Theater in der Josefstadt: Geheimnis einer Unbekannten

Oktober 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt von vorgestern

Martina Ebm und Michael Dangl. Bild: Moritz Schell

Der erste Eindruck, charmant, wenn auch aus der Zeit gefallen, ein Kammerspiel im bewährten Josefstädter Salonton, vertieft sich zur in den Eingeweiden grummelnden Verärgerung – dies als Gegengefühl zur Protagonistin, der beständig ein Schwarm Schmetterlinge im Bauch flattern …

Der hochdekorierte Christopher Hampton ist wieder einmal in Wien angelandet, im Gepäck seine Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle „Brief einer Unbekannten“, als Bühnenfassung nun „Geheimnis einer Unbekannten“ genannt, von Daniel Kehlmann übersetzt, von Hampton höchstselbst inszeniert – und, nein, nicht böse sein, so geht’s wirklich nicht. Woran nicht allein Zweig und seinem Frauenbild von vorgestern die Schuld aufzuladen ist …

Da gibt es also dieses anonyme Schreiben, das ein Schriftsteller in seiner Post findet, die Nachricht einer Frau, ihn ein Leben lang und unerwidert geliebt zu haben, mehrere Begegnungen, bei denen er sie niemals wiedererkennt, ein gemeinsames und eben erst verstorbenes Kind, diese Zeilen, lässt sie ihn wissen, werde er erst nach ihrem Tod erhalten.

Der Autor versucht zu rekonstruieren, will sich erinnern, aber ach. So weit, so 1922, und diese Attitüde als weibliches Opfer kennt man bei Zweig, er hat es privat von Friederike Winternitz und Charlotte Altmann eingefordert. Jetzt aber: Theater!, Uraufführung mit Martina Ebm und Michael Dangl, eine Begegnung, eine Konfrontation, zwischen den als „Marianne“ und (bedeutsam!) „Stefan“ festgemachten Figuren muss das Inkognito fallen, ein Sich-Stellen – und … Fehlanzeige. Im makellosen Bühnenbild von Anna Fleischle findet derlei nicht statt. Hampton beginnt an der Stelle, an der sie längst „Kurtisane“ ist, vom distinguierten Upper-Classler in seine Wohnung gebeten, doch in der Mitte des Briefes entsteht kein Stück.

Folglich fast forward, das Ganze dauert eineinviertel Stunden, zum Schluss. Die Ebm in Edith-Piaf-„Je ne regrette rien“-Schwarz und im Schlepptau alle unverdauten Schicksalsschläge. Und nicht, dass man an dieser Marianne den Furor einer Rachegöttin erwartet hatte, aber dies jenseitig elegische Gesäusel: ER könne nichts dafür, ER könne für gar nichts irgendwas, ER sei eben wie er ist, ein leichtlebiger Gesellschaftsmensch und DER geborene Verführer, und sie, nur sie, heut‘ würd‘ man sagen: die von ihm besessene Stalkerin, trage Verantwortung für alles Gewesene … und dazu wimmern die Geigen mit Martina Ebm im Duett.

Man fragt sich, wozu diese Frau diesen Mann überhaupt aufsucht, man fragt sich, ob Ebm jemals Einspruch gegen diese Charakterauslegung erhoben hat. Dabei wär’s ein Einfaches gewesen, ein feiner Beiklang zu den Sätzen, ein Hauch von Anklageführen im Unterton, ein wenig Widerstand, ein wenig Wahnwitz, etwas in der Art von „… und Brutus ist ein ehrenwerter Mann“.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

„Es wird immer schmerzhafter“, sagt Michael Dangl an einer Stelle, und es ist nicht die erste, an der das Publikum unwillkürlich lachen muss. Dangl, der kann’s, der geht subkutan. Weder hat er den Schalk im Nacken noch den Schelm im Auge, doch irgendetwas ist an seinem lapidaren Spiel, das erahnen lässt, dass er die Chose nicht sonderlich ernst nimmt. Und wie er am Ende auf die Knie niederbricht und Michael Schönborn als Diener Johann „den gnädigen Herrn“ fragt, ob eh alles in Ordnung sei …

Für Dangl soll’s weiße Rosen regnen, die Ebm und er wagen sich engagiert und sympathisch an diesen Macho-Murks heran, was wäre das Theater in der Josefstadt ohne seine Schauspielerinnen und Schauspieler?, und ja, zwischen Ebm und Dangl weiß die Erotik zu knistern … Hamptons Marianne wählt derweil den Freitod. Nun müsste er sie nur noch auf dem Seziertisch des unehelichen Betts aufbahren.

Die Theaterwelt, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2020. Dies sind die Abenteuer des Theaters in der Josefstadt, das mit seiner Frau-und-Mann starken Besatzung unterwegs ist, um unbekannte und neu zu entdeckende Texte zu erforschen … Thalia, bitte schenke uns ein gelungenes „Konzert“!

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=RZYJJoEYtM4

  1. 10. 2020

brut: Der Kreisky-Test. Die erste Online-Produktion von Nesterval. Zusatztermine ab 4. Mai

April 23, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genießt die Genossen vor der Webcam!

Nesterval – Der Kreisky Test: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, und in der Mitte Astôn Matters als Gertrud Nesterval. Bild: © Rita Brandneulinger

Die gute Nachricht ist, wegen des großen Online-Erfolges gibt es ab 4. Mai Zusatz- vorstellungen, für die der Vorverkauf am 27. April um 13 Uhr auf brut-wien.at startet. Sonst wär’s irgendwie hirnrissig gewesen, hier über die neue Nesterval-Produktion zu schreiben, deren erste #StayAtHome-Performance, die via Zoom-Meeting stattfindet, und dabei wie immer immersiv, interaktiv, live – und bis 28. April komplett ausverkauft ist.

Schwierig ist das Schreib-Unterfangen hier sowieso, bitten einen die Drag- und anderen Artists im Anschluss an die Session doch ausdrücklich im Sinne eines künftigen Publikums nichts zu spoilern. Nesterval-Auskennern sei im Gegensatz zur bei der „Dunklen Weihnacht im Hause Grimm“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36227) erlittenen Schlappe also nur verraten: We did it diesmal! Vorm wunderbaren Sechziger-Jahre-Wandverbau empfängt einen um nichts weniger wundersam Astôn Matters als Dr. Gertrud Nesterval, das heißt, die Dame befindet sich in einem schwarzweiß-knistrigen Archivfilm, von dem aus sie die Kameradinnen und Kameraden an den Bildschirmen begrüßt.

Das Anliegen der ehemaligen Bruno-Kreisky-Anhängerin ist tatsächlich ein siedend heißes, sei doch die sozialistische Idee nach wie vor in Gefahr, und, nein, sie teile den Fortschrittsoptimismus des großen Vorsitzenden ganz und gar nicht, aber wer höre sie schon – als Frau. Entwickelt hat die Linienuntreue ergo einen Plan, um ihre politische Heimat zu schützen, den sogenannten „Kreisky-Test“, mittels dessen jene Auserwählten ausgeforscht werden sollten, die in der auf Rot gewendeten Utopia „Goodbye, Kreisky!“ des Wartens auf bessere Zeiten würdig wären. Dann verschwanden die Nesterval und ihre Idee auf Nimmerwiedersehen.

Bis der Nesterval Fonds für karitative Zwecke, gegründet, man erinnere sich, von Martha Nesterval als eine Art Wiedergutmachung für das Treiben ihrer Familie im Dritten Reich, nämlich der Herstellung von Waffen unter Einsatz von Zwangsarbeitern, das Experiment wieder aufgriff. Das sich nunmehr bereits im letzten Versuchsstadium befindet. Mit vier Kandidatenpaaren, deren linke Lauterkeit die Testerinnen und Tester aka das Publikum in einem mehrstufigen Verfahren zu überprüfen angehalten sind. Wie gewohnt werden die, die richtig wählen, zu Gewinnern gekürt, kollektive Intelligenz ist gefragt, daher wird man auch diesmal in Kleingruppen geteilt – und los geht’s.

Statt im Studio brut von Raum zu Raum nun eben auf einer Virtual Room Tour. Bei der man in den Einzelbefragungen die Wiener Jo und Moritz, die die Sozialdemokratie mit der Muttermilch eingesogen haben und denen „Freundschaft!“ über alles geht, Sneza und Dalibor, die Geschwister aus Novi Sad, Partisaninnen-Enkel mit Migrationshintergrund, Sofia und Davide, Mutterfigur und Hausmann aus Sansepolcro, und Valerie und Blanca aus Santander, die erfolgreiche Architektin und ihre Aufputz-Ehefrau, kennenlernt. Die Spieler Christopher Wurmdobler, Johannes Scheutz, Romy Hrubeš, Bernhard Hablé, Andy Reiter, Niklas-Sven Kerck, Laura Hermann und Julia Fuchs schlüpfen in diese Rollen, das Game-Setting erdacht von Herrn Finnland und Frau Löfberg.

Ein Analyseteam gibt die Fragen zum Abarbeiten vor, über Kindheit, Besitztümer, Probleme, Bruder-Schwester-Sex, was wäre aus einem brennenden Haus zu retten, mit wem ein Abendessen angenehm, einmal mehr gilt es Absichten zu durchleuchten, während über Solidarität und Großmütter, die Biografie von La Pasionaria und die Politik-Einimpferin Tante Isabelle schwadroniert wird. Ein bisschen zu technisch ist das alles, buchstäblich und bildlich, denn beim Monitoring von Wertvorstellungen und dem Aufspüren möglicher Verräter wird man vom unsichtbaren Überwachungssystem in brüskem Tone ausgebremst. Keiner kann hier fragen, wie er will.

Bild: © Lorenz Tröbinger

Bild: © Herr Finnland

Bild: © Lorenz Tröbinger

Bild: © Lorenz Tröbinger

Und während einem vielleicht Jos Angespanntheit beim Nachhaken nach seinen Eltern, Blancas Abscheu vor den männlichen Kandidaten: „Wir werden Männern dieses Projekt nicht auch noch überlassen“, oder die seltsamen Floskeln, mit denen Dalibor den Kampfgeist von Sneza lobt, auffällt, während sich in Phase drei Blanca und Dalibor „bei allem Respekt“ gegenseitig der Intoleranz und Unfairness beschuldigen, all das kostet wertvolle Minuten, in denen man des Rätsels Lösung näherkommen wollte, geht einem der faschistoide Kommandoton aus dem Hintergrund mehr und mehr auf die Nerven.

Noch eine Vorschrift, noch einmal „Achtung, Achtung!“ und ich lauf‘ Digital-Amok, die Nestervals orgeln gekonnt auf der Klaviatur der Gefühle, auch der eigenen, Feminist Jo verlässt nach einer „Scheißfrage“ enerviert sein Bildschirmfenster und muss mit viel Überredungskunst zurückgebeten werden, worauf er einem leutselig, siehe oben, seine „Freundschaft!“ anbietet: „Du kannst dich immer auf mich verlassen!“, Dalibor wird vom Big Brother mit Sanktionen bedroht, weil er sich übers Kantinenessen beschwert.

In den knackigen 80 Minuten der Performance werden die Teilnehmer mehr und mehr zusammengeschaltet, bis wieder alle online versammelt sind, um zu entscheiden, wem sie ihre Gunst erteilen. Es folgt – zu hochdrama- tischer Musik – Phase 5, der „Gertrud-Test“, psst: Plot-Twist, nicht zu viel, nur die Worte Heimlichkeiten, Kadaver- gehorsam, wahres Gesicht, und siehe Klubzwang: Immer drauf achten, in welchem Club man sich befindet!

So weit also zum „Kreisky-Test“, der freilich eine Fleisch-und-Blut-Begegnung mit dem Nesterval-Trupp nicht ersetzen kann, aber wenn schon Theater online, dann bitte so. Genießt die Genossen vor der Webcam! Den Applaus dafür kann man am Ende auch via Zoom spenden, eine Fortsetzung im Real Life soll’s im Herbst geben. Das übliche Nesterval-Gettogether entfällt natürlich, aber wer sich nach Abschluss des Meetings nicht abrupt wegschaltet, kann die Darstellerinnen und Darsteller immerhin noch beim Gedankenaustausch über die eben stattgefundene Vorstellung belauschen.

So funktioniert die Teilnahme: Die Verwendung der kostenlosen Videokonferenz-App Zoom ist Voraussetzung, um bei „Der Kreisky-Test“ dabei zu sein. Erforderlich ist dazu ein Computer oder Laptop mit Kamera und Mikrofon. Am gewählten Vorstellungstag bekommt man via Email einen Teilnahmelink mit Bedienungsanleitung und einer „Notrufnummer“. Im virtuellen Warteraum empfängt einen darauf ein Host, der von nun ab alle weiteren Schritte mit einem durchgeht.

www.nesterval.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=s43c1YngId4           vimeo.com/399959263

Publikumsgespräch am 1. Mai, 20 Uhr, auf brut-wien.at

  1. 4. 2020

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt

Februar 20, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Waisenbub begleitet drei Bayern durch Indien

„Sie sahen aus, wie drei Versionen desselben Mannes. Der jüngste von ihnen trug einen Hut mit breiter Krempe und hatte abstehende, spitze Ohren wie eine Fledermaus. Er war nicht viel älter als ich. Seinen Blick kann ich nicht anders beschreiben als nach innen gekehrt. Seine etwas reifere Ausführung, der mittlere Mann, ließ den Blick dagegen lustig umherstreifen und blähte seine fetten Backen beim Atmen. Der älteste wiederum kultivierte ein Haarbüschel auf seiner Oberlippe, das wie ein nervöses Tierchen zappelte, wenn er redete. Und er redete viel!“

Mit diesen Worten beschreibt das Waisenkind Bartholomäus die Brüder Robert, Adolph und Hermann Schlagintweit beim ersten Ansehen. Bartholomäus ist „mindestens zwölf Jahre alt“, und spricht beinah ebenso viele Sprachen. Es ist Bombay im Jahr 1854, der Bub der Protagonist von Christopher Kloebles Roman „Das Museum der Welt“, der morgen in die Buchläden kommt, und das titelgebende Museum seine Sammlung „bemerkenswerter Objekte“ – blasenfreies Eis, der Geschmack der Nacktheit, die Bildermaschine, heißt: das Heft,

Robert, Hermann und Adolph Schlagintweit. Urheberrechte: Archiv des Deutschen Alpenvereins, München. Gebrüder Schlagintweit: FOP 1 FF 627

in dem er all die fest- oder nicht festzumachenden Dinge festhält, die ihm auf seiner Reise durch Indien begegnen. Denn Bartholomäus wird die bayerischen Forscher auf ihrer Expedition durch den Subkontinent begleiten. Als Dolmetscher, das haben die Jesuiten, in deren Obhut er bis jetzt war, so beschlossen. Vater Fuchs, ebenfalls aus Bayern, hat den Deal mit seinen Landsmännern eingefädelt, doch nun ist Bartholomäus‘ Deutsch- lehrer, sein einziger Vertrauter wie vom Erdboden verschluckt. Vater Holbein, sadistischer Spezialist für Stockhiebe, hat das Sagen im „Glashaus“, wie die Bombayiten Sankt Helena wegen der vielen Fenster nennen, also ist dessen bevorzugter Prügelknabe nicht böse, das Weite suchen zu können …

Von 1854 bis 1857, kurz vor Ausbruch des ersten indischen Unabhängigkeitskrieges, reisten die Schlagintweits, und Kloeble hat sich beim Schreiben eng an ihrer tatsächlichen Tour orientiert, durch Indien und Hochasien. Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt beauftragte die britische East India Company die Brüder mit der umfassenden Kartierung und Dokumentierung ihres Hoheitsgebiets, denn der sogar Gesetze erlassende, eine eigene Soldateska unterhaltende Konzern herrschte über weite Teile des Subkontinents wie eine Staatsmacht, einem Auftrag, dem die Schlagintweits mit einer breiten Palette an Untersuchungen nachkamen.

Robert Schlagintweit: Group of Hindu Women. Sudracaste from Bengal. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 34, Bayerische Staatsbibliothek

Robert Schlagintweit: Rajaram, Rajput, 34 years. Audh, Native Officer. The sword in the right hand is called Talvar. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 4, Bayerische Staatsbibliothek

Sie drangen in bis dahin unentdeckte Gebiete vor, den Himalaya, das Karakorum, das Kuenluen, sammelten an die 40.000 Objekte, von Pflanzensamen und Tierhäuten bis Gebetsfahnen und tibetischen Drucken. Sie verfassten tausende Seiten von Notizen, fertigten hunderte Skizzen, Aquarelle und Platinotypien, viele davon heute im Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek (www.bsb-muenchen.de) und des Deutschen Alpenvereins (www.alpenverein.de) – und nach Art der Toten- von allerdings lebenden „Eingeborenen“ abgenommene Gesichts- masken, die sie nach den damals gängigen Rassentheorien der „People of India“ in vier Hauttönen bemalten.

Mitten im „Great Game“, Rudyard Kiplings Begriff für die zentralasiatischen Konflikte an der Demarkationslinie des chinesischen, russischen und britischen Reichs, sollen sie nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Spione geforscht haben. Adolph, der im Gegensatz zu den die Schiffspassage wählenden Hermann und Robert die Heimreise per Landweg durch diesen politischen Brandherd antrat, wurde in die revolutionären Umwälzungen in der Grenzregion verwickelt und in Kashgar wegen dieser Spionagevorwürfe enthauptet. Eine Hinrichtung, bei der auch Bartholomäus gegen Ende des Buches zugegen ist.

Kloeble, überzeugt davon, dass sein Ich-Erzähler so fiktiv nicht sein kann, nützt die Figur für einen Kunstkniff. Er lässt den Bediensteten der Forscher die Spielregeln umdrehen, indem er die Herren Wissenschaftler zu seinen Untersuchungsgegenständen macht. Er beobachtet sie, analysiert sie, hinterfragt ihr Handeln und ihre Absichten. „Bartholomäus lässt uns erleben, wie es gewesen sein muss, wenn fremde weiße Männer plötzlich in dein Leben platzen, dich zum Sprechen ihrer Sprache zwingen, alles in deiner Heimat so benennen, wie es ihnen beliebt, und all das immer mit der Haltung, dass du ihnen in jeder Hinsicht unterlegen bist und sie die Spitze der Evolution sind“, sagt Kloeble im Interview.

Diese hochaktuelle, da bis in die Gegenwart Nachwehen zeitigende Kritik am Aufblühen Europas durch die Unterwerfung und Plünderung seiner Kolonien führt als roter Faden durch „Das Museum der Welt“. „Die Vickys“, so nennt Bartholomäus die Briten, es ist seine Abkürzung für viktorianisch, „hatten das Land vernachlässigt, um Profit zu machen, und so mordete der Hunger Abertausende Indier.“ An anderer Stelle ist der Heranwachsende ein durchaus humorbegabter, still-satirischer Betrachter der Betrachter sowie deren Sitten und Gebräuche. „Leider ist im Durchschnitt nur jeder vierte Bayer angenehm“, notiert er über die drei Brüder.

Robert Schlagintweit: Maadhab Doss, Writer – Kaste of the Kalkutta Bengal (Detail). Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 21, Bayerische Staatsbibliothek

Robert, Adolph und Hermann Schlagintweit. Urheberrechte: Archiv des Deutschen Alpenvereins, München. Gebrüder Schlagintweit: FOP 1 FF 627 und FOP 1 FN 190

Über Hermann, er „war der unbarmherzige König des Redens. Auf den Bazars flohen selbst Banias und Jains vor uns, weil er sie kaum zu Wort kommen ließ“, und über dessen Fluch auf die britische Bürokratie, die die Karawane wieder einmal ausbremst: „Was ein Zwirn ist, weiß ich, und Himme bedeutet wahrscheinlich Himmel – aber was ist ein O-asch?“ Eine Vokabel, die sich der Abenteurer-Azubi flugs einverleibt und zunehmend routiniert gebraucht. Andere, Hindi-, Marathi-, Punjabi-, Bengali-Worte, hätten der Übersetzung und Erläuterung bedurft. Man merkt dem Roman an der Detailverliebtheit der farbenprächtigen Schilderungen an, dass sein Autor in Indien im Gegensatz zum Leser zu Hause ist – und wie bei mehr als 500 Seiten Umfang noch ein Glossar fordern?

Nicht nur der schweigsame, sich meist unters schwarze Tuch seiner Kamera verkriechende Robert, nicht nur die in permanenter Streitpose aufgestellten Hermann und Adolph haben Bartholomäus‘ Aufmerksamkeit. Mit spürbarer Zuneigung entwirft Kloeble auch die anderen Charaktere im Train. Die Köchin Smitaben aus Gujarat, von allen Maasi/Tante genannt, eine stattliche, nicht auf den Mund gefallene Person, die Mutter der Kompanie, vor der sogar die Schlagintweits Habt-Acht stehen. Der Punjabi Devinder, der vom faulen Klostergärtner zum nicht minder arbeitsscheuen Lastenträger zum strammen Kriegsdiener wird. Der Parsi Hormazd, Herr über Zahlen und die Buchhaltung der Schlagintweits, dessen exotisch anmutender Glaube an die Lehre des Zoroastrismus verwundert. Der als Präparator eingestellte, indo-portugiesische Mr. Monteiro, der gutmütige, wenn auch glutäugige, Khansaman/Butler Mani Singh, ein Sikh, der Makadam genannte Hüter der Kamele, schließlich der seltsame Brahmane und Arzt Dr. Harkishem und Eleazar, der Sinistre, ein Bania mit jüdischem Namen.

„Wir sind eine Gruppe aus Firengi, Sikhs, Moslems, Hindus, die unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Sprachen sprechen und zu unterschiedlichen Göttern beten. Ich würde uns auch nicht trauen“, sagt Bartholomäus, alldieweil er zu „Adolphji“ doch eine besondere Beziehung aufbaut, den Firengi, der nicht gekommen ist, um Indien Ordnung zu bringen, sondern mit dem es so ist, als ob er schon immer hier gewesen wäre, der Bartholomäus auf seinem Pferd mitreiten lässt, dem er beim abendlichen Aquarellieren die Fackel hält – und mit dem er durch ein Guckloch die Gopis/eigentlich: Kuhhirtinnen, mit denen allerdings Gott Krishna eine orpheusische Begebenheit erlebt, eines Maharadschas bestaunt.

Derart durchwandert man mit den Augen Bartholomäus‘ Indien, sieht die „schöne Vicky“ Calcutta mit ihrem Tram Car, hört seinen Gedankendisput mit dem Generalgouverneur James Broun-Ramsay, wenn der herrenmenschlich-überheblich seinen „bescheidenen Geniestreich“, die Doctrine of Lapse, lobt, die es der Company erlaubt, bei Bedarf jeden Staat eines „verbündeten“ indischen Fürsten zu annektieren, geht mit ihm auf Bälle und ins Gefängnis, wo Häftlinge von den Wärtern unter Schlägen zur Gesichtsmaskenprozedur gezwungen werden, entrinnt den Thugs und ihrer blutigen Göttin Kali, gelangt bis an den Himalaya, in die Unendlichkeit von Eiseskälte und Entbehrungen und lässt sich darob mit ihm von Göttin Nanda Devi die Sinne rauben.

Robert Schlagintweit: Sumsan, Musalman, 42 years, Agra (Musalman Fakir) He is a leper. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 58, Bayerische Staatsbibliothek

Robert Schlagintweit: Group of Kulis. Northern Bengal. Aus: Schlagintweitiana IV.2, Bild 31, Bayerische Staatsbibliothek

 

Nicht nur Bartholomäus entwickelt sich, auch sein Coming-of-Age-Roman. Er wird vom historischen mehr und mehr zum politischen, denn man nähert sich nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich dem sogenannten Sepoyaufstand. „Ich bin jemand, der alles dafür tun würde, damit Indien wieder frei ist“, sagt einer der Expeditionsteilnehmer zu Bartholomäus, und dann tut sich eine ganze Gruppe Widerstandskämpfer aus allen Kasten um ihn auf. Die Papierpatronen des Enfield-Gewehres werden geschmuggelt, nach einem hartnäckigen Gerücht mit einer Mischung aus Rindertalg und Schweineschmalz behandelt, und daher weder für hinduistische noch muslimische Armeemitglieder abzufeuern.

Bartholomäus soll die Schlagintweits ausspionieren, sonst werde Smitaben ermordet – und bald gibt es im Train erste mysteriöse Todesfälle. Und am Schlimmsten: Bartholomäus erkennt die Wahrheit hinter Vater Fuchs‘ Verschwinden. Kloeble entwirft eine Gemeinschaft jenseits von ganz gut und komplett böse, er zeichnet seine Figuren in bemerkenswerter Vielschichtigkeit, Rollenspieler die meisten, die ihr Ich erst nach und nach offenbaren – und am 20. Oktober 1857 wird’s der jüngste Rebell sein, der dies tut …

Den Schlagintweits war bei ihren britischen Auftraggebern kein Ruhm beschert. Das Londoner Wissenschaftsjournal Athenaeum formulierte süffisant über die „Inanspruchnahme“ englischer Erkenntnisse durch Deutsche: „Die preußischen [sic!] Gentlemen, so erfahren wir, haben Tibet erschlossen und sind nun dabei, Indien in Europa bekannt zu machen. Wir in England dachten, dass wir ein bisschen über Indien gewusst und etwas dafür getan hätten, seine physischen und geografischen Merkmale bekannt zu machen. Aber anscheinend unterlagen wir, so scheint es nun, merkwürdigen Trugbildern …“

Über den Autor: Christopher Kloeble wuchs in Oberbayern auf und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, unter anderem den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung für das beste Romandebüt 2008, „Unter Einzelgängern“, und für das Drehbuch zu „Inklusion“ den ABU-Prize für das beste TV-Drama. Er war Gastprofessor in Cambridge, Großbritannien, sowie an diversen Universitäten in den USA, zuletzt am Dartmouth College. 2012 veröffentlichte er den vielbeachteten Roman „Meistens alles sehr schnell“, der auch in Israel und den USA erschien. Derzeit arbeitet er an der Verfilmung. Kloeble lebt in Berlin und Delhi, da seine Frau in Neu-Dehli aufgewachsen ist.

dtv, Christopher Kloeble: „Das Museum der Welt“, Roman, 528 Seiten.

Christopher Kloeble liest aus „Das Museum der Welt“: www.youtube.com/watch?v=UIkcKf7vicE

www.dtv.de           www.christopherkloeble.de

Die Platinotypien von Robert Schlagintweit, aus: Schlagintweitiana IV.2, wurden vom Nachlassreferat der Bayerischen Staatsbibliothek, München www.bsb-muenchen.de, die Porträts der Gebrüder Schlagintweit vom Archiv des Deutschen Alpenvereins, München www.alpenverein.de zur Veröffentlichung auf mottingers-meinung.at freigegeben.

  1. 2. 2020

Volksoper: Cabaret

September 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der ersten bis zur letzten Minute WOW!

Willkommen, Bienvenue, Welcome: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ hieß es gestern zum Saisonauftakt an der Volksoper. Zum ersten Mal zeigt das Haus das Musical „Cabaret“ von Komponist John Kander, Librettist Joe Masteroff und Liedtexter Fred Ebb, inszeniert von Gil Mehmert und mit Lorenz C. Aichner am Pult, und mit der Wirkung: von der ersten bis zur letzten Minute WOW! Es wird wenige geben, die bei dieser frivol-frechen Hommage ans Berlin der Goldenen Zwanziger nicht an Liza Minnelli in Bob Fosses 1972er-Film denken.

An der Volksoper singt und spielt Bettina Mönch die Sally Bowles, und begeistert mit einem Timbre und einem Temperament, die dem US-Superstar alle Ehre machen. Mit ihr brilliert Ruth Brauer-Kvam als androgyner Conférencier und BesitzerIn des Kit Kat Clubs. Erst im Juni sprach John Kander im Interview mit der Welt über ein „Cabaret“-Comeback, da ja Nationalismus, Populismus und Rassismus gerade Revival feiern. Gil Mehmert hat diesen Sager mit seiner Arbeit bereits vorweggenommen, verliert er doch in dieser keinen Moment die politische Dringlichkeit des Stücks aus den Augen. Die Volksopernfassung, teils in deutscher, teils in englischer Sprache, beinhaltet zu den Bühnensongs die drei für die Verfilmung geschriebenen Evergreens „Money“, „Mein Herr“ und „Maybe This Time“ – und so konnte Mehmert beispielsweise für „Money“ eine an Georg Grosz‘ Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ erinnernde Figur erfinden, einen Banker mit Goldgehirn und Tresorbauch.

Ich hatte eine Freundin namens Elsie: Bettina Mönch als Sally Bowles mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maybe This Time: Bettina Mönch als Sally Bowles und Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auch die anderen Nummern im Kit Kat Club sind um diese gesellschaftliche Brisanz angereichert: Zu „Two Ladies“, ursprünglich ein schamloses Bekenntnis zur Ménage-à-trois, tanzt der Conférencier, angetan als „Führer“, mit einem deformiert-maskierten Mussolini und einem Stalin einen teuflischen Dreier. Das dem deutschen Kunstlied nachempfundene „Der morgige Tag ist mein“ intonieren erst ein urgermanischer Männerchor, dazu Fackelzug und eine HJ mit ihren Trommeln, bevor es das von Johanna Arrouas hinreißend biestig dargestellte Fräulein Kost als ihren neuen Gesinnungsgesang übernimmt.

Dass ausgerechnet das aufsässige Matrosenliebchen, das in Fräulein Schneiders Pension die Seemänner im Stundentakt aufmarschieren lässt, und der Obskurant Ernst Ludwig, Peter Lesiak gestaltet den Unsympath vom Nadelstreifanzug zum Braunhemd, vom illegalen Parteigänger zum SA-Mann, schlussendlich „an die Macht“ kommen, dient Mehmert zusätzlich als Metapher für aktuell Rechtsrückende in ihren aberwitzigsten Ausprägungen. Für all das hat Heike Meixner eine monumentale Drehbühne samt Showtreppe und riesiger Klaviatur entworfen.

Dies die Hälfte auf der Mönchs Sally Bowles als lasterhaft leicht geschürzte Nachtclubsängerin durchs Zwielicht der Bühne wirbelt – Kostüme: Falk Bauer, Choreografie: Melissa King –, während sich auf der anderen die Schneider’sche Pension, vier bieder eingerichtete Zimmer, befindet. Eine Welt wird, wie sie’s auch musikalisch tut, spiegeln sich doch die Pensions-Balladen im Kit-Kat-Uptempo-Jazz, so zur Kehrseite der anderen, Bohème und Hausbacken in trauter Eintracht im Makrokosmos der Stadt, deren Name in Leuchtbuchstaben über allem steht. Es ist Ruth Brauer-Kvams Conférencier, der die beiden Milieus verbindet, er laut Mehmerts Interpretation ein Narr, der wie eine lichttaumelnde Motte durchs seinesgleichen bald verbrennende Geschehen flirrt, wobei den nosferatanischen Glatzkopf wie jeden Faxenmacher die Gabe der Weitsicht plagt, mittels der er lang vor den übrigen den Millionentod am sich verdunklenden Horizont dräuen sieht.

I Don’t Care Much: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Two Ladies: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dass Bettina Mönch und Ruth Brauer-Kvam vom Publikum mit Riesenjubel bedankt wurden, bevor’s am Ende sogar Standing Ovations gab, versteht sich, doch stehen die weiteren Solistinnen und Solisten, die Kit Kat Girls und Boys, unterstützt vom Volksopernorchester, das Dirigent Lorenz C. Aichner mit Verve durch die revueartigen Nummern aus Ragtime, Swing und Big-Band-Sound führt, den beiden in nichts nach. Und so überzeugt Hausdebütant Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw mit angenehmer Stimme und viel Spiellust, sich vom homosexuelle Erfahrungen gemacht habenden Schriftsteller, ein Alter Ego von Autor Christopher Isherwood, auf dessen „Berlin-Stories“ das Musical basiert, zum Sally-Lover zu entwickeln.

Womit er die – von Anfang an zum Scheitern verurteilte – selbstauferlegte Aufgabe übernimmt, der exaltiert-erotischen Realitätsverweigerin die Augen über den Zustand der Weimarer Republik zu öffnen. Sein Schlager „Wer will schon wach sein?“ markiert denn auch den Schlusspunkt der Aufführung. Dem verrückt verliebten Paar Sally und Cliff stehen mit sozusagen selbem Leitmotiv die gutbürgerlichen Fräulein Schneider und Herr Schultz gegenüber, die Pensionswirtin und der Obsthändler, die in Mehmerts Regie einen wichtigen Platz einnehmen, ans Herz rührend verkörpert von Dagmar Hellberg, die mit „Berliner Schnauze“ und einer gehörigen Portion Resoltsein ihre Gutmütigkeit zu verbergen versucht, und einem Süßholz raspelnden Robert Meyer, der zu den Klezmer-Anklängen von Herrn Schultzens großem Song „Mieskeit“ sogar eine „Solo-Hora“ wagt.

Und dann steht man da, sagt beseligt Ja: Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider und Robert Meyer als Herr Schultz, rechts oben: Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der morgige Tag ist mein: Johanna Arrouas als Fräulein Kost und Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies beim Verlobungsfest der beiden in ihrer späten Liebe Schwelgenden, von denen er Jude ist, was eingangs kurz erwähnt wird, wo’s noch keine Rolle spielt, und wo Schulz‘ Aber-was?-Motto noch lautet: „Das geht vorbei. Regierungen kommen und gehen“. Doch so, wie überall mehr und mehr Hakenkreuzbinden und Totenkopfabzeichen aufblitzen, der aufkeimende Nationalsozialismus stärker und stärker das ausschweifende Nachtleben unterminiert, so fliegt der erste Pflasterschein durchs Schaufenster von Schultz‘ Obstgeschäft, so flieht Fräulein Schneider in das ihr sicher scheinende Deutschtum

Sie ist der Charakter, an dem sich verdeutlicht, wie schnell Gesinnung von rechts in der Mitte der Menschen ankommen kann. Herr Schultz wird indessen bei seiner Flucht ins Ausland, denunziert von Fräulein Kost, aufgegriffen und abgeführt, und Berlin verabschiedet sich für „1000 Jahre“ von seiner Weltoffenheit … „Cabaret“ an der Volksoper kann einfach alles. Gil Mehmert versteht es, die Atmosphäre des Abends von sinnlich, lustvoll, verrucht in Angst und Schrecken kippen zu lassen. Und Ensemble wie Orchester sind meisterlich darin, diese Stimmungen in den Zuschauerraum zu tragen. „I Don’t Care Much“ singt der Conféren- cier noch. Doch genau das gilt es jetzt zu tun …

www.volksoper.at

  1. 9. 2019

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand

November 22, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie „Humbug!“ zum Weltbestseller wurde

Christopher Plummer als Scrooge, dahinter Dan Stevens als Charles Dickens. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Adaptionen gibt es unzählige, selbst die Muppets, Micky Maus und Bill Murray kamen daran nicht vorbei, eine Folge „Doctor Who“ befasst sich damit, auch eine von „Blackadder“, sogar Onkel Dagobert heißt im englischen Original Scrooge McDuck. „A Christmas Carol“ nicht zu kennen, ist so unmöglich wie „Stille Nacht“ nicht zu können. Wie die Feiertagsgeschichte entstand, erzählt ab Freitag im Kino „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“.

Basierend auf dem Buch von Les Standiford ist Regisseur Bharat Nalluri ein hinreißender, auf very britische Weise verschroben schrulliger Film gelungen, opulente, starbesetzte Bilder von einer pittoresken Schmuddeligkeit – wobei Nalluri trotz schwelgerischer Optik nie auf die Dickens’sche Sozialkritik vergisst. Was der Autor in „Oliver Twist“ oder „David Copperfield“ festhielt, die Armut der Arbeiterklasse, das Ausbeuten von Kindern als billige Arbeitskräfte, rührt aus der eigenen Vergangenheit, erfährt man, ein Kindheitstrauma, dem der Film ebenso viel Raum widmet, wie der Geburt des Literatur-Klassikers. Und so wird man, während Dickens im Winter 1843 von Flops, auf welche beinah die Pleite folgte, aus der Kurve getragen wird, und in den sechs Wochen bis zum Christfest einen Erfolg nicht nur schreiben, sondern, weil die renommierten Häuser alle abwinken, auch selbst verlegen und ergo neue Kredite aufnehmen muss, immer wieder in jene Fabrikshalle zurückgeworfen, in der der elfjährige Charles seinen Lebensunterhalt verdienen musste.

Ein schmutzstarrendes, rattenbefallenes Loch ist das, in dem Buben mit rußverschmierten Gesichtern Etiketten auf Glasflaschen kleben, hustend, hinter ihnen der riesige Kessel, in dem die Schuhpolitur brodelt, die Warren’s Blacking Warehouse herstellt. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag schuftete das Kind Dickens hier, während Vater und Mutter in Schuldhaft saßen, und diese Schmach und Scham und der Schmerz darüber, von den Eltern so fahrlässig verlassen worden zu sein, wird den Schriftsteller ein Leben lang begleiten. Kaum jemandem hat er sich über diese Erfahrungen anvertraut, und so verwebt der Film das Gespenst der Vergangenheit, dem Dickens Herr zu werden versucht, mit den Geistern, die er ruft, damit sie sein neues Buch bevölkern.

Pittoreskes London. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Der Schreibprozess wird zur Seelenreinigung. Dies alles serviert Nalluri nicht auf dem Silbertablett, sondern entdeckt er dem Zuschauer erst nach und nach. Das macht „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“ über die Buchstory hinaus zum spannenden Psychogramm des Schreibstars. Dass die Übung gelingt, ist in hohem Maße dem als „Downton Abbey“/„Matthew Crawley“ bekannten Dan Stevens zu danken.

Er macht aus dem 31-jährigen Dickens einen kauzigen Unruhegeist, der mal vor Zorn, mal vor Enthusiasmus mit wehenden Rockschößen durchs viktorianische London wirbelt, um sein Projekt voranzutreiben. Wenn die Kamera auf Stevens‘ Gesicht zoomt, die Augen darin mitunter von durchaus berechtigtem Wahnsinn umflort, ist alles abzulesen, was diesen Mann an- und umtreibt: Die Aufwendungen für sein Dandy-Dasein, das Haus zwecks Renovierung eine kostspielige Baustelle, bei der Frau das fünfte von zehn Kindern unterwegs – und ante portas der nach wie vor verschwenderische Vater samt Mutter, um beim Sohn einmal mehr zu schmarotzen.

Diesen John Dickens spielt der grandiose Jonathan Pryce changierend zwischen der Grandezza eines Lebemanns und eines vom Leben gebeutelten, ewigen Verlierers. Wie ihm für seine Enkelkinder – selbstverständlich auf Charles‘ Kosten – nichts zu teuer ist, wie er für sie spontan Märchen erfindet und erzählt, da erkennt man den Ursprung von Charles‘ Genie, dann wieder ertappt ihn dieser im Mistkübel nach seinen weggeworfenen Entwürfen stöbern – ein Autograph des berühmten Autors brächte John eine Menge Geld ein.

Der zweite (Vater-)Charakter, mit der sich Dickens herumschlagen muss, ist natürlich Ebenezer Scrooge, eine Rolle, die für Christopher Plummer, der mit Süffisanz und Sarkasmus brilliert, erschaffen worden zu sein scheint. Wie Nalluri Leben und Werk verknüpft, so fällt auch für Dickens die Fiktion in den Alltag ein, seine Figuren findet er in seinem Umfeld, seinen Rechtsanwalt und einen Kellner mischt er zu Marleys Geist, und Tiny Tim, dessen Vorbild Dickens‘ gehbehinderter Neffe ist, darf nur überleben, weil das irische Kindermädchen Tara für ein Happy End plädiert. So entdeckt er schließlich seinen Scrooge bei einem nächtlichen Friedhofsspaziergang, wo dieser alles, was mit Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe zu tun hat, mit dem Wort „Humbug!“ abtut. Das ist für Dickens zu schön, um daran vorbei zu gehen.

Charles Dickens (Dan Stevens in der Mitte) wird von seinen Figuren verfolgt. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Mit den Figuren kommt zum Aberwitz auch ein gewisser Gruselfaktor ins Spiel. Wunderbar, wie sie es sich im Arbeits-, manchmal sogar im Schlafzimmer bequem machen, zu Geschäftsessen und anderen Gelegenheit mitgehen, immer um Dickens herum sind, und vor allem Mitspracherecht über ihre Gestaltung einfordern. Geizhals und Fiesling Scrooge findet sich als zu einseitig dargestellt, „Meine Figur hat keine Gelegenheit, ihre Seite zu erklären“, beschwert er sich.

Bis Dickens sich endlich mit einem irritierten „Ich bin hier der Autor!“ die Autorität über sein Schaffen zurückerobert. In einer Schlüsselszene erscheint, nebelumwabert und von Blitzen begleitet, Marleys Geist nicht um Scrooge, sondern dessen Schöpfer seine Ketten aufzuzeigen. Und so muss Charles Dickens den Scrooge in sich erkennen und sich um nichts weniger läutern als sein Antiheld … „Charles Dickens: Der Mann der Weihnachten erfand“ ist von einer Warmherzigkeit, die selbst den größten Weihnachtsmuffel in X-Mas-Laune versetzen muss. Ein Film, so herbsüß wie Lebkuchen, so süffig wie der dazu gehörende Punsch, so dass einem jetzt schon die Christbaumsterne in den Augen glänzen.

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  1. 11. 2018