Academy Awards Streaming: The Midnight Sky

April 12, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

George Clooneys Oscar-nominierte Klimadystopie

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Zu Unrecht von den diversen Jurys übergangen darf sich George Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“ fühlen. Zwar gab’s bisher von den Golden Globes bis zu den BAFTA Awards 48 Nominierungen, aber nur drei Auszeichnungen: Bei den Satellite Awards 2020 der International Press Academy ging der Preis für die Beste Filmmusik an Alexandre Desplat, die Visual Effects Society bedachte

„The Midnight Sky“ bei den VES Awards 2021 mit den Auszeichnungen für die Besten visuellen Effekte in einem Realfilm und Raumschiff „Aether“ für das Beste Modell in einem Real- oder Animationsfilm. Und auch punkto Academy Awards war nur eine Nominierung für die Besten visuellen Effekte drin. Weil diese Trophäen-Flaute für den verrätselten Sci-Fi-Film nicht okay ist, hier noch einmal die Filmkritik vom Jänner 2021:

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“ ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines im Jänner auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will.

Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44003

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

12. 4. 2021

Streaming: Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“

Januar 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“

ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines kürzlich auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will. Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Monuments Men

Februar 24, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

George Clooneys „Ocean’s Fourteen“

Frank Stokes (George Clooney), Sam Epstein (Dimitri Leonidas), James Granger (Matt Damon), Walter Garfield (John Goodman) und Preston Savitz (Bob Balaban) Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Frank Stokes (George Clooney), Sam Epstein (Dimitri Leonidas), James Granger (Matt Damon), Walter Garfield (John Goodman) und Preston Savitz (Bob Balaban)
Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Es war ein Kräftemessen zwischen Gauleiter August Eigruber und Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamts. Eigruber plante den Altausseer Salzberg, inklusive der darin gelagerten Michelangelos, Bruegels und da Vincis, in die Luft zu jagen, damit „das Weltjudentum“ die Kostbarkeiten nicht in die Finger bekäme. Kaltenbrunner versuchte auf Drängen der einheimischen Bergleute, den Oberdonauer auszubremsen. Den Altausseern war Kunst wurscht, sie witterten das Ende des Dritten Reichs und wollten ihre Einnahmequelle Salz nicht zerstört wissen. Zwölf treue SSler brachte Kaltenbrunner auf, um in vier Stunden fünf Tonnen Dynamit aus den Stollen zu entfernen. Oder vier Tonnen in fünf Stunden, das weiß  heute keiner so genau. Kunst von Weltrang wie Vermeers „Die Malkunst“, Rembrandts „Großes Selbstbildnis“, Tizians „Zigeunermadonna“, da Vincis „Leda“, eine Dürer-Madonna, Caravaggios „David“ oder Raffaels „Madonna im Grünen“, allesamt zusammengerafft für den Sonderauftrag Linz, das „Führermuseum“, wurde gerettet. Als die Amerikaner kamen, präsentiert man die Schätze und sich selbst stolz als deren Retter. So weit der Österreich-Aspekt des Ganzen. Doch politisch angepatzt, wie man war, konnte man öffentlich nicht auftreten – und so taten es die „Monuments Men“.

Dies der Titel von Robert M. Edsels Sachbuch, nach dem George Clooney als Drehbuchautor und Regisseur seinen jüngsten Film benannte. Es ist der schlechteste, weil ungenaueste Film seiner Karriere. Eine Enttäuschung auf hohem Niveau. Trotz Starbesetzung von George Clooney, Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban, Hugh Bonneville bis zu Cate Blanchett. Clooney setzt auf Kriegsklamauk und Buddy-Effekt. In Wirklichkeit war die „Monuments, Fine Arts and Archives Section“  militärisch nicht ausgebildet, dafür gehörten zu den 350 Mann starken Kunstsuchtrupps, die mehr als fünf Millionen Objekte vor Hitlers Hirnrissigkeit sicherten, neben alliierten auch deutsche beziehungsweise österreichische Kunsthistoriker, Museumsleute und Denkmalpfleger.  Doch Weltenretter USA kann keinen Gott neben sich brauchen. Weshalb in der Hollywoodversion der Zeitgeschichte an vorderster Front nur Restaurierungsexperte Lieutenant George Stout, Second Lieutenant James J. Rorimer später Direktor des Metropolitan Museum in New York, Captain Walker Hancock, einer der berühmtesten Bildhauer der USA, oder Private Lincoln Kirstein, der spätere Gründer des New York City Ballet, vorkommen. Statt das Flair an Originalschauplätzen einzuatmen, verschanzte man sich in Babelsberger Kulissen.

Lobte man an Tarantinos kontrafaktischen „Inglourious Basterds“ den satirischen-unverkrampften Umgang mit der Nazi-Diktatur, so geht Clooney ein, zwei Schrittchen zu weit. Der smarte Oscarpreisträger schart seine Mannen um sich, als gelte es die Fortsetzung der Gaunerendlosschleife, nunmehr also „Ocean’s Fourteen“, für die Leinwand zu bannen. Nur, dass statt in Kasinos eingebrochen im Feindesland eingefallen wird. Clooney legt die „Monuments Men“ ziemlich altvaterisch an – allein sein Schnauzbart ist Synonym dafür, oder wie er die Rolle der einen Frau, Cate Blanchett, interpretiert -, und weil er sein Werk warum auch immer locker-flockig klingen lassen will, findet er keine angemessene Tonlage. Man kann nicht das Leid der jüdischen Bevölkerung mit Bill Murrays knautschigen Grimassenschneidereien hinterlegen. Die fröhliche Flapsigkeit der Inszenierung, das Dauergrinsen der Protagonisten passt einfach nicht zum Holocaust, sorry. So viel Spaß kann nicht sein. Ist Clooney mit diesem Klischeeheldenepos freiwillig oder unfreiwillig komisch? Es klärt sich nicht. Eine Szene, wie die, in der Matt Damon in einer verwüsteten jüdischen Wohnung ein Gemälde wieder auf seinen Platz hängt, macht noch keinen Kinosommer. Die spärliche Handlung Kiste finden-Schatz bergen, noch eine Kiste finden-noch einen Schatz bergen, und wieder eine Kiste finden … schau, jetzt haben sie eine Kiste gefunden! …, nutzt sich außerdem irgendwann ab. Spannung geht anders, auch weil den Guten ein strammer, böser Gegenspieler fehlt. Justus von Dohnány ist als deutscher Offizier Viktor Stahl zwar hervorragend, kommt aber zu wenig vor. Vielleicht ein Opfer des Schnitts. Obwohl sein grotesk-grimmiger Infight mit Clooney einer der raren Momente ist, in denen das Dur-moll-Verhältnis stimmt.

„Monuments Men“ wirkt wie eine Beruhigungsspritze für die welthistorisch immer weniger bedeutsamen USA. Wir waren doch einmal wer! Retter, Helden, Missionierer. Um diese Message anzubringen, setzt Regisseur Clooney auf dramaturgisch simples Holzschnittkino. Als Schauspieler ist er sogar in der Kaffeekapselwerbung besser. Von Zwangsverkäufen oder Enteignungen ist nicht die Rede, nicht von den Wirrnissen der heiß laufenden Kunstmärkte jener Zeit, den Zweideutigkeiten von Raub und Rettung, von den Obskuranten, die eine solche Lage ans Licht treibt. Die Rückgabe von Kunst dient Clooney als Sinnbild für die Wiederherstellung einer unbeschädigten Welt. Dass die Monuments Men 1950 in Wiesbaden dem Nazi-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt einen Großteil jener Bilder, die heute als geraubt gelten, rückerstattet haben, ist ein Treppenwitz dieser Geschichte.

www.monumentsmen.com/

www.monumentsmen-derfilm.de/

Wien, 24. 2. 2014