Wiener Festwochen: Christophe Slagmuylders Plan C

Mai 7, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tägliche Theater-Gesten und zwei Ausstellungen

Kay Sara und Milo Rau: Against Integration. Bild: Heloisa Bortz

Heute stellte Intendant Christophe Slagmuylder seinen Plan C – C wie #Corona – für diesjähigen Festwochen vor, die am 15. Mai hätten starten sollen – und das werden sie auch, als Festwochen 2020 reframed. Zum Auftakt des Festivals wird die Rede von Milo Rau und Kay Sara, die die beiden im Burgtheater hätten halten sollen, am 16. Mai online erscheinen, am gleichen Tag Der Standard eine Beilage beilegen, mit Beiträgen zum Programm und als Forum für die Stimmen jener Künstlerinnen und Künstler, die man im Mai/Juni eigentlich nach Wien einladen wolle. Sie soll Print-Zeugnis eines Festivals sein, das nun nicht stattfindet …

„Von 15. Mai bis 20. Juni wird im Netz Tag für Tag jedes Werk aus dem Programm entsprechend der Chronologie im Festival virtuell angedeutet“, so Slagmuylder über weitere Ideen. Derart wird eine Sammlung kleiner ,Gesten‘ entstehen, mal aus existierendem Material, mal als Einblick in das Entstehen eines neuen Stücks, das seine Uraufführung noch vor sich hat. Bewegte Bilder, musikalische Fragmente, kurze Texte. In Form von Gesprächen, Workshops, Videoclips. Spuren oder Versprechen, in Summe bilden sie eine Art Archiv eines Festivals, das nicht stattfindet …

Nicht vergessen wird auf den realen, öffentlichen Raum. Ab 2. Juni wird Ho Tzu Nyens „No Man II“ die Kärntnertorpassage am Karlsplatz beleben. Und ebenfalls Anfang Juni wird Kurator Miguel A. López einen Prolog zur Ausstellung „And if I devoted my life to one of its feathers?, ein gemeinsames Projekt mit der Kunsthalle Wien, in Form einer Plakat-Aktion ins Freie übersiedeln.

Apropos, Plakat: Statt die Festivalkampagne wie jedes Jahr in den Stadtraum zu tragen, haben die Festwochen Freunde, Mitarbeiter und Künstler gebeten, die Plakate in ihrer derzeitigen Umgebung in Szene zu setzen. Die Beiträgen sind ab morgen in den Social-Media-Kanälen der Festwochen mit den Hashtags #festwochen2020 #reframed zu entdecken gibt. Wer mitmachen und die Welt verschönern möchte, schickt ein Mail mit Adresse an s.preindl@festwochen.at Vermehrt Schönes! Auch in den eigenen vier Wänden.

Die diesjährigen Festwochen-Plakate von Freunden, Künstlern und Mitarbeitern in Szene gesetzt. Bild: © diverse

Ho Tzu Nyen: No Man II, 2017. Bild: Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

And if I devoted my life to one of its feathers? – Jim Denomie: Standing Rock, 2016, Courtesy der Künstler

Intendant Christophe Slagmuylder präsentiert seinen Festwochen-Plan C. Bild: Andreas Jakwerth

„Abhängig davon, was realisiert werden darf und kann“, will Slagmuylder zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr ein kleines Programm stattfinden lassen, bestehend aus Stücken, die jetzt im Frühling bei den Wiener Festwochen präsentiert werden sollten. mottingers-meinung.at wird rechtzeitig berichten.

www.festwochen.at

7. 5. 2020

Der Glanz der Unsichtbaren

Februar 21, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sozialtragikomödie von und mit obdachlosen Frauen

Fantastische Schauspielerinnen in einer fabehaften Story: Die Darstellerinnen in „Der Glanz der Unsichtbaren“ kennen ihre Figuren aus eigener Erfahrung. Bild: © 2019 Panda Film

Die persönlich liebste ist Chantal, Adolpha Van Meerhaeghe, seit „Vivement dimanche“ auf dem Weg zum Filmprofi, und nun in „Der Glanz der Unsichtbaren“, der heute in den Kinos anläuft, bezaubernd bärbeißig, hinreißend herrisch – und dermaßen alltagsphiloso- phisch, dass mitunter eine Betreuerin die Nerven schmeißt.

„Ich kann Dinge reparieren“, definiert sie sich stolz, und das tut sie, von den Playstations bis zu den Mopeds der Jungs aus dem Fußballverein, als dessen – nach ihren eigenen Regeln pfeifende – Schiedsrichterin sie fungiert. Doch nicht nur weil Chantal eine Frau jenseits der Fünfzig ist, hat sie auf dem Arbeitsmarkt kaum Aussichten. Sie lebt auf der Straße, ist tagtäglich unterwegs mit ihrem gesamten Hab und Gut, davor war sie viele Jahre im Gefängnis, hat ihren Ehemann erschossen, als sie genug von seinen Schlägen hatte. Auf ihre Zeit in Haft weist sie hin. Mit großer Würde und zu Herzen gehender, geradezu offensiver Aufrichtigkeit. Bei jedem mühsam für sie arrangierten Bewerbungsgespräch. Chantal hat nämlich nichts zu verheimlichen …

In „Der Glanz der Unsichtbaren“ erzählt Regisseur und Drehbuchautor Louis-Julien Petit von obdachlosen Frauen. Auch in Österreichs Städten nimmt ihre Zahl ständig zu, nach Schätzungen sind derzeit 25 Prozent aller Obdachlosen hierzulande weiblich. Unsichtbar sind sie nicht nur, weil sie sich aus Angst vor Gewalt unauffälliger und versteckter verhalten als Männer, sondern sie sind es vor allem für die Augen einer Gesellschaft, der nichts leichter fällt als wegzuschauen. In Petits Geschichte sind die Protagonistinnen Klientinnen und Sozialarbeiterinnen einer Tagesstätte in einer nordfranzösischen Stadt. L’Envol verströmt zwar die schäbige Grazie einer heruntergekommenen Fabriksanlage, besonders zu der vergleichsweisen Nobelherberge, die die Gemeinde in einem anderen Bezirk neu eingerichtet hat.

Doch L’Envol ist Zuflucht, Heimat, Schutz, Freundschaft jenseits aller Fragen nach Herkunft und Hautfarbe, und der Zutritt für Männer – man hat in anderen Einrichtungen einschlägige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machen müssen – ausnahmslos verboten. Ist ein miteinander Auf-Augenhöhe-Sein statt stur-steril-prinzipienreiterisch stadtverwaltet zu werden. So beginnt dieser stark dokumentarisch geprägte Spielfilm, zu dem Autorin Claire Lajeunie mit ihrem Buch „Sur La Route Des Invisibles, Femmes Dans La Rue“ die faktische Grundlage zur Fiktion geschaffen hat: Dutzende Frauen stehen mit Sack und Pack vor dem noch versperrten Schiebetor, denn nachts ist L’Envol geschlossen, bittere Szenen werden das später sein, wenn die Frauen sich bei Einbruch der Dunkelheit einen Schlafplatz suchen müssen, dann öffnet – hart, aber herzlich – Angélique.

Patricia Mouchon, Assia Menmadala als Dalida, Marie-Thérèse Boloke Kanda und Sarah Suco. Bild: © 2019 Panda Film

Lady Di findet im Mistplatz-Chef einen Verehrer: Marianne Garcia mit Noémie Lvovsky als Hélène. Bild: © 2019 Panda Film

Köchin Marie-Josée Nat will nicht nur Gemüse putzen: Khoukha Boukherbache mit Noémie Lvovsky. Bild: © 2019 Panda Film

Hart, aber herzlich: Frankreichs Shootingstar Déborah Lukumuena als Angélique. Bild: © 2019 Panda Film

Die Sozialarbeiterinnen: Audrey Lamy, Noémie Lvovsky und Corinne Masiero. Bild: © 2019 Panda Film

Großartig: Adolpha Van Meerhaeghe als Chantal und Laetitia Grigy als Monique. Bild: © 2019 Panda Film

Man holt sich Zahnbürste, Shampoo, eine Nagelschere. Fünfzehn Minuten fürs Duschen stehen Lady Di, Edith Piaf, Salma Hayek, Simone Veil, Brigitte Macron, wie sich die Frauen eben nennen, zu. Diese glamourösen, titelgebenden Pseudonyme sind nicht nur betreffs der aktuellen Première dame des empathie-unbegabten Emmanuel so gesellschaftssatirisch und selbstironisch wie der ganze Film. Louis-Julien Petit gelingt die sehr französische Kunst aus schwerem Stoff eine Sozialtragikomödie zu schneidern, im Tonfall ähnlich „Alles außer gewöhnlich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37098), die Authentizität gegeben, da die Rollen der obdachlosen Frauen mit nichtprofessionellen Schauspielerinnen besetzt sind, die Wohnungslosigkeit aus eigener Erfahrung kennen, auch hier die Anlaufstelle wegen Überengagement der Betreuerinnen und ergo Unrentabilität von der Auflösung bedroht.

„Der Glanz der Unsichtbaren“ ist ein Rêves-deviennent-réalité-Märchen über Selbstermächtigung. Nächstes Bild, Teambesprechung. Die Schauspielstars Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky als idealistische Audrey, realistische Manu und „Desperate Housewife“ Hélène, ein Spitzname den Frankreichs Shootingstar Déborah Lukumuena als Angélique der Ehrenamtlichen wegen deren seitenspringendem Ehemann verpasst hat.Geredet wird von Hamsterrad, Händen, die von der Bürokratie gebunden sind, Helfersyndrom, immer wieder Improvisieren-Müssen. Et voilà, ein Plan ist gereift und wird zur Umsetzung gebracht: Hilfe zur Selbsthilfe unter dem Radar staatlicher Fürsorge! In Workshops sollen die, die einen Beruf erlernt haben, ihr Wissen weitergeben.

Derart sattelfest gemacht, werden sich die Frauen in einer gemeinsam organisierten Jobbörse, einem Tag der offenen Tür, potenziellen Arbeitgebern präsentieren. Und siehe, dieses No-Na die zu ziehende Lehre des Films, die Obdachlosen sind Persönlichkeiten, komplexe Charaktere mit Mutterwitz und zuweil exzentrischem Charme und einem Potenzial, dessen Vergeudung durch Nicht-Zurkenntnisnahme sich die Politik nicht leisten kann. Verkörpert von grandiosen Darstellerinnen, an denen sich die Kamera kaum sattsehen kann. Die Kameramänner David Chambille und Christophe Chauvin verstehen es, die Spuren eines harten Daseins auf den Gesichtern in eine subtile Schönheit zu verwandeln, man entdeckt Geheimnisse wie auf den zweiten Blick, wenn Petit ins große Ganze warmherzig einzelne Biografien verwebt.

Les sœurs le font pour elles-mêmes: Ein Ende mit Selbstbewusstsein, Smileys, Annie Lennox und Aretha Franklin. Bild: © 2019 Panda Film

Episoden aus Lebensverhältnissen, die von Missbrauch und Misshandlung bestimmt waren, Alkohol, Drogen, Antidepressiva, Sex für einen Schlafplatz, Schlepper, Immigration mittels gefälschter Pässe, eine Schroffheit, die Sozialamts- mitarbeiter vor den Kopf stößt. Verzweiflung auf beiden Seiten der Schreibtische.

Dazu Aufnahmen von Sitzbänken mit Zwischenstützen, wie es sie auch in Wien gibt, um Obdachlose am Hinlegen zu hindern, Schaufensterportale mit Taubenspikes – gegen die „Plage“. Ein Zeltlager, in dem viele Frauen die Nacht verbringen, wird wegen Besetzung eines öffentlichen Grundstücks behördlich geräumt. Eskalation, Polizei im Anmarsch, eine schreit: „Das ist mein Zuhause!“, da sind die Bagger schon drübergerollt … Berührend das folgende Bild, in dem sich die Frauen nach Fotos von einem besseren Früher für ihren Neuanfang stylen, Lippenstift wird aufgetragen, und Mascara, Tränen fließen.

Petit setzt auch Pointen. Assia Menmadala, die als ehemalige Domina Dalida mit den anderen deren Auftritt trainiert, Laetitia Grigy, die als Monique an ihrem Verkaufstalent als angehende Immobilienmaklerin feilt, Khoukha Boukherbache, die als gelernte Köchin Marie-Josée Nat mehr will, als nur Gemüse putzen, die wegen psychischer Probleme auf der Straße gestrandete Psychoanalytikerin Catherine, Marie-Christine Orry, die freudig freudianische Coachingsitzungen hält, Chantal, die mit einem ausrangierten Toaster in die Elektrotechnik einführt. Dieser und andere Gegenstände zur Behübschung vom L’Envol dem Chef des Mistplatzes abgeluchst.

Fatsah Bouyahmed, der sich als Esteban in Lady Di, Marianne Garcia, verliebt und um sie freit, bis sie sich zwar perplex, aber doch dem zweiten Frühling hingibt. Fatsah Bouyahmed dabei nur einer der fabelhaften Männer im Cast, neben Pablo Pauly als Audreys hypersensibler Bruder Dimitri und Quentin Faure als Audreys Quasi-Lover und Baustellenleiter Laurent, der ihre Sache mit einer ziemlich holprigen Liebeserklärung per Blanko-Empfeh- lungsschreiben unterstützt … ein Happy End? Gibt es! Eines zwischen viel Lachen und ein wenig Weinen. Ein selbstbewusstes, siegessicheres Stolzieren auf einem Catwalk. Mit Smileys. Vater Staat hat damit nichts zu tun. Annie Lennox & Aretha Franklin singen „Sisters Are Doin‘ It for Themselves“. Les sœurs le font pour elles-mêmes.

der-glanz-der-unsichtbaren.de

  1. 2. 2020

Wiener Festwochen 2019: Ein Programmüberblick

Februar 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Auftakt ein Theatermarathon in der Donaustadt

Diamante. Bild: © Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018 . Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion

„Die Wiener Festwochen sind ein Ort für multidisziplinäres künstlerisches Schaffen: visionär und gleichzeitig mit Geschichte vertraut, international und in der Stadt Wien verankert.“ Dieses Motto stellt Christophe Slagmuylder, der aus Belgien stammende neue Intendant, seinem ersten Festival voran. Das heute im Studio Molière vorgestellte Programm beginnt am 10. Mai mit einem fünfeinhalbstündigen Theatermarathon in der Donaustadt – mit Veranstaltungen rund um die Erste Bank Arena.

Drinnen wie draußen, mit Kurztexten und Installationen, Disco-Eislaufen und Party. Als Kernstück wird Mariano Pensottis „Diamante“ aufgeführt, das Ganze sowohl eine theatralische Novela als auch eine epische Geschichte, in der es um Errichtung und Niedergang einer städtische Mustersiedlung im Dschungel Argentiniens geht. Slagmuylder, der im Vorjahr kurzfristig auf den überraschend zurückgetretenen Leiter Tomas Zierhofer-Kin gefolgt war, sieht die Wiener Festwochen durchaus in einem politischen Kontext. „Das Festival versucht ein Gegenmittel für jede Form von Selbstüberhebung zu sein, für jeglichen Reflex von Konservatismus, für die Tendenz, das zu schützen, wovon wir Angst haben, es zu verlieren“, schreibt der langjährige Leiter des Brüsseler Festivals Kunstenfestivaldesarts, der in Wien einen Vertrag bis 2024 unterschrieben hat, im Programmbuch. „Um der Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken, behaupten die Festwochen, dass es sich lohnt, die Fenster zu öffnen, die Welt zu sehen.“

Und so finden sich im Programm neue Werke europäischer Kunstschaffender, die als internationale Schlüsselfiguren gelten und durch die Linse ihres künstlerischen Schaffens Perspektiven auf die zeitgenössische Gesellschaft eröffnen. Deren Bühnenwerke beschäftigen sich mit dem populistischen Klima, das derzeit einen großen Teil des Kontinents dominiert. Sie nehmen Bezug auf die westliche Literatur oder griechische Tragödien, um Formen des Konformismus und der Zensur zu hinterfragen, und stellen so eine Verbindung von der Geschichte zur Gegenwart her.

Christophe Slagmuylder. Bild: Andreas Jakwerth

3 Episodes of Life. Bild: © Markus Öhrn

The Scarlet Letter. Bild: © Bruno Simao

Angélica Liddell ist bekannt für ihre unabhängige Haltung und ihre leidenschaftliche, engagierte Bühnensprache. „The Scarlet Letter“ ist eine neue Arbeit auf Grundlage des berühmten Romans „Der scharlachrote Buchstabe“ von Nathaniel Hawthorne, in dem eine Frau aus der Gemeinschaft verbannt und als Sünderin gebrandmarkt wird. In ihrer Kritik an einer populistischen Gesellschaft, deren Angehörige sich zu Richtern ihrer Mitmenschen machen, und umringt von nackten – männlichen – Körpern, zelebriert die Künstlerin eine Messe, ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst, das jede Form von Puritanismus bekämpft.

Auch der polnische Theatermagier Krystian Lupa bringt eine wichtige Produktion nach Wien: „Proces“. Bei dieser langen und absurden Reise dient ihm Kafka als Führer in seiner Analyse der Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft. „Proces“ ist eine hoch persönliche Arbeit über Theater und Schauspielerei, Überzeugungen und Enttäuschungen. Mit seinen Einsichten in die Wechselbeziehungen zwischen Religion, Gerechtigkeit und politischer Macht ist diese Produktion jedoch vor allem ein starkes Statement, das sich an Lupas Heimatland und dessen aktuelle politische Verfasstheit richtet. Milo Rau ist derzeit wohl einer der am höchsten geschätzten europäischen Theatermacher.

Der anspruchsvolle Künstler und Unruhestifter leitet seit dem letzten September sein eigenes Theater im belgischen Gent. „Orest in Mossul“ ist seine neue Produktion, die im April 2019 uraufgeführt wird. Sie verlegt Aischylos‘ „Orestie“ in den Nahen Osten und bettet sie in die Konflikte ein, die derzeit die Region erschüttern. Während der Proben in Mossul nutzt Rau die fiktive Tragödie zur Dokumentation des realen Konflikts. Der aus derselben Generation stammende und ähnliche Ansätze in seiner Theaterarbeit verfolgende Portugiese Tiago Rodrigues präsentiert ebenfalls seine neueste Produktion „Sopro“ in Wien.

Rodrigues ist Direktor des bedeutenden Nationaltheaters D.Maria II in Lissabon. „Sopro“ stellt Personen in den Mittelpunkt, die normalerweise unsichtbar, fast „Geister“ sind – die Menschen hinter der Bühne. Dieses Stück wurde für Cristina, seit mehr als 39 Jahren Souffleuse am Teatro Nacional D.Maria II, als Hauptfigur geschrieben. „Sopro“ ist ein getriebenes, fast spukhaftes Werk, das darüber hinaus – ein weiteres Merkmal von Rodrigues’ Œuvre – die nachhaltige Aktualität von Fragen der Zensur und Diktatur unterstreicht. Romeo Castellucci, einer der am meisten geschätzten Künstler unserer Zeit, ist in Wien wohlbekannt, ganz besonders bei den Wiener Festwochen. Heuer präsentiert er zwei radikale performative Arbeiten, die seine künstlerische Sprache in Räume außerhalb des Theaters erweitern. Die unabhängig voneinander entwickelten Projekte „Le Metope del Partenone“ und „La vita nuova“ setzen Körper und Maschinen, geheimnisvolle – und manchmal gewalttätige – Bilder und Worte in einen Zusammenhang, um die Rätsel der Gegenwart zu untersuchen.

Das Festival setzt auch seine Zusammenarbeit mit Markus Öhrn fort und produziert das neue Projekt des schwedischen Künstlers: „3 Episodes of Life“. Aus drei Teilen bestehend, die über einen Zeitraum von fünf Wochen regelmäßig zu sehen sein werden, stellt diese Arbeit eine Verbindung der unterschiedlichen Disziplinen Film, Theater und Musik dar. Gewalttaten zwischen Männern und Frauen, die Un/Gleichheit der Geschlechter sowie Missbrauchsfälle im beruflichen Umfeld bilden den Hintergrund für diese Serie, dessen Genre Markus Öhrn als „Silent Movie Theatre“ bezeichnet. Zwei wichtige deutsche Regisseure, die verschiedenen Generationen und Momenten der Berliner Theaterszene angehören, werden 2019 bei den Wiener Festwochen am selben Abend Uraufführung feiern. Der 31-jährige Ersan Mondtag inszeniert „Hass-Triptychon“, ein bisher unveröffentlichtes Stück von Sibylle Berg, mit Benny Claessens und Ensemblemitgliedern des Maxim Gorki-Theaters. Und René Pollesch erarbeitet „Deponie Highfield“, eine neue Produktion für das Burgtheater.

Proces. Bild: © Magda Hueckel

Zweifellos ein, wenn nicht das Highlight: Gleich nach der Premiere in Paris kommt „Mary Said What She Said“, eine neue Zusammenarbeit von Regisseur Robert Wilson, Schauspielerin Isabelle Huppert und Autor Darryl Pinckney nach Wien. Aus Japan kehrt Toshiki Okada, ein bemerkenswerter Theaterregisseur, mit „Five Days in March Re-creation“, einem der wesentlichsten Stücke seiner künstlerischen Laufbahn, nach Wien zurück.

Und, da Slagmuylder verstärkt auf Film setzen will, präsentiert der ungarische Starregisseur Béla Tarr, der sich 2011 eigentlich vom Filmemachen zurückgezogen hatte, mit „Missing People“ sein neues Projekt, ein Format zwischen Film und Installation.

www.festwochen.at

14. 2. 2019

Festwochen: Christophe Slagmuylder wird Intendant

Oktober 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sein neuer Vertrag läuft nun bis 2024

Christophe Slagmuylder. Bild : Andreas Jakwerth

Christophe Slagmuylder, der derzeit als interimistischer künstlerischer Leiter die Saison 2019 vorbereitet, wird auch künftig als Intendant die Wiener Festwochen verantworten. Sein neuer Vertrag läuft von 2020 bis 2024. Nach öffentlicher Ausschreibung und Eingang von fünf Bewerbungen haben in den vergangenen Tagen Hearings stattgefunden, nach denen Slagmuylder für die Position ausgewählt wurde.

„Ich verstehe die Wiener Festwochen als multidisziplinären Entfaltungsraum, der visionär und zugleich der Tradition verpflichtet ist, der international und ebenso in der Stadt verankert ist, der es schafft, den Dialog zwischen etablierten und aufstrebenden Künstlerinnen und Künstlern zu eröffnen – und natürlich mit und zwischen dem Publikum. Um diese Grundidee weiterhin zu verwirklichen, bedarf es eines langfristigen Engagements, und ich bin sehr glücklich, meine Vision in den kommenden Jahren entwickeln zu dürfen. Ich freue mich darauf, zur Neuorientierung der Wiener Festwochen in ihrer lokalen, nationalen und globalen Pionierrolle beizutragen“, so sein erstes Statement.

Christophe Slagmuylder, geboren 1967 in Brüssel, studierte Kunstgeschichte an der Université Libre de Bruxelles. Seine Laufbahn begann er als Dozent für visuelle Theorie an der Kunst-, Design- und Architekturhochschule La Cambre in Brüssel. Seit 2002 arbeitete er im Programmteam des Brüsseler Kunstfestivals Kunstenfestivaldesarts. 2007 wurde Slagmuylder Leiter und Künstlerischer Direktor des Kunstenfestivaldesarts, das zu den innovativsten Veranstaltungen dieser Art in Europa zählt und sich auf multidisziplinäre und internationale Gegenwartskunst konzentriert. Für seine Arbeit wurde ihm der Titel des Chevalier des Arts et des Lettres der Republik Frankreich verliehen. Im Oktober 2018 erhielt er gemeinsam mit Frie Leysen für die Gründung und Programmierung des Festivals den Prix de la Critique.

www.festwochen.at

15. 10. 2018

OsterKlang 2014

April 9, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Johannes-Passion bis zu Messiah

2689675763_e88384cd33Das achtzehnte OsterKlang-Festival spannt in der Zeit von 13. bis 20. April seinen musikalischen Bogen von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion bis hin zu Werken Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel, französischer Barockmusik von François Couperin und Marc-Antoine Charpentier sowie Ludwig van Beethovens Missa Solemnis. Den szenischen Kern des Festivalprogramms bilden die Mozart-Oper La clemenza di Tito in der Kammeroper und G. F. Händels Oratorium Messiah in einer szenischen Fassung und Inszenierung von Claus Guth im Theater an der Wien. Erstmals wird das Festival am 13. April in Kooperation mit den Wiener Symphonikern im Großen Saal des Wiener Konzerthauses eröffnet. Auch in den Jahren 2015-16 wird diese Kooperation mit den Wiener Symphonikern weitergeführt. Im Zentrum der kommenden Eröffnungskonzerte stehen wichtige sakrale Werke von J. S. Bach.

Die Spielorte während der Osterwoche sind das Theater an der Wien, die Kammeroper, das Wiener Konzerthaus, die Minoritenkirche und der Musikverein. Neben den renommierten SängerInnen wie Bernarda Fink, Klara Ek, Johannes Chum, Hanno Müller-Brachmann, Johan Botha, Bejun Mehta, Florian Boesch und Maria Bengtsson bestreitet das Junge Ensemble des Theater an der Wien die Mozart-Oper La clemenza di Tito in der Kammeroper. Dirigenten wie Giovanni Antonini, Christophe Rousset, Simone Young, Rubén Dubrovsky und Martin Haselböck sowie die Wiener Symphoniker, das französische Originalklangensemble Les Talens Lyriques und das Orchester Wiener Akademie präsentieren ein auserlesenes Konzert- und Opernprogramm. Eröffnet wird der 18. OsterKlang am Palmsonntag, den 13. April  mit der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach. Unter der musikalischen Leitung von Giovanni Antonini musizieren die Wiener Symphoniker. Als Solisten sind Johannes Chum als Evangelist und Hanno Müller-Brachmann als Jesus sowie Klara Ek und Bernarda Fink zu hören. Es singt der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde. Die Johannes-Passion ist die früheste, heute noch vollständig erhaltene Passion Bachs. Sie wurde am 7. April, dem Karfreitag des Jahres 1724, in der Nicolaikirche in Leipzig uraufgeführt, wo Bach derzeit als Thomaskantor tätig war. In dieser Passion schildert Bach die Ereignisse um das Leiden Jesu – von seiner Gefangennahme bis zur Grablegung – in ergreifend schlichter Klarheit und direkter Dramatik. Die Passionshandlung und die kontemplativen Chorpartien greifen direkt ineinander, sodass die Passion Christi direkt und eindringlich nachvollzogen werden kann.

Mozarts spätes Meisterwerk La clemenza di Tito ist zweifelsohne ein der Aufklärung verpflichtetes Plädoyer für Aufrichtigkeit und Gnade, das uns bewegende Einblicke in die Einsamkeit eröffnet, der ein Regent bei seinen Entscheidungen ausgesetzt ist, im Sinne des Fürstenspiegels zeigt es aber genauso die Gefahren von Willkür, Unberechenbarkeit und Selbststilisierung, die unter dem Deckmantel der Milde besonders gefährlich erscheinen müssen. Die Opera seria in zwei Akten (1791) gelangt am 13. April  in einer Neuproduktion des Theater an der Wien in der Kammeroper unter der musikalischen Leitung von Rubén Dubrovsky mit seinem Ensemble Bach Consort Wien zur Premiere. Die Mitglieder des Jungen Ensembles des Theater an der Wien bilden das Sängerensemble, allen voran Andrew Owens als Tito Vespasiano, Çiğdem Soyarslan als Vitellia und Gaia Petrone als Sesto. Für die Inszenierung zeichnet der italienische Regisseur Alberto Triola verantwortlich.

Was ist Schuld? Was bedeutet Liebe? Was heißt Tod? Was heißt Erlösung? Diese Fragen, die Menschen aller Religionen miteinander verbinden, thematisiert Claus Guths Inszenierung des Oratoriums Messiah. Händel zeichnet mit seiner Musik ein emotionales Gemälde der menschlichen Ängste und Hoffnungen, aber auch der Erlösungsgewissheit, welche oftmals einzig in seinem berühmten Chor Hallelujah verortet wurde.Nach vier Jahren kehrt die erfolgreiche Produktion in außerordentlicher Besetzung und in einer Neueinstudierung unter der musikalischen Leitung von Christophe Rousset ans Theater an der Wien zurück. Als Solisten sind Maria Bengtsson, Ingela Bohlin, Paul Lorenger, Bejun Mehta, Florian Boesch, Charles Workman und Nadia Kichler zu erleben. Es singt der Arnold Schoenberg Chor. Die Premiere ist am 14. April, die Vorstellungen am 17. und 19. April finden im Rahmen des OsterKlang-Festivals statt. Am 15. April  steht mit den Leçons de ténèbres (Lesungen der Dunkelheit) eine spezifische Gattung des französischen Barock auf dem Programm des Festivals in der Minoritenkirche. Leçons de ténèbres sind liturgische Gesänge, die für die Nachtoffizien der Karwoche komponiert wurden. Besonders die kontemplativen und elegischen Melismen der Singstimmen spiegeln die schmerzliche Passions- und Sterbensgeschichte Jesu Christi wieder. Diese spezifische Gattung des französischen Barock erfuhr im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt und war lange Zeit nahezu völlig vergessen. Dieser besondere Abend wird mit Werken von Marc-Antoine Charpentier und François Couperin gestaltet. Christophe Rousset, am Cembalo und an der Orgel, musiziert mit den Sopranistinnen Amel Brahim-Djelloul und Judith van Wanroij, begleitet vom Gambisten François Joubert-Caillet.

„Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen!“ Mit diesen Worten widmete Ludwig van Beethoven seine feierliche Messe, die Missa Solemnis, seinem Freund und Schüler Erzherzog Rudolph. Am 16. April 2014 gelangt dieses expressive Werk unter der musikalischen Leitung von Martin Haselböck im Theater an der Wien zur Aufführung. Gesangssolisten sind Malin Hartelius, Caitlin Hulcup, Daniel Behle und Stefan Cerny. Es musiziert das Orchester Wiener Akademie und singt der Philharmonische Chor Brünn. Am Karfreitag, den 18. April, stehen unter dem Titel Crucifixus sakrale russische Chöre von Pawel Tschesnokow, Dimitri Bortnjanski und Sergei Rachmaninow auf dem Programm in der Minoritenkirche. Den Abschluss und gleichzeitig den Höhepunkt der vorösterlichen Fastenzeit bildet die Karwoche. Besonders ab Gründonnerstag begehen Christen aller Konfessionen und überall auf der Welt das Triduum Sacrum, die heiligen drei Tage vom Leiden, Sterben und der Grabesruhe Jesu Christi. In ihrem Zentrum steht das „Crucifixus est“, jener zentrale Opfertod, der mit der Auferstehung am Ostersonntag den Christen die Erlösungshoffnung gibt.Der Dreifaltigkeitschor des Alexander Newski Männerklosters St. Petersburg bietet in seinem Konzert einen Einblick in die Fastenliturgie der russisch-orthodoxen Kirche.

Unter der Leitung der Dirigentin Simone Young präsentieren die Wiener Symphoniker am Ostersonntag traditionellerweise ihren Frühling in Wien und schließen mit diesem Konzert das Festival OsterKlang Wien. Im Musikverein erwartet das Publikum ein typisch wienerisches Programm mit Werken von Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Carl Maria von Weber, Otto Nicolai, Richard Wagner, Johann Strauss (Sohn), Franz von Suppé, Franz Léhar und Richard Heuberger. Mit Johan Botha, einem der begehrtesten Tenöre unserer Zeit, wird diese österliche „Soirée de Vienne“ zu einem feierlichen Finale des Festivals.

www.theater-wien.at

Wien, 9. 4. 2014