Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Viennale 2016: Christopher Walken kommt vielleicht, John Carpenter ganz sicher nach Wien

August 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kompakteres Programm, verknapptes Budget

Einer der diesjährigen Höhepunkte wird der Tribute to Christopher Walken, hier in "At close Range". Bild: Viennale

Einer der diesjährigen Höhepunkte wird der Tribute to Christopher Walken, hier im Thriller in „At close Range“ / „Auf kurze Distanz“. Bild: Viennale

Namedropping ist seine Sache sonst nicht, diesmal allerdings schoss Hans Hurch sozusagen aus allen Rohren: Isabelle Huppert, Tilda Swinton, John Carpenter, Christopher Walken, sie werden erwartet, sind zumindest eingeladen, und die Chancen stehen so schlecht nicht, dass sie nach Wien kommen.

Die Damen sowieso. Altmeister Carpenter, der im Rahmen seiner Werkschau sogar ein Konzert in der Stadthalle geben wird (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19452), ist fix. Ob allerdings Wahnsinnsschauspieler Walken, der weder Computer noch Handy, dafür eine ausgewachsene Flugphobie hat, tatsächlich in Schwechat die Gangway heruntertänzeln wird, bleibt spannend.

Wie das Programm der diesjährigen Viennale, über deren Programm ihr Direktor am Freitagvormittag einen ersten Überblick gab. “Es wird eine Viennale mit ein bisschen weniger Filmen”, so Hurch, 200 statt wie im Vorjahr 230, die ab 20. Oktober zu sehen sein werden. Dauern wird das Festival bis 2. November und damit einen Tag kürzer als 2015. Man wolle so, sagt Hurch, „die Überschaubarkeit erhöhen“; offenbar gab es Rückmeldungen eines Publikums, das sich im opulenten Angebot verirrt hatte … Was bleibt ist ein exzellentes Programm, wie stets mit dem Anspruch, die beste Auswahl an den wesentlichen neuen Filme zu zeigen, die im vergangenen Jahr bei Festivals zwischen Cannes und Buenos Aires ihre Premiere erlebt haben, aber auch „abseits der von Markt und Medien ausgetretenen Pfade die eine oder andere ungewöhnliche Entdeckung zu machen“.

Isabelle Huppert in "L'Avenir". Bild: Viennale

Isabelle Huppert in „L’Avenir“ von Autorenfilmerin Mia Hansen-Löve. Bild: Viennale

"Peter Handke - Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte" von Corinna Belz. Bild: Viennale

„Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ von Corinna Belz. Bild: Viennale

In Sachen Spielfilm sind das dieses Jahr unter anderem die Episodenerzählung “Certain Women” von Kelly Reichardt mit Michelle Williams, Kristen Stewart und Laura Dern oder auch Don Cheadles Miles-Davies-Porträt “Miles Ahead”, Jim Jarmuschs „Paterson“  und Albert Serras „La Mort De Louis XIV“ mit Jean-Pierre Léaud in der Rolle des sterbenden französischen Sonnenkönigs. Isabelle Huppert ist sowohl in Mia Hansen-Löves “L’avenir” als auch in Paul Verhoevens “Elle” zu sehen. Punkto Dukumentarfilmen gibt es auch dieses Jahr einen kleinen Porträt-Schwerpunkt, etwa “Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte …” von Corinna Belz, “De Palma” über Regisseur Brian De Palma von Noah Baumbach und Jake Paltrow, “Eat That Question – Frank Zappa In His Own Words” von Thorsten Schütte oder den an verfänglichen Fotos gescheiterten US-Politaufsteiger Anthony Weiner in der Doku “Weiner” von Josh Kriegman und Elyse Steinberg.

Der österreichische Film: Von Händl Klaus bis Nikolaus Geyrhalter

An heimischen Filmen sind unter anderem Händl Klaus’ “Kater”, Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm “Homo Sapiens” oder der eben erst in Locarno gelaufene “Mister Universo” von Tizza Covi und Rainer Frimmel vertreten. Von Maya McKechneay gibt es “Sühnhaus”, von Georg Wasner “Accelerando” und von Valentin Hitz “Stille Reserven” – letzterer ein seltenes Beispiel für einen gelungenen Sci-Fi-Genrefilm aus Österreich, so Hurch.

Händl Klaus' "Kater". Bild: Viennale

Händl Klaus‘ „Kater“. Bild: Viennale

"Homo Sapiens" von Nikolaus Geyrhalter. Bild: Viennale

„Homo Sapiens“ von Nikolaus Geyrhalter. Bild: Viennale

Dancer in the Dark: A Tribute to Christopher Walken

Dem großen Charakterschauspieler Christopher Walken ist die Personale “Dancer in the Dark” gewidmet, er sei eine „der außergewöhnlichsten und eigenwilligsten Erscheinungen im amerikanischen Kino der letzten Jahrzehnte“, schwärmt Hurch. „Manchmal reicht schon ein einziger Cameo-Act von ihm, wie in ,True Romance‘, um einen Film ganz und gar unvergesslich zu machen.“ Obwohl wegen seines leicht sinistren Aussehens und eines ganz eigenen, singenden und von seltsamen Pausen skandierten Sprachduktus oft auf die Rolle des Bad Guy, des Outcast und des Psychopathen festgelegt, ist der Leinwandstar viel mehr als das. Walken ist ausgebildeter Tänzer, was bei seinen Auftritten immer wieder deutlich wird, und verfügt über eine höchst subtile Selbstironie. Die Viennale präsentiert in ihrem Tribute neben einigen seiner zentralen Arbeiten, darunter „The Deer Hunter“, „The Dead Zone“, „Catch Me If You Can“ oder „The Addiction“, auch weniger bekannte Filme sowie eine Reihe legendärer Sidesteps wie Auftritte im Musikvideo „Weapon Of Choice“ von Fatboy Slim oder die abgründig witzige Episode „More Cowbells“ aus dem Programm von Saturday Night Live.

Filmavantgardist Peter Hutton zu Gast bei der Viennale 2007. Bild: Viennale

Der amerikanische Filmavantgardist Peter Hutton zu Gast bei der Viennale 2007. Bild: Viennale

"Three Landscapes" von Peter Hutton aus dem Jahr 2013. Bild: Viennale

„Three Landscapes“ von Peter Hutton aus dem Jahr 2013. Bild: Viennale

Mit dem Titel “Time and Tide” ist eine Retrospektive zum Oeuvre des erst vor wenigen Wochen im Alter von 71 Jahren verstorbenen Avantgardisten des US-Kinos Peter Hutton angesetzt. Unter seinen Filmen finden sich Städteporträts und Architekturbeschreibungen, Industriestudien und private Notizen und als immer wiederkehrendes Motiv das Meer, das Hutton über viele Jahre hinweg als Matrose bereiste. Bei der weiteren großen Retrospektive “Ein Zweites Leben -Thema und Variation im Film” im Filmmuseum besieht man sich, was hinter den Begriffen „Remake“, „Sequel“, „Prequel“, „Reboot“ und „Spin-off“  steckt, von Fritz Langs „M“ bis zu Hitchcocks „The Man Who Knew Too Much“. Mit Robert Land wird ein weithin unbekannter österreichischer Filmemacher wiederentdeckt, der 1938 auf der Flucht vor den Nazis starb. Neu eingeführt wird eine kleine Serie mit dem Titel „Analog Pleasure“.

Das Budget für dieses Angebot könnte allerdings gegenüber 2015 um 70.000 Euro gekürzt werden. Er beklage sich zwar bei einem Gesamtbetrag von 2,7 Millionen Euro nicht wirklich, aber die Verwertungsgesellschaften könnten wegen eines laufenden Prozesses ihren Beitrag nicht leisten und auch die Stadt Wien dürfte weniger beitragen, wobei die Verhandlungen hier noch liefen, sagt Hurch. Der außerdem ausdrücklich betont, dass die Verkleinerung des Programms nichts mit dieser finanziellen Sondersituation zu tun habe. Eine gute Nachricht noch zum Schluss: Es gibt nach einer kurzen Pause und den damit verbundenen Protesten heuer wieder die legendären Dragee Keksi beim Festival. “Neben der Viennale-Tasche scheinen die Dragee Keksi für viele Menschen der Hauptgrund zu sein, zur Viennale zu kommen”, schmunzelt Hurch. Apropos, wie wird die Tasche dieses Jahr eigentlich aussehen?

www.viennale.at

Wien, 19. 8. 2016

Remember – der neue Film von Atom Egoyan

Mai 9, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Christopher Plummer brilliert als dementer Nazijäger

Christopher Plummer: Ein alter, angeschlagener Wolf ist auf der Jagd. Bild: ©Tiberius Film

Christopher Plummer: Ein alter, angeschlagener Wolf ist auf der Jagd. Bild: © Tiberius Film

Nun hat es der kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan also wieder geschafft zu polarisieren. Die Übersee-Rezensionen zu seinem neuen Film „Remember“, der am 13. Mai in den heimischen Kinos anläuft, fahren Achterbahn, die Urteile liegen zwischen „Darf er das?“ und „Muss das sein?“ und die Antwort lautet in beiden Fällen: Ja.

Egoyan erzählt einmal mehr vom Genozid, diesmal von der Shoa, aber „Remember“ ist kein Holocaustfilm im herkömmlichen Sinne, er ist wie ein Agententhriller, in dem angegraute, angeschlagene, angezählte Wölfe sich ein letztes Mal gegen den Feind aufbäumen. Der Held, von den Umständen verwirrt, muss sein Leid immer wieder von Neuem erfahren, humpelt von Falle zu Falle und wird am Ende mit einer Wahrheit konfrontiert, die schrecklicher ist als der Kopf es sich vorstellen konnte. Egoyans Arbeit ist wie gewohnt ein Puzzle, ein Vexierspiel, die Erzählung verschachtelt und konstruiert, wie immer geht es um Identität und Verlust oder Verleugnung derselben, und mag man dem Erstlingsdrehbuch von Benjamin August auch vorwerfen, dass vieles schnell durchschaubar ist, so entschädigt doch der spionage-genrige Showdown am Schluss.

Überragend und über jeden Zweifel erhaben ist die schauspielerische Leistung von Protagonist Christopher Plummer, dem die illustre Kollegenriege Martin Landau, Bruno Ganz und Jürgen Prochnow zur Seite steht. Ihn, Plummer, hat Egoyan inszeniert, ihm gehört die ganze Aufmerksamkeit, die Kamera von Paul Sarossy umkreist ihn unablässig, verweilt auf diesem zerfurchten Gesicht und fängt dort jede Emotion auf. Die instabile Kamera steht dabei nicht nur für den emotionalen, sondern auch für den körperlichen Zustand, den Zerfall der Hauptfigur. Ein passendes Bild für das Grauen in dieser Geschichte.

Denn Zev Guttman, Plummers Figur, ist dement, er lebt im Altersheim, seine Frau ist vor zwei Wochen verstorben und noch immer ruft er jeden Morgen nach ihr. Er hat einen Freund, Max Zucker, gespielt von Martin Landau, und der nun eine Mission für ihn: Töte den Mann, der in Auschwitz unsere Familien getötet hat. „Remember“, das ist hier ein Aufruf, ein „Erinnere dich!“, denn der ehemalige Mitarbeiter des Simon-Wiesenthal-Centers sitzt im Rollstuhl und braucht Zevs gesunde Beine, um seine Lebensaufgabe zu erfüllen. Max will nicht Recht, sondern schlicht Rache. Doch die Sache hat einen Haken. Der KZ-Aufseher Otto Wallisch ist unter dem von einem seiner Opfer angenommenen Namen Rudy Kurlander untergetaucht – und von denen hat Max vier gefunden. So beginnt für Zev eine Reise, die ihn von Cleveland bis Kanada führt. Auf der Suche nach dem richtigen, nach dem zu richtenden Schuldigen.

Egoyan erzählt das ohne die oft üblichen Rückblenden. Die Todesmaschinerie des Dritten Reichs bleibt subtile Andeutung, etwa in Zevs Angst vor scharfen Hunden oder seinem Aufhorchen beim Wort „Flüchtling“. Dass er in der Badewanne Richtung Duschkopf sinniert, hätt’s da gar nicht gebraucht, denn es versteht sich auch so, wie Egoyan die Brücke ins Heute schlägt, wenn er ein Amerika zeigt, in dem Alltagsfaschisten und Antisemiten fröhliche Urständ‘ feiern. Sehr schön eine Szene, in der Zev, ein ganz offensichtlich wirrer Greis, ohne Widerrede eine Waffe kaufen kann. Er hat einen Führerschein, nach mehr wird nicht gefragt, obwohl klar ist, dass dieser Mann längst nicht mehr Autofahren kann, für das Betätigen des Abzugs wird’s schon noch reichen. Max hat Zev einen Brief mitgegeben, in dem er die Anweisungen täglich mehrmals aufs Neue liest, weil ja schon wieder vergessen, und damit er nicht vergißt, den Brief zu lesen, hat er sich die Erinnerung daran als Notiz aufs Handgelenk geschrieben. Eine bittere Ironie, dass ein Mann, der sich kaum die Gegenwart merken kann, eine 70 Jahre zurückliegende Vergangenheit rekonstruieren soll. Martin Landau ist ganz großartig als stoisches Mastermind, der die Dinge aus der Ferne dirigiert.

Und so reist Zev „ferngesteuert“ von Kurlander zu Kurlander. Findet in Bruno Ganz einen niemals aus der Verblendung erwachten Ewiggestrigen, ein kurzer Auftritt nur des Iffland-Ring-Trägers, aber natürlich so markant, wie man es von diesem Ausnahmeschauspieler gewohnt ist, in Dean Norris einen Neonazi, eine gefährliche, gescheiterte Existenz, die die SS-Devotionaliensammlung des verstorbenen Vaters wie einen Schatz hütet, und in Jürgen Prochnow den gutsituierten Verdränger, einen Täter, der sein selbst zusammengezimmertes Opferschicksal mittlerweile fast schon glaubt. Prochnow glänzt in dieser Rolle als gutmütiger Großvater hinter dessen altersmilder Fassade die Vergangenheit wie ein Raubtier lauert. Und während sein Sohn Charles ihn fieberhaft sucht, findet Zev heraus, wer in Wahrheit Otto Wallisch ist …

Martin Landau (re.) als Mastermind Max leitet die Operation Kurlander. Bild: ©Tiberius Film

Martin Landau (re.) als Mastermind Max Zucker leitet die Operation vom Rollstuhl aus. Bild: ©Tiberius Film

Nur ein Durchschnittsnazi: Bruno Ganz (li.) als Rudy Kurlander # 1 ist nicht der Gesuchte. Bild: ©Tiberius Film

Nur ein Durchschnittsnazi: Bruno Ganz (li.) als Rudy Kurlander # 1 ist nicht der Gesuchte. Bild: © Tiberius Film

Der nette Opi von nebenan: Jürgen Prochnow (li.) als Kurlander # 4. Bild: ©Tiberius Film

Der nette, gefährliche Opi von nebenan: Jürgen Prochnow (li.) als Kurlander # 4. Bild: © Tiberius Film

Er habe „Chris in seiner unglaublichen Vitalität ein wenig einschränken müssen“, erzählt Egoyan über die Dreharbeiten. Und tatsächlich spielt Plummer sehr reduziert, sehr zurückhaltend, spielt die ganze Mühsamkeit des Altwerdens mit ermüdend langsamem Schlurfgang und ratlos hängendem Blick, und dann plötzlich ein Aufblitzen, der Wolf ist noch da und er wird zuschlagen. Plummer gelingt eine beeindruckende Gratwanderung zwischen Sein und Nichtmehrsein, er schafft es, mit seiner Charakterdarstellung einen Film zu verorten, der mitunter mittelschwer an der Skizzenhaftigkeit des Plots krankt. Sein Agieren zeigt Zevs stilles Aufbegehren gegen das eigene und das gesellschaftliche Verstummen, eine Aufforderung, die letzten Zeitzeugen zu hören, jetzt dringender denn je.

Zevs Weg führt von Pflegeheim zu Geriatrie zu Hospiz, und es mag auch die ständige Anwesenheit dieser ans immanente Ende gemahnenden Unorte gewesen sein, die manchen Filmkritiker verunsichert hat. Doch Zevs ungesunde Albtraumfahrt in die Vergangenheit verweist auf ein Erbe, das immer noch weitergegeben wird. Die Untoten leben, wenn Dean Norris‘ Figur „etwas Aufregendes“ aus einem KZ hören will, wenn ihm der Ekel ins Gesicht geschrieben steht, weil er erkennt, dass er einen Juden, einen Andersgläubigen! bewirtet hat. Und Zev fällt wieder in diesen neuen, alten Strudel von Wahnsinn und Gewalt.

„Remember“ ist ein beklemmender Film darüber, wie Geschichte immer wieder von vorne beginnen muss. Man mag ihn für ein wenig bemüht halten, doch die Postings dazu, die ihren Hass über Menschen anderer Hautfarbe, Religion, sexueller Identität – es wird auch ein homosexuelles Opfer des Naziterrors gezeigt – auskotzen, beweisen, dass Egoyan mit seinem düsteren Roadmovie einen Nerv getroffen hat. Neben dem fulminanten Cast macht auch das die (Facebook-Zitat:) „Scheiße, die niemand mehr sehen kann“ auf alle Fälle sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=vFxXCoprNqc , Trailer in Deutsch: www.youtube.com/watch?v=6HXTIvSxvX4

www.rememberthemovie.com

Wien, 9. 5. 2016

Burgtheater: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße

März 21, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen

Die Unschuldigen und "Ich" - Christopher Nell Bild: Monika Rittershaus

Die Unschuldigen und „Ich“ – Christopher Nell
Bild: Monika Rittershaus

Als gleich zu Beginn die Ruine einer Imbissstube oder Bushaltestelle oder Bedürfnisanstalt mit Getöse aus dem Boden fährt, ist klar: Hier wird mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen ans Werk gegangen. Ein Glück. Denn ohne Claus Peymann und seinen Ideenreichtum und die glänzenden Schauspieler des Burgtheaters und des Berliner Ensembles wäre dieser Abend nicht auszuhalten. Auch so fielen ringsum einige Augenpaare zu, wurde die Pause von etlichen zum geeigneten Fluchtzeitpunkt erwählt. „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ ist naturgemäß nicht Peymanns erster Peter Handke. Aber mutmaßlich noch nie musste der gewiefte Theaterfuchs so tief in die Trickkiste greifen, um gegen das autobiografische Therapieschreiben des großen Dichters anzuinszenieren.

Freilich ist der pseudopoetische Text, der drei Stunden lang an sich selbst entlangmäandert, kein ausgewiesenes Alter-Ego-Drama, und doch … eine tiefenpsychologische Nasenbohrung, eine verquatschte Nabelschau. Denn Handke entwirft sein Bühnen-„Ich“ – im Wechsel zwischen „Ich, Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“, entwirft also sich als eine Art Wladimir ohne Estragon, der Gott an sich und der Welt im Besonderen seinen Senf beigibt. Das ist in der ersten Stunde neckisch, dann ein Spiel von der Frage, wie lange das szenisch durchzubringen ist. Peymann hat alles dazu unternommen und viel erreicht. Es ist in diesem neuerlichen Kräftemessen der beiden alten Kampfgefährten so, als würde Peymann eine Seite an Handke (er)kennen, die der selbst gar nicht so sieht: er macht den Moralisten zum Humoristen, zum sanften Satiriker am Menschsein. Und erste Kräfte stehen ihm dabei zur Seite.

Christopher Nell beschreitet als „Ich“ die lebenslangen Kalvarienbergstationen dieses anderen, autorenschaftlichen Ichs. Und er tut das umwerfend großartig. Kein Sommerbrand, kein Winterwind kann ihn aus der von Karl-Ernst Herrmann hell erleuchteten Steilkurve tragen, stets spielt er an der Kippe des Möglichen, sich selbst aufs Spiel setzend. Seine mit Kleinodien aus dem klassischen Zitatenschatzkästchen und Kirchenliedern gespickte Suada weist ihn als geschwätzig altkluges Bildungsbürscherl aus, und diesbezüglich bleibt er kein rarer Vogel, wenn er sich derart zugerüstet in Kapitalismus-, Kulturismus-, wasauchimmer-ismuskritik übt, immer noch stürmisch kollektiv-kärntnerische Erinnerungsarbeit leistet, sich am Mutter-Sohn- und weiteren Mann-Frau-Konflikten abarbeitet. „Nofretete!“ ruft er beim Anblick von Maria Happel, „heißt das nicht: Die Schönheit ist erschienen!? La beauté est apparue. La belleza e aparecida.“ Ein Schelm, wer dabei an sich selbstvergewissernde Hirnwichserei denkt. Dass Nell zu alldem ein Orchester an darstellerischen Instrumenten bedienen kann, mal im Big-Band-Sound, mal wie als Violinsolo die Gemütsregungen eines sich der Öffentlichkeit Aussetzenden durchleidet, ist große Kunst. In seinen schönsten Momente lässt der Schauspieler dessen latent allmachtsfantastische Anwandlungen durchscheinen, alles kontrollieren zu wollen, was an der Landstraße passiert. Das Genie glaubt sich zwischen Wahn und Sinn.

Und wie um nicht an sich selber zu ersaufen gibt’s deshalb Texteinsprengsel à la „Ich meines Mannes um und auf, und er mein Drum und Drauf“ (Happel als kichernd-glucksende „Wortführerin“) oder, und dies der persönliche Favorit, „Die Schnepfe des Lebens schwebt vorbei, nur ein guter Schütze kann sie fassen“ (Regina Fritsch als domina-nte „Unbekannte“). Derlei ornithologische Ausführungen lassen einen doch fassungslos zurück. Peymann zeigt dazu die Unschuldigen als an Handyfonitis leidend, was ältere Herren am heute halt so aufregt. Müsste man in Verzweiflung anfangen in Allegorien zu denken, man könnte das „Ich“ als Autor interpretieren, den „Wortführer“ als dessen Regisseur, quasi Fundi und Realo des Bühnenbetriebs, weshalb zwischen beiden auch eine existenzielle Degenfechterei stattfindet, und die „Wortführerin“, sich anbietend, anbiedernd, verletzt bis zur Vernarbung, als das Theatrale an sich. Dann bliebe für die „Unschuldigen“ die Rolle des unbedarften Publikums, der Part einer von der Künstlergeistesgröße unterstellt ahnungslosen Mehrheitsbewegung, die Masse liebt Dichte, nicht Dichter. Die „Unbekannte“ aber ist das Erklärende, Rezensierende oder zumindest sich daran Versuchende. Nur ein Gedankenspiel, während es an der Rampe more of the same und eine Handvoll Plastikkletten gab …

Martin Schwab gibt den „Wortführer“ rülpsend und Kaugummifäden ziehend mit Alt-68er-Zopferl. Er ist ein Bedeutungsgläubiger, der die Anklage führt, dass hier weder Antworten noch Informationen geboten werden, und muss sich deshalb als „ewig Heutiger“ schimpfen lassen. Das alles ist der typische Fall, wo einer oberg’scheit vor sich hin salbadert und die, die nix verstehen vorsichtshalber „Ja, ja!“ sagen, um angesichts der Großwortssucht nicht dumm dazustehen. Muss ich mir’s dort dazu denken, wo man mir nichts zu sagen hat? Von der Seite schneit es alte Fahrscheine, Rechnungen, Kinokartenabrisse, Einkaufsgutscheine, Papierschnipsel des Lebens, man kann sie an der Literaturlandstraße auflesen. Explodiert mitten im Handke-Hochamt prätentiös eine Monstranz. Stirbt die Happel mit zuckenden Beinchen den Theatertod, als wär’s eine Reminiszenz an Heinrich Schweiger als Claudius im Brandauer-Hamlet. Als schließlich mit dem Ende kein Ende gefunden werden kann, fühlt man sich in diesem Beliebigkeitskanon an Ressentiments und Räsonierereien endlich aufgenommen, das kennt man, schon die Hände zum Schlussapplaus in die Höh‘ gerungen, und doch kriegt man noch eins drauf.

Unterm Strich also: Hat Peymann Handke von seiner Bedeutungsschwangerschaft entbunden. Hat mit verschmitzter Verspieltheit den verzwickten Diskurs der Prosa/Drama-Queen applaniert. Hat den Abgehobenheitstext des weltflüchtigen nicht Wut-, sondern vielmehr Grummelbürgers geerdet. Dass das aufgrund der mangelnden Kohärenz der Vorlage eine ebenso sinnbefreite Kunstgewerbeübung ist, wie manche meinen, lässt sich so nicht sagen. Immerhin kann man sich von viel Theaterzauber behexen lassen.

www.christopher-nell.de

www.burgtheater.at

Wien, 21. 3. 2016

Einer von uns

November 10, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Stiller Film über den tödlichen Schuss im Supermarkt

Jack Hofer und Markus Schleinzer Bild: © Filmladen Filmverleih

Jack Hofer und Markus Schleinzer
Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wir werden rausgehen, eure Welt erobern“, singt der österreichische Rapper Gerard. „Im Labyrinth des Lebens durch die Wände gehen“, das ist es auch, was die Protagonisten auf der Leinwand wollen. „Blaulicht“, so der Titel von Gerards aktuellem Album, ist hier die Grundstimmung. Der Wiener Medienkünstler Stephan Richter legt mit dem Film „Einer von uns“, der am 20. November in den Kinos anläuft, sein Regiedebüt vor. Darin geht es um einen Vorfall, der sich im Sommer 2009 in Niederösterreich ereignete. Ein junger Einbrecher wird in einem Supermarkt bei Krems erschossen – von hinten, von einem Polizisten. Der Tote ist 14 Jahre alt. Das Ganze sollte für ihn offenbar eine Mutprobe sein. Der Schütze gab bei der Gerichtsverhandlung an, er habe „aus Furcht“ geschossen und „wohl  überreagiert“ – und bekam acht Monate Haft bedingt. Ausführlicher untersucht wurde der Fall nicht. Bis heute sind Fragen offen.

Julian liegt im Zentrum des Bildes, gerade getroffen, ein toter Körper im Gang zwischen Supermarktregalen, auf blank poliertem Boden, angestrahlt von kaltem Neonlicht. So beginnt und endet der Film, ein Stück stiller Trauer über etwas Unbegreifbares; er ist kühl und zart zugleich, empathisch, aber ohne falsches Pathos. Regisseur Richter hält sich die Realität vom Leibe. Er hat bei seinen Recherchen genug davon erfahren. So wie er filmt, könnte dieses Beispiel für unnötige Polizeigewalt, für ein außer Kontrolle geratenes System, in jedem europäischen Banlieue, auch in den USA, in Ferguson etwa, stattgefunden haben. Der Drehbuchautor Richter hält Distanz zu seiner Handlung. Er will „Wahrheit“, wessen auch immer, nicht rekonstruieren. Wie andere es tun. „Ich erinnere an Michael Jeannées fürchterlichen Kommentar in der Kronen Zeitung: ,Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist alt genug zum Sterben'“, sagt er im Interview über erhobene Zeigefinger. Und befragt nach dem Beweggrund für den Film: „Es geht darum ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was da überhaupt passiert ist und dass wir, also die Gesellschaft, das sicher nicht wollen. Es ist den meisten Leuten nicht bewusst, dass da ein Kind erschossen wurde. Aber das ist nun mal Fakt, das kann man drehen und wenden, wie man will.“

Gedreht hat Richter mithilfe der prägnant analytischen Fotografie von Enzo Brandner. Produzent Arash T. Riahi schlug den Meister der Handkamera als Kameramann vor. Brandners Bilder sind meditativ. Langsam und mörderisch ruhig gleitet er über Vorstadt-Betonwüsten, zeigt die Tristesse im Antiidyll, fährt entlang von Kühltruhen und Warenreihen. In dieser kalten Industriearchitektur ist kein Platz für menschliche Wärme, zwischen all dem toten Fleisch keiner für zuckend lebendiges. Der Supermarkt als stummer Beobachter ist ein klassischer Unort. Er schafft Sehnsüchte, deren Erfüllung er nicht einlösen kann. In seiner von Brandner perfekt eingefangenen unheimlichen Präsenz ist der Supermarkt der Bösewicht des Films. Auch er verweist auf die Universalität des dargestellten Problems: Die Regal-Welt als kapitalistisches Gesellschaftsgefüge, das längst vor dem Kollaps steht. Und darin Erwachsene, die für den Apparat (Konsum-)Lügen am Leben erhalten, denen die nächste Generation zum Opfer fallen muss.

Dagegen rebellieren Jack Hofer als Julian und Simon Morzé als Marko. Gegen diese Hüter der alten Ordnung. Wie beiläufig spielen die beiden die Buben. Auf Mamas x-te Ermahnung regiert man gelangweilt, den Filialleiter, schön spießig von Markus Schleinzer verkörpert, der weiß, wie man „Hierarchie“ schon durch Körperhaltung ausdrückt, versucht man auszutricksen. Was zählt sind HipHop und Techno aus den Kopfhörern, Energydrinks mit Wodka, subversive Graffitis und – schnelle Autos. Die Metapher für Freiheit und Selbstbestimmung. Rasen, was die Karre aushält. In den Regionen, in denen der Film spielt, fahren sich viele Jugendliche an die Wand. Mit seinen unterspielten Dialogen trifft Richter den Tonfall zwischen Angepasstseinmüssen und deswegen Aggression genau. Die Sache nimmt Fahrt auf, als der Möchtegernganove Victor mitmischt. Er ist cool, eben weil er ein Auto hat. Christopher Schärf verleiht ihm die Attitüde eines James Franco in „Spring Breakers“, sein Victor ist wie eine Reverenz an die amerikanische Popkultur. Ein „Alien“, der ein paar Arglose in sein Biotop befördert. Wer sagt, derlei wäre ihm als Teenager nie passiert, der …

Andreas Lust und Birgit Linauer spielen die Polizisten, die durch einen stillen Alarm zum Supermarkt gerufen werden. Zwei erschöpfte Menschen mittleren Alters, die den Vorfall eigentlich schnell als Fehlalarm abhaken und sich wieder ins Auto setzen wollen. „Arschloch“, murmelt Lust nach dem Schuss noch. Am Morgen danach fährt der Reinigungsdienst durch die Korridore des Geschäfts, als wäre nichts geschehen. In fatalistischer Haneke-Tradition wird einem hier jeder Hoffnungsschimmer vorenthalten. Schimmern darf nur auf die Fliesen auslaufendes Waschmittel. Es rinnt stellvertretend für das Blut, das der Film nicht zeigt. Wie es dem Polizisten jetzt geht, wäre spannend zu erfahren …  Wer „Einer von uns“ ist, ist am Ende nicht klar. Julian oder der Polizist? „Einer von uns“ ist ein Film der Zwischentöne und der kleinen Gesten, in dem das Unausgesprochene schwerer wiegt als das Gesagte. Stephan Richter sagt noch etwas: „Ich wollte weder Jugendliche noch Polizisten in irgendeiner Weise schonen oder zu brav und diplomatisch arbeiten, um Kritik aus dem Weg zu gehen. Was ich zeige, ist vielleicht polizeikritisch, aber nicht polizeifeindlich. Jeder vernünftige Polizist wird einsehen, dass im Fall Florian P. einiges schief gelaufen ist und hier ein Bedarf an Aufarbeitung besteht.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=fTZo4pTnLIE

www.einervonuns.at

www.oneofus-movie.com

Wien, 10. 11. 2015