Circus Roncalli: Storyteller. Gestern – Heute – Morgen

Oktober 6, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Poesie der Clownerie

Paolo Carillon erzählt eine poetische Eisenbahngeschichte. Bild: Circus Roncalli

Roncalli, das ist Gesamtkunstwerk auf dem Rathausplatz, das sind Fantasiewesen und skurrile Geschöpfe, die das Publikum schon lange vor dem Einlass abholen und in ihre Welt entführen, das ist der Kindheitsgeruch nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Roncalli, das sind die Clowns, die Pierrots, die Colombinen, die dummen Augusts, sie wie immer das Herz der Show.

Die einzige „Tiernummer“: eine Hommage an die Elefanten Footit & Chocolat. Bild: Circus Roncalli

Anatoli Akermann und Eddy Neumann crashen sich durch die Zirkusshow. Bild. Circus Roncalli

„Storyteller. Gestern – Heute – Morgen“ heißt die, die Roncalli-Gründer Bernhard Paul für die diesjährige Tournee seines Circus erdacht hat, und bis man endlich drinnen ist im Zelt, ist man dort längst angekommen, längst verzaubert, längst im Zirkusfieber. Minutenlang werden die Artisten schon anfangs mit Applaus bedacht. Für das hochkarätige Programm, durch das Weißclown-Conférencier Gensi und seine Kollegen Anatoli Akerman und Eddy Neumann, die sich mit ihrer spaßigen Art durch die Nummern crashen, führen, hat Bernhard Paul sich wieder einmal neu erfunden. Die Nostalgie früherer Shows ist natürlich da, das Sentiment und die leise Melancholie gehören zur Roncalli-Melange. Etwa, wenn Paolo Carillon und seine verrückten Maschinen – für seine neue Nummer trägt er einen dampfenden Lokomotivzylinder – jede harte Realität weichzeichnen. Oder Hamza Benini und Moustapha Niasse, die mit ihrer Hommage an Footit & Chocolat die einzige „Tiernummer“ im Programm sind.

Quincy Azzario ist die „Sharon Stone der Handstandkünste“. Bild: Circus Roncalli

Vivian Paul und Natalia Rossis sind die Queens of Baroque. Bild: Circus Roncalli

Doch auch diesmal sorgen viele junge, schon vielfach preisgekrönte Artisten mit ihren temperamentvollen Nummern für Tempo und modernes Flair. Schauen heißt Staunen, und Stimmung ist vom ersten Moment an. Neben der Poesie der Bilder besticht auch die akrobatische Leistung. Sehen Sie, was Sie noch nie gesehen haben! Etliche Darbietungen in dieser Form tatsächlich zum ersten Mal. Wie Quincy Azzario, die „Sharon Stone der Handstandkünste“, die gemeinsam mit ihrer Schwester bereits einen silbernen Clown in Monte Carlo gewann. Bei ihrer Solo-Darbietung begeistert die junge Akrobatin nun mit Trickfolgen, die nur ein sehr kleiner Kreis an Künstlern beherrscht. Von Anstrengung keine Spur, ebenso wie bei den Cedeños Brothers, die bei ihren beiden Auftritten die Schwerkraft aushebeln. Als Highlight fliegen die vier einmalig auf der Welt die „ikarische Passage“.

Die Cedeños Brothers hebeln bei der „ikarischen Passage“ die Schwerkraft aus. Bild: Circus Ronalli

Biegsame Grazien: die Bello Sisters bilden lebende Statuen. Bild: Circus Roncalli

Und mitten drin die Bernhard-Paul’sche Tochter: Vivian Paul, die im Jubiläumsprogramm mit einer Luftdarbietung begeisterte, hat jetzt mit Natalia Rossi die Aerial-Chandelier-Nummer „Queens of Baroque“ entwickelt. In höchster Höhe wirbeln die beiden in barocken Kostümen an einem edlen Kronleuchter. Auf feine, ästhetische, aus den Körpern gemalten Figuren folgen schwungvolle Trickfolgen bis hin zum gegenseitigen Nackenwirbel. Traumhaft schön zum Hinsehen, obwohl man wegen der Waghalsigkeit der Kunststücke mitunter auch mal wegsehen möchte. Ebenso verwegen, wenn auch auf dem Boden, ist der Auftritt der Bello Sisters, die zu dritt lebende Statuen erschaffen. Sie sind ein weiterer atemberaubender Höhepunkt der Show. Zu Recht bejubelt, bevor sich die Zuschauer mit bunten Luftballons beschenkt glücklich nach Hause träumen.

Bis 14. Oktober in Wien, danach in Graz und Linz.

www.roncalli.de

6. 10. 2018

Circus Roncalli: Reise zum Regenbogen

September 17, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehen, was Sie noch nie gesehen haben!

Paolo Carillon hüllt die Welt in sanft schillernde Seifenblasen. Bild: Circus Roncalli

Paolo Carillon hüllt die Welt in sanft schillernde Seifenblasen. Bild: Circus Roncalli

Roncalli, das ist Gesamtkunstwerk auf dem Rathausplatz, das sind Fantasiewesen und skurrile Geschöpfe, die das Publikum schon lange vor dem Einlass abholen und in ihre Welt entführen, das ist der Kindheitsgeruch nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Roncalli, das sind die Clowns, die Pierrots, die Colombinen, die dummen Augusts, sie wie immer das Herz der Show.

„Reise zum Regenbogen“ heißt die, die Roncalli-Gründer Bernhard Paul zum 40-Jahr-Jubiläum seines Circus erdacht hat, und bis man endlich drinnen ist im Zelt, ist man dort längst angekommen, längst verzaubert, längst im Zirkusfieber. Minutenlang werden sie mit Applaus bedacht, der Herr Direktor und sein Spektakel. Beide sind sie Wiener. Beide nun bis 16. Oktober in Wien zu sehen. Für das hochkarätige Programm, durch das Clown-Conférencier Gensi und seine Kollegen Anatoli Akerman und Ramon, der sich mit seiner spaßigen Art durch die Nummern crasht, führen, hat Bernhard Paul sich sozusagen neu erfunden. Die Nostalgie früherer Shows ist natürlich da, das Sentiment und die leise Melancholie gehören zur Roncalli-Melange. Etwa, wenn Paolo Carillon und seine verrückten Maschinen mit sanft schillernden Seifenblasen jede harte Realität weichzeichnen. Oder das Duo Pykhov. Seiltänzerin Yana, die auf einer von ihrem Mann sanft geschaukelten Mondsichel, Richtung Himmel schwebt.

Ai'Moko bezauberte das Publikum mit dem Cyr-Rad. Bild: Circus Roncalli

Clown-Akrobat Ai’Moko bezaubert das Publikum mit dem Cyr-Rad. Bild: Circus Roncalli

Jongleur Ty Tojo hebt eine alte Kunst auf eine völlig neue Stufe. Bild: Circus Roncalli

Jongleur Ty Tojo hebt eine alte Kunst auf eine völlig neue Stufe. Bild: Circus Roncalli

Doch diesmal sorgen auch viele junge, vielfach bereits preisgekrönte Artisten mit ihren temperamentvollen Nummern für Tempo und modernes Flair. Schauen heißt Staunen, und Stimmung ist vom ersten Moment an. Neben der Poesie der Bilder besticht auch die akrobatische Leistung. Sehen Sie, was Sie noch nie gesehen haben! Etliche Darbietungen in dieser Form tatsächlich zum ersten Mal. Ty Tojo, der 18-jährige Amerikaner mit japanischen Wurzeln, in Monaco bereits mit dem Newcommerpreis ausgezeichnet, hebt die Kunst der Jonglage auf eine neue Ebene. Scatman Robert Wicke beweist, dass man Beatboxen, Singen und Kekse essen gleichzeitig kann – und freilich fordert der Comedian die Zuschauer auf, es ihm gleich zu tun. Ohne mitzumachen kann man bei Roncalli nicht dabei sein.

Vivi Paul begeisterte das Publikum im Luftring. Bild: Circus Roncalli

Vivi Paul begeistert das Publikum im Luftring. Bild: Circus Roncalli

Lili Paul zeigte zum ersten Mal ihre Kontorsionsakrobatik. Bild: Circus Roncalli

Lili Paul zeigt Kontorsionsakrobatik. Bild: Circus Roncalli

Und mitten drin die beiden Töchter. Vivi Paul als Harlekina mit keckem Hütchen am Luftring und Lili Paul mit ihrer Kontorsionsakrobatik. Die Erstgeborene präsentiert sich mit Anmut und einem Augenzwinkern, ganz „alte Häsin“, das 17-jährige Nesthäkchen der Familie zeigt seine Kunst zum ersten Mal in der Manege. Nach dem Schlussapplaus zu schließen der Liebling des Publikums ist das Wunderwesen Ai’Moko, eine Erfindung des venezolanischen Clown-Akrobaten Aime Morales, das im surrealen Raum eines Cyr-Rads lebt und mit diesem einen anmutigen Konflikt um die eigene Daseinsberechtigung austrägt. Was der bereits hoch dekorierte Künstler da zeigt, ist etwas auch für Zirkuserfahrene völlig Neues.

Gleich dem Foucault'schen Pendel schwebt Lift durch die Luft. Bild: Circus Roncalli

Gleich dem Foucault’schen Pendel schwebt Lift durch die Luft. Bild: Circus Roncalli

Das Duo Pykhov balanciert auf der Mondsichel. Bild: Circus Roncalli

Das Duo Pykhov: Yana balanciert auf der Mondsichel. Bild: Circus Roncalli

Ebenso wie die Darbietung des fliegenden Quartetts namens Lift. Gleich einem Foucault’schen Pendel schwingen die beiden Herren ihre Partnerinnen durch die Luft, lassen sie, selbst nur von einem Hüftgurt gehalten, bis unter die Kuppel abheben. Das kanadisch-südamerikanische Kleeblatt hat mit dem Porteur Parallele ein neues Genre entwickelt und wurde dafür beim Paris Nachwuchszirkusfestival mit Silber belohnt. Die vier sind ein rasanter, ein atemberaubender Schlusspunkt der Show. Zu Recht bejubelt, bevor sich die Zuschauer mit bunten Luftballons beschenkt glücklich nach Hause träumen.

Nach Wien ab Oktober in Graz und ab November in Innsbruck.

www.roncalli.de

Wien, 16. 9. 2016

Justus Neumann kommt mit dem Circus Elysium

August 26, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Alzheimer Symphonie

Bild: Wolfgang Kalal

Bild: Wolfgang Kalal

Ab 3. September bis 9. Oktober zeigt Justus Neumann im Wiener Museumsquartier, Hof 2 im Zirkuszelt vor dem DSCHUNGEL WIEN, seine „Alzheimer Symphonie“. Inhalt: Ein alternder Schauspieler vergisst während einer Aufführung von Shakespeares König Lear, seinen Text. Die Erinnerung an seine Theaterwelt verschwimmt immer mehr und Verbindungen zu seiner Umgebung bröckeln langsam ab. Mit allen Tricks und Mitteln der Logik gegen das unaufhaltsame Vergessen anzukämpfen, ist vergeblich. Es schleicht sich langsam in alle Ecken seines Lebens. Er kann sich weder an die Namen seiner Söhne noch an das Gesicht seiner Mutter erinnern. Er findet seine Socken in der Suppe und isst sie, ohne die Situation zu hinterfragen. Eine Maschine ermöglicht ihm seinen Alltag zu bewältigen. Sie ist Küche mit Herd, Bad mit Dusche, Sportplatz und Bibliothek. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich dem Schicksal zu überlassen. Dadurch öffnet sich ihm eine neue Welt. Friede, statt Kampf mit sich selber tritt ein. “Alzheimer Symphonie” ist ein skurriles, musikalisches Maschinentheater, das die Qualitäten des Lebens bis ins Persönlichste hinterfragt und uns die Hoffnung geben kann, dass das Vergessen nichts anders ist, als die wunderbarste Befreiung von einem trostlosen Alltag und einem banalen Leben. Unbedingt sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=f7TpK1Wreao

Wien, 26. 8. 2013