Der Mann, der seine Haut verkaufte

März 4, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Syrien-Krieg und die Wimmerl-Katastrophe

Trägt das für ihn unerreichbar gewesene Schengen-Visum als Tattoo-Kunstwerk: Yahya Mahayni als Sam Ali. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Welt huldigt dem Mammon, die Kunstwelt errichtet ihm Altäre, und dies System als wertschöpfend statt schöpferisch bloßzustellen, geht selbst für die Großen unter den Kritikerinnen und Kritikern meist in die Binsen. Ein Beispiel: Als der Street Artist Banksy sein bei Sotheby’s London zur Versteigerung freigegebenes „The Girl with Balloon“ schredderte, um ein Zeichen gegen den Kunst- kommerz zu setzen, hielt sich das Entsetzen der Bieterinnen und Bieter nur kurz.

Neu zusammengesetzt als „Love is in the Bin“ brachte das Werk nämlich 18,5 statt 1,04 Millionen Pfund ein. Tja. Der tunesischen Regisseurin und Drehbuchautorin Kaouther Ben Hania gelingt es mit ihrem Film „Der Mann, der seine Haut verkaufte“, derzeit im Kino, diese Realsatire mit bitterbösem Sarkasmus und einem Hauch Melancholie zu toppen. Sage keiner, die beiden Begriffe würden sich ausschließen, Ben Hania schafft den tragikomödiantischen Kniff, der ihr bereits den Friedenspreis des Deutschen Films, eine Auszeichnung bei den Prix Lumières, zwei in Venedig, eine davon der Darstellerpreis für Yahya Mahayni, und – als erstem tunesischen – eine Oscar-Nominierung als Bester internationaler Film einbrachte.

Die Story basiert auf der Geschichte eines menschlichen Kunstwerks namens „Tim“ des belgischen Konzeptkünstlers Wim Delvoye, der 2008 eine aufwendige Punk-Kreuzigungsszene auf den Rücken des Zürcher Tattoo-Studio-Besitzers Tim Steiner tätowierte. Der sich gegen Bezahlung dazu bereit erklärte, sich in Galerien zu präsentieren und nach seinem Tod die tätowierte Haut entfernen und ausstellen zu lassen. „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ erzählt nun von einem faustischen Pakt, der Delvoyes umstrittene Arbeit um eine politische Dimension erweitert, verwebt Ben Hania für ihren Film doch den Syrien-Krieg mit den Fallstricken der europäischen Migrationspolitik.

Weil der Syrer Sam Ali im Zug beim spontanen Verlobungstanz mit seiner Geliebten Abeer ruft: „Ich bin die Revolution, wir wollen Freiheit!“, wird er verhaftet und kann nur mit knapper Not nach Beirut entkommen. Dort sitzt er fest, während Abeer (zart und grazil, aber ein wenig zu passiv angelegt: die französische Theaterschauspielerin Dea Liane) von ihrer Familie gezwungen wird, den in sie verliebten Botschaftsangestellten Zaid zu heiraten und mit ihm nach Brüssel zu gehen. Klar, dass auch Sam nach Belgien will, aber vorerst schmuggelt er sich in Vernissagen ein, um ein Abendessen in Form von Häppchen und ja, auch Champagner, zu stibitzen.

Sam und Abeer feiern Verlobung im Zug: Yahya Mahayni und Dea Liane. Bild: © Filmladen Filmverleih

Fotosession mit Künstler Jeffrey Godefroi: Yahya Mahayni und Koen De Bouw. Bild: © Filmladen Filmverleih

Ausstellungsobjekt in den Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique: Yahya Mahayni als Sam. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sam wird versteigert und geht für fünf Millionen Pfund an einen Kunstsammler: Yahya Mahayni. Bild: © Filmladen Filmverleih

Da entdeckt ihn am „Gratisbuffet“ die Händlerin des ausstellenden Künstlers, Soraya Waldy, Monica Bellucci bravourös als manipulativer, aalglatter Kultursnob, und erkennt Sams Notlage – die sie und ihren Konzeptkünstler Jeffrey Godefroi auf eine Idee bringt: Sie offerieren Sam einen „fliegenden Teppich“, das unerreichbare Schengen-Visum, an, so er sich ein solches von Godefroi auf den Rücken tätowieren und sich als Kunstobjekt auf einer Museumstour durch Europa ausstellen lässt, Start in Godefrois Heimatstadt Brüssel. Als „Leinwand“, so die zwei mit diabolischem Charme, könne Sam problemlos durch die Welt reisen. Waren und Kunstobjekte, sagt Godefroi, bewegen sich heutzutage freier als das Subjekt Mensch.

Belgiens Film- und Fernsehstar Koen De Bouw gibt Jeffrey Godefroi, den „teuersten lebenden Künstler“, mit Kajal und schwarzlackierten Fingernägeln als charismatischen, exaltierten Businessman, der den Markt, den er bedient, genau kennt und daher weiß, wie er mit Provokationen für Aufruhr und Einnahmen sorgt. Ihm gegenüber steht der syrische Schauspieler und Schriftsteller Yahya Mahayni, als Sam Ali ein muslimischer Schmerzensmann, in dessen sensiblem, ausdrucksstarkem Gesicht sich tausend Emotionen spiegeln.

Zum Unmut der Museumsdirektoren, denn ein selbstständig denkendes Ausstellungsstück war nach deren spätkolonialistischem Ansinnen nicht gewünscht, erweist sich Sam alsbald als äußerst eigensinniges, auch zorniges Artefakt, das sich nicht widerstandslos zum Objekt degradieren lässt. Mahayni gelingt es, Sam einen Panzer aus trotziger und impulsiver Sturheit anzulegen, unter dem Ohnmacht und Hilflosigkeit trotzdem erkennbar bleiben. Er will die Frau, die er liebt, vorm ungeliebten Ehemann retten, und verzettelt sich nicht besonders sympathisch in nebensächlichen Scharmützeln. Mahayni spielt das mit einer sehr eigenen Maskulinität, die dem Klischee vom arabischen Männlichkeitskult zuwiderläuft.

Ben Hanias parabelhafte Erzählung, die Christopher Aouns Kamera in teils gemäldeartigen Kompositionen festhält – etwa, wenn Sam im seidenblauen Morgenmantel durchs Museum eilt, vorbei an den Alten Meistern, bis er selbst auf seinem Sockel und auf seinen Rücken reduziert von den Betrachtenden fotografiert und von Schulklassen analysiert wird -, trifft zielsicher manch gesellschaftspolitische Schieflage dieser Tage. Pointiert ist besonders Ben Hanias Blick auf den westlichen Kunstmarkt, den die Virtuosen der Selbstinszenierung regieren und Aufmerksamkeit dem zuteilwird, der sich am lautesten geriert.

Muslimischer Schmerzensmann: Yahya Mahayni spiegelt 1000 Emotionen in seinem ausdrucksstarken Gesicht. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Kontrast zu dieser im Wortsinn Kunstwelt zeigen Ben Hania und Aoun um nichts weniger symbolische Bilder: Sam, der sich auf der Flucht in den Libanon auf einem Pickup versteckt, getarnt mit einem Hemd im gleichen Muster wie die ihn umringenden Ikea-Tragetaschen. Sam, der in Beirut in einer Hühnerfabrik die männlichen Küken aussortiert und per Stromschlag tötet – kaum etwas wirkt erbarmungswürdiger als ein gerupfter

Hühnertorso auf dem Förderband. Schließlich die syrische Hilfsorganisation in Brüssel, deren Leiter Sam vorwirft, er führe sich auf wie im Zoo oder Zirkus – und der wegen Sams „Verletzung der Würde und Menschenrechte des syrischen Volks“ einen Shitstorm im Internet entfacht. Und apropos, Zirkus: Einen solchen veranstaltet Godefroi als sich in seinem Kunstwerk aka Sams Rücken ein Pickel bildet – was ist ein Bürgerkrieg gegen eine Wimmerlkatastrophe? Ein Spezialist für das konservatorische Problem muss her! – dies gleichsam der Höhepunkt des Affentanzes rund um Sam. Im Museum entschuldigt derweil ein Schild seine Abwesenheit: „Wegen Restaurierung geschlossen“.

Ben Hanias Verzicht auf den moralischen Zeigefinger zugunsten von Zwischentönen und einer wohldosierten Prise Humor machen „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ zu einer gelungenen Groteske an der verschwimmenden Grenze von Kunst- und Menschenhandel, die durch ihre Überspitzung einen seltsamen Sog entwickelt. Denn so absurd die vorgeführten Akte der Entmenschlichung auch seien mögen, die Realität liegt gleich ums Eck.

Wie nebenbei gelingt es der Filmemacherin die ernsten Themen einzubringen: die gesellschaftliche Verantwortung von Kunst und KünstlerInnen, die Ware Mensch, das elitäre Wort Freiheit, Sams Sorgen und Schuldgefühle, weil er Mutter und Geschwister in Syrien zurückgelassen hat. Zum Schluss wird Sam auf einer Auktion von einem Schweizer Kunstsammler ersteigert. Da macht er, wie man’s vom Syrer und Muslim erwartet, einen auf „Selbstmordattentäter“. Gekreische, Gerenne der Protz-Society aus dem Prunksaal. Immerhin: Danach ist Sam fünf Millionen Pfund wert. Was Wunder, dass sich darob sogar der IS einschaltet …

Trailer Englisch/Arabisch mit Untertiteln: www.youtube.com/watch?v=lZ2-d_cWVq0

4. 3.  2022

Volkstheater: Ach, Sisi – Neunundneunzig Szenen

Januar 13, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut

Das Musical-Ensemble beim Schlussapplaus: Andreas Beck, Anna Rieser, Anke Zillich und Christoph Schüchner. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Na, wenn das Volkstheater da mal keinen Hit gelandet hat. Dies zumindest nach den höchst amüsierten Reaktionen des Premierenpublikums zu schließen. Rainald Grebe und Ensemble brachten gestern Abend „eine Staatsaktion, ein Nichts, ein Volkstheater“ zur Uraufführung, betitelt „Ach, Sisi – Neunundneunzig Szenen“, und die meisten davon wurden mit Szenenapplaus bedacht.

Nicht zuletzt ein Verdienst der – es stand an dieser Stelle schon – exzellenten

Schauspielerinnen und Schauspieler, die Kay Voges mit nach Wien gebracht hat, all die Typen und Käuze, die Messerschmidt’schen Charakterköpfe, die performen bis zum Anschlag, und das mit unverbrüchlicher Spiellust und einer Art Kind gebliebener Innigkeit. Rainald Grebe, dies ergänzend, ist ein in Deutschland sehr populärer Theater- und Liedermacher, Autor, Kabarettist und Obstbauer, der unter anderem mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet wurde, und der sich nun mit der ganzen Kraft seines satirischen Könnens über die Habsburgermonarchie hergemacht hat.

Heißt: Über den Mythos Sisi und über die Kultfigur Sissi, also die aus den Romy-Schneider-Filmen, und selbstverständlich darf da das legendäre Musical „Elisabeth“, dargeboten als Backstage-Comedy, nicht fehlen: „Ich gehör nur mir!“ Und so beobachtet man die Darstellerinnen und Darsteller, zwei Stunden waren angesagt, zweieinhalb sind’s geworden, beim Darstellen, Vorstellen, Herstellen von herrlichem – wie die Nachbarn sagen – Quatsch mit Soße, einer hinterfotzigen Nonsens-Revue, in der’s Schlag auf Schlagobers zur Sache geht.

Das mit dem Doppelsinn passt hier gut, entleibt sich doch Uwe Schmieder als Haushofmeister und Zeremonienmeister/Inspizient am Regiepult buchstäblich, wobei ihm Bühnenweisheiten von den Lippen perlen, die es mit dem Sketch „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ durchaus aufnehmen können. Wie Schmieder seine Rolle anlegt? Hintergründig! Mit wirren Locken und Zack-Hüftschwung, wenn er die Krinoline hochklappt, um sich auf sein Stühlchen zu setzen.

Es ist dieser Außenblick der (in Szene sieben erklären zwei echte Wiener die korrekte Aussprache) Biffkäe-Truppe, der „Ach, Sisi“ so reizend macht. Die seltsame Obsession der Österreicher mit ihrer exzentrischen Kaiserin, die Weitervererbung von Devotionalien (ein Milchhäferl aus Bad Gastein), der Souvenirhandel und das touristische Geschäft, die Vermarktung als VBW-Exportartikel, auf dies alles wird ein schiefes Licht geworfen.

In der Radiologe: Anna Rieser und Christoph Schüchner moderieren die Sisi-Nacht. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Es kann nie genug Sisis geben: Anke Zillich, Christoph Schüchner und Ensemble. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Totentanz mit Observationsspezialist: Andreas Beck im rosa Dirndl und Ensemble. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Im Sackerl wartet das Menagereindl: Andreas Beck als Kaiser Franz Joseph-Darsteller. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Grebe fackelt ein Feuerwerk an groteskem Klamauk ab, er knüpft eine Perlenkette an Assoziationen, so glänzend wie Sisis Haarsterne, er legt den Kern des hiesigen Sissi-Brauchtums frei, das Hochhalten einer überkommenen Tradition (man erinnere sich, dass bei der Beisetzung Otto Habsburgs in der Kapuzinergruft die Kaiserhymne gespielt wurde), und zu den persönlich favorisierten Szenen gehört jene von Andreas Beck, der klarstellt, Franzl und Sissi hätt’s nie gegeben, das sei eine Erfindung des Nachkriegsösterreich, das mit Zuckerlsüße sein durch den Nationalsozialismus beschädigtes Image aufpolieren wollte. Tja, ja.

Freilich wurde auch Recherche-Arbeit betrieben. Weshalb mittels vom Hof- und Kammerschuhmacher Scheer geborgtem Leisten die Beschaffenheit von des Kaisers Rist erklärt werden kann – Tilla Kratochwil, die mit ihren aufklärerischen Ansätzen regelmäßig scheitert, oder wenn Andreas Beck ausführt, die Straßenbahnlinie zum Nordbahnhof heiße O und nicht 0. Der Hoftratsch kommt zu seinem Recht, Haushofmeister, eigentlich: Obersthofmeister, Konstantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst naturgemäß, Anna Rieser als Elisabeths schottischer Reitlehrer Bay Middleton: „No love, just sports“;

Christoph Schüchner als Hofdame Marie Gräfin von Festetics – Notiz vom 21. 12. 1871: „Die Kaiserin stand in einem blauen Kleid in der Mitte des Zimmers, eine große Dogge neben ihr. Die Kaiserin lächelte, der Hund kam auf mich zu, beschnupperte mich und wedelte er mit dem Schweife. …“, Constantin Christomanos, der Griechischlehrer und Vorleser auf Korfu. Besonders schön: Andreas Beck als Observationsspezialist Kriminalinspektor Kammer, der sich im rosa Dirndl unter die totentanzenden Sisis mischt. Einmal mehr Tilla Kratochwil, sie rechtfertigt die Tat des bettelarmen Anarchisten Luigi Lucheni („Nicht einmal ein Messer konnte er sich leisten, er musste eine Feile nehmen!“) an der royalen Salonanarchistin.

Für Graf Andrássy hält CliniClown Balázs Várnai die Magyarenehre hoch. Als wütendes Czardasmädl in rot-weiß-grüner Tracht gibt er für die arroganten Wienerinnen und Wienern eine Sprachstunde, Paprika im Arsch von Dentalreisenden und Ferienhausbesitzenden am Balaton, die ansonsten für Ungarland nur Verachtung übrighaben. Überhaupt sind die HobbyschauspielerInnen vom Feinsten, Susanna Peterka, pensionierte Ministerialbeamtin, die schildert, wie sie sich einen Mann so fesch wie der Karlheinz Böhm angelte, nur dass sich der ihre knapp vor Verehelichung als verheiratet und Vater dreier Kinder herausstellte. Worauf sie sich einem Beatles-Lookalike zuwandte, ein böser Bube, ergo begehrenswerter, der auch mal seitensprang: „Mit Liebesworten hat er mich nicht überhäuft, aber 48 Jahre hat’s gehalten.“ Welch eine wunderbare Erzählung, die die zwiespältige Sissi-Sehnsucht, Hofburg-Glanz und Schönbrunner Traurigkeit, auf den Punkt bringt, ohne etwas davon auszusprechen.

Die Vettern It beim langsamen Walzer? Nein, Sisis tanzende 1,5-Meter-Haartracht. Bild: © Marcel Urlaub / Volkstheater

Psychiater Michael Musalek wagt sich an eine klinische Ferndiagnose: „Bipolar, früher sagte man manisch-depressiv“, diskutiert wird, ob Elisabeth im Schlank- und Schönheitswahn wirklich Blut getrunken und sich rohe Koteletts aufs Gesicht gelegt hat. Die Live-Band „Sissi Top“, die Multiinstrumentalisten Jens-Karsten Stoll, Simon Frick und Christopher Haritzer, haben Sisis Gedichte aus ihrem Poetischen Tagebuch* mal als Klezmer, mal als Rap, mal als Volksmusik vertont – sie fühlte sich ja in Seelenverbindung mit „Meister“ Heinrich Heine. Dazu kriecht das Ensemble im Bühnenbild von Jürgen Lier und in den Kostümen von Kristina Böcher im Wortsinn aus allen Löchern.

*Die Kaiserin hat die Veröffentlichung erst 60 Jahre nach ihrem Tod genehmigt und verfügt, dass die Tantiemen „dem Wohle der politisch Verurteilten und ihrer bedürftigen Verwandten“ zugutekommen sollten. Und das passiert seitdem tatsächlich, sie werden vom UNHCR verteilt, womit die Volkstheater-Aufführung auch einen caritativen Charakter bekommt.

Wie hingetupft wirken die neunundneunzig Miniaturen, viele sehr lustig, etliche surreal und magisch, keine davon fad. Aus einer Loge übertragen die Radiomodertoren Anna Rieser und Christoph Schüchner „die lange Sisi-Nacht“ samt „Sissi/DC-Quiz“, und begrüßen dazu Anke Zillich als Dynastiehexe Erzherzogin Sophie im Talk über Elisabeths egozentrische Sperenzchen aka Freiheitskampf. Das Ensemble absolviert das Morgentraining der Hofreitschule auf Steckenpferd-Lipizzanern: „Wundern Sie sich nicht über die dunklen Hengste, der Lipizzaner ist erst im Alter verschimmelt.“ Schüchner singt sich als Musical-Elisabeths Tod ein, alldieweil Andreas Beck als Franz-Joseph-Interpret herzhaft aus dem Menagereindl schmaust.

Witzig die Szene, in der Zillich und Beck im Prolo-Dress zu den pathos-triefenden Original-Filmtexten lippensynchron agieren – Dialog Ischl, knapp vor Jagdausflug: „Ich bin ja da, um die Prinzessin Helene in Bayern kennenzulernen. Aber sie g’fallt ma schon besser.“ – Sissi entsetzt: „Die Néné?“ Oder der langsame Walzer zweier Vettern It, die sich als Sisis ein Meter fünfzig lange Haare erweisen. Kein Wunder, dass da der Szenenzähler erst durchbrennt, dann durchdreht. Ein Chaos, in dem sich Schmieder bis zu Angus Youngs Schuluniform-Kurzer und weiter entblättert.

All diese Gesten, Wimpernschläge, Ascheflocken, Schnappschüsse sind ein Vexierspiel über ein Phantom, das keinen Anspruch auf Wahrheit, wohl aber an beste Unterhaltung stellt – und erfüllt. Vorstellungen, Vermutungen, verschrobene Figuren tanzen Quadrille, nähern sich an, trennen sich und tauschen Partnerin oder Partner. „Ach, Sisi“ ist keine spöttische Demontage eines Nationalheiligtums, sondern eine liebevoll augenzwinkernde Hommage ganz besonders auch aufs Österreichertum, das die Piefkes, wie’s die Piefkes eben so tun, milde besserwisserisch und mithilfe abstruser Theorien zu fassen suchen. Das ist sympathisch, die Sigmund’sche Freud, mit der sie begreifen, was uns „Ösis“ (Unwort, verboten!) an den Deutschen so nervt.

Zum Ende verbeugt sich das Musical-Ensemble mit dem Rücken zum Volkstheater-Publikum beim Schlussvorhang. Man ist seit Jahren mit der Produktion unterwegs, sagt ein müder Schmieder, die Kulissen sind längst schäbig geworden, die Sangeskünstlerinnen und -künstler immer provinzieller. Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben. Jubel und Applaus für Rainald Grebe und Team. Man schließe mit einem Kaiser-Franz-Joseph-Zitat: Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.

www.volkstheater.at         Trailer: www.youtube.com/watch?v=9AEv0338W74           rainald-grebe.de

  1. 1. 2022

Theater an der Wien via fidelio: Saul

Mai 9, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Macht macht Migräne

Das Volk macht für den neuen Herrscher die Welle: Jake Arditti als David, David Webb als High Priest und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Vor drei Jahren wurde Claus Guths szenische Umsetzung des Händel-Oratoriums „Saul“ zum Triumph für das Theater an der Wien. Anstatt der ursprünglich angestrebten Wiederaufnahme blieb Corona-bedingt nun allerdings nur die gestrige Bildschirm-Premiere via www.myfidelio.at, wo der Bühnenfilm von Tiziano Mancini ab sofort in der Klassithek abzurufen ist. Und hat die Pandemie für die darstellende Kunst irgend gewirkt, sodass sich immer freihändiger und leichtfüßiger

dem Medium mit der Kamera angenähert wird, kurz: Mancinis Arbeit, er hielt unter anderem den extravaganten Valencia-Ring von La Fura dels Baus für die Ewigkeit fest, Mancinis Arbeit also macht aus der Guth’schen ein eigenständiges Kunstwerk, dessen Vorzüge man sich auch als selbstverständlich Live-Bevorzuger nicht entgehen lassen sollte. ‘S beginnt bereits bei der Ouvertüre, der Blick in den Orchestergraben, wo ein verschmitzt dirigierender Christopher Moulds das Freiburger Barockorchester zum sinnenfroh neckischen Spiel bittet, und welch Charakterköpfe da an den biblischen Pauken und Posaunen sitzen.

Derart viel Mühe und Geldmittel – unter anderem heutige 130.000 Euro für eine eigens angefertigte Orgel – verwendete Händel darauf, exotisch-antik gedachte Instrumente aufzutreiben, dass sein Librettist Charles Jennens über dessen “Head more full of Maggots than ever” klagte. Es erklingt das Carillon, eine Art Glockenspiel mit Tastatur, dessen Töne als kleine, böse Chaos-Männchen durch Sauls Kopf tippeln. Eindrucksvoll ist das alles, der Auftritt von Florian Boesch als feindesblutüberströmter Kriegerkönig, dem sein Volk aka der Arnold Schoenberg Chor huldigt. Close-ups vom gestrengen, auch selbstzufriedenen Gesicht, der stolz hochgezogenen Augenbraue, den nackten, wunden Füßen, Sauls gleichsame Longinuslanze/Speer des Schicksals, der gottgewählte Selbst-/Gerechte, der the Writing on the Wall eigens besorgt, dem dessen Symbolik aber entkommt.

Solches geht nur mit solchen Sänger-Schauspieler-Charismatikern. Boesch leistet körperliche Schwerstarbeit, und kippt er im Wortsinn vom Stuhl, fragt man sich, wie in der Position singen überhaupt noch geht. Boesch brilliert mit Bühnenpräsenz, einer Lear’schen Urgewalt und vokaler Strahlkraft, der bärbeißige Bassbariton leidet mit Donnerhall Rotz und Wasser und unter offenbar heftigen Kopfschmerzen – To him ten thousend, and to me but thousands!

Dieser „Saul“ ist und bleibt eine Sternstunde, die Geschichte eines Großen, der vom jüngeren, besseren, beliebteren, schließlich populistischeren rechts überholt wird. Drei Sätze bis zum Selbstmord. Dazu passen die Prosekturkacheln in Ausstatter Christian Schmidts Seelenlandschaften, die sich auf der Drehbühne mit einer archaischen Felsenwüste und einem dunkelroten Salon abwechseln, dessen Bodenbelag … einmal, als die Kamera in die Totale geht, hat man dies Bild vor Augen, alle sind wir des Schöpfers Schachfiguren.

Brillante Performance als bärbeißiger Bassbariton: Florian Boesch als Saul. Bild: © Monika Rittershaus

Die 4er-Orgie: Anna Prohaska, Jake Arditti, Rupert Charlesworth und Giulia Semenzato. Bild: © Monika Rittershaus

Dienstmädchen from Hell: Rafał Tomkiewicz mit Florian Boesch. Bild: © Monika Rittershaus

Und welche Bilder gefunden werden. Da liegt ein Männerkörper, Augen zu, Kopf schlafend, nein, es ist der abgeschlagene des Goliath, und es erhebt sich handsome Countertenor Jake Arditti, wär‘ dies die Zauberflöte, man müsste „ein holder Jüngling, sanft und schön“ sagen. Arditti, in der Corona-Pause nicht nur was den Bizepsumfang betrifft, sondern auch stimmlich gewachsen, ist als David kein Schlachtenheld. Unsicher stakst er, wankt, weiß nicht, wie ihm geschieht – und schon kniet alles vor ihm, Triumphgesang der Israeliten, der immer spielfreudige Arnold Schoenberg Chor choreografiert von Ramses Sigl.

Dieser David mit seinem bubenhaften Charme ist Typ „Frauen lieben ihn, Männer wollen so sein wie er“, Guth und Schmidt haben für seine immer hoheitsvoller werdenden Kostüme ein reines Weiß gewählt, Schwarz für Saul Boesch, und es gehört zu dieser zeichenhaften Inszenierung, dass der Chor in weißem Hemd und schwarzem Anzug nach und nach die Farbe wechselt. Während sich also Arditti zur Air, O king, your favours with delight I take, but must refuse your praise, mirakulös in lichteste Höhen schwingt, wird vorgeahnt, der verschwitzte, verschmutzte Paradeschwiegersohn ist kein Gottesgeschenk.

Man gibt sich hochherrschaftlich bei Sekt und Shrimpscocktail, und wie wütend Boesch ihn runterwürgt, da hat ihnen David den Schädel schon auf den Tisch geknallt. Ganz schüchterner Bauerntölpel, den Merab mit bebendem Busen sexy findet, aber justament ablehnt, weil sie als das ungeliebte Kind Attitüde haben muss. Diese kleinen, vielsagenden Gesten sind gemacht für die Kamera, und mit dieser ideenreichen, detailverliebten Aufführung erweist sich Claus Guth einmal mehr als Experte für seelische Feinziselierung, für jene psychologische Durchdringung, mit der er jahrhundertealte Werke ans Heute holt. Am Ende, wenn Saul mithilfe der Witch of Ender den Propheten Samuel beschwört, und Florian Boesch als dieser wie jener mit sich ins teuflische Zwiegespräch tritt, ist das ein freudianischer Einfall.

Noch aber ist man eitel bei der Sache. Anna Prohaska grandios als Merab, der sie mit nachgedunkeltem Timbre Wesensart verleiht, als überspannte High-Society-Tochter spitzzüngig und arrogant in ihrer Zornesarie „Capricious man“, lupenreine Koloraturen, zu denen die Prohaska sogar Zigarette rauchen kann. Giulia Semenzato ist mit warmem Sopran als Michal hingegen die hingebungsvolle Maid, die beiden tief verstrickt in ihren Schwesternzwist, und David der Michal schon über die Suppenschüssel hinweg zugetan.

Goliaths Kopf ist ab, und David wundert sich: Jake Arditti und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Monika Rittershaus

Ein filmreifer Zweikampf in Zeitlupe: Florian Boesch als Saul und Jake Arditti als David. Bild: © Monika Rittershaus

Gesangskunst in extremo? Kann er!: Florian Boesch vom Wahnsinn umzingelt. Bild: © Monika Rittershaus

The Writing’s on the Wall: Florian Boesch als untoter Saul und Jake Arditti. Bild: © Monika Rittershaus

Mit dem Jonathan von Rupert Charlesworth ergibt sich eine von Beginn an homoerotische Blutsbruderschaft, was alles in einer 4er-Orgie gipfelt. Charlesworth der gute Sohn und supersympathisch und so very british als wäre sein Jonathan nicht Händel, sondern „Wiedersehen in Howards End“ entsprungen [was an rotem Haar und Smoking liegen mag, die Schwestern übrigens in Merab-Rot und Michal-Grün. Und auch das gehört erwähnt, Jonathans Wunde auf der Wange, die vom zweiten zum dritten Akt zu verheilen beginnt.]

Und weil’s hier grad ums Filmische geht: Nicht nur, dass David Webbs High Priest bei Saul den sinistren Exorzisten macht, der absolute Favourite der Produktion ist Countertenor Rafał Tomkiewicz, als Bedienstete in Sauls Haushalt more spooky als weiland Bette Davis in „The Nanny“. Er wird sich – dies ein schöner Plot twist – als eh-schon-wissen enttarnen. Alldieweil turnt Boeschs Saul zwischen Staunen, Starrsinn und Hass, sein Körper in ständiger Spannung, in krampfhaft epileptischen Zuckungen, überall sieht er Feind, Verrat und den Moral-von-der-Geschicht‘-Chor: Envy! Eldestborn of Hell! Wie Boesch sich vom Wahnsinn umzingelt lässt, ist große Kunst, der Mordversuch an David ein in Zeitlupe ausgetragener Zweikampf.

In diesen Momenten gibt Guth der Tragik einen Irrwitz, am bestechendsten in Webbs opportunistischem Kirchenmann, dessen bigotten Segen vor allem Jonathan beschmunzelt, der dann in Sauls Auftrag David-Gattin Michal bedroht, Do you mock the King? This disappointment will enrage him more: then tremle for th’event, und schließlich in Päpstlicher-als-der-Papst-Weiß hinter dem neuen Tyrannen steht. Der, im no na weißen Königsmantel, ist erst vorm Speer zurückgeschreckt, doch will das Volk, das ihm wie eine weiße Welle entgegenschwappt, er soll das Zepter führen. Merab und Michal passen auch farblich nicht mehr ins Bild und werden verstoßen, wofür ihn Anna Prohaska auch mit der Schulter anrempelt, denn David wählt zur Frau eine wahre Tochter des Landes.

Und noch einmal sei’s gesagt, bis bald die Theater wieder öffnen, ist der Film „Saul“ von Tiziano Mancini eine sensationelle Abendbeschäftigung. Diese Parabel eines Machtwechsels als Familienaufstellung, in der die Solistinnen und Solisten mit ausgetüftelten Kleinstaktionen einen ganzen Kosmos an Beziehungskisten gestalten. Und da steht er, Jahwes Wunderknabe, beklagt den Verlust von Jonathan, more than woman’s love thy wond’rous love to me!, schreibt sein „David“ an die Prosekturwand, von der die „Nanny“ eben das blutige „Saul“ gewischt hat. Die Israeliten feiern, Gird on thy sword, thou man of might, pursue thy wonted fame: go on, be prosperous in fight, retrieve, pursue, the Hebrew name! Und plötzlich ist er da, der Stich hinter der Stirn, jaja, Macht macht Migräne.

Trailer mit teilweise anderer Besetzung: www.youtube.com/watch?v=hOfmiN9NZBU           www.myfidelio.at/haendel-saul-theater-an-der-wien          www.theater-wien.at

  1. 5. 2021

Nesterval: „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ als interaktive Live-Zom-Version

November 26, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Wahlgrotesken ist …

Astôn Matters als Patrizia Rot, Tochter der Goodbye-Kreisky-Gründerin Gertrud Nesterval (l.) mit den BedROTen und dem Analyseteam. Bild: © Alexandra Thompson

Da dies die Besprechung einer Nesterval-Produktion ist, die frohe Botschaft zuerst: Für die Performances bis 12. Dezember gibt es noch Tickets. Und derer sollte man sich gleich mehrere sichern, hat man doch bei der gestrigen Uraufführung gerade mal acht von 80 Szenen gesehen – wie man danach in der Zoom-Plauderei erfährt. Denn der Spezialtrupp für immersive Theaterformen nützt, wie beim mit dem Nestroy-#Corona-Spezialpreis ausgezeichneten „Kreisky-Test“

(Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39561), auch fürs zweite Lockdown-Abenteuer die Meeting-Plattform. Dessen Kenntnis ist keine Vorbedingung für „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“. Mit dem Mail zum Teilnahmelink erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer jenen zu einem Filmessay von Jonas Nesterval, ein Was-bisher-Geschah über seine buchstäblich vom Erdboden verschluckte Mutter Gertrud, plötzlich auftauchende Briefe, Pläne, Paranoia wegen diffuser Bedrohungen, ein in jeder Hinsicht fantastisches Projekt …

Kurz, die mittels Gertrud Nestervals Kreisky-Test auserwählten Bewohnerinnen und Bewohner eines sicheren und sozialdemokratischen Utopia, das heißt: deren letzte Überlebende, wurden dieser Tage bei Bauarbeiten am Karlsplatz ausgegraben. Mehr als 50 Jahre waren sie in der dem U-Bahn-Bau untergeschmuggelten Anlage insoliert, in dieser 200 Meter tief gelegenen Stadt unter der Stadt, nun, da sich der Nesterval-Fonds für die Findlinge verantwortlich fühlt, wurden sie in eine geheime „Arena“ gebracht.

Wo wenige Auserwählte, das Publikum in sechs Gruppen à  zwölf Personen, sie live und in Farbe beobachten dürfen, ja, müssen, gilt es doch in enger Zusammenarbeit mit dem Analyseteam über das weitere Schicksal der „psychisch wie physisch fragilen“, nunmehr von 50 Kameras „beschützten“ BedROTen zu entscheiden – und anschließend die Rechtmäßigkeit der Geschehnisse zu bestätigen. Da sträuben sich erstmals die Nackenhaare, in Arenen ist – siehe argentinische Militärjunta – schon eine Menge Böses passiert.

Die Bergung der Pflegerin Ludowika Weiß: Rita Brandneulinger. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Special Guest Eva Billisich als Analyse008_Daniela. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Die VersorgerInnen: Romy Hrubeš mit Martin Walanka und Johannes Scheutz. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Gertrud Nesterval mit dem Nestroy Corona-Spezialpreis: Astôn Matters. Bild: © Alexandra Thompson

Und dem Familienfonds für karitative Zwecke, gegründet, man erinnere sich, von Martha Nesterval als eine Art Wiedergutmachung für das Treiben der Sippschaft im Dritten Reich, nämlich der Herstellung von Waffen unter Einsatz von Zwangsarbeitern, ist ohnedies nur bedingt zu trauen. Aber schwupps, schon hat einen Analytikerin Alexandra, Spielerin Julia Fuchs, zur Nummer 606 der entsprechenden Kommission gekürt, und nicht ohne Stolz möchte man erwähnen, dass man von deren anderen Mitgliedern alsbald zur Sprecherin gewählt ward.

Wahl – das ist das Thema. Denn die Vorsitzende Maria Grün, dargestellt von Performerin Alexandra Thompson, die diese Funktion seit Gertruds Ableben im Jahre 1997 innehat, wirkt zunehmend vergesslich, verwirrt, rücktrittsreif. Befindet der Rat der Frauen, Männer haben nämlich in Gertruds Unterwelt nichts zu melden, der Rat, in den jeder Clan eine Vertreterin entsendet. Als da wären: Rot, die VerwalterInnen, Patrizia und Ehemann Theo, sowie die gemeinsamen Kinder Franka, Roberta und Maggo – Astôn Matters, Alkis Vlassakakis, Laura Hermann, Michaela Schmidlechner und Willy Mutzenpachner.

Grau, die Ideologinnen, die Schwestern Viktoria und Raffaela – Miriam Hie und Claudia Six. Weiß, die PflegerInnen-Geschwister Ludowika, Anna und Erich – Rita Brandneulinger, Chiara Seide und David Demofike. Schwarz, die VersorgerInnen, Petra und ihre Was-auch-immer Jannik und Julian – Romy Hrubeš, Martin Walanka und Johannes Scheutz. Die Koproduktion mit brut Wien wie stets angeleitet von Herrn Finnland und Frau Löfberg, und im Analyseteam Christopher Wurmdobler als Jonas Nesterval und Special Guest Eva Billisich.

Verantwortliche für Kunst und Kultur gibt es keine, KünstlerInnen wurden von Gertrud als nicht systemrelevant erachtet, „Kunst kann man machen, wenn die Arbeit vorbei ist“, befindet Patrizia Rot, und wiewohl man gebeten wurde, nicht zu spoilern, darf man verraten, dass sie der großen Vorkämpferin leibhaftige Tochter ist. Dieser (no na) wie aus dem Gesicht gerissen, und weder psychisch noch physisch fragil, sondern voll des süffisanten Anspruchsdenkens. Aufzug wie Aufmarsch sind militärisch, die Frauen starken Willens, die Männer unemanzipiert und rechtlos. Ein wenig gemahnt das Setting an die Siebzigerjahre-Serie „Star Maidens“ mit Pierre Brice über ein Alien-Matriarchat, in dem die Männer in „Die Abhängigen“ und „Die Unfreien“ aufgeteilt waren.

Vorsitzende Maria Grün und Truppe: Alexandra Thompson, Miriam Hie, Astôn Matters als Patrizia Rot (Mi.) und Chiara Seide. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Das folgende Macht-Spiel um die neue Führungsfrau ist spannender als es „Der Kreisky-Test“ war, wenn auch mit weniger Interaktion, da mit den BedROTen kein Kontakt aufzunehmen ist. So gilt es für die Kommission – bestehend aus stimmberechtigten Frauen, nicht stimmberechtigten Männern, vier ins Bild drän- genden Katzen, einem Hund mit Streichelbedarf, sechs Flaschen Wein, zwei Bier et al./kohol– zu beschließen:

Wem folgen, welchen Weg einschlagen, welcher davon ist ein Irr- oder Ab-? Wie in jedem guten Thriller ist frei nach Hitchcocks Lehre kein Hinweis null und nichtig. Die innerfamiliären Konflikte, ältliche Despotinnen, junge Revolutionärinnen, Papakinder, Geschwisterzwistigkeiten, heimliche Liebespaare, Verschwörerzellen, Fluchtwillige, Fortschrittsverweigerer, Zukunftspessimisten, ihnen allen sollte die Kommission genau zuhören, um zu einem Schluss zu gelangen. Und so robbt man durch politische Grabenkämpfe diverser „demokratisch legitimierter“ Leitfigurinnen, angesichts deren Sesselsägerei jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen heimischen Wahlgrotesken eh-schon-wissen ist.

Im digitalen Kämmerlein hat die Kommission schließlich die Chance, sich zu besprechen und ein Votum abzugeben – und siehe, was der/dem einen Sekte, ist der/dem anderen ein sozialistisches Paradies, jedoch: was ist eigentlich diese „lukrative und vielversprechende“ Idee, die der Nesterval Fonds für die Überlebenden anpreist? „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ ist ein sozialistischer Spaß, und am Ende so zynisch, wie es nicht einmal Walt Disney erfinden hätte können. Nach einem im Wortsinn geistreichen Schlussgag, gibt’s als Belohnung via E-Mail einen weiteren Geheimlink vom Feinsten.

Und statt des Nesterval-üblichen Zusammensitzens ein virtuelles Get-Together mit den anderen Kommissionen, den Back-ups und dem Analyseteam. Bei dem von jenen Gruppen, die einen anderen Weg als die eigene eingeschlagen haben, allerlei Wissenswertes über beispielsweise eine rituelle Waschung der Männer oder das Zusammentreffen der Gertrud-Nachkommen Jonas und Patrizia zu erfahren ist. So wurd’s mit Performance und Plauderei beinah 23 Uhr, bis man den Zoom-Raum endlich verließ. Mitte März soll ein Zusammenschnitt der besten Goodbye-Kreisky-Momente auf der Nesterval-Webseite folgen. Da hofft man natürlich, mit einem speziellen „Auftritt“ dabei zu sein. Freundschaft? Freundschaft!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=n9d0HrRlGeU           vimeo.com/456901428           brut-wien.at           www.nesterval.at

  1. 11. 2020

Theater in der Josefstadt: Geheimnis einer Unbekannten

Oktober 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt von vorgestern

Martina Ebm und Michael Dangl. Bild: Moritz Schell

Der erste Eindruck, charmant, wenn auch aus der Zeit gefallen, ein Kammerspiel im bewährten Josefstädter Salonton, vertieft sich zur in den Eingeweiden grummelnden Verärgerung – dies als Gegengefühl zur Protagonistin, der beständig ein Schwarm Schmetterlinge im Bauch flattern …

Der hochdekorierte Christopher Hampton ist wieder einmal in Wien angelandet, im Gepäck seine Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle „Brief einer Unbekannten“, als Bühnenfassung nun „Geheimnis einer Unbekannten“ genannt, von Daniel Kehlmann übersetzt, von Hampton höchstselbst inszeniert – und, nein, nicht böse sein, so geht’s wirklich nicht. Woran nicht allein Zweig und seinem Frauenbild von vorgestern die Schuld aufzuladen ist …

Da gibt es also dieses anonyme Schreiben, das ein Schriftsteller in seiner Post findet, die Nachricht einer Frau, ihn ein Leben lang und unerwidert geliebt zu haben, mehrere Begegnungen, bei denen er sie niemals wiedererkennt, ein gemeinsames und eben erst verstorbenes Kind, diese Zeilen, lässt sie ihn wissen, werde er erst nach ihrem Tod erhalten.

Der Autor versucht zu rekonstruieren, will sich erinnern, aber ach. So weit, so 1922, und diese Attitüde als weibliches Opfer kennt man bei Zweig, er hat es privat von Friederike Winternitz und Charlotte Altmann eingefordert. Jetzt aber: Theater!, Uraufführung mit Martina Ebm und Michael Dangl, eine Begegnung, eine Konfrontation, zwischen den als „Marianne“ und (bedeutsam!) „Stefan“ festgemachten Figuren muss das Inkognito fallen, ein Sich-Stellen – und … Fehlanzeige. Im makellosen Bühnenbild von Anna Fleischle findet derlei nicht statt. Hampton beginnt an der Stelle, an der sie längst „Kurtisane“ ist, vom distinguierten Upper-Classler in seine Wohnung gebeten, doch in der Mitte des Briefes entsteht kein Stück.

Folglich fast forward, das Ganze dauert eineinviertel Stunden, zum Schluss. Die Ebm in Edith-Piaf-„Je ne regrette rien“-Schwarz und im Schlepptau alle unverdauten Schicksalsschläge. Und nicht, dass man an dieser Marianne den Furor einer Rachegöttin erwartet hatte, aber dies jenseitig elegische Gesäusel: ER könne nichts dafür, ER könne für gar nichts irgendwas, ER sei eben wie er ist, ein leichtlebiger Gesellschaftsmensch und DER geborene Verführer, und sie, nur sie, heut‘ würd‘ man sagen: die von ihm besessene Stalkerin, trage Verantwortung für alles Gewesene … und dazu wimmern die Geigen mit Martina Ebm im Duett.

Man fragt sich, wozu diese Frau diesen Mann überhaupt aufsucht, man fragt sich, ob Ebm jemals Einspruch gegen diese Charakterauslegung erhoben hat. Dabei wär’s ein Einfaches gewesen, ein feiner Beiklang zu den Sätzen, ein Hauch von Anklageführen im Unterton, ein wenig Widerstand, ein wenig Wahnwitz, etwas in der Art von „… und Brutus ist ein ehrenwerter Mann“.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

„Es wird immer schmerzhafter“, sagt Michael Dangl an einer Stelle, und es ist nicht die erste, an der das Publikum unwillkürlich lachen muss. Dangl, der kann’s, der geht subkutan. Weder hat er den Schalk im Nacken noch den Schelm im Auge, doch irgendetwas ist an seinem lapidaren Spiel, das erahnen lässt, dass er die Chose nicht sonderlich ernst nimmt. Und wie er am Ende auf die Knie niederbricht und Michael Schönborn als Diener Johann „den gnädigen Herrn“ fragt, ob eh alles in Ordnung sei …

Für Dangl soll’s weiße Rosen regnen, die Ebm und er wagen sich engagiert und sympathisch an diesen Macho-Murks heran, was wäre das Theater in der Josefstadt ohne seine Schauspielerinnen und Schauspieler?, und ja, zwischen Ebm und Dangl weiß die Erotik zu knistern … Hamptons Marianne wählt derweil den Freitod. Nun müsste er sie nur noch auf dem Seziertisch des unehelichen Betts aufbahren.

Die Theaterwelt, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2020. Dies sind die Abenteuer des Theaters in der Josefstadt, das mit seiner Frau-und-Mann starken Besatzung unterwegs ist, um unbekannte und neu zu entdeckende Texte zu erforschen … Thalia, bitte schenke uns ein gelungenes „Konzert“!

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=RZYJJoEYtM4

  1. 10. 2020