Die Maßnahme – eine Webserie

Juni 6, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Irre Ladies-Comedy über eine Online-Zwangsgruppe

Laura Hermann, Claudia Kottal, Constanze Passin, Alev Irmak, Anna Kramer und Suse Lichtenberger. Bild: Screenshot – Trailer „Die Massnahme“

Da sitzen sie also vor ihren jeweiligen „Endgeräten“, die sechs Teilnehmerinnen, nehmen an den regelmäßigen Zoom-Meetings teil, laden Wochenaufgaben hoch und fragen sich leicht verwundert, wie sie eigentlich dazu gekommen sind: Wer ist diese ominöse Frau Dr. Novak? Nimmt sie je an den Sitzungen teil oder hat sie eine geheime

Überwachungsfunktion? Wer erstellt die wöchentlichen Tests? Wie locker sind die Lockerungen? Und: Halten sie alle das durch? „Die Maßnahme“ heißt die erste österreichische Comedy-Webserie in #Corona-Zeiten, die derzeit quasi in Echtzeit entsteht. Vor etwa einem Monat haben die Schauspielerinnen Laura Hermann, Alev Irmak, Claudia Kottal, Anna Kramer, Suse Lichtenberger und Constanze Passin beschlossen, ihre kreativen Impulse nicht von Dreh- und Theaterstopps ausbremsen zu lassen – et voilà!

mottingers-meinung.at hat die Pilot-Doppelfolge, die am 8. Juni um 12 Uhr online geht, vorab gesehen, Titel: „Bin ich hier richtig?“, nach wie vor herrscht Pandemie-Panik, und ein nicht näher benamstes „Amt“ hat den Damen-Sechser veranlasst, ein ebenfalls nicht genauer definiertes Programm zu absolvieren.

Anna Kramer ist die sensibel-souveräne Philosophin Sabine. Bild: Screenshot – Trailer „Die Massnahme“

Claudia Kottal ist die mittelschwer konfuse, liebeskranke Ricky. Bild: Screenshot – Trailer „Die Massnahme“

Auf höchst humorvolle, irrwitzig-rasante und hochaktuelle Art schlüpfen die Darstellerinnen in die Rollen einer ziemlich divergenten Zweckgemeinschaft, die Virus- und andere Krisen, Liebesgeschichten und Familienalltag, und jetzt auch noch zusätzlich die Aufgaben der „Maßnahme“ unter einen Hut bringen muss. „Sie unterliegen den strikten Richtlinien des Programms. Jeden Freitag muss der Upload der jeweiligen Wochenaufgabe jedes Teilnehmers bei uns eingehen, um die Teilnahme an der Maßnahme zu sichern“, sagt die strenge Stimme aus dem Off –  und schon machen die sechs sich daran, dies zu tun, wiewohl die erste Aufgabe mit einer tropischen Frucht zu tun hat, die im situativen Kontext einzuordnen den Frauen schwerfällt …

Und so stellt man sich einander vor: Laura Hermann als Margarete, eine kesse Rothaarige, die gleich ungeniert Werbung für die väterliche Fleischerei macht; was Wunder, dass sie in ihrer Küche sitzt und ihre diesbezüglichen Künste preist, will sie doch den selbstgemachten Wurstaufschnitt endlich mit einem – vorzugsweise katholischen – Mann teilen; also hält sie zur Eigen-PR mit dem Marienmedaillon auch ihren Ausschnitt in die Kamera. Claudia Kottal als mittelschwer konfuse Ricky, die sich an ihr neues WG-Leben mit einem Mann gewöhnen muss, obwohl sie doch viel lieber bei ihrer sie abserviert habenden Ex-Freundin wäre. Constanze Passin als trendige Großstädterin Mia, die nun unnatürlich-fröhlich-überdreht auf einer Treppe zwischen Gummibaum und Gebirgsgemälden sitzt, weil sie sich „am Land“ um die als doch so rüstig gerühmte Omi kümmern muss.

Constanze Passin ist die trendige Großstädterin „am Land“ Mia. Bild: Screenshot – Trailer „Die Massnahme“

Suse Lichtenberger ist die Burnout- und Homeschooling-Kids gebeutelte Elke. Bild: Screenshot – Trailer „Die Massnahme“

Alev Irmak als die toughe, im hippen Gangsta-Style gekleidete Jenny, die vor Kurzem von Wien nach Berlin gezogen ist, und nun zwischen hiesigem Mundwerk und dortiger Schnauze hin und herwechselt, eine, die gern zeigt, wer sie ist und weiß, wann’s genug ist. Anna Kramer als sensibel-souveräne Philosophin Sabine, der der Lockdown offenbar grade recht kommt, denn ihre Pflanzen brauchen auch Zeit. Und – ganz groß – Suse Lichtenberger, die als Elke im Regen vor ihrem Ferienhaus steht, wobei was von Burnout zu vernehmen ist, Ehemann und zwei homeschooling Kindern, für die sie Schulunterlagen ausdruckt und ausdruckt und ausdruckt, und die eigentlich gar keine Zeit für #Corona hat …

Das Kollektiv Hermann, Irmak, Kottal, Kramer, Lichtenberger und Passin arbeitet seit Jahren in verschiedenen Konstellationen zusammen und befand, dass besondere Umstände außergewöhnliche Produktionsweisen erfordern, und so hat man gemeinsam Idee und Drehbuch entwickelt, und alle sechs Schauspielerinnen stehen beziehungsweise sitzen nicht nur vor den Kameras, sondern sie sind ihre eigenen Kamerafrauen, drehen zu Hause oder vor dem Zuhause, und sind somit gleichzeitig auch ihre eigenen Produzentinnen. Das liest sich bezüglich Cast & Crew – und das frauenbewegte Herz hüpft vor Freude – so: Regie: wir, Produktion: wir, Drehbuch: wir, Idee: auch wir, Kamera: wieder wir. Suse Lichtenberger hat mit „Senfdazugebung“ einen Special Credit. Die Musik macht die Theater- und Film-erprobte Clara Luzia.

Alev Irmak ist Jenny, die grad Wiener Mundwerk gegen Berliner Schnauze tauscht. Bild: Screenshot – Trailer „Die Massnahme“

Laura Hermann ist Fleischertochter Margarete, die einen Mann fürs Leben sucht. Bild: Screenshot – Trailer „Die Massnahme“

„Wie das mit der Gruppe laufen wird“, eine Sorge die Laura Hermanns Margarete formuliert, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Noch ist man dabei, eine Verbindung zu suchen, Zoom-technisch und zwischenmenschlich. So soll Claudia Kottals Ricky den Schlusssatz haben: „I hab‘ eh nix Blödes g’sagt, oder hab‘ I irgendwas Blödes g’sagt?“

Start der Comedy-Serie „Die Maßnahme“ ist Montag, der 8. Juni. Die Pilot-Doppelfolge wird ab 12 Uhr auf youtube zu sehen sein. Die weiteren Folgen sind jeweils montags ab 12 Uhr online.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=n8hZneRTYc0           www.diemassnahme.com           www.youtube.com/channel/UCf5EsGUspqo_mA1gewQ4slA

6. 6. 2020

Volkstheater online: Schuld & Söhne

April 24, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Demonstration eines Dystopien-Durcheinanders

Jeder für sich, aber alle gegen alles: Dominik Warta, Claudia Sabitzer, Katharina Klar und Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und dieses Wochenende sind die drei Inszenierungen von Christine Eder dran. Heute noch bis 18 Uhr „Schuld & Söhne“, im Anschluss bis Samstagabend „Verteidigung der Demokratie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30133).

Danach bis inklusive Sonntagabend und wieder am 1. Mai „Alles Walzer, alles brennt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477) – kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at. „Klimatragödie mit Musik“ nennen Eder und Eva „Gustav“ Jantschitsch ihre dritte Kooperation, Thema ist ergo die bereits gewesene Katastrophe, nach der sich ein Trupp mitteleuropäischer Klimaflüchtlinge auf einer Farm verschanzt hat. Ihr Durchbrennen vor sengender Sonne, Rohstoffknappheit und Sauerstoffmangel passt zur überhitzten Spielweise des Ensembles – Nils Hohenhövel, Evi Kehrstephan, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner, Claudia Sabitzer und Dominik Warta gerieren sich als ideale Gesellschaft.

Und das nicht nur, was Energieverbrauch und Aufgabenteilung betrifft. Im Wortsinn „demonstriert“ wird eine Sozialidylle, in der Warta mit seinem Morgengebet an Göttin Gaia den „Teilen, Schützen, Wertschätzen, Schonen“-Sektenführer gibt, und die Sabitzer eine Art Urmutter Courage. Doch dass was faul ist im Öko-Staat, wird deutlich als sich Bernhard Dechant als „Neuer“ einstellt, und – einer mehr ist manchem einer zu viel – sofort Ressourcenpanik ausbricht. War bereits bisher das Duschen auf einmal wöchentlich und der Toilettengang auf gar nur einmal täglich beschränkt, wird Dechant nun zum sprichwörtlichen Zünglein an der Wasserwaage.

Das alles hätte einen hübschen Plot ergeben, die Migrantenflut aus den glühenden Metropolen ante portas, die Angst vor deren Rauben und Brandschatzen, die Selbstbewaffnung mit Knüppeln, die selbsternannte Erste als Zerrspiegelbild der von ihr so genannten Dritten Welt, und die Frage, wie man in unzivilisierten Zeiten zivilisiert bleiben kann. Aber Eder stülpt nicht nur ihrem Schutzhaus zur unsicheren Zukunft einen Plastiksturz über, sondern auch einem irgend Inhalt.

Bernhard Dechant. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nils Hohenhövel und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Alles was geht an Sub und Meta wird an den Text gepappt, kein heißes Eisen ausgelassen, Geschlechterrollen, Klarnamenpflicht, Geschichtsklitterung, Social-Media-Bashing ist sowieso ein Must, Armut, Ausländer, Kritik an den Ärzten ohne Grenzen, global, legal, scheißegal … „Schuld & Söhne“ ist ein post-/apokalyptisches Allerlei, ein Dystopien-Durcheinander, ein More-of-the-same-Möbiusband, und harte Arbeit ist’s, bei dieser Assoziationsperlenkette den Faden nicht zu verlieren. Von vornherein klar war, dass sich Eder wie bei ihrer Politshow und der Untergangsrevue auch hier nicht fürs Ausagieren szenischer Konflikte interessieren wird.

Ihre akribisch aufgestellte Rechnung lautet Kapitalismus = Ressourcenvergeudung + Verteilungskampf = Klimakrieg, und gut ist, dass das in #Corona-Zeiten nicht aus den Augen verloren wird – doch was Thesenstück/ Frontaltheater betrifft, hat sie es diesmal ein wenig zu weit getrieben. Das pure Deklamieren von Recherche- material ist bedingt bühnentauglich, und auf dem Bildschirm wirkt die Aufführung bald wie eine Belangsendung.

Ein Glück. Zwischendurch hat der Abend seine Momente. Zu diesen zählt definitiv der zwanzigköpfige Tragödienchor, der jeder Seite Parolen brüllt und Phrasen drischt. Bernhard Dechant, der als Totschlagargument fürs Wählen rechter Populisten so lange „Islam!“ schreit, bis besagter Chor beseligt Österreich-Fähnchen schwenkt. Und Thomas Frank als ebendieser wohlbekannte Politikertyp, der begleitet von einer Fernsehkamera die Kolchisten mit dem bemerkenswerten Spruch besucht: „Wir brauchen mehr Menschen, die Unmenschliches leisten für unser Land und unsere Leut‘“.

Millenials vs Boomers: Der Tragödienchor. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Parole, Parole, Parole: Beim Stromsparen kommt’s zu Blackouts. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Schutzhaus zur unsicheren Zukunft liegt unterm Plastiksturz. Bild: © Monika Rovan / Volkstheater

Eva Jantschitsch aka Gustav performt ihren Anti-Song. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Um Sprüche ist man an keiner Stelle verlegen. Auf Bannern und Buttons zu lesen ist: „Wollt ihr das totale Nulldefizit?“, „Fridays for Hubraum“, „Ist SUV heilbar?“ oder – persönlicher Favorit –  „This planet is hotter than my boyfriend!“ Böse Witze kommen immer gut, dazu die geballte Zitaten-Ladung von den hässlichen Bildern, ohne die’s nicht gehen wird, übers Konzentrieren von Menschen bis zum „Wir schaffen das!“/“So sind wir nicht“.

Zum Schluss schließlich wieder Handlung, und zwar im Vollgasmodus. Auf Empörung folgt Entgleisung folgt Eskalation. Je mehr „andere“ draußen stehen, umso mehr Kommunenmitglieder wollen nicht teilen und, sondern allein herrschen. Statt alle gegen alles heißt es nun jeder gegen jeden, die Counterculture-Kinder Claudia Sabitzer und Dominik Warta stellen sich gegen den spätgeborenen Weltverbesserungsskeptiker Nils Hohenhövel, der Chor befetzt sich als Millennials vs Boomers. Auf einem goldenen Auto thronend singt Eva Jantschitsch ihren Anti-Song, die ersten – Evi Kehrstephan und Christoph Rothenbuchner – verlassen den vermeintlichen Garten Eden, bevor aus dem Berg Sinai der Mount Carmel wird. Hohenhövel und Katharina Klar erschlagen die Sabitzer-Figur.

Schade, dass Eder diese satirischen „When the going gets tough, the tough get going“-Situationen von Anfang bis Ausgang immer wieder platt tritt. Was bleibt sind Fragen über Fragen, und die einzige Antwort, die einmal über die schwarze Bühne, Stromsparen ist gleich Blackouts, flittert, lautet Douglas-Adams‘isch: 42. Die finale Message aus dem Schutzhaus: „Wenn dich diese Nachricht erreicht, sind wir vergessen und du bist der letzte Widerstand.“ Und der Chor, Echostimme dieser Endzeit, singt den Comedian-Harmonists-Hit „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück …“, bekanntlich das Lied zum Vorabend der Tausendjährigen Katastrophe.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=sz3mHFULAb8&feature=emb_logo

www.volkstheater.at

  1. 4. 2020

Volkstheater online: Die rote Zora und ihre Bande

April 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht stand Pate für die Heldischen Lausbuben

Die rote Zora und ihre Bande: Tobias Resch, Hanna Binder, Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Luka Vlatković. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Die rote Zora und ihre Bande“ aus dem Herbst 2018 dran – kostenlos zu streamen bis 20. April, 18 Uhr, auf www.volkstheater.at, dann wieder am 2. und 3. Mai. Inszeniert hat Robert Gerloff, der bereits in den Bezirken eine entfesselte „Stella“-

Version (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810) geboten hatte, und nach Titelrolle I Schauspielerin Hanna Binder auch in Titelrolle II besetzte. Das Ergebnis ist eine rundum geglückte, beglückende Bühnenfassung mit Balkanmusik und Bert Brecht, denn definitiv standen das Volkstheater-Ideal wie auch Erwin Piscators Proletarisches Theater bei der Produktion Pate.

Zwischen dem Hotel Zagreb und der Pekara/Bäckerei wird nicht nur im p.c.-Selbstversuch „serbokroatisches“ Reisfleisch serviert, sondern eine ordentliche Portion politischer Ansagen – Kapitalismuskritik, Solidarität als zwischenmenschliches Grundprinzip, Widerstand gegen Korruptions- und Freunderlwirtschaft, ein Plädoyer für die gesellschaftliche Integration sozialer Außenseiter … all das hatte der in Schweizer Emigration lebende Autor Kurt Kläber schon in seinem 1941 unter dem Pseudonym Kurt Held veröffentlichten Jugendbuchklassiker angelegt.

Nun packt Gerloff ein paar mit Gelächter und Szenenapplaus aufgenommene Seitenhiebe auf Zwölfstundentag vs bedingungsloses Grundeinkommen drauf, führt die Witzchen aber dankenswerterweise auf einer popkulturellen Meta-Ebene fort, etwa, wenn die Heldischen Lausbuben ganz Gentlemen im Versteck ihre Fight-Club-Regeln deklamieren, so dass die Aufführung für Kinder und ewig solche Gebliebene ein Vergnügen ist. Ein Spaß – jedoch durchbrochen von Szenen großer Ernsthaftigkeit, in denen das Schicksal der Zora-Bande daran erinnert, dass es unweit von Senj auch anno 2020 unbegleitete Minderjährige gibt.

Hanna Binder und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Angriff der Gymnasiasten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vlatković, Binder und Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine wahre, der deutsch-schweizerische Arbeiterdichter lernte auf einer Jugoslawienreise das Mädchen und ihre Mitstreiter kennen, und Hanna Binder spielt den Rotschopf als richtiges Rotzmensch, dessen – keineswegs nur für Heranwachsende gesunder – Aufruf zum zivilen Ungehorsam als lautes Indianergeheul übers kroatische Küstenstädtchen schallt. Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Tobias Resch begleiten die pubertierende Partisanin als ihr „Uskoken“ Nicola, Pavle und Ðuro. Eine queer-feministische, linke Eingreiftruppe gegen den Neoliberalismus, wobei Ðuro unter den Getreuen der zwiespältige Charakter ist, ist ihm das eigene Überleben doch Kampf genug.

Weshalb die Aufnahme des eben erst verwaisten Fischdiebs-aus-Hunger Branko notgedrungen zu Konflikten in der Viererbande führt. Luka Vlatković, der dieser Tage eigentlich live in Imre Lichtenberger Bozokis „Horses“ im Werk X-Petersplatz auf der Bühne stehen sollte, gestaltet den Branko als erst arglosen Gerechtigkeitsträumer – bis ihn eine kalte, brutale Welt seine Gedanken zur Faust ballen lässt. Dort wo die Ärmsten von den Armen stehlen, entwickelt er eine Robin-Hood-Sicht auf die Dinge, so dass das Tischgebet der Zoraisten „Lieber Gott, danke für nichts“ immerhin in ein, wenn auch moll-tönendes „Wir stehen zusammen“ münden kann – die Musik dazu von Imre Lichtenberger Bozoki, Susanna Gartmayer und Vladimir Kostadinovic.

Fürs temperamentvoll dargebotene Treiben lässt Bühnenbildnerin Gabriela Neubauer diese im Handumdrehen die Räume wechseln, vom Senjer Hauptplatz zur Burgruine zu Gorians Fischerhütte, schreit auf zweiterer Turm ein Uhu, hält Binder die entsprechende Klebertube in die Höhe, aber die schönste Szene ist ein Thunfisch-Ballett zwischen Wellen und Meeresufer, mit dem der Fang die erfolgreichen Angler feiert. Mit hohem Tempo werden auch die Kostüme gewechselt, Ruck-zuck-Umzüge, da viele im Ensemble mehrere Rollen stemmen.

Claudia Sabitzer ist neben Marktstandlerin und Müllerin auch der Bäcker Čurčin, der die Bande mit altbackenem Brot versorgt, „der gute Mensch von Senj“ sozusagen, war die Sabitzer doch diese Saison schon der Brecht’sche aus Sezuan (Regie ebenfalls Robert Gerloff, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, das nächste Mal gestreamt am 30. April). Stefan Suske schlüpft ins Tevje-Outfit des alten Gorian, ein friedliebender Philosoph dessen, was schon überholt schien, doch sich am Leben erhält, weil der Augenblick seiner Verwirklichung versäumt ward – um an dieser Stelle Adorno zu bemühen, und als solcher ein Seelenverwandter des von Gábor Biedermann verkörperten Polizisten Begović.

Das Thunfisch-Ballett vor Gorians Fischerhütte. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Günther Wiederschwinger und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch nächtens sucht ganz Senj die rote Zora und ihre Bande. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser oft genug Opfer des Zora-Slapsticks, da er von Ausbeuter Karaman – herrlich herrisch: Steffi Krautz mit Schnauzer und Wohlstandswampe – und dessen Bonze Bürgermeister – Günther Wiederschwinger mit Frack und Zylinder – zum Amtshandeln angehalten wird. Derart zwischen Pathos, Parodie und Parole geht’s im Ninjaschritt durchs Geschehen, gesungen werden der Geier-Song „Seid zur Freundschaft bereit“ aus dem Disney-Dschungel- buch und „Der schöne Sigismund“ aus dem „Weißen Rössl“, anklingen die Winnetou-Melodie und Ennio Morricones „The Good, the Bad and the Ugly“-Theme beim Trio-Auftritt Krautz, Biedermann, Wiederschwinger.

Die wahren Gegner Zoras in der faschistoiden Volksgemeinschaft sind aber die Gymnasiasten, mit denen man in Dauerfehde liegt, von Gerloff/Neubauer – wohl weil das bildungsferne Feindbild, wer viel lernt, hält sich für was Besseres, hier nicht zieht – als Burschenschafter in kornblumenblauer Wichs gekennzeichnet. Nach einem Marillendiebstahl des Korps beginnt die Zora-Bande einen Rachefeldzug gegen die Großkopferten und ihre Rich Kids, die Verwahrlosten ziehen gegen die Vermögenden, und als Gorian seine kleine Bucht an die von Karaman befehligte Fischfangindustrie abtreten soll, eskaliert die Situation. Mehrheitsgesellschaft, fuck you!

Der Song, der jetzt ertönt, „Das Meer erhebt sich, die Wellen steigen, mächtig wie die Bora ist die rote Zora“, Bora = ohne Vorwarnung plötzlich tobender Fallwind, klingt nun wirklich nach Brecht-Weill. „Könnt ihr selber denken?“, fragen die Uskoken denn auch Brecht’isch ins Publikum. Denn der Schluss kommt anders als im Roman, wo die Kinder nach Fürsprache Gorians von verschiedenen Kleinstädtern, Bauer, Bäcker, Fischer, auf- und in die Lehre genommen werden. Bei Gerloff gründet sich die Bande flugs neu – als Jungunternehmerkollektiv. „Keine Chefs, keine Befehle, keine Aktionäre“, frohlocken sie am Ende über ihr Selbstbestimmmungsrecht. Da hatte ihnen noch keiner gesagt, dass der Kunde beziehungsweise Auftraggeber um nichts weniger ein König ist.

Christine Nöstlingers feuerrote Friederike verläuft sich warum-auch-immer auf der Suche nach der Katze Kater nach Senj. Was insofern schade ist, da der Abend die Zuschauer bis dahin wahrlich intellektuell nicht unterfordert hatte, die Regie nun aber offenbar denkt, der dreißig Jahre älteren, weniger bekannten, eine hierzulande höchst berühmte Schwester in Frisur und Geiste zur Seite stellen zu müssen. Egal, weil: Jubel und Applaus. Und wenn sie nicht gestorben sind, start-upen sie noch heute …

www.volkstheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=3_K8sm11n-s&t=6s

  1. 4. 2020

Kosmos Theater online: Schwieriges Thema

April 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pubertät ist eine Baustelle

Erst knebelt der Elternchor den verstockten Sohnemann, dann fordert er eine Aussprache: Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki, Mehmet Sözer und Lukas Gander. Bild: Bettina Frenzel

Derzeit alles under construction, unfertig, erst im Werden, das Bühnenbild ein Baugerüst, so wie jenes knochige, das sich erst allmählich mit dem Fleisch der Volljährigkeit füllen wird. Bis dahin haben die Abdeckplanen noch allerhand zu verbergen, lästige Pickel und deren Luftpolster-Ausdrücken, knospende Busen, nicht steuerbare Beulen an anderer Stelle. Die Pubertät ist eine Baustelle, da sind sich Regisseurin Milena Michalek und Ausstatter Jonathan Penca sicher.

Gemeinsam mit dem Ensemble Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki, Lukas Gander und Mehmet Sözer haben sie das Stück „Schwieriges Thema“ entwickelt, die Eigenproduktion des Wiener Kosmos Theater nun bis 9. April, 18 Uhr, auf nachtkritik.de zu streamen – und keine Angst vor etwaigen Altersgrenzen: Die Pubertät ist eine universelle Erfahrung des Peinlichen, Ermahnungen, wie sie auf der im Wortsinn zum Spielplatz gewordenen -fläche fallen, klingeln einem heut‘ noch als elterlicher O-Ton-Tinnitus in den Ohren.

Mit Wortgewitztheit und Satzgliedschmäh macht sich die ironiebewehrte Viererbande über den Text her, macht ihn zur Sprechopernpartitur, in der Sprache mal musikalisch mäandert, mal zum Stakkato wird. Derart wechseln sie in Windeseile zwischen grad-noch-kindlich-naiv und altklug, von der Erwachsenenpersiflage zur Teenagerparodie, Prototypen allesamt, und wie sie da in kollektiven Gefühlsausbrüchen wegen falscher Körperproportionen aufheulen, den Beziehungsstatus Schon-wieder-Single als Lebensstil tarnen, Dissen und Tuscheln oder beim Abhängen über Abwesende ablästern, das ist immer genau auf Kurs gebracht.

Das Pubertier mutiert im Zimmerarrest … Bild: Bettina Frenzel

… zur Cronenberg’schen Stubenfliege: Lukas Gander … Bild: Bettina Frenzel

… und bleibt mit dieser kafkaesken Verwandlung nicht allein: Mehmet Sözer. Bild: Bettina Frenzel

Michalek und Team umschiffen mit Bravour die peinsame Klippe, auf welcher einen Teen-Slang im Erziehungsberechtigtenstatus gemeinhin auflaufen lässt, sie versuchen gar nicht, da was nachzuahmen, sondern finden zu einem eigenen, eigenwillig poetischen Ausdruck, der die Skurrilität der wie Sketche aneinandergereihten Situationen unterstreicht.

Schönste diesbezügliche Szene: Claudia Kainberger, Anne Kulbatzki und Mehmet Sözer als elterliche Dreieinigkeit, die ganz griechischer Tragödienchor über Zimmerzusammenräumen und die dortige Zigarettensuche bei angedrohtem Strafmaß Handy-Entzug klagt –  οἴμοι!, “ich mach’ alles für dich und du bist nur undankbar”, “glaubst du, für mich ist es einfach”, “kannst du dich nicht zusammenreißen?” – “einmal!” – der immergleiche, ewig währende Konflikt, der erst in einem Nie-sprichst-du-mit-mir, Lass-uns-darüber-reden gipfelt, als Sohnemann Lukas Gander längst gefesselt und geknebelt ist. Zimmerarrest!

„Es ist schon eklig, aber man gewöhnt sich daran“: Erziehungsberechtigte Anne Kulbatzki und Lukas Gander. Bild: Bettina Frenzel

„Man muss jeden Tag ein, zwei Gedanken haben, die niemandem nützen“: Mehmet Sözer und Claudia Kainberger. Bild: Bettina Frenzel

Der mutiert darauf mit allerlei Haushalts- und Baumarktkram zur Cronenberg’schen Stubenfliege samt Atemgerät-Saugrüssel als wär‘ die seine eine Prophetie der derzeitigen Körperkrise. „Es ist schon eklig, aber man gewöhnt sich daran“, erklärt er der fassungs- losen Mutter Kulbatzki sein Lieber-Insektoid-als-Schneebrunzer-Konzept, sein Flügge-Bleiben statt Hingesetzt-Haben, und seine kafkaeske Verwandlung bleibt nicht die einzige: Bald verwendet auch Claudia Kainberger Props fürs Puppenstadium, steht als Fabelwesen aus Plastik und Pappendeckel auf der Bühne,

Mehmet Sözer als bizarre Buckelzirpe mit ausladenden Kinderschi-Fortsätzen. Von Kopf bis Fuß insectum, ins Trash-Kostüm eingeschnitten, ist das Pubertier nun als Bug klassifiziert – im Sinne von Programmierfehler und des berühmten gleichnamigen Horrorfilms. In Rebel-without-a-cause-Attitüde geht’s ins Finale, ins anrührend zaghafte Einander-sexuell-Erforschen – „Wie sich ein echter Busen angreift? Warm und wabbelig“ -, durch einen Diffusheitsdschungel schwefelgelber Nebelschwaden und apokalyptisch dröhnender Rave-Musik, von der Teenie-Depri als gesamtgesellschaftliches Leiden über eine Beschimpfungsrunde auf die Kleinhäusler-

mentalität vieler Millenials zum abschließend lapidaren „Gemma zum Mäcki“. „Man muss jeden Tag ein, zwei Gedanken haben, die niemandem nützen“, philosophiert Sözer über den dargebotenen Nonsens mit Tief- und Hintersinn. Bevor er seine Assoziationsperlenkette „Der Narziss schaut die ganze Zeit in den See und denkt sich, what the fuck, ich weiß auch nicht“ mit einem Schlussstein verziert. Die Pubertät, sagt er nämlich, sei ein dunkles Kapitel gleich dem Mittelalter, „alles ist so bäh, jeder ist so lost, alles ist so rough und überall zieht’s, danach aber kommt die Renaissance“. Und das einer, die schon im Post-Post-Zeitalter ist!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=LwIEL8BXAPw

Zu sehen bis 9. April, 18 Uhr, auf: www.nachtkritik.de           kosmostheater.at

8. 4. 2020

Kosmos Theater: Das Werk

Januar 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Ziehen in den Schneidezähnen der Wahrnehmung

Keine Panik vor der Titanic: Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brower und Tamara Semzov als Persiflage eines literarischen Quartetts. Bild: Bettina Frenzel

Als Hintergrundgeräusch endlosschleift Freddy Quinn „Ich mach mir Sorgen / Sorgen um dich / Denk auch an morgen / denk auch an mich“ – der Vierzeiler über den Jungen, der bald wiederkommen möge, von Regisseurin Claudia Bossard allerdings auf ihre Zweifel an der Seligen-Insel Österreich umgemünzt. Kaum ein Monat, bevor am Akademietheater aktuell Politbalearisches von der Literaturnobelpreisträgerin uraufgeführt wird, hatte gestern im Kosmos Theater Elfriede Jelineks „Das Werk“ Premiere.

Dessen Thema: Kaprun2, heißt, dass die Autorin den Gletscherbahnbrand am Kitzsteinhorn im Jahr 2000 mit dem zeithistorischen Bau des Tauernkraftwerks verquickt, 155 Tote hie, in etwa ebenso viele da, Schifahrer und NS-Zwangsarbeiter und kein Schuldiggesprochener nirgendwo, stattdessen die Schaffung eines Mythos vom Unterwerfen der Natur durch Menschenhand als „eine patriotische Leistung des gesamten Bundesvolkes“ (© Karl Renner, Bundespräsident 1949).

So größenwahnsinnig der Kahlschlag, so gewaltig die Tragödie, auf die nun im Kosmos Theater – 20 Jahre nach der von ihrem wirtschaftlichen Kontext hurtig entkernten und medial noch fixer mit jenem Schicksalsbegriff ausgestatteten „Kaprun-Katastrophe“ – Rückschau gehalten wird. „Das Werk“ dabei eine Collage aus Zitaten und Zeitungsartikeln, Fachkommentaren und Fakten, eine Textmauer über die Staumauer, ein monomaner Monolog, den fünf Spieler parieren, pointieren, rhythmisieren, zerlegen und chorisch aufladen müssen. Und zu dem Jelinek regie-anweist: „Wie Sie das machen, ist mir inzwischen bekanntlich sowas von egal.“

Zusammengefasst, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Tamara Semzov, Lukas David Schmidt und Wojo van Brouwer machen’s virtuos. Claudia Bossard, die zuletzt am Haus mit ihrer Inszenierung der „Sprengkörperballade“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32624) überzeugte, schöpft aus den Jelinek’schen Satzkaskaden die Hybris als ihr zentrales Sujet, und dies mit einem Biss und einem Witz, dass es eine Freude ist. Bossard lässt ihr Ensemble nämlich nicht „Das …“, sondern Jelineks Werk verhandeln, in Form einer blasiert aufgeblähten Literaturkritikerrunde, jede Ähnlichkeit mit derlei real existierenden Fernsehformaten wohl alles andere als rein zufällig, die bei einem skurrilen Symposium im Über-Jelinek-Reden schwelgt.

Wojo van Brouwer, Alice Peterhans und Veronika Glatzner. Bild: Bettina Frenzel

Lukas David Schmidt. Bild: Bettina Frenzel

Veronika Glatzner, Alice Peterhans und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Die Mythos-Mäklerin wird derart selbst zu einem solchen, das Werk im doppelten Wortsinn zerkaut, verdaut, defäktiert, interpretiert wird, bis der Arzt kommt, denn eine Autorin, die ihre Gedanken nicht deklariert, muss sich mit dem Deuteln der anderen, oder wie’s hier gesagt wird: dem rezensentischen Dekonstruieren, abfinden. Prachtvoll ist diese Farce über blaugedroschene Werkforscherfragen, köstlich, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler Binnen-I-ronisch formulieren, beim Rezitieren pathetisch paraphrasieren, über die Übersetzung von Accident – Zufall/Unfall? – philosophieren. Zwischen den Zuschreibungen „Seismografin“ oder „Columba des Zeitgeists“ wird selbstverständlich der Selbstdarstellung gefrönt. Jeder der Diskutanten hatte schon seinen Jelinek-Moment, aus weiter Ferne und in der Furcht, die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin nur ja nicht zu stören, beim Zeitunglesen im Railjet oder beim Shoppen in der Münchner Maximilianstraße.

„Wie billig“, bemerkt dann einer übers teure Pflaster. „Es weiß doch wirklich jeder, dass Frau Jelinek dort eine Wohnung hat.“ Alice Peterhans zetert, sie empfinde Jelinek eigentlich als Lesetortur, als schmerzhaftes „Bohren in den Schneidezähnen meiner Wahrnehmung“. Gemeinsam mit Veronika Glatzner, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov wirft sie sich gehörig in Pose, alle vier als literarisches Quartett wahrhaft und in allen Nuancen akademischer Eitelkeit höchst amüsant. Von Elisabeth Weiß mit Club-2-Garderobe und Goiserern ausgestattet, wird über ein Österreich, das als Idee besser denn als Ausführung ist, kluggescheißert, soll Turnschuh-telefonisch eine Musikgruppe namens „Die Ur-Krainer“ um ein Jelinek-Statement gebeten werden.

Und mittendrin Lukas David Schmidt als Getränkekellner, der offenbar als einziger „Das Werk“, dies Denk-mal! der Wissenschaftsjargon-Jongleure, auswendig hersagen kann. Videokünstlerin Annalena Fröhlich macht die Sprachbilder visuell greifbar. Mit einem metaphorisch zu erklimmenden Worteisgebirge, ein garstig-karstiges Konterkarieren der Tourismushochburg Alpenland, an dem vorbei Fröhlich ab und an Monty-Phyton-like einen Riesenluxusliner schickt – der aber ohne Panik vor der Titanic elegant entlang der Spieler gleitet, zu einem – ebenfalls von Fröhlich – Soundtrack von Schlager bis Katastrophenfilm.

Illustre Runde rauchender Literaturkritiker: Lukas David Schmidt, Veronika Glatzner, Alice Peterhans, Wojo van Brouwer und Tamara Semzov. Bild: Bettina Frenzel

Nach knapp der Hälfte ist der Abend jelinekisch vom Feinsten. Längst hat man’s aufgegeben sinnerfassend zuzuhören, und beobachtet lieber, wie die, die’s beruflich können müssen, mit dem Abend umgehen. Nach Jelinek-Perücken und -Puppen hat Bossard nun mit deren Werk Betrachter die humoreske Metaschraube noch stärker angezogen. „Warum, Martin Heidegger, warum so schwierig?“, darf einer der Protagonisten den Insidergag jammern.

Und plötzlich wird man’s gewahr, das Ziehen in den Zähnen, die gnadenlose Grausamkeit der Gleichnisse, der Spaß hat mit dem Heimatbegriff-Usurpator die Kurve zum Schrecklichen gekratzt. Zitat Jelinek: „Der faschistische Philosoph Heidegger [hat] sozusagen das Eigene gegen das Fremde abgrenzen und bewahren wollen. […] Heidegger ist der, der davon spricht, dass diese Heimat denen gehört, die sie besitzen …“ Das Panorama wird brüchig, im Hintergrund stürzen Schlote in sich zusammen, im Monströsen entpuppt sich die Poesie und umgekehrt. Publikum und Bühnenpersonal sind da bereits vom Sog der Sprache verschluckt worden. „Das Werk“ im Kosmos – der mit Bravour geführte Beweis, wie groß eine Produktion im kleinen Rahmen sein kann!

kosmostheater.at           www.elfriedejelinek.com

  1. 1. 2020