, schwarzer Hautfarbe zu sein.

bealestreet.movie

7. 3. 2019

The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Januar 22, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Gosse in die Gunst der Königin

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Queen Anne hinkt verstimmt durch ihren Palast, Prunkraum um Prunkraum, vorbei an einem livrierten Lakaien, und diesen, noch ein halbes Kind, herrscht sie ohne Vorwarnung an: „Hast du mich etwa angesehen?“ Der Diener schaut scheu zu Boden und schüttelt seinen Kopf. Doch die Königin ist nun in Rage: „Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“ Er blickt betreten hoch – und bekommt eine schallende Ohrfeige. „Wie kannst du es wagen, mich anzusehen!“

Eine Szene aus Yorgos Lanthimos‘ jüngstem Film „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, der am Freitag in den Kinos anläuft, und eine, die die Atmosphäre der Historienfarce, deren Färbung wohl tragische Ironie zu nennen ist, bestens beschreibt. Ebenso wie Lanthimos‘ beständiges Wechselspiel zwischen der Willkür der Adelsklasse und jenen Untertanen, die dieser ausgeliefert sind – bis eine erscheint, die zum Gegenangriff antritt. Die Figur der Königin Anne, erste Monarchin des United Kingdom, letzte aus dem Hause Stuart, wird dargestellt von der grandiosen Olivia Colman, von Venedig bis London, zuletzt mit dem Golden Globe, bereits ausgezeichnet. Zu Recht zählt „The Favourite“ auch zu den Oscar-Favoriten.

Dass, während das Publikum sich über die messerscharf geschliffenen Dialoge prächtig amüsieren kann, Domestiken der Krone im frühen 18. Jahrhundert nicht viel zu lachen haben, erfährt gleich zu Beginn Abigail, Baronesse Masham, als solche aufgrund der Spielsucht ihres Vaters tief, und als sie am St James’s Palace eintrifft, als erstes in einen der Kothaufen, die das Volk dem Hof vors Tor scheisst, gefallen. Angereist ist sie, um ihre entfernte Cousine Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough, um eine Anstellung zu bitten. Deren Ehemann John Churchill, der Duke, ist nicht nur oberster Feldherr, sondern auch begnadeter Ränkeschmied, doch Sarah läuft ihm diesbezüglich leicht den Rang ab, ist sie doch mehr als Annes Dame des Herzens die regierende Mätresse, heißt: dass statt der einfältigen, infantilen Anne Sarah die Staatsgeschäfte führt.

Emma Stone. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Nicholas Hoult. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Abigail aber ist gekommen, um Karriere zu machen. Als sich ihr die Gelegenheit bietet, von der Gosse in die Gunst der Königin aufzusteigen, lässt sie nichts unversucht, Sarah schachmatt zu setzen. Was in der Folge zu höchst unterhaltsamen Intrigen, Irrungen und zunehmendem Irrsinn führt. Lanthimos inszeniert diese gefährlichen Liebschaften stilistisch brillant und inhaltlich bissig.

Zwar ist die Handlung in den historischen Kontext der Schlachten gegen Frankreich im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs gebettet, doch lässt Lanthimos der real existiert habenden MachtMénage à trois, über deren sexuelle Seite anhand erhalten gebliebener Briefe freilich nur spekuliert werden kann, genug Raum, um über sie frei erzählen zu können. Tatsächlich ist „The Favourite“ im Vergleich zu seinen hermetischen Werken wie beispielsweise „The Lobster“ oder „The Killing Of A Sacred Deer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27854) erstaunlich gut zugänglich.

Mit den im Wortsinn Epoche machenden Sets von Fiona Crombie, der verschwenderischen Kostümfülle der dreifachen Oscar-Preisträgerin Sandy Powell und der raffinierten Kameraarbeit von Robbie Ryan erschafft der Arthouse-Kinomann Bilder wie Gemälde, Tableaux Vivants, in denen sich die Opulenz der Dekadenz feiert. Wobei es Ryan versteht, sowohl in der Düsternis von Kerzenlicht als auch mittels Weitwinkeloptik die Charaktere als Gefangene dieses Pomps sowie jedweden politischen Kalküls zu zeigen. Druckventil dafür sind seltsame Rituale wie Entenrennen oder eine Art Völkerball mit Orangen auf nackten Mann  – während die Küchenmägde, eine von ihnen anfangs Abigail, aus Platzmangel in den Katakomben des herrschaftlichen Gebäudes im Knäuel schlafen.

Rachel Weisz als Sarah und Emma Stone als Abigail schenken sich nichts, allerdings bleibt es vorerst bei tödlichen Blicken und spitzzüngigen Bemerkungen. Weisz‘ Sarah ist ihrer Herrscherin eine strenge Herrin, auch eine geübte Schützin auf Tauben, denen noch nicht die Silbe „Ton-“ vorangestellt ist, skurril diese Sequenz, wenn „Wurf!“ gerufen und ein lebender Vogel in die Luft geschleudert wird, und sie hat absolut den Willen zur Macht und zur Durchsetzung der Marlborough-Interessen. Stones Abigail scheint gegen die Härte dieser Frau liebenswert, integer, eine mit Herz – und wird sich doch als durchtriebenes Biest entpuppen. Als eine, die ihre körperlichen Geschütze in Stellung bringt, während Sarah inmitten all der höfischen Heuchelei, wenn nicht sympathisch, so zumindest ehrlich ist. Auch wenn sie der Queen sagt, mit ihrer Schminke sehe sie aus wie ein Dachs.

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Die Vielschichtigkeit, die Abgründigkeit, die Hinterlistigkeit, mit der Weisz und Stone ihre Rollen ausstatten, wird nur übertroffen von Olivia Colman, die der mit ihrer Lächerlichkeit und ihrer Schwäche durchaus ringenden, vor Gichtschmerzen schreienden, Selbstmordversuche unternehmenden, inmitten der sie umringenden Höflingsmassen einsamen Anne eine große, tragische Würde verleiht.

Erwähnenswert ist auch die Leistung von Nicholas Hoult als Robert Harley, Anführer der Tory-Opposition, äußerlich ein Geck mit Puderperücke und aufgemaltem Schönheitsfleck, in Wirklichkeit aber ein gewiefter Strippenzieher hinter den Kulissen. Als politischer Gegner der Whigs und damit der Machenschaften der Marlboroughs, will er den Krieg und die damit einhergehenden permanenten Steuererhöhungen für die von ihm vertretenen Großgrundbesitzer beendet sehen.

Und so bildet er eine Allianz mit Abigail, die derweil, begleitet vom wuchtigen Soundtrack Händels, Vivaldis und Bachs, von der Küche bis in die Gemächer der Königin aufgestiegen ist. Um dort zum Eigennutz, aber auch im Auftrag Harleys, man erpresst und bedroht sich gegenseitig, die Ohren offen zu halten. Bald steigert sich zwischen Sarah und Abigail der Ehrgeiz zum Killerinstinkt, wird auch vor Giftanschlägen und arrangierten Reitunfällen nicht zurückgeschreckt, ist die Königin immer mehr Spielball beider Angelegenheiten. Doch wird die Siegerin schließlich erkennen müssen, dass sie auch auf ewig deren Sklavin, ausgeliefert ihren Launen und Schrullen und den siebzehn Kaninchen, die sich im Schlafzimmer tummeln, sein wird …

„The Favourite“ besticht mit überbordender Optik und mit exzellentem Spiel, mit hoher Theatralik und einem Witz, der very british ist. Dass Lanthimos keine seiner Figuren bloßem Spott und boshaftem Gelächter aussetzt, sondern stets versucht, ihre Beweggründe plausibel zu machen, zeichnet diesen Film aus. Derart gelingt es ihm, seine historische Fiktion nah an die Gegenwart zu rücken. Günstlingswirtschaft, unfähige Staatsoberhäupter und machthungrige Emporkömmlinge sind ja beileibe kein Phänomen von gestern.

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  1. 1. 2019